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November 2009


Verschiedene Vorstellungen wahrnehmen

Gott zwischen Atheismus und Fundamentalismus

von Günter Hegele

Neuere Vorstellungen von Gott scheinen eine Reduktion mit sich zu bringen. Das Profil christlichen Glaubens und seiner Frömmigkeitspraxis wird sicher schwerer zu bewahren oder gar neu zu entwickeln sein. Dafür gibt es dann mehr individuelle Möglichkeiten für den Glauben.

Im Gespräch mit einigen Bereichen der Naturwissenschaft haben Theologen, Philosophen und andere Wissenschaftler neue Möglichkeiten skizziert, wie bei Berücksichtigung von neuerem Weltverständnis heute von Gott gesprochen werden kann. Solche Bemühungen und Versuche stehen allerdings erst am Anfang und sind im gewohnten Betrieb der Kirchen noch weitgehend unbekannt oder schon von Konservativen abgelehnt (obwohl sie bei der Auseinandersetzung mit aggressiven Atheistenkampagnen und -autoren nützlich sein könnten, weil diese gegen etwas kämpfen, was von Christen gar nicht mehr oder nur noch in Resten vertreten wird).

Es ist aber noch offen, ob und wie solche Versuche mit neuen Gottesvorstellungen von Gläubigen und Nicht-Gläubigen aufgenommen werden. Waren schon bisher viele theologische Beiträge ziemlich abgehoben von der Praxis des Alltags und der Religiosität, so scheinen neue Vorschläge für Gottesbilder eher noch schwieriger, weil abstrakter und erklärungsbedürftig, zu sein.

Im Folgenden werden einige (ausgewählte) Ansätze für ein verändertes Gottesverständnis vorgestellt und daraufhin geprüft, ob das Wesentliche des bisherigen Gottesglaubens darin erhalten geblieben ist und wie praktisch damit umgegangen werden kann.

Unangemessene Gottesbilder

Friedrich Wilhelm Graf erinnert in seinem Buch Missbrauchte Götter nachdrücklich an das Bilderverbot im Alten Testament und in den Zehn Geboten und kritisiert dementsprechend zahlreiche Gottes- (und Menschen-!) Bilder im Bereich der christlichen Theologie, aber auch in Philosophie, Medien und anderen Religionen. Er zeigt auf, warum die vielen Götter auch im so genannten christlichen Abendland immer wieder den einen Gott überlagern und welche Rolle dabei das Bilderverbot spielt. Obwohl er das “elementare Faktum radikaler religiöser Pluralisierung ernst nimmt” und die intensiv gelebte Freude an Vielfalt teilt, fallen bei ihm viele Ausführungen zu Gottesbildern insgesamt unter das Verdikt der “Vielgötterei”. “Der eine Gott geht in den vielen Bildern nicht auf, die die Menschen sich von ihm machen.”

Der Bonner Altphilologe Hermann Usener hat 1896 den Begriff der Funktionsgötter geprägt. Wer wachsende Theodiversität erklären will, muss nach der Funktion oder den Funktionen fragen, die Gott, oder genauer: ein Gott, für diejenigen erfüllt, die ihn anbeten und als heilbringend verkünden. Viele der neuen Götter dienen als uncertainty manager, die unter den Bedingungen modernitätsspezifisch gesteigerter Kontingenzerfahrungen – statt Schicksal immer mehr Zufall – ein umfassendes Risikomanagement für das Leben insgesamt leisten.  

Gleichwertige Gotteserfahrungen auch in nicht-christlichen Religionen

Der Münsteraner Theologieprofessor Perry Schmidt-Leukel kommt in seiner Christlichen und pluralistischen Theologie der Religionen: Gott ohne Grenzen zu dem Ergebnis, dass “es weder möglich noch sinnvoll” sei, “den Gottesbegriff als das schlechthin konstitutive Element von Religion anzusehen”. Denn: In Religionen geschieht weit mehr und anderes, als die “gläubige Verehrung eines Gottes”. Viele Phänomene werden als Religion bezeichnet, für die die “gläubige Verehrung eines Gottes” nicht konstitutiv ist (Buddhismus, Jainismus, Taoismus und andere).

Folgerichtig wird dadurch die Exklusivität des Gottesbildes relativiert. Religionstheologischer Pluralismus sieht nicht nur auf die Vielfalt der Religionen, sondern geht von deren Gleichwertigkeit aus. In allen Religionen wird mit der Existenz einer transzendentalen Wirklichkeit gerechnet, von der aber in sehr unterschiedlicher Weise gesprochen und auf die mit verschiedenen Verhaltensweisen reagiert wird.

Grundlage einer Rede von einem (transzendentalen) Gott ist frühere oder kontingente Gotteserfahrung. “Deren Wahrheit liegt an ihrer Fähigkeit, [...] angemessene Reaktionen auf das Wirkliche hervorzurufen. Nach [John H.] Hick ist das genau dann der Fall, wenn diese Vorstellungen eine Umwandlung der menschlichen Existenz von der Selbst-Zentriertheit zur Zentriertheit auf die transzendente Wirklichkeit hervorbringt – eine Umwandlung, die sich unter den Bedingungen dieser Welt, in Mitgefühl (karuna) beziehungsweise Liebe (agape) er-weist.”

So schwer im einzelnen zu beurteilen sein wird, ob das der Fall ist, so erweist es sich doch bei den Untersuchungen Schmidt-Leukels zu den Religionen (Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus) als praktikabel, vornehmlich nach den Wirkungen des jeweiligen Gottesglaubens zu fragen. Auf diese Weise können sogar weitere Schritte auf dem Weg zu einer Welttheologie gemacht werden.


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