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Schwerpunktthema "Überwachung"

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Editorial, Mai 2016

Liebe Leserin, lieber Leser!

Allah ist dem Menschen näher als seine Halsschlagader, heißt es im Koran (Sure 50,16). Auch digitale Geräte begleiten uns im Alltag auf Schritt und Tritt. Selbst wenn man vielleicht ein digitales Armband mit Puls- und Blutdruckmessung als Fitness-Tracker für übertrieben hält, so nutzen doch inzwischen fast alle, die ein Smartphone bei sich tragen, auch ein Navigationsprogramm, das zur Orientierung in einer fremden Umgebung unglaublich hilfreich sein kann.

Und Beziehungen zu anderen Menschen sind selbstverständlich mit den vielfachen Möglichkeiten digitaler Kommunikation verknüpft. Allerdings produzieren wir mit jeder Suchanfrage nach dem kürzesten Weg und mit jeder SMS oder Whatsapp-Nachricht auch Metadaten, die nach und nach zu einem immer dichteren Netz unserer Lebensäußerungen werden. Wem sollen diese Daten zur Verfügung stehen? Diese Frage stellt sich nicht nur im Zusammenhang staatlicher Überwachung sondern ebenso für privatwirtschaftliche Interessen.

„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt Martin Luther in seiner Katechismuserklärung zum ersten Gebot. Es kann heute nicht darum gehen, die Nutzung des Smartphones und anderer digitaler Endgeräte als Götzendienst zu brandmarken. Wesentlich ist allerdings, dass ich in der Gewöhnung an digitale Orientierungshilfen, die Fähigkeit zu eigener Orientierung nicht aufgebe.

Für die Beiträge des Hefts formulieren Autorinnen und Autoren mit ihrer je eigenen Kompetenz aus unterschiedlichen Perspektiven juristische, individuelle, politische, kirchliche und wissenschaftliche Zugänge und Positionen. Im Interview zeigt Johanna Haberer, dass auch Theologie und evangelischer Glaube zu einer scheinbar vor allem technisch bestimmten Diskussion etwas beitragen können. Selbstbestimmung gehört grundsätzlich zur Würde jedes Menschen. Eigenorientierung braucht Übungsfelder und darf nicht als scheinbar überflüssige menschliche Eigenschaft verlernt oder preisgegeben werden.

Möge auch die Lektüre des aspekte-Hefts wie immer eine Anregung zu eigenem Denken sein, ganz gleich, ob Sie die Texte nun online oder in der klassischen Papierversion lesen.

Es grüßt Sie aus der Redaktion

Stephan Mühlich

Stephan Mühlich

seit 2010 Studierenden- und Hochschulpfarrer im Ökumenischen Zentrum auf dem Campus Vaihingen der Universität Stuttgart, Redaktionsmitglied der „evangelischen aspekte“.

evangelische aspekte, Ausgabe Mai 2016

Überwachung und Freiheitsrechte. Wie der Kampf gegen den Terrorismus zum Angriff auf Grundrechte wird
von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Geheimdienste außer Kontrolle? Ein Bericht aus dem NSA-Untersuchungs-Ausschuss
von Konstantin von Notz

Stichwort: Privatheit
von Benjamin Heurich

Ist jungen Menschen die digitale Überwachung egal? Privatsphären-Management im digitalen Zeitalter
von Ingo Dachwitz

Das Internet hat seinen Preis! Welche Zukunft hat die Informationsökonomie?
von Hermann Preßler

Bei totalitären Ansprüchen muss die Kirche aufschreien. Theologische Perspektiven auf das Bürgersein in der digitalen Welt
Johanna Haberer im Gespräch mit Bertram Salzmann

Gesellschaft am Scheideweg. Wie Algorithmen und Big Data die Zukunft bestimmen
von Dirk Helbing

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