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Künstliche Intelligenz steuert uns

Wie Technologien des Silicon Valley die Welt erobern

Von Kai Schlieter

Foto: Pixabay, CC0

Durch den Einsatz selbstlernender Software entsteht algorithmisch und in Echtzeit regulierte Politik. Konzerne und Regierungen nutzen digitale Datenberge als Grundlage für Prognosen und Entscheidungen. Was Donald Trump und Barack Obama zum Erfolg führte, könnte auch die Wahlen zum Deutschen Bundestag im Herbst beeinflussen.

Vor wenigen Wochen sorgte ein Schweizer Magazin mit einer Geschichte international für Schlagzeilen. Darin wird beschrieben, wie die britische Firma Cambridge Analytica von 220 Millionen Amerikanern exakte Persönlichkeitsprofile modellierte, um darauf abgestimmt den High-Tech-Wahlkampf für Donald Trump zu führen, der ihn erst zum Präsidenten machte (www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/). Trumps Chefstratege Steve Bannon war Aufsichtsrat der Firma. „Psychometrie“ nennt sich der Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen mathematisch zu vermessen. Darauf spezialisiert ist die Cambridge University.

Big-Five: Fünf Charakterzüge machen den Menschen vorhersagbar

In der Psychologie findet das zugrunde liegende Big-Five-Modell seit rund 40 Jahren Anwendung. Demnach lassen sich alle Charakterzüge eines Menschen anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen errechnen: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion (Geselligkeit), Verträglichkeit und Neurotizismus (Verletzlichkeit).

In Kombination mit automatisierter Datenanalyse ergeben sich interessante Einsatzfelder. Bereits 68 Facebook-Likes reichen, um die Hautfarbe eines Menschen zu prognostizieren (95-prozentige Treffsicherheit) oder seine sexuelle Neigung (88-prozentige Wahrscheinlichkeit) oder: ob er Demokraten wählen wird oder Republikaner (85 Prozent). 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern. Mit 300 Likes kann ein Computer das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner.

Mit einer von Daten getriebenen Propagandamaschine gewann Trump die Wahl. Nach der internationalen Empörung ruderte die Firma schließlich zurück und es erschienen Artikel, die nahelegten, die Firma sei vor allem im Marketing in eigener Sache sehr erfolgreich. Wer das jedoch glaubt, klammert sich eher an eine analoge Hoffnung. Tatsächlich sind all diese digitalen Manipulationstechnologien im Einsatz. Sie werden auch bei der Bundestagswahl eine Rolle spielen.

Die Welt als digitales Modell

Es war übrigens der Demokrat Barack Obama, der als erster diese Art des kybernetischen Wahlkampfs führte, der in Echtzeit den Puls der Bevölkerung maß, psychologisch profilierte, um dann mit gezielter personalisierter Ansprache Millionen Menschen politisch zu manipulieren. Wahl-Werbung in einer Dauerschleife mit eingebauter Wirkungsforschung. Er gewann so seine Wiederwahl 2012, die als extrem unwahrscheinlich galt, weil er 100 Millionen Dollar in das Datenteam investierte. Seine intelligenten Polit-Algorithmen errechneten 66.000 Wählersimulationen – täglich.

Das bedeutet die Digitalisierung: Über die sichtbare Welt legt sich ein unsichtbares digitales Raster, dessen Maschen enger und enger werden, bis schließlich die Welt zu hundert Prozent als digitales Modell vorliegt.

Smart Cities und Smart Homes sind die Begriffe dafür, dass sich diese Datennetze über unsere Städte legen und in unsere Wohnungen dringen. Amazon Echo – der digitale Assistent des Konzerns, der den Zugang zu Amazon und dem Internet per Sprache revolutionieren soll, zeichnet alles auf, was in der Wohnung gesagt wird. Sprachmuster werden zu Persönlichkeitsprofilen. Ein deutsches Start Up für Künstliche Intelligenz entwickelt so – Worthäufigkeiten, Wortwahl – in wenigen Minuten ein psychologisches Daten-Profil, für das Therapeuten lange Gespräche führen müssten – die dort allerdings strengster Vertraulichkeit unterliegen.

Die digitalen Netze legen sich über die Menschen und formen Daten-Doppelgänger. Hochkomplexe Modelle von Ihnen selbst befinden sich auf internationalen Server-Farmen. Wer so viel weiß über uns und das sekündlich genauer, kann eine hochdifferenzierte Manipulationsmaschine entwickeln. So entstanden die mächtigsten Bewusstseinskonzerne der Erde: Facebook und Google. Mit jeder Suchanfrage wird Ihr Persönlichkeitsprofil facettenreicher. Und Ihre Daten-Doubles werden permanent getestet, wie Sie auf die unterschiedlichsten Einflüsse reagieren. Wie wirkt diese Werbung an diesem oder jenem Ort? Lässt sich das Daten-Doubel A mit den Impulsen B und C zu Ort D bewegen? Das machen Konzerne ebenso wie Regierungen mit Ihnen: Milliardenfache digitale Menschenversuche, um Sie permanent zu prognostizieren.

Gebrauchsanweisung zur Manipulation

Seit Edward Snowden ist belegt, dass auch Geheimdienste so arbeiten. Die NSA hat diverse Programme für Künstliche Intelligenz. Eines mit dem Titel „Monster Mind“. Der britisch GCHQ entwickelt auf Basis des Big-Five-Modells automatisierte Propaganda. Das Programm heißt „Squeaky Dolphin“. In den Snowden-Dokumenten finden sich Präsentationen mit der Überschrift: „Psychologie: eine neue Art der Signalentwicklung.“ Und Gebrauchsanweisungen zur Manipulation: „Überzeugungen ausbeuten“, „erzeuge psychologischen Stress“, „simuliere Verhalten“.

Das Verhalten Ihres Daten-Doubels hat reale Auswirkungen hier draußen. Wenn Ihnen Algorithmen von Versicherungskonzernen, Krankenkassen oder Geheimdiensten aufgrund Ihres Verhaltens einen schlechten Score zuweisen, dann kriegen Sie auch draußen Probleme. In den USA bleiben auf diese Weise Inhaftierte auch nach Ablauf ihrer Strafe im Gefängnis. Zu gefährlich. Andere bekommen keinen Kredit, weil die Black Box der Algorithmen so entschieden hat. Weil Daten und Korrelationen zunehmend als Wahrheit gelten. Weil das erstaunlich gut funktioniert, werden drastische Fehler ignoriert. Maschinen entscheiden über Leben.

Atmosphäre und Infosphäre werden eins

In China erhalten die Bürgerinnen und Bürger ab 2020 den Citizen-Score als Identifikationsmerkmal neben dem Ausweis. Ein algorithmisch errechneter Punktwert qualifiziert die digitalen Doubles und damit die Menschen. Der Score definiert den Zugang zu beruflichen Positionen, oder Reisezielen. Er errechnet sich aus den Seiten, die sie aufrufen, den Postings, oder was sie bei Alibaba – dem chinesischen Online-Giganten – kaufen. Der Citizen-Score reguliert künftig, mit wem sich die Menschen treffen, mit wem sie befreundet sind und wen sie meiden – denn Bekannte mit negativem Punktwert reduzieren den eigenen Wert. Algorithmisch und in Echtzeit regulierte Politik. Ähnliches passiert auch in der westlichen Welt. Unsichtbar.

Das ist möglich, weil Atmosphäre und Infosphären eins werden. Eine soziale Physik wird mithilfe leistungsstarker Systeme sichtbar. Dank der Daten, die wir permanent erzeugen. Der Economist schätzt, dass bis 2020 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Smartphones besitzen, die ununterbrochen verschiedenste Daten emittieren. Punkte, die die digitale Matrix unserer Welt immer höher auflösen, das Netz feinmaschig wie eine zweite Haut machen.

Über 1,8 Milliarden Menschen nutzen Facebook regelmäßig. Google hat einen Marktanteil von über 90 Prozent. 2014 veröffentlichte Facebook eine Studie, die klar machte, dass mit den Usern ununterbrochen digitale Laborexperimente unternommen werden. In einer der renommiertesten Wissenschaftszeitungen der Welt wurde forschungssicher belegt, dass der Konzern aktiv den emotionalen Zustand von Menschen verändern kann. Durch Variation des Newsfeeds lassen sich Stimmungen aufhellen oder verdunkeln.

Künstliche Intelligenz übernimmt das Programmieren

Denn wir sind viel vorhersehbarer, als wir denken. Deswegen wurde Google allein durch das Platzieren von Werbung im Internet zu einem der mächtigsten Konzerne der Welt. Die dafür nötige algorithmische Prognose von Verhaltensmustern macht 90 Prozent des Geschäftsmodells aus. Nicht zufällig ist Google tatsächlich ein Konzern für Künstliche Intelligenz. Jeder Programmierer des Konzerns soll in KI geschult werden.

Die Gefahren sind nicht absehbar, wenn Sie sich klarmachen, dass High-Tech-Manipulationstechnologien zunehmend ohne menschliche Eingriffe wirken. Automatisiert, dank Künstlicher Intelligenz. Selbstlernende Software entwickelt Software, die ihre Entwickler nicht mehr nachvollziehen können, weil die Programmcodes bereits zu komplex geworden sind. Es lassen sich Ziele definieren, und Systeme übernehmen dann die Zielerreichung. Das passiert in sämtlichen Bereichen unserer Gesellschaft. Algorithmen, die sich selbst generieren, die aus Versuch und Irrtum mathematisch Erfahrung modellieren und neue, optimierte Software entwickeln. Die wiederum entwickelt erneut optimierte Software.

Pedro Domingos, Informatiker der Universität Washington, schreibt: „Heute müssen wir nicht mehr Computer programmieren, sie programmieren sich selbst“. Er beschreibt, wie ein „Master Algorithmus“ jeden weiteren Algorithmus überflüssig machen könnte, weil er ihn selbst generiert. Ein perpetuum mobile der Informationsverarbeitung – Kognition.

Programmieren bedeutet, Prozesse zu automatisieren. Künstliche Intelligenz beschreibt den Prozess der Automatisierung der Programmierung. Also: Der Automatisierung der Automatisierung. Die zeitgemäße Definition von Kontrollverlust.

Die preiswerte Fütterung der Daten-Doppelgänger

Damit diese Systeme funktionieren, sind immer mehr Daten nötig. 2015 sollen so viele Daten entstanden sein, wie zuvor in der gesamten Geschichte der Menschheit. Ähnliches gilt für die Rechenleistung: 1961 kostete 1 Gigaflop 1,1 Trillionen Dollar und wurde nur durch die Zusammenschaltung von 17 Millionen IBM-Rechnern erreicht. Im Januar 2015 kostete die gleiche Rechenleistung nicht einmal einen Cent.

2015 wurden laut Economist 8,5 Milliarden Dollar in KI-Firmen investiert. Merill Lynch beziffert den Gegenwert durch die Einsparung von Arbeitskräften bis 2025 auf 9 Billionen Dollar. Eine der spürbaren Kehrseiten der Technologie sind die Jobverluste von Millionen Menschen. Davor warnten Wissenschaftler der Universität Oxford schon vor drei Jahren.

KI-Systeme steuern das Rückgrat unserer Infrastruktur. Ebenso das globale Finanzsystem. Rund 70 Prozent der US-Stock-Exchange (Wertpapierbörse, d. Red.) basiert auf Hochfrequenzhandel. BlackRock verwaltet als weltweit gigantischstes Finanzkonglomerat 5 Billionen Dollar. Die Künstliche Intelligenz, die das steuert, heißt "Aladdin". Der Historiker Philip Mirowski spricht ganz zu Recht von einer "Cyborg-Ökonomie".

Wenn Gehirnwellen die Heizung regulieren

Alles kommuniziert miteinander, alles sendet Daten. Wohnungen, in denen Geräte per Gedanken steuerbar werden, wo sich die Heizung einschaltet, wenn die Bewohner frieren, weil Algorithmen Gehirnwellen interpretieren lernen – Forscher der türkischen Gazi Universität arbeiten daran. Das MIT stellte ein System vor, das EQ-Radio heißt. Das Gerät sendet Wellen aus, die vom Körper reflektiert werden und eine Klassifikation des Gemütszustandes ermöglichen, weil bestimmte Körperdaten rekonstruierbar werden.

Hitachi beförderte 2015 ein intelligentes System zum Chef seiner Lagerlogistik. VITAL ist gleichberechtigtes Mitglied im Aufsichtsrat eines Bio-Tech-Investors.

Entstünde eine Superintelligenz, warnte Stephen Hawking 2014 im Independent, könnte „sie Finanzmärkte überlisten, ebenso Forscher, es würde menschliche Führungspersönlichkeiten manipulieren und Waffen entwickeln, die wir nicht mehr verstehen können“. Er zählt diese Technologie zu den größten Gefährdungen der Menschheit.

In dieser Welt gilt die Demokratie als eine „veraltete Technologie“, wie der Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel verbreitet. An die Stelle von Politik sollen Konzerne wie Google, Apple oder Facebook rücken, die unser Zusammenleben in Echtzeit optimieren. Tatsächlich werden es intelligente Systeme sein.

Der Strippenzieher hinter Donald Trumps Erfolg ist übrigens der Hedgefonds-Manager Robert Mercer. Er steckte Millionen in Trumps Wahlkampf, hält Anteile an Cambrige Analytica und verdiente seine Milliarden an der Börse – mithilfe Künstlicher Intelligenz (www.newyorker.com/magazine/2017/03/27/the-reclusive-hedge-fund-tycoon-behind-the-trump-presidency).

Zum Weiterlesen

Kai Schlieter: Die Herrschaftsformel. Wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, manipuliert und steuert. Westend Verlag 2015; 272 Seiten; 19,99 EUR.

Kai Schlieter

ist seit Februar 2017 Leiter des Team Investigativ bei der Berliner Zeitung (DuMont) und leitete zuvor bei der taz das Ressort „Reportage und Recherche“. Mehrfach preisgekrönte Recherchen, z.B. 2014 Journalistenpreis „Der lange Atem“.

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