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Gott als Weltmacht

Und warum ist davon so wenig zu merken?

Von Bertram Salzmann

Foto: Pixabay, CC0

Das Vertrauen in die weltordnende Macht Gottes ist selbst bei vielen Christen längst brüchig. Die Welt scheint vielerorts in heilloser Unordnung und Gott weit weg. Was ist von ihm noch zu erwarten?

Von den jüngeren Bundesbürgern, die sich als gläubig bezeichnen oder dem Glauben zumindest nicht ablehnend gegenüberstehen, stimmen 38,1 Prozent der Aussage zu, dass „Gott in den Lauf der Welt eingreift“. Ein größerer Anteil von 39,9 Prozent glaubt das hingegen nicht (15. Shell-Studie, 2006, Befragung unter 12–25 Jährigen). Die Mehrheit selbst der Gläubigen oder „Glaubensnahen“ hängt also einer Überzeugung an, die traditionell als „Deismus“ bezeichnet wird. Danach wird das Göttliche zwar für den Ursprung des Universums verantwortlich gemacht, sein aktuelles Wirken in der Welt aber bestritten.  Gott „hat den Himmel zugemacht, ist abgereist, ist ganz weit weg und kümmert sich‘n Dreck“, beschreibt Udo Lindenberg diese Haltung weniger akademisch in seinem Song „Kleiner Junge“.

Ganz anders klingt das noch im Gesangbuch der ersten Christen, dem Psalter: „Alle Welt fürchte den HERRN, und vor ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet. Denn wenn er spricht, so geschieht‘s; wenn er gebietet, so steht‘s da“, heißt es z.B. in Psalm 33,8f. Auch an anderen Stellen des Alten Testaments ist zwar nicht von „Allmacht“ die Rede – dieser Begriff spielt in der Bibel nur am Rande eine Rolle –, aber doch von überaus großer, auch in die weltliche Sphäre hineinreichender Macht Gottes. In Jesaja 45,7 bekennt sich Gott sogar selbst zu seiner umfassenden Weltmacht: „der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.“

Die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit

„Es scheint indes, als seien sich die biblischen Menschen der Macht ihres Gottes nicht immer sicher oder über ihre Wirkungsweise nicht immer glücklich gewesen“, konstatiert allerdings auch der Alttestamentler Walter Dietrich in seinem Artikel „Allmacht Gottes“ im Wissenschaftlichen Bibellexikon WIBILEX: „Der Anspruch bzw. die Erwartung und die erfahrbare Wirklichkeit klafften allzu oft auseinander. Einzelne Gläubige litten unter der Ungerechtigkeit Mächtiger, Israel litt unter auswärtigen Mächten, Jhwh schien machtlos“ (www.wibilex.de/stichwort/13033/). So trifft denn Gott beispielsweise auch in Jesaja 63,15 die vorwurfsvolle Frage: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“

Diese Frage ist seither nicht mehr verstummt, bis heute bedrängt sie in Form der berühmten Theodizee-Frage auch viele Christinnen und Christen: Warum greift Gott nicht ein, wenn das Leid überhandnimmt? Warum nutzt er seine Macht nicht, um Menschen vor Unheil zu bewahren und für friedliche und gerechte Zustände in der Welt zu sorgen? – Eine der gängigsten Antworten lautet: weil die Welt durch einen eigengesetzlichen Ablauf gesteuert wird, in den selbst Gott nicht (mehr) verändernd eingreifen kann. Man geht davon aus, dass die Welt wie ein einmal aufgezogenes Uhrwerk unabänderlich abläuft oder dass nach einmal vollzogener Schöpfung statt Gott nun allein der Mensch mit den Entscheidungen seines freien Willens die Weltläufe bestimmt (vgl. den Beitrag von H. Preßler in dieser Ausgabe).

Gott greift ein – anders als gedacht

Gleichwohl gehört es zum Kern des christlichen Bekenntnisses, dass Gott vor 2000 Jahren auf alles entscheidende Weise in den Lauf der Welt eingegriffen hat: nämlich in der Verkündigung und im Wirken von Jesus aus Nazareth, in seinem Sterben und seiner Auferweckung. Allerdings stellt es damals wie heute die besondere Zumutung des christlichen Glaubens dar, gerade im augenscheinlichen Scheitern der Mission Jesu und in seiner öffentlichen Hinrichtung als Verbrecher das machtvolle Wirken Gottes zu sehen.

Bekanntlich waren es denn auch zunächst nur wenige, die sich einen Reim darauf machen konnten, warum der erwartete Messias nicht als mächtiger Herrscher ein neues Reich aufgerichtet hatte, sondern als verurteilter Gotteslästerer jämmerlich zugrunde gegangen war. Im Christus-Hymnus des Philipper-Briefes liest dieser „Reim“ sich so: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (Philipper 2,6-8).

Warten auf die Macht „von oben“

Auf die auch heute immer wieder neu gestellte Frage: „Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ gibt Gott eine für viele Menschen enttäuschende Antwort: „Hier, mit der menschgewordenen Botschaft meiner voraussetzungslosen Gnade ans Kreuz genagelt!“ Statt des herrschaftlichen Eingreifens macht Gott damit das aufopferungsvolle Erdulden zum Kennzeichen seiner Macht. Einen anderen Erweis seiner Herrschaft, als den, den Jesus sterbend am Kreuz erbracht hat, bleibt er schuldig.

Umso erstaunlicher ist es, wie wenig christliche Erwartungen an Gottes Weltmacht bis heute von diesem dramatischen Paradigmenwechsel berührt sind. Und dies, obwohl doch in jeder Kirche das Bild des gedemütigten Menschen, der die (Ohn-)Macht Gottes verkörpert, an prominentester Stelle im Blick ist. Sollte dieses Bild nicht immer wieder neu in Erinnerung rufen, dass sich Gottes Weltmacht gerade nicht in herrschaftlicher Machtausübung „von oben“ auswirkt? Dennoch ist es genau das, was viele Christenmenschen bis heute von Gottes Macht erwarten. Das zeigt sich bis in die Formulierung gottesdienstlicher Fürbitten hinein, wenn ein direktes Eingreifen Gottes im Stil eines machtvollen Herrschers erbeten wird.

Das Bild des Gekreuzigten – ausgeblendet

Es erstaunt außerdem, wie wenig das eigene Handeln der meisten Christinnen und Christen davon geprägt ist, dass im Zentrum ihrer gottesdienstlichen Andacht ein öffentlich exekutiertes Folteropfer steht. Offensichtlich wird dessen Bild ebenso wenig als Mahnmal für die Opfer von Terror und Gewalt auch in unseren Tagen verstanden wie als Zeugnis der Ohnmacht und des Leidens Gottes angesichts dieser Gräuel. Sonst wäre das gänzlich unbefangene Feiern von Gottesdiensten, in denen diese grausame Wirklichkeit keinerlei Rolle spielt, im Angesicht dieses Bildes kaum möglich.

Foto: Pixabay, CC0

Aber sich dieser Zumutung und den damit verbundenen Anfragen für das eigene Leben zu entziehen, scheint eine der Fähigkeiten zu sein, die Gottesdienstbesucher/innen ebenso wie Pfarrer/innen in besonderer Weise beherrschen. Indem das Bild des Gekreuzigten, das doch allen vor Augen ist, durch die gottesdienstliche Praxis selbst auf weite Strecken ausgeblendet oder an den Rand gedrängt wird, hält man sich die unerbittliche Anfrage Gottes vom Leib, was man denn selbst angesichts dieser gotterbärmlichen Wirklichkeit zu unternehmen gedenke. Der Ruf nach Gottes Eingreifen ermöglicht es gleichzeitig, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen und im eigenen Leben alles beim Alten zu lassen. Ironischerweise wird das Bild des Gekreuzigten gerade dadurch neu mit einem Sinngehalt aufgeladen, zu dem viele Christenmenschen heute ebenfalls eher ein kritisch-distanziertes Verhältnis haben: Der Mann am Kreuz verkörpert das durch die (Mit-)Schuld des Betrachters zu Tode gekommene Opfer.

Es scheint also, als hätte selbst die Christenheit die seltsame Macht-Lektion, die Gott in Jesus vor zweitausend Jahren aller Welt erteilt hat, bis heute nicht gelernt: Die einzige Art und Weise, wie Gott in dieser Welt handeln kann oder will, ist offensichtlich durch Menschen, die sich von seiner Ohnmacht in die Pflicht nehmen lassen. Darin steckt ein revolutionärer Keim, der die Welt vielleicht tatsächlich mehr als alles andere verändern könnte. Es ist der Keim eines Handelns, das sich an den Ursachen von Not und Unrecht selbst beteiligt weiß und das sich von der voraussetzungslosen Hingabe Jesu zu ungekanntem Eintreten gegen diese Realität inspirieren und ermutigen lässt.

Grandiose Überforderung?

Gibt es eine Chance, diesem Auftrag zu entsprechen? Oder bedeutet er angesichts all des Leids, das im Bild des gekreuzigten Gottessohnes zusammenschießt, eine grandiose Überforderung? – Unstrittig dürfte sein: So sehr Christinnen und Christen im Angesicht des Kreuzes als je einzelne mit ihrer Verantwortung konfrontiert werden, so sehr können sie diese Verantwortung nur gemeinsam schultern. Individuelle Hilfs- und Opferbereitschaft kommt, so groß und wertvoll sie auch sein mag, schnell an ihre Grenzen. Dem Ausmaß der Herausforderung kann das Handeln deshalb nur entsprechen, wenn (Christen-)Menschen sich zusammentun und gemeinsam aktiv werden. Das gilt erst recht, weil es nicht nur um die Hilfe für Opfer geht, sondern vor allem auch um die Veränderung von Wirkungszusammenhängen, die Menschen zu Opfern machen. Mit individueller Wohltätigkeit allein ist es da nicht getan, es erfordert vielmehr organisierte Solidarität und politisches Engagement.

Weltmacht des Wortes

Um Christenmenschen als Glieder der (Welt-)Gesellschaft wie als „Gemeinschaft der Heiligen“ zu solchem Handeln zu inspirieren und zu ermutigen, müsste das Bildnis des Gekreuzigten in Kirchen und Andachtsräumen freilich öfter als Schock- denn als Schmuckfaktor wahrgenommen werden. Es müsste zum Erschrecken nicht nur über das darin vergegenwärtigte Leid, sondern auch über das eigene Leben angesichts dieser Wirklichkeit führen. Darin könnte der Keim eines Erwachens und auch entsprechender Veränderungen des eigenen Lebens wie des Zusammenlebens liegen.

Zur christlichen Demut gehört das Bewusstsein, dass dies die Welt zwar nicht gänzlich umkrempelt, aber dennoch zum Wirken Gottes gehört, mit dem er seine von Jesus verkündigte „Herrschaft“ anbrechen lässt. Denn wem die Botschaft des gekreuzigten Christus zu einer Gotteskraft  wird, der/die gewinnt gerade dadurch auch einen geschärften Blick für die Würde eines jeden Menschen und bleibt davon im eigenen Handeln nicht unberührt. Zugleich kann daraus auch eine Verbundenheit zu den Psalmbetern der Bibel entstehen, die schon Jahrhunderte vor den ersten Christen in ihrem Glauben an den einen Gott Israels immer wieder den Widerspruch einer Geschichte zwischen Verheißung und Ohnmacht aushalten mussten. Es ist die eigentliche Weltmacht Gottes, Menschen durch die Verkündigung seines verstörenden Wortes bis heute immer wieder neu für diesen Weg zu gewinnen.

Dr. Bertram Salzmann

ist evangelischer Theologe und Mitglied in der Redaktion der „evangelischen aspekte“. Er promovierte über das Thema „Globale Verantwortung als Thema und Herausforderung deutschsprachiger Literatur“ (Wilhelm Fink Verlag, 2001).

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