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Zeugnisse vielfältiger Spiritualität

Unterwegs auf den ökumenischen „Besinnungswegen“ bei Pfronten im Allgäu

Von Rainer Lang

Foto: Rainer Lang

Die Vieldörfergemeinde Pfronten im Allgäu hat sich trotz der Nähe zu touristischen Hochburgen ihren bodenständigen Charakter bewahrt. Ein ökumenisches Projekt erschließt die alpine Kulturlandschaft „auf acht besinnlichen Wegen“.

Hoch oben auf dem Falkenstein in den Allgäuer Bergen bei Pfronten wollte er sein letztes Schloss errichten. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Übrig geblieben vom Traum des als „Märchenkönig“ bekannten bayerischen Königs Ludwig II. ist nur Deutschlands höchstgelegene Burgruine. Von hier aus ist in der Ferne Ludwigs berühmtestes Schloss Neuschwanstein zu sehen, zu dem jährlich Besucher aus aller Welt strömen.

Pfrontens Tourismusdirektor Jan Schubert ist ganz froh darüber, dass die Touristenströme sich in die nur wenige Kilometer weit weg gelegenen Königsschlösser ergießen, während es in der Vieldörfergemeinde bis heute recht beschaulich zugeht. Knapp 600.000 Übernachtungen werden pro Jahr in Pfronten verzeichnet. Selbst das benachbarte Nesselwang liegt mit einer Million Übernachtungen deutlich höher.

Das „Image des Underdogs“ macht für Schubert jedoch den Charme Pfrontens aus. Der aus dreizehn einzelnen Dörfern bestehende Ort habe seinen bodenständigen Charakter bewahrt, betont er. Zwar hat sich nahe der Burgruine ein Luxushotel angesiedelt, aber normalerweise sind Übernachtungsbetriebe und Restaurants eher gutbürgerlich. Ein Beispiel dafür ist der Gasthof „Oberer Wirt“, der seit mehr als 400 Jahren im Familienbesitz ist und zu den ältesten Gaststätten Pfrontens zählt.

Dorfkirche als Zeichen des Eigensinns

Das Gasthaus liegt neben der spätbarocken Kirche St. Nikolaus. Diese ist mit ihrem hochaufragenden Turm, dessen Spitze wie ein umgekehrter Enziankelch aussieht, nicht nur eine architektonische Besonderheit, sondern auch weithin sichtbares Wahrzeichen Pfrontens. Für den Journalisten Lars Kink ist das Gotteshaus ein Symbol für den „Eigensinn“ der Pfrontener. Die haben nämlich einen Kirchturm gebaut, der einer Kathedrale gut anstehen würde, und sich dabei fast übernommen.

Kink, der sich der Heimatforschung verschrieben hat, führt das darauf zurück, dass die Pfrontener nie leibeigen waren. Sie unterstanden dem göttlichen Recht“. Deshalb schlossen sie sich auch nicht den Bauernkriegen im Zuge der Reformation an. Weil es keine Zünfte gab, konnte sich eine Kunstschule mit mehr als achtzig Künstlern entwickeln, die auch die Kirche ausgestalteten.

Vom Engagement von Aktivisten wie Kink, dessen neuestes Projekt die Errichtung eines Museum der Feinmechanik ist, das an die Blüte dieses Industriezweigs in seinem Heimatort erinnert, profitiert auch das örtliche Tourismusbüro. So hat sich das Ehepaar Randel der Aufgabe verschrieben, die Wegkreuze rund um den Ort systematisch zu erforschen. Das hat Schubert auf die Idee gebracht, diese Erfahrungen zu nutzen und diese Zeugnisse der Pfrontener Spiritualität Besuchern zugänglich zu machen.

Beten und erleben auf acht besinnlichen Wegen

Daraus ist unter Mitarbeit der katholischen und evangelischen Kirche das Gemeinschaftsprojekt „Horizonte erweitern – beten und erleben auf acht besinnlichen Wegen“ geworden. „Der Glaube ist nicht nur sonntags in der Kirche zu Hause“, sagt Schubert. Neben den vielen Wander- und Radwegen in dem Höhenluftkurort könnten die Besinnungswege einen anderen Zugang zur alpinen Kulturlandschaft eröffnen, fügt er hinzu.

Das von der Gemeinde Pfronten angestoßene Projekt fand auch bei der Europäischen Union und dem Freistaat Bayern so großen Anklang, dass sich beide für eine Förderung entschieden. Entstanden ist ein 150-seitiger Führer, in dem die einzelnen Routen, die an Wegkreuzen, Marterl, Kirchen und Kapellen vorbeiführen, genau beschrieben werden.

Was Wegkreuze erzählen

Typisch für Bayern und das Allgäu sind Kreuze und Marterl an Wegen, die von Wanderern meist unbemerkt bleiben. Hinter jedem Kreuz und jeder Bildtafel steht aber eine ganz persönliche, häufig tragische Geschichte. „Wir wollten die Geschichten aufschreiben, sie für die Nachwelt festhalten. Wenn wir es nicht gemacht hätten, wären sie eines Tages ganz in Vergessenheit geraten“, erklärt Gertraud Randel. 

Auf der ersten Route findet sich die Gedenktafel für Xaver Kinker, der 1935 die gefährliche Kletterpartie in die Ostwand des Aggensteins wagte, um seiner Freundin zum Namenstag ein Edelweiß zu pflücken. Dabei rutschte er aus und verunglückte tödlich. Dem Vernehmen nach wurde er mit der Blume in der Hand gefunden. Andere Denkmale zeugen von glücklichen Fügungen.

Auf den Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden – vom gemütlichen Spaziergang bis zur anspruchsvollen Gipfelwanderung – zu Denkmälern christlicher Frömmigkeit können die Wanderer eine Art religiöse Topographie erleben, heißt es im Vorwort zum Band. Die „Bergwanderung Falkenstein“ führt zu der von Pfarrer Anton Stach errichteten Gebetsstätte in einer Grotte nach dem Vorbild von Lourdes. Am Tag, als die Statue der Madonna in Pfronten eintraf, stürzte Stach am Aggenstein tödlich ab. Leicht zu bewältigen ist dagegen der „Kreuzweg auf dem Friedhof“ mit Tafeln auf Grabsteinen.

Große spirituelle Werte

Für Schubert ist der Weg durch die Landschaft die ideale Ergänzung zu den „Ge(h)zeiten“ im benachbarten Nesselwang. An sechs von der Bürgerwerkstatt Kultur errichteten Stationen können Besucher „grundlegende Werte neu entdecken“. Im Labyrinth ist „Zeit für mich“ und beim Blick durch die Glaskugel „Zeit für die Schöpfung“. Militärdekan Gerhard Kern zeigte sich beeindruckt von dem Weg. Er hatte eine Exkursion von Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfern begleitet, die einen Kurs im nahegelegenen Steingaden gemacht hatten.

Der evangelische Urlauberseelsorger Jörn Foth in Pfronten ist begeistert vom religiös inspirierten Engagement. „Hier sind große spirituelle Werte zu spüren“, sagt der Theologe, der vor kurzem mit seiner Frau aus der brasilianischen Metropole Sao Paulo in das ländliche Pfronten gekommen ist. In der engen Zusammenarbeit mit den Tourismusverbänden und den Hoteliers sieht er viel Potenzial für die Seelsorgearbeit.

Acht Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zur Umsetzung des ökumenischen Gemeinschaftsprojekts in Pfronten. Das Buch „Horizonte erweitern – beten und erleben auf acht besinnlichen Wegen“ ist unter www.pfronten.de oder telefonisch unter 08263/69888 für 2,90 EUR erhältlich. Von April bis November ist auf den besinnlichen Wegen sogar Geocaching möglich.

Rainer Lang

Redakteur beim evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt" und Mitglied in der Redaktion der "evangelischen aspekte".

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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