zeitschrift_im_internet

November 2009


Von der Toleranz zur Wertschätzung

“Wenn Du Gott erkannt hast, dann ist es nicht Gott, den Du erkannt hast.”

Interview mit dem Münsteraner Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie Perry Schmidt-Leukel zu seinem neuen Buch "Transformation by Integration. How Inter-faith Encounter Changes Christianity", London, SCM-Press 2009.

Herr Schmidt-Leukel, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die gegenwärtige Lage der Religionen als eine “zwischen Konfrontation und Interpenetration”. Was meinen Sie damit?

Schmidt-Leukel: Nie zuvor in der Geschichte sind sich die großen Religionen der Welt so nahe gekommen wie heute. Dies führt zu teilweise paradoxen Situationen. Auf der einen Seite gibt es zahlreiche Spannungen mit einer religiösen Dimension. Fundamentalistische Kräfte in den Religionen gehen auf Abwehrhaltung und Konfrontation. Das Konfliktpotential von Religion steht uns heute deutlich vor Augen. Religionskritiker wie Richard Dawkins haben sogar die provokante Frage gestellt, ob Religion die “Wurzel allen Übels” sei. Auf der anderen Seite erleben wir aber auch Formen konstruktiver Begegnung. Religionen öffnen sich füreinander in Dialog und Zusammenarbeit. Sie sind neugierig aufeinander und lernen voneinander. Immer mehr Menschen, auch in unserem Land, schöpfen für ihre eigene persönliche Spirtualität bereits aus unterschiedlichen Religionen.

Aber sind die religiösen Konflikte, von denen Sie sprechen, wirklich “religiös”? Werden Religionen nicht vielmehr missbraucht, um Konflikte zu verschärfen?

Natürlich gibt es diesen Missbrauch. Religionen können jedoch nur deshalb missbraucht werden, weil in ihnen ein genuin religiöses Konfliktpotential angelegt ist. Wären Religionen durch und durch friedensförderlich, könnte niemand auf sie zurückgreifen, um Konflikte zu verschärfen. Meines Erachtens stellt sich hier für die Religionen die wichtige Aufgabe, nach dem in ihnen selbst angelegten Konfliktpotential zu fragen.

Und das besteht worin?

Das ist von Fall zu Fall beziehungsweise Religion zu Religion verschieden. Dennoch gibt es hier auch Gemeinsamkeiten. Wenn eine Religion davon ausgeht, dass die von ihr verkündete Lehre zur höchsten Wahrheit führt und für das Leben des Menschen von letzter Bedeutung ist, die Lehren anderer Religionen jedoch entweder defizitär oder gar völlig falsch sind, dann wäre es aus ihrer Sicht wünschenswert, dass alle Menschen zu dieser einen Religion finden. Damit ist jedoch impliziert, dass idealerweise alle anderen Religionen verschwinden sollten. Wenn nun mehre Religionen so denken, dann stellen sie hierdurch latente Bedrohungen füreinander dar.

Das Konfliktpotential resultiert also eigentlich aus einer an sich integeren Haltung?

Ja, das ist genau der entscheidende Punkt. Die ehrliche Überzeugung von der Wahrheit der eigenen Religion und der an sich gute Wunsch, dass alle Menschen zu dieser Wahrheit finden sollten, liegt an der Wurzel religiöser Konflikte.

Nach Ihrer Meinung hängt dieses Konfliktpotential somit nicht von bestimmten Glaubensformen ab, also beispielsweise, wie oft behauptet, vom Monotheismus?

Nein, nach meiner Meinung resultiert das religiöse Konfliktpotential aus latenten Verdrängungshaltungen und der damit verbundenen Empfindung, die eigene Religion gegen solche Gefährdungen durch andere Religionen zu schützen. Das ist nicht etwas, was nur monotheistische Religionen betrifft. Blickt man etwa auf die lange Geschichte des Verhältnis von Hinduismus und Buddhismus, so war dieses immer ausgesprochen gespannt, was bis zum heutigen Tag, siehe Sri Lanka, auch immer wieder zu gewalttätigen Konflikten geführt hat.

Wie können Religionen mit Ihrem eigenen Konfliktpotential umgehen?

Es wäre schon viel geholfen, wenn sie sich die Existenz eines solchen Konfliktpotentials bewusst machten. In den christlich-jüdischen Beziehungen war es ein außerordentlich wichtiger Schritt, dass man auf christlicher Seite angefangen hat über die theologischen Wurzeln des Anti-Judaismus nachzudenken und sich mit diesen kritisch auseinanderzusetzen.


Der Text erschien im November 2009 zum Themenschwerpunkt Atheismus


Weitere Texte zum Themenschwerpunkt Atheismus

Sybille C. Fritsch-Oppermann

Weltweit verändert sich die Haltung zur Kategorie und Bedeutung von Gehorsam, Ungehorsam und Rebellion. Die Frage nach einer unveränderbaren Essenz ewiger Wahrheit in den Traditionen, die jenseits historischer Veränderungen und soziologischer Konditionierung besteht, bleibt letztlich unbeantwortet. Für Buddhisten stellt die gegenwärtige Autoritätskrise vor allem eine Herausforderung durch das moderne geschichtliche Verständnis der Religionen dar.
(lesen ...)

Reinhard Hempelmann

In einer pluralistischen Kultur wird nicht nur den Gläubigen zugemutet, mit Nichtglaubenden in Respekt zusammenzuleben. Diese Zumutung gilt auch umgekehrt. Der selbstreflexive Umgang mit den Grenzen der Vernunft und der Wissenschaft ist eine unerlässliche Voraussetzung für das Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen.
(lesen ...)

Gebhard Fürst

Der aggressive “neue Atheismus” richtet erneut Grenzen zwischen Naturwissenschaften und Theologie sowie Kirche auf, die längst überwunden sind. In der Folge unterläuft er die tragenden Grundwerte unserer Gesellschaft; er stellt die Basis für Wirtschafts- und Sozialdarwinismus.
(lesen ...)

Otto Böhm

Die Frömmigkeit des “frommen Atheisten” Herbert Schnädelbach nimmt das Verlorene ernst. Das, was das Christentum der Welt als Erbe zu geben hatte, sei im Guten wie im Schlechten übernommen und aufgebraucht; die Quelle sei überflüssig geworden, auch wenn dieses Erbe die Identität des Christentums selbst ausmache.
(lesen ...)

Sybille C. Fritsch-Oppermann

Der Mensch ist heute herausgefordert, in einer Welt Halt zu finden, die immer in Bewegung ist. Die Autorin plädiert dafür, Gott nicht romantisch in bewährten, fest gefügten Systemen zu verlieren, sondern ihn im vorbehaltlosen Hören auf Erfahrungen auch von Atheisten zu finden.
(lesen ...)

Theologische Werkstatt November 2009

Neuere Vorstellungen von Gott scheinen eine Reduktion mit sich zu bringen. Das Profil christlichen Glaubens und seiner Frömmigkeitspraxis wird sicher schwerer zu bewahren oder gar neu zu entwickeln sein. Dafür gibt es dann mehr individuelle Möglichkeiten für den Glauben.
(lesen ...)

Evangelische Akademikerschaft in Deutschland
Im Lontel 31, 71254 Ditzingen