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Barmherzig, hilfsbereit, rassistisch

Vorurteile und Stereotype in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit

Von Rainer Lang

Plakataktion der Christoffel Blindenmission, die 2006 nach Protesten eingestellt wurde. Sie zeigt einen Afrikaner mit Geldschlitzen statt Augen. (Foto: Deutsches Ärzteblatt, Eberhard Hahne)

Rassismus in der Entwicklungszusammenarbeit – das hört sich nach einem immanenten Widerspruch an. Doch nicht selten geht internationale Hilfsbereitschaft mit tradierten Vorurteilen und rassistischen Klischees Hand in Hand oder findet sogar gerade darin ihre Motivation.

Als Entwicklungsminister Gerd Müller beim Deutschlandtag der CDU vor kurzem erklärte, dass Männer in Afrika ihr Geld lieber für „Alkohol, Suff, Drogen und Frauen natürlich“ ausgeben anstatt für die Familie, da erntete er reichlich Kritik aus den Reihen der Zivilgesellschaft. Die Äußerungen würden in ihrer Verallgemeinerung nur alte Klischees reproduzieren und das negative Bild von Afrika verfestigen, hieß es zurecht. Das abschätzige Urteil vermischt die Prinzipien von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Solidarität mit einem Ton von überheblichem Mitleid und Paternalismus. Dies bestärkt die immer noch latent vorhandenen Vorstellungen, dass wir als Europäer es eben doch besser können und den anderen deshalb zeigen müssen, wie man es macht.

Angesichts von Konflikten, Kriegen und Gewalt auf dem afrikanischen Kontinent mögen solche Fehlschlüsse naheliegen. Wer genauer hinschaut, sieht aber, dass das nur ein vordergründiges Bild ist, das sowohl die Geschichte als auch aktuelle Entwicklungen ausblendet. Vor diesem Hintergrund bemühen sich Hilfsorganisationen um den Abschied von Vorurteilen. Immer wieder wird deutlich, dass diese unterschwellig trotzdem in die konkrete Arbeit einfließen. Und manche gut gemeinte Hilfsinitiative wird von der Ansicht geleitet, dass man den armen Menschen doch endlich mal zeigen sollte, wie denn zum Beispiel eine Klinik funktionieren kann. Auch der freiwillige Einsatz von Ärzten ist manchmal wenig nachhaltig, wenn kein Nachwuchs vor Ort ausgebildet wird.

Der schwere Abschied von den Vorurteilen

Das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ hat sich jetzt verstärkt des Themas angenommen unter dem sperrigen Titel „Diversitätssensibel arbeiten – wie umgehen mit Rassismus?“ Ein Studientag brachte dazu durchaus überraschende Erkenntnisse zutage. Boniface Mabanza von der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) betonte in seinem Eröffnungsvortrag, wie wichtig es aus seiner Sicht sei, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen. Er zeigte auf, wie rassistische Denkweisen heutzutage immer wieder auftauchen.

Als Beispiel nannte er den ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der in einer Rede an der Sheik Anita Diop-Universität von Dakar im Senegal das Urteil Hegels von der Ungeschichtlichkeit der Menschen in Afrika aufgegriffen und zitiert hatte. Rassismus ist für Mabanza ein zentrales Element in einem Verteilungssystem von Macht und Privilegien, das bestimmte Wahrnehmungsmuster produziere. Dazu gehören Ahistorisierung, Infantilisierung, Exotisierung und Pathologisierung.

Die Figur des "Nicknegers" prägt immer noch das Bild des Afrikaners als passiver Hilfeempfänger. Bei Einwurf einer Münze nickt die Figur "dankbar" mit dem Kopf (Foto: Güwy, Wikipedia, CC BY-SA 4.0).

Systemimmanenter Rassismus

Die Äußerungen von Gerd Müller haben schlaglichtartig deutlich gemacht, dass auch die deutsche Entwicklungsarbeit von einem systemimmanenten Rassismus durchzogen ist. Dies ist durchaus keine bewusste rassistische Haltung, sondern es sind unbewusste, über Generationen tradierte Vorurteile. Zugutehalten muss man den Verantwortlichen, dass sich im Laufe der vergangenen Jahre ein kritisches Bewusstsein entwickelt hat und auch ein „Dialog auf Augenhöhe“ mit den Menschen aus dem globalen Süden gesucht wird.

Doch die Erfahrungen zeigen deutlich, dass die Handlungshoheit im globalen Norden liegt und oft wenig Spielraum lässt zum Dialog oder zum Verhandeln. Denn das Geld fließt aus den reichen Ländern des Nordens. Das bedeutet, dass sich Organisationen aus dem globalen Süden den überwiegend vom Norden vorgegebenen Spielregeln anpassen müssen, um Partner zu werden. Die Rede von Partnerschaft kaschiert deshalb in vielen Fällen nur ein Abhängigkeitsverhältnis. Der Geber trifft schließlich wesentliche Entscheidungen über Strategie, Ziele, Standards und Verfahren.

In dieser Situation mehren sich die kritischen Stimmen, dass das bisherige System der Entwicklungszusammenarbeit alte und neue Herrschaftsverhältnisse im Sinne Europas fortführt und stabilisiert und damit alte Abhängigkeiten aufrechterhält. Damit habe die Entwicklungszusammenarbeit nur eine Alibifunktion, in weiten Teilen werde das globale Wirtschaftssystem auf Wohlfahrtsebene kopiert.

Es geht um die Machtfrage

Ernsthafte Entwicklungszusammenarbeit ist sich schon länger dieser Gefahren bewusst und nimmt solche Befürchtungen in die eigene Arbeit auf. Das macht auch die aktuelle Würde-Kampagne von „Brot für die Welt“ deutlich. Diese nimmt bewusst Abschied vom armen und defizitären Afrikaner und unterentwickelten Hilfeempfänger. Zugleich nehmen sich kirchliche Organisationen immer mehr der immanenten Machtfrage an. Um tatsächlich das Partnerprinzip als „Basis für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zur Überwindung globaler Ungerechtigkeit und Armut“ zu etablieren, müsse die Logik von Geber und Nehmer kritisch hinterfragt und aufgebrochen werden. Deshalb werben die Verantwortlichen in der Partnerschaft für einen intensiven Dialog.

Außerdem müsse Erfolg anders definiert werden. Diese Erkenntnis schlägt sich auch in der konkreten Arbeit der kirchlichen Hilfswerke nieder, die längst nicht mehr nur Projekte in Ländern des Südens fördern, sondern eine intensive politische Arbeit auf nationaler und internationaler Ebene machen. Die Wirkungen der Arbeit müssen dann nämlich an den Veränderungen gemessen werden, die nicht nur im Süden, sondern auch im Norden notwendig sind. „Um von der tradierten Vorstellung des Finanz- und Wissenstransfers von Nord nach Süd loszukommen, muss Lernbereitschaft auf beiden Seiten entstehen“, betonen Mitarbeiter von kirchlichen Organisationen. Unbestritten ist, dass dies gemeinsames Nachdenken über gemeinsam formulierte politische Ziele erforderlich macht.

Mitleid lässt sich leichter erzeugen als Verständnis für globale Zusammenhänge

Auch in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit ist es nicht einfach, von tradierten Denkmustern wegzukommen. Kritisch wird vermerkt, dass man durchaus tradierte Erwartungen und Stereotype durch vereinfachte Darstellungen bediene. Deshalb sei es notwendig, diese so genannten Erwartungen zu hinterfragen. Wie kann man leicht verständliche Informationen mit dem Anspruch verbinden, vertiefte Expertise zu Armut, Klimawandel, Ernährung sowie Flucht und Migration zu bieten, um Lösungsansätze aufzuzeigen, die an den tieferliegenden, globalen und strukturellen, Ursachen für Armut und Ungleichheit ansetzen? Mitleid zu erregen, um den Hunger armer Menschen zu stillen, ist zwar ein längst überwundener Ansatz. Aber unterschwellig hat die Spende durchaus noch etwas von dem Almosen für die Armen, mit dem man sein Gewissen beruhigen kann.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Soziologischen Gesellschaft, Stephan Lessenich, hat deutlich gemacht, dass den Preis für den Wohlstand in der westlichen Welt Menschen in anderen Ländern bezahlen. Für ihn heißt das westliche Erfolgsrezept „Externalisierung“. Das heißt: Ausbeutung fremder Ressourcen. Als Beispiel nennt er den Kaffeekapselhype, der einen Berg von Millionen Kilogramm Aluminiumabfall weltweit erzeugt. Deshalb würde für den durchschnittlichen deutschen Haushalt der brasilianische Regenwald zum Bauxitabbau gerodet, um Rohstoff für die Aluminiumherstellung zu gewinnen. „Für unseren Kaffeegenuss am Ende eines schweren Abendessens werden anderswo die Bodenschätze geplündert, natürliche Lebensräume zerstört, die Giftmüllbecken und -halden gefüllt“, heißt es in einem Artikel Lessenichs für das Handelsblatt. Er zitiert hier auch die Äußerung Wolfgang Schäubles vom Anfang der Flüchtlingszuwanderung, dass Deutschland ein unvorhergesehenes Rendezvous mit der Realität der Globalisierung gemacht habe.

Protestaktion gegen Regenwaldvernichtung für die Produktion von Alu-Kaffeekapseln (Foto: www.regenwald.org, Kgbo, CC BY-SA 4.0)

Gerechtigkeit, Solidarität, Barmherzigkeit

Grundlage, um solche Zusammenhänge auch als Ursache für globale Krisen zu erkennen und Lösungen dafür zu suchen, sind die Prinzipien von Gerechtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit. Gerade die Barmherzigkeit als zutiefst christliche Haltung ermöglicht es den Menschen, die Augen und das Herz zu öffnen für andere und deren Standpunkt einzunehmen. Dies machte der katholische Kardinal Walter Kasper deutlich, indem er auf das programmatische Eintreten von Papst Franziskus für diese Ideale verweist: „Er sieht, dass in unserer Wirtschaftsordnung etwas nicht stimmt.“ Das hochentwickelte Europa spürt durchaus den Druck aus Weltregionen, in denen die bisherigen Ordnungen zerbrechen. Nationalistische Abschottung erscheint da manchem als verführerisch einfache Lösung. Damit sind globale Krisen aber keineswegs zu bewältigen.

Dass globale Solidarität und grenzüberschreitende Barmherzigkeit eine zutiefst christliche und im Neuen Testament verwurzelte Haltung darstellen, hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, auf der jüngsten EKD-Synode in Magdeburg mit Blick auf den Universalismus der Menschenrechte deutlich gemacht: „In Europa das Evangelium zu bezeugen, heißt daher mehr denn je, leidenschaftlich einzutreten für das Recht eines jeden Menschen, gleichberechtigt seinen Glauben zu leben, es heißt für eine diskursorientierte freie Presse einzutreten, anstatt all das als ›Lügenpresse‹ zu diffamieren, was nicht die eigenen Positionen oder gar Vorurteile verbreitet. Es heißt, für das Recht eines jeden Menschen einzutreten, hier Schutz vor Terror und Gewalt sowie politischer Verfolgung zu suchen und dafür ein rechtlich faires Verfahren in Anspruch zu nehmen“.

„Anstrengung des Begriffs“ gegen die Macht diffuser Gefühle

Dass das kein einfacher Weg ist, der erhebliche Anstrengungen erfordert, zeigen die gegenwärtig immer aggressiver werdenden einfachen Parolen. Gegen Fremde und für die nationale Stärke. Um dem zu widerstehen, ist ein mühsamer Prozess der Auseinandersetzung mit Vorurteilen nötig. Um Hegel zu zitieren, ist gegen diffuse Gefühle und Vorurteile „die Anstrengung des Begriffs“ im öffentlichen Diskurs nötig im Zusammenspiel mit Barmherzigkeit und Empathie.

Rainer Lang

Redakteur beim evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt" und Mitglied in der Redaktion der "evangelischen aspekte".

evangelische aspekte, Ausgabe Februar 2017

Die Barmherzigkeit der Anderen. Ist Barmherzigkeit das Schlüsselwort einer interreligiös anschlussfähigen Theologie?
von Stephan Mühlich

Solidarität braucht Empathie. Zum Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in Zeiten des Wandels
von Cornelia Coenen-Marx

Barmherzigkeit und Politik. (Wie) Geht das zusammen?
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Ungerechte Gnade. Mit der Rechtfertigungslehre gegen kirchliche, theologische und soziale „Barmherzigkeitsbremsen“
3 plus 7 Fragen an Ottmar Fuchs

Stichwort „Gnade“
von Manfred Schütz

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