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Die Kirche der Zukunft zwischen Angst und Mitgefühl

Emotionale Reaktionen auf die Migration

Von Jörgen Klussmann

Foto: Pixabay, CC0

Die einen haben Angst, die anderen haben Mitleid. Fakt ist: Die Migration von Millionen von Menschen lässt in Deutschland keinen kalt. Deshalb geht es im Kern der Krise vor allem um Emotionen. Populisten wissen das zu nutzen, es kann aber auch der Schlüssel zur Lösung sein.

Der große Zulauf zu den Rechtspopulisten wie der AfD verdeutlicht, dass viele Menschen Angst haben vor der Zuwanderung. Besonders Muslime werden als Gefahr für das christliche Abendland ausgemacht. Das ist eine Seite – die andere Seite sagt: Wir schaffen das – wir helfen angesichts der Schicksale von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil diese im Bombenhagel untergegangen ist. Neben der Angst zeigen Deutsche auch Mitgefühl und engagieren sich zu Hunderttausenden. Fakt ist: Niemanden lässt die Migration von Millionen von Menschen, von denen rund eine Million in 2015 nach Deutschland kam, kalt. Die einen haben Angst, die anderen haben Mitleid.

Emotionen im Zentrum der Krise

Angst ist immer schon ein leichtes Ziel für Demagogie und Propaganda und darüber hinaus ein schlechter Berater gewesen. Die Rechtspopulisten nutzen die Angst gezielt, um eine Atmosphäre einer potentiellen Bedrohung entstehen zu lassen. Interessanterweise bedienen sie sich dabei genau derselben Methode wie terroristische Fundamentalisten, die ebenso auf Angst bauen. Es scheint, die eigentliche Herausforderung der Migration ist nicht politisch, finanziell, religiös oder kulturell, sondern emotional.

Gefühle spielen in Konflikten regelmäßig die Hauptrolle und werden doch immer wieder sträflich vernachlässigt. Dabei lässt sich immer dann von einem Konflikt sprechen, wenn sich eine Konfliktpartei bedroht fühlt. Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Bedrohung real ist oder nicht. Entscheidend ist das Gefühl. Interessant ist auch, dass eine Aussöhnung sich scheinbar „vernünftigen“ Lösungen verweigert, weil die Konfliktparteien oft keine Bereitschaft zeigen, wirklich aufeinander zuzugehen. Häufig ist der Wunsch nach Vergeltung und Rache größer als der nach Versöhnung. Hinzu kommt die Angst vor einem möglichen Gesichtsverlust. Gerade bei Großkonflikten ist diese Angst besonders stark ausgeprägt: Man könnte ja für „schwach“ gehalten werden. Die Reaktion der USA auf die Attentate vom 11. September 2001 entspricht genau diesem Muster.

Emotionen als Schlüssel zur Lösung

Nun gibt es aber auch zahllose Beispiele, in denen Versöhnung gelingen konnte. Denken wir z.B. an die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die entscheidende Wende brachte dabei nicht eine großzügige finanzielle Entschädigung der Opfer oder eine politische Annäherung, sondern der Kniefall Willi Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos! Diese einfache, emotionale Geste signalisierte den Polen: Hier steht der Führer eines neuen Deutschlands und zeigt aufrichtige Reue und tiefes Bedauern. Der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers brachte etwas zum Ausdruck, was keine Reparationszahlung hätte jemals bewirken können: Es zeigte Mitgefühl mit den Opfern, Demut vor dem unermesslichen Leid, das die Deutschen verursacht hatten und es demonstrierte die Bereitschaft, sich dem moralischen Urteil der Polen zu stellen – alles wichtige Grundvoraussetzungen für eine Versöhnung.

Die Suche nach Sündenböcken und einfachen Antworten

Die aufgeputschte und aufgeheizte Stimmung, die heute herrscht, ist einer neuen Unübersichtlichkeit geschuldet, in der die Menschen entweder nach Antworten oder nach Sündenböcken suchen. Viele nehmen die aktuelle Lage als Bedrohung, als Konflikt war, in der scheinbare Sicherheiten nicht mehr gelten. Doch Migration ist nur eine Folge einer globalisierten Welt, die sich vor allem um eines dreht: Profit. Die Globalisierung verschiebt Grenzen oder hebt sie sogar auf. Die Motoren der Globalisierung sind die digitale Kommunikation und die weltweite Finanz- und Warenwirtschaft. Sie überwinden Distanzen und schaffen globale Warenkreisläufe. Sie zerstört aber auch die Umwelt und kulturelle Identitäten, denn sie machen vor keiner Grenze halt. Menschen setzen sich in Bewegung und verlassen ihre Heimat, wenn sie nicht mehr sicher ist oder zu wenig Ressourcen bietet, um alle zu ernähren.

Doch niemand scheint vorbereitet auf die sozialen, kulturellen und religiösen Verwerfungen, die die Globalisierung mit sich bringt. Vermutlich waren die Einheimischen in Lateinamerika, Afrika oder Asien auf die Invasion der europäischen Kolonialisten genauso wenig vorbereitet wie wir heute auf die Millionen von Menschen, die sich auf den Weg in die vermeintliche Sicherheit der Wohlstandsinseln Europa, Nordamerika oder Australien machen. Im Unterschied zu den europäischen Kolonialisten von damals, wollen heutige Migranten uns nicht gewaltsam annektieren – auch wenn uns das die Rechtspopulisten glauben machen wollen.

Geschichtliche Erfahrungen prägen Emotionen

Im Grunde könnte man sagen, dass die Globalisierung mit dem Kolonialismus vor mehr als 500 Jahren begann. Ausgestattet mit einer grenzenlosen Hybris, machten sich damals die ersten Eroberer auf, im Namen des Herrn die Seelen der Heiden aus dem Fegefeuer zu retten und dabei ganz nebenbei ungeheure Reichtümer zu scheffeln und ganze Landstriche zu verwüsten. Auf die Bedürfnisse der Einheimischen wurde nicht eingegangen.

Doch bereits lange vor dem Kolonialismus der Neuzeit glaubten Menschen daran, berechtigt zu sein, andere Menschen zu „zivilisieren“. Schon Aristoteles glaubte, dass die Griechen die Pflicht hätten, den Barbaren Fortschritt und Erkenntnis notfalls auch mit militärischen Mitteln zu bringen. Augustinus entwickelte daraus die Doktrin des gerechten Krieges, der den Kreuzfahrern als Legitimation diente, in das Heilige Land einzufallen und Hunderttausende von Menschen im Namen des wahren Glaubens umzubringen. Für Muslime sind die Kreuzzüge bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben. Wie viel schwerer müssen für sie die zahlreichen Interventionen der westlichen Welt im Nahen und Mittlerer Osten wiegen, die allein in den vergangen 20 Jahren passiert sind und die im Namen der Demokratie geschahen?

Mobilisierung von Emotionen durch populistische Parolen

Die Rhetorik der AfD bedient sich einer sehr ähnlichen Argumentation wie die der Kreuzfahrer, die bereits im 12. Jahrhundert vor einer Islamisierung warnten. Die Furcht vor einer Überfremdung oder gar einer Islamisierung scheint tief in der europäischen Identität verankert zu sein. Über mehrere Jahrhunderte wurden das Misstrauen gegenüber dem Islam und der Hass auf Muslime gepredigt. Die Existenz der bedeutendsten christlichen Orden hat ihre Wurzeln in dieser Gemütslage. Dass nun ausgerechnet die Rechte aus dieser Furcht europaweit wieder politisches Kapital schlägt, ist eigentlich kein Wunder.

Veränderte Gefühle durch direkte Begegnung

Gefühle aber lassen sich ändern – aus Liebe kann Hass werden und auch umgekehrt. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist vor allem eines: die direkte Begegnung zwischen Menschen. Nur wenn wir uns auf andere einlassen, können wir uns auch schließlich und letztendlich anfreunden oder gar versöhnen. Gleichzeitig müssen wir uns über die Folgen unseres Handelns in anderen Regionen der Welt bewusst werden. Wenn man die lange Spanne europäischer Einmischung im Rest der Welt betrachtet, ist es eigentlich verwunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis der Bumerang zurück kommt und auch wir merken, was wir außerhalb Europas angerichtet haben.

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Im Frühjahr 2017 wird das Buch Fremd(e) in der Heimat - eine emotionale Herausforderung von Jörgen Klußmann im Verlag der Evangelischen Akademie im Rheinland erscheinen.

 

Foto: Andrea Zmrzlak

Jörgen Klußmann

ist Studienleiter an der Evangelischen Akademie im Rheinland. Den abgedruckten Text hielt er als Vortrag auf dem Thementag „Zur Toleranz verpflichtet?“ des EAiD-Landesverbands Rheinland im September 2016.

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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