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Mai 2012


„Garstige und schnöde Poeterey“

Das Neue Geistliche Lied wird den Makel des Minderwertigen nicht los – zu Unrecht

von Lothar Veit

Neue Texte und neue Melodien gehören seit Jahrzehnten zur gottesdienstlichen Praxis und zum liebgewonnenen Repertoire der Gemeinde. Doch seit seinen Anfängen in den 1960er Jahren muss sich das Neue Geistliche Lied gegen die kirchliche E-Musik verteidigen. Dabei sind die meisten Autoren neuer Lieder, zum Beispiel für Kirchentage, Sprach- und Kompositionsprofis. Und sie wollen das Gleiche, was schon Martin Luther vor fast 500 Jahren wollte: zeitgemäße Lieder singen, um die Menschen stärker am Gottesdienst zu beteiligen.

Lothar Veit ist Redakteur und Liedermacher in Hildesheim. Er gehört der Gruppe TAKT an.

Was kann es für einen Künstler Schöneres geben – von der Gage einmal abgesehen –, als ein so populäres Lied geschrieben zu haben, dass es sich ein Prominenter für eine Veranstaltung wünscht, die vor einem Millionenpublikum live im Fernsehen übertragen wird? Als Anfang März bekannt wurde, dass Christian Wulff zum Großen Zapfenstreich gern das Lied „Da berühren sich Himmel und Erde“ hören möchte, befand sich dessen Textautor Thomas Laubach gerade mit mehr als 30 Kollegen in der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte in Schlüchtern, um neue Lieder für den 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg 2013 zu schreiben.

Falls der Autor sich gefreut hat, wusste er es gut zu verbergen. Er sei neugierig, wie das Stabsmusikkorps der Bundeswehr das Stück interpretieren würde; viel mehr sagte er zu dem Thema nicht. Der Anlass war ja auch nicht nur freudig.

Die Presse ließ sich die Vorlage nicht entgehen und betrieb – mal mit mehr, mal mit weniger Häme – Textanalyse. Die Lieder beim Zapfenstreich erklingen zwar instrumental, aber der unrühmlich scheidende Bundespräsident wird sich bei den Zeilen „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu“ ja was gedacht haben.

Wenn man die Frage nach dem Nutzen von Militärritualen und die Vuvuzela-Begleitmusik einmal außer Acht lässt, bleibt die Erkenntnis, dass Lieder wie „Da berühren sich Himmel und Erde“ einen festen Sitz im Leben von Menschen haben, zum Beispiel, siehe Wulff, im Leben eines Katholiken aus Osnabrück.

Das Stück gehört zur Gattung des Neuen Geistlichen Liedes (NGL) und ist 1989 zur Welt gekommen, also ungefähr so alt wie die Neuen Bundesländer, ein Begriff, der allmählich aus dem Sprachschatz verschwindet. Beim Neuen Geistlichen Lied ist das nicht abzusehen. Auch das 52 Jahre alte Lied „Danke“ wird weiterhin darunter einsortiert.

Mit Definitionen tun sich aktive und passive Nutzer seitdem schwer. Eine hilfreiche Interpretation hat der Pastor und Liedermacher Fritz Baltruweit in einem Interview mit Dr. Peter Hahnen (Referent für musisch-kulturelle Bildung bei der „Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz“, von dem die erste und bislang einzige katholisch-theologische Dissertation über das Neue Geistliche Lied stammt) gefunden:

„Ich möchte das Attribut ‚neu‘ weniger auf das Liedalter bezogen wissen, sondern auf den Anspruch, dass das Lied eine Aussage macht, die einen theologischen Sachverhalt verständlicher und damit zugänglich macht und insofern neu ist. Das kann sich darin zeigen, dass alte Wahrheiten wiederentdeckt und wiederbelebt werden oder dass Gedanken überhaupt neu gefunden werden. […] Sonst können Sie mit einigem Recht fragen, was an den Liedern nach wenigen Jahren jeweils noch neu sein soll. Mit der musikalischen und theologischen Sprache geschieht ja in diesen Liedern – wenn sie gelungen sind – etwas Neues.“


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