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Stichwort: Irreführende Werbung

Von Bertram Salzmann

Foto: Mariordo Mario Roberto Duran Ortiz, Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Können Autos lügen? Bis vor einiger Zeit hätte man das vermutlich als absurd zurückgewiesen. Doch seit dem Abgasskandal weiß man: Ebenso wie Menschen können Autos ihr wahres Wesen verschleiern, wenn sie auf dem Prüfstand stehen.

Autos tun dies freilich nicht von sich aus, sondern aufgrund einer Software, die ihnen eingepflanzt wurde, im Auftrag von Managern gigantischer Konzerne. Nun, da dies herausgekommen ist, sehen sich diese gezwungen, auch selbst zu lügen. Denn nur dann kann das Ausmaß ihrer wahren Verantwortung im Dunkeln bleiben. Die Angelogenen nehmen diese Dreistigkeiten überraschend gelassen hin. Zwar hat der Skandal staatliche Aufsichtsstellen auf den Plan gerufen, die jahrelang die Augen verschlossen hatten. Aber auf Protest-Karawanen von betrogenen Diesel-Käufern vor den Konzernzentralen der Autoindustrie wartet man vergeblich. Fast scheint es so, als wären viele Autofahrer von den aufgedeckten Machenschaften gar nicht so überrascht. Dass die von den Automobilkonzernen angegebenen Verbrauchswerte für ihre Fahrzeuge wenig mit der Alltagsrealität zu tun hatten, wusste man ja schon lange. Warum sollte es da mit den Abgaswerten so viel anders aussehen?

Misstrauen der Verbraucher

Aussagen von Firmen über ihre eigenen Produkte begegnen Verbraucher in Deutschland ohnehin überwiegend mit Misstrauen. „Das ist ja doch nur Werbung“, sagen die meisten und erwarten gar nicht mehr, dass ihnen als Kunden die Wahrheit gesagt wird. Doch auch der freie Umgang mit der Wahrheit in der Werbung hat seine Grenzen. Darauf achten unter anderem Verbraucherschützer. So gehen z.B. Verbraucherzentralen regelmäßig mit rechtlichen Schritten gegen irreführende Werbung vor.

Katharina Brugger, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

„Irreführend ist Werbung beispielsweise dann, wenn sie falsche Vorstellungen über das beworbene Produkt, die beworbene Dienstleistung oder das Unternehmen hervorruft“, erläutert Katharina Brugger von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Das können Lockvogelangebote sein, mit denen ein Supermarkt im Prospekt Produkte bewirbt, sie dann aber gar nicht vorrätig hat, falsche Heilungsversprechen, beispielsweise für Nahrungsergänzungsmittel, Mondpreise, mit denen Anbieter scheinbar große Rabatte versprechen. Auch Werbung, die Gratis-Produkte oder kostenlose Dienstleistungen verspricht, die später nicht eingehalten werden und trotzdem Geld kosten sollen, ist nicht zulässig.“

Verspieltes Vertrauen schadet dem Geschäft

Wahrheit und Werbung, das scheinen zwei Welten im Konflikt miteinander zu sein. Dies ist umso erstaunlicher, als seit langer Zeit bekannt ist, dass das Vertrauen von Kunden eines der wichtigsten Kriterien bei der Kaufentscheidung ist. Wenn Firmen dieses Vertrauen verspielen, können sie also zumindest nicht mit Wiederkäufern rechnen. Zudem können sich in Zeiten des Internets Erfahrungen enttäuschter Kunden rasend schnell verbreiten. Und zwei Drittel der Deutschen ziehen vor dem Kauf Online-Bewertungen zurate. Zwar hat über gefälschte Bewertungen und gekaufte Likes auch hier die Lüge längst Einzug gehalten. Aber sie bleibt in der Regel zumindest nicht unwidersprochen und schadet, einmal aufgedeckt, dem Image des Unternehmens doppelt.

In bestimmten Branchen braucht es offensichtlich besonders schmerzhafter Einschnitte, bis das Gebot der Redlichkeit wieder mehr Beachtung findet. Und auch vielen Kunden muss es wohl erst richtig weh tun, bis sie sich gegen wirtschaftlichen Betrug tatsächlich zur Wehr setzen. Erst als sich 2016 die Gefahr von Fahrverboten für Dieselfahrzeuge am Horizont abzeichnete, brach der Absatz von dieselbetriebenen Autos ein. Bis die Deutschen einmal auf die Barrikaden gehen, muss man ihnen schon ihr liebstes Spielzeug wegnehmen.

Dr. Bertram Salzmann

ist evangelischer Theologe und Mitglied in der Redaktion der „evangelischen aspekte“. Er promovierte über das Thema „Globale Verantwortung als Thema und Herausforderung deutschsprachiger Literatur“ (Wilhelm Fink Verlag, 2001).

evangelische aspekte, Ausgabe August 2017

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