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Freiräume zur Selbsterprobung

Warum eine moderne Gesellschaft auf die Lebensphase „Jugend“ nicht verzichten kann

Von Albert Scherr

Foto: Pixabay, CC0

Zu den grundlegenden Einsichten der soziologischen Jugendforschung gehört, dass es „die Jugend“ nicht gibt und dass diese Lebensphase nur in modernen ökonomisch entwickelten Gesellschaften „auftritt“. Dort aber ist sie notwendig und – generationsübergreifend.

Gegenwärtig ist es eigentümlich still um die Jugend. Es zeichnen sich keine Generationenkonflikte ab und auch keine spektakulären Entwicklungen in den Jugendkulturen. Blickt man auf die jüngsten Wahlen, dann zeigt sich: Der Schwerpunkt bei den jüngeren Wählern liegt bei den Parteien der Mitte, die AfD und die Linke erzielen relativ geringere Zustimmung als bei den Älteren. Es scheint also wenig Aufregendes über die Jugend zu berichten zu sein. Wollte man in den Chor derjenigen einstimmen, die Bilder von Jugendgenerationen zeichnen, dann wäre vielleicht von einer pragmatischen und angepassten – vielleicht sogar überangepassten – Generation zu sprechen.

Ein etwas genauer Blick zeigt jedoch: Jugend ist nach wie vor durchaus auch eine problematische Lebensphase: Jugendliche werden, vor allem im Bereich der Bagatell- und Kleinkriminalität, häufiger straffällig als Erwachsene, insbesondere männliche Jugendliche. Der Konsum illegaler Drogen steigt bis zum dreißigsten Lebensjahr an und geht dann wieder zurück. Auch gibt es gegenwärtig noch sozial auffällige Minderheiten innerhalb der Jugendlichen, die aber erhebliche mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, so die aktiven Fußballfans der Ultra-Szenen oder gewaltaffine rechtsextreme und rassistische Jugendszenen.

Projektionsfläche für Spannungen der Erwachsenengesellschaft

Dem verbreiteten Interessen an einer Fokussierung auf solche Minderheitenphänomene und vermeintlich dramatische Entwicklungen innerhalb der heutigen Jugend soll hier jedoch nicht gefolgt werden. Im Wesentlichen genügt hier der Satz: Jugendliche – genauer: Minderheiten innerhalb der jeweiligen Jugendgeneration – bringen Tendenzen in zugespitzter Weise zum Ausdruck, welche die Gesellschaft insgesamt kennzeichnet. Dass diese Tendenzen dann als Jugendprobleme diskutiert werden, ist Ausdruck davon, dass Diskurse über die Jugend immer auch ein Ort sind, an dem sich Erwachsene stellvertretend und projektiv über ihre Ängste und Hoffnungen verständigen.

Aufgezeigt werden sollen hier stattdessen einige zentrale Merkmale der Lebensphase Jugend, die zu berücksichtigen sind, wenn jenseits medialer Aufgeregtheiten sachhaltig über die Chancen und Risiken des Heranwachsens in der modernen Gesellschaft nachgedacht werden soll.

„Die Jugend“ gibt es nicht

Dass es „die Jugend“ – also eine in sich homogene Gruppe der Gleichaltrigen – nicht gibt, sondern nur Jugenden im Plural, ist eine der grundlegenden Einsichten der Jugendforschung. Denn die Lebensbedingungen, die typischen Erfahrungen, die Lebensentwürfe und Zukunftsperspektiven Jugendlicher unterscheiden sich in Abhängigkeit vor allem von der sozialen Klassenlage, dem Bildungsniveau, dem soziokulturellen Milieu, dem Geschlecht und den regionalen Bedingungen in städtischen und ländlichen Kontexten. Gemeinsamkeiten, die es gleichwohl sinnvoll erscheinen lassen, von Jugend im Unterschied zu Kindheit und Erwachsenenleben zu sprechen, sind auf zwei Ebenen zu verorten:

Erstens ist die Psychodynamik der Adoleszenz zu berücksichtigen. Diese wird aber keineswegs von allen Jugendlichen gleichermaßen als ein massiver krisenhafter Umbruch erlebt. Was auch damit zusammenhängt, dass die weitgehende Enttabuisierung jugendlicher Sexualität das klassische Spannungsverhältnis zwischen sexuellen Bedürfnissen und sozialen Verbotsnormen erheblich reduziert hat – bei diesbezüglich erheblichen Unterschieden zwischen den soziokulturellen Milieus.

Zweitens kann Jugend als eine gesellschaftlich institutionalisierte Lebensphase betrachtet werden, d.h. als ein gesellschaftliches Arrangement, mit dem bestimmte Rahmenbedingungen für das Aufwachsen gesetzt sind. Dessen Grundmerkmal hat der Erziehungswissenschaftler Walter Hornstein treffend wie folgt zusammengefasst: „Das allgemeinste Merkmal moderner Jugend besteht in der Tatsache ihrer Ausgliederung aus der Produktion zum Zweck des Lernens in eigens dafür eingerichteten Institutionen, den Schulen, und in den dafür charakteristisch werdenden Sozialformen, nämlich der Gruppe der Altersgleichen.“

Jugend ist so betrachtet keine Eigenschaft von Menschen einer bestimmten Altersgruppe, sondern eine genuin gesellschaftliche Einrichtung, die in dieser Form nur in modernen und ökonomisch entwickelten Gesellschaften existiert. Nicht nur die historische Forschung hat aufgezeigt, dass Jugend als eine Entwicklungsphase jenseits der Zwänge der Arbeit in vorindustriellen Gesellschaften nicht – oder jedenfalls nur für privilegierte Minderheiten – existiert hat. International vergleichende Studien stellen auch für die Gegenwart – mit dem Blick auf verbreitete Formen von Kinderarbeit, von sexueller Ausbeutung oder die Rekrutierung von Heranwachsenden als Soldaten für Bürgerkriege – noch fest: „Für einen großen Teil der jungen Menschen weltweit war und bleibt die Idee von ›Jugend‹ als universelles Stadium der Entwicklung unangemessen“, erläutern die englischen Jugendforscher J. Wyn und R.D. White.

Jugend als Privileg, Zumutung und riskante Freiheit

Jugend ist so betrachtet einerseits Privileg, die Chance einer gesellschaftlich ermöglichten Lebensphase jenseits des Zwanges, durch Arbeit für den eigenen Lebensunterhalt und den von Familienangehörigen sorgen zu müssen. Diese relative Freiheit wird aber ersichtlich dadurch eingeschränkt – und mancherorts auch konterkariert –, dass der Zwang zu schulischem Lernen und beruflicher Qualifizierung ein bestimmendes Merkmal der Jugendphase ist. Ob Jugend dennoch den Charakter eines relativen Freiraums bewahrt hat, hängt entscheidend von der Inanspruchnahme der Lebenszeit Jugendlicher durch Schulen, Ausbildungsbetriebe und Hochschulen ab. Eine klassische bürgerliche Jugend – jenseits der faktischen und/oder psychischen Belastung durch ökonomische Existenzsorgen und mit erheblichen Anteilen freier Zeit – ist auch in den wohlhabenden westlichen Gesellschaften ein Privileg, das sozial benachteiligten Heranwachsenden immer noch nur eingeschränkt und einem Teil der Heranwachsenden aus den Mittelklassen aufgrund forcierter Qualifizierungszwänge nicht mehr zur Verfügung steht.

Ein weiteres Merkmal der Lebensphase Jugend besteht in modernen westlichen Gesellschaften darin, dass Jugendlichen eigentümliche Freiheiten zugemutet und zugestanden werden: Jugendlichen wird – im Unterschied zu Kindern – ermöglicht, über Zeiten und Räume zu verfügen, in denen sie sich ohne elterliche bzw. sonstige pädagogische Beaufsichtigung und Kontrolle zusammenfinden können. Diese sozialen Orte der autonomen Bildung jugendlicher Gemeinschaften wurden gesellschaftlich immer wieder als problematisch und auch als potenziell gefährlich thematisiert, als Gelegenheiten für unkontrollierte Sexualität und Drogenkonsum, für soziale Kontakte zu den ›falschen Freunden‹ oder für die Bildung von Subkulturen, Cliquen und Banden. Wenn es tatsächlich so sein sollte – und es spricht einiges dafür –, dass es die unbeaufsichtigten Freiräume sind, in denen problematische Verhaltensweisen entstehen können, warum werden diese dann nicht abgeschafft? Warum werden Heranwachsende nicht bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter wie Kinder behandelt, also durchgängig betreut und beaufsichtigt?

Freiräume, die kreative Produktivität ermöglichen, bergen Chancen und Risiken zugleich (Foto: Pixabay, CC0).

Es ist wichtig, aber unzureichend, darauf hinzuweisen, dass Jugendliche sich diese Freiräume durchaus auch selbst erkämpft haben und dies auch nach wie vor tun, indem sie sich gegen Kontrollbemühungen wehren oder diese trickreich unterlaufen. Entscheidender ist aber, dass solche Freiräume jugendlicher Autonomie gesellschaftlich nicht verzichtbar sind, eine wichtige Funktion für die Gesellschaft erfüllen.

Warum Jugend gesellschaftlich nützlich ist

Moderne Gesellschaften sind aus zwei Gründen auf Jugend angewiesen: Ihre ökonomische Struktur erzwingt bzw. ermöglicht es, dass Heranwachsende typischerweise nicht in die Ökonomie der Familie eintreten bzw. die Berufe ihrer Eltern übernehmen. Sie sind darauf verwiesen, sich eigenständig schulisch zu bilden und beruflich zu qualifizieren. Denn die Vererbung von Vermögen ist für die Existenzsicherung gewöhnlich nicht ausreichend. Und kulturelles Kapital – d.h. hier: schulische, berufliche und hochschulische Qualifikationen – kann nicht direkt übertragen, sondern muss individuell angeeignet werden. Heranwachsenden muss folglich die Möglichkeit gegeben werden, eine eigenständige Berufsperspektive zu entwickeln – also Distanz zu den beruflichen Lebensentwürfen ihren Eltern einzunehmen – und entsprechende Ausbildungsgänge zu durchlaufen. Selbst von denjenigen, die in die beruflichen Fußstapfen ihren Eltern treten, wird gesellschaftlich erwartet, dass sie dies aus eigener Überzeugung tun.

Zudem haben traditionelle Praktiken der Eheschließung durch Verheiratung in modernen Gesellschaften ihre ökonomische und soziokulturelle Grundlage verloren. An ihre Stelle treten das Recht und die Möglichkeit einer Ehegründung auf der Grundlage einer weitestgehend freien und nicht primär durch ökonomische Zwänge und verwandtschaftliche Verpflichtungen motivierten Partnerwahl. Diese beiden Vorgaben erzwingen eine Individualisierung von Ausbildungs- und Berufsbiografien und machen eine Lebensphase erforderlich, in denen eigene familiale und berufliche Lebensentwürfe entwickelt und erprobt werden können. Mit der Institutionalisierung von Jugend reagieren moderne Gesellschaften auf die strukturell gegebene berufliche und familiale Chance und Zumutung, beruflich und familial eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

Jugend muss zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit inszeniert werden

Vor diesem Hintergrund kann Jugend als eine ambivalente, in sich widersprüchliche und als eine riskante Lebensphase charakterisiert werden: In sich widersprüchlich, weil Jugendliche, ebenso wie Kinder, einerseits ökonomisch weitgehend von der Herkunftsfamilie abhängig sind und rechtlich der elterlichen Autorität bzw. der Autorität staatlicher Institutionen (Schule, Kinder- und Jugendhilfe) unterliegen. Andererseits werden Jugendlichen begrenzte Möglichkeiten zu einer selbstbestimmten Lebensgestaltung jenseits der Kontrolle durch Eltern und pädagogische Institutionen zugestanden. Somit ist die Phase Jugend durch eine in sich widersprüchliche Gemengelage von Abhängigkeit und Autonomie, pädagogischer Regulierung und Eigenverantwortlichkeit gekennzeichnet.

Riskant ist diese – klassen- und geschlechtsdifferenziert ausgeprägte – Zumutung und Chance relativer Autonomie vor allem deshalb, weil Jugendlichen damit sowohl abverlangt ist, sich an gesellschaftlich gegebenen Bedingungen (des Bildungssystems, des Arbeitsmarktes, der normativen Regulierungen von Paarbeziehungen usw. ) auszurichten, als auch dies in einer Weise zu tun, die als selbstverantwortete Entscheidung erlebt und dargestellt werden kann. Dabei gilt: Auch die Infragestellung gängiger Normalmodelle der Lebensführung und der mit diesen verbundenen Normen, und damit auch Abweichung von der vorherrschenden Normalität, ist eine Möglichkeit, sich als autonomes Individuum zu erleben und sozial sichtbar zu machen, etwa im Verhältnis zu Eltern, Lehrer/innen und anderen Repräsentanten der öffentlichen Ordnung. Entsprechend werden Regelverletzungen – in einem rechtlich definierten Rahmen – von Jugendlichen sozial erwartet und alltäglich auch zugestanden.

Das gesellschaftliche Problem mit der Jugend besteht also darin, dass die gesellschaftliche Erwartung, sich zu einem eigenverantwortlichen Erwachsenen zu entwickeln, zugleich Freiräume erforderlich macht, die in einer Weise genutzt werden können, die ärgerlich, störend oder ggf. auch tatsächlich problematisch sind. Es sind aber auch zugleich die Freiräume, die eine produktive Kreativität ermöglichen. Chancen und Risiken sind auch im Fall der Jugendphase unauflöslich miteinander verschränkt.

For ever young – Vom Jugendkult zur altersunabhängigen Norm

Ein ehemals substantieller Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen erodiert: Klassisch war es ein Merkmal von Jugend, sich auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten, sich in einem offenen Gelände zu bewegen, sich nicht abschließend auf eine soziale Position und Identität festlegen zu können und zu müssen. Erwachsene waren im Unterschied dazu diejenigen, die ihren Platz in der Gesellschaft gefunden hatten, deren Lebensentwurf festgelegt war und die ausgelernt hatten. Ein beschleunigter sozialer Wandel, gravierende Veränderungen der Technologien, des Arbeitsmarktes und der Kommunikation, veränderte Familienbilder und Geschlechternormen sowie die generelle Ungewissheit der Zukunft stellen die Grundlagen der klassischen Erwachsenen-Existenz in Frage. In gewisser Weise sind fast alle aufgefordert, lebenslang Jugendliche zu bleiben, deren Zukunft ungewiss ist und die sich auf immer neue Veränderungen einstellen müssen. Niemand hat mehr ausgelernt, alle sollen lebenslang lernen.

Als pointierte These formuliert: Jugendlichkeit hat sich von einem Privileg zu einer altersunabhängigen Norm verwandelt, privilegiert sind diejenigen, die noch eine klassische Erwachsenen-Existenz führen können. Wenn Jugendlichkeit zur Norm geworden ist, dann ist Generationenkonflikten die Grundlage entzogen. Und an die Stelle von jugendlichen Ausbruchsversuchen aus der ehemals allzu starren Ordnung der Erwachsenengesellschaft tritt der generationenübergreifende Versuch, ein gewisses Maß ab Sicherheit und Ruhe herzustellen. Und auch die Sehnsucht nach ideologischen Gewissheiten wächst.

Zum Weiterlesen

Scherr, A.: Jugendsoziologie. Einführung in Grundlagen und Theorien. Wiesbaden, 92009.

Scherr, A.: Jugend als soziale Kategorie. Oder: warum Jugend keine Gruppe und auch kein soziales Problem ist. In: A. Groenemeyer & D. Hoffmann (Hrsg.): Jugend als soziales Problem – soziale Probleme der Jugend? Diagnosen, Diskurse und Herausforderungen. Weinheim, 2014. S. 29–49.

Prof. Dr. Albert Scherr

ist Leiter des Instituts für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

evangelische aspekte, Ausgabe November 2017

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Foto: Pixabay, CC0
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