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November 2009


Schöpfungsglauben und Evolutionsverständnis

Ein Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem “neuen Atheismus”

von Gebhard Fürst

Der aggressive “neue Atheismus” richtet erneut Grenzen zwischen Naturwissenschaften und Theologie sowie Kirche auf, die längst überwunden sind. In der Folge unterläuft er die tragenden Grundwerte unserer Gesellschaft; er stellt die Basis für Wirtschafts- und Sozialdarwinismus.

Dr. Gebhard Fürst ist Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Dieser Beitrag geht zurück auf einen Vortrag, den der Verfasser erstmals auf dem Herbstfest des Bischofs in Stella Maris, Stuttgart, am 20. September 2009 gehalten hat. Der mündliche Text wurde nur geringfügig überarbeitet.

Wer aufmerksam Themen und Diskussionen in der Gesellschaft verfolgt, der stößt immer wieder auf eine Gemengelage von Themen, die sich – durchaus auch im Umfeld der Sorge um den Zustand der Umwelt und die Klimaentwicklung – um die Frage nach der Schöpfung und in diesem Zusammenhang um die Frage nach Gott, um die Auseinandersetzungen um die Evolutionstheorie, den Kreationismus und das intelligent design drehen. Dazu gehört auch die Frage, ob der Mensch dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen darf: Fragen der Gentechnologie und der Frage, wer Herr über Leben und Tod ist.

Ein weiterer Kontext ist die Renaissance des Religiösen und die erstaunte Feststellung, dass Religion sich nicht einfach verflüchtigt, je aufgeklärter die Menschen werden. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung bezeichnen sich zwei Drittel der Menschen in Deutschland als religiös bis hochreligiös.

Das also ist der Hintergrund für die folgenden Überlegungen, die vordergründig zunächst ihren aktuellen Anlass im Gespräch zwischen christlichem Glauben und Naturwissenschaft, zwischen Evolutionslehre und Schöpfungsglauben haben. Ein Gespräch, dessen Hintergrund aber sehr viel über Entwicklungen in unserer Gesellschaft und allgemeine Grundhaltungen verrät, Entwicklungen, bei denen es mir wichtig erscheint, hier aus kirchlicher Sicht auch öffentlich Stellung zu beziehen.

Charles Darwin

Das Jahr 2009 wurde vielfach als Darwinjahr ausgerufen. Vor 200 Jahren, am 12. Februar 1809, wurde Charles Darwin geboren. Zudem veröffentlichte Darwin sein zentrales Werk Über die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese im November 1859, also vor 150 Jahren.

Darwins Theorie war eine Antwort auf die zu seiner Zeit in der Luft liegende Frage nach der Konstanz oder Veränderlichkeit der Arten. Und es ist auch heute unbestreitbar, dass der Kerngehalt des Darwinismus – Selektion als ein mächtiges Motiv bei der Entwicklung der Artenvielfalt – bisher die tauglichste Hypothese zur Erklärung der biologischen Geschichte ist. Was die Frage von allem Anfang an theologisch brisant machte, hat mit unserem Staunen vor der ungeheuren Vielfalt und Komplexität der Organismen zu tun.

Die Evolutionslehre war lange Zeit auch mit ungeprüften weltanschaulichen Voraussetzungen belastet, die den Konflikt mit dem christlichen Glauben verstärkten. So wurde die Grundüberzeugung auch in andere Wissenschaften und Kulturgebiete übertragen – nicht zuletzt auch auf die Ethik –, dass nämlich die Evolution die Best-Angepassten mit dem Sich-Durchsetzen belohnt. Dieses “Recht des Stärkeren” wurde dominant.

Eine vergröbernde und gezielte Popularisierung brachte dann erst vollends den Konflikt. Das Darwin-Jahr 2009 hat die Auseinandersetzung um die Frage Darwinismus und Schöpfungsglaube verschärft. Mit der Ablehnung des Schöpfungsglaubens geht auch die Bestreitung Gottes einher.

Der Darwinismus liefert vielen das Argumentationsmaterial für die atheistische Position, Gott existiere nicht. Vereinfacht wird zum Beispiel gesagt: “Der Mensch hat sich aus dem Tierreich entwickelt, also braucht es keinen Schöpfer.” Überhaupt entstehe und entwickle sich das Leben aus sich selbst. Deshalb gelte es, den unaufgeklärten Schöpfungs- und Gottesglauben endlich ad absurdum zu führen. Wie weit das geht, zeigen besonders deutlich die Forderungen der Giordano Bruno Stiftung anlässlich des Darwin-Jahres, ein “Evolutionsfeiertag” solle das Fest Christi Himmelfahrt ersetzen. Denn der Staat, so die Stiftung, müsse den Atheismus bei den Feiertagen gleichberechtigt berücksichtigen.


Der Text erschien im November 2009 zum Themenschwerpunkt Atheismus


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