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Hiroshima – die Bombe und die Kultur der Stille

Von Volker Keller

Foto: Volker Keller

Innehalten, ruhig werden, zu sich kommen – eine Reportage über die Facetten und die Faszination der Stille während einer Reise nach Japan.

„Der Osten weiß mehr um die Stille als der Westen“, lese ich in meinem Lieblingsbuch gleich auf der ersten Seite. Sein Autor, Karlfried Graf Dürckheim, fand die Stille in Japan. Im Dienste des NS-Außenministers Ribbentrop wurde der national denkende Psychologe dorthin einst entsandt, um die Auslandsdeutschen zu betreuen. Die Japaner bekehrten ihn zum Zen- (Meditations-) Buddhismus und zum „Weg des Tees“, sie verhalfen ihm zum Glück, zur „Urerfahrung, dass dem Mensch dort, wo er still zu werden vermag, das wahre Glück aufgeht – und wo ihm das wahre Glück aufgeht, er still wird“. Nach dem Krieg lehrte er die Kultur der Stille in seiner eigenen Bildungsstätte im Schwarzwald.

Stille des Entsetzens

Dieses Buch fesselte mich seit Langem und lockte mich nach Japan. In Hiroshima angekommen entdecke ich zunächst eine ganz andere Stille – Stille des Entsetzens. Im Friedenspark, an dem Ort also, wo am 6. August 1945 eine der beiden US-amerikanischen Atombomben explodierte, lauscht eine Gruppe von fünf Frauen gebannt den Schilderungen eines einzelnen Demonstranten. Ein 72-Jähriger erzählt von seiner mit ihm schwangeren Mutter, wie sie verstrahlt wurde, ihn noch zur Welt bringen konnte und bald starb. Sein Appell: Schluss mit Atomwaffen auf der ganzen Welt! Er zeigt Bilder seiner niedergebrannten Stadt – mit Ausnahme des Gebäudes, vor dem wir gerade stehen: Die ehemalige Industrie- und Handelskammer, der „A-Bomb-Dome“. Das Symbol Hiroshimas blieb in seinen Grundfesten jedenfalls stehen – wie ein angeschlagener Boxer, der einfach nicht umfallen will. Es wird an diesem Ort nicht diskutiert, nicht geklagt, nicht gelacht, es liegt ein Erschauern vor dem Unfassbaren in der Luft – und nimmt den Atem. In der Stille ertönt die Friedensglocke. Sie ist von stattlicher Größe und macht beim Aufprall eines dicken Holzes einen dumpfen, trauernden und warnenden Ton. „Lasst uns in Frieden leben“ ruft sie auf.

Foto: Volker Keller

Eine neue atomare Bedrohung

Es ergibt sich, dass ich mit einem älteren Besucher des Parks ins Gespräch komme. Der Mann kommt jeden Tag und füttert Vögel. In seiner offenen Hand bietet er Sperlingen Brotkrumen an und sie kommen, setzen sich in seine Hand und picken die Bröckchen. Er ist besorgt über die US-amerikanische Armada, die US-Präsident Donald Trump in die Region entsendet hat. Der Diktator in Nordkorea hat darauf prompt reagiert: Er droht mit Atomangriffen auf seine Nachbarn Südkorea und Japan, sollten die US-Amerikaner einen Erstschlag gegen Nordkorea führen. Die nordkoreanische Zeitung Rodong Sinmun drohte, man sehe in Pjöngjang Japan als Erstschlagziel an. Im Falle eines nuklearen Krieges auf der Halbinsel werde Japan, welches diverse US-Militärbasen vorweise, vor jedem anderen Land unter radioaktiven Wolken verschwinden, so die Zeitung. Welche Drohung könnte schlimmer sein. Der Vogelfreund erklärt mir das Dilemma. Japan wolle auf keinen Fall eine Eskalation der Spannungen in der Region, aber man brauche die USA als Schutzmacht; bloß sehen Chinesen und Nordkoreaner die Anwesenheit der Amerikaner im Pazifik als Bedrohung an.

Erinnerung an Fukushima

Dürckheim lernte Stille im Krieg, unter Spannung. Er schaltete einfach das Äußere ab und kehrte ganz und gar in sein Inneres ein – ein Alltagsverhalten, das er bei Japanern immer wieder beobachtet hatte. Mein nächstes Ziel soll der Shukkei-en sein, ein Landschaftsgarten mitten in der lauten Stadt. Meinen Weg dorthin muss ich unterbrechen. Überraschend lese ich deutsche Worte, die einzigen auf meiner Reise: „Atomkraft – nein danke!“ Ein junger Mann betreibt einen Flohmarktstand und demonstriert gleichzeitig. Er habe das Plakat bei einem Freund in Berlin auf dessen Toilette entdeckt, der habe es ihm geschenkt. Sein Protest richtet sich gegen die Regierung, die nach dem Reaktorunfall in Fukushima erklärte, Atomkraftwerke seien sicher und Japan werde die Atomenergie weiter ausbauen. „Die Japaner mögen nicht kämpfen, sie ordnen sich unter“, klagt der junge Mann. Warum er anders denke? Er habe die Welt bereist und sehe anderswo viel mehr Freiheit.

Foto: Volker Keller

Äußere Ruhe, innerer Frieden

In den Tagen des Reaktor-Unglücks bewahrten die Japaner Ruhe – die Kultur der Stille bewährte sich. Mein Gesprächspartner betreibt selbst Zen-Meditation. Er lädt mich ein, ihn in einen nahen Zentempel zu begleiten. Am Eingang ziehen wir die Schuhe aus und treten in eine Halle ein, die auf eine große Buddha-Figur hin ausgerichtet ist. Wir verbeugen uns erst im Stehen und dann im Hocken bis die Stirn den Boden berührt. Zumeist ältere Frauen sitzen neben uns auf Matten, die einen mit geschlossenen Augen, die anderen lesen Sutren, Texte des Buddhismus. Anders als in Shinto- oder Daotempeln ist es hier leise, keiner klatscht oder schlägt Glocken, um die Götter zu wecken. Sie sitzen in Stille, beobachten ihren Atem beim Kommen und Gehen und versuchen, nicht zu denken.

Mein Begleiter lässt hier alles Quälende hinter sich – Ärger über Politik und Angst vor der Zukunft – und sucht Frieden im tiefsten Inneren. Jemanden wie ihn in Japan zu finden, hatte ich gehofft, einen, der mir Dürckheims theoretische Darstellung aus persönlicher Erfahrung bestätigen konnte, zum Beispiel diese: „In der Übung des Ruhighaltens lernt der Mensch nicht nur durch die Stürme des Lebens zu gehen ohne sich zu rühren, sondern in den Genuss jener tiefen Wirklichkeit zu kommen, die jenseits von Leben und Tod liegt.“ Was für ein Versprechen! „Form ist Leere, Leere ist Form“ (Herz Sutra): Die Stille lehrt, dass alles, was ist, aus Leere, aus Nichts entstanden ist und dorthin zurückkehrt, in der Stille gibt sich die Leere, das Nichts zu erkennen.

In der Natur ganz bei sich sein

Mehr davon! Wo kann mir Japan noch zeigen, was Dürckheim nie wieder los gelassen hat? Das Gebäude des Kunstmuseums fällt aufgrund seiner Schmucklosigkeit im Stadtbild nicht auf, es verbirgt sein Heiligtum, den Shukkei-en. Ich trete in den Landschaftsgarten ein und stehe gleich auf einem Rundweg, über die richtige Richtung brauche ich nicht nachzudenken, sie ist klar: nach links und gerade aus. Den ganzen Garten kann ich nicht überblicken, durch seine verschiedenen Höhen und durch Bewuchs hat er verdeckte Bereiche, der Weg lässt sich nur bis zur nächsten Biegung einsehen – ich bin gespannt und mache mich auf zur Entdeckungstour.

Foto: Volker Keller

Im Westen tut sich ein Kiefernwald auf, über Stock und Stein geht’s hindurch. Als ich aus dem Wald heraus trete, fällt mein Blick auf eine Insel in einem Teich und auf einen überdachten Ruheplatz. Ein junges Paar in traditionellen Kimonos lässt Fotos von sich machen. Zögerlich mache ich auch ein Foto von der Szene – sie scheinen mich gar nicht zu bemerken, dann noch eins und noch eins. Merkwürdig! Nicht zum ersten Mal komme ich mir wie unsichtbar vor, die Japaner sehen nicht, was sie nicht sehen wollen, sie sind offenbar ganz bei sich und lassen sich überhaupt nicht stören.

Ganz im Gegensatz zu barocken Parks wie den Herrenhäuser Gärten in Hannover ist dieser asymmetrisch angelegt. Wie in der Natur gibt es hier keine geometrischen Formen, keine Geraden, keine Dreiecke oder Quadrate, die Landschaft scheint wild zu wachsen, sie erscheint aber nur so. Tatsächlich besteht die Kunst darin zu gestalten ohne die Gestaltung zu erkennen zu geben, einzugreifen und die Natur zu vervollkommnen, ohne sich dabei als Mensch in den Vordergrund zu stellen. Im Garten finden sich keine Figuren von Menschen – dem Mensch kommt keine Sonderstellung im großen Ganzen der Natur zu, sondern er übt nur eine dienende Funktion aus. Ein Gärtner beschneidet gerade Bäume und Büsche mit einem „Wolkenschnitt“ – das Blatt- und Astwerk bekommt die Form von flachen, zackigen Wolken, der Gärtner vollzieht nur, was im Wesen der Pflanzen angelegt ist, nicht etwa Eigenes, er ist nicht kreativ.

Spirituelle Kraft aus der Stille

Was für ein Glück: Es ist die Zeit der Kirschblüte, die Bäume zeigen ihre Knospen in rot, weiß und rosa. Japaner und Koreaner treffen sich unter Kirschbäumen und nehmen die spirituelle Kraft der Natur auf. Sie freuen sich über die kurze Pracht an nur wenigen Tagen und erkennen im baldigen Vergehen auch ihr Schicksal – bestimmt dazu, geboren zu werden, zur Blüte zu kommen und zu sterben. Ein bisschen Wehmut ergänzt die Freude. Unter einem Kirschbaum mache ich Rast und blicke über den Teich, also über das Meer, das der Teich symbolisiert. Der Landschaftsgarten ist eine Miniatur, eine große, weite Landschaft im Kleinformat. All die Kraft der Götter und guten Geister in der großen Natur findet sich auch in der kleinen, sogar in der ganz kleinen zu Hause im Bonsai-Zwergbäumchen.

Und es geschieht: Ich versinke in die Stille des Gartens. Ich gucke mir das Einzelne im Garten nicht mehr an, ich schaue ihn in einer Gesamtheit, ohne zu denken fühle ich mich verbunden mit dem Teich, mit den Inselchen, mit den Bäumen, ich höre die Vögel nicht mehr, ich lausche ihnen und höre hinter ihrem Singen die Stille umso klarer. Das muss es sein, das muss Dürckheim gemeint haben! In seinen Worten: „Wir alle haben es wohl einmal erfahren, dass wir plötzlich durch den Ruf eines Vogels erschreckt, die uns umgebene Stille empfanden, sie ist nicht mehr nichts, sondern spricht aus sich selbst.“

Auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht

Schauend und lauschend setze ich meinen Weg fort und freue mich über kleine Dinge, über ein Wasserfällchen und spritzendes Wasser, über einen steinernen Anstieg zu einem roten Tor, den Eingang zum Schrein, über den einzigen überlebenden Baum der Atombomben-Explosion, einen Ginkgo. Kahl und gebeugt steht der würdige Alte da, seine Äste müssen gestützt werden. Seinen Samen verschicken die Gartenbetreiber in alle Welt: Der alte Baum macht Hoffnung – das Leben siegt über den Tod.

Den „Fuji-Berg“ besteige ich nun und habe auf dem Gipfel wieder einen ganz anderen Blick auf die Landschaft unter mir. Immer ändert sich die Perspektive, die eine und ausschließliche Sicht gibt es nicht (wie es die eine, ausschließlich Wahrheit nicht gibt – lehren die fernöstlichen Religionen).

Über eine Brücke in Form eines Regenbogens geht es weiter, sie ist die Mitte von Himmel und Erde, beide – Yin und Yang – ruhen im Gleichgewicht, in ewiger Harmonie: Und auch du, Mensch, bist dazu geboren! Finde zur Ruhe, zum Gleichgewicht in deinem Leben! Oder wie Dürckheim sagt: Finde ›hara‹ deine Mitte, die größer ist als dein Ich, die ein schwingender Einklang ist.

Das Universum in der Teeschale

Er hat seine Mitte auf dem „Weg des Tees“ (Chado) gefunden. Ein Teehaus hat sein Tor geöffnet. Ich ziehe meine Schuhe aus, betrete Tatamimatten und finde mich in einem asymmetrischen Raum, der kaum gestaltet ist, ich sehe nur ein knappes Blumengesteck und ansonsten Wände ohne alles, kein Tisch. Es ist still. Die Teemeisterin verneigt sich tief vor mir und weist mir meinen Platz auf dem Boden neben einem Ehepaar zu. Sie holt eine Schale mit grünem Tee und eine Süßigkeit und stellt beides vor mich hin, dazu eine „Gebrauchsanweisung“. Die brauche ich nicht: Meine Nachbarin rückt näher an mich heran, sie verneigt sich vor mir, ich mache es ihr nach, sie nimmt meine Schale, dreht sie in ihrer Hand (die schönste Seite soll den anderen Gästen zugewendet werden) und legt sie mir in die linke Hand, mit der rechten soll ich die braune Schale festhalten. Und nun trinken.

Foto: Volker Keller

Der Matcha ist dickflüssig, giftgrün und schaumig, er schmeckt ein bisschen wie Fisch. Ich trinke und sie lächelt mir zu und zieht sich zurück – nun darf ich die Stille des Raumes genießen. Wie schön die Schlichtheit ist! Nichts fehlt – unüberbietbar. Die Konzentration aufs Wesentliche und nichts mehr. Das Universum macht sich klein und kommt – in die Teeschale.

Die Kultur der Stille

Was bringt es Menschen aus dem Westen, die Kultur der Stille des Ostens kennen zu lernen? Noch einmal Graf Dürckheim: „Im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewusster zu werden, bewusster in seiner Möglichkeit und in seiner Gefährdung.“

Der Professor wurde in Deutschland gefragt, ob er die Kultur der Stille denn nur in Japan gefunden habe. Natürlich nicht! Und er zitierte den christlichen Mönch und Mystiker Meister Eckhart: „Nur in der Stille spricht Gott sein ewiges Wort in der Seele.“ Es gibt sie auch im Westen. Aber „im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewusster zu werden, bewusster in seiner Möglichkeit und in seiner Gefährdung.“

Volker Keller

ist Pfarrer der Kirchengemeinde in Bremen-Vegesack, Dozent am Ev. Bildungswerk Bremen, EKD-Bordgeistlicher auf Kreuzfahrtschiffen, Yoga- und Meditationslehrer, Autor u.a. der Bücher Zwischen Bremen und Bali. Mit Gott auf Reisen und Buddha, Krishna und Allah. Orientierung in fremden religiösen Welten.

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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