zeitschrift_im_internet

November 2009


Editorial

 

 

Walter Schmidt

Nach der vielbeschworenen “Wiederkehr der Religion” macht nun ein “neuer Atheismus” von sich reden. Darauf reagieren die meisten Beiträge dieser Ausgabe und fragen nach den Herausforderungen, die daraus für Kirche und Theologie entstehen. Carlo M. Martini und Umberto Eco haben 1999 gefragt: “Woran glaubt, wer nicht glaubt?”

Die medienwirksamen Protagonisten der neuen Atheismusdebatte sind Richard Dawkins mit "Der Gotteswahn" (2007) und Christopher Hitchens mit "Der Herr ist kein Hirte" (2007). Dawkins verficht einen aggressiven biologischen Evolutionismus und will auch die Religion in sein naturalistisch-monistisches Weltbild einordnen. Er erscheint als der Vertreter eines “wissenschaftlichen” Fundamentalismus, einer Spielart des religiösen Fundamentalismus.

Hitchens und mit ihm zahlreiche andere Vertreter des neuen Atheismus werfen der Religion ihre Gewalthaltigkeit vor. Herbert Schnädelbach zeigt sich (inzwischen) als “frommer Atheist”, der den Verlust des Glaubens beklagt. Ihm ist mit rationalen Argumenten für den Glauben nicht geholfen, denn was ihm fehlt, ist “faith”, das Vertrauensverhältnis, und nicht “belief”, die Zustimmung zum Inhalt des Glaubens.

Darüber hinaus zeigt sich neben den bekannten antireligiösen und antitheologischen Klischees, vorgebracht im neuen Selbstbewusstsein eines “säkularen Fundamentalismus”, auch ein spezifisch christlicher, aus dem Leben und Leiden des Glaubens selbst aufsteigender Atheismus. So sehr das “Nichtmehrglaubenkönnen” der Atheisten als Anfrage an einen (wandlungsunwilligen) Glauben ernst zu nehmen ist, so sehr ist auch dem Atheisten eine skeptischere Haltung gegenüber der eigenen Gottesskepsis zu wünschen – und den Christen eine “skeptische Gelassenheit”.

Religiösen und Christen, Agnostikern und Atheisten geht es ähnlich. Auch Letztere haben keine objektiv beweisbaren Antworten, letztlich “glauben” auch sie. Beide, Gläubige und Nichtgläubige, gehen ein Risiko – um mit Blaise Pascal zu sprechen – eine Wette ein. Die Frage ist nur: Ist der Glaube ein unvernünftiges Risiko oder eine verantwortete und verantwortliche “Wette”? Jedenfalls muss man sich dabei selber riskieren – auf Leben und Tod. Immerhin hat sich der biblische Gott im Leiden und Sterben eines Menschen der Härte des Lebens und Negativität des Todes selbst ausgesetzt. Von dieser Gegenkraft, die Leben schafft, lebt, wer glaubt. “Worte des ewigen, unverweslichen Lebens” nennt dies das Johannesevangelium (6,68).

Evangelische Akademikerschaft in Deutschland
Im Lontel 31, 71254 Ditzingen