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	<title>evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Albert Scherr/Karin Scherchel: Wer ist ein Flüchtling?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 11:00:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Buch ist erkenntlich als Plädoyer einer offenen Haltung gegenüber Menschen geschrieben, die aus unterschiedlichen Gründen ihrem Heimatstaat den Rücken kehren. Aber es gibt auch der Darstellung der zum Teil gravierenden (rechtlichen) Hürden und der in den europäischen Gesellschaften bestehenden Vorbehalte gegenüber „den Flüchtlingen“ ausreichend Raum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S43_Cover_Flüchtling.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-4832 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S43_Cover_Flüchtling-180x300.jpg" alt="" width="180" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S43_Cover_Flüchtling-180x300.jpg 180w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S43_Cover_Flüchtling.jpg 300w" sizes="(max-width: 180px) 100vw, 180px" /></a>Vandehoeck &amp; Ruprecht 2019, 112 S., 15,00 EUR, e-Book 11,99 EUR</strong></p>
<p>Von dem Untertitel sollten sich geneigte Leser*innen, die sich „nur“ für das Thema Zwangs- bzw. Massenmigration als der vielleicht größten gesellschaftspolitischen Herausforderung der nächsten Jahrzehnte interessieren und nach einer fundierten wissenschaftlichen Aufarbeitung der Informationen und Interpretationen dazu suchen, nicht abschrecken lassen. Die Verfasser bereiten ihren Text zwar auf der Basis einer soziologischen Herangehensweise auf, ihre Diktion ist aber allgemeinverständlich. Und ihre Analysen liefern all denjenigen umfangreiches Sachwissen auf vergleichsweise wenigen Seiten, die sich beispielsweise als engagierte Bürger*innen oder Medienleute in den öffentlichen Diskurs einmischen oder als Entscheider*innen in (Ausländer-)Behörden an ihm beteiligt sind. Das Buch ist erkenntlich als Plädoyer einer offenen Haltung gegenüber Menschen geschrieben, die aus unterschiedlichen Gründen ihrem Heimatstaat den Rücken kehren. Aber es gibt auch der Darstellung der zum Teil gravierenden (rechtlichen) Hürden und der in den europäischen Gesellschaften bestehenden Vorbehalte gegenüber „den Flüchtlingen“ ausreichend Raum und spricht darauf basierende, restriktive politische Entscheidungen nüchtern an.</p>
<p>Politische Entscheidungen sind primär nationale und an nationalstaatliche (oder auch europäische) Interessen gebundene. Scherr und Scherchel nennen das die Dominanz des „gewöhnlichen Nationalismus“. Gerade in demokratischen, an der Wohlfahrt ihrer Bürger*innen orientierten Staaten sind Regierungen durchaus gehalten, mit vornehmlicher Rücksicht auf die eigenen Staatsbürger*innen zu handeln. Diese sind der Souverän. Und das kodifizierte Recht ist das jeweilige (partikulare) Recht eines bestimmten Staates. Im Zusammenhang mit (Massen-)Migration und Flucht gerät dieses nun in einen Widerspruch zu internationalen Rechtsnormen und einer menschenrechtlichen, dem unbedingten Schutz des Individuums verpflichteten Moral mit universellem Geltungsanspruch.</p>
<p>Weil das Bewusstsein dafür sich erst langsam durchzusetzen beginnt, entfalten die Autoren eine „Konfliktsoziologie“. Konflikte als „universelle soziale Tatsachen“ können demnach „zu positiv bewertbaren Entwicklungen“ führen: „&#8230;wer ein Recht auf Aufnahme und Schutz haben soll, (soll) Gegenstand gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung“ (S. 79) sein. Damit kommen zivilgesellschaftliche Akteur*innen (etwa NGOs wie Pro Asyl), ins Spiel, und die Frage nach dem „Flüchtling“ gerät zu einer moralischen Herausforderung für uns alle. „Denn alles“ – mit den Worten des Philosophen Richard Rorty – „hängt davon ab, wer überhaupt als Mitmensch gilt“ (S. 84).</p>
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		<title>Onora O’Neill: Gerechtigkeit über Grenzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:57:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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					<description><![CDATA[Ohne die Definition und Zuordnung von Pflichten bleiben Menschenrechte bestenfalls Absichtserklärungen, schlimmstenfalls leere Versprechungen, so lautet die Kernthese von Onora O'Neill.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Cover_Gerechtigkeit.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-4829 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Cover_Gerechtigkeit-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Cover_Gerechtigkeit-195x300.jpg 195w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Cover_Gerechtigkeit.jpg 618w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a>Claudius Verlag 2019, 367 S., 38,00 EUR, e-Book 25,99 EUR</strong></p>
<p>Nein, als Lektüre zwischen zu Bett gehen und Einschlafen eignet sich O’Neills Aufsatzband – ein fortschreitendes, stringentes Nachdenken über die Herstellung gerechter Verhältnisse in einer globalisierten Welt – eher nicht. Aber mit einiger Konzentration kann man ihrem Nachdenken über Gerechtigkeitsprinzipien gut folgen, auch wenn man weniger Vorwissen in Fragen der politischen, der Rechts- und Moralphilosophie hat, zumal sie ihre These in präzierenden Wiederholungen darlegt: Ohne die Definition und Zuordnung von <em>Pflichten</em> bleiben Menschen<em>rechte</em> bestenfalls Absichtserklärungen, schlimmstenfalls leere Versprechungen.</p>
<p>Es ist ein Defizit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEM) und den Folgevereinbarungen von 1966 (CESCR), dass die Träger der damit korrespondierenden Pflichten nicht spezifiziert werden. Der auf <em>Rechte</em> sich stützenden Gerechtigkeitskonzeption stellt die britische Philosophin und Politikerin (O‘Neill gehört dem Oberhaus des Parlamentes an) ihren auf <em>Pflichten</em> basierenden Ansatz entgegen; denn „jede Umsetzung wird scheitern, solange nicht geklärt ist, wer was für wen tun soll“ (S. 213).</p>
<p>Der in der AEM (1948) vorgenommene Verweis auf „Staaten“ als verpflichtete Akteure der Gerechtigkeit sei zu pauschal und der heutigen Welt (mit ihrer Vielzahl <em>schwacher</em>, <em>zerfallender</em> oder gar <em>Unrechts</em>staaten) nicht mehr angemessen. Viele Gerechtigkeitskonzeptionen sind zwar universal (kosmopolitisch) gedacht, scheitern aber vor Ort an oft mangelnden staatlichen Fähigkeiten – oder am Willen. O‘Neill schlussfolgert daraus, dass sich z.B. auch wirkmächtige transnationale Konzerne, einflussreiche Nichtregierungsorganisationen oder religiöse Vereinigungen als Akteure globaler Gerechtigkeit in die Pflicht nehmen lassen müssen.</p>
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		<title>Kurt Anglet: Totenstille und der Geist der Prophetie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:55:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinen Büchern spürt Kurt Anglet dem Schrecken und der Trostlosigkeit nach, die eine Philosophie verbreitet, die den Tod verabsolutiert. Er beschäftigt sich mit dieser „Totenstille“ auf der Folie der biblischen Botschaft der Erlösung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42__Cover_Anglet.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-4825 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42__Cover_Anglet-179x300.jpg" alt="" width="179" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42__Cover_Anglet-179x300.jpg 179w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42__Cover_Anglet.jpg 400w" sizes="(max-width: 179px) 100vw, 179px" /></a>Echter Verlag 2016, 112 S., 12,90 EUR, e-Book 10,99 EUR</strong></p>
<p>In seinen Büchern spürt Kurt Anglet dem Schrecken und der Trostlosigkeit nach, die eine Philosophie verbreitet, die den Tod verabsolutiert. Er beschäftigt sich mit dieser „Totenstille“ auf der Folie der biblischen Botschaft der Erlösung. Er bezieht aber genauso die Literatur der Zeit mit ein und entdeckt dort immer wieder Funken der Hoffnung.</p>
<p>Eine programmatische Aussage über die Vorgehensweise des Autors findet sich in seinem 2016 erschienenen Band „Totenstille und der Geist der Prophetie“. Hier schreibt Anglet: „Auch wenn es einem Theologen nicht zusteht, sich mit einem Propheten zu verwechseln, so ist die Theologie in unserer Zeit mehr denn je gehalten, von jenem Geist der Prophetie, letzthin vom Messias als Erlöser und Überwinder des Antichrists Rechenschaft abzulegen“.</p>
<p>Und er fügt hinzu: „Ist doch Heideggers Wirkung kaum erklärbar, spiegelte sich in seinem Denken nicht der Geist, das Menschenbild seiner, unserer Zeit: den Menschen diesseits von Schöpfung und Erlösung als ein auf sich selbst zurückgeworfenes Wesen zu begreifen, das seinen Weg bis hin zur völligen Selbstauslöschung geht“. In letzter Konsequenz münden solche Gedanken für Anglet in die Grausamkeiten der Nationalsozialisten.</p>
<p>So wie hier setzt sich der 1951 in Nordheim geborene Theologieprofessor immer wieder leidenschaftlich und kritisch mit der Verklärung von Tod und Untergang in der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts auseinander. Es lohnt sich, die Anstrengung der Lektüre der Bücher von Anglet auf sich zu nehmen. Sie sind gewiss nicht für das breite Publikum geschrieben. Aber indem er sich immer wieder auf die Literatur bezieht, gelingt es ihm, gefährliche Denkstrukturen offenzulegen.</p>
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		<title>Die Amazoniensynode</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:52:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Amazonien]]></category>
		<category><![CDATA[Katholizismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumene]]></category>
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					<description><![CDATA[Vom 6. bis 27. Oktober 2019 tagte in Rom die Bischofssynode zur Zukunft Amazoniens. Rund 280 Teilnehmer berieten Fragen der Ökologie und der pastoralen Situation. Liest man die Synodentexte, liest man zugleich ein wenig in den Zeichen der Zeit, die die Weltkirche derzeit beschäftigen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Vom 6. bis 27. Oktober 2019 tagte in Rom die Bischofssynode zur Zukunft Amazoniens. Rund 280 Teilnehmer berieten Fragen der Ökologie und der pastoralen Situation. Liest man die Synodentexte, liest man zugleich ein wenig in den Zeichen der Zeit, die die Weltkirche derzeit beschäftigen.</p></blockquote></div>
<p>In Deutschland haben sich besonders die beiden großen katholischen Hilfswerke MISEREOR und Adveniat der Amazoniensynode angenommen. Von ihnen stammt die deutsche Übersetzung der spanischen Vorbereitungstexte (Konsultationsdokument 2018, Vorbereitungsdokument 2019) sowie des offiziellen Schlussdokuments. Die beiden Hauptgeschäftsführer Michael Heinz, Adveniat, und Pirmin Spiegel, MISEREOR, ließen es sich nicht nehmen, jeweils programmatische Geleitworte zu verfassen. So führen sie im Vorwort zum Schlussdokument wohlwollend Stimmen an, die beteuern: Der hier angestoßene Prozess wird kaum umkehrbar sein. Und zum zuvor der Synode vorgelegten Arbeitsdokument und -instrument (lateinisch: <em>Instrumentum Laboris,</em> <em>IL</em>) betonen sie: Was hier diskutiert wird, hat Bedeutung für Amazonien – und weltweit.</p>
<h2>Schöpfung und Kultur</h2>
<p>Dass allen voran karitative Einrichtungen die Synode begleiten, macht Sinn. Schaut man auf die Hauptthemen Ökologie und Kultur des Territoriums, leuchtet ein, warum zuallererst die Hilfs- und Entwicklungsorganisationen ihre Stimme einbringen, die mit der Erfahrung vor Ort und dem praxisgesättigten Blick entsprechende Kompetenz besitzen. Adveniat ist das Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika und die Karibik.</p>
<p>Breiten Raum nehmen umweltethische Aspekte ein, was in kirchlichen Medien vielfach rezipiert wurde (und darum an dieser Stelle nicht weiter vertieft zu werden braucht). Dass Amazonien als Lunge des Planeten bezeichnet worden ist – vergleiche schon das Vorwort zum Konsultationsdokument vom Juni 2018 – verdeutlicht, mit welchem universalen Impetus die Verhandlungen zur Synode initiiert wurden. Daran hat sich bis hin zum Schlussdokument kaum etwas geändert. Inklusive der Sorge, es könne unterwegs die Luft (oder doch etwa die „Puste“) ausgehen, was aber bis jetzt nicht geschehen ist.</p>
<p>Nicht immer in der Berichterstattung beachtet wurde, dass über ökologische Fragen hinaus die Synode einen kulturellen, sozio-ökonomischen, auch kommunikationsethischen sowie nicht zuletzt spirituellen und im guten Sinne pastoralen Ansatz verfolgt. Die Amazoniensynode wollte bewusst <em>ganzheitlich</em> sein. „Alles hängt mit allem zusammen“. Auch wenn <em>ganzheitlich </em>für manchen leicht wie ein abgedroschenes Wort klingen könnte, und der <em>Zusammenhang von allem mit allem</em> auch als wohlfeiler Allgemeinplatz durchginge, zeigt sich in der Durchführung, dass alles andere als Banalitäten dabei verhandelt werden.</p>
<p>Nur drei Beispiele. Im Bereich der <strong>Bildung</strong> will die Synode die Einrichtung und Pflege öffentlicher, mehrsprachiger Schulsysteme fördern (Schlussdokument, Nr. 59). In der <strong>Gesundheitsvorsorge</strong> sieht sich die Kirche dazu angehalten, „gesundheitliche Dienstleistungen dort anzubieten, wo die staatliche Gesundheitsversorgung nicht greift“ (Nr. 58). Und im Bereich der <strong>Kommunikation</strong> gelte es die vorhandenen Kommunikationsräume gezielt weiterzuentwickeln (Nr. 60), Ausbildung und Weiterbildung indigener Partner zu ermöglichen, auch unter Beteiligung des neugegründeten kirchlichen Netzwerks Red Eclesial PanAmazónica (REPAM).</p>
<p>Im Text werden spezifische kulturelle Werte Amazoniens selbst hervorgehoben, wie etwa der „traditionelle Umgang mit der Natur“ der von der Art ist, „die wir heute als nachhaltiges Verfahren bezeichnen“ (Nr. 44). Als weitere Werte der Region gelten Gegenseitigkeit, Solidarität, Gemeinschaftssinn, Gleichheit, Familie, soziale Organisation, Dienstbereitschaft. Der Schutz der Natur wird verbunden mit der „Gerechtigkeit für die Ärmsten und Benachteiligten der Erde, die ja in der Geschichte der Offenbarung die Privilegierten Gottes sind“ (Nr. 66).</p>
<h2>Grundgesetz und Unabhängigkeitserklärung</h2>
<p>So haben schließlich auch Anklänge, Sätze und Formulierungen des deutschen Grundgesetzes und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Eingang in den Synodentext gefunden, wenn es in Absatz 70 heißt: „Der Mensch ist nach dem Ebenbild des Schöpfergottes geschaffen und seine Würde ist unantastbar.“ In der englischen Übersetzung lautet der Satz: „Human beings are created in the image and likeness of God the Creator, and their dignity is inviolable.“ (Vgl. dazu Artikel 1 Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sowie „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights&#8230;“, Präambel der Declaration of Independence).</p>
<p>Insgesamt begibt sich damit die Synode auf den vom Papst aufgezeigten Pfad <em>an die Ränder</em>, der in den letzten Jahren für etliches Ansehen und auch Respekt gegenüber dem in mancher Hinsicht ja auch durchgeschüttelten „Schifflein Petri“ sorgte. Medial haben indes vor allem die Überlegungen zur vereinzelten Einführung verheirateter Priester (<em>viri probati</em>, Nr. 111) sowie zur Ämterübertragung an Frauen (Nr. 103) Wellen geschlagen.</p>
<h2>Auf dem Pfad an die Ränder</h2>
<p>Man kann eine Synode lesen, wie man ein Buch liest, von den ersten Seiten bis zum Schlusskapitel. Man kann daher aber auch ein wenig vor oder zurück blättern, manches zweimal lesen und erfasst so die Kernanliegen leichter – ein Text weiß ja stets mehr als sein(e) Verfasser&#8230;</p>
<p>Als eine Zusammenfassung und Leitlinie der Amazoniensynode kann jedenfalls die Zielformulierung aufgenommen werden, „barmherzige, samaritanische, solidarische und diakonische Kirche“ zu sein (Nr. 104, vgl. Nr. 22).</p>
<p>Gewiss gibt es im weiten Erdenrund zahlreiche kirchliche Werke, kirchliche Organisationen und kirchliche Gemeinschaften, die den beschriebenen Grundsätzen uneingeschränkt zustimmen. Insofern ist der Amazoniensynode, soviel lässt sich wohl auch aus einer „fernen“ europäischen Perspektive sagen, ein Beitrag geglückt, der – so oder so – weit über den Tag hinausreicht.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine „barmherzige, samaritanische, solidarische und diakonische Kirche sein“.</p></blockquote></div>
<p>Alles Gesagte gilt unabhängig davon, was das ausstehende päpstliche nachsynodale Schreiben aus den Schlussdokumenten übernimmt. Beim Übergang vom Instrumentum Laboris zum Schlussdokument zeigt sich manche signifikante Verschiebung, oft durchaus zum Besseren. Was den evangelischen Leser zu dem, wenn auch zähneknirschenden Eingeständnis bringen kann, dass ggf. auch in Rom theologische Kompetenz vorhanden sein muss oder ist.</p>
<h2>Ökumenische Herausforderungen</h2>
<p>Die Amazoniensynode in ökumenischer Perspektive zu lesen, fällt nicht schwer. Denn die Texte bringen schon von sich aus viel davon mit. Schon weit am Beginn in Kapitel 2 wird ausdrücklich der ökumenische Dialog angesprochen (Nr. 23). Man mag sich dabei vor Augen führen, dass neben der Ökologie und den inneren Notlagen Amazoniens den Anlass für die sehr breit aufgestellten Anstrengungen wohl vor allem ein „evangelisches“ Problem darstellt: Das rasante Wachstum spirituell-charismatischer Gruppen und Gemeinschaften. „Die Tatsache, dass nicht wenige katholische Gläubige von diesen Gemeinschaften angezogen werden“ (Nr. 24), ist eine Entwicklung, die schon über längere Zeit anhält. Bereits Amtsvorgänger vor dem amtierenden Papst haben sich in dieser Frage durchaus ehrlich Vermittlung suchend an evangelische Kirchen etwa in Europa gewandt. Doch Spannungen halten an. Die Situation ist „nicht immer einfach“. Umso bemerkenswerter der freundliche Ton in der Einladung zum Dialog, den die Synode vorträgt.</p>
<p>Als verbindende Aktionen werden konkrete Vorschläge unterbreitet und können „viele gemeinsame Dinge geschehen: Übersetzungen der Bibel in die lokalen Sprachen, gemeinsame Bibelausgaben, Verbreitung und Verteilung der Bibel sowie Treffen von katholischen Theologinnen und Theologen mit jenen verschiedener anderer Konfessionen“ (ebd.).</p>
<p>Noch weit grundsätzlicher präsentiert sich allerdings die ökumenische Herausforderung, die durch den sehr weit gefassten Begriff des „Volkes Gottes“ im Synodendokument entsteht. Dabei überrascht zunächst nicht, dass mit den Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils das Priestertum der Laien, „die Berufung und Sendung der Laien“ (Nr. 93) herausgestellt wird, die aufgrund der Taufe die Identität eines jeden Christen definiert. Auch nicht, dass die bekannte Rede vom <em>sensus fidei,</em> dem „Glaubenssinn des gesamten Volkes Gottes“ (Nr. 88, Nr. 94) aufgegriffen wird. Fragen entstehen jedoch, wenn teilweise in der Schwebe bleibt, <em>woran</em> sich dieser Glaubenssinn im Einzelnen orientiert. Gibt es dafür ein Kriterium?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>In 120 Abstimmungen wurden alle Absätze des Schlussdokuments separat und einzeln abgestimmt.</p></blockquote></div>
<p>Textimmanent wird man vielleicht an einen (wie immer gearteten) Zusammenklang der drei Bestimmungen denken dürfen zwischen der dort bezeichneten <em>Wertschätzung und Liebe Gottes</em>, „die unserem Leben einen neuen Horizont schenkt“ und die „sich im ganzen Universum verteilt“ (Nr. 21), sowie der Bestimmung der Kirche als eine „barmherzige, samaritanische, solidarische und diakonische“ (s.o.) oder auch der wohlverstandenen Mahlfeier (Nr. 109). Doch bleibt hier Raum für vielfältige Interpretationen, so dass auf dem weiteren Weg noch Weiteres zu besprechen bleibt. Die Synode war ja auch nicht als eine Endstation gedacht. Aus dem Erfahrungsschatz der weltweiten Ökumene gibt es das eine oder andere Dokument, das dazu weiterführende Gesichtspunkte in die Überlegungen und Debatten einspeisen kann, so dass auch in dieser Frage gewiss keine dauerhafte „Tristesse“ oder gar „Kopfhängerei“ entstehen muss.</p>
<h2>Verbindende Aktionen</h2>
<p>Das Schlussdokument zur Amazoniensynode ist jedenfalls in seiner in sich ausgewogenen Art ein gutes Beispiel dafür, dass christliche Existenz immer beides aufweisen wird, die geistliche Dimension, aus der sich die Seele nährt, und die caritative Dimension tätiger Nächstenliebe. Probleme entstehen insbesondere dann, wenn eines von beiden verabsolutiert (also in unguter Manier abgelöst, losgelöst) wird. <em>Beides aber ist notwendig.</em></p>
<p>Liest man daraufhin die Synodentexte, liest man zugleich ein wenig die kirchlichen Zeichen der Zeit, die doch darauf hindeuten, dass im Amazonasgebiet auf längere Sicht eine gesunde Balance gefunden werden kann zwischen beiden Dimensionen. Hier ist viel Wegweisendes gesagt. Mit der Amazoniensynode hat die katholische Kirche der Region, ihren Chancen wie ihren spezifischen Problemen, eine neue erhöhte Aufmerksamkeit verschafft. Schon darin hat sie einen bleibenden Eigenwert.</p>
<h2>Volkssprachliche Liturgien</h2>
<p>Eine dritte ökumenische Perspektive ergibt sich durch die erfreuliche Entscheidung der Synode, volkssprachliche Liturgien in Amazonien zuzulassen bzw. zu empfehlen. Wenngleich in den vorbereitenden Beratungen nicht unumstritten, hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die indigenen Völker, die Flussbewohner, die Zugewanderten und die Einheimischen in ihren vielerlei Sprachen einen Ort benötigen, an dem die „Quellliebe bzw. Wertschätzung Gottes“ (Nr. 21) verstehbar und in der eigenen Muttersprache vernehmbar wird. Das trifft sich mit den genannten Bemühungen für Bibelübersetzungen in die jeweiligen Volkssprachen.</p>
<p>Das Gebiet des Amazonas erstreckt sich auf die Länder Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Guyana, Surinam und Französisch-Guyana. Mit einer Fläche von 7,8 Millionen Quadratkilometern entspricht das etwa 26 Mal der Fläche Italiens. Brasilien stellt mit rund 200 Millionen den bevölkerungsreichsten Anrainerstaat im weiteren Einzugsgebiet des Amazonas. Die Bevölkerung im Amazonasbecken selbst wird auf 33,6 Millionen geschätzt.</p>
<p>Mit Nennung der riesigen Fläche wird die ungeheure Herausforderung bewusst, vor die sich jede Institution und Organisation in der Amazonasregion gestellt sehen muss. Mit Nennung der <em>Bevölkerungszahl</em> wird andererseits die Dimension im „reinen Weltmaßstab“ ein Stück weit in Relation gesetzt. Denn angesichts einer Zugehörigkeit von ca. 2,2 Milliarden Menschen zum Gesamtgebilde „Christenheit“ bleibt der Amazonas gewiss ein großer Strom. Doch muss sich in Nordamerika, Afrika oder Eurasien auch niemand davor fürchten, durch Zu- und Einflüsse oder Entwicklungen in diesem Teil Südamerikas einfachhin „hinweggespült“ zu werden. Als wichtiger Mark- und Meilenstein bleibt das Schlussdokument, dem durchgehend eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe zugestimmt haben, allemal: Eine Bereicherung ist das nach IL Nr. 2 „neue Subjekt“ Amazonien in der Kirchengeschichte (gerade auch) durch die Ergebnisse der Amazoniensynode schon jetzt.</p>
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			</item>
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		<title>Hoffnung kommt von hüpfen (›hopen‹)</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/hoffnung-kommt-von-huepfen-hopen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Petra Schulze]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:45:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krankheit]]></category>
		<category><![CDATA[Krebs]]></category>
		<category><![CDATA[Mut]]></category>
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					<description><![CDATA[Gott, ich danke dir, dass du mich erhört hast und hast mir geholfen. (Psalm 118,21)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gott, ich danke dir, dass du mich erhört hast und hast mir geholfen. (Psalm 118,21)</p></blockquote></div>
<p>Verlier´ nie die Hoffnung. Nichts als ein Kalenderspruch?</p>
<p><em>„Hätte ich früher schon gewusst, was mein Leben mir bringt, es vorher gekannt / Hätt ich geschrien, gefleht, wäre davon gerannt / Die Welt entgleitet meiner Hand … (</em>Texte<em>: </em>„fighting spirits“<em>).</em></p>
<p><strong>Jordanien:</strong> Seine Narben kommen vom Krieg. In sein Elternhaus ist eine Granate eingeschlagen. Hier im Zeltlager fallen wenigstens keine Bomben. Statt zu spielen, geht Djamal Wasser holen. Eine Stunde braucht er für den Weg. Seine drei Brüder sind noch in Syrien. Ob er sie je wiedersehen wird?</p>
<p><strong>Düsseldorf:</strong> Die Haare ausgefallen. Das Gift fließt in die Adern. Chemotherapie. Die anderen in der Schule – und sie: vergessen?</p>
<p><em>„Das hab´ ich nicht erwartet; das hab´ ich nicht gedacht / Ich schau in ´ne dunkle, schwarze Nacht. / Die Welt wird klein, nur eine Bettenlänge groß, / (…) ich treibe bloß. / (…) / Ich spür das Gift, das mich retten soll, / es macht mich fertig – ich kotze alles voll. /(…) die Hoffnung kennt mich nicht.</em></p>
<p><strong>Düsseldorf: </strong>Eines Tages steht die Hoffnung vor der Tür. Sie bringt Perlen mit. Mut-Perlen. Für eine persönliche Perlenkette. Sie hilft, die Krankenhauszeit zu dokumentieren: Es gibt Gutes im Schlechten. Da gibt es die Geburtstagsperle oder die für die guten Tage. Und ganz zu Beginn der Kette: Ein Hoffnungsanker. „Wir brauchen Hoffnung“, sagt Katja Nowak, „das ist eine schwere Erkrankung… Und sie geht in den meisten Fällen gut aus, aber man weiß es nicht. Und deswegen braucht man diese Hoffnung, die einen da durchträgt.“ Katja Nowak hat selbst einen Sohn an Krebs verloren und verteilt nun auf der Kinderkrebsstation in der Uni-Klinik Mut-Perlen.</p>
<p><strong>Jordanien:</strong> Nach vielen Jahren Zeltlager steht die Hoffnung vor der Tür. Djamals Familie lebt jetzt in einem kleinen Haus. Das Zeltlager ist zu einer Stadt geworden. Es gibt fließendes Wasser, eine Schule, einen Spielplatz mit Trampolin, einen Sportplatz. Als Djamal mit seinen kleinen Schwestern herkommt, fangen sie sofort an zu spielen. „Wir sind herumgehüpft. Wir waren ganz aus dem Häuschen&#8221;, sagt ein Mädchen.</p>
<p>„Hoffnung kommt von hüpfen“, sagt Pfarrer Bastian Basse und macht Kindern mit seinen Mitmachliedern Mut. So wie Ergotherapeut und Musiker Frank Gottschalk, der vor vielen Jahren die „figthing spirits“, die kämpfenden Geister, an der Uni-Klinik Düsseldorf gegründet hat: eine Musikband aus lebensbedrohlich erkrankten Kindern und Jugendlichen, ihren Geschwistern und Freunden. Mit etwas professioneller Hilfe komponieren und texten sie, musizieren vor vielen Konzertgästen. In ihrem Probenraum steht eine Lampe mit der Aufschrift: „Gib dich nicht auf“.</p>
<p><em>„Bald reißt der Himmel auf, dort scheint ein Stern für Dich /und er blickt hinab und gibt dir Kraft…“</em></p>
<p>Hoffnung ist: etwas Positives zu erwarten. Allen Widerständen zum Trotz. Mut und Trotz sind Hoffnungsanker gegen die Verzweiflung. Gegen die Gefahr aufzugeben. Und an Gott glauben, heißt darauf hoffen, dass die Welt besser werden kann. Gottes Geist kann in mir den Hoffnungsfunken entzünden. Hüpfend – auf beiden Beinen oder beim Singen, Tanzen, Spielen – will ich diesen Geist rufen und warten, bis mein Herz vor Freude singt.</p>
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		<title>Städtereisen mit lohnendem Ziel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:40:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Städtereisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Klimakrise hat keine Auswirkungen auf die Reiselust der Deutschen. Experten erwarten aber eine höhere Bereitschaft zu Kompensationszahlungen. Eine Alternative zu Flugreisen sind Reisen in deutsche Städte. Mancherorts kann man dabei dem jüdischen Leben vor Ort auf die Spur kommen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Klimakrise hat keine Auswirkungen auf die Reiselust der Deutschen. Experten erwarten aber eine höhere Bereitschaft zu Kompensationszahlungen. Eine Alternative zu Flugreisen sind Reisen in deutsche Städte. Mancherorts kann man dabei dem jüdischen Leben vor Ort auf die Spur kommen.</p></blockquote></div>
<p>Jedes Jahr belegt die Urlaubsmesse CMT in Stuttgart eindrucksvoll aufs Neue den hohen Stellenwert, den Urlaubsreisen für die Deutschen haben. Die weltweit größte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit konnte in diesem Jahr schon am Auftaktwochenende mit 90.000 Gästen einen Rekord verzeichnen. Aufgrund vorläufiger Daten stieg die Zahl der Urlaubsreisen 2019 um ein Prozent. Die Vorlieben bei den Reisezielen werden auch 2020 gleich bleiben: innerdeutsche Ziele, gefolgt von Spanien, Italien, der Türkei und Österreich.</p>
<p>Nur bei einem geringen Teil der Urlauber spielt nach Angaben von Professor Martin Lohmann von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) der Aspekt der Nachhaltigkeit bislang bei der Reiseplanung eine Rolle. Lohmann weist darauf hin, dass 2019 der Begriff der „Flugscham“ neu hinzugekommen sei. Immerhin berichten 73 Prozent der Flugreisenden, wegen der Klimabelastung ein schlechtes Gewissen zu haben. Nur 27 Prozent teilen dieses Gefühl nicht. Offenbar gebe es hier einen Wertewandel, meint der Wissenschaftler. Er erwartet jedoch keinen Rückgang der Flugreisen, aber eine höhere Bereitschaft zu Kompensationszahlungen (z.B. über <em>www.klimakollekte.de</em>).</p>
<p>Partnerland der CMT war in diesem Jahr Montenegro, das mit viel Natur punktet. Dazu gehören 15 Kilometer Sandstrand, eine Saline, in der 150 Vogelarten rasten, fünf Nationalparks, die tiefste Schlucht Europas sowie die grandiose Bucht von Kotor. Wer nicht fliegen will, findet eine reiche Auswahl an Zielen im eigenen Land. So präsentierte sich Baden-Württemberg als Genießerland und Heilbäderland Nummer 1 in Deutschland. Der Schwarzwald führt ein neues Konzept zur Rettung des Dorfgasthauses ein und Städte warten mit interessanten Themenschwerpunkten auf.</p>
<h2>Jüdisches Leben in deutschen Städten</h2>
<p>Dazu gehört auch das jüdische Leben. Dessen reichhaltige Spuren kann man auf historischen Rundgängen und in Ausstellungen nachvollziehen. Und dass es nach dem Holocaust wieder jüdische Gemeinden gibt, zeigt sich nicht zuletzt an den eindrucksvollen Synagogen in München, Ulm, Stuttgart oder auch Berlin.</p>
<p>Besucher von Hamburg finden zum Beispiel unter <em>www.kulturreise-ideen.de</em> eine Tour durch die Hansestadt mit 24 Stationen, die Auskunft über die Geschichte der Juden gibt. Dies reicht von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme über jüdische Friedhöfe bis zum einstigen Gartenhaus des Bankiers Salomon Heine, einem Onkel des Dichters Heinrich Heine. In Berlin vermittelt das Jüdische Museum historisches Wissen. Es gibt auch viele koschere Restaurants, die Städtereisende besuchen können.</p>
<p>In Stuttgart veranstaltet der Stadtjugendring regelmäßig Rundfahrten zum Thema Jüdisches Leben. Informationen erhalten Besucher aber auch in der Innenstadt. Während der NS-Zeit wurden Juden in die berüchtigte Gestapo-Zentrale gebracht, die im inzwischen zum Museum ausgebauten Hotel Silber am Charlottenplatz untergebracht war, oder ins Polizeigefängnis im heutigen Hospitalhof in der Büchsenstraße, wo eine Tafel an das Leid der Verfolgten erinnert. Der Druck sollte die Juden zur Auswanderung zwingen. Diese gelang mehr als der Hälfte der Stuttgarter Juden, die so dem ab 1941 anlaufenden Abtransport in die Vernichtungslager entgingen.</p>
<p>Zwei Stolpersteine erinnern daran, dass am Ostendplatz vor knapp 80 Jahren der jüdische Arzt Jakob Holzinger und seine Frau Selma Selbstmord begingen. Das jahrzehntelang von den Nachbarn geschätzte und sehr sozial eingestellte Ehepaar sah keinen anderen Ausweg als den Freitod, um dem Zugriff der Nazis zu entkommen.</p>
<p>Die Blütezeit jüdischen Lebens in Stuttgart umfasste das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts und ging bis in die 20er Jahre. Im Jahr 1932 lebten knapp 4.500 Juden in Stuttgart, das waren gerade mal ein Prozent der Bevölkerung. Sie unterschieden sich kaum von ihrem Umfeld, hatten sich angepasst und integriert, waren als überzeugte Patrioten in den Ersten Weltkrieg gezogen. Interreligiöse Heiraten waren üblich. Am deutlichsten zeigten sich die Unterschiede in der Berufsstruktur. Überproportional viele Ärzte und Anwälte und Selbstständige waren unter der jüdischen Bevölkerung. Frauen wählten vor allem den Beruf der Krankenschwester. Viele Unternehmer waren in der Textilbranche tätig.</p>
<p>Gleich nach dem Krieg begann jüdisches Gemeindeleben wieder in Stuttgart. Die Synagoge wurde wieder aufgebaut. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) zählt heute rund 2.900 Mitglieder. Jedes Jahr veranstaltet sie die Jüdischen Kulturwochen.</p>
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		<title>„Christlicher Glaube hat immer eine politische Dimension“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Maike Axenkopf]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:35:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[ESG]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Protestantismus]]></category>
		<category><![CDATA[Studentenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Studentengemeinde]]></category>
		<category><![CDATA[Studierendengemeinde]]></category>
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					<description><![CDATA[An vielen Hochschulstandorten politisierten sich während der Studentenunruhen auch die Evangelischen Studentengemeinden (ESGn). Die dadurch ausgelösten Konflikte mit den Landeskirchen kreisen um die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche und ihrer Mitglieder.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>An vielen Hochschulstandorten politisierten sich während der Studentenunruhen auch die Evangelischen Studentengemeinden (ESGn). Die dadurch ausgelösten Konflikte mit den Landeskirchen kreisen um die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche und ihrer Mitglieder.</p></blockquote></div>
<p>Gerade Zeiten gesellschaftlicher Veränderung und Herausforderungen prägen oftmals den Charakter und die politische Ausrichtung von Institutionen und Gruppen. Aktuell kann man das beispielsweise an der Protestbewegung „Fridays for future“ und der ihr zugrundeliegenden Politisierung von Schülerinnen und Schülern sehen. Eine vergleichbare Phase des politischen Engagements einer „jungen Generation“ war die sogenannte „68er-Bewegung“, die in ihrer Relevanz für das politische Denken und Handeln der damaligen westdeutschen Studierendenschaft nahezu unbestritten ist.</p>
<p>Gleichzeitig sind auch die Veränderungen und Umbrüche innerhalb des westdeutschen Protestantismus in den 1960er und 1970er Jahre in der kirchlichen, bzw. Kirchen-Geschichtsforschung nachvollziehbar – als Beispiele könnten die 4. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Uppsala im Juli 1968 oder das Aufkommen der Politischen Nachtgebete in Köln durch Dorothee Sölle genannt werden. Beides führte zur intensiven Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, neu definierten Ansprüchen an seine Auslebung und neuen Ideen für die Umsetzung des Glaubens.</p>
<h2>Politisierung der ESGn im Zuge der 68er-Bewegung</h2>
<p>Würden Studierendenschaft und westdeutsche evangelische Kirche als zwei sich verändernde, aber voneinander zunächst unabhängige Kreise definiert werden, so wären die Evangelischen Studentengemeinden als deren Schnittstelle zu bezeichnen, die – möglicherweise – diese Unabhängigkeit wiederum auflösten. Will heißen: die Impulse, die ESGn aus der Studentenbewegung mitnahmen (Hinterfragen etablierter Strukturen, Forderung nach Partizipation und schlussendlich Emanzipation), versuchten sie in ihre Kirche einzubringen.</p>
<p>An vielen Hochschulstandorten beteiligten sich während der Studentenunruhen, die gemeinhin mit dem Jahr 1968 gleichgesetzt werden, auch die Evangelischen Studentengemeinden. Dabei engagierten sie sich unter anderem in den politischen Auseinandersetzungen um den Vietnam-Krieg, die Notstandsgesetze und die geplante Studien-und Hochschulreform. Sie verfassten selbst Positionspapiere und Flugschriften, unterzeichneten Forderungen von SDS und Asten der jeweiligen Hochschulen und traten damit politisch teilweise erstmals in Erscheinung. Obschon ein gesamtgesellschaftliches Echo hier ausblieb, bzw. quellenbasiert heute nicht mehr nachvollziehbar ist, sorgten das Engagement und konkrete Aktionen der ESGn innerkirchlich, d.h. vor allem auf landeskirchlicher Ebene, durchaus für Diskussionen und Auseinandersetzungen.</p>
<h2>Neues Konfliktpotential mit den Landeskirchen</h2>
<p>Die ESGn waren damals wie heute Einrichtungen der Landeskirchen, wurden mit landeskirchlichen Mitteln finanziert und meist von Pfarrern geleitet, die von der Kirchenleitung eingesetzt wurden. Durch diesen Umstand war es folglich nicht abwegig, dass das Engagement der ESGn auf Entscheidungsebenen besprochen wurde und ein teilweise reger Briefwechsel zwischen ESG-Pfarrern und Kirchenleitung über Ausrichtung und Ziele der jeweiligen ESG dokumentiert ist. Allerdings ist zu vermerken, dass bis dato die Inhalte der Arbeit der ESGn für die Landeskirchen keinen Anlass zu derart intensiver Betrachtung oder gar Intervention gaben. Im Zuge der Politisierung der ESGn lassen sich nun allerdings zwei Kernthemen festmachen, in denen Konfliktpotential aufgrund unterschiedlicher Auffassungen vorhanden war und besprochen wurde: zunächst die theologische Überzeugung, die in der ESG gelebt wurde, und dann das – für die ESG daraus resultierende – politische Handeln.</p>
<h2>Zwei Reiche Lehre vs. Reich-Gottes-Lehre</h2>
<p>Weit hinuntergebrochen lässt sich der theologische Konflikt am Gegensatz der damals von der Amtskirche häufig vertretenen Zwei-Reiche-Lehre (strikte Trennung zwischen Kirche und Staat bzw. Tagespolitik) zu der in der ESG eher zu findenden Reich-Gottes-Lehre (Kirche findet sich immer in einer Welt vor, die per se politisch ist) erklären. Die ESG begründete ihr politisches Handeln somit direkt aus dem Evangelium heraus und verfasste dazu eindrücklich achtzehn Thesen zur politischen Verantwortung der christlichen Gemeinde (bspw. EZA Berlin 2/4342). Verfasst wurden sie von der Hochschulkommission der ESGn in der BRD und West-Berlin im Dezember 1967. In der 9. These wird die Überzeugung der Autorinnen und Autoren eindrücklich: „Christlicher Glaube hat immer eine politische Dimension. Gerade da, wo er sich unpolitisch versteht und verhält, ist er politisch wirksam: er sanktioniert jeweils die gewohnte Praxis und die bestehenden Verhältnisse.“ Was die ESG bereits 1967 klar formulierte, musste auf den Ebenen der Amtskirche noch viel diskutiert werden. Nachvollziehbar aufgrund einer breiteren Öffentlichkeit und Wirkungskraft als in den Studierendengemeinden, jedoch natürlich auch Ursprung für Auseinandersetzung.</p>
<h2>Amtskirchlicher Widerstand gegen die Politisierung</h2>
<p>In West-Berlin (Evangelische Kirche in Berlin und Brandenburg) entspann sich aufgrund der Beteiligung der dortigen ESG an den Studierendenprotesten und der damit einhergehenden „Politisierung“ ein Streit mit dem Gemeindekirchenrat der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (kurz: KWG), der bis auf die Ebene von Bischof Dr. Kurt Scharf geführt wurde. Der ESG wurde die Nutzung der Kapelle der KWG versagt, da befürchtet wurde, die Studierenden könnten ihre Semestergottesdienste für politische Zwecke nutzen. Überdies hinaus wird aus dem Briefwechsel und den Resolutionen, die im Zuge der Auseinandersetzung entstanden, auch deutlich, dass amtskirchliche Gremien die Arbeit der ESG auch auf theologischer Basis angriffen und ihre Relevanz grundsätzlich in Frage stellten (gut nachzulesen in einem von der Berliner Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Publizistik herausgegebenen Büchlein: <em>Berlin, Studenten, Christen. Überlegungen und Stellungnahmen zur politischen Diakonie. </em>Berlin, W. Büxenstein, 1968).</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Amtskirchliche Gremien stellten die Arbeit der ESG grundsätzlich in Frage.</p></blockquote></div>
<h2>Unterstützung der Studierenden durch den Berliner Bischof</h2>
<p>Allerdings können keinesfalls eindeutige homogene Gruppen auf beiden Seiten definiert werden. Auf Seite der ESG ist es kaum nachvollziehbar, wie viele Menschen tatsächlich aktiv in den Diskussionen beteiligt waren oder wie gespalten die ESG möglicherweise doch über die Frage nach politischem Handeln war. Anhand zahlreicher gesichteter Quellen entsteht zwar der Eindruck, die ESG habe durchweg als Ganzes und einmütig agiert, allerdings stellt sich auch hier die Frage, wessen Geschichte erzählt wird und wessen nicht.</p>
<p>Auf Seiten der Landeskirche kann differenziert werden und es können Meinungsverschiedenheiten erläutert werden. So ist Bischof Kurt Scharf deutlich als Unterstützer der Studierenden und ihres politischen Denkens zu sehen. Bereits in Folge der Demonstrationen während des Schah-Besuches am 2. Juni 1967 und der Erschießung Benno Ohnesorgs, die gemeinhin als Beginn der Studentenunruhen angesehen wird, verdeutlichte Scharf die Wichtigkeit der Unterstützung der Studierenden durch die Kirche (vgl. hierzu: Wolf-Dieter Zimmermann: <em>Kurt Scharf. Ein Leben zwischen Vision und Wirklichkeit. </em>Göttingen, Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 1992).</p>
<h2>ESG-Pfarrstellenbesetzung als Zankapfel in Köln</h2>
<p>In Köln (Evangelische Kirche im Rheinland, kurz: EKiR) hingegen fand die Politisierung der ESG fast ausschließlich auf einer innerkirchlichen Ebene statt. Zwar gab es auch dort Äußerungen und Stellungnahmen zur Tagespolitik und den Protestursachen, allerdings fokussierte sich das Engagement der Gemeinde selbst auf die Frage nach der Besetzung einer vakanten Pfarrstelle. Der von den Studierenden gewählte Pfarrer Frieder Stichler wurde aufgrund seiner Nähe zum politischen Nachtgebet und der politischen Theologie nicht von der Landeskirche akzeptiert.</p>
<p>Wie oben bereits beschrieben, wurden die ESG-Pfarrer von den Landeskirchen eingesetzt, ein Veto war hier somit zulässig. Allerdings wird aus verschiedenen schriftlichen Quellen deutlich, woran die Kirchenleitung ihr Veto festmachte: Die Besorgnis der Kirchenleitung vor einer (linksgerichteten) Politisierung der ESG durch Pfr. Stichler ist aus Briefen, Protokollen und Gesprächsnotizen herauszulesen. Der Streit um die Pfarrstellenbesetzung war also vielmehr auch ein Streit um die Frage, ob und wie eine evangelische Gemeinde sich politisch äußern darf und soll – vergleichbar also mit dem Streit in West-Berlin und auch anderen Orten, wie Hamburg, Frankfurt am Main oder Marburg.</p>
<h2>Emanzipierung der ESG von den Landeskirchen</h2>
<p>Generell kann man für das Verhältnis der ESG zur Amtskirche festhalten, dass die Studentenunruhen und die damit verbundene teilweise Politisierung der Gemeinden an den Hochschulen einen Umbruch darstellten, in dem ESG nicht mehr reine ausführende Institution amtskirchlich akzeptierter Aufgaben war, sondern sich emanzipierte und zeitweise eine deutliche Gegenstimme zur Amtskirche wurde.</p>
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		<title>Zwischen Gurkentruppe und Schwarzbrot-Frömmigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sabrina Hoppe]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Feb 2020 10:30:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 1, Februar 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchentag]]></category>
		<category><![CDATA[Protestantismus]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Als Gottes geliebte Gurkentruppe bezeichnete Pastorin Sandra Bils beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages 2019 die versammelten Gläubigen. Doch was kann so eine Gurkentruppe ausrichten? Welche Verantwortung bringt der Glaube mit sich?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Als Gottes geliebte Gurkentruppe bezeichnete Pastorin Sandra Bils beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages 2019 die versammelten Gläubigen. Doch was kann so eine Gurkentruppe ausrichten? Welche Verantwortung bringt der Glaube mit sich?</p></blockquote></div>
<p>Der Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm erhält Morddrohungen. Dass die Drohungen über das Internet erfolgen, ist für manche besonders schlimm und ein weiteres Anzeichen für die Enthemmung öffentlicher Debatten im Netz sowie Anlass für eine engmaschigere Kontrolle. Oder eben nicht so schlimm, weil es ja tagtäglich und Menschen in den unterschiedlichsten Positionen widerfährt und für manche online eben nicht so bedrohlich ist wie eine Briefbombe.</p>
<h2>„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“</h2>
<p>Grund für die Morddrohungen ist, dass der EKD-Ratsvorsitzende gemeinsam mit vielen anderen kirchlichen Partnern und zivilgesellschaftlichen Organisationen ein Rettungsschiff für Geflüchtete unterstützt: Die kirchliche Initiative <em>United4Rescue</em> geht auf eine Petition auf dem letzten Evangelischen Kirchentag in Dortmund zurück. „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“, konstatierte Pastorin Sandra Bils dort in ihrer Abschlusspredigt und erzeugte damit neben Gänsehaut bei vielen Menschen auch eine Menge Mut, dieser Beschwörung Taten folgen zu lassen.</p>
<p>Eine Tradition des Kirchentags, die besonders in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt erlebt hatte, wurde 2019 wieder aktuell: War es damals der Aufruf „Kauft keine Früchte der Apartheid!“ und damit die Forderung an den Kirchentag, seine Konten bei der Deutschen Bank aufzulösen, die als Unterstützerin des südafrikanischen Regimes galt, so ist es heute der dringende Appell an die christliche Gemeinschaft, den Lippenbekenntnissen von Nächstenliebe und Barmherzigkeit Handlungen folgen zu lassen. Und zwar gemeinschaftlich. Als – ja was eigentlich? Als Kirche? Als Christinnen und Christen?</p>
<p>Es gäbe da noch eine Kategorie zur Beschreibung derjenigen Ebene, in der der christliche Glaube gesellschaftliche Gestalt annimmt und damit sichtbar wird – und angreifbarerer als irgendwo sonst: Es ist ein öffentlicher Protestantismus, der hier gepredigt, gefordert und schließlich auch angegriffen wird. Der Protestantismus geht weder in den ihm eng verbundenen kirchlichen Institutionen auf, noch lässt er sich auf den individuellen Glauben von Christinnen und Christen reduzieren. Der Protestantismus ist vielgestaltig, speist sich aus Denktraditionen, Sprachbildern und Leitfiguren, aber ganz besonders nimmt er in gesellschaftlichen Debatten Gestalt an. Doch welche Gestalt? Welche Gestalt braucht der Protestantismus in der Gegenwart und welchen Erwartungen entspricht er damit?</p>
<h2>Protestantische Netzwerke als Stütze der Gesellschaft</h2>
<p>Als ich im Rahmen meiner Forschungen zum Protestantismus in der Nachkriegszeit versucht habe, einen Überblick über die Menschen zu bekommen, die damals im Bereich der Evangelischen Kirche aktiv waren, war ich überrascht, wie schnell ich gemeinsame Verbindungen unter ihnen erkannt habe. Viele von den Laien und Theologen (ja, es waren größtenteils Männer die hier im Vordergrund standen) entstammten gemeinsamen Jugendbewegungen und -gruppierungen, hatten zusammen studiert oder hatten dieselben Vorbilder. Nicht wenige unter ihnen nutzten die Chance, nach dem Krieg gemeinsame Projekte zu initiieren: Der Kirchentag, die Evangelischen Studentengemeinden und die Evangelischen Akademien (in deren Tradition ja auch die Herausgeber der <em>evangelischen aspekte</em> stehen). Eberhard Müller, württembergischer Pfarrer, der hannoversche Bischof Hanns Lilje und der ökumenisch geprägte Laie aus Pommern Reinold von Thadden-Trieglaff hatten schon jahrelang zusammengearbeitet, immer mit dem Ziel, den christlichen Glauben als Stütze der Gesellschaft zu etablieren.</p>
<p>Auf Tagungen in den bald deutschlandweit gegründeten Akademien, in Arbeitsgruppen auf dem Kirchentag, in den Kammern der EKD – überall war dieses „Netzwerk“ aktiv. Neben dem hier beschriebenen protestantischen Netzwerk gab es selbstverständlich noch viele andere. Was ihnen aber allen gemeinsam war: Sie etablierten eigene Orte und Formate, förderten eigene Denktraditionen und unterstützten sich darin, sich Gehör vor einer breiteren Öffentlichkeit zu verschaffen.</p>
<h2>Forum und Faktor</h2>
<p>Auch wenn insbesondere die Akademien sich gerne als „Forum“ für gesellschaftliche Debatten verstanden wissen wollten, so muss doch festgehalten werden, dass protestantische Akteure immer auch einen eigenen Gestaltungsbeitrag zu den öffentlichen Debatten leisten wollten – eben ein „Faktor“ sein wollten. Sie positionierten sich durchaus, etwa indem sie ihre Vernetzungen zu Politikern und politischen Gruppierungen nutzten, um Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen.</p>
<p>Eberhard Müllers Anliegen etwa, die Bundesrepublik ideologisch enger an den Westen anzuschließen, um sich der seiner Ansicht bedrohlichen und zerstörerischen Gefahr des Sozialismus im Osten klar entgegenzustellen, korrelierte mit seinem politischen Einsatz für die Wiederbewaffnung Deutschlands. Die sogenannte „Ohne-mich-Bewegung“ pazifistisch eingestellter Pfarrer und Laien in der Evangelischen Kirche kritisierte er deswegen scharf – auch öffentlich. Wenngleich sich der Protestantismus der Nachkriegszeit immer auf einer Ellipse zwischen den beiden Polen „Forum“ und „Faktor“ bewegte, so können bestimmte Netzwerke eben nicht eindeutig einem bestimmten Pol zugeordnet werden. Vielmehr gestalteten sich die unterschiedlichen protestantischen Beiträge auf mehreren Ebenen und in changierenden Mischungsverhältnissen: Wer es als Aufgabe des Protestantismus begriff, ein Forum für Debatten zur Verfügung zu stellen, vermochte darin trotzdem eine eigene Position zu vertreten. Gleichzeitig konnte die Forderung einer klaren Positionierung in gesellschaftlichen Debatten durchaus auf einer gefestigten fachlichen Expertise beruhen, etwa was wirtschaftliche Themen wie die Mitbestimmung in Betrieben anbelangte. Die Positionierung zu einem strittigen politischen Thema war durchaus nicht gleichbedeutend mit theologisch einfacher Beweisführung, sondern oft das Resultat wissenschaftlich fundierter fachlicher Auseinandersetzung.</p>
<h2>Millionenpublikum und Massenbewegung</h2>
<p>Wahrscheinlich hat der Protestantismus im Nachkriegsdeutschland seinen Einfluss zugleich unter- und überschätzt: Er hat wohl unterschätzt, wie viele Menschen von der Massenbewegung des Kirchentags beeinflusst worden sind. Er hat unterschätzt, dass prominente öffentliche Intellektuelle wie Richard von Weizsäcker und Marion Gräfin von Dönhoff durchaus als „ProtestantInnen“ wahrgenommen worden sind und dadurch zu Identifikationsfiguren des öffentlichen Protestantismus und der evangelischen Kirche wurden. Auch die zahlreichen spirituellen Beiträge in der Form des „Wort zum Sonntag“ oder der Psalmübertragungen des „Kirchentag-Stars“ Jörg Zink haben ein Millionenpublikum erreicht – auch das waren protestantische Gestaltungsbeiträge.</p>
<p>Gleichzeitig hat der Protestantismus seinen möglichen Einfluss überschätzt: Vielen Laien und Theologen, die sich für den Wiederaufbau der evangelischen Kirche eingesetzt haben, lag es besonders am Herzen, zum einen die Kirche als relevanten gesellschaftlichen Ort wieder in das Bewusstsein der Menschen zu holen und zum anderen Menschen dabei zu unterstützen, den christlichen Glauben als Möglichkeit der Orientierung für ihre innere Gestimmtheit in Betracht zu ziehen. Doch beides ist dem Protestantismus nur teilweise gelungen – in bestimmten Milieus, in festen Formen wie auf den Kirchentagen und immer wieder auch in seinen Kirchengemeinden, wo z.B. Jugendliche eine geistige Heimat finden – nicht aber in den Milieus, die weniger intellektuell geprägt sind, die gleichzeitig aber den gesellschaftlichen Umbrüchen weitaus ausgelieferter zu sein scheinen und denen es an Räumen zur Selbstreflexion und zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Deutungsmustern zu fehlen scheint.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Protestantismus als öffentliche Gestalt individuellen Glaubens</p></blockquote></div>
<p>Genau das aber ist meines Erachtens die genuine Aufgabe eines öffentlichen Protestantismus: Als öffentliche Gestalt individuellen Glaubens und persönlicher Selbstdeutung kann der öffentliche Protestantismus Sprachbilder, Deutungsmöglichkeiten und theologisch begründete Interpretationsleistungen gesellschaftlicher Entwicklungen anbieten und damit einen Beitrag zur Entwicklung einer Diskurskultur leisten, die Pluralisierung und Individualisierung als zwei Seiten derselben Medaille ernst zu nehmen vermag.</p>
<h2>Gestaltungsmacht und -verantwortung</h2>
<p>Was ich mir angesichts der aktuellen Lage zwischen Rettungsschiffen, Worten der EKD, Sonntagspredigten zum Klimaschutz von den Kanzeln und wachsenden Kirchenaustrittszahlen vom deutschen Protestantismus wünschen würde? Ich wünsche mir, dass er sich seiner eigenen Gestaltungsmacht und -verantwortung auf realistische Art und Weise bewusst wird. Dass er seine eigene Pluralität zwischen Kirchentagsfrömmigkeit und akademischer Theoriebildung wertzuschätzen vermag und nicht einebnen will. Dass er sichtbar wird und bleibt und zwar nicht nur an den ihm bislang vertrauten Orten: Ich wünsche mir Protestantinnen, die in der <em>Brigitte</em> zur Debatte um den Bluttest bei Trisomie 21 Stellung nehmen, Journalisten, die mit Kirchenvorstehern über ihren Glauben und ihr Engagement für den Klimaschutz sprechen und Pfarrerinnen an Mittelschulen, die es schaffen, verständlich, konkret und authentisch von ihrem Glauben zu erzählen. Ich wünsche mir kurzweilige einminütige Interviews mit evangelischen Bischöfinnen im Privatradio mit Popmusik, die sachlich richtig, unvoreingenommen und barrierefrei davon erzählen, was es mit dem kirchlichen Engagement für Entwicklungspolitik, Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit auf sich hat. Ich wünsche mir einen pluralen, sichtbaren und verständlichen Protestantismus, der mit noch viel weniger Fremdwörtern auskommt als ich in diesem Text, um zu formulieren, was es bedeutet, evangelisch zu sein.</p>
<h2>Lektüretipps:</h2>
<p>Sabrina Hoppe: <em>Der Protestantismus als Forum und Faktor. </em>Mohr Siebeck, 2019; <a href="http://www.sinnundgeschmackblog.wordpress.com" target="_blank" rel="noopener noreferrer">www.sinnundgeschmackblog.wordpress.com</a> (Sabrina Hoppes Blog)</p>
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