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Selbstkritik ist gefragt

Bibel und Bild zur Losung des 1. Juni 2017

Von Elke Münster

Foto: Jörg Winter, Karlsruhe

David sprach zum Herrn: Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe. Und nun, Herr, nimm weg die Schuld deines Knechtes!

2. Sam. 24,10

Erinnern Sie sich noch an die umstrittene Volkszählung in den 80er-Jahren, die von breitem – auch kirchlichem – Protest begleitet wurde? Ursprünglich für 1983 geplant, um die Infrastruktur in Deutschland an die veränderten Lebens- und Arbeitsverhältnisse anzupassen, wurde sie aufgrund heftigen Protestes erst einmal gestoppt: zu viele Bürger hatten Bedenken angemeldet.

Als die Zählung schließlich vier Jahre später in einer datenschutztechnisch besseren Variante durchgeführt wurde, dauerte der Protest dennoch an: über eine Million Fragebögen wurden trotz Strafandrohung gar nicht, oder absichtlich falsch ausgefüllt, zurückgeschickt. Gefordert wurde der „gläserne Staat“, nicht der „gläserne Bürger“ – im Interesse der Demokratie!

Angesichts der heutigen Datensammelwut in allen Bereichen erscheinen die Ängste der 80er-Jahre fast nostalgisch naiv. Auch was die Menschen heute freiwillig den sozialen Medien anvertrauen, steht in keinem Verhältnis zu den vergleichsweise harmlosen Fragen der Volkszählung. Da scheint eine gewaltige Wahrnehmungsverschiebung stattgefunden zu haben!

Zu dieser Problematik ein interessantes Streiflicht aus dem 2. Buch Samuel: Gott ärgerte sich wieder einmal über Israel und dachte sich eine sehr spezielle Strafe aus: Er verleitete den amtierenden König David, in Israel und Juda eine Volkszählung vorzunehmen – zu militärischen Zwecken natürlich. Das geschah, ohne dass es zu Protestkundgebungen gekommen wäre. Aber David „schlug das Herz, nachdem das Volk gezählt war, und sprach zum Herrn: „Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe. Und nun, Herr, nimm weg die Schuld deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht getan“. Worauf der Herr ihm drei Strafaktionen zur Wahl stellt, dann aber aus Barmherzigkeit doch auf den größten Teil der Strafe verzichtet…

Diese seltsame Geschichte wurde von kirchlichen Volkszählungsgegnern immer wieder als warnendes Beispiel angeführt: zu viel staatliche Neugier führt zu nichts Gutem!

Bei aller Problematik, antike Texte auf die Gegenwart übertragen zu wollen – steckt nicht doch das berühmte Körnlein Wahrheit in dieser Geschichte? Warum „schlägt David das Herz“ nach der Wehrerfassung? Fürchtet er sich vor der eigenen Courage? Ist ihm bewusst geworden, dass er mit dieser Aktion mehr den eigenen Ehrgeiz und die eigenen Expansionsgelüste befriedigt, als dem Wohl des Volkes zu dienen? Hat er gespürt, dass die potenziellen 1,3 Millionen Waffenträger (die Zahl ist wohl mit einem Augenzwinkern zu lesen) mit ihrem Vernichtungspotential dem Herrn des Lebens und der Geschichte ins Gehege kommen müssen? Hat er deshalb sein Bußgebet mit der Bitte um Vergebung gen Himmel gesandt?

Seltsam diese alte Erzählung – aber vielleicht ist es ja gerade das, was wir Heutigen an unseren „Königen“, den Politikern, Managern, Bankern und IT-Magnaten vermissen: die Selbstkritik! Die Bereitschaft, ihre Entscheidungen hin zu immer mehr Durchsichtigkeit, Überwachung, Kontrolle über immer mehr Lebensbereiche in Frage stellen zu lassen. Und zwar von dem Wert, der eigentlich ihre Richtschnur sein sollte in einer funktionierenden Demokratie: vom Wohl der Menschen!

David hat, salopp gesagt, gerade noch die Kurve gekriegt und dem Herrn einen Tempel gebaut: ein Zeichen politischer Demut, die sich nicht dem persönlichen Ehrgeiz verpflichtet weiß, nicht dem Expansionsstreben, und auch keinem Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Sondern den Menschen, um die es in der Politik ja eigentlich geht…

Eine nachdenkenswerte Geschichte – uns allen hinter den Spiegel zu stecken!

Pfarrerin Elke Münster ist Vorsitzende im LV Bayern der EAiD.

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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