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November 2009


Ein weites Feld

Atheistische Bewegungen in unserer Gesellschaft

von Reinhard Hempelmann

In einer pluralistischen Kultur wird nicht nur den Gläubigen zugemutet, mit Nichtglaubenden in Respekt zusammenzuleben. Diese Zumutung gilt auch umgekehrt. Der selbstreflexive Umgang mit den Grenzen der Vernunft und der Wissenschaft ist eine unerlässliche Voraussetzung für das Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen.

Dr. Reinhard Hempelmann ist Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)

Die Busaktion gab atheistischen Bewegungen eine neue Sichtbarkeit. “There is probably no God”, so stand es auf den Londoner Doppeldeckerbussen. Auch in Deutschland machte ein Bus Reklame für ein erfülltes Leben ohne Glauben und ohne Gott.

Für unsere heutige Gesellschaft gilt, dass beides gleichzeitig da ist: Religion in verschiedensten Ausformungen und nicht weniger vielgestaltige Religionskritik. Und mit beidem müssen sich die christlichen Kirchen auseinandersetzen: mit einem säkularen Humanismus einerseits und einem zunehmenden religiösen Pluralismus andererseits, hervorgerufen und verstärkt durch Migration, durch das Sendungsbewusstsein nichtchristlicher Religionen und durch die Globalisierung der Weltanschauungen.

In historischer Perspektive ist allerdings zu unterstreichen: Der Weg der Menschheit ist  unumkehrbar. Der Atheismus ist nachgeborener Stiefbruder des Gottesglaubens. Er lebt vom Protest, vom Widerspruch, von Bekenntnis zum Nichtglauben, vom Anti-Credo: “Der Herr ist kein Hirte.”

A-Theismus ist ein Relationsbegriff. Er bezieht sich auf eine wie immer geartete Vorstellung Gottes, die verneint wird. Insofern gibt es den Atheismus nicht ohne den Gottesglauben.

Voraussetzungen und Kontexte

Der neuzeitliche Atheismus entstand in Ländern und Gesellschaften, die durch das Christentum geprägt wurden. Er ist insofern ein Phänomen mit kulturgeographischer Begrenzung. Das Vorkommen des Atheismus in anderen Kulturen und im Zusammenhang nichtchristlicher Religionen bedarf differenzierender Wahrnehmung.

Von christlichen Theologinnen und Theologen ist der Atheismus als Herausforderung für ihr Denken angenommen und keineswegs nur abgewehrt worden. Sofern er auf problematische Ausformungen und Verzerrungen des Christlichen hinweist, wurde ihm zugestimmt. Er konnte als Fortsetzung der christlichen Entgötterung der Welt aufgefasst werden.

Religionskritik, die darauf abzielt, fragwürdige Vermenschlichungen Gottes aufzuzeigen, hat ihre Berechtigung. Auch ein biblisch inspirierter Gottesglaube deckt die Zweideutigkeit von Religion und Religiosität auf. Man denke an die Geschichte vom Goldenen Kalb im 1. Mosebuch, an die prophetische Kultkritik, an die von Jesus betonte Unterordnung der Religionsgesetze unter ihren humanen Zweck.

Im europäischen Kontext wird über atheistische Bestreitungen Gottes seit Jahrhunderten intensiv diskutiert. Eine verständliche und zusammenfassende Darstellung dieser Diskussion findet man etwa in dem 1978 erschienenen Buch von Hans Küng, Existiert Gott?

Küng skizziert, wie Theologie und Philosophie bestimmt waren von dieser Frage. Im Dankeswort seines Buches schreibt er: “Dies Buch ist zur Ergänzung von ‘Christsein’ gedacht: […] gewachsen aus dem Bedürfnis, die Gottesfrage zu vertiefen und die Auseinandersetzung mit Atheismus und Nihilismus gründlich durchzuführen.” Ausführlich stellt er verschiedene Ausprägungen des Atheismus dar.

Er geht auf Ludwig Feuerbach ein, der meinte, dass das Geheimnis der Theologie die Anthropologie sei, und plädiert für eine anthropologische “Reduktion” der Religion. Ausführlich wird der Atheismus von Karl Marx vorgestellt, in dem die Religionskritik mit einer säkulariserten Form christlicher Eschatologie und einem gesellschaftlichen Revolutionsprogramm verbunden ist. Ebenso thematisiert wird Sigmund Freuds Verständnis der Religion als illusionärer Wunscherfüllung und kollektiver Zwangsneurose.

Küng betrachtet Friedrich Nietzsches Nihilismus als die eigentliche Konsequenz des Atheismus: “Führt der Atheismus, zu Ende reflektiert und konsequent vollzogen, nicht schließlich zur Umwertung aller Werte, zur Zerstörung der bisherigen Moral und zum Nihilismus?” Nietzsches philosophisches Konzept habe einen prophetischen Charakter, der sich im 20. Jahrhundert bewahrheitete.


Der Text erschien im November 2009 zum Themenschwerpunkt Atheismus


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