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Auseinandersetzung mit dem Anderen

Wir sind heute auf ganz neue Weise Suchende. Dabei sind wir wie nie zuvor in der Gefahr, allzu schnell fündig zu werden oder eben das Suchen ganz zu unterlassen zugunsten eines fidelen Eklektizismus, der sich blind aus den Baukästen von Religionen und Weltanschuungen seine Antworten zusammenbastelt. Und die Leere, die dies zurücklässt, ist eben nicht mit dem “goldenen Mittelweg” Goetheschen Humanismus zu füllen.

So brauchen wir vielleicht erneut so etwas wie eine Apologie des (protestantischen) Christentums, müssen uns noch einmal neu und auf neuen Wegen an die Gebildeten unter den Verächtern der Religion wenden. Aber nicht an sie allein und schon gar nicht allein an die Bildungsbürger – und das Gespräch mit denen suchen, die für sich in Anspruch nehmen, Agnostiker oder auch Atheisten zu sein. Nicht vorschnell danach fragen, was glaube, wer nichts glaubt, sondern ausreden lassen, wie einer begründet, er glaube nichts.

Wir sind ja alle längst schon Wanderer zwischen den Welten. Und was in unserer Hand liegt, ist es, hieraus das Beste und vielleicht dann eben auch etwas wirklich Besonderes zu machen – “Deo volente” und “etsi Deus non daretur”, so Gott will und als gebe es Gott nicht.

Von “dual belonging” zu reden, wie es jüngst in Religionswissenschaft und in der Theologie der Religionen geschieht, reicht nicht aus. Es eröffnet in gutem Maße noch einmal die Debatte darüber, dass von Anfang an in jeder Religion synkretistische Anteile sind, wie auch über den “aufgeklärten Ansatz” liberaler Theologie im 19. Jahrhundert oder theozentrische und kreuzestheologische Modelle pluralistischer Religionstheologie. Und es macht ernst damit, als religionswissenschaftliche und theologische Aufgabe zu begreifen, was Glaube und Religion, so wie sie in der Welt nun einmal sind, vorgeben.

Gut ist auch, dass viel differenzierter zwischen wohlüberlegter doppelter Religionszugehörigkeit und so genannter “Patchworkreligion” unterschieden wird. Aber sicher ist eine solche doppelte Zugehörigkeit in keiner Weise der Zugehörigkeit qua Bekenntnis nur und nur einer Religion vorzuziehen.

Verantwortete Vorläufigkeit im Glauben

Brauchen wir also außer oben erwähnter neuer Apologie des Christentums in eigener konfessioneller Ausprägung auch und andererseits und drastisch ausgedrückt so etwas wie eine “hermeneutische Schizophrenie”, eine theologische, nicht nur religionswissenschaftliche oder religionsphilosophische Methode, mit der wir der Tatsache gerecht werden können, dass Menschen zwei Religionen nicht nur angehören, sondern bekenntnishaft angehören? Die innerchristliche Ökumene hat uns schließlich schon lange gelehrt, dass wir einander und uns selbst bereichern, wenn wir die Einheit in der Verschiedenheit anstreben, uns voneinander in Frage stellen lassen und voneinander lernen. Können wir mehrfache Einzigartigkeit nicht nur zulassen, sondern begreifen – und dies auch noch in einem Subjekt? Können wir es gerade in einem Zeitalter, in dem im Guten wie im Schlechten der Subjektbegriff im Sinne einer Entität sich mehr und mehr aufzulösen beginnt, ja bewusst und teils zu Recht, etwa gegen allzu anthropozentrische Vorstellungen und subjektivistische Einengungen, de-struiert wird? Und neben allen hermeneutischen und methodischen Überlegungen: Können Menschen diesen existentiellen Spagat ertragen, werden sie gar durch ihn bereichert?

Brauchen wir eine “verantwortete Vorläufigkeit” nicht nur im Tun, sondern auch im Glauben? Christlich und hier vor allem in der Folge der theologischen Auseinandersetzung mit Mystik gesprochen: Gibt es neben dem “pecca fortiter” – “sündige tapfer” – auch eine “tapfere Häresie”, einen “heroischen Unglauben” – “etsi deus non daretur”? Und hängt nicht letztlich das tapfere vorläufige Handeln in einer Welt voller Grenzsituationen von der Gewissheit ab, wir sollten – gerade wenn wir an das Paradies noch glauben können – in der Welt in jedem Augenblick so handeln, als gäbe es gerade dieses nicht?

Brauchen wir eine “Hermeneutik des Kreuzes”, die endlich damit ernst macht, dass es sich hierbei um ein Zeichen des Heils und der Erlösung, der Sündenvergebung für die Heiden handelt, das niemals in eine Theologia triumphans hätte einmünden dürfen und das sich, so Gott will – und das ist wahrscheinlich, da er doch der liebende Schöpfer aller Menschen und des gesamten Kosmos ist –, im Reich Gottes überflüssig machen wird, weil da eben keine Tränen und kein Geschrei, keine Sünde und kein Tod mehr sein werden? Warum haben wir also bisher so wenig die Kreuzestheologie eschatologisch weitergedacht? Und wenn, warum immer und immer wieder im Sinne christozentrischer und anderer Absolutheitsansprüche? Und auch der Ausschluss anderer Religionen aus dem monotheistischen Pakt, oder andersherum der Generalvorwurf an die monotheistischen Religionen als Wurzel und Nährboden von patriarchaler Gewalt, ist noch ein unzulässiger Exklusivismus.


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