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Auf Augenhöhe

Bibel und Bild zur Losung des 1. Dezember 2017

Von Margot Gilch

Foto: Pixabay, CC0

Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.

Sprüche 16,18; Übersetzung nach Martin Luther in der Revision von 2017

Die Sprüche Salomos (Proverbia) enthalten in den Kapiteln 10–22 Lebensregeln, wie Perlen an einer Kette aneinandergereiht. Es macht Freude, sie zu lesen, voller Lebensklugheit.

Wie wird Hochmut bewertet im Laufe der Zeiten?

Bei Aristoteles ist megalopsychia gleich Seelengröße, Großgesinntheit, eine Tugend bedeutsamer Menschen, die großer Dinge würdig sind; es ist Selbstwertschätzung. Im Judentum, im Alten Testament (Spr 16,18) gilt superbia als Hochmut, Hoffart, Selbstüberhebung, Stolz, Arroganz. „Der Anfang der Hoffart des Menschen ist Abfall von Gott, Anfang aller Sünde, er wird mit Fluch überhäuft und zuletzt gestürzt“ (Sirach 10, 14+15). Rat: Demütige deinen Stolz tief!

Das frühe Christentum setzt die jüdische Lehre fort als Weigerung des Menschen, die Herrschaft anderer, auch die Gottes, über sich anzuerkennen. Augustinus gar sagt: der Hochmütige glaubt, sich aus eigener Kraft entsündigen zu können und entzieht sich so der Erlösung durch den Heiland Christus. „Hoher Mut“ ist mittelhochdeutsch Hochgestimmtheit, Ausdruck der Gestimmtheit einer vornehmen Gesinnung. Thomas von Aquin (13. Jh.) hält die superbia für den Ursprung aller Sünde, sie widerspricht den Zehn Geboten.

Martin Luther (1545) hingegen definiert magnanimitas als stolzen Mut, eine Tugend. Im Römisch-Katholischen Christentum wird superbia als Stolz definiert. Hochmut ist die schlimmste der sieben Todsünden: Hochmut, Geiz, Zorn, Wollust, Völlerei, Neid, Trägheit.

Als junge Frau habe ich den Satz „Hochmut kommt vor dem Fall“ als Bedrohung, als Ankündigung der Strafe Gottes empfunden. Die neue Übersetzung ist hilfreich, weil sie als Tatsache festhält: wer abstürzen wird, ist zuvor stolz. Wer ist denn oft stolz? Verhaltenspsychologen beschreiben insbesondere die Arroganz als Distanz aus Unsicherheit. Vieles, was nach außen als Anmaßung und Hochmut erscheint, ist in Wirklichkeit Unsicherheit oder gar Angst. Allerdings werden auch Hochmütige beobachtet, die keinerlei Anzeichen von Unsicherheit aufweisen.

Was will das Losungswort uns heute sagen? – Wenn ich bei mir eine dieser Eigenschaften bemerke, ist es höchste Zeit zu prüfen, woher das kommt. Habe ich das nötig, arrogant oder gar selbstgerecht zu sein? Bin ich verunsichert? Habe ich Angst? Wo ist meine Zuversicht, mein Vertrauen in Gott, in diese unsere Welt, meine Umgebung geblieben? Wie ist es mir verloren gegangen? Habe ich zu sehr auf meine Geistes- und sonstigen Gaben gesetzt und bin damit gescheitert oder doch enttäuscht? Habe ich vergessen, dass das Gelingen nicht in erster Linie mein Verdienst ist, sondern ein Geschenk? Ich habe keinen Anspruch darauf. Unzählige Fragen tun sich auf, die ich nicht wegschieben darf.

Wie ist mein Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen? Sie haben vor Gott dieselbe Würde wie ich, egal wie leistungsfähig, gesund und tüchtig sie sind – oder das Gegenteil davon. Ich möchte mit allen auf gleicher Augenhöhe verkehren, auch mit Kindern, die noch vieles aufzuholen haben. Wenn ich in meinem Alter schon einiges an Wissen und Lebenserfahrung habe aufnehmen können, bedeutet das nicht das Recht, andere zu bevormunden oder ungebetene Ratschläge zu erteilen (erbetene schon).

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass manche sehr klugen und wissenden Menschen immer bescheidener werden, weil sie erkennen, wie viel sie nicht wissen?

Meine Bitte: „Gott, wer und wie immer Du seist, bewahre mich vor Stolz und Selbstgerechtigkeit. Lass mich allen Menschen gegenüber offen, empathisch, als Deinen wertgeschätzten Geschöpfen begegnen, um bei ihnen Freude, Zuversicht, Mut und Lebensbejahung auszulösen.“

Margot Gilch

ist Vorsitzende der Stiftung Evangelische Akademikerarbeit und war von 1997–2005 Vorsitzende des Bundesverbandes der EAiD.

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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