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Sünde, Schwäche oder Klugheit?

Lügen im Licht der Wahrheit Gottes

Von Rochus Leonhardt

Foto: Pixabay, CC0

Müssen Christen immer bei der Wahrheit bleiben? Scheinbar eindeutig werden in der Bibel Lügen verboten. In der Theologiegeschichte gibt es aber durchaus unterschiedliche Einschätzungen, ob Lügen unter bestimmten Umständen erlaubt sind oder nicht.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“ (La parole a été donnée à l’homme pour déguiser sa pensée). – Dieses an eine Formulierung von Voltaire angelehnte Bonmot des französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand macht deutlich: Die Lüge ist zuerst – und eigentlich exklusiv – ein sprachliches Phänomen. Natürlich kann man auch das nichtsprachliche Verhalten eines Menschen als verlogen (oder eben als wahrhaftig) bezeichnen, aber eine solche Bestimmung partizipiert lediglich an der primären Verwurzelung des Lügenbegriffs in sprachlichen Zusammenhängen. Der Vorwurf: „Du hast gelogen“ besagt daher im eigentlichen Sinne, dass der so Beschuldigte mit bewusster Täuschungsabsicht etwas sachlich Falsches gesagt hat.

Die Totalverwerfung der Lüge bei Augustinus

Die zuletzt verwendete Formulierung ist angelehnt an eine klassische Definition der Lüge, die die europäische Geistesgeschichte nachhaltig geprägt hat. Sie wurde vor ungefähr 1600 Jahren formuliert und stammt vom Kirchenvater Augustinus (gest. 430). Im 5. Kapitel seiner Schrift De mendacio hat Augustinus die Lüge bestimmt als eine unwahre mit dem Willen zur Täuschung vorgebrachte Aussage. Der Lügner verbindet danach mit der Aussprache seiner Gedanken die Absicht, sein Gegenüber zu täuschen. Diese Täuschungsabsicht setzt nach Augustinus eine innere Entzweiung voraus. Dem Lügner wird ein doppeltes Herz bescheinigt: Er denkt einerseits an das, was wahr ist, ohne es auszusprechen, und andererseits an das, was er stattdessen ausspricht, obwohl er weiß, dass es falsch ist. – Noch 1966, in seiner preisgekrönten Studie Linguistik der Lüge, hat Harald Weinrich die augustinische Definition aus linguistischer Perspektive aufgenommen und zugleich präzisiert. Weinrich sieht eine Lüge „dann als gegeben an, wenn hinter dem (gesagten) Lügensatz ein (ungesagter) Wahrheitssatz steht, der von jenem kontradiktorisch […] abweicht“ (Harald Weinrich: Linguistik der Lüge, München 72006, 41).

Jede Lüge ist eine Sünde

Der mit der Lüge vollzogene Entschluss zur Selbstentzweiung wird von Augustinus als Ausdruck einer Abwendung von Gott und damit als Sünde beurteilt. Nach seiner Auffassung geht nämlich jede menschliche Wahrheitserkenntnis auf eine Einstrahlung des unwandelbaren göttlichen Lichtes zurück. Daher kann die mit dem Phänomen des doppelten Herzens gegebene vorsätzliche Abweichung von der Quelle der Wahrheit nur als Aufstand gegen Gott zu stehen kommen. Folgerichtig ist jede Lüge zwangsläufig eine Sünde und hat deshalb unweigerlich den Verlust des ewigen Lebens zur Folge.

Dass Augustinus zu einer maßgeblichen Autorität der lateineuropäischen Theologie avancierte, hat auch dazu geführt, dass dessen Definition samt der darin enthaltenen moralisch-theologischen Totalverwerfung der Lüge die christliche Ethik jahrhundertelang bestimmt hat. Entsprechend konnte sich auch das von ihm formulierte kategorische Lügenverbot durchsetzen – jedenfalls auf der Ebene des moraltheologischen Diskurses.

Relativierung des radikalen Lügenverbots in der Neuzeit

Die Tatsache, dass ethische Theorie und lebensweltliche Praxis auseinanderklaffen können, war natürlich auch der durch Augustinus geprägten Tradition bekannt. Erst in der Neuzeit aber hat diese Einsicht zu unterschiedlichen Ansätzen einer Relativierung des radikalen Lügenverbots geführt. Man kann es auch anders formulieren: Die mit der überlieferten Theorie verbundene Gewissheit, jede Abweichung von der Wahrheit sei eine heilsgefährdende Sünde, und die mit dieser Auffassung verbundene Diskrepanz zwischen der Klarheit in der ethischen Theorie und der häufigen Verworrenheit des faktischen Lebens führte zur Suche nach Entlastungsstrategien.

Als eine dieser Entlastungsstrategien kann der vom Wittenberger Reformator Martin Luther gewählte Zugang zur Lügenthematik gelten. Luthers Ansatz hat allerdings immer wieder Kritik auf sich gezogen. Die für diese Kritik entscheidenden Argumente hat der dominikanische Kirchenhistoriker Heinrich Denifle in seinem dreibändigen Werk Luther und Luthertum in der ersten Entwicklung (1904–1906) gebündelt. Luther kommt hier zu stehen als jemand, der es mit der Wahrhaftigkeitspflicht nicht so genau nahm. Er sei vielmehr entsprechend jenem Grundsatz verfahren, nach dem der Zweck die Mittel rechtfertige, eine Lüge also ohne weiteres erlaubt, ja sogar moralisch in Ordnung sei, wenn sie nur die erwünschten Folgen zeitige. Noch der deutsche Philosoph Steffen Dietzsch hat in seinem Buch Kleine Kulturgeschichte der Lüge von 1998 Luthers Position vergleichbar charakterisiert.

Luther „säkularisiert“ das Phänomen der Lüge

Schaut man freilich genauer hin, so lässt sich in Luthers rechtfertigungstheologisch fundiertem Umgang mit dem Lügenverbot vor allem eine Tendenz zur ›Säkularisierung‹ des Phänomens der Lüge erkennen. Damit ist gemeint, dass die Lüge nicht mehr – wie noch bei Augustinus – primär als Aufstand gegen Gott verstanden wird. Vielmehr hat Luther die Lüge bereits in einer 1517 gehaltenen Predigt zum 8. Gebot („Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“) als größten Feind der menschlichen Gesellschaft bezeichnet. Die Lüge ist also deshalb von Gott verboten, weil sie das für ein funktionierendes Zusammenleben wichtige zwischenmenschliche Vertrauen gefährdet oder gar zerstört.

Diese Fokussierung der Lügenthematik auf die zwischenmenschliche Ebene eröffnet eine der augustinisch geprägten Tradition gegenüber neue Perspektive. Denn nun kann und muss die im 20. Jahrhundert etwa von Dietrich Bonhoeffer geltend gemachte Einbettung wahrheitsgemäßen Redens in zwischenmenschliche Beziehungen berücksichtigt werden (vgl. dazu den Beitrag von Anne und Nikolaus Schneider in dieser Ausgabe). Und tatsächlich ist genau dies bei Luther bereits geschehen.

Gottesfürchtige Lügnerinnen in der Bibel

Deutlich wird dies in einer Predigt, die der Reformator 1524 zu den ersten beiden Kapiteln des Exodus-Buches gehalten hat. Darin nimmt er gerade auch den mehrschichtigen biblischen Befund zur Lügenthematik ernst. So werden in Ex 1,15-19 die Hebammen Schifra und Pua einerseits als gottesfürchtig (Vers 17) beschrieben, weshalb sie letztlich von Gott belohnt werden (Verse 20 und 21). Andererseits sagen dieselben Hebammen dem Pharao offensichtlich und mit Täuschungsabsicht die Unwahrheit, als er sie fragt, warum sie die männlich geborenen Kinder des Volkes Israel nicht wie befohlen töten (Verse 15 und 16 sowie 18 und 19). – Angesichts dieses Befundes stellt sich für den Bibelleser Luther naturgemäß die Frage, wie es sein kann, dass sündige Lügnerinnen für ihre Gottesfurcht von Gott belohnt werden. Seine Antwort läuft darauf hinaus, dass verbale Aussagen, die auf sprachlicher Ebene als Lügen zu gelten haben, danach zu unterscheiden sind, ob sie auf die Schädigung des Nächsten zielen oder (wie im Fall der Hebammen) eben nicht.

Lügner aus gutem Herzen

Vier Jahre später, 1528, ist Luther noch einen Schritt weiter gegangen. In einer Predigt zu Mt 2,13ff kommt er auf das Verhalten der drei Weisen aus dem Morgenland zu sprechen, die Herodes nicht, wie ihnen befohlen worden war (Mt 2,7f), den Aufenthaltsort des neugeborenen Jesus mitgeteilt hatten (Mt 2,12). Strenggenommen, so Luther, haben die drei Weisen Herodes in der Tat belogen. Weil dies aber guten Herzens geschehen sei, könne, was sie getan haben, nicht eigentlich als Lüge gelten, sei, mit anderen Worten, nicht als Sünde zu bezeichnen. – Die auf Augustinus zurückgehende Beschränkung des Lügenbegriffs auf die Ebene der Sprache wird hier um die Dimension der Einbettung menschlichen Sprechens in zwischenmenschliche Verhältnisse angereichert: Die Weisen hatten das Kind angebetet und beschenkt, und es war ihnen im Traum befohlen worden, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren (Verse 11 und 12). Daraus war eine Verpflichtungssituation entstanden, die den Anspruch des Herodes-Befehls überschrieben hat. Und in einer solchen Lage sind Lüge und Sünde, anders als bei Augustinus, nicht mehr automatisch deckungsgleich.

Lüge als Tugend und Liebespflicht

Schließlich, in seiner späten Genesisvorlesung (1535–1545), hat Luther im Rahmen seiner Ausführungen zu den Geschichten von der ›Gefährdung der Ahnfrau‹ (Gen 12; 20; 26) nicht nur seine Auffassung wiederholt, nach der eine auf das Wohl des Nächsten zielende Lüge nicht wirklich eine Lüge ist, sondern nur uneigentlich, ja missbräuchlich so genannt wird. Sondern er hat hier die Lüge, die etwas Gutem dient, als Tugend und ausgezeichnete Klugheit, ja sogar als Liebespflicht bezeichnet, als officium caritatis. – Lüge und Sünde sind nicht mehr nur voneinander zu unterscheiden, sondern die Lüge kann nach Luther unter Umständen sogar als Ausdruck christlicher Nächstenliebe gelten.

Gefährliche Relativierung der Lüge?

Nun könnte es so aussehen, als würde durch diese Entlastungsstrategie die oben erwähnte Kritik von Heinrich Denifle bestätigt. Denn kann man Luthers Überlegungen nicht auch so verstehen, dass er die auf Opportunitätserwägungen beruhende Lüge moralisch aufgewertet hat? Und wird damit nicht die von Augustinus so klar betonte moralische Verwerflichkeit der Lüge gefährlich relativiert? – Ich denke, dass dies nicht der Fall ist. Die Lügen der Erzväter in den Erzählungen von der ›Gefährdung der Ahnfrau‹ sind nämlich nach Luther – ungeachtet ihrer schließlich heilvollen Folgen – gerade nicht Indizien für eine besondere Festigkeit im Glauben. Sondern sie gelten, ganz im Gegenteil, als Zeichen menschlicher Schwäche. In seinen Ausführungen zu Gen 20 und 26 hat Luther mit allem Nachdruck die Unentschuldbarkeit (und damit die Sündhaftigkeit) der Erzväterlügen betont: „Ich kann die Väter nicht entschuldigen, wie andere es tun, und ich will es nicht“.

Unentschuldbar, aber nicht unverzeihlich

Die etwa in den Lügen Abrahams und Isaaks biblisch bezeugten Schwächen gerade der Vorbilder im Glauben machen deutlich, dass kein Mensch in seinem Reden und Handeln der Wahrheit Gottes vollumfänglich gerecht zu werden vermag. Anders formuliert: Im schattenlosen Licht der Wahrheit Gottes kann niemand auf die Dauer leben. Für den Durchschnittschristen ist dies einerseits tröstlich: Er muss an seinen eigenen Lügen nicht (mehr) verzweifeln. Und anders als unter dem Vorzeichen des augustinischen Rigorismus gibt es jetzt Spielräume, was die Einzelbeurteilung konkreter Unwahrheiten angeht.

Andererseits führt die Einsicht in die Unvermeidbarkeit der Lüge unter den Bedingungen dieser Welt keineswegs zur Preisgabe des moralischen Standpunkts; die Lüge bleibt unentschuldbar. Aber, und hier wird der rechtfertigungstheologische Hintergrund von Luthers Auffassung zur menschlichen Lüge deutlich, diese Unentschuldbarkeit wird durch den Vergebungswillen Gottes kompensiert. Dass Gott die moralische Fehlbarkeit der biblischen Gerechten nicht ahndet, zeigt uns, so Luther, „dass wir einen gnädigen Gott haben, der uns unsere Schwachheit verzeihen, über diese hinwegsehen und uns unsere Sünden vergeben kann“.

Prof. Dr. Rochus Leonhardt

ist seit 2011 Professor für Systematische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

evangelische aspekte, Ausgabe August 2017

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