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Heilsame Grenzen

Bibel und Bild zur Losung des 1. September 2017

Von Johannes Dürr

Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Psalm 90,1.2

Um die Pointe dieser Worte wahrzunehmen, kann der Blick auf Jochen Kleppers Neujahrslied helfen, wo so formuliert wird: „Der du allein der Ewge heißt“ (Evang. Gesangbuch, Nr. 64,6). Damit ist die Einzigartigkeit des ewigen Gottes angesprochen: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“ (5. Mose 6,4). Zugleich wird so der Anspruch menschlicher Alleinherrschaft bestritten, welche zum Beispiel ein „tausendjähriges Reich“ und ein „ewiges Deutschland“ schaffen wollte. Es ist also eine Grenze gesetzt – gegen alle Versuchung, sein zu wollen wie Gott und sich gar an dessen Stelle zu setzen. Und auch in weiteren Versen markiert der Psalm unsere Grenzen: Grenzen der Lebensjahre, der Leistungsfähigkeit und der Machbarkeit.

Solche Grenzen können sehr wohl schmerzen. Dabei beklagt der Psalm nicht nur die Vergänglichkeit menschlicher Lebenszeit, sondern das Unglück des ganzen Volkes, hervorgerufen durch menschliches Fehlverhalten. Höchst wahrscheinlich ist der Psalm in Zeiten der Fremdherrschaft einige Zeit nach der Rückkehr des Volkes aus dem Exil entstanden. So mündet er in die eindringliche Bitte: „Herr, kehre dich doch endlich wieder zu uns.“ Zuflucht soll gefunden werden bei jenem Gott, der schon vor allem Geschaffenen war. Dabei geht es jedoch nicht um Weltflucht. Denn dieser ewige Gott hat sich in seiner grenzenlosen Liebe der Welt zugewandt. Er ist für sein Volk als Schutzmacht und Befreier in Erscheinung getreten. So soll er immer neu wirksam werden.

Christen glauben, dass dies für sie in Jesus Christus geschah. Er ist gekommen, damit alle, die an ihn glauben, „das ewige Leben gewinnen“ (Johannes 3,16). Wobei es sich dabei keineswegs um ein ominöses Jenseits handelt. Unter „ewigem Leben“ versteht das Johannesevangelium vielmehr ein Leben in einer neuen messianischen Weltzeit – die anderen Evangelien sprechen vom Reich Gottes. Und von dem gilt, wie es in einer Kindermesse von B. Krol heißt: „Das Gottesreich ist gar nicht weit, beginnt nicht in der Ewigkeit“ – sondern eben hier und heute, wo Menschen sich in der Nachfolge Jesu auf den Weg machen für eine gerechtere Welt.

Doch wo Gott kein Gegenüber mehr ist, herrscht Entgrenzung – heute zum Beispiel in Gestalt des Glaubens an grenzenloses ökonomisches Wachstum – das doch alle Träume vom andauernden Weiterleben auf diesem begrenzten Planeten zerstören würde. Und zudem erinnert gerade der 1. September als Antikriegstag an die Entfesselung von Gewalt und Aufrüstung. Da kann dann der Traum jäh zu Ende sein, das menschliche Leben könne auf 150–200 Jahre verlängert werden, wie es neue Forschungen in Aussicht stellen.

So wäre auch heute jener Gott zu bitten, der allein vom Wahn der Entgrenzung befreien und die Kräfte des Lebens fördern kann. Denn – wie es in Jesaja 40 heißt im Anklang an Psalm 90: „Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt … Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“

So also zeigt sich: Jener Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, wirkt hier und heute. Er war nicht nur dabei, als die Berge und die Welt geschaffen wurden, sondern er steht auch heute noch für den Glauben Jesu, der geradezu Berge versetzen kann. Dazu will er auch ganz begrenzte und sterbliche Menschenkinder in Dienst nehmen und das Werk ihrer Hände fördern. Und so können wir immer nur neu bitten: „Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten“ (Evang. Gesangbuch, Nr. 64,6).

Johannes Dürr

ist Pfarrer i.R. und Vorsitzender im LV Württemberg der EAiD.

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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