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Von Europa ist Europas Jugend nicht generell begeistert

Bildung und Austausch sind die Quellen eines positiven Europabildes

Von Heide Möller-Slawinski

Foto: HajjiBaba, Wikipedia, CC-BY-SA

Als Mitautorin des Europaberichts zur empirischen (Jugend-)Studie „Generation What?“ hat Heide Möller-Slawinski analysiert, was Europas „Image“ unter den 18–34-Jährigen bestimmt. Trotz einer Mehrheit der EU-Befürworter hat sie ein geschwächtes Vertrauen in Europa festgestellt.

Fragt man die junge Generation in Europa, ob sie sich am meisten Europa, der Welt, der eigenen Stadt/Region oder dem eigenen Land zugehörig fühlt, fällt die Identifikation mit Europa deutlich am schwächsten aus (11 Prozent). Hierbei sind Bildungsunterschiede festzustellen: Die formal Höhergebildeten fühlen sich häufiger europäisch als die formal Niedriggebildeten (14 versus 8 Prozent). Dies mag darin begründet sein, dass Hochgebildete und Besserverdienende oft eher die Möglichkeit haben, von den Vorteilen der Staaten­gemeinschaft zu profitieren, wie Reisefreiheiten oder (subventioniertes) Studieren im Ausland. In allen demografischen Gruppen ist die Identifikation mit der Welt am größten (31 Prozent). Mit 30 Prozent folgt kurz darauf die eigene Stadt / Region. Dem Herkunftsland fühlen sich 27 Prozent am ehesten zugehörig. Dass man sich mit der eigenen Region identifiziert, ist aufgrund der lebensweltlichen Nähe und der alltäglichen Vertrautheit mit Landschaft, Gebräuchen, Sprache etc. nicht verwunderlich. Interessant ist aber, dass die Identifikation mit Europa deutlich schwächer ausfällt als die mit der Welt.

Europa – zwischen Bürokratie-Monster und Begegnungsraum

Es scheint, als könnten diese kosmopolitisch eingestellten Befragten über die Identifikation mit dem „ganzen Planeten“ ihr globales „Mindset“ (Denkart) besser zum Ausdruck bringen als über die Identifikation mit dem regional begrenzten Europa. Auch die Wahrnehmung eines steigenden Nationalismus in Europa verhindert bei einigen eine stärkere Identifikation mit Europa. Viele Befragte verknüpfen mit Europa zudem einen statischen politischen bzw. bürokratischen Apparat. Darauf deuten auch Befunde hin, die zeigen, dass das Vertrauen in die europäischen Institutionen gering ist. Zudem zeigt sich, dass bei 30 Prozent der Befragten keinerlei persönliche Kontakte oder Freundschaften in andere europäische Länder bestehen, so dass eine „alltagsempirische Basis“ für die Förderung eines positiven europäischen Gemeinschaftsgefühls fehlt.

Die offensichtlich wenig dominant ausgeprägte Identifikation mit Europa spiegelt sich in dem bereits erwähnten Befund wider, dass nur ein Bruchteil der jungen Menschen (6 Prozent) „völliges“ Vertrauen in Europa hat. Dagegen äußern 21 Prozent „überhaupt kein“ Vertrauen in Europa. Es sind hier jeweils vor allem die Männer, die deutlicher als die Frauen zu extremen Positionen tendieren. Die meisten Befragten vertreten eine gemäßigtere Meinung: 34 Prozent vertrauen Europa mehr oder weniger, 38 mehr oder weniger nicht. Insgesamt spaltet die Europäische Frage also die junge Generation – offensichtlich (auch) entlang eines Bildungsgrabens: Je höher die formale Bildung, desto größer ist das Vertrauen in Europa. 34 Prozent der formal Niedriggebildeten und 39 Prozent der formal Mittelgebildeten vertrauen der Europäischen Idee, bei den formal Hochgebildeten sind es 46 Prozent.

Sorge wegen wachsendem Nationalismus

Wenn aber direkt gefragt wird, ob man sich als Europäer/in fühlt oder nicht, stimmen trotz mangelndem Vertrauen fast drei Viertel aller jungen Befragten (72 Prozent) zu. Ob allerdings bei dieser Aussage neben der geografischen und politischen auch eine ideologische Zugehörigkeit empfunden wird, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Aber es stützt den Befund, dass eine breite Mehrheit keine Rückkehr zu Nationalismus möchte: Weitgehend unabhängig von Alter und Geschlecht nehmen 65 Prozent der jungen Generation in Europa besorgt einen zunehmenden Nationalismus in Europa wahr. 20 Prozent können keine entsprechenden Tendenzen erkennen, aber bedenkenswert ist, dass immerhin 13 Prozent der Befragten einen steigenden Nationalismus beobachten und diese Entwicklung auch positiv finden. Hier ist der Anteil bei den Männern höher als bei den Frauen (16 Prozent vs. 10 Prozent) und bei den formal Niedriggebildeten höher als bei den formal Hochgebildeten (15 Prozent vs. 10 Prozent). Unter den formal Niedriggebildeten befinden sich häufiger Modernisierungsverlierer, die aufgrund von technischen und politischen Entwicklungen die eigene Stellung in der Gesellschaft bedroht sehen. Besonders besorgt über einen wachsenden Nationalismus in Europa zeigen sich die jungen Menschen in Deutschland und Griechenland.

Nur eine Minderheit möchte, dass ihr Land die EU verlässt

15 Prozent votieren dafür, dass ihr Land den Verbund verlassen solle, 71 Prozent möchten dies dagegen nicht, wobei das Antwortverhalten der Befragten in der Schweiz bei diesem Fragenkomplex nicht einbezogen wurde. Das Votum „pro-Verbleib“ fällt also deutlich aus. Im Ländervergleich zeigt sich, dass der Anteil derer, die für einen Austritt des eigenen Landes plädieren, in Deutschland am kleinsten (9 Prozent) und in Griechenland am größten ist (38 Prozent). Aber auch in Griechenland ist der Anteil der EU-Befürworter höher als der EU-Gegner. Trotz des insgesamt klaren Votums lohnt sich ein Blick auf die divergierenden Ansichten und Einstellungen der 18- bis 34-Jährigen EU-Skeptiker.

Nur 15 Prozent der jungen Europäer möchten, dass ihr Land die EU verlässt (Foto: Pixabay, CC0).

Für 52 Prozent der EU-Gegner ist die Europäische Union vor allem Geldverschwendung, bei den EU-Anhängern denkt nur ein Fünftel so (19 Prozent). Wer sich einen Austritt aus der EU wünscht, kritisiert die Europäische Union deutlich häufiger für fehlende Kontrollen an den Grenzen als die EU-Sympathisanten (44 versus 23 Prozent) und macht die EU für den Verlust von kulturellen Eigenheiten verantwortlich (43 Prozent bei EU-Skeptikern versus 9 Prozent bei den EU-Befürwortern).

Wer hingegen für einen Verbleib des Heimatlandes in der EU plädiert, assoziiert mit der Europäischen Union häufiger Positives: So betrachten 66 Prozent der EU-Sympathisanten die einfache Mobilität bei Reisen, Arbeit oder Studium als ein Verdienst der Europäischen Union (EU-Gegnern: 30 Prozent). Die Friedens­nobelpreisträgerin aus dem Jahr 2012 wird von 43 Prozent aller EU-Befürworter auch tatsächlich direkt mit Frieden assoziiert, wohingegen bei den EU-Skeptikern nicht einmal jeder Zehnte (9 Prozent) glaubt, dass die EU etwas mit Frieden zu tun hat. Und: Auch wenn die jungen EU-Anhänger nicht mehrheitlich davon überzeugt sind, dass die Europäische Union wirtschaftliches Wachstum bringt, sind es unter ihnen doch deutlich mehr als unter den EU-Gegnern (37 versus 11 Prozent).

EU-Gegner: eher männlich, eher mit geringerem Schulabschluss

Auch die Gruppe der EU-Befürworter ist also in ihrer Einschätzung einzelner Aspekte nicht überschwänglich, und dennoch sind die Differenzen beider Gruppen bei der Wahrnehmung groß. Diese Unterschiede lassen den Schluss zu, dass die Vor- und Nachteile der Europäischen Union nicht bei allen 18- bis 34-Jährigen gleich ankommen, bzw. es nicht gelingt, die Errungenschaften der Staaten­gemeinschaft in alle Bevölkerungsbereiche zu kommunizieren. Die demografische Analyse der beiden Gruppen stützt diese Vermutung: Die EU-Gegner weisen ein anderes gesellschaftliches Profil auf als die EU-Befürworter. Sie bestehen zu einem weit größeren Anteil aus Männern als aus Frauen (60 versus 40 Prozent; in der Gruppe der EU-Befürworter sind die Geschlechter gleichverteilt). Darüber hinaus gibt es bei den EU-Skeptikern einen Bildungsschwerpunkt bei den formal Niedriggebildeten. 20 Prozent der 18- bis 34- Jährigen mit einem formal niedrigen Bildungsniveau möchten, dass ihr Land aus der EU austritt. Bei denen mit formal hohem Bildungsniveau sind es 11 Prozent.

Ungleiche Chancen bei Bildung und Arbeit

Unterstützung der EU und der europäischen Idee bzw. die Zugänglichmachung von Vorteilen über eine (breite) Erhöhung des Bildungsniveaus wird durch die länderspezifischen Bildungssysteme scheinbar nicht geleistet. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildung sind 59 Prozent der jungen europäischen Generation absolut oder teilweise der Ansicht, dass die Bildungssysteme ihrer Länder nicht allen die gleichen Chancen bieten. Am deutlichsten wird dies in Frankreich und in Griechenland (jeweils 71 Prozent) geäußert, aber auch in Spanien (65 Prozent) ist man von der Ungerechtigkeit ihres Bildungssystems überzeugt. Auch sind 92 Prozent der jungen Menschen in Europa der Ansicht, dass es ganz allgemein zu viele Ungerechtigkeiten gibt. Zudem sind bis auf die Schweiz (8 Prozent) in keinem Land mehr als 3 Prozent fest überzeugt, dass das jeweilige Bildungssystem gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, und am wenigsten überzeugt sind dabei die jungen Menschen in Griechenland und Frankreich (jeweils 13 Prozent) sowie in Spanien und Italien (je ein Fünftel).

Das ist nachvollziehbar, liegt die Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern doch klar über dem europäischen Durchschnitt. Nicht unerwartet gilt daher auch die Jobsuche im Schnitt als dringendstes Problem unter den jungen Europäern, ganz besonders in Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich. Erstaunlich ist jedoch, dass in Ländern, in denen der Arbeitsmarkt besonders angespannt ist, die jungen Menschen nicht häufiger als in wirtschaftlich stabilen Ländern der Ansicht sind, dass die eigenen Landsleute auf dem Arbeitsmarkt in Krisenzeiten bevorzugt werden sollten.

Das Vertrauen in die europäischen Institutionen ist eher schwach ausgeprägt. Selbst unter den EU-Sympathisanten haben z.B. nur 21 Prozent Vertrauen in die Politik und 23 Prozent Vertrauen in die Medien. Nahezu die Hälfte (45 Prozent) der jungen Generation in Europa misstraut der Politik völlig. Von ihnen würden sich 68 Prozent in naher Zukunft bei einem großen Aufstand gegen die Macht beteiligen (Gesamt: 53 Prozent).

Zu Europa spricht die Mehrheit (noch) ein überzeugtes Jein   

Offensichtlich sehen die EU-Gegner die eigenen Interessen in Brüssel nicht vertreten und wünschen sich Übersichtlichkeit und Orientierung, etwa in Nationalstaaten mit klaren Vorgaben bei der Einwanderung. So begrüßen 32 Prozent der EU-Gegner einen wachsenden Nationalismus in Europa (9 Prozent bei den Befürwortern), außerdem sind sie seltener für offene Grenzen für Flüchtlinge oder gar alle Personengruppen als die EU-Befürworter.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass derzeit die EU-Befürworter die deutliche Mehrheit unter den jungen Menschen in Europa ausmachen. Hohe Jugendarbeitslosigkeit (besonders in den südeuropäischen Ländern) und Bildungsunzufriedenheit (in allen befragten Ländern) haben diese Einstellung bislang noch nicht erschüttern können. Die Vorteile der Mitgliedschaft in einem solchen „Verbund“ scheinen zu überwiegen. Eine Herzensangelegenheit ist Europa dennoch anscheinend nicht, was sich im eher geringen „Zugehörigkeitsgefühl“, im geschwächten Vertrauen in „Europa“ allgemein und in die Institutionen im Speziellen ausdrückt. Vor allem die formal Niedriggebildeten scheinen sich zunehmend unter Druck und wenig wertgeschätzt zu fühlen und haben auch weniger freundschaftliche Kontakte in andere EU-Länder, was in ihrer Kombination fatalistische und anti-europäische Gefühle befeuert. Bildung und Austausch scheinen daher die ersten Stellschrauben für ein positive(re)s Europabild zu sein.

Heide Möller-Slawinski

ist Senior Research & Consulting bei der SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH. Sie studierte Kunstgeschichte, Englische Philologie und Politische Wissenschaften an der Universität Heidelberg und der San Jose State University, Kalifornien.

evangelische aspekte, Ausgabe November 2017

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