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	<title>evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Stille ist der neue Luxus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Feb 2019 08:13:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Achtsamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit der CTM findet in Stuttgart am Anfang jeden Jahres die weltgrößte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit statt. Diesmal wurden Authentizität, Ursprünglichkeit und das Naturerleben zu geflügelten Worten auf der Messe. Beispielhaft werden diese Werte im Waldhotel Tann bei Bozen verkörpert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Mit der CTM findet in Stuttgart am Anfang jeden Jahres die weltgrößte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit statt. Diesmal wurden Authentizität, Ursprünglichkeit und das Naturerleben zu geflügelten Worten auf der Messe. Beispielhaft werden diese Werte im Waldhotel Tann bei Bozen verkörpert.</p></blockquote></div>
<p>Experten der Tourismusbranche machten in Vorträgen auf der Messe deutlich, wie die Aussteller die Besucher für sich gewinnen können. Am besten könne man das Lebensgefühl der Reisenden ansprechen, indem man die Authentizität eines Gebiets, einer Stadt oder eines Betriebs herausarbeite. Zu den Regionen, denen das gelungen ist, zählen ohne Zweifel Irland sowie Südtirol.</p>
<p>Nicht zufällig findet sich in Norditalien auch ein Paradebeispiel für das besondere Flair und den speziellen Charakter eines Orts, wo Traditionen gepflegt werden und der dazu noch das verkörpert, was Experten als den neuen Luxus beim Reisen beschreiben: nämlich Achtsamkeit, Stille, Gesundheit und Sinn zu erfahren. Dies alles vereint das auf dem Hausberg von Bozen gelegene Waldhotel Tann (<a href="http://www.tann.it"><em>www.tann.it</em></a>).</p>
<h2>Abseits von Hektik und Rennerei</h2>
<p>Schon die Fahrt dorthin ist der erste Schritt zur Entschleunigung. Durch viele enge Kurven führt die Straße hinauf auf das Hochplateau, in eine Welt abseits von Hektik und Rennerei. Dort wird das Waldhotel seinem Namen gerecht. Inmitten eines Landschaftsschutzgebietes auf einer Lichtung gelegen, ist hier fast nur das Läuten der Kuhglocken von den Lärchenweiden her zu vernehmen. Wer hier ankommt und im Hotel vom Chef persönlich in Empfang genommen wird, fühlt sich sofort gut aufgehoben und auf Anhieb wohl in einem Ambiente, das eine ganz persönliche Note ausstrahlt.</p>
<h2>Eine persönliche Hotelphilosophie</h2>
<p>Dahinter steckt eine Philosophie, die das Hotelierspaar Barbara und Markus Untermarzoner in den vergangenen 15 Jahren systematisch und mit viel Geduld entwickelt hat unter dem Motto „licht – luftig – g’sund“. Lange bevor der Wald zum großen Trend geworden ist, hat das Ehepaar diesen ins Zentrum gerückt. So sucht man einen Fitnessraum im Hotel vergebens. Diesen habe man mit dem Wald vor der Tür des Hauses, wo sich zahlreiche Wanderwege kreuzen, sagt der Hotelchef und zählt auf, was alles zur Waldphilosophie gehört. Das reicht von der Waldküche über eine eigene Kosmetiklinie bis zu Bewegungsprogrammen.</p>
<p>Lebendig wird diese Philosophie aber erst durch die Personen. Barbaras Hand ist überall im geschmackvoll und dezent ausgestatteten Haus zu sehen. „Man muss die Liebe zum Detail haben. Meine Frau hat einfach ein Auge für die kleinen Sachen, sie kann mit einem Tannenzweig und einem Stück Holz aus dem Wald etwas zaubern“, erklärt der Hoteldirektor. Hier wirkt nichts aufgesetzt.</p>
<h2>Natürliche Geschmackserlebnisse</h2>
<p>Ähnlich ist es in der Küche. Barbara kocht intuitiv und ohne Rezept auf höchstem Niveau. „Einmal nimmt sie mehr, ein andermal weniger Salz“, sagt ihr Mann. Das hänge ganz von ihrem Gefühl ab. So zaubert sie mit den Produkten aus der Umgebung ihre Südtiroler Waldküche. Dazu gehört die Pilzsuppe, die mit einem heißen Energiestein aus Porphyr vom Ritten im Teller serviert wird. „Uns macht es Spaß, den Gästen natürliche Geschmackserlebnisse zu bieten“, sagt der Hotelchef.</p>
<figure id="attachment_3074" aria-describedby="caption-attachment-3074" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Tann_4.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-3074 size-large wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Tann_4-1024x606.jpg" alt="" width="1024" height="606" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Tann_4.jpg 1024w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Tann_4-300x178.jpg 300w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" data-smartcrop-focus="[68,51]" /></a><figcaption id="caption-attachment-3074" class="wp-caption-text">Das Hotelierspaar Barbara und Markus Untermarzoner (Foto: Rainer Lang).</figcaption></figure>
<p>Beide scheuen den Aufwand für ihre Gäste nicht. Es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, das alte Anwesen abzureißen und stattdessen einen Neubau hinzustellen, obwohl das viel einfacher gewesen wäre. Die Historie macht einen Teil der besonderen Atmosphäre des Hauses aus, in dem sich zum Teil auch die Geschichte Südtirols widerspiegelt.</p>
<h2>Von der Schutzhütte zum Vier-Sterne-Haus</h2>
<p>Der Name Untermarzoner kommt aus dem Französischen. Im Mittelalter sind Franzosen auf der Suche nach Arbeit nach Südtirol gekommen und besonders ins Eisacktal eingewandert, wo sie sich als Maurer verdingt haben. Der Großvater sei dann als Knecht auf den Ritten gekommen, erzählt der Enkel. Dort, wo heute das Hotel steht, wurde 1924 eine Schutzhütte gebaut, für alle, die zu Fuß oder mit dem Fuhrwerk auf den Ritten brachten und hier übernachten konnten. Die Schutzhütte wurde zur beliebten Einkehrstätte.</p>
<p>1946 übernahmen die Untermarzoners das Gasthaus. Einen Schock erlebte der heute 57-Jährige, als das Haus 1967 abbrannte und die Eltern mit viel Kraft und Energie das Anwesen wieder aufbauten und zu einem beliebten Ausflugslokal machten. Der Sohn half immer mit und besuchte dann selbst eine Hotelfachschule, bevor er 1992 den Betrieb übernahm. 2007 krempelte er alles um, machte aus dem Restaurant einen Hotelbetrieb. Aus einem Zwei- wurde ein Vier-Sterne-Haus mit 27 Zimmern und einem kleinen Wellnessbereich, zu dem neben der Sauna ein bäuerliches Brechelbad gehört, in dem man mit Tannenzweigen schwitzt, sowie das einzige Brotbad in Italien.</p>
<h2>Alles ist auf Ruhe angelegt</h2>
<p>Das ganze Haus ist auf Ruhe angelegt. Deshalb will die Familie das Hotel nur um acht Zimmer erweitern, damit der Charme der Authentizität nicht verloren geht. Als „besonderer Luxus“ wird der Ort der Stille auf 1500 Metern beschrieben. Von hier aus hat man wie von den Zimmern, der Panoramaterrasse, der verglasten Veranda oder dem Panoramapool mit Solewasser einen atemberaubenden Blick auf das Weltnaturerbe: die Dolomiten.</p>
<p>Zu einem wichtigen Ort ist die 2010 in Erinnerung an Barbaras Mutter errichtete Waldkapelle geworden. „Die Kapelle hat für uns eine sehr große Bedeutung“, betont Markus Untermarzoner. Sie sei fast eine Notwendigkeit, fügt er hinzu. Davor habe das mit der Weihnachtsmette nie so richtig funktioniert. Jetzt gibt es insgesamt fünf öffentliche Messen und eine private für die Familie im Jahr.</p>
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		<title>Gerald Hüther: Würde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sabine Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Feb 2019 08:06:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungswesen]]></category>
		<category><![CDATA[Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Neurobiologie]]></category>
		<category><![CDATA[Würde]]></category>
		<category><![CDATA[Zusammenleben]]></category>
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					<description><![CDATA[Klimawandel und Artensterben, Ressourcenplünderung und globale Vermüllung, Optimierung der Spezies Mensch zur Überwindung von Alter, Leid und Tod… „Geht es noch würdeloser?“, fragt Gerald Hüther in seinem neuesten Buch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hüther-Würde.jpg"><img decoding="async" class="alignleft wp-image-3055 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hüther-Würde-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hüther-Würde-188x300.jpg 188w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hüther-Würde.jpg 500w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a></p>
<p><strong>Knaus Verlag, 2018, 192 S., 20,00 EUR (auch als e-Book)</strong></p>
<p>Klimawandel und Artensterben, Ressourcenplünderung und globale Vermüllung, Optimierung der Spezies Mensch zur Überwindung von Alter, Leid und Tod… „Geht es noch würdeloser?“, fragt Gerald Hüther in seinem neuesten Buch.</p>
<p>Aus der Perspektive des Neurobiologen zeigt er, wie die Idee der Würde als innerer Kompass für den Einzelnen und für das Zusammenleben in Gesellschaften helfen kann, das Überleben im digital-globalen Konsumzeitalter für Mensch und Natur zu sichern. In einer auch für den Laien gut verständlichen Sprache legt er dar, wie das Bewusstsein für Würde-Vorstellungen im Gehirn entsteht und verankert wird, wie es aber zugleich täglich neu bedroht wird: „Das Gespür, das es braucht, um sein Menschsein zu entfalten, bringt jedes Kind bereits auf die Welt mit“, schreibt er. Doch dann folgen vielfach Erfahrungen, die als „neuronale Verschaltungsmuster im Gehirn zur Orientierung bietenden inneren Bildern verankert werden und das Metakonzept der eigenen Identität bilden“. In der Folge orientieren sich Menschen skrupellos an Profitmaximierung und eigenen Machtinteressen oder suchen durch Konsumorientierung oder das Abtauchen in virtuelle Welten Verdrängung und Ablenkung.</p>
<p>Hüther sieht die Ursache darin, dass wir von anderen Personen, dem Bildungswesen und der konsumorientierten Industrie benutzt und zum Objekt von deren Zielen, Erwartungen und Bewertungen gemacht werden. Dies bedrohe die eigene Würde und führe wiederum zu entwürdigendem Verhalten gegenüber der Umwelt.</p>
<p>Mit eindrücklichen und zum Teil auch radikalen Thesen fordert Hüther den Leser heraus und regt zum Nachdenken an über die Würde als innerer Lebenskompass in einer von ökonomischen Kriterien bestimmten Welt.</p>
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		<title>Uwe Habenicht: Leben mit leichtem Gepäck</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Feb 2019 08:04:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Autonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Spiritualität als Schnäppchen, in der Hoffnung, den Mitgliederverlust der Kirchen stoppen zu können? Damit wäre Uwe Habenicht gründlich missverstanden, wenn er für eine „minimalistische Spiritualität“ wirbt und diese auch gut begründet. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Habenicht-Gepäck-1.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-3052 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Habenicht-Gepäck-1-181x300.jpg" alt="" width="181" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Habenicht-Gepäck-1-181x300.jpg 181w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Habenicht-Gepäck-1.jpg 500w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" data-smartcrop-focus="[50,34]" /></a>Echter Verlag, 2018, 176 S., 14,90 EUR</strong></p>
<p>Spiritualität als Schnäppchen, in der Hoffnung, den Mitgliederverlust der Kirchen stoppen zu können? Damit wäre Uwe Habenicht gründlich missverstanden, wenn er für eine „minimalistische Spiritualität“ wirbt und diese auch gut begründet. Ein Missverständnis bestünde schon darin, dem Zeitgenossen Faulheit in spirituellen Dingen zu unterstellen. Ganz im Gegenteil sei dieser nämlich anspruchsvoll, indem er auf seiner <em>Autonomie</em> bestehe. Und genau diesem Anspruch müsse das Angebot der Kirche(n) gewachsen sein, wolle es nicht ins Leere gehen. Denn: „Heutige Spiritualität verträgt sich nicht mit Belehrungen und dogmatischen Setzungen“ (S. 35).</p>
<p>Stetige <em>Übung</em> ist ein weiteres zentrales Element jedweder Spiritualität. Ihre Voraussetzung liege in der „vertikalen Resonanzfähigkeit“ (Hartmut Rosa) des Individuums. Spiritualität sucht ein Mensch, weil er auf etwas zurückgreifen möchte, das ihm innere Sicherheit verleiht und ihn vor Verzweiflung schützt. Getragen werde sie von dem „kultivierten Verlangen, sich vom Transzendenten durchdringen“ (S. 21) und verwandeln zu lassen. Sie wisse um die <em>Wunden der Gegenwart</em>, die Überstrapazierung der Ressourcen der Erde und des Individuums – und arbeite für eine „reduktive Moderne“ (Harald Welzer) an der Überwindung des Credos Immer-Mehr. Weswegen sie eine <em>öffentliche</em> und <em>politische</em> Dimension habe. Schließlich erkenne sie in den Weltreligionen „Übungssysteme“ (Peter Sloterdijk) mit je spezifischen Zugängen zur Transzendenz.</p>
<p>Im Rückgriff auf M. Luther, D. Bonhoeffer und R. Schutz zeigt Habenicht christliche Wurzeln minimalistischer Spiritualität auf und korreliert sie mit politischen, philosophischen und soziologischen Theorien.</p>
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		<item>
		<title>Kristin Helberg: Der Syrien-Krieg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Feb 2019 08:01:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Friedenspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Syrien]]></category>
		<category><![CDATA[Syrienkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Dass die Tragödie, die sich seit 2011 (aber nicht erst mit Kriegsbeginn) in Syrien abspielt, ein Weltkonflikt ist, zeigt die Journalistin und Nahostexpertin Helberg überzeugend auf. Ihre gut begründete These lautet, der Syrienkrieg habe die Welt in Un-Ordnung gebracht, indem er die internationale Politik „syrenisiert“ habe.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Verlag Herder, Freiburg, 2018, 256 S., 22,00 EUR, e-Book 16,99 EUR<a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Helberg-Syrienkrieg.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-3049 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Helberg-Syrienkrieg-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Helberg-Syrienkrieg-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Helberg-Syrienkrieg.jpg 500w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a></strong></p>
<p>Dass die Tragödie, die sich seit 2011 (aber nicht erst mit Kriegsbeginn) in Syrien abspielt, ein Weltkonflikt ist, zeigt die Journalistin und Nahostexpertin Helberg überzeugend auf. Ihre gut begründete These lautet, der Syrienkrieg habe die Welt in Un-Ordnung gebracht, indem er die internationale Politik „syrenisiert“ habe. Dass der Untertitel den Anspruch erhebt, sie habe auch eine „Lösung“ parat, ist eher Marketing – ein nicht wirklich eingelöster Anspruch, aber dennoch einer mit Verweis auf Realitäten, an denen sich das Geschick der Parteien, die (irgendwann) eine Nachkriegsordnung für die völlig „zerstückelte“ Bevölkerung und das zerstörte Land aushandeln (werden), bewähren und abarbeiten muss. Helberg ist sich dessen bewusst, nennt sie im 5. und letzten Kapitel ihres sehr empfehlenswerten Buches ihre Überlegungen „Wunschdenken“. Aber was bliebe sonst, als das zähe Verfolgen der – richtigen – Wünsche?</p>
<p>Ein falscher Wunsch, gegen den sich die Autorin vehement wendet und die Europäer warnt, wäre der, sich resignativ mit (dem scheinbar siegreichen) Assad als dem „kleineren Übel“ abzufinden und ihm das Land zu überlassen, nachdem die Aufständischen mit der (Kriegs-)Zeit in die unübersichtlichen, zum Teil einander bekämpfenden Gruppen der Rebellen, syrischen Islamisten, internationalen Dschihadisten, regionalen Milizen, religiösen Gruppen und Kurden mit ihren jeweiligen ausländischen Unterstützern zerfielen. Daher – das stehe bei einer Lösung ganz oben an – stünden die Syrer selbst vor der Aufgabe einer „gesellschaftlichen Revolution“, d.h. „dass jede Veränderung auf der individuellen Ebene beginnen muss“ (S. 239), weil das autoritäre, auf dem Recht des Stärkeren basierende System Assad in jedem Syrer hause.</p>
<p>Anlass für Helberg zu betonen, wie wichtig es für die syrischen Flüchtlinge in Deutschland wäre, Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Respekt vor dem Andersdenkenden zu erleben und mit dieser Erfahrung einmal in ihre Heimat zurückzukehren. Auch das wäre ein deutscher Beitrag zur Überwindung der innersyrischen Gräben und mittelfristig ein zivilgesellschaftlicher Ansatz, Assads Herrschaft zu überwinden. Auch beim – von internationalen Geldgebern abhängigen –(äußerlichen) Wiederaufbau Syriens könne Deutschland mit dafür sorgen, dass die Verteilung der dafür notwenigen Mittel für das Erstarken von Assads Gnaden unabhängiger und gemeinwohlorientierter wirtschaftlicher Akteure sorge.</p>
<p>Indem der innersyrische Konflikt „internationalisiert“ wurde, wurde die Welt „syrenisiert“. So auf den Punkt gebracht, liege der Schlüssel zur globalen Entspannung in einer Rückkehr zur Vernunft: Gefunden werden müsse ein fairer Interessenausgleich zwischen Iran und Saudi-Arabien, Israel und Iran, der Türkei und der (kurdischen) PKK – ausländischen Akteure, die zur Durchsetzung eigener Interessen in Syrien für Chaos sorgen. Putin könnte „als Strippenzieher in Nahost“ ebenso mitwirken wie Trump mit seiner unberechenbaren „Schulterklopf-Diplomatie“ (S. 234), lang gepflegte Feindbilder zu überwinden. Ob es ihnen bald gelingt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen?</p>
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		<title>Die Bergpredigt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Feb 2019 20:16:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Bergpredigt]]></category>
		<category><![CDATA[Beten]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Gebet]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Seligpreisungen]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Vaterunser]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Bergpredigt ist aktuell wie eh und je. Die Lektüre lohnt, behauptet unsere Werkstattserie, Teil 2. – Alle Bibelzitate im Text entstammen, wo nicht anders angegeben, dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 5–7.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Bergpredigt ist aktuell wie eh und je. Die Lektüre lohnt, behauptet unsere Werkstattserie, Teil 2. – Alle Bibelzitate im Text entstammen, wo nicht anders angegeben, dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 5–7.</p></blockquote></div>
<p>Die Bergpredigt stellt die Gewissensfrage. Ihre Frage lautet: Betrifft sie mich? Oder genauer: An welcher Stelle? Sie ist eine Sammlung verschiedener Lehraussagen zur Frage des richtigen Lebens, von Gleichnisworten oder kurzen Auslegungen und enthält das wichtigste Gebet der Christenheit, das Vaterunser. Es geht um Tod und Liebe, Lügen, Wölfe im Schafspelz, Geld und Selbstgerechtigkeit.</p>
<p>Dabei fehlt nicht der Hinweis auf allgemeinmenschlichen<em> Common Sense</em>: Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch (die Goldene Regel). Am Anfang der Bergpredigt stehen die berühmten Seligpreisungen: „Selig sind die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich&#8230;“.</p>
<h2>Was ist das – die Bergpredigt?</h2>
<p>Schon der Form nach ist die Rede also eine Zusammenstellung von Lehrbeispielen, anschaulichen Bildworten, Proklamationen, praktischen Anweisungen, Verheißungen, Zusagen, Absagen, Verneinungen von Irrtümern, so angefüllt, dass es den Eindruck haben könnte, hier sei alles zusammengetragen, was die christliche Lehre ausmacht. Dass dem nicht so ist, werden wir gleich noch sehen.</p>
<p>Man hat gefragt, ob die Bergpredigt ein Programm darstellen soll. Ein Manifest vielleicht zum Aufbau eines neuen Staates. Andere dagegen meinen, die Ansprüche seien so hoch und unnatürlich, dass sie nur in radikaler Abgeschiedenheit von der Welt realisierbar seien. Mit der Frage steht zur Debatte, für wen sie denn geschrieben ist – für reine Utopisten oder für „Realisten“; ob sie nur Zukunftsmusik ist oder schon jetzt etwas zu sagen hat.</p>
<h2>Die Seligpreisungen</h2>
<p>Gleich am Anfang steht die Antwort. „Selig sind&#8230;“. Ein deklaratorischer Akt, der hier stattfindet. Nicht eine Vertröstung auf ferne Zeiten. Selig <em>sind… </em>die Nicht-Habenden, die Leid-Tragenden, Verfolgten. Das klingt allerdings arg paradox, glücklich – selig – wo gar nichts oder nur Gegenteiliges ist. Gleich die erste Seligpreisung hat daher stets Stirnrunzeln hervorgerufen, als erster Satz zieht sie besondere Aufmerksamkeit auf sich. Eine der möglichen Auslegungen hebt darauf ab, dass damit diejenigen selig (gr.: <em>makarioi</em>) genannt werden, die um ihre Armut, ihr eigentliches Leersein vor Gott wissen: Selig, wer um seine Angewiesenheit Gott gegenüber weiß.</p>
<p>Das wäre dann herausfordernd gemeint und müsste zu permanenter Selbsthinterfragung führen: Wenn man etwa auf seinen religiösen Habitus sich etwas einbildet. Es könnte aber auch tröstlich sein. Wenn etwa wieder einmal klar wird, wie oft man scheitert. Selig die Nicht-Habenden, sagt jedenfalls der erste Satz der Bergpredigt. Das ist der Grundsatz, die Prämisse. Auch bei der zweiten Seligpreisung „Selig die Leid-Tragenden“ und bei der letzten der neun Seligpreisungen „Selig die Verfolgung leiden“ scheint der Trost-Aspekt im Vordergrund zu stehen.</p>
<h2>Salz der Erde – Licht der Welt</h2>
<p>Bestimmt nicht zufällig folgt auf diesen Auftakt das Doppelwort von Salz und Licht. Mit einer solchen Ansage im Rücken werden die Hörer ganz sicher „Salz“ und „Licht der Welt“. Salz hat reinigende Wirkung. Es gibt den richtigen Geschmack. Licht beendet Finsternis, erleuchtet und macht hell. Als Salz und Licht – Kritik und Aufhellung – wird und soll die Bergpredigt kontinuierlich wirken. So darf man die Platzierung dieser zwei Bildworte am Anfang wohl verstehen.</p>
<p>Schon bei den Seligpreisungen fällt der Struktur nach auf: Nicht nur depravierte (wo etwas fehlt: Arme, Leid-Tragende), sondern auch positive Menschen (wo etwas da ist) sind Gegenstand der Seligpreisung. Einerseits: Selig sind die Habenichtse vor Gott, die trauern oder leiden. Andererseits: Selig die Sanftmütigen, Barmherzigen, die Friedensstiftenden. Die Aufteilung auf beide Gruppen hält sich ungefähr die Waage. Viel Salz und Licht schon in den ersten beiden Absätzen der Bergpredigt.</p>
<h2>Eine stete Gewissensunterweisung</h2>
<p>Es findet also Gewissensbildung statt. Und wird die ganze Bergpredigt hindurch betrieben. Denn was im Anschluss an konkreten Beispielen vorgetragen wird – vom Vergelten, vom Bruderhass oder von der Feindesliebe (5,38; 5,21; 5,44) – das ist tatsächlich ein enorm hohes Ethos. So dass sich jeder fragen muss: Habe ich das jemals eingehalten? Werde ich es je einhalten? „Vertrage dich mit deinem Widersacher“, „wenn dich deine rechte Hand verführt, hau sie ab“, „Deine Rede sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“</p>
<p>Da ist nun reichlich „Salz“. Nicht erst der Totschlag ist verwerflich. Schon der Gedanke, dass der andere ein verachtenswerter Dummkopf ist! (5,22). Der Folgerichtigkeit des Arguments kann man sich kaum entziehen: Dass einer Tat das innere Einwilligen vorausgegangen ist und also schon dort die Wurzel des Übels auszumachen ist.</p>
<p><em>Ihr habt gehört, dass gesagt ist</em>&#8230; Formal gibt sich die Bergpredigt als Auslegung bestehender Gebote. Betrifft mich das? Ja, denn der allgemeingültigen Goldenen Regel entspricht laut Bergpredigt auch das Gebot:<em> Liebe deinen Nächsten wie dich selbst</em> (5,43). „Das ist das Gesetz und die Propheten“. Und davon ist kein Deut – kein Jota – abzuweichen (5,17f; 7,12): <em>Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, die Goldene Regel aufzulösen, sondern zu erfüllen</em>, so lässt sich die gesamte Gebotsauslegung dann schließlich zusammenfassen.</p>
<p>Das kann an „Salz“ nun schnell zu viel werden. Schon die Goldene Regel hat ja kein Mensch je eingehalten. Dank guter Menschenkenntnis setzt der Text daher schon bald noch einen göttlichen Wink hinzu, <em>woher</em> die entscheidende Hilfe und Unterstützung zur Erfüllung der Bergpredigt kommt (Gebet und Vaterunser).</p>
<h2>Stellung im Evangelium</h2>
<p>Manche Vertreter eines Biblizismus lesen am Ende der Bergpredigt den Satz: ›Und Jesus beendete die Rede, setzte sich abermals und sagte nie wieder ein Wort.‹ Das steht da aber gar nicht. Vielmehr wird ja schon vorher und danach von vielen weiteren Ereignissen und Worten Jesu berichtet. So folgen mindestens drei große Reden Jesu allein im Matthäusevangelium. Zahlreiche Bezüge weisen von außen in den Text hinein und aus dem Text hinaus. Zum Beispiel gibt es noch weitere Makarismen wie: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert (11,6; 13,16; Lk 11,28; Joh 20,29). Sprich: Einer Isolierung der Bergpredigt sollte unbedingt gewehrt werden. Sie wird sonst in dem nicht ernstgenommen, wie sie sich gibt.</p>
<p>Die matthäische Bergpredigt ist jedoch eine kunstvoll durchdacht gestaltete Rede mit Rahmung, parallel gebauten Abschnitten, einer inneren Mitte und klar benennbaren Thematiken, präzise eingebettet in das gesamte Evangelium. Dass genau in der Mitte das <em>Vaterunser</em> übermittelt wird, ist dann kaum zu überschätzen.</p>
<h2>Mitte: Gebet</h2>
<p><em>Wenn du betest, stell dich nicht auf den Marktplatz, sondern schließ&#8217; dich in dein Kämmerlein.</em> Das Vaterunser als Hauptgebet ist nun sicherlich eine eigene Auslegung wert. Neben der bemerkenswerten Anrede Gottes als Vater weisen Ausleger darauf hin, dass die Bitten „Dein Reich komme“ oder „Dein Wille geschehe“ als ein passivum divinum aufzufassen sind. Gott selbst soll demnach dafür sorgen, dass das Himmelreich auf Erden Raum gewinnt. Interessant: Auch das Geschehen des Gotteswillen selbst (6,10; 7,20) wird somit ins Gebet gegeben. Das will beachtet sein. Besonders wenn man die Bergpredigt als eine „Handlungsanweisung“ versteht. Salz und Licht also auch hier! Gegen eigenmächtige Selbstanmaßung, lat.: <em>superbia </em>(Hochmut)<em>,</em> wie gegen Kleinmut, lat: <em>desperatio </em>(Verzweiflung)<em>,</em> wendet sich im Endeffekt das Vaterunser wie die Bergpredigt im Ganzen.</p>
<h2>„Sorget nicht!“ – Die Bergpredigt im Alltag</h2>
<p>Der zweite Teil der Bergpredigt wird seltsam häufig übersehen oder ausgeblendet. Das ist dann nur die halbe Miete. Sieht man das Vaterunser als integrale Mitte, dann steht zu Beginn der zweiten Hälfte das aufschlussreiche Thema „Umgang mit Verfehlungen“: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben“ (6,14). Schon das führt jeden Anspruch auf und jede Einbildung von Perfektionismus ad absurdum. Warum denn sollte man täglich, wie um das „Brot“ auch um „Vergebung“ bitten (<em>Und vergib uns unsere Schuld</em>) wenn gar nichts zu vergeben wäre?</p>
<p>Themen betreffen im Weiteren dann das Richten (<em>mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden</em>), die Zuversicht beim Beten (<em>Wer bittet, der empfängt</em>) und das Verbot der Sorge (<em>Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen</em>). Befinden wir uns da noch in einer Rede über Ethik? Nein, unter der Hand wurden wir in eine ganz konkrete, umfangreiche Theologie des Alltags verwickelt. Es geht jetzt plötzlich um die Kleidung, Essen und Trinken, „Stress-machen“, Lebenserwartung, sorgenfreies Leben und den Broterwerb.</p>
<h2>Theologie der Bergpredigt</h2>
<p>Betrachtet man die Bergpredigt nach den in ihr behandelten Themen, enthält sie bei weitem nicht nur Lehraussagen zum richtigen Leben. Wichtige Stichworte sind der „Vater im Himmel“, die richtige Gebetspraxis, Gerechtigkeit, der Gotteswille, das Himmelreich. Oder noch umfassender: Gut und Böse (5,45; 5,37; 7,11; 6,13), Schuld und Vergebung (7,1-5; 6,14; 6,12), die göttliche Vollkommenheit (5,48). Es ist von einer Theologie der Bergpredigt zu sprechen.</p>
<p>Schon in den Seligpreisungen bahnt sich das an. Es ist ja jeweils auch die zweite Satzhälfte der Makarismen mit zu hören. „Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Gottes-Schau, Gotteskindschaft, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Himmelreich, das sind nur einige der Hauptbegriffe, die bereits hier aufleuchten. Der große Paukenschlag, mit dem die Bergpredigt beginnt, erhält seine Wucht deshalb auch davon, dass der „geistlich Arme“ nicht nur selig gepriesen wird, sondern erst recht darin, was ihm zugeschrieben wird: denn „sein ist das <em>Himmelreich</em>.“</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Es sind nur leere Hände, in die das Himmelreich fällt.</p></blockquote></div>
<p>Das Reich Gottes oder das Himmelreich, das muss man sich vergegenwärtigen, ist leitender Zentralbegriff, ist mit das Höchste, betrifft die Kernbotschaft, um die es doch bei allem geht (vgl. „Das Reich Gottes“, aspekte 4/2018). Dies wird nun aber nicht dem „geistlich Reichen“ zugesprochen, sondern dem geistlich Armen. Will sagen: Es sind immer nur leere Hände, in die das Reich Gottes fällt. Wenn es am Ende der Bergpredigt mit dreifach ultimativem Ernst abschließend heißt: <em>Tut dies </em>(7,13; 7,21; 7,24), so ist damit natürlich alles in der Rede, die vorstehende Erfüllung der Gebote und ebenso das Vaterunser und das Beachten der Güte Gottes (<em>Seht die Lilien auf dem Felde</em>…) gemeint.</p>
<h2>Adressat</h2>
<p>Wem gilt die Bergpredigt? Jedem, der sie hört. Sie richtet sich an jeden Einzelnen. Als Gewissensunterweisung und Gewissensbildung wird sie sich dabei mal mehr als Licht (gegen die <em>desperatio</em>), mal mehr als Salz (gegen die <em>superbia</em>) auswirken. Wie die Reich-Gottes-Rede insgesamt ist deshalb auch die Bergpredigt ein <em>Memorandum</em>, das heißt, etwas dessen man sich immer wieder erinnern soll, das immer wieder hervorgeholt, als Gewissensbildung stets neu gelesen und bedacht sein will: – Memorieren, hin und herwenden, sich vorsagen (Ps 1).</p>
<h2>Ob man mit der Bergpredigt regieren kann</h2>
<p>Bleibt noch zu fragen: Kann man mit der Bergpredigt regieren? Selbstverständlich. Zuallererst ist jedem „Regenten“ ein innerer Kompass nach Art der Bergpredigt nur zu wünschen. (Makarios…) Das ist gut für das Klima im „Büro“, im Land und darüber hinaus. Als Regent geht es im Weiteren um Billigkeit, Verhältnismäßigkeit, weise Amtsführung zum Nutzen der Untergebenen… Oft wird die Frage freilich fokussiert auf die eine Aussage nach Gewaltverzicht (Du sollst dem Bösen nicht widerstreben). Den kürzesten Weg zur Lösung des Problems bietet vermutlich eine Reflexion auf das Rechtswesen.</p>
<p>Man kann das Recht als Gesetz gewordene Nächstenliebe auffassen. Schon die Auslegungen Jesu selbst beziehen sich ja explizit auf vorhandene Rechtssetzungen – Du sollst nicht töten… – und auf Sätze wie die Goldene Regel, die als ein Urtext für den Grundsatz „gleiches Recht für alle“ angesehen werden kann. Nicht zufällig wird für die Entwicklung und Formulierung der allgemeinen Menschenrechte jüdisch-christlichen Traditionen eine gewisse Rolle zugesprochen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Bergpredigt ist keine Staatslehre, sondern Gewissensunterweisung.</p></blockquote></div>
<p>Die Aussage nun lautet: Du sollst dem Bösen nicht (z.B. selbst) widerstreben. Es steht da nicht: Dem Bösen soll der Staat nicht widerstreben. Da steht auch nicht: Es solle keinen Staat geben (vgl. Mt 22,21). Die Bergpredigt wendet sich in allen ihren Formulierungen zuallererst an den oder die Einzelnen: Die Bergpredigt ist keine Staatslehre, sondern Gewissensunterweisung. Es soll zudem ja nicht einmal nach staatlicher Vorgabe ein Richter, Regent oder Staatsdiener für sich persönlich Böses mit Bösem vergelten oder für sich Rache üben. Er soll nur schlicht das übergeordnete Recht anwenden. Anders als der Einzelne kann und muss allerdings der Staat dies dann ggf. mit Zwangsmitteln auch durchsetzen.</p>
<h2>Wirkungsgeschichte</h2>
<p>Viele Wendungen der Bergpredigt haben Eingang in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. <em>Das Licht nicht unter den Scheffel stellen, Perlen nicht vor die Säue werfen, der Balken im Auge</em>, u.a.m. Anders als die „Feldrede“ bei Lukas hat die matthäische Bergpredigt ihre Thesen, „Antithesen“ und Synthesen in weiteste Zusammenhänge transponiert, fast bis an der Welt Ende. Dazu dürften die innere Geschlossenheit der Rede ebenso beigetragen haben wie ihr alles „umstülpender“ Inhalt.</p>
<p>Jüdische Gelehrte wie Pinchas Lapide haben dafür argumentiert, dass die „Berglehre“ in ihren Grundaussagen mit rabbinisch-jüdischem Gedankengut in vollem Einklang steht, sich daraus speist und konfliktlos in es einzuordnen ist. Das ist wahrscheinlich richtig.</p>
<p>Für Nietzsche war ein Ethos nach Art der Bergpredigt das symptomatische Beispiel einer minderwertigen Moral, weil sie das Starke geringschätze. Er hat dabei freilich übersehen, dass sie gerade auch den Niedersten emporholt, ermächtigt, zu einem höchsten Ethos führt und so mit höchsten Ehrentiteln adelt („vollkommen sein wie Gott“). Mahatma Gandhi hat sie nachhaltig beeindruckt.</p>
<h2>Leseempfehlung</h2>
<p>Gilt für mich: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg&#8217; auch keinem andern zu? Betrifft mich die Bergpredigt? Brauche ich den Trost der Seligpreisungen?</p>
<p>An welcher Stelle die Bergpredigt uns ins Gewissen redet, wird sich von Zeit zu Zeit je neu entscheiden. Mal spricht sie gegen desperatio, mal gegen die <em>superbia</em>. Die Rezeptions- und Auslegungsgeschichte der Bergpredigt ist noch lange nicht abgeschlossen.</p>
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		<title>Der Ausweg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Dorothee Wille]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Feb 2019 20:06:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Erlösung]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Gottvertrauen]]></category>
		<category><![CDATA[Rettung]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Herr macht im Meer einen Weg und in starken Wassern eine Bahn. (Jesaja 43,16)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Herr macht im Meer einen Weg und in starken Wassern eine Bahn. (Jesaja 43,16)</p></blockquote></div>
<p>Im Grunde ist es ein unvorstellbares, geradezu surrealistisches Bild. Mitten im Meer ein Weg, mitten durch bedrohliche Wassermassen hindurch eine Bahn, auf der ein ganzes Volk trockenen Fußes ans andere Ufer gelangt. Hollywood hat in dem ersten Aufsehen erregenden Bibelfilm dieses Bild ganz wörtlich genommen. Es steht mir heute noch vor Augen: Unter Aufbietung aller Tricks, die dem Kino der 50er Jahre zur Verfügung standen, hat es den Durchzug des Volkes Israel durch das Rote Meer als sensationelles, von dramatischer Filmmusik begleitetes Spektakel für ein staunendes Publikum inszeniert.</p>
<p>Immer wieder, über Jahrhunderte hat sich Israel an diese außergewöhnliche Befreiungsgeschichte erinnert. Der Exodus aus der Sklaverei und der Durchzug durchs Rote Meer haben das Gottesbild der Juden geprägt, bis auf den heutigen Tag.</p>
<p>Diese Worte des sogenannten 2. Jesaja wenden sich an die Juden im Exil in Babylon, an Menschen, die – über Tausende von Kilometern von der Heimat entfernt – sich eine Heimkehr nicht mehr vorstellen können; die sich vor allem keinen Gott mehr vorstellen können, der sie eines Tages wieder nach Hause bringen könnte. Es sind Menschen, denen alles genommen wurde, ihre politische und kulturelle, nicht zuletzt ihre religiöse Identität.</p>
<p>Der Tempel ist zerstört, Jerusalem liegt in Trümmern – für viele ist darum die Rückkehr kein verheißungsvolles Ziel mehr, auf das sie zuleben, das sie unbedingt eines Tages erreichen müssten.<br />
Nicht wenige haben diese Hoffnung schon längst aufgegeben und begonnen, sich in der Fremde einzurichten, sich deren Kultur anzupassen, notgedrungen, auch der fremden Religion. Und dabei haben sie Jahwe, den Gott der Befreiung, allmählich vergessen.</p>
<p>In diese Situation und Gefühlslage hinein spricht dieses Wort der Propheten. Dieses Wort will das Volk, jeden Einzelnen zu einem neuen Gottvertrauen einladen, zu einem Gottvertrauen, das Gottes Befreiungstat <em>nicht</em> vergessen hat.</p>
<p>„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“. Diese jüdische Weisheit möchte keineswegs eine „wunderbare“ Vergangenheit verklären. Diese Erinnerung des Propheten soll nicht nur ein dankbares, aber im Grunde nur nostalgisches Zurückschauen sein: „Yesterday…“. <em>Erlösung</em> kann diese Erinnerung nur bedeuten, wenn aus diesem Erinnern das Vertrauen und die Hoffnung wachsen kann, dass dieser Gott sich treu bleibt, dass er auch in Zukunft herausführt aus Angst und Resignation.</p>
<p>Wie Gott Menschen auch in aussichtsloser Lage einen Weg, einen Ausweg finden lässt – um sich das vorzustellen, braucht es freilich keine Tricks in Cinemascope à la Hollywood. Wir sind nicht in der Situation der Exilierten in Babylon. Aber auch wir suchen Wege, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Die Rede von der „neuen Unübersichtlichkeit“ ist inzwischen nicht mehr nur ein philosophisches Problem. Es gibt ein großes existentielles Bedürfnis nach Orientierung.</p>
<p>So möchte uns das Wort aus Jesaja 43 davon befreien, uns auf Vergangenes zu fixieren. Es macht uns Mut, uns heute für Wege zu öffnen, die uns herausführen aus dem, was uns niederdrückt und gefangen nimmt. Dieses Wort ist auf Zukunft ausgerichtet.</p>
<p>„Siehe, ich vollbringe Neues“ heißt es einige Verse später. „Erkennt ihr‘s denn nicht. Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde“ (Jes 43,19).</p>
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		<title>Mit dem Transrapid durch Shanghai</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Feb 2019 20:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrolle]]></category>
		<category><![CDATA[Peking]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer als kirchlicher Mitarbeiter ins Land kommt, ist in China von vornherein verdächtig. Doch trotz der massiven Kontrolle und Überwachung lassen sich überraschende persönliche Erfahrungen machen. Schon nach zehn Tagen versteht man besser, was die Gesellschaft im Reich der Mitte antreibt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer als kirchlicher Mitarbeiter ins Land kommt, ist in China von vornherein verdächtig. Doch trotz der massiven Kontrolle und Überwachung lassen sich überraschende persönliche Erfahrungen machen. Schon nach zehn Tagen versteht man besser, was die Gesellschaft im Reich der Mitte antreibt.</p></blockquote></div>
<p>In China musste ich öfter an meine schon lange verstorbene Großmutter denken: „Ordnung ist das halbe Leben“, war eine ihrer Weisheiten, die sie mir mit auf meinen Weg gab. In China schien mir Ordnung und Kontrolle fast das ganze öffentliche Leben auszumachen. Schon die Visumbeantragung machte mir klar, dass ich den Behörden als potentieller Störenfried galt. Gerade mal zehn Tage Aufenthaltszeit gewährte man mir – weil ich als Mitarbeiter einer ausländischen religiösen Macht unter Verdacht stand. Und die zehn Tage auch nur, nachdem ich und auch meine Kirche schriftlich zugesichert hatten, dass ich in keiner Weise missionarisch aktiv sein würde.</p>
<h2>Die neue technologische Weltmacht</h2>
<p>Am Flughafen in Shanghai orientierte ich mich zielstrebig in Richtung „Maglev“, auf die Fahrt mit „unserem“ Transrapid war ich richtig gespannt. Zahlreiche Ordnungskräfte in Uniformen wiesen mir mit heftigen Hand- und Armbewegungen an, wo ich mich anzustellen hatte. Auf dem Bahnsteig des Hochgeschwindigkeitszuges aus Deutschland kam ich mit einem Chinesen ins Gespräch. Er fragte mich scheinheilig: „Der fährt doch auch bei euch, oder?“ Was er mir durch die Blume sagen wollte: Ihr habt ihn gebaut, aber nicht auf die Schiene gebracht; ihr seid gescheitert, wir Chinesen haben das geschafft; ihr im Westen seid die alte Weltmacht – wir sind die neue.</p>
<p>Zwei Minuten vor Abfahrt schloss der Zug, wer zu spät kam, blieb draußen. Auf die Minute geht es los. Die Beschleunigung bis 150 Stundenkilometer kannte ich vom ICE, 250 auch noch, dann 300 – wir flogen an den Fahrzeugen auf der Autobahn vorbei. Ich stellte mich in den Gang, um das heftige Vibrieren des ganzen Zuges bei 431 km/h zu erleben &#8211; halb so schnell wie ein Flugzeug. Er legte sich in die Kurve wie die Alpina-Bahn auf dem Bremer Freimarkt.</p>
<figure id="attachment_3065" aria-describedby="caption-attachment-3065" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-3065 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><figcaption id="caption-attachment-3065" class="wp-caption-text">Pfarrerin Dr. Annette Mehlhorn wagt sich an manchen Tagen nur mit Schutzmaske aus dem Hochhaus (Shanghai). Foto: Volker Keller</figcaption></figure>
<p>Vor dem Bahnhof zeigte ich einem Taxifahrer chinesische Schriftzeichen, die Adresse der Pfarrerin der deutschen-evangelischen Kirchengemeinde, meiner Gastgeberin. Er tippte die Straße in seinen Bordcomputer ein und fuhr mich mit starker Beschleunigung und ganz leise durch den Großstadtverkehr. Sein Auto steht für Zukunft, für die Zukunft des Elektromotors. In keinem anderen Land der Welt habe ich so viele E-Fahrzeuge gesehen, kein einziges Moped hat noch einen Verbrennungsmotor. China ist Spitze – und Diesel-Deutschland? Eine technologische Großmacht im Abgang.</p>
<h2>Ordnung und Sicherheit gehen über alles</h2>
<p>Der deutsche MAN-Ingenieur, der regelmäßig die Gottesdienste in der Kirche All Saints besucht, lässt sich beeindrucken vom Schwung, vom Optimismus der Chinesen. Er fühlt sich in China wie früher zu Hause in der DDR: In der Kirche hängt an einer antiken Säule eine Kamera. In ihrer Predigt zeigte Annette Mehlhorn auf den „Großen Bruder“, der mit sehe und mithöre, sie meinte den kommunistischen Staat.</p>
<p>Überall in der Stadt blickt man in Kameras und in Kontrollpupillen unzählbarer Polizisten und Wachmänner. Den normalen Chinesen scheint das nicht zu stören. Ordnung und Sicherheit gehen ihm über alles, die Störung der öffentlichen Ordnung empfindet er als bedrohlich. Staatsphilosoph Konfuzius lehrt nichts anderes: Gesellschaftliche Harmonie entsteht dann, wenn jeder seine Stellung und seine Pflichten in einer hierarchischen Ordnung einhält, wenn sich der Sohn dem Vater, der Angestellte dem Chef und der Bürger dem Staat unterordnet. Als ich fast zu spät zu meiner gebuchten Rundfahrt auf dem Shanghaier Stadtfluss kam, wollte ich eine mir sinnlos erscheinende Absperrung umgehen, um schneller aufs Schiff zu kommen – und löste Turbulenzen beim Personal aus und erntete misstrauische Blicke der Einheimischen. Schon klar: Ordnung ist das halbe Leben oder sogar noch mehr.</p>
<h2>Im Visier chinesischer Frauen</h2>
<p>Nach meiner kleinen Kreuzfahrt auf dem Huangpu, es ging vorbei an den Wolkenkratzern des Weltfinanzzentrums im Viertel Pudong, verbrachte ich den Abend am Bund, auf der Bummelpromenade am Flussufer. Mir wurde schnell bewusst, dass ein einzelner Mann für Chinesinnen einsam erscheinen muss und ihrer Meinung nach dringend Hilfe braucht. Im besten Englisch sprach mich eine höfliche, gut aussehende Dame in konservativer Kleidung an. Ich freute mich über ihr Interesse an meinem Herkunftsland und über meine Lebenseinstellung.</p>
<p>Von der circa 30-jährigen Frau mit langen schwarzen Haaren erfuhr ich, wie hart das Leben in der Stadt sei. Um die Miete bezahlen zu können, bräuchte man zwei Jobs. Und wenn die alten Eltern dann noch krank würden und eine teure Behandlung nötig wäre, ginge das an die Grenze der Belastbarkeit. Aber es würde ja alles von Jahr zu Jahr besser, der Wohlstand wachse. Da tauchte er wieder auf, der Optimismus. Und dann erfuhr ich, was sie als zweiten Job machte – sie bot mir eine Massage an. Ich lehnte ab – was sie nicht verstand: „Du bist doch allein, das ist doch nicht schön.“ Auch die zweite, dritte, vierte gepflegte Dame verstand nicht, dass ich gerne allein fremde Städte erkunde. Verbotene Prostitution unter den Augen der Polizei? Bei Ausländern gilt die Ordnung nicht, wehe aber ein chinesischer Mann wird unsittlich angesprochen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Von Jahr zu Jahr wird alles besser…“</p></blockquote></div>
<p>Die Pfarrerin erzählte mir von mancher gerissenen jungen chinesischen Frau, angestellt in einer deutschen Firma, die sich zum Ziel setzt, ihren Chef rumzukriegen. Weniger aus Liebe: Gelingt es ihr, hat sie ausgesorgt und kann ihre Eltern versorgen. Annette Mehlhorn hat schon einige deutsche Familien in solcher Lage begleitet. „Wären wir bloß nie nach Shanghai gegangen“, resignierte eine von ihrem Mann verlassene Ehefrau.</p>
<h2>Mitlaufen, mitfließen, wegschauen</h2>
<p>Von der Promenade ging ich durch die Nankingstraße mit vielen teuren Geschäften. Die Ohren taten mir bald weh, weil Polizisten mit ihren grellen Trillerpfeifen die Fußgänger auf den überfüllten Bürgersteigen leiteten. Wehe, einer trat auf die Straße. Einfach mitlaufen, mitfließen, anders ging es gar nicht, keinen Widerstand leisten, keine Abweichung von der Ordnung. Genau das lehrte ja auch der zweite große Philosoph Chinas, Laotse: „Geh nicht gegen die natürliche Ordnung der Dinge an, vergeude keine Kraft! Sieh, das Wasser, es schlängelt sich an den Hindernissen vorbei. Es will nicht aufwärts fließen, sondern nutzt den Schwung des abschüssigen Weges.“</p>
<figure id="attachment_3066" aria-describedby="caption-attachment-3066" style="width: 1014px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-3066 size-large" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2-1024x600.jpg" alt="" width="1024" height="600" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2.jpg 1024w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2-300x176.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption id="caption-attachment-3066" class="wp-caption-text">Religion hat keinen hohen Stellenwert für Chinesen. Manche bitte den Happy Buddha um Glück (Foto: Volker Keller).</figcaption></figure>
<p>Ohne große Anstrengung erreichte ich die tief unten liegende Metrostation. Alle drei Minuten raste ein Zug in den Bahnhof, einen Sitzplatz bekam ich trotzdem nie – so voll war er. Auf einmal fiel ein Mann um und war ohnmächtig. Alle Mitfahrenden wichen zu Seite, guckten verdutzt ohne Anstalten zu machen, etwas zu tun. Der Mann rappelte sich aus eigener Kraft wieder auf. Als Deutscher schimpfte ich in mich hinein und beklage Gleichgültigkeit. Aber so einfach lässt sich das Phänomen nicht erklären. In ihren Vorbereitungskursen lernen Mitarbeiter deutscher Firmen, die nach China gehen sollen, dass sie auf keinen Fall Hilfe leisten sollen. Dadurch würden sie nämlich in eine Art verwandtschaftliche Beziehung zum Verunglückten treten und der dürfte nach chinesischem Recht Ansprüche auf weitergehende Unterstützung erheben – auf Geld für seine ärztliche Behandlung zum Beispiel. Also schön weggucken oder einfach die Augen zumachen, als ob man schliefe und nichts mitbekäme. So wie die Chinesen, die überall in der Stadt in tiefen Kurzschlaf fallen, sogar im Café eine Mutter mit Kind.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Verunglückten Menschen auf keinen Fall Hilfe leisten.</p></blockquote></div>
<p>Ein anderer Schnellzug sollte mich in guten vier Stunden nach Peking, in die Hauptstadt bringen. Nach zahlreichen Pass- und Gepäckkontrollen wie an einem Flughafen bestieg ich den Fuxing. Auf die Minute fuhr er los und kam pünktlich an. Unzählige Hinweise durch Lautsprecher bestimmten, was während der Fahrt zu tun und zu lassen war. Sorgsam mit der Waggoneinrichtung umzugehen, war einer. Da sollte mal jemand wagen, seine Füße mit dreckigen Schuhen auf das Sitzpolster zu stellen…</p>
<h2>Wie wird die Zukunft schmecken?</h2>
<figure id="attachment_3069" aria-describedby="caption-attachment-3069" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-3069 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken.jpg 400w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><figcaption id="caption-attachment-3069" class="wp-caption-text">in der berühmten Esstraße im Viertel Wafuying/Peking gibt es Köstlichkeiten am Spieß, hier vor dem Frittieren (Foto: Volker Keller).</figcaption></figure>
<p>Mein Hotel bezog ich im Stadtteil Wangfujing, nicht weit entfernt von der berühmten Straße der Leckereien. Man geht durch ein buntes Tor und augenblicklich überfällt den Besucher Appetit. Ich fragte mich, was ich denn probieren wollte. Vielleicht die aufgespießten Käfer, die noch zappelten. Ein Koch deutete mir an, dass sie ja nicht roh gegessen werden müssten, sondern frittiert würden. So eine Art chinesische Pommes könnte man sagen. Oder doch eher die knusprigen Skorpione? Oder die Heuschrecken, Maden oder Würmer?</p>
<p>Ich entschied mich für die Heuschrecken und bestellte eine kleine Portion. Von Experten aus meinem Land wusste ich, wie eiweißhaltig Heuschrecken sind und dass sie Hauptbestandteil der Ernährung der Zukunft werden könnten. Wie wird die Zukunft also schmecken? Eine kleine Unsicherheit verzögerte den ersten Biss, aber dann knackte es schon zwischen den Zähnen. Ich hatte Heuschrecke in Chili bestellt und schmeckte eigentlich nur Schärfe. Dschungelcamp mitten in der Stadt – China ist anders.</p>
<h2>Die Wiedergeburt des alten Reiches</h2>
<p>Gegenüber dem riesigen Kaiserpalast in der Verbotenen Stadt mit seinen angeblich 999 Gebäuden wirkt der Buckingham Palast wie der Dienstsitz eines Ortsvorstehers. Wer den Palast besucht, bekommt einen Eindruck von der vergangenen Größe Chinas und versteht, was Präsident Xi antreibt – die Wiedergeburt des Reichs in der Mitte der Welt.</p>
<p>Die Leistung dieses Landes erscheint nahezu unüberbietbar. Seit 1978, in nur vierzig Jahren, hat China eine Entwicklung vom Entwicklungsland zum Industrie- und Hochtechnologieland vollbracht, nimmt heute den Rang der größten Handelsnation der Welt ein. Die Kommunistische Partei hält mit Überwachung und Strenge die 1,4 Milliarden Menschen in 55 Volksgruppen (Han, Tibeter, Mongolen, Uiguren…) zusammen – Rebellion würde den Aufschwung gefährden.</p>
<h2>„Den Wind fangen“</h2>
<p>Am frühen Morgen machte ich mich auf in den nächstgelegenen Stadtpark, um das traditionelle China zu erleben. Es herrschte schon eifriger Betrieb. Ich beobachtete eine Gruppe älterer Männer und Frauen und versuchte mich dann selbst in Qi Gong. Ein Chinese kam zu mir und wies mir höflich einen Platz zwischen den Anderen an. Er nahm meine Hand und führte sie in einem weiten Bogen hoch und oben von rechts nach links und wieder runter – „den Wind fangen“. Dazu sollte ich tief ein- und ausatmen. Ich fand mich eingeordnet – in Reihe und Glied. Wir bewegten uns alle gleich – was für ein harmonisches Bild. Machte ich etwas falsch, amüsierten sie sich über mich. Der Große Bruder schaute nicht zu – dort jedenfalls nicht.</p>
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		<title>Zustimmungs- oder Widerspruchsregelung?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Feb 2019 19:51:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Organspende]]></category>
		<category><![CDATA[Organtransplantation]]></category>
		<category><![CDATA[Widerspruchslösung]]></category>
		<category><![CDATA[Zustimmungslösung]]></category>
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					<description><![CDATA[Rund 9.400 Menschen warten in Deutschland aktuell auf ein Spenderorgan. Kann ihre Situation durch die aktuell diskutierten Gesetzesänderungen verbessert werden? Und was bedeuten die geplanten Änderungen aus christlich-ethischer Sicht?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Rund 9.400 Menschen warten in Deutschland aktuell auf ein Spenderorgan. Kann ihre Situation durch die aktuell diskutierten Gesetzesänderungen verbessert werden? Und was bedeuten die geplanten Änderungen aus christlich-ethischer Sicht?</p></blockquote></div>
<p>Durch mehrere Gesetzesänderungen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) 2019 die Wartezeiten auf eine Organspende verkürzen und die Verfügbarkeit von Spenderorganen erhöhen: Zum einen sollen die Verfahren in den Krankenhäusern durch ein bereits im Bundestag beratenes Gesetz zur „Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ optimiert werden. Zum anderen plädiert Spahn dafür, die seit 2012 geltende Entscheidungslösung durch eine doppelte Widerspruchslösung zu ersetzen, was allerdings bislang noch nicht Gegenstand eines Gesetzesentwurfs ist.</p>
<p>Nach aktuell geltendem Recht ist eine Organentnahme nur erlaubt, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten einer Organ- und Gewebespende ausdrücklich zugestimmt hat – beispielsweise auf einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung – oder wenn die Angehörigen der Entnahme gemäß dem mutmaßlichen Willen der verstorbenen Person nach deren Tod zustimmen. Bei der doppelten Widerspruchslösung würde hingegen automatisch jeder als Organspender gelten, der nicht zu Lebzeiten einer Organ- oder Gewebespende ausdrücklich widersprochen hat – zum Beispiel in einem Widerspruchsregister – und dessen Angehörige dem auch nach dem Tod nicht widersprechen.</p>
<p>Eine erste positive Entwicklung ist durch die anhaltende Diskussion und die erhöhte Aufmerksamkeit für die Organspende bereits spürbar. Im Jahr 2018 haben mehr Krankenhäuser Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation aufgenommen, um die Möglichkeit einer Organspende zu besprechen. Auch die Zahl der Organspender ist im vergangenen Jahr gestiegen: 955 Menschen wurden Organe entnommen, 2017 waren es noch 797. Damit hat die Zahl der Organspender pro Million Einwohner von 9,7 auf 11,5 zugenommen.</p>
<h2>Limonade und Bücherschreiben – Warten auf ein Spenderherz</h2>
<p><em>Von Jörg Metzinger</em></p>
<figure id="attachment_2996" aria-describedby="caption-attachment-2996" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Joerg_Metzinger.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2996 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Joerg_Metzinger-230x300.jpg" alt="" width="230" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Joerg_Metzinger-230x300.jpg 230w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Joerg_Metzinger.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2996" class="wp-caption-text">Jörg Metzinger ist seit 2002 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Schafbrücke (Saarbrücken), die zur Evangelischen Kirche im Rheinland gehört, erteilt Religionsunterricht und spielt Gitarre in Blues(rock)-Bands.</figcaption></figure>
<p>Rhabarberlimonade von einer Lehrerkollegin, eine Johnny Lee Hooker CD von Schwester Rita, ein Gemeindemitglied bringt Siegfried Lenz‘ Novelle <em>Schweigeminute</em>&#8230; Piepende Monitore auf Rollatoren, braune Soße über pappigen Frikadellen, auf den Fluren Geruch nach Exkrementen. Sensible Pflegekräfte in Grün und Blau, Assistenzärzte mit guter Spritzenführung: Ich habe 424 Tage auf einer kardiologischen Intensivstation der Uniklinik Heidelberg gelebt, zeitweise wartend mit bis zu acht weiteren Patienten. 424 Tage bis zur Transplantation, Stationsrekord, meiner seltenen Blutgruppe und großen Körperlänge geschuldet. Wir waren eine skurrile WG, feierten Geburtstage, Weihnachten, Silvester zusammen, zwischen Dialyse-Gerät, Ergometer und Kardioversions-Set. Sogar zwei Konzerte haben wir organisiert, mittendrin, eins davon mit Bluesfreunden aus dem Saarland und mir an der Gitarre. Mein Bewegungsradius: fünfzig Meter. Nur erlaubt mit WLAN-Überwachung durch den Monitor auf meinem Rollator. Ich kannte auf den Fluren jede Ecke und auch fast alle, die hier arbeiten.</p>
<p>Manche meinen, ich hätte dort „die Zeit totgeschlagen“. Nein, ich habe versucht, in der Uniklinik auf fünfzig Metern zu leben, soziale Kontakte aufzubauen, zu schreiben, zu malen, zu lesen, Gitarre zu spielen. Langeweile hatte ich eigentlich nicht, die Tage vergingen rhythmisch und gleichförmig. Da war die  Sehnsucht nach den Menschen, Orten, Gerüchen, Beschäftigungen zu Hause. Sie hat mich angetrieben, aber manchmal auch in die Verzweiflung. Ein Gefängnis – nur ohne Freigang.</p>
<p>Pflegekräfte, Ärzte, Mitpatienten, vor allem natürlich meine Frau und mein Sohn haben mir geholfen, diese lange Zeit zu überstehen. Genauso überlebenswichtig waren die nie abreißenden, oft intensiven Kontakte zu Freunden, Bekannten und vielen Gemeindegliedern, die mich nicht vergaßen. Die unzähligen guten Wünsche, die Karten und Briefe, die Reaktionen auf Facebook und WhatsApp, Besuche, Telefonate, Gebete und für mich angezündete Kerzen. Diese Anteilnahme hat mich überwältigt.</p>
<p>Auch den Glauben habe ich nicht verloren. Selbst nicht in der Stunde des Todes – wie es in alten Gebeten etwas pathetisch heißt. Ich habe Kraft bekommen, deutlich, in Gebet, Traum, Vision. Herrlichkeit und Furcht Gottes sind mir begegnet, überraschend direkt durfte ich das erfahren. Wieder so alte Worte, aber ich finde keine besseren.</p>
<p>Über den Herzspender? Die Informationen bleiben aus guten Gründen unter Verschluss. Ein Arzt hat mir beim Ultraschall gezeigt und erklärt, dass es ein junger Mensch gewesen ist. Ich danke also dem für mich anonymen Menschen und dessen Angehörigen, die mich durch ihre Bereitschaft zur Organspende weiterleben lassen. Von einem „zweiten Leben“ möchte ich nicht sprechen. Diese Krankheit hat mich natürlich verändert, aber ich bin auch der alte geblieben. Manche überhöhen die Bedeutung einer Herztransplantation. Ich habe gelernt, zwischen dem Himmel, an dem die Flugzeuge fliegen, und dem Himmel, von dem die Bibel spricht, zu unterscheiden. Ähnlich ist es mit dem Herzen. Das Herz ist ein Muskel, so bewundernswert konstruiert, dass man an Gott glauben kann. Der Motor des Körpers, nicht mehr, nicht weniger. Wenn der kleine Prinz sagt, „nur mit dem Herzen sieht man gut“, dann ist aber etwas anderes gemeint.</p>
<h2>Strukturelle und organisatorische Verbesserungen in der Organspende sind wichtig</h2>
<p><em>Von Axel Rahmel</em></p>
<figure id="attachment_2995" aria-describedby="caption-attachment-2995" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Axel_Rahmel.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2995 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Axel_Rahmel-214x300.jpg" alt="" width="214" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Axel_Rahmel-214x300.jpg 214w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Axel_Rahmel.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2995" class="wp-caption-text">Dr. med. Axel Rahmel ist Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation.</figcaption></figure>
<p>Die Regelungen zur Organspende lassen sich nicht allein auf medizinische und rechtliche Aspekte reduzieren. Die Frage, „Will ich nach meinem Tod Organe spenden?“, sollte jeder für sich persönlich und selbstbestimmt beantworten. Damit diese Entscheidung am Lebensende zum Tragen kommt, muss aber sichergestellt werden, dass sie in den Krankenhäusern auch abgefragt wird und mögliche Organspender an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) gemeldet werden. Als Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende unterstützt die DSO die Krankenhäuser im gesamten weiteren Organspendeprozess.</p>
<p>Studien zeigen auf, dass in den Krankenhäusern am Lebensende häufig nicht an die Möglichkeit einer Organspende gedacht wird. In vielen Kliniken ist die Organspende ein eher seltenes Ereignis, das nicht in die routinemäßigen Abläufe integriert ist. Die Gründe hierfür liegen sicher auch in der zusätzlichen Belastung, die eine Organspende für die Krankenhäuser in personeller und finanzieller Hinsicht darstellt. Ein weiterer Grund mag die Hemmschwelle sein, Angehörige im Moment ihrer Trauer auf eine Organspende anzusprechen.</p>
<p>Der Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Verbesserung der Strukturen und der Zusammenarbeit bei der Organspende setzt an den richtigen Stellen an. Er stärkt die Position der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken. Ihre Aufgabe ist es, mögliche Organspender zu erkennen und sich um die Abläufe zu kümmern. Dazu ist es wichtig, dass sie von anderen Tätigkeiten entlastet werden und dass sie grundsätzlich einbezogen werden, wenn auf den Intensivstationen Ärzte und Angehörige Entscheidungen am Lebensende eines Patienten treffen müssen. Außerdem soll die Finanzierung der Organspende verbessert werden, so dass das Engagement der Kliniken für die Organspende nicht mehr – wie in der Vergangenheit mitunter geschehen – zu einem finanziellen Nachteil führt.</p>
<p>Die gesetzlichen Regelungen geben aber nur einen Rahmen vor, der mit Leben gefüllt werden muss. Hier setzt der Initiativplan Organspende an, der unter der Federführung der DSO mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums gemeinsam mit weiteren Partnern entwickelt wird. Dabei geht es um Maßnahmen, die die Prozesse in den Krankenhäusern vor und nach Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls betreffen und um eine stärkere gesellschaftliche Verankerung der Organspende.</p>
<p>Parallel zum Gesetzentwurf wird über eine Änderung der gesetzlichen Regelung zur Einwilligung in die Organspende diskutiert und die Einführung einer Widerspruchslösung vorgeschlagen. Eine Regelung, die eine bewusste Entscheidung fördert und den Patientenwillen im Blick hat, würde die Angehörigen entlasten, die ansonsten in letzter Instanz diese schwierige Entscheidung treffen müssen. Hier könnte die Lösung, die in den Niederlanden eingeführt wird, als Modell dienen: Die Bürger werden dort wiederholt nach ihrer Entscheidung zur Organspende gefragt. Wer hierauf nicht reagiert wird im Register als Person, die der Organspende nicht widersprochen hat, geführt. Eine solche Regelung, die die Autonomie des Einzelnen in den Vordergrund stellt, könnte eine Kultur der Organspende auch in Deutschland fördern. Innerhalb der Bevölkerung wäre es selbstverständlich, sich zu entscheiden; für die Kliniken wäre es selbstverständlich an die Organspende zu denken.</p>
<h2>Organspende braucht Vertrauen</h2>
<p><em>Von Margot Papenheim</em></p>
<figure id="attachment_2989" aria-describedby="caption-attachment-2989" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Papenheim_Margot.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2989 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Papenheim_Margot-231x300.jpg" alt="" width="231" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Papenheim_Margot-231x300.jpg 231w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Papenheim_Margot.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 231px) 100vw, 231px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2989" class="wp-caption-text">Margot Papenheim ist Referentin im Fachbereich Evangelische Frauen in Deutschland des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer. Mehr zur Positionierung der Evangelischen Frauen in Deutschland unter <a href="http://www.org" class="autohyperlink">www.org</a>anspende-entscheide-ich.de</figcaption></figure>
<p>Die Organspende-Zahlen in Deutschland sind in den letzten zehn Jahren dramatisch gesunken. Das Drehen an diversen Stellschrauben – wie bessere Finanzierung von Entnahmeoperationen oder mehr Freistellung für Transplantationsbeauftragte – wird allein keine Trendwende herbeiführen. Und auch nicht die mindestens ethisch fragwürdige Regelung, dass künftig die Transplantationsbeauftragen der Entnahmekrankenhäuser bereits vor Feststellung des Hirntods uneingeschränkt Einblick in die Patient*innenakten der Intensivstationen bekommen sollen, um „vorab“ potenzielle Organspender*innen zu identifizieren.</p>
<p>Darum tritt u.a. Bundesgesundheitsminister Spahn für die Einführung einer (doppelten) Widerspruchslösung im Transplantationsgesetz ein. Als Evangelische Frauen in Deutschland sind wir dezidiert der Meinung: Die gesetzliche Grundlage für Organspende kann nur die freiwillige – und umfassend informierte – Entscheidung von (erwachsenen!) Menschen sein. Denn:</p>
<p>Definitionsgemäße Voraussetzung einer Spende ist Freiwilligkeit. Eine Widerspruchsregelung definiert jeden Menschen per se als potenzielle*n Organspender*in. Vom Vollzug der Organspende im Falle des Hirntodes würde ihn nur der ausdrückliche Widerspruch bewahren. Das wäre keine geringfügige Veränderung der geltenden Entscheidungslösung, sondern ein Paradigmenwechsel – und eine Pervertierung des Spende-Gedankens.</p>
<p>Zudem setzt die gesetzliche Definition der gesamten Bevölkerung als potenzielle Organspender*innen die Annahme einer Art „Sozialpflichtigkeit“ des toten menschlichen Körpers (als „Ersatzteillager“) voraus. Dies entspricht nicht unserem christlichen Menschenbild. Und es ist unseres Erachtens auch nicht vereinbar mit der grundgesetzlich garantierten, unantastbaren Würde des Menschen, die über den Tod hinaus zu achten ist.</p>
<p>Das Argument, dass laut Umfragen „die meisten Menschen es doch eigentlich wollen“ und nur zu bequem sind, einen Ausweis auszufüllen – oder die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod scheuen – sticht nicht. Laut Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hätten bereits 2014 über 35 Prozent der Bevölkerung einen ausgefüllten Organspende-Ausweis haben müssen. Laut DSO-Statistik fanden im selben Jahr in den Entnahmekrankenhäusern 1.584 Gespräche zur Entscheidung zur Organspende statt – dabei lagen 194 Erklärungen der potenziellen Spender*innen vor; das sind 12,2 Prozent. Was wohl auch damit zu tun hat, dass Menschen in Umfragen so antworten, wie es vermeintlich politisch korrekt ist. Das reale Verhalten steht auf einem anderen Blatt.</p>
<p>Schließlich: Eine Widerspruchsregelung würde – vielleicht – zunächst die Organspende-Zahlen steigen lassen. Das Vertrauen der Bevölkerung in das Organspende-System würde sie ebenso wenig zurückgewinnen wie alle bisherigen Werbekampagnen für Organspende – verbunden mit moralischen Appellen und/oder Herunterspielen der Komplexität des Themas. Vertrauen braucht umfassende Information. Auch die Information, dass Spende-Organe (anders als Gewebe) nicht Leichnamen, sondern hirntoten Menschen entnommen werden. Information, die auch die ethischen Fragen anspricht, die mit der Transplantationsmedizin verbunden sind. Vertrauen ist die einzig tragfähige Grundlage, auf der Menschen sich für Organspende entscheiden. Daran könnte nicht einmal eine gesetzliche Widerspruchsreglung etwas ändern.</p>
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