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November 2009


Institution und Spiritualität

Autorität im Buddhismus und im Christentum

von Sybille C. Fritsch-Oppermann

Weltweit verändert sich die Haltung zur Kategorie und Bedeutung von Gehorsam, Ungehorsam und Rebellion. Die Frage nach einer unveränderbaren Essenz ewiger Wahrheit in den Traditionen, die jenseits historischer Veränderungen und soziologischer Konditionierung besteht, bleibt letztlich unbeantwortet. Für Buddhisten stellt die gegenwärtige Autoritätskrise vor allem eine Herausforderung durch das moderne geschichtliche Verständnis der Religionen dar.

Dr. Sybille C. Fritsch-Oppermann ist Mitglied im Redaktionsteam der evangelischen aspekte.

Mit der höchsten Beteiligung buddhistischer Teilnehmer aus Europa, Asien und den USA seit seiner Gründung fand die achte Konferenz des Europäischen Netzwerkes für Buddhistisch-Christliche Studien vom 11. bis 15. Juni 2009 in der Erzabtei der Benediktiner, St. Ottilien, nahe München statt. Sie behandelte die Frage nach Autorität in beiden Traditionen.

Offensichtlich liegen bisher nur wenige vergleichende Studien zu dieser Thematik vor. Nicht wenige Teilnehmende und Vortragende waren überrascht von Aspekten, die ihnen in der eigenen und auch der Tradition der anderen nicht bewusst waren.

Institutionelle Autorität

Buddhismus kennt keinen Gott. Buddha (Siddhartha Gautama, 563 v. Chr. bis 483 v. Chr.) selbst legte Wert auf die Feststellung, seine Lehre nicht aufgrund göttlicher Offenbarung erhalten zu haben, sondern durch Kontemplation. So sei er zum Verständnis der Natur aller Dinge gelangt.

Jedem Menschen, so Buddha, stehe in selbst verantworteter Schau der gleiche Erkenntnisweg offen, wenn seine Lehre befolgt würde. Nach zweieinhalb Jahrtausenden buddhistischer Tradition bestehen heute unterschiedliche Systeme und Schulen. Alle halten sich an Buddhas Vier Edle Wahrheiten:

Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll.
Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung.
Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
Zum Erlöschen des Leidens führt der Edle Achtfache Pfad.

Die fundamentale Grundlage römisch-katholischer Lehre über Natur und Funktion der Kirche leitet sich vom Glauben ab, dass Jesus die unüberbietbare Selbstoffenbarung Gottes und die Selbsteinwohnung des Göttlichen sei. Die (römisch-katholische) Kirche existiert, damit Männer und Frauen sich ihr als rettender Präsenz Gottes annähern.

In der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen sind autoritative Amtsinhaber damit betraut, die Integrität dieser Tradition zu bewahren. Von Gläubigen werden sie als “Mittlergestalten” gesehen, als Gott gegebene Kanäle, durch die die rettende Anwesenheit Gottes sichtbar gemacht und berührbar präsent ist.

In den protestantischen Kirchen stimmen ähnlich gesinnte Christen in der Interpretation des biblischen Wortes überein, indem sie sich selbst als von Gottes Wort zur Rettung in Jesus Christus Gerufene betrachten. Dessen rettende Gegenwart wird erreichbar, wo immer das Wort gepredigt und im Glauben ergriffen wird.

Jede Tradition ehrt das Geschenk der Vergebung als etwas bereits Zugesagtes, und der Weg zu ihrem religiösen Ende führt immer durch die Gemeinschaft, welche die Gültigkeit der Tradition gewährleistet. Während für Protestanten das Kriterium für die Anerkennung von Autorität ein subjektives ist und im persönlichen Erlebnis der Bibelauslegung ruht, verbürgt sich für Katholiken Autorität im Amt derer, die ernannt/auserwählt/berufen sind zu lehren. Genau wie dies zu Klerikalismus und institutionellem Autoritarismus führen kann, kann protestantischer Subjektivismus zu individuellem Autoritarismus und Prophetismus führen.

Im Buddhismus ist die Frage offen, zu welcher Versammlung (Sangha) Buddhisten bei der “Dreifachen Zuflucht” eigentlich ihre Zuflucht nehmen. Vieles spricht dafür, dass dies der Ariyasangha ist, die Gemeinschaft jener, die einen der vier Heiligkeitsgrade erlangt haben. Doch dieser Sangha ist nicht greifbar und wird somit vom sichtbaren institutionellen Sangha repräsentiert.

Frauen sind aufgrund kanonischer Aussagen unbestritten Mitglieder des Ariyasangha. Und wenn dieser vom institutionellen Sangha “repräsentiert” wird, dann sollten sie auch ordiniert werden. Wer, etwa in Thailand, das umstrittene Thema einer solchen Frauenordination aufgreifen will, ist gut beraten, zunächst die Untrennbarkeit von spiritueller und instituitioneller Autorität und die unabdingbare Notwendigkeit spiritueller Freiheit zu thematisieren.

Beispiel: Nach konventioneller Einschätzung wurde die Thai-Linie im 13. Jahrhundert an die Singalesische weitergegeben, von wo sie im 18. Jahrhundert zu den Thais zurücklief – jedoch nur die Ordination männlicher Mönche. Mit der Einsetzung von Rama I im Jahr 1782 wurde der Thai Sangha unter die Jurisdiktion der Regierung gestellt, schließlich erließ der Sangharaja, dass Thai Mönche keine Frauen ordinieren durften. Die spirituelle Autorität trat gänzlich hinter der institutionellen, noch dazu durch eine politische Macht legitimierten, zurück. Bei der Einführung der konstitutionellen Monarchie 1932 blieben explizite Bezugnahmen hierauf aus. In Taiwan hingegen begann man, Nonnen aufgrund anderer Gesetzgebung zu ordinieren. Es wird mindestens angenommen, dass diese Bhikkhuni unter der Bedingung, dass sie zwei Jahre als Samaneri oder Novizen absolvieren können, nun volle Ordination erhalten. Noch immer haben sie einen niederen sozialen Status.


Der Text erschien im November 2009 zum Themenschwerpunkt Atheismus


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