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	<title>evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<item>
		<title>Roberto Simanowski: Data Love, Ramón Reichert (Hg.): Big Data</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:21:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Big Data]]></category>
		<category><![CDATA[Data Mining]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
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					<description><![CDATA[Big Data und Digitalisierung – zwei Schlagworte, die für Gesprächsstoff sorgen. Big Data Mining ist „die computergesteuerte Analyse großer Datensammlungen auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten und unbekannte Zusammenhänge hin“ (S. 7). Data Mining ist für Versicherungen, Anleger an der Börse und viele andere recht lukrativ.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-2001 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S37_Data-Love-159x300.jpg" alt="" width="159" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S37_Data-Love-159x300.jpg 159w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S37_Data-Love.jpg 222w" sizes="(max-width: 159px) 100vw, 159px" />Verlag Matthes &amp; Seitz, Berlin 2014, 189 Seiten, 14,80 Euro / </strong><strong>Verlag transcript, Bielefeld 2014, 496 Seiten, 29,99 Euro</strong></p>
<p>Big Data und Digitalisierung – zwei Schlagworte, die für Gesprächsstoff sorgen. <em>Big Data Mining</em> ist „die computergesteuerte Analyse großer Datensammlungen auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten und unbekannte Zusammenhänge hin“ (S. 7). Data Mining ist für Versicherungen, Anleger an der Börse und viele andere recht lukrativ.</p>
<p>Roberto Simanowski erkundet in seinem Essay Implikationen, Zukunfts-Szenarien und Dystopien, fragt nach der Macht der Algorithmen und kommentiert die expansive Verwendung statistischer Verfahren in den Geisteswissenschaften mit sich runzelnder Stirn. Ähnlich wie Sascha Lobo und Kathrin Passig (siehe vorstehenden Buchhinweis) nimmt er auch von kleinen Bewegungen im Internet-Universum Notiz (diverse Smartphone Apps mit wundersamen Funktionen) und ist sich nicht zu schade, am Beispiel der Online-Enzyklopädie Wikipedia den neuen „situativen Wissenstyp“ des „Just-in-time“ zu demonstrieren („<em>Just in time</em> bedeutet jeweils <em>sofort</em>, aber auch <em>nur für jetzt</em>“ S. 82). „Der kumulative Besitz von Wissen weicht dem virtuosen Jonglieren mit Wissen: ›doing knowledge‹ anstelle von ›having knowledge‹“ (ebd.). <strong><em>Data Love</em></strong> thematisiert die Hassliebe, die einen wachen Intellektuellen, der ein Smartphone nutzt, beschleicht.</p>
<p>Man wird nicht jeder Argumentation von Simanowski unwidersprochen folgen. Seine Forderung etwa, soziale und moralische Standards davon beeinflussen zu lassen, wie groß die statistische Verbreitung von Verhaltensweisen ist, ist nicht nur Minderheiten-gefährdend. Dennoch bietet der Essay wichtige Anstöße und Ausführungen, die in der Big Data Diskussion nicht fehlen dürfen.</p>
<p>Wem so viel Reflexionsmaterial noch nicht reicht, der greife zu der von Ramón Reichert herausgegebenen und eingeleiteten Aufsatzsammlung <strong><em>Big Data</em></strong> im transcript Verlag. Zu den Vorzügen dieses 500-Seiten-Wälzers zählt, dass sich aus einem international besetzten Set von mehr als zwanzig Autoren bequem auswählen lässt, und in jedem Fall etwas diskursiv Fundiertes. Etwa den Beitrag über <em>Google Flu Trends</em> (S. 333–364), ein Online-Tool des Suchmaschinenprimus, das auch Simanowski anspricht. <em>Flu Trends</em> erlaubt die Vorhersage von Grippewellen durch Auswertung von einschlägigen Sucheingaben, die der Suchmaschinenkonzern misst. Teilweise wohl recht erfolgreich, jedenfalls schneller als das staatliche Vorwarn-System der USA, das auf Rückmeldungen von Kliniken und Ärzten angewiesen ist. Autorin Annika Richterich stellt dar, welche Problematiken dadurch entstehen, wenn ein privater, auf Gewinnmaximierung ausgerichteter Konzern mit großen Mengen an Gesundheitsdaten hantiert, und dazu womöglich offiziell beauftragt wird.</p>
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		<title>Kathrin Passig / Sascha Lobo: Internet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:20:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
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					<description><![CDATA[Dass das Internet für die einen eher Fluch, für andere eher Segen ist, verrät bereits der Titel (kein Fragezeichen). In sechzehn Kapiteln gehen die Autoren den Vorteilen und Nachteilen des neuen Mediums nach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1997 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S37_Lobo-Internet-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S37_Lobo-Internet-196x300.jpg 196w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S37_Lobo-Internet.jpg 274w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" />Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, (Rowohlt Berlin Verlag), Bonn 2012, 320 Seiten, 4,50 bzw. 19,99 Euro</strong></p>
<p>Das zu besprechende Buch hat es nicht nur zu einer Sonderausgabe der Bildungszentrale für politische Bildung (bpb), sondern auch in den Bestand von Universitäts-Bibliotheken geschafft (von dort stammt auch das hier rezensierte Exemplar). Schon dieser Umstand sagt einiges über den Inhalt und über den Stand der Debatte aus, von dem die rund 300 Seiten starke Abhandlung berichtet.</p>
<p>Dass das Internet für die einen eher Fluch, für andere eher Segen ist, verrät bereits der Titel (kein Fragezeichen). In sechzehn Kapiteln gehen die Autoren den Vorteilen und Nachteilen des neuen Mediums nach. Kathrin Passig und Sascha Lobo sind ein eingespieltes Team. Die Lektüre gestaltet sich sehr flüssig. Sowohl für Netz-Optimisten wie für Netz-Skeptiker halten die Verfasser passende Argumente bereit.</p>
<p>Auf Lobo, auch sonst ein interessanter Kopf der Internet-Szene, dürften inhaltlich dabei viele der gesellschaftsanalytisch angehauchten Passagen zurückgehen, während Passig als Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises gewiss an der sprachlichen Finesse besondere Verdienste hat. Einfallsreich sind beide.</p>
<p>Welche Chancen oder Risiken bietet also das Internet? Genau diese Frage stellt sich der Leser die ersten vier bis fünf Kapitel. Denn statt eines Einstiegs <em>medias in res</em>, überraschen die Autoren mit weit ausholenden Erwägungen: Technischer Fortschritt habe bisher stets zu Weltuntergangs-Beschwörung oder zu übertriebenen Hoffnungen geführt – als Beispiel werden Eisenbahn, die euphorische Begrüßung des Telegraphie- sowie des Radio-Zeitalters genannt. Das alles sei also nichts Neues. Solcherart geläutert, geht es gewissermaßen vorurteilsfrei in die inhaltliche Auseinandersetzung. Spätestens mit Kapitel acht gewinnt die Internetdebatte an Fahrt. Urheberrecht, Qualitätsfragen, Informationsflut: An Reizthemen ist wenig Mangel.</p>
<p>Passig und Lobo haben viel Wissenswertes zusammengetragen, allein dafür hat die Mühe sich gelohnt. Gleichzeitig bietet das Buch wenig netzaffinen Lesern einen guten Einstieg, um sich klar zu machen, was es mit dem neuen „Gesellschaftsbetriebssystem“ (Titel eines IBM-Vortrags) alles auf sich hat.</p>
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		<title>Theologie und Linguistik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:19:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wittgenstein]]></category>
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					<description><![CDATA[„Theologie plus ...“ ist das Motto einer neuen Serie in der „Theologischen Werkstatt“. Wir erkunden darin aktuelle Berührungspunkte und Begegnungsfelder der Theologie mit anderen Wissenschaften. Den Anfang macht Manfred Schütz mit einem Blick über den Zaun in den Garten der Sprachwissenschaft.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Theologie plus &#8230;“ ist das Motto einer Serie in der „Theologischen Werkstatt“. Wir erkunden darin Berührungspunkte und Begegnungsfelder der Theologie mit anderen Wissenschaften. Hier wirft Manfred Schütz einen Blick über den Zaun in den Garten der Sprachwissenschaft.</p></blockquote></div>
<h2>Theologie als Grammatik</h2>
<p>Überlegungen zur Sprache wühlten in den 60er Jahren viele Wissenschaften auf. Wittgenstein gilt dafür als ein Impulsgeber, die „linguistische Wende“ war in aller Munde. Was aber haben Grammatik und Theologie gemeinsam? – Wir haben uns umgehört und umgesehen, was Wittgenstein-Kenner dazu sagen. Doch zunächst der Versuch einer Landschaftsskizze für den Anmarsch auf das Thema.</p>
<p><em>Mir ist es eigentlich egal, was ich esse, Hauptsache es ist immer dasselbe. </em> – Von Ludwig Wittgenstein gibt es viele Aussagen, die man zweimal lesen muss, bis man die Pointe ganz versteht. Wittgenstein ist Aphoristiker. Ein aufmerksamer Beobachter. Und er ist messerscharfer Sprachdenker.</p>
<p>Wer sich in seine schriftliche Hinterlassenschaft begibt, stolpert ständig über glänzende Formulierungen, kluge Einsichten – und Witz. Im Vorwort zu seinem Erstlingswerk, dem berühmten <em>Tractatus logico philosophicus </em>von 1922, heißt es: „Sein Zweck wäre erreicht, wenn es Einem, der es mit Verständnis liest Vergnügen bereitete.“ Nun gut. Allerdings jeder, der auch nur die ersten Seiten liest, merkt schnell, dass er <em>fast nichts</em> versteht. Spätestens, wenn der Autor dort beginnt, seitenlang logisch-mathematische Formeln zu besprechen.</p>
<p>Wittgenstein macht Spaß. Doch er ist mehr als ein feinsinniger Wortjongleur. Mit seinen Beobachtungen und Bemerkungen zieht er Fachleute jeglicher Couleur seit Jahrzehnten in den Bann. Von Sprachanalytikern bis zu Theologen brüten viele über seinen Sätzen.</p>
<h2>Linguistik am Anfang des 20. Jahrhunderts</h2>
<p>Wie kam es dazu, dass der Sohn eines österreichischen Großindustriellen mit seinen Werken solche Kreise zog? Dass er zu einem Auslöser der späteren „linguistischen Wende“ wurde? Als Ludwig Wittgenstein (1889–1951) in Wien aufwächst, macht sich gerade Ferdinand de Saussure in Genf daran, den Sprachwissenschaften eine neue Basis zu verleihen. Saussure gilt als Begründer der modernen Linguistik. Er unterscheidet in der Sprache zwischen dem <em>Bezeichnenden</em> und dem <em>Bezeichneten</em> (Signifikant – Signifikat). Demnach hat jedes Zeichen seinen festen Platz im Sprachsystem. Saussure sucht nach der Sprachstruktur. Er wird zu einem der Väter des sogenannten Strukturalismus.</p>
<h2>Wittgenstein über Sprachgebrauch</h2>
<p>Wittgenstein hatte zunächst Ingenieurswissenschaften studiert. Nicht ohne eine gewisse Meisterschaft zu zeigen, wie manche Patentanmeldung auf seinen Namen belegt. Die diffizilen Denkoperationen kamen ihm für den späteren Werdegang sicherlich zupass. Aber ebenso die vielfältigen Begegnungen mit Künstlern, Kreativen, Musikern und Literaten, die im elterlichen Haus ein- und ausgingen. Musiker wie Brahms und Mahler, Maler wie Gustav Klimt waren häufiger zu Gast. Wittgenstein war vielseitig und begabt. Auch ein berühmter Architekt oder Komponist hätte wohl gut aus ihm werden können. Doch er wird einen andern Weg einschlagen.</p>
<p><em>Was ein Wort bedeutet, hängt von seinem Gebrauch ab. </em>Es sind Feststellungen wie diese, die Wittgenstein für Linguisten interessant machen. Das Originalzitat lautet: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Auch als fachlicher Laie hört man gleich, dass das nicht so ganz dasselbe wie in Saussures Sprachverständnis ist.</p>
<h2>Teekesselchen spielen</h2>
<p>Ein Wort hat demnach nicht eine vorgefertigte Bedeutung, sondern diese kann sich je nach Kontext ändern. Ein bisschen wie beim Teekesselchen-Spiel, das Kinder gerne spielen: <em>Pfeife</em> hat einmal etwas mit Tabak zu tun. Ein andermal mit jemandem, von dem wir keine hohe Meinung haben.</p>
<p>Das ist natürlich noch etwas simpel und vereinfachend gesagt. Bei Wittgenstein muss man sich zudem stets davor hüten, etwa sein Frühwerk mit dem Spätwerk einfach in eins zu setzen: Dass man für eine Wortbedeutung jeweils auf den konkreten Sprachgebrauch zu achten habe, ist eine Aussage erst aus der Spätphase seines Schaffens. Doch auch im Frühwerk (d.h. insbesondere dem <em>Tractatus</em>) geht es ihm darum, Missverständnisse der Sprache zu klären.</p>
<h2>Wittgensteins Frühwerk</h2>
<p>Auf Wittgenstein darf man nicht zu sprechen kommen, ohne die einprägsamen klassischen Zitate anzuführen, die seinen Ruf begründet haben. Mit Stakkato-artigen Sätzen eröffnet er den genannten Traktat:</p>
<p><em>1             Die Welt ist alles, was der Fall ist. … </em></p>
<p><em>1.2          Die Welt zerfällt in Tatsachen. </em></p>
<p><em>1.21       Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich bleiben. …</em></p>
<p>Um schließlich mit dem Satz zu enden:</p>
<p><em>7             Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.</em></p>
<p>Der angesehene britische Logiker, (Sprach-)Analytiker und spätere Literatur-Nobelpreisträger Bertrand Russell wurde seinerzeit durch die Begegnung mit wittgensteinschen Thesen dazu bewogen, ein bereits fertig geschriebenes Buch lieber ungedruckt in der Schublade zu lassen. Wittgenstein hatte ein durchaus resolutes Auftreten. Im Vorwort behauptet er denn auch „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“ – räumt aber immerhin gleichzeitig ein, dass die Arbeit zweitens „zeigt, wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind.“</p>
<h2>Überwinde diese Sätze, dann siehst du die Welt richtig</h2>
<p>Eine Leseanweisung an den verständigen Leser am Ende des <em>Tractatus</em> lautet: Der Leser müsse „diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ Oder etwas ausführlicher und poetischer: „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“</p>
<p>Nach der Fertigstellung des <em>Tractatus</em> verteilt Wittgenstein sein ansehnliches finanzielles Erbe unter seinen Geschwistern und wird Volksschullehrer in einem kleinen Dorf in Niederösterreich. Aus dieser Zeit sind rührende Briefwechsel mit manchen seiner Schüler vorhanden. Der Dorfschullehrer gilt in etlichen seiner Methoden zwar als etwas wunderlich, aber durchaus als engagiert.</p>
<p>Aus dieser Zeit datiert auch das wenig beachtete Wörterbuch für Volksschulen, das er erstellt. Doch erst Jahre später, um 1930, wird er sich wieder neuen Sprachreflexionen zuwenden. Zum Beispiel zum Sprachgebrauch. Oder zu seiner oft zitierten Sprachspiel-Theorie. Oder, oder, oder… Durch seine weitläufigen Untersuchungen werden bisherige Sprachauffassungen teilweise fortgeschrieben, teilweise aufgelöst.</p>
<h2>Wittgenstein und der „linguistic turn“</h2>
<p>Zusammen mit anderen hat Wittgenstein dadurch der Linguistik langfristig eine regelrechte Welle methodischer Neuansätze beschert. Unter dem Begriff des <em>linguistic turn</em> hat R. Rorty 1967 die kleine Methodenrevolution zusammengefasst. Und die Neuorientierung betraf nicht nur Linguisten. Kultur-, Geistes-, und Sozialwissenschaften fragten jetzt: Welche Bedeutung kommt der Sprache für die (wissenschaftliche) Erkenntnis zu? Wie können wir nach Wittgenstein (noch) wissenschaftlich arbeiten? Historiker gaben sich Rechenschaft darüber ab, dass jede Geschichtsdarstellung maßgeblich vom spracherzählerischen Standpunkt abhängig ist. Neue Disziplinen wie Soziolinguistik (wie spricht wer zu wem?) oder die Sprechakt-Theorie entstanden.</p>
<h2>Wittgenstein und die Theologie</h2>
<p>Auch Bezugnahmen auf Wittgenstein aus religiöser oder theologischer Perspektive gibt es seither nicht wenige. Zu nennen wären etwa George A. Lindbeck, Wilhelm Vossenkuhl oder jüngst Holm Tetens. Detailliert hat sich auch die Theologin Eibach-Danzeglocke mit Wittgenstein befasst (Swantje Eibach-Danzeglocke:<em> Theologie als Grammatik</em>, Frankfurt am Main 2002). Sie untersucht, wie eine Theologie nach Wittgenstein in konkreter Weise aussehen könnte und nimmt dafür dessen Grammatikbegriff zum Ausgangspunkt. Aus dieser Arbeit sollen im Folgenden einige Ergebnisse vorgestellt werden.</p>
<h3>Sprachspiele</h3>
<p>Ein wichtiger Begriff aus Wittgensteins Spätwerk ist das „Sprachspiel“. Mit Sprachspiel sind zum Beispiel einfache Kommunikationszusammenhänge gemeint, wie „Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen“, „Theater spielen“ oder: „Eine Geschichte erfinden; und lesen“. Als weiteres Beispiel nennt er: „Aus einer Sprache in die andere übersetzen.“</p>
<p>Auch  eine gesprochene Sprache wie Französisch oder Englisch wäre somit als Sprachspiel zu beschreiben. Wittgenstein wendet den Terminus auf kleinste Kommunikationseinheiten wie auf das Gros sprachlicher Kommunikationsformen an. „Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das „Sprachspiel“ nennen.“</p>
<h3>Regel und Regelfolgen</h3>
<p>„Der Witz bei einem Spiel ist es, dass es nach bestimmten Regeln gespielt wird – den Spielregeln.“ (<em>Theologie als Grammatik</em>, S. 27). Die internen Regeln eines Sprachspiels kann man auch ihre „Grammatik“ nennen. Verschiedene Sprachspiele lassen sich voneinander abgrenzen und unterscheiden, indem auf die konkreten „Spielzüge“ geachtet wird, die darin stattfinden. Die Spielregeln müssen gar nicht explizit genannt werden. Indem man die Vorgänge beobachtet, lässt sich sagen: „Dieses Spiel wird hier gespielt.“</p>
<p>Beispiel: Antwortet jemand auf die Frage „Parlez-vous français?“ mit einer adäquaten Aussage, lässt sich auch für Außenstehende darauf schließen, dass hier das Sprachspiel Französisch vorherrscht (und nicht Deutsch).</p>
<h3>Sprache und Lebensform</h3>
<p>Wodurch wird etwas zu einem Sprachspiel? „Sprachspiele sind notwendig mit einer Praxis verbunden, die ihnen erst einen Sinn verleiht.“ (<em>Theologie als Grammatik</em>, S. 26). Typisch für ein Sprachspiel ist, dass es regelmäßig in ähnlicher Weise vorkommt. Wittgenstein: „Ich will sagen: es ist charakteristisch für unsere Sprache, dass sie auf dem Grund fester Lebensformen, regelmäßigen Tuns, emporwächst.“ Die Assoziation zum Spiel sollte nicht dazu verleiten, dass es dabei um etwas Unernsthaftes gehe. Der Spiel-Charakter hebt vielmehr auf  bestimmte Wesenszüge ab, die für die Sprach-„Spiele“ charakteristisch sind, wie die Regeln.</p>
<h2>Theologie als Grammatik</h2>
<p>Es gibt also typische Merkmale, die uns darauf schließen lassen, ob etwas zu diesem oder jenem Sprachspiel bzw. Gegenstandsbereich gehört. Wittgenstein: „Welche Art von Gegenstand etwas ist, sagt die Grammatik. (Theologie als Grammatik.)“ Aus der Grammatik sollte die Wesensart hervorgehen, sie beschreibt die immanenten Regeln. Womit unser Angelpunkt erreicht wäre: Kann man Theologie als Grammatik sehen? Und was trägt das aus?</p>
<p>In der Grammatik geht es um die richtige Verwendungsweise. Grammatik gibt wieder, wie eine Sprache funktioniert. Sie beschreibt die Regeln einer Sprache. Sie bezieht sich auf die vorfindliche Sprachverwendung und stellt deren Bedeutungen heraus.</p>
<p>Für die Theologie lassen sich vielfältige Folgerungen daraus ziehen. Zwei seien im Anschluss an Swantje Eibach-Danzeglocke hier genannt (vgl. <em>Theologie als Grammatik</em>, S. 177–195):</p>
<h3>Folgen für Lehre und Beschreibung (Deskription)</h3>
<p>Theologie als Grammatik hat Auswirkungen auf den Umgang mit allen theologischen Sprachäußerungen – mit Dogmen, mit Lehre, mit theologischer Rede insgesamt. Konkrete Folgen ergeben sich daraus zum Beispiel für das ökumenische Gespräch. Im interkonfessionellen Dialog sind Lehr- und Sprachzusammenhänge von dem einen in den anderen zu übersetzen: Wo unterschiedliche Dogmen und Lehrsätze aufeinandertreffen, kann eine Beachtung der <em>Grammatik</em> helfen, Missverständnisse zu klären.</p>
<h3>Grundlegung Diakonischer Theologie (Praxis)</h3>
<p>Theologie als Grammatik nimmt die Glaubenspraxis in den Blick. Das macht sie zu einem Konzept diakonischen Handelns. Denn die Lebensform des Theologen und das Sprachspiel sind eng verzahnt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“: Die grundlegende Lebensform im Dienst am Nächsten, im Sinn der christlichen Nächstenliebe, spiegelt sich auf die gelebten Sprachformen zurück – oder sollte das zumindest tun (vgl. das Statement von Clemens Sedmak auf der folgenden Seite).</p>
<p>Folgt man dem Ansatz über die Grammatik, erschließen sich neue Zugänge zur Theologie, die zuvor so nicht im Blick waren. Mit Wittgenstein zu sprechen, ist beim Vergleichen und beim Übersetzen von einem Sprachzusammenhang in den anderen mit produktiven <em>Aspektwechseln</em> zu rechnen: „So habe ich das noch nie gesehen.“</p>
<h2>Literaturhinweise</h2>
<ul>
<li>Kurt Wuchterl / Adolf Hübner: <em>Wittgenstein</em>, Reinbek bei Hamburg 1979</li>
<li>Wilhelm Vossenkuhl: <em>Ludwig Wittgenstein</em>, München 1995</li>
<li>Hans-Johann Glock: <em>Wittgenstein-Lexikon</em>, Darmstadt 2000</li>
</ul>
<hr />
<h2>Zu Wittgenstein, Grammatik und Theologie</h2>
<p><em>Was Wittgenstein-Kenner zum Thema sagen</em></p>
<h3>Wittgenstein und die Theologie</h3>
<p>Was kann heutige Theologie von Wittgenstein lernen?</p>
<p>Es dürfte … deutlich … sein, dass weder Wittgenstein der Theologie präzise Arbeitsanweisungen geben kann oder möchte noch, dass aus seinen Aufzeichnungen so etwas wie eine Standortbestimmung für heutige Theologie abgeleitet werden kann.</p>
<p>Er gibt jedoch einen Hinweis in seiner Bemerkung „Theologie als Grammatik“… Grammatisches Arbeiten fordert dann von der Theologie …, dass eine vorfindliche Sprachmenge so beschrieben wird, dass die Bedeutung der Worte und Sätze in größtmöglicher Klarheit zugänglich wird. … <em>Gegenstand der Theologie ist folglich der religiöse Sprachgebrauch.</em></p>
<p><strong><em>Dr. Swantje Eibach-Danzeglocke</em></strong><em>, Pfarrerin der ESG-Aachen. Die Zitate stammen aus ihrem Band Theologie als Grammatik, Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M. 2002, S. 164f.</em></p>
<h3>Grammatik und diakonische Praxis</h3>
<p>„Theologie als Grammatik“ ist nicht die Analyse von Wörtern, sondern von den Kontextbedingungen gelingender Kommunikation. Folglich wird sich diese „Grammatik“ einer Berücksichtigung der Praxis nicht entziehen können.</p>
<p>Die (für die Theologie: diakonische) <em>Praxis</em> ist nach Wittgenstein das Kriterium funktionierender Grammatik. Somit wird Theologie als Grammatik zugleich zum Fundament diakonischen Handelns.</p>
<p><strong><em>Prof. Dr. Clemens Sedmak</em></strong><strong><em>, </em></strong><em>Professor für Sozialethik am King’s College London und Gastprofessor für Sozialethik an der Universität Salzburg.</em></p>
<h3>Theologie als Sprachlehre des Glaubens</h3>
<p>Nietzsche hatte in der Vermutung, mit der Grammatik sei zugleich Gott präsent, die „<em>linguistische Wende“</em> bereits vorweggenommen. Zwar ungewollt, aber diagnostisch treffend. Damit gemeint sein kann, dass die Vorstellung klarer Regeln und Verbote im Sprachlichen an den strafenden Gott eines klar verteilten Gut und Böse erinnert. Gemeint sein kann aber auch, dass der Glauben selbst eine Verwandtschaft zur regelgeleiteten Sprache aufweist.</p>
<p>Die Wittgensteinsche Idee von „Theologie als Grammatik“ folgt dieser zweiten Lesart. In der Analogie zwischen Sprache und Spiel sind wichtige Ansätze enthalten, um der Dynamik der Sprache und damit des Glaubens nachzugehen: der Gemeinschaftscharakter der Sprache; ihre wirklichkeitsbildende Kraft; aber auch ihr Grundzug, den Sprecher im Verstehensprozess zu involvieren.</p>
<p>Das Projekt, welches sich dieser Momente am engagiertesten angenommen hat, ist die so bezeichnete Hermeneutische Theologie. Die Hinwendung zu Sprachfiguren wie Gleichnis oder Metapher steht am Anfang dieser „Sprachlehre des Glaubens“ (Gerhard Ebeling). Demnach sei Glaube ein eigenes, auch eigentümliches Verstehen; dieses Verstehen sei wesentlich sprachlich formiert; und ›Gott‹ bezeichne nicht den Sondergegenstand dieses Verstehens, sondern diejenige Wirklichkeit, in welcher der (sich) neu verstehende Mensch wandelt.</p>
<p>Das ist eine spannende These. Dass Nietzsche von ihr beunruhigt gewesen wäre, spricht nur für sie!</p>
<p><strong><em>PD Dr. Hartmut von Sass</em></strong><em>, Privatdozent für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Zürich.</em></p>
<h3>Auftakt und Fortsetzung</h3>
<p><em>Theologie plus Linguistik</em> war der Auftakt, Theologie plus Soziologie, Theologie und Medizin, Theologie und… andere sollen folgen. In der nächsten Ausgabe geht es um Theologie und Quantenphysik.</p>
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			</item>
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		<title>Die weiteren Aussichten: örtlich bewölkt&#8230;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:12:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
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					<description><![CDATA[„Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.“ (Psalm 36,6)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p><strong>„</strong>Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.<strong>“</strong> (Psalm 36,6)</p></blockquote></div>
<p>„Wenn man über jemanden die Wahrheit erfahren will, ist dieser jemand meiner Erfahrung nach der Letzte, den ich fragen würde.“ – Vielleicht haben Sie im Fernsehen schon einmal eine Folge der amerikanischen Fernsehserie <em>Dr. House</em> gesehen. Dr. House spielt einen Arzt mit besonderen diagnostischen Fähigkeiten. Er spielt ihn so, dass er andere gerne mit Hohn und Spott überzieht. Das Zitat ist insofern charakteristisch für ihn. Von der Selbstauskunft eines Menschen hält er nicht viel. Die Wahrheit will niemand wissen, am wenigsten über sich selbst – und schon gar nicht <em>sagen</em>. Mag sein. Manchmal tut uns die Wahrheit weh oder verschafft uns keinen Vorteil.</p>
<p>Einerseits liegt die Vermutung nahe, wir alle nehmen es mit der Wahrheit oft nicht so genau: Bei 2,9 Lügen wollen amerikanische Psychologen ihre Testpersonen in einem jeweils zehnminütigen Gespräch ertappt haben. Andererseits gehen <em>um der Wahrheit</em> willen neuerdings Tausende sogar auf die Straße. Wie das? So wichtig scheint sie ihnen zu sein? Die Verteidiger der Wahrheit von Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) bezichtigen die anderen der permanenten Unwahrheit. Die anderen, das sind die Medien. Die „Lügenpresse“. Das Unwort des Jahres 2014 . Diese Wahl begründen die Juroren der Sprachkritischen Aktion so: „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.“ Die Pauschalisierung ist der Feind der Wahrheit.</p>
<p>Und der Extremismus – oder Fundamentalismus – ist ihr Totengräber. „In diesen Tagen“ war nach dem 7. Januar, dem menschenverachtenden Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Die Mörder rechtfertigen ihr Verbrechen mit dem Willen Allahs. Mitte Januar stellte der Publizist Jürgen Todenhöfer ein in Mosul geführtes Interview mit einem Sprecher des Islamischen Staates (IS) auf seine Facebook Seite: <em>Gott befehle jedem Muslim, sich dem IS anzuschließen. Auch die Schiiten seien Abtrünnige. Entweder sie bekehren sich zum wahren Islam, oder sie würden getötet werden. Ihre große Zahl – über 100 Millionen </em>– <em>spiele dabei keine Rolle. Für den IS gebe es keine Grenzen – auch in Europa werde man einmarschieren </em>–<em>, sondern nur Fronten</em>. Die Ideologen und Kämpfer des IS erheben einen Totalitätsanspruch auf die Wahrheit. Wahrheit in religiösen, ethischen und moralischen Fragen ist, was sie dafür ausgeben.</p>
<p>Varianten des Umgangs mit der Wahrheit: Im Alltag ehrlich miteinander sprechen. Im Streit der Meinungen unvoreingenommen prüfen, ob nicht auch die andere Seite Teile eines Problems richtig erkannt haben könnte. In der Auseinandersetzung der Religionen, Kulturen und Mächte die Wahrheit nicht als Totschlag-Argument benutzen; wörtlich, die anderen nicht um der (vermeintlichen) Wahrheit willen totschlagen. Gott sei Dank waren Wahrheits-Diktaturen in der Welt noch nie von langer Dauer.</p>
<p>Wenn in dieser Zeit „die“ Wahrheit behauptet, durchgesetzt, exekutiert wird, ist Skepsis am Platz. Zweifel an denen, die sie gefunden (zu) haben (meinen), nicht an denen, die sie <em>suchen</em>. Denn im Lande der Beliebigkeit kann niemand wirklich leben. Mehr noch: „Wahrheit soll geschehen, sie soll nicht nur gedacht werden. Wahrheit entsteht durch das Tun, das im Gegensatz zum Schein, zur Finsternis steht, in der das Böse geschieht“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Gute, wenn es geschieht, fließt aus der Güte – aus der Gesinnung des inneren Menschen. Deshalb lassen sich Wahrheit und Güte nicht auseinander reißen. Wahrheit entsteht durch Verständigung im Guten und über das Gute. Wahrheit <em>soll geschehen</em> im gütigen Aus-Handeln des Guten zwischen <em>verständigen</em> Wesen.</p>
<p>Wahrheit <em>und</em> Güte gehören zu den 99 Namen Allahs. Und die Beter der Psalmen finden Güte <em>und</em> Wahrheit beim Gott Israels und Vater Jesu Christi: <strong>„</strong>Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen<strong>“</strong> (Psalm 36,6).</p>
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		<title>„The Germany Project“ meets „Seminarkurs Israel“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ulrike Theurer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:11:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Palästinenser]]></category>
		<category><![CDATA[Schüleraustausch]]></category>
		<category><![CDATA[Schulpartnerschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Versöhnung]]></category>
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					<description><![CDATA[In einem Seminarkurs der 11. Klasse beschäftigen sich Schüler/innen am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach am Neckar ein ganzes Schuljahr lang mit dem Thema „Israel“. Teil des Kursprogramms ist die Begegnung mit Schülerinnen und Schülern der demokratischen Schule Eynot Yarden im äußersten Norden Israels. Teilnehmerinnen und Projektverantwortliche berichten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In einem Seminarkurs der 11. Klasse beschäftigen sich Schüler/innen am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach am Neckar ein ganzes Schuljahr lang mit dem Thema „Israel“. Teil des Kursprogramms ist die Begegnung mit Schülerinnen und Schülern der demokratischen Schule Eynot Yarden im äußersten Norden Israels. Teilnehmerinnen und Projektverantwortliche berichten.</p></blockquote></div>
<h2>Der Seminarkurs „Israel“</h2>
<p>Das Friedrich-Schiller-Gymnasium ist das größte allgemeinbildende Gymnasium in Baden-Württemberg mit ca. 2.350 Schülerinnen und Schülern sowie knapp 200 Lehrerinnen und Lehrern. Mit ihrer Größe kann die Schule auf ein umfangreiches und buntes Bildungsangebot zurückgreifen wie u.a. die Internationale Klasse, die Förderung Hochbegabter, die ganze Welt umfassende Austauschprogramme, das junge Profilfach Kimko (= Kunstprofil Intermediale Kommunikation) und bilinguale Klassen.</p>
<p>Die Seminarkurse werden in der elften Klasse angeboten. Ein Jahr lang beschäftigen sich die Lernenden intensiv mit einem Thema, das im regulären Lehrplan nicht vorkommt. Neben der inhaltlichen Arbeit werden sie mit den Methoden wissenschaftlichen Arbeitens vertraut gemacht, um eine eigene Seminararbeit erstellen zu können.</p>
<p>Im Seminarkurs „Israel“, der seit 2012 angeboten wird, stehen die Geschichte des Staates Israel, Politik und Kultur sowie die deutsche Vergangenheit während der Nazizeit und deren Aufarbeitung im Vordergrund. Themen von Seminararbeiten lauten z.B.: „Ist die mediale Berichterstattung in deutschen Medien über den Nahostkonflikt angemessen?“, „Können demokratische Schulen etwas zum Frieden in Israel beitragen?“ oder „Welchen Anteil hat die Kirche an der Judenfeindlichkeit im Mittelalter?“</p>
<p>Barbara:<em> „Wir können uns jetzt – mehr oder weniger – Experten des Themas ›Israel‹ nennen. Insgesamt arbeiten wir sehr viel in Eigenverantwortung. Die Sachverhalte, mit denen wir uns beschäftigen, sollen wir uns selbst erarbeiten und auch wenn unsere Lehrerinnen uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, wird von uns sehr viel Selbstständigkeit erwartet. Etwas für Faule ist dieser Seminarkurs auf keinen Fall.“</em></p>
<h2>Begegnungen in Israel und Deutschland</h2>
<p>Das Besondere an diesem Seminarkurs ist die Kooperation mit der demokratischen Schule Eynot Yarden im äußersten Norden Israels. Diese erfolgt im Rahmen einer seit 1997 bestehenden, vertraglich besiegelten Partnerschaft zwischen dem Landkreis Ludwigsburg und der Region Oberes Galiläa. Die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer begegnen sich zunächst in Israel und ein Jahr später in Deutschland. Die eigene Familiengeschichte <em>–</em> beginnend mit den Urgroßeltern <em>–</em> steht in beiden Schulen am Anfang der ähnlich gestalteten Vorbereitungskurse.</p>
<p>Die Beschäftigung damit sensibilisiert die Jugendlichen hinsichtlich ihrer Herkunft und Identität und bereitet sie gleichzeitig auf die Begegnung mit allen Projektteilnehmerinnen und -teilnehmern vor. Darüber hinaus schafft sie auf deutscher Seite eine Ebene, die den Einstieg in die Auseinandersetzung mit der Biographie einer jüdischen Persönlichkeit erleichtert, bei der die historischen Vorgänge im Kontext des Lebens einzelner Personen zu beleuchten sind. Inhaltlicher Schwerpunkt ist auf beiden Seiten in der ersten Phase Israel, in der zweiten Deutschland.</p>
<h2>Acht Tage in Israel</h2>
<p>Im Oktober 2014 ist es soweit. Acht Tage geht es für uns nach Israel. In Jerusalem treffen wir auf unsere israelischen Projektteilnehmer.</p>
<p><em>Barbara: Ich hatte großes Lampenfieber, doch die Angst war vollkommen unbegründet. Ich habe kaum jemals offenere und nettere Menschen getroffen als die Israelis und wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut. Mit meiner israelischen Austauschschülerin habe ich mich sehr gut angefreundet und wir stehen auch jetzt noch in regem Kontakt.</em></p>
<p>Das Programm, das uns von israelischer Seite geboten wird, ist vielseitig und gibt uns einen tiefen Einblick in die israelische und jüdische Lebensweise und Kultur.</p>
<h2>Kriegserfahrungen und Holocaust</h2>
<p>Der Besuch auf den Golanhöhen führt uns an die syrisch-israelische Grenze, von wo aus wir den Bürgerkrieg in Syrien aus sicherer Entfernung beobachten können. Eine für alle surrealistische Erfahrung, die vor Ort zur Diskussion führt über das Erleben selber, den Konflikt in Syrien, seine Auswirkungen auf die gesamte Region sowie Israels Rolle und seine Verpflichtung, den syrischen Flüchtlingen medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Außerdem erzählen einige der israelischen Jugendlichen von ihren Erfahrungen während des Libanonkrieges 2006 <em>–</em> sie waren damals sieben oder acht Jahre alt.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Persönlich mit Nachkommen von Holocaust-Opfern zu reden, ist ein ganz neuer Einblick in dieses Thema.</p></blockquote></div>
<p>Einen weiteren Tag unseres Aufenthalts beschäftigen wir uns gemeinsam mit der Aufarbeitung des Holocausts in einem von Überlebenden des Warschauer Ghettos aufgebauten Studienzentrum im Kibbuz Lochamei HaGeta’ot. Der Austausch und die Konfrontation mit den Israelis erweist sich als sehr große Bereicherung. Eine neue Art der Verständigung und ein neues Verständnis der Geschichte werden hier auf den Weg gebracht.</p>
<p><em>Barbara: Wir Schüler in Deutschland lernen durch Schulprojekte sehr viel über die Zeit des Nationalsozialismus. Doch persönlich mit den Nachkommen der Opfer zu reden, ist ein ganz neuer Einblick in dieses Thema. Wie der Holocaust die Israeli persönlich berührt, lässt uns nicht unberührt.</em></p>
<h2>Das Verhältnis Israel – Palästina</h2>
<p>Teil des Programms ist auch das Verhältnis zwischen Israel und Palästina. Der Vortrag von Prof. Tamar Hagar vom Zentrum für Demokratie und Frieden an der Hochschule Tel Chai, thematisiert die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der in Israel lebenden Araber. Prof. Hagar engagiert sich für institutionelle Veränderungen, die die Chancengleichheit für arabische Studierende im Blick hat und die Inhalte der arabischen Kultur im Hochschulleben legitimeren will. Die anschließend kontrovers geführte Diskussion fordert die Jugendlichen heraus und gewährt ihnen neue Einblicke in die Schwierigkeiten von Weltpolitik und Diplomatie.</p>
<p><em>Barbara: Es kam immer wieder zu hitzigen Diskussionen, denn die Israelis stimmten uns natürlich nicht in allem zu. (… ) Sehr schnell mussten wir feststellen, dass das, was wir aus Büchern wussten – oder zu wissen glaubten – in der Realität nicht immer so passte, wie wir uns das gedacht hatten. Dies betraf zum Beispiel das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. Mit dem Abstand, den wir in Deutschland von der Problematik haben, können wir natürlich viele gut gemeinte Ratschläge geben, doch wie umsetzbar diese dann sind, das können wir schlecht von außen beurteilen. Denn wir wissen nichts von den konkreten Problemen der Menschen dort und so ist ein Urteil häufig vorschnell. Doch das führte nicht dazu, dass wir uns mit den Israelis zerstritten, im Gegenteil, durch unsere Gespräche konnten wir noch mehr über einander lernen.</em></p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Über das Verhältnis Israel – Palästina kam es immer wieder zu hitzigen Diskussionen.</p></blockquote></div>
<p>Weniger kontrovers erleben die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer die Berichte eines palästinensischen Zeitzeugen, dessen Dorf Bir’im 1948 von den israelischen Streitkräften geräumt wurde. Vor Ort erzählt er uns die Geschichte Bir’ims. Die Anwohner wurden unter dem Vorwand vertrieben, dass sie nach zwei Wochen zurückkehren dürften. Während dieser Zeit wurde das Dorf jedoch vom Militär zum Sperrgebiet erklärt und später zerstört. Unser Zeitzeuge war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt, er sieht sich jedoch auch heute noch als ein Einwohner Bir’ims. Seine Ausführungen hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck, da er zeigt, wie sehr die Menschen unter dem Nahostkonflikt litten und leiden.</p>
<h2>Bedeutung des Projekts</h2>
<p>Der Aufenthalt in Israel lässt Freundschaften entstehen, fördert die Kommunikation und das Verständnis für eine andere Kultur. Damit lassen sich gute Beziehungen zwischen beiden Ländern ausbauen, die auch in der Zukunft Belastungen Stand halten können.</p>
<p><em>Barbara: Der Seminarkurs Israel hat mir die Möglichkeit gegeben, ein Land kennenzulernen, von dem ich zuvor so gut wie nichts wusste. Die Rolle Israels in der Welt und der Nahostkonflikt sind Themen, die in der Welt von großer Bedeutung sind. Mehr darüber zu erfahren, wird uns in Zukunft bestimmt noch viel weiterbringen. Ich konnte neuen Leuten begegnen, die grundlegend andere Erfahrungen als ich gemacht haben und machen werden, mich mit ihnen austauschen und anfreunden. Ich möchte unbedingt noch einmal nach Israel reisen, um mehr über die Gesellschaft und die Kultur zu erfahren und vielleicht sogar ein wenig Hebräisch zu lernen. Möglicherweise werde ich sogar ein FSJ in Israel absolvieren. Diese Interessen, die mich jetzt so begeistern und motivieren, wären ohne den Seminarkurs gar nicht entstanden. Es ist eine Erfahrung, die mein Leben prägt.</em></p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Seminarkurs war eine Erfahrung, die mein Leben prägt.</p></blockquote></div>
<p>Der Besuch der Israelis wird im Herbst 2015 stattfinden. Es ist uns wichtig, den israelischen Austauschschülerinnen und -schülern einen ebenso authentischen Einblick in unseren Alltag zu ermöglichen und sie dadurch in die Vielfalt gesellschaftlicher und kultureller Themen hineinzunehmen.</p>
<p>Danielle, eine israelische Projektteilnehmerin:<em> Es war großartig, die deutschen Jugendlichen kennenzulernen, ihnen mein Leben im Kibbuz zu zeigen und einen echten Einblick in unser Leben und Land zu vermitteln. Dass Israel weit mehr ist als man in den Nachrichten mitbekommt und was es heißt, als Israeli zu leben. Wir haben gemerkt, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind. Am Ende des Tages waren wir alle nur Teenager. Wir hatten Spaß miteinander und haben miteinander gelacht, und konnten uns trotzdem über Themen wie den Holocaust unterhalten. Durch dieses Projekt lerne ich so viel über mich, Deutschland, mein Land, kulturelle Vielfalt und Toleranz und es geht weiter! Wenn ich daran denke, Deutschland zu besuchen und unsere Freunde wieder zu treffen, werde ich ganz aufgeregt. Deutschland aus deren Augen zu sehen, kann ich kaum abwarten. Ich bin so glücklich darüber, in diesem Projekt zu sein, und kann es definitiv jedem empfehlen, der aufgeschlossen ist, gerne lernt und viel Spaß haben will.</em> (aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Theurer)</p>
<p>Der Beitrag entstand unter Mitarbeit der Schülerinnen Laura Herdtle und Barbara Niedermaier und des Schülers Moritz Rothhaar vom Friedrich-Schiller Gymnasium, Marbach a.N. Die Zitate stammen von den Schülerinnen Danielle Feibel und Barbara Niedermaier.</p>
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		<title>Stichwort: Diplomatie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Horst Pageler und Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:08:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Diplomatie]]></category>
		<category><![CDATA[Diplomatische Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Merkel]]></category>
		<category><![CDATA[Netanjahu]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Wort „Diplomatie“ steht für eine geschickte, kluge und taktierende Regelung zwischenstaatlicher Beziehungen, die für beide Parteien gewinnbringend ist. Von jeher paart sich dabei politisches Kalkül mit Verhandlungsstärke. Die Akteure müssen mal behutsam, mal beherzt, aber immer mit Bedacht vorgehen. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Wort „Diplomatie“ steht für eine geschickte, kluge und taktierende Regelung zwischenstaatlicher Beziehungen, die für beide Parteien gewinnbringend ist. Von jeher paart sich dabei politisches Kalkül mit Verhandlungsstärke. Die Akteure müssen mal behutsam, mal beherzt, aber immer mit Bedacht vorgehen. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart.</p></blockquote></div>
<p>Der Begriff „Diplomatie“ kommt aus der griechischen Verwaltung der Stadtstaaten aus vorchristlicher Zeit. Diplomaten (Unterhändler) wurden nur für bestimmte und heikle Aufgaben entsandt bzw. ausgetauscht. Es waren üblicherweise Mitglieder der Herrscherfamilien oder Beamte von hohem Rang. Das gab ihnen die erforderliche Legitimität, wenn sie mit anderen Staaten verhandelten. Die päpstlichen Gesandten am Hofe des byzantinischen Kaisers  in Konstantinopel bildeten die ersten dauerhaften Botschaften.</p>
<p>Die Ursprünge der „modernen Diplomatie” gehen auf die Stadtstaaten Norditaliens in der Renaissancezeit (zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert) zurück, wobei Mailand die ersten Botschaften in anderen Städten Norditaliens gründete. Mailand war auch der erste Staat, der 1445 einen Botschafter an den französischen Hof entsandte. Aus Furcht vor Spionage lehnte Mailand aber einen französischen Vertreter ab.</p>
<p>Ab dem Ende des 16. Jahrhunderts wurden dauerhafte Vertreter an den europäischen Höfen üblich. Botschafter war in der Regel ein Adliger, wobei der Rang davon abhing, für wie wichtig man das Land hielt. Die Repräsentanzen waren sehr aufwendig ausgestattet und spielten eine wichtige Rolle im höfischen Leben der Gastländer. In kleine Staaten wurden Gesandte geschickt, die sich im Status unterhalb eines Botschafters befanden. Die Französische Revolution brachte es mit sich, dass Bürgerliche mit der Diplomatie des Staates  beauftragt wurden.</p>
<p>Als die europäischen Mächte im 18. und 19. Jahrhundert expandierten, verbreitete sich das diplomatische System auch über die übrige Welt. Heute sind die meisten Staaten der Erde diplomatisch anerkannt. Mit nicht-anerkannten Staaten werden in der Regel über befreundete Botschaften oder direkt informelle Kontakte unterhalten.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Diplomatie ist die Auffassung, dass die Wahrheit Nuancen hat.“ Jiří Gruša, Direktor der Diplomatischen Akademie Wien</p></blockquote></div>
<p>Für das Überleben eines Staates ist die Fähigkeit, Diplomatie zu betreiben, von elementarer Bedeutung. Sind die Differenzen zwischen Staaten so groß, dass man nicht mehr direkt miteinander sprechen kann, ohne sich fortwährend zu verletzen und Vorhaltungen zu machen, werden häufig Regierungsmitglieder anderer Staaten, die beide Kontrahenten akzeptieren, oder auch  die UNO mit einer diplomatischen Mission beauftragt, damit die Gesprächsbereitschaft erhalten bleibt und eine militärische Aktion verhindert wird.</p>
<p>Wichtige Voraussetzung für die Existenz von Diplomatie ist eine relative Ausgeglichenheit der Machtpositionen der betreffenden Staaten. Die einfachste und älteste Form der Diplomatie ist die „bilaterale“ zwischen zwei Staaten, gegenüber der „multilateralen“, in der viele Staaten gleichzeitig zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen versuchen (z.B. Klimakonferenz). Bedeutende Gesprächsforen der internationalen Diplomatie sind die UNO, die EU u.a.</p>
<p>Gerade in heiklen zwischenstaatlichen Beziehungen kommt der Diplomatie also ein besonderer Stellenwert zu.  Und was könnte heikler, weil geschichtsbelasteter sein als das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel? Schon vor der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten im Jahr 1965 war geschicktes und klug taktierendes Vorgehen auf beiden Seiten gefragt (vgl. den Beitrag von David Witzthum).</p>
<p>Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen dann aber gerade aus diplomatischen Gründen so lange auf sich warten ließ. Am 8.10.1963 schrieb Konrad Adenauer an Theodor Heuss:</p>
<p><em>Gar zu gern hätte ich noch während meiner Amtszeit die diplomatischen Beziehungen mit Israel hergestellt. Ich habe deswegen in Washington angefragt, weil Washington ja übernommen hatte, dafür zu sorgen, dass im Orient nichts passiere. Washington hat mich gebeten, die diplomatischen Beziehungen jetzt nicht herzustellen. Unter diesen Umständen kann ich leider mein Vorhaben nicht ausführen.</em></p>
<p>Anderthalb Jahre später war es dann doch so weit. Doch mit dem Austausch von Botschaftern ging der Bedarf an persönlicher Diplomatie keineswegs zurück. Im aktuellen Verhältnis zwischen Deutschland und Israel ist wohl der heikelste Punkt die kritische Beurteilung von Israels Politik gegenüber den Palästinensern. Wenn sich deutsche Politiker zu dieser Konfliktsituation äußern, ist bis heute besonderes Finger- (oder sollte man besser sagen: Zungen-)spitzengefühl gefragt. Wie kann es gelingen, im Bewusstsein der besonderen deutschen Verantwortung für das Existenzrecht Israels trotzdem angemessen Kritik an Praktiken der israelischen Regierung zu üben?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Diplomatie ist die Kunst, mit 100 Worten das auszudrücken, was man auch mit einem Wort sagen könnte.</p></blockquote></div>
<p>Üblicherweise ist es ein Kennzeichen der Diplomatie, dass sie sich mit abgewogenen, oft formel- oder floskelhaften Worten zu derart heiklen Themen äußert. Die eigentliche Botschaft ist dabei so aufwändig verpackt, dass ein Bonmot sagt: „Diplomatie ist die Kunst, mit 100 Worten das auszudrücken, was man auch mit einem Wort sagen könnte.“ Ob man freilich im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern die Situation tatsächlich mit <em>einem</em> Wort zutreffend beurteilen kann, erscheint mehr als fraglich (vgl. den Beitrag von Rainer Lang).</p>
<p>Wegen des üblicherweise behutsamen Wortgebrauchs sind im diplomatischen Kontext klare Aussagen von besonderer Prägnanz. Im Verhältnis Deutschland-Israel gilt dies für den Satz Angela Merkels in ihrer Rede vor der Knesset 2008: „Israels Existenzrecht ist Teil der deutschen Staatsräson“. So wenig eindeutig die damit gemachte Aussage ist, so klar ist damit doch ein politischer Pflock eingerammt.</p>
<p>Von Angela Merkel gibt es allerdings auch ein eindrückliches Beispiel für eine gänzlich undiplomatische diplomatische Äußerung gegenüber einem israelischen Gesprächspartner: „Was erlauben Sie sich, Sie haben doch selbst keinen einzigen Schritt getan, um den Frieden voranzubringen“, herrschte sie 2011 Israels Premierminister Netanjahu an, als dieser sich telefonisch über mangelnde Loyalität Deutschlands im Konflikt mit den Palästinensern beschweren wollte.</p>
<p>Auf dem diplomatischen Parkett wird also keineswegs immer die gleiche Musik gespielt. Und wer sich dort bewegt, tut gut daran, sein Instrument in jeder Tonlage zu beherrschen.</p>
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		<title>Arbeit in einem Minenfeld</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/antisemitismus-vorwuerfe-gegen-dt-hilfsorganisationen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:06:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfsorganisationen]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[NGOs]]></category>
		<category><![CDATA[NROs]]></category>
		<category><![CDATA[Palästina]]></category>
		<category><![CDATA[Palästinenser]]></category>
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					<description><![CDATA[Alle Lösungsversuche sind bislang gescheitert: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist wie ein Stachel im Fleisch der Weltpolitik. Auch wer sich als Hilfsorganisation engagiert, begibt sich hier auf vermintes Gelände und ist schnell Zielscheibe heftigster Kritik. Zwischen den Konfliktparteien und ihren Anhängern scheint es nur ein Entweder-Oder zu geben. Differenzierte Zwischentöne sind selten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Alle Lösungsversuche sind bislang gescheitert: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist wie ein Stachel im Fleisch der Weltpolitik. Auch wer sich als Hilfsorganisation engagiert, begibt sich hier auf vermintes Gelände und ist schnell Zielscheibe heftigster Kritik. Zwischen den Konfliktparteien und ihren Anhängern scheint es nur ein Entweder-Oder zu geben. Differenzierte Zwischentöne sind selten.</p></blockquote></div>
<p>Wer zum ersten Mal Jerusalem besucht, der kann sich der Wucht der Eindrücke nicht entziehen. Es ist die Präsenz der drei monotheistischen Weltreligionen auf engstem Raum. Durch diese Präsenz in ganz besonderen religiösen Stätten in der Stadt wird Religionsgeschichte auf einzigartige Weise erlebbar. Und es wird deutlich, dass diese Geschichte auch weiterhin von schmerzhaften Auseinandersetzungen geprägt sein wird.</p>
<p>Und wer durch Israel fährt und das Land aus dem biblischen Horizont betrachtet, der kann zumindest verstehen, dass für viele dieser Landstrich weit mehr ist als Heimat im profanen Sinn. Aus diesem Blickwinkel scheint hier jeder Stein religiös aufgeladen zu sein, für Juden und Christen. Dies führt schon mitten in einen Konflikt hinein, der seit Jahrzehnten die Weltpolitik in Atem hält und einen Keil getrieben hat zwischen die arabische Welt und den Westen. Es ist der Nahostkonflikt. Viele Muslime auf der ganzen Welt empfinden es als Schmach, dass mit Unterstützung des Westens inmitten der arabischen Länder ein jüdischer Staat entstanden ist. Seit der Unabhängigkeit Israels 1948 hat sich dieser Konflikt zwischen Israelis und Arabern in regelmäßigen Abständen in Kriegen und Gewalt niedergeschlagen.</p>
<h2>Zahlreiche Anläufe zum Frieden</h2>
<p>Auf dem Land, das von Juden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren Wellen besiedelt wurde, haben Araber gelebt. 1947 gab es einen UN-Teilungsplan, den die arabischen Staaten nicht akzeptierten. Ein erster Krieg endete mit der Gründung eines Staates Israel und der Vertreibung hunderttausender von Palästinensern, von denen viele in den Nachbarstaaten bis heute in sogenannten Lagern leben. Es folgten mehrere Kriege, bei denen Israel weitere Gebiete besetzte. Die Lage ist trotz unzähliger Anläufe zur Beilegung des Konflikts so verfahren, dass eine friedliche Lösung unmöglich erscheint. Stattdessen kommt es zwischen Israelis und Palästinensern immer wieder zum militärischen Schlagabtausch.</p>
<p>Es scheint ein Teufelskreis zu sein, dem sich die verfeindeten Parteien nicht entziehen können. Die Palästinenser leben in besetzten Gebieten unter einer Autonomiebehörde. Der israelischen Regierung steht eine palästinensische Regierung gegenüber, die schwach und zerstritten ist. Diese Autonomiegebiete umfassen den Gazastreifen und einen Teil des Westjordanlandes und sind praktisch zweigeteilt. In Gaza herrscht die radikalislamische Hamas, die den Staat Israel grundsätzlich ablehnt, im Westjordanland ist es die moderate Fatah.</p>
<p>Die Lage ist verworren und kompliziert. Augenfällig ist das starke Machtgefälle zwischen Israelis und Palästinensern. Da ist ein moderner und hochgerüsteter Industriestaat, dem eine mangelhaft organisierte Verwaltung sowie eine rudimentär entwickelte Wirtschaft und Infrastruktur gegenüber stehen. Die Palästinenser haben keine ausreichende medizinische Versorgung, viel zu wenig Arbeitsplätze, nicht genügend Schulen und Ausbildungsstellen.</p>
<h2>Zermürbende Wartezeiten</h2>
<p>Wer die Autonomiegebiete besucht, erlebt Menschen, deren Alltag geprägt ist von Mühsal, Not und Entbehrung. Während der Gazastreifen ein abgeschlossenes und abgeriegeltes Gebiet ist, das Kritiker als großes Gefangenenlager bezeichnen, ist das Westjordanland kein zusammenhängendes Gebiet, sondern von jüdischen Siedlungen durchsetzt und von israelischen Checkpoints durchtrennt. So kann es sein, dass der Weg von einem palästinensischen Dorf zum anderen eine große Mühsal bedeutet. Ob jemand durchgelassen wird, das liegt im Ermessen der Soldaten. Lange Autokolonnen vor den Checkpoints sind Alltag. Zermürbend sind oft die Wartezeiten. Ein Arztbesuch ist manchmal unmöglich, weil die Wartenden wieder nach Hause geschickt werden. Felder werden konfisziert.</p>
<p>Von Israel errichtete Sperranlagen, zum Teil als neun Meter hohe Mauer, trennen inzwischen das Westjordanland von israelischem Gebiet. Der Gaza-Streifen war schon durch einen Sicherheitszaun abgetrennt. Aus israelischer Sicht verhindern die Absperrungen erfolgreich Terroranschläge. Auf jeden Fall entfremdet die Trennlinie Israelis und Palästinenser weiter voneinander. Sie zerstört auch die wirtschaftliche Grundlage von Palästinensern, weil sie ganze Dörfer von ihren Feldern und Brunnen trennt, worauf Kritiker immer wieder hinweisen.</p>
<p>Israelis wissen kaum etwas vom mühevollen Alltag der Palästinenser, von ihren Lebensumständen und ihrer wirtschaftlichen Situation. Groß ist die Angst vor Terroranschlägen sowie Angriffen. Aus dem Gazastreifen werden nahezu täglich Raketen auf israelisches Gebiet abgeschossen. Auf der anderen Seite leben Palästinenser, die sich nach nichts mehr als einem Stück Normalität sehnen, nach geregelter Arbeit und Sicherheit.</p>
<h2>Von Radikalen befeuert</h2>
<p>Wie kann man sich in so einer Gemengelage, die von radikalen Strömungen auf beiden Seiten negativ befeuert wird, unvoreingenommen engagieren? Feindbilder sind tief verwurzelt. Als westlicher Besucher in den Autonomiegebieten kann es durchaus passieren, dass man von Kindern und Jugendlichen mit Steinen beworfen wird, weil sie einen Freund des Staates Israel vermuten, der als Ergebnis imperialistischer Aggression unter Führung der USA gesehen wird. Andererseits schlägt dem Besucher Argwohn in Israel entgegen, wenn er die israelische Politik kritisiert.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gegenwärtig sind lokale und ausländische Hilfsorganisationen ins Fadenkreuz der Kritik geraten.</p></blockquote></div>
<p>Gegenwärtig sind lokale und ausländische Hilfsorganisationen ins Fadenkreuz der Kritik geraten. Ihnen wird vorgeworfen, die Sache des Friedens als Geschäftszweig zu betreiben und so den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern weiter zu schüren. Deutsche Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Israel sehen sich gar dem Vorwurf ausgesetzt, einen modernen Antisemitismus zu befördern. Nicht zuletzt hat der jüdische Autor Tuvia Tenenbom mit seinem Buch „Allein unter Juden“ für Wirbel gesorgt. Er wirft israelischen NGOs vor, den Hass zwischen Israelis und Arabern zu schüren – und dies mit deutscher Unterstützung.</p>
<p>Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier im Zuge einer Kampagne Partei für Israel ergriffen wird, aus Zorn über die Parteilichkeit von NGOs und Hilfsorganisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz für die Anliegen der Palästinenser.</p>
<h2>Vorwurf des Antisemitismus</h2>
<p>Tenenbom zielt dabei besonders auf Deutsche ab, die sich gerne mit Palästinensern verbünden würden, um von der eigenen historischen Schuld abzulenken. Im Urteil Tenenboms ist der Nahostkonflikt ein Fetisch für westliche Weltverbesserer, die nicht anders könnten, als Israel ständig am Zeug zu flicken. Da kommt auch das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst“ ins Spiel, das die israelische NGO B’Tselem unterstützt. Ziel ist die Durchsetzung und Einhaltung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten. Unglücklicherweise stößt Tenenbom da noch auf einen Rechercheur der Organisation, der sich als Holocaustleugner entpuppt. Tenenbom verschweigt jedoch, dass sich B’Tselem von dem Mitarbeiter gerade deshalb getrennt hat und sich eindeutig von solchen Positionen distanziert.</p>
<p>Er wirft den NGOs vor, antisemitische Stereotype zu verbreiten und Israel als Apartheidstaat zu diffamieren. Ins gleiche Horn stößt Gerald Steinenberg, Politikwissenschaftler in Jerusalem und Präsident einer NGO-Beobachtungsstelle. Organisationen wie Brot für die Welt, Misereor, Medico und politischen Stiftungen würden „offenen Antisemitismus“ und Israel-Hass verbreiten. Die von diesen Organisationen geäußerte Kritik an Israel sei völlig überzogen und würde den Konflikt nur weiter schüren, statt Frieden zu schaffen. Dass Israel Kriegsverbrechen und Apartheid vorgeworfen werde, sei schlicht unmoralisch.</p>
<h2>Daueropfer westlicher Politik</h2>
<p>Andere Autoren sehen die Berichterstattung über den Nahostkonflikt grundsätzlich unausgewogen. Danach sei es den Palästinensern gelungen, sich als Daueropfer westlicher, insbesondere israelischer Ungerechtigkeit zu etablieren. An anderer Stelle heißt es, die Hunderte von Hilfsorganisationen und Friedensgruppen in den Palästinensergebieten hätten das Geschäft mit dem Frieden als lukrativen Wirtschaftszweig etabliert. Und es werde das Bild vom brutalen Goliath und hilflosen David verbreitet, auch wenn die Wirklichkeit viel komplizierter sei.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Vielschichtigkeit des Konflikts wird auch in der deutschen Medienberichterstattung nicht deutlich.</p></blockquote></div>
<p>Dies ist das entscheidende Stichwort: Die Realität ist kompliziert. Aber diese Vielschichtigkeit wird auch in der deutschen Medienberichterstattung über den Nahostkonflikt nicht deutlich. Die aktuellen Berichte über gewaltsame Konflikte können selten mehr erreichen, als vorhandene Klischees zu verstärken. Hintergrundberichte und Analysen bleiben die Ausnahme.</p>
<p>Es geht mir hier nicht darum, die Vorwürfe der Israelfeindlichkeit im Einzelnen auf den Prüfstand zu stellen. Das erscheint auch nicht sinnvoll, denn es ist offensichtlich, dass hier Kritiker der israelischen Politik mit pauschalen Unterstellungen und einem medialen Paukenschlag an den Pranger gestellt werden sollen. Da wird durchaus auch mit Emotionen gearbeitet, die gerade in Deutschland mit der furchtbaren Vergangenheit des Holocaust zumindest an Schuldgefühle anknüpfen können.</p>
<h2>Moralische Keule</h2>
<p>An diesem Punkt muss sich die gegenwärtige harsche Kritik an Hilfsorganisationen den Vorwurf gefallen lassen, deren Anspruch und guten Willen, bei ihrer Arbeit in der Region Versöhnung und Dialog zwischen den verfeindeten Parteien zu befördern, zu diffamieren und zu verleumden. Der Vorwurf des Antisemitismus ist eine moralische Keule, gegen die man sich nur schwer mit Argumenten wehren kann. Ähnliches gilt allerdings auch für die Gegenseite: Denn wenn den Israelis ethnische Säuberungen und Rassismus vorgeworfen werden, dann führt auch das zu pauschalen Diffamierungen. Diese rote Linie sollte keine der beiden Seiten überschreiten. Motiviert ist israelische Politik durchaus auch von der grundsätzlichen Angst vor der Vernichtung des jungen Staates. Und der Vorwurf, dass auf arabischer Seite manche positive Bewertung nationalsozialistischer Politik zu hören sei, ist keineswegs falsch.</p>
<p>Jegliche Schuldzuweisung wird weder der Sache noch den Leiden und Ängsten der Menschen auf beiden Seiten gerecht. Die Menschen sind zum Teil auch Opfer der eigenen politischen Führung. Die Verfasser der Antisemitismus-Vorwürfe scheinen darauf zu setzen, dass bei einer pauschalen Verurteilung auf jeden Fall etwas hängen bleibt. Dies schürt nur gegenseitigen Hass. Das ist nicht nur unfair, sondern auch gefährlich. Differenzierung statt geistiger Brandstiftung ist nötig.</p>
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		<title>„Das ist ein bisschen kompliziert“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan Mühlich]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:04:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
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					<description><![CDATA[Raed Aboful kam als Student aus Israel nach Deutschland und wohnt heute mit seiner Familie in Stuttgart. Stephan Mühlich spricht mit ihm über das deutsch-israelische Verhältnis aus palästinensischer Sicht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Raed Aboful kam als Student aus Israel nach Deutschland und wohnt heute mit seiner Familie in Stuttgart. Stephan Mühlich spricht mit ihm über das deutsch-israelische Verhältnis aus palästinensischer Sicht.</p></blockquote></div>
<p><strong>Wie hat ein palästinensischer Schüler in Israel die deutsch-jüdische Geschichte und die Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen nach 1945 kennen gelernt?</strong></p>
<p>Ich bin 1976 geboren und habe israelische Schulen besucht mit dem israelischen Schulsystem. Und der Staat Israel hat auch bestimmt, welches Schulmaterial wir bekommen. Wir hatten Geschichtsunterricht und dabei hat man sich mehr oder weniger auf den Zweiten Weltkrieg konzentriert. Wir haben die Geschichte gelernt – sogar auswendig gelernt – und haben auch in der Abiturprüfung Fragen zum Zweiten Weltkrieg gestellt bekommen.</p>
<p>Es ist eine selbstverständliche Sache, dass ein Staat seine Geschichte, seine Vorgeschichte, sein Leid weiter in Erinnerung behalten möchte und es aus diesem Grund auch an seine Bevölkerung und seine Bewohner weitergibt und unterrichtet. Aber für mich war das damals nur eine Geschichte im Unterricht – 45 Minuten und danach war es fertig. Erst später, als ich nach Deutschland gekommen bin und mit Deutschen gewohnt und geredet habe, da kamen diese Seiten wieder, die ich in der Schule gelernt hatte, sie wurden wach – sozusagen.</p>
<p><strong>Die Geschichte hat dadurch noch einmal eine andere Bedeutung bekommen?</strong></p>
<p>Man hat die Deutschen kennen gelernt. Man hat auch gesagt: „Ich komme aus Israel.“ Und irgendwie wurde man dann immer angesprochen. Da wusste ich: ›OK, was ich damals gelernt habe, konnte ich jetzt gebrauchen‹. Aber für meine Mitschüler ist das anders. Wenn ich jetzt mit ihnen diskutiere, stelle ich leider fest, dass sie nicht genügend informiert sind über das Leid, das die Juden im Zweiten Weltkrieg erlebt haben.</p>
<p><strong>Neben der staatlichen Diplomatie sind es immer auch Gruppen und Einzelpersonen, die zur Verständigung und zur Versöhnung beitragen. Wenn z.B. junge Freiwillige von Aktion Sühnezeichen in Israel alte Menschen aus Familien von Holocaustüberlebenden pflegen, verändert das auch das Verständnis der Geschichte und die Beziehung zwischen den Völkern. Gab es da als Jugendlicher in Israel Kontakte zu solchen Leuten?</strong></p>
<p>Ich hatte damals keinen Kontakt zu jungen Deutschen. Aber ich erinnere mich an das erste Geschenk, das ich als Kind von einem Fremden bekommen habe. Es war von einem jüdischen Mitbürger. Er hieß Jehuda. Er stammte aus Polen und hat den Holocaust überlebt. Damals wusste ich gar nicht, was das bedeutet. Ich habe diese Zahlen auf seinem Arm gesehen, aber das hat mir gar nichts bedeutet. Wir haben nie darüber geredet. Zweimal im Jahr haben wir uns besucht. Er war ein Freund meines Vaters.</p>
<p>Irgendwann, als ich zum Studium nach Deutschland ging und drei Jahre später wieder zu meiner Familie zu Besuch kam, sagte mein Vater: „Denk daran Jehuda zu besuchen“. Ich bin dann nach Tel Aviv gefahren und er hat mich damit überrascht, dass er auf Deutsch mit mir gesprochen hat, fließend und akzentfrei, Deutsch war ja seine Muttersprache. Wir haben geredet und dabei habe ich die Zahlen auf seiner Hand gesehen. Jetzt wusste ich was das bedeutet. Ich habe es nicht angesprochen, aber ich wusste, was es bedeutet, und habe ihn wahrgenommen. Ich habe seine Geschichte wahrgenommen, weil ich in Deutschland gewesen war.</p>
<p>Seit ich ein Kind war, hatte ich ihn nie als Jude betrachtet. Jetzt konnte ich dieses Leid verstehen. Wenn ich ihn jetzt sah, fragte ich mich immer: ›Wo warst du? Warst du auch in diesem Zug? Warst du auch so abgemagert?‹ Und ich hatte Mitleid. Wir haben nicht darüber gesprochen. Er hat es nicht erwähnt und ich wollte nicht, dass er es noch einmal erleben muss, wenn ich ihn daran erinnere.</p>
<p>Wenn man so jemand kennen lernt, dann nimmt man auch die Geschichte wahr. Das gilt auch ganz allgemein: Um die Vorgeschichte eines Volkes zu verstehen, muss man mit dem Volk darüber sprechen und nicht nur in der Schule die Geschichte lesen. Es geht dabei nicht nur um den Holocaust, sondern auch um andere Sachen: zum Beispiel die Geschichte der Türken, die Geschichte der Amerikaner in Vietnam und so weiter.</p>
<p><strong>Und wie ist es jetzt hier in Deutschland? Wie lebt es sich heute als Palästinenser aus Israel-Palästina hier in Stuttgart?</strong></p>
<p>Das ist ein bisschen kompliziert. Man ist Palästinenser. Ich bin kein Jude und kein Israeli. Ich bin zwar in Israel geboren und aufgewachsen, aber ich bin Palästinenser. Da hat man schon zwei Sachen mitbekommen. Dann kam in Deutschland beim Studium das Ökumenische Zentrum und seine Hochschulseelsorger und schließlich meine Frau, die aus Ungarn kommt und aus einer richtig katholischen Familie stammt. Und bei unserer kleinen Tochter fragen wir uns jetzt: „Wo sollen wir anfangen?“ Da ist die ungarische Revolution, der Zweite Weltkrieg oder das Leid in Israel-Palästina – Leid auf beiden Seiten.</p>
<p>Es ist interessant und wird nicht langweilig, aber wenn man nicht aufpasst, wird es kompliziert, weil man viele Geschichten mitschleppt. Und man befindet sich in Verbindung mit allen Geschichten. Ich interessiere mich für diese Sachen und es macht mir Spaß darüber zu reden, Bücher zu lesen und mich weiter zu informieren. Nicht nur die Geschichten im Fernsehen zu sehen, sondern einfach selbst zu lesen, um mir ein eigenes Bild zu erstellen.</p>
<p><strong>Gibt es manchmal Schwierigkeiten?</strong></p>
<p>Genau das Gegenteil: Als Israeli hat man zum Beispiel bei der Verlängerung des Visums mit der Zeit gemerkt, dass man dabei nie Probleme hatte, sondern mit einem israelischen Pass eher extra weich behandelt wird. Man bekommt die Dinge hier in Deutschland also bei den Behörden meistens einfacher und schneller geklärt, wenn man sagt: „Ich bin Israeli“. Gegenüber den anderen aus Ägypten, aus Afrika, ist das für mich diskriminierend. Aber es gibt die Geschichte und dieses Schuldgefühl, die man als Deutscher wohl immer noch mit sich trägt. Und wenn ein Israeli vor einem steht, passt man extrem auf, als würde man zehn Eier in der Hand halten – dass ja keines runterfällt.</p>
<p><strong>Man sucht sich seine Herkunft und seinen Geburtsort ja nicht selbst aus. Aber man könnte vielleicht fast sagen, dass ein Palästinenser mit israelischem Pass das Glück hat, von den zugegebenermaßen nicht ganz unkomplizierten diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zu profitieren.</strong></p>
<p>Als ich damals im Studentenwohnheim gewohnt habe, hat man das Zimmer nach drei Jahren nicht mehr verlängert, und so musste ich eine Wohnung suchen. Es war nach den Anschlägen vom 11. September. Ich habe mich oft beworben und habe immer gesagt: „Ich bin Palästinenser“ – und habe immer eine Absage bekommen, weil man damals Angst hatte vor Muslimen oder Palästinensern.</p>
<p>Schließlich hat meine damalige Freundin, die heute meine Frau ist, gesagt: „Sag doch, du bist Israeli – du bist doch Israeli. Lass mal deinen Stolz beiseite, vielleicht bekommst du dann eine Wohnung.“ Und tatsächlich habe ich das gemacht. Ich war bei einer Dame, die mir sagte, sie würde sich melden, und mich noch fragte, wo ich herkomme. Da habe ich ihr meinen Pass gezeigt, damit sie es mir glaubt, und gesagt: „Ich komme aus Israel“. Und einen Tag später hat sie mich angerufen und mir gesagt: „Herr Aboful, wissen Sie, ganz gerne würde ich Sie nehmen, aber mein Nachbar ist Palästinenser und ich habe Angst“. Da habe ich nicht nur profitiert – denn am Ende haben wir die Wohnung bekommen –, sondern es gab auch noch eine lustige Geschichte.</p>
<p><strong>Wenn ich an engagierte Christen hier in Deutschland denke, dann gibt es da auch eine doppelte Solidarität, die es manchmal schwierig macht: Einerseits die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk, die durch den christlich-jüdischen Dialog auch auf den Evangelischen Kirchentagen zu einer verlässlichen Vertrauensbasis im deutsch-israelischen Verhältnis beigetragen hat; und auf der anderen Seite die Solidarität mit den Opfern von Krieg und Gewalt in Palästina. Dadurch sitzen Christen in Deutschland manchmal auch zwischen den Stühlen. Gibt es da eine „diplomatische Lösung“?</strong></p>
<p>Für Israelis und Palästinenser?</p>
<p><strong>Und für die Deutschen – für diese Situation, dass man mit beiden verbunden ist, und dass es eben kompliziert ist, wenn man sich interessiert.</strong></p>
<p>Ich denke, hier könnten die Deutschen ihre Vorgeschichte oder die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nehmen und sagen: „Wir haben Leid verursacht – als Deutsche – unsere Vorfahren. Und wir haben daraus gelernt. Das wird weiter unterrichtet. Wir haben das nicht vergessen und wir entschuldigen uns immer noch dafür. Aber wir nehmen diese Geschichte als Grund, um euch zu zeigen: Das was euch passiert ist, darf auf der anderen Seite auch nicht passieren.“ Also das, was die israelische Armee im Gazastreifen macht, darf man nicht vergleichen mit dem Zweiten Weltkrieg, oder damit, was die Juden damals gelitten haben. Aber dass man diesen Punkt nimmt und sagt: „Wir haben einen Fehler gemacht. Und wir waren fest davon überzeugt damals, dass es kein Fehler war. Und ihr habt gelitten, und ihr seid fest davon überzeugt, dass das, was ihr jetzt momentan macht, auch kein Fehler ist. Also lasst uns diese Geschichte als Beispiel nehmen, um heute eine Lösung zu finden. Ihr habt gesehen: Gewalt bringt keine Lösung, sondern bringt Leid.“</p>
<p>Ich schlage auch vor, dass Schüler und dass Deutsche sich engagieren, zusammen mit jüdischen Schülern dorthin zu gehen, in den Gazastreifen, um sich das anzusehen. Denn das sind auch die zukünftigen Soldaten. Und so können sie lernen: Wir verursachen Leid und das wollen wir nicht. Es ist klar, du kannst dein Land schützen. Aber du kannst auch Leid verhindern. Und wenn du das vorher gesehen hast, bevor du in die Armee kommst, wenn du einfach Ramallah besuchst und siehst, wie sehr die Leute darunter leiden, kannst du nachher besser handeln in Zukunft.</p>
<p>Ich bin der Meinung, dass Leid Gewalt bringt, wenn die Leute keine Perspektive haben in Ramallah und Jenin, oder im Gazastreifen. Wenn sie massiv ständig leiden und leiden, dann verursacht das Gewalt. Wenn man keine Perspektive hat, dann sind die Gegner die Bösen.</p>
<p><strong>Noch ein Frage zum Schluss. Wie können junge Menschen in Deutschland heute einen Beitrag leisten zu einer demokratischen Gesellschaft, die offen ist für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion?</strong></p>
<p>Ganz einfach. Lesen! Lesen. Wenn ich hier etwas höre über die Muslime oder über die Jessiden, über die Christen oder die Juden und ich keine Ahnung habe. Bevor ich diese verurteile oder meine Meinung vertrete, würde ich sagen: Um ein faires Urteil und eine faire Entscheidung abgeben zu können, ob zum Beispiel Muslime hier willkommen sind oder nicht, sollte ich mich lieber vorher informieren über den Islam, wie auch über das Judentum.</p>
<p>Ich bin der Meinung, wenn man Bücher liest über andere Kulturen und wenn man die Vorgeschichte seiner Mitbürger kennenlernt, dann kann man sie besser verstehen. Ich habe auch die Geschichte der Deutschen hier in Deutschland gelernt, auch gelesen und mich informiert. So konnte ich die Deutschen besser verstehen und mich auch besser integrieren. Das gleiche gilt auch für die Juden. Das sollten immer beide Seiten tun, um sich gegenseitig besser zu verstehen.</p>
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