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Die Meinung, die man nicht teilt, ist noch lange keine „Lüge“

Nachrichten, Interessen und seriöser Journalismus

Von Jan Hofer

Foto: Jürg-Vollmer Maiakinfo, Wikipedia, CC-BY-SA 3.0

Wie verhalten sich die etablierten Medien zum Vorwurf, im Dienste des politischen Establishments die Wahrheit zu verschleiern? Wir haben Jan Hofer, Chefsprecher der Tagesschau, gefragt, wie er Rolle und Aufgabe der klassischen Informationsmedien in Zeiten des Internets sieht.

Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, sagte zu der Erfindung des Automobils: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Mit dieser Einschätzung lag nicht nur er falsch. Auch Ron Sommer, der damalige Vorstandsvorsitzende der Telekom, Anfang der 1990er Jahre: „Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ Auch er irrte sich grundlegend. In der Aussage gibt es allerdings einen kleinen Unterschied: Das Automobil hat zwar unsere Mobilität verändert, bei weitem aber nicht die Auswirkungen gehabt wie das Internet. Anfangs wurde das Medium der Neuzeit noch bejubelt, nun kommt in weiten Teilen das wahre Gesicht dieses weltumspannenden Netzwerkes ans Licht.

Das Internet ist vielfach hässlich geworden und feindselig. Damit wir uns richtig verstehen, noch nie konnte der Mensch technischen Fortschritt verhindern und wird es auch in Zukunft nicht können. Dagegen gibt es auch keine Gesetze. Nur wir selbst können dafür sorgen, dass es kein besorgniserregendes, sondern ein hilfreiches Mittel der weltweiten Kommunikation ist. Inzwischen hat Facebook mehr als zwei Milliarden Mitglieder und täglich kommen neue hinzu. Das ist ja grundsätzlich nicht zu beanstanden, noch nie waren so viele Menschen friedlich miteinander vernetzt und pflegten ihre Kontakte.

Agitation ist durch das Internet wirksamer, häufiger und persönlicher geworden

Nur: dem Internet ist inzwischen vielfach die Wahrheit abhandengekommen. Aus einem Medium der Aufklärung ist ein Instrument der Irritation geworden. Schon immer in der Geschichte der Menschheit wurde Agitation betrieben, wurde die Gesellschaft Opfer von Propaganda und absurden Verschwörungstheorien. Doch noch nie war es so leicht, diese falschen Gedanken in einer so unglaublichen Geschwindigkeit an so viele Menschen zu verbreiten. Und immer stecken politische oder wirtschaftliche Interessen dahinter.

Während der Ausschreitungen beim G20 Gipfel in Hamburg wurde zum Beispiel ein Interview mit einer vermeintlichen Polizistin verbreitet, in dem behauptet wurde, „die Chaoten“ hätten eine Kita und die Notaufnahme eines Krankenhauses attackiert. Daraufhin hätten die Patienten in eine andere Klinik verlegt werden müssen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Ausschreitungen waren schlimm genug, aber diese Attacken hat es nie gegeben. Die angebliche Polizistin war schlichtweg erfunden. Die Falschmeldung war gezielt verbreitet worden, um politische Interessen durchzusetzen. Die tatsächlichen Vorkommnisse haben den Urhebern offensichtlich noch nicht gereicht. Nur, was tun?

Die Bundestagswahl wird zum Prüfstein kritischen Bürgergeistes

Im Internet kann jeder ungeprüft seine Ansichten frei formulieren. Das gehört zur Meinungsfreiheit und es ist im Grundgesetz festgeschrieben. Eine unserer größten demokratischen Errungenschaften. Doch diese Meinungsfreiheit wird oft genutzt, um falsche Nachrichten gezielt zu streuen, die Bevölkerung zu manipulieren. Vor allem vor der anstehenden Bundestagswahl ist es sehr gefährlich, dass jeder ungeprüft seine Thesen und Ansichten verbreiten kann.

Wir unterscheiden juristisch zwischen einer Unwahrheit und der Lüge. Eine Unwahrheit kann unter Umständen unwissentlich erfolgen, eine Lüge aber bedingt den Vorsatz, Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Meist spielen ideologische Gründe dabei eine Rolle. Hier kommt ein neudeutsches Wort ins Spiel: die Fake-News. Als „Fake News“ gelten wissentlich gefälschte oder erfundene Nachrichten, mit denen die Öffentlichkeit für politische oder kommerzielle Zwecke manipuliert werden soll.

Wie gesagt, Falschmeldungen im Internet sind vor allem in Wahlkampfzeiten ein großes Thema. Einer Umfrage zufolge glaubt knapp ein Drittel der Deutschen, dass gezielte und vor allem in sozialen Medien gestreute Falschnachrichten den Ausgang der Bundestagswahl im September beeinflussen können. Kein normaler Internetnutzer ist in der Lage, in der Vielzahl und dem Wirrwarr an Informationen herauszufinden, was echt und was gefälscht ist. Wer ist denn dann die Kontrollinstanz, wer ist in der Lage, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden? Hier kommt seriösem Journalismus eine besondere Rolle zu. Es gehört zur Sorgfaltspflicht von Medien, deren Glaubwürdigkeit ihr größtes Kapital ist, solche Geschichten zu prüfen; und falls sie bereits erschienen sind, entsprechend zu korrigieren.

Als „Fake News“ gelten wissentlich gefälschte oder erfundene Nachrichten, mit denen die Öffentlichkeit für politische oder kommerzielle Zwecke manipuliert werden soll. (Foto: Pixabay, CC0)

Verpflichtendes journalistisches Berufsethos

Die Tagesschau und die Nachrichtenredaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender, und nur für sie kann ich sprechen, sind besonderen journalistischen Prinzipien verpflichtet. Diese werden in Zukunft immer wichtiger. Sie sind verpflichtet, die Fakten zu checken, und tun das auch mit größter Akribie. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Unsere Korrespondenten auf allen Erdteilen sind tief verwurzelt in den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen ihres Berichtsgebietes und überprüfen vor Ort die Gegebenheiten. Das ist ein schwieriges Unterfangen, denn auch sie sind natürlich oftmals Ziele von gezielter Desinformation.

Auf Transparenten und in Sprechchören taucht auf Pegida-Demonstrationen das Schlagwort „Lügenpresse“ auf. Der Soziologe Dieter Rucht hat versucht, dieses Phänomen zu analysieren. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung kein Vertrauen mehr haben in ›die‹ Medien.“ Der Vorwurf „Lügenpresse“ drückt eine gesellschaftliche Stimmung aus.

Damit geht sicherlich einher, dass sich die Medienrezeption verändert hat. „Niemand ist in der Lage, alles wahrzunehmen. Also sucht man sich die Medien, die möglichst nah an dem sind, was man selbst denkt.“ Rezipiert man dagegen ein Medium, das eine andere Position vertritt, als man selbst, ist man leichter geneigt zu sagen: „Das Medium berichtet einseitig.“ Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, wie die Presse die soziale Wirklichkeit darstellt, und wie das Publikum diese wahrnimmt.

Die Wahrheit ist uns allen anvertraut und zugemutet

Dem entgegenzuwirken ist nur möglich, wenn alle daran arbeiten, die Wahrheit herauszufinden. Das heißt konkret, sich nicht nur einer Informationsquelle zu bedienen, sondern verschiedene Aussagen heranzuziehen und miteinander abzuwägen. Das ist schwer, vor allem dann, wenn die Wahrheit nicht der eigenen Ansicht entspricht. Es gibt sicherlich bequemere Wege, denn analytisches Denken ist anstrengend. In einer komplexer werdenden Welt geht oft die Orientierung verloren. Diese muss durch intensiveres Hinschauen, Hinterfragen, Recherchieren und Abwägen wiedergewonnen werden.

Guter Journalismus braucht Zeit für akribische Recherche. Natürlich ist auch er gelegentlich anfällig für eine falsche Einschätzung. Wir haben uns nie gescheut, Fehler zuzugeben und damit die notwendige Transparenz herzustellen. Aber die Wahrheit ist nun einmal die Wahrheit, und die lässt sich auch nicht verleugnen, auch dann nicht, wenn sie den persönlichen Interessen des Einzelnen widerspricht.

Sehr schnell wird im Zusammenhang mit dem Begriff „Lügenpresse“ von der Zensur der Medien gesprochen. Alle Medien seien zensiert und zentral gesteuert. Manche Ideologen behaupten sogar, dass z.B. die CIA alle Redaktionen steuere und die Texte schreibe, die dann veröffentlicht werden. Das ist schlichtweg falsch. Eine Zensur findet definitiv nicht statt, zumindest nicht in Deutschland. Die Vielfalt der Medienlandschaft ist dafür Beleg genug. Jeder findet die Zeitung, die Zeitschrift oder die Sendung, die seinen Ansichten am ehesten nahekommt. Gegenteilige Meinung heißt noch lange nicht Falschinformation.

Und noch ein Hinweis: Das Wort „Lügenpresse“ war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff. Die Nationalsozialisten brachten ihn später als Propagandaschlagwort mit dem Ziel der Gleichschaltung in Umlauf. Ist es das, was wir in einer aufgeklärten Gesellschaft wollen? Mit absoluter Sicherheit nicht.

Im derzeit auf Hochtouren laufenden Wahlkampf spielt die Suche nach Wahrheit eine besondere Rolle. Jeder möchte die Regierung, die seinen Vorstellungen entspricht. Aber kann sie das auch halten, was sie vollmundig versprochen hat? Es liegt seit Jahrhunderten in der Natur der politisch Handelnden, Dinge zu versprechen, die nur schwer einzulösen sind.

Demokratie lebt von der selbstkritischen Informationsfreude ihrer Anhänger

Doch die Wahlbeeinflussung hat eine vollkommen andere Dimension erreicht. Die Technik des Internets spielt hier wieder eine unrühmliche Rolle. Meinungsroboter und ähnliche Programme speisen vermeint­liche Nachrichten in die Pipelines der sozialen Netzwerke ein, die vor allem Verwirrung stiften sollen. Jedenfalls entbehren sie oft jeglicher Grundlage. Politikern werden Zitate untergeschoben, mit denen sie nichts zu tun haben. Strohmänner geben sich als Parteimitglieder aus, um Schaden anzurichten.

Nach der ersten TV-Debatte im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf kam bei Twitter ein Drittel der Beiträge, die Trump Beifall spendeten, von automatisierten Computerprogrammen, sogenannten Social Bots. Es wird immer schwieriger, diese von realen Fans zu unterscheiden. Die Bewirtschaftung der immensen Menge an Datenspuren, die jeder Internetnutzer in der virtuellen Welt hinterlässt, eröffnet völlig neue Möglichkeiten für den digitalen Wahlkampf.

Ich fürchte, dass das, was wir in den USA erlebt haben, auch längst in Deutschland Einzug gehalten hat. Und da gibt es nur eine Möglichkeit dagegenzuhalten, auch die bietet das Internet. Ich bin sogar der Ansicht, dass es für jeden politisch interessierten Bürger eine Verpflichtung gibt, sich zu informieren. Niemand soll wieder sagen können, er habe es nicht gewusst.

Faktenchecker in eigener Sache

Werden Sie zu Faktencheckern in eigener Sache. Es gibt genügend Hilfestellungen. Im Internet unter vielen anderen die Webseiten „Faktenfinder“ auf tagesschau.de oder das Faktencheck-Netzwerk First Draft Coalition, das sich ebenso wie Corrective.org dem Kampf gegen Desinformation verschrieben hat.

Aber nicht nur die elektronischen Medien bieten Hilfestellung, wenn mal wieder die Rattenfänger über Facebook, WhatsApp oder Twitter die abstrusesten Meldungen absondern. Sprechen Sie doch einfach mal wieder miteinander. Holen Sie Meinungen nicht nur Gleichgesinnter ein oder hören Sie den wichtigen gesellschaftlichen Gruppen mal wieder genauer zu. Und vertrauen Sie dem seriösen Journalismus der Zeitungen, Zeitschriften und Sender in Deutschland. Wir bei der Tagesschau haben inzwischen eine eigene Abteilung eingerichtet, die versucht der täglichen Datenflut Herr zu werden und das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Wir tun alles um die Wahrheit herauszufinden und halten damit auch nicht hinter dem Berg. Auch wenn es Einigen nicht gefällt.

Jan Hofer

arbeitet seit 1984 als TV-Moderator und ist seit 2005 Chefsprecher der Tagesschau.

evangelische aspekte, Ausgabe August 2017

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