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Bei totalitären Ansprüchen muss die Kirche aufschreien

Theologische Perspektiven auf das Bürgersein in der digitalen Welt

Johanna Haberer im Gespräch mit Bertram Salzmann

Vor einem Jahr hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern zusammen mit der Universität Erlangen-Nürnberg ein „Medienkonzil“ zum „Bürgersein in der digitalen Welt“ veranstaltet. Wir haben nachgefragt, was aus den Impulsen der Veranstaltung geworden ist.

Frau Haberer, Sie haben 2015 das „Medienkonzil“ in Nürnberg mit initiiert. Wie kam es zu diesem „Konzil“ und was war sein Anliegen?

Das „Medienkonzil“ knüpfte an die EKD-Synode 2014 zum Thema „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ an. Es stand zum anderen im Zusammenhang mit dem Jahresthema der Reformationsdekade „Bibel und Bild“, also einem Medienthema. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich die Medienwelt in unserer Zeit durch die Digitalisierung ähnlich massiv verändert wie zur Zeit der Reformation durch neue Bildwelten und den Buchdruck. Wir wollten diese Entwicklung aus Sicht der lutherisch-reformatorischen Theologie beurteilen und Konsequenzen für die Gesellschaft und insbesondere für das kirchliche/christliche Leben diskutieren.

Mit dem Begriff „Konzil“ haben Sie dabei einen hohen Anspruch formuliert…

„Konzil“ war im Sinne von „Concilium“ (Rat/Zusammenkunft) gemeint, nicht im Sinne eines „Konzils“, das in der Tradition der katholischen Kirche offene Fragen autoritativ entscheidet. Die Begriffswahl sollte aber auch die Bedeutung der Thematik unterstreichen. Mit über 180 TeilnehmerInnen und zahlreichen Fachleuten haben wir an zwei Tagen zentrale medientheologische und medienethische Aspekte diskutiert. Der gemeinsame Eindruck der Veranstalter war, dass eine gesellschaftliche wie kirchliche Diskussion zu diesem Thema nicht ausreichend stattfindet und selbst in interessierten Kreisen mehrheitlich eine gewisse Ratlosigkeit vorherrscht. Das wollten wir ändern.

In Ihrem Impulspapier für das Konzil „Das Netz als sozialer Raum“ haben Sie zentrale Fragen der „Kommunikation und Gemeinschaft im digitalen Zeitalter“ aufgeworfen. Inwieweit handelt es sich bei diesen Fragen um einen Gegenstand der Theologie?

Wie wir untereinander und mit Gott kommunizieren ist das Grundthema der Theologie. Und wenn sich die Voraussetzungen und Bedingungen der Kommunikation so radikal ändern wie heute, dann ist das nicht nur ein gesellschaftspolitisches und kirchenpolitisches Thema, sondern auch ein spirituelles und ein theologisches. Die Kirche muss sich um solche Veränderungen von Kommunikation kümmern, weil Kirche von Kommunikation lebt und deshalb auch neue Formen von Kommunikation theologisch durchdringen muss.

Wie genau verändern sich denn nach Ihrer Wahrnehmung Kommunikation und Gemeinschaft durch das Internet?

In jedem Fall erleben wir einen Abbau von Schamgrenzen. Menschen werden ununterbrochen kommentiert, wenn sie sich im Netz zeigen und äußern, sie werden teilweise verfolgt durch Mobbing und Stalking, und das alles in einer qualitativ anderen Form als wenn man das nur mit seiner leiblichen Existenz tut. Das ist durchaus ein Angriff auf das christliche Verständnis von Würde eines jeden Menschen.

Oder wenn Sie sich z.B. Untersuchungen zur Frage „Wie gut kennt Facebook dich?“ anschauen: Wenn man 11 „Likes“ gesetzt hat, dann kennt Facebook dich besser als dein Arbeitskollege, wenn du 250 „Likes“ gesetzt hast, dann kennt Facebook dich besser als dein Lebenspartner. Da muss man sich schon fragen: Was „kennt“ eigentlich Facebook und wie verhält „kennen“ sich hier zu „durchschauen“. Durchschauen ist ja eine kalte, auf Entlarvung ausgerichtete Tätigkeit. Ein solches „Kennen“ stiftet deshalb auch eine ganz andere Art von Beziehung, als wenn wir als Christen sagen: „Gott kennt dich“ oder: „Ich kenne dich“. In einem solchen „Kennen“ schwingt immer auch Liebe und Achtung mit und nicht bloß das Ziel zu decouvrieren.

In Ihrem Impulspapier für das Konzil sprechen Sie in diesem Zusammenhang von einem „Recht auf Geheimnis“. Was ist damit gemeint?

Manches an den aktuellen Entwicklungen steuert auf eine Gesellschaft zu, in der es keine Geheimnisse mehr gibt, ja, wo es geradezu als verderblich angesehen wird, wenn ein Mensch Geheimnisse hat. „Privatsphäre ist Diebstahl“, formuliert in Dave Eggers hochaktuellem Roman Der Circle eine Figur, die Marc Zuckerberg, dem Chef von Facebook, nachgebildet ist (vgl. die Rezension auf S. 42 in diesem Heft). Damit ändern sich grundlegende Voraussetzungen von Kommunikation und Gemeinschaft.

Wir als Kirche reklamieren ja gerade ein Menschenrecht auf ein Geheimnis: Da gibt es einen Raum zwischen Gott und mir, der abgeschlossen und nur Gott und mir zu eigen ist. In diesem Raum kann auch all das Platz finden, was ich vor den Blicken anderer Menschen verborgen halten möchte. Dass dieser Raum geschützt bleibt, ist gerade auch für das christliche Sakrament der Beichte und damit auch für pastorale Praxis und kirchliche Online-Seelsorge von höchster Bedeutung.

Überall wo nun eine Technologie einen Gesamtanspruch auf die Menschen erhebt und sich zum Ziel setzt, ihn bis ins Innerste zu kennen, da muss die Theologie und die Kirche deshalb aufschreien. Wir reden als Christen von der Unverfügbarkeit des Menschen und von seiner Beziehung zu Gott, die mit totalitären Ansprüchen jeder Art unvereinbar ist.

Heißt das z.B. konkret: „Christen sollten nicht bei Facebook sein“?

Ach nein! Es geht nicht darum, eine Technologie zu verteufeln oder zu einer großen Verweigerungsaktion aufzurufen. Sondern es geht darum – auch das ist eine zutiefst reformatorische Tradition – zu eigenem Urteil und verantwortlichem Verhalten zu befähigen. Die Mediennutzung gehört aus diesen Gründen auch zu den großen Bildungsthemen der Kirche. Es ist ein Selbstbildung- und Selbstbefähigungsthema, es ist aber auch ein Thema für den Religionsunterricht und für die Erwachsenenbildung.

Der einzelne Nutzer muss sich einer gewissen ethischen Verantwortung bewusst sein, die er im Netz hat. Er muss sich gewisse Techniken der Verschlüsselung angewöhnen, muss abwägen, was er im Netz preisgibt und was nicht, und er muss sich fragen: Wie spreche ich andere Menschen an bzw. wie interveniere ich, wenn es z.B. in Foren beleidigend oder erniedrigend wird. Es gibt ja altes Traditionswissen wie z.B. das 8. Gebot: „Du sollst kein falsch Zeugnis reden“, das auch in diesem Kontext gilt. Auch eine digitale Gesellschaft lebt davon, dass sie wahrhaftige Informationen austauscht und die Würde des Gegenübers in der Kommunikation achtet.

Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Kirche auch die Aufgabe hat, alternative Räume der Kommunikation und der Gemeinschaft anzubieten, also z.B. in der Jugendarbeit: Wir gehen wandern und schalten das Handy ab. Dabei geht es darum, sich nicht in eine Abhängigkeit von den digitalen Medien zu begeben, sondern auch Räume der Unabhängigkeit und Freiheit zu bewahren.

Wie sollte sich die Kirche dazu verhalten, dass das Internet zunehmend ein Ort von Überwachung und Ausspähung ist?

Ich überschaue inzwischen fast 35 Jahre Medienentwicklung und das Internet ist ja gerade von der Evangelischen Kirche seinerzeit freudig begrüßt worden. Wir haben damals gesagt: Es ist geradezu ein „protestantisches“ Medium. Es vernetzt die Menschen, erlaubt neue Formen von Teilhabe, es birgt ungeheure Möglichkeiten. Aber der Geist, in dem die Ideengeber dieses Netz einst geträumt haben, ist leider in den Folgejahren nicht weitergeführt worden. Es ist von Überwachungsorganen, von staatlichen Organen und von großen Firmen übernommen worden. Und somit richtet sich die Kritik nicht gegen die Technologie, sondern gegen die Architektur, in der die Technologie heute genutzt und eingesetzt wird. Hier muss ein kritisches theologisches Nachdenken ansetzen und die Frage stellen: Wie müsste die Architektur dieser Technologie beschaffen sein, damit die Menschen damit kommunizieren können, wie wir als Christen Kommunikation verstehen.

Derzeit ist es doch so, dass wir die Technologie benutzen und sie uns gleichzeitig beherrscht, weil wir die Logiken und die Algorithmen dahinter nicht verstehen. Wir bedienen riesige Firmen mit unseren Daten und was dahinter passiert, ist uns unbekannt. Es gibt keinen politischen Willen, der die Eigentümer dieser Technologie zwingt, uns das zu erklären. Insofern ist es auch ein reformatorischer Impuls zu sagen: Wir wollen mitbestimmen, nicht nur scheinbar, indem man uns vorgaukelt, wir seien selbst Herr unserer eigenen Kommunikation, sondern tatsächlich.

Inwieweit ist aus Ihrer Sicht gerade die Kirche berufen, sich zu solchen Themen kritisch zu äußern?

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals hat man festgestellt, dass der Propagandafunk der Nazis ein ganzes Volk manipuliert hatte. Beide Kirchen haben sich deshalb seinerzeit vorgenommen, künftig so etwas wie ein „Wächteramt“ über die Medien wahrzunehmen. Sie sagten, die Formen der öffentlichen und medialen Kommunikation, ihre politische Einbettung und ihre Kontrolle ist ein zutiefst kirchliches Thema. Wenn wir uns darum nicht kümmern, dann verraten wir unseren Auftrag.

In dieser Tradition hat die Kirche jetzt erst angefangen, sich auch der veränderten Kommunikation durch das Internet zuzuwenden. In der Kundgebung der EKD-Synode von 2014 gibt es erste Ansätze, und in unserem Impulspapier haben wir versucht, so etwas wie Selbstverpflichtungen der Kirche zu beschreiben. Die Begeisterung der kirchlichen Gremien und Gemeinden, sich damit auseinanderzusetzen, ist allerding relativ gebremst. Die meisten mit dem Thema „Internet“ befassten Personen in den Kirchen beschäftigen sich noch vorrangig mit Fragen wie: „Wie machen wir eine schöne Plattform? Wie erreichen wir möglichst viele Menschen? Haben wir auch ein paar schöne Spiele?“ Die Frage der politischen Relevanz ihres Tuns stellen sie sich selten.

Würde kirchliche Kritik zu diesem Thema von der Politik und den betreffenden Firmen denn überhaupt ernst genommen und gehört?

Natürlich überfällt einen leicht das Gefühl einer gewissen Ohnmacht und Resignation: Solche Firmen kommen einem vor wie Kraken, an die man ohnehin nicht rankommt. Ich war kürzlich auf einer Tagung, auf der genau diese Frage diskutiert wurde. Die Andacht am Morgen war dann zur Geschichte vom brennenden Dornbusch, in der Gott zu Mose sagt: „Geh zum Pharao in Ägypten und richte ihm aus…“. Mose antwortet: „Wer bin ich denn…“, aber Gott antwortet: „Ich schicke dich!“.

Ich finde also, die Resignation oder das „In-die-Knie-Gehen“ vor der Aufgabe, solche Firmen ins Gespräch zu bringen, darf keine christliche Haltung sein. Und ich glaube, wenn die Kirchenleitung die Verantwortlichen von Google und Facebook zum Gespräch bitten würde, würden die schon kommen.

Wie beurteilen Sie die Resonanz auf das Medienkonzil in kirchlichen Gremien und Gemeinden?

Wie Reaktionen und Folgeveranstaltungen (z.B. mit Internetbeauftragten von Landeskirchen) zeigen, haben wir mit dem Medienkonzil in bestimmten kirchlichen Kreisen durchaus etwas in Bewegung gebracht. Allerdings geht es nur langsam voran. Nach wie vor gibt es nur relativ wenige Menschen im Raum von Theologie und Kirche, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Einen großen „Aufschlag“ dazu auf EKD-Synoden- oder Kirchenleitungsebene haben wir leider durch das Medienkonzil nicht erreicht.

Zum Weiterlesen

Johanna Haberer: Digitale Theologie. GOTT und die Medienrevolution der Gegenwart. Kösel Verlag 2015, 208 S., 16,99 EUR, e-Book 13,99 EUR.

Johanna Haberer

ist Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

evangelische aspekte, Ausgabe Mai 2016

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