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Gott hält dich bedeckt. Du hast das Nachsehen.

Bibel und Bild zur Losung des 1. März 2017

Von Gerlinde Theurich-Heumann

Foto: Karin Richter

Der Herr sprach zu Mose: Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

2. Mose, 33,20

Die Geschichte ist uralt. Und die Unterhaltung zwischen Gott und Mose sehr persönlich. Das Volk Israel ist enttäuscht. Während der langen Flucht aus Ägypten durch die Wüste scheint es seinen Gott verloren zu haben. Es lagert sich am Fuß des Berges Sinai. Mose empfängt auf dem Berg die Zehn Gebote. Als er zurückkehrt, findet er das Volk im Tanz um das goldene Kalb. Sie hatten es satt, einen Gott anzubeten, der so wenig handgreiflich ist. So wie sie sich Gott denken, so soll er sein, vor allem anschaulich, nicht so geistig, berechenbar, nicht so unbekannt. In trunkener Freude umtanzen sie das Bild.

Auch Mose möchte Gott schauen. Er hat den tiefen Wunsch seines Volkes begriffen. Er hat erfasst, welche Zumutung es ist, inmitten einer geistigen und religiösen Umwelt zu leben, die Bilder ihrer Götter hat. Er aber kann nur auf das Wort Gottes verweisen. Ob er selbst unsicher ist? Er möchte nicht immer nur glauben müssen. „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Und dieser Wunsch impliziert weitere Wünsche: „Lass mich deine Pläne, deine Absichten wissen! Du hast mir einen Auftrag gegeben, nun hilf mir auch zum Ziel!“

Was wird Gott antworten? „Ich will meine Güte vor deinem Angesicht vorüberziehen lassen. Aber mein Angesicht sehen, das kann kein Lebendiger!“ Dann folgt eine Einschränkung nach der anderen: „Es ist meine Freiheit, dem gnädig zu sein, wem ich will.“ Nur im Vorübergehen will Gott sich erkennen lassen, nur einen Augenblick lang. Einen Augenblick, den man nicht festhalten kann. Nur im Nachschauen, im Nachhinein soll er die Erfahrung machen: Das war Gott.

Es ist hier wie in der Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Der Auferstandene ist mit ihnen unterwegs, aber ihre Augen sind „gehalten“. Erst hinterher geht ihnen auf, was sie erlebt haben.

Hilft das dem Mose? Hilft das uns heute?

Die Erinnerung an meine vergangene Geschichte mit Gott? An schöne und beglückende Erlebnisse mit der Familie und mit Freunden? An die erste Liebe, das erste Kind? All das ist gut und schön, aber da sind ja auch noch die anderen Erfahrungen, an denen ich fast zerbrochen wäre. Und vor allem: Ich lebe doch jetzt. Und die Zusage, dass ich mich immer an Gott wenden kann, bleibt die nicht leer, solange ich nicht sehen kann, was dabei herauskommt?

Auch Mose bleibt mit der Unbegreiflichkeit Gottes allein. Man kann Gott nicht sehen. Wer ihn sieht, d.h. ungeschützt und unmittelbar mit ihm zusammenprallt, muss sterben. Das hat Mose sicherlich einen Schrecken eingejagt und erschreckt auch uns heute. Diese unheimliche Seite Gottes verschweigen wir gerne. Sie passt nicht in unser Bild von einem gefälligen Gott. Aber sie gehört zu ihm. Und wir begegnen dieser Seite Gottes immer wieder. Etwa in einer handfesten Lebenskrise oder in der Erfahrung einer nicht wieder gutzumachenden Schuld, die wir auf uns geladen haben.

Aber das ist nicht alles, was von Gott zu sagen ist. In unserer Geschichte hält Gott seine Hand schützend über Mose. Vor der Erfahrung, dass die unendliche Güte Gottes auch etwas Unheimliches hat, wird er hier bewahrt – und wir in unserem Leben sehr oft auch. Die Abgründigkeit, die zu Gott gehört, müssen viele von uns nicht in ihrer ganzen Tiefe durchleben. Stattdessen bekommt Mose eine tröstende Zusage. Gott sagt zu ihm: Du darfst nachher hinter mir hersehen. Das ist keine billige Vertröstung!

Auch wenn wir oft nicht bekommen, worum wir bitten, manchmal kann am Ende doch die Einsicht stehen, dass es besser so war. Oder, wie wir im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe.“

Gerlinde Theurich-Heumann

war als Gemeindepfarrerin lange Jahre in der Region Osnabrück tätig. Zur Zeit arbeitet sie als Seelsorgerin in einem Seniorenheim in Bonn.

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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