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Transrationalität

In seinem Roman Niederland beschreibt Joseph O’Neill die Welt nach dem 11. September 2001, also im dritten Jahrtausend, das sich von der Moderne, selbst noch in ihren späten Formen von Melancholie und Heroismus mehr und mehr löst und in einer Art “Neoromantik” verharrt (Rowohlt Verlag. Reinbek 2009). O’Neill erzählt von der Herausforderung, in einer Welt Halt zu finden, die immer in Bewegung ist, von der dynamischen Weltgestaltung, bei der man sich selbst verliert und von der Wehmut als legitimen Sentiment, weil sie Konstanz schafft, wo alles zerbrechlich ist. “[…] Wer ohne Transzendenz lebt, muss sich seine eigenen Erzählungen konstruieren, um am Leben nicht zu verzweifeln.” (Ijoma Mangold in einer Rezension in Die Zeit Nr.32, 30. Juli 2009, Seite 45)

Brauchen wir deshalb außerdem so etwas wie eine neue Transrationalität, die dann durchaus in der Lage sein wird, eine Brücke auch noch über den garstigen Graben zwischen Moderne und Postmoderne zu bauen? Und wenn, wie sollte sie aussehen, diese hermeneutische, aber eben nicht nur hermeneutische, Brücke?

Geht es dabei um so etwas wie eine Metaphysik im Werden, eine quasi systemimmanente Wahrheit, wie sie etwa in der Tradition eines neuen Platonismus die Prozessphilosophie und von anderer Seite Niklas Luhmann angedacht haben? Letzterer in dem bravourösen Versuch, sowohl dem blanken Positivismus als auch einer idealistischen oder auch frommen Dialektik die Stirn zu bieten.

Wenn aber die unter anderen auf Bertrand Russell zurückgehende Prozessphilosophie zur Prozesstheologie nebst Christologie wird, werden dann deren Vertreter und Vertreterinnen in der einen oder anderen Weise wohl doch wieder bei einem Gott als Summum ens landen, bei Formen des Panentheismus oder Pantheismus, die im Gegensatz zur apopathischen Tradition oder der mystischen Via negativa stehen? Oder zielt diese Transrationalität auf etwas ganz anderes, so etwas wie ein ebenso intuitives wie messerscharf gedachtes Sich Einlassen – nun nicht nur auf Anderes, im Sinne des Levinas’schen “Erleidens” –, sondern auf fremde Hermeneutik und Logik jeweiliger Milieus und Systeme, Kulturen und Wissenschaften, Religionen und Philosophien, mit Luhmann, aber auch über diesen hinausdenkend. Geht es hier um die Sehnsucht nach und die Weisheit von so etwas Paradoxem wie der Integration des Multiplen und damit auch des offen Dialektischen? Sicher nicht im Rahnerschen transzendentalphilosophischen Sinn. Und auch nicht im Sinne eines Barthschen “solus Christus”. Das ist nicht mehr das Gegensatzpaar der Post- oder Spätmoderne, in der wir leben und bestenfalls auch immer noch denken.

Jenseits von Eklektizismus

Vielmehr täten wir gut daran, die fides quae- und fides qua-Debatte in der Weise neu aufzunehmen, dass wir, wenn wir denn Wahrheit/en de-struieren und re-konstruieren, sie durchkreuzen und wieder “integrieren”, ein Gott in uns oder uns Du, eine Buddhanatur oder Leere an unser aller Grund, das Heilige, das uns und alle und Gott nur immer auf ein jenseits von Zeit und Raum Transzendierende als Chiffre des “fernbestimmten Du musst”, als “Legende, in der wir uns begraben müssen”, als Ou-topos, als Surplus von Sein und Nichtsein bliebe und zöge.

Auf die Schwierigkeit, das Faszinosum (und Tremendum) am Guten und Schönen, nicht am Schrecklichen, klar zu machen, wurde in letzter Zeit hingewiesen. Aber wenn es nicht am Guten und Schönen geht, dann vielleicht am Lichten und Leichten, das das Schreckliche kennt.

Da, wo der Dornbusch sich in den Exodus wendet, wo die Genesis uns vom Ende her wieder entgegenkommt, da wo es auch noch “hinter den roten Bergen” leuchtet, da wo Lichtgestalten nicht Engel und Engel nicht rein sein müssen, wo “das Schöne des Schrecklichen Anfang ist” und “in der Mitte der Nacht der Anfang eines neuen Tages”, wo es kein Ziel braucht, um einen Sinn zu haben und wo in aller Sinnlosigkeit in verantworteter Vorläufigkeit gelebt wird, da müsste sich doch immer noch mit ihnen und nicht gegen andere etwas von dem finden lassen, was Christen meinen, wenn sie “Gott” sagen und was sehr weit von dem ist, was Feuerbach von ihnen sah.

Die These der Psychologie, dass die Selbstsuche (seit Freud) die neue Frage der Post/moderne ist (die die Betonung des Individuums und die Suche seiner Möglichkeiten abgelöst hat), lässt sich aufnehmen, gerade und auch von Theologie und Religionswissenschaft. Aber das Subjekt, das in einem gewissen Auflösungsprozess begriffen ist, hat dann die Chance, als das auf Gott angelegte, das nie in sich abgeschlossene, aus der Incurvatio in se gerade zu entkommen; nicht durch Auflösung und Melancholie, nicht durch Betäubung und Beliebigkeit, auch nicht durch neoromantische Synkretismen – und sei es im Gewand einer Zivilreligion –, sondern durch eine Form der Selbsttranszendierung auf Andere und Anderes hin, aesthetisch gesprochen durch Synaesthesie und Surrealismus nicht zuletzt.


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