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November 2009


Der fromme Atheist

Ein kurzes Porträt Herbert Schnädelbachs

von Otto Böhm

Die Frömmigkeit des “frommen Atheisten” Herbert Schnädelbach nimmt das Verlorene ernst. Das, was das Christentum der Welt als Erbe zu geben hatte, sei im Guten wie im Schlechten übernommen und aufgebraucht; die Quelle sei überflüssig geworden, auch wenn dieses Erbe die Identität des Christentums selbst ausmache.

Otto Böhm ist Mitarbeiter der Nürnberger Nachrichten und des Nürnberger Menschenrechtszentrums. Die Zitate stammen, soweit nicht anders angegeben, aus Schnädelbachs Aufsatzsammlung Religion in der modernen Welt, Fischer-Taschenbuch 2009.

Pünktlich zur Jahrtausendwende erschien in der ZEIT ein Aufsehen erregendes atheistisches Pamphlet: “Der Fluch des Christentums”. Dabei war der Autor, der renommierte Hamburger Philosoph Herbert Schnädelbach, nicht gerade als Eiferer bekannt und wollte seinen Beitrag nur als “kulturelle Bilanz der Wirkungsgeschichte des Christentums” verstanden wissen. Zehn Jahre gilt der Autor in der Öffentlichkeit als namhafter Atheist. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich ein zugleich klarer und sensibler Geist.

Der Pastorensohn wuchs in pietistischem Umfeld auf und entkam der von ihm so empfundenen geistigen Enge und bildungsfeindlichen Welt durch ein Studium in Frankfurt. Religion war fortan nicht mehr sein öffentliches Thema. Er ist seit Jahren einer der fachlich hoch geschätzten Gegenwartsphilosophen und nur schwer einer “Schulrichtung” zuzurechnen.

Am ehesten kann sein Programm als eine “Theorie der Rationalität” verstanden werden, die sowohl die Grenzen der Wissenschaft als auch die Unterscheidung von Glauben, Meinen und Wissen untersucht. Dass er den Menschen zuerst als “animal rationale” charakterisiert, bedeutet nicht, dass er nicht auch die Dialektik der Aufklärung erkennt – er ging bei Adorno in die Seminare.

Vor 20 Jahren, im Rahmen einer Stellungnahme zu den Aufgaben der Philosophie, nahm er deutlich gegen einen Abschied von den Fragen der Metaphysik Stellung – aus der Erkenntnis heraus, dass die Wissenschaften Rationalität nicht gepachtet haben und auf “ganz wesentliche Fragestellungen, die uns angehen” keine Antworten geben können. Das klingt nun wie eine Brücke zu theologischen Fragestellungen.

Schnädelbachs Weg führt aber ganz entschieden nicht über diese Brücke. Der entscheidende Punkt bei ihm: Die “Wiederkehr der Religion” – für ihn immer auch die Wiederkehr des Fundamentalismus und die Gefahren des Monotheismus – reaktiviert seine historisch geschulte Religionskritik und seine fundierte Kenntnis christlichen Denkens.

Dabei wird er ganz ausdrücklich nicht zum Atheisten im Sinne des “neuen Atheismus”, der an das alte Freidenkertum anknüpft und eine Glaubenskonkurrenz sein will. Nein, mit Dawkins (“absurd, lächerlich”) oder der Giordano Bruno Stiftung möchte er nicht im Zusammenhang gesehen werden. Wir leben – so Schnädelbach – eh schon in einer post-atheistischen Zeit, da ist ein schäumender Atheismus überflüssig. Der Philosoph sieht eher einen Religionsverfall als eine Wiederkehr. Eine fundierte Religionskritik setze eine Kenntnis der Theologie und der Dogmatik voraus, die müsse heute erst wieder als Teil der Bildungsgeschichte von Individuen angelegt sein.

Über weite Strecken lässt sich das Verhältnis Schnädelbachs zum Glauben als ein Verlust oder Nachtrauern beschreiben. Er mag es nicht, wenn die religiösen Elemente in einer säkularisierten Gesellschaft ohne die Kernfrage nach dem Inhalt der Offenbarung herumgeistern, wie wenn sie ihm dafür zu schade wären. Sie sollen nicht “zur bloßen Garnitur unseres profanen Alltags werden”.

Sein Fazit: Wer den Glauben hat, kann ihn schlecht rational begründen. Er selbst hat ihn nicht, Argumente würden ihn auch nicht fromm machen. Warum ist dennoch ein in warmherzigem Ton geschriebener Aufsatz von ihm “Der fromme Atheist” – wohl eine Eigencharakteristik und ein trauernder Nachruf auf den verlorenen Glauben der Kindheit – überschrieben?

In einem Gespräch mit idea-spektrum betont er: “Religiöse Erfahrungen sind mir nicht unvertraut. Ich habe zum Beispiel als Achtjähriger die Bombardierung Dresdens überlebt, habe aber auch sehr große Glückserfahrungen in meinem Leben gemacht. Ich dachte oft: Ich würde mich gern beklagen oder bedanken, aber ich weiß nicht, bei wem! Die Stelle, an der andere für sich ‘Gott’ einsetzen, ist bei  mir leer. Man kann den Glauben nicht erzwingen, aber man kann sich dafür offen halten. Dazu bin ich bereit!”

Die “Frömmigkeit des frommen Atheisten” nimmt das Verlorene ernst. Er steht nicht “gegen Gott, er lehnt nichts ab und bekennt nichts Gegenteiliges. Er hat einfach nicht, was der fromme Theist zu haben beansprucht – den Glauben an Gott.” Ihm fehlt die Offenbarung.

Natürlich ist kein Zufall, dass dieses “Geschenk des Heiligen Geistes” bei ihm nicht ankommt. Denn sein kritischer Verstand sagt ihm, dass “die Crux aller Offenbarungsreligionen das Offenbarungsmodell selber” ist, der “Vorgang der Mitteilung von Wahrheiten und Richtigkeiten, die Annahme und Gehorsam einfordern” (in: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? herausgegeben von Schnädelbach, Hastedt, Keil, rowohlts enzyklopädie Reinbek bei Hamburg, 2009).

Denn: Welche Instanz unterscheidet angesichts vieler falscher Propheten das Authentische vom Trügerischen? Indem sich die Theologie als Wissenschaft dieser Frage stellt, gerät sie in der Sicht Schnädelbachs zur effektivsten Instanz der Religionskritik.

Das, was das Christentum der Welt als Erbe zu geben hatte, ist im Guten wie im Schlechten übernommen und aufgebraucht; die Quelle ist überflüssig geworden, auch wenn dieses Erbe die Identität des Christentums selbst ausmacht. Daher kann Schnädelbach auch nichts mit Habermas’ Sinnressourcen-Suche im Christentum anfangen. Diese Religion werde die (Selbst)-Aufklärung nicht überleben. Die “Sieben Geburtsfehler einer altgewordenen Weltreligion” (so die Unterzeile zum ZEIT-Artikel von 2000) wiegen für ihn zu schwer: “Die Erbsünde, die Rechtfertigung als blutiger Rechtshandel, der Missionsbefehl, der christliche Antijudaismus, die christliche Eschatologie, der Import des Platonismus sowie der christliche Umgang mit der historischen Wahrheit.”

Im Rückblick nach zehn Jahren gibt Schnädelbach indirekt Robert Spaemman recht: Schnädelbachs Empfehlungen liefen auf die Auflösung des Christentums hinaus, der Hamburger Philosophenkollege wolle ein Christentum, das seinen Kern verloren hat. Der fromme Atheist kann daher das Verlorene Christliche nur emotional als Verlust empfinden.

So fragt Schnädelbach zum Schluss seines Religionsbuches denn auch: “Was ist im Glauben als individuelle Sinnstiftung, als Gefühl der Geborgenheit oder des Vertrauens in den Zusammenhang zwischen Ich und Welt denn noch spezifisch christlich? Das ist Schleiermacher ohne Glaubenslehre und also eine Religiosität, zu der man auch auf ganz anderen Wegen als der biblischen Offenbarung gelangen kann.”

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Der Text erschien im November 2009 zum Themenschwerpunkt Atheismus


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