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	<title>evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Hans Rosling: Factfullness</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 11:21:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Eine Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Entwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Katastrophen]]></category>
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					<description><![CDATA[„Die Lage der Welt ist viel besser, als gemeinhin angenommen, das Weltbild der meisten Menschen ins Negative verzerrt“. Das ist in Kürze die These, die der 2017 an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorbene schwedische Professor für Internationale Gesundheit Hans Rosling in Factfulness vertritt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Factfullness.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-5553 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Factfullness-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Factfullness-198x300.jpg 198w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Factfullness.jpg 300w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a>Ullstein Verlag, Berlin, 2019, 393 S., kart., 19,00 EUR, E-Book 14,99 EUR</strong></p>
<p>„Die Lage der Welt ist viel besser, als gemeinhin angenommen, das Weltbild der meisten Menschen ins Negative verzerrt“. Das ist in Kürze die These, die der 2017 an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorbene schwedische Professor für Internationale Gesundheit Hans Rosling in <em>Factfulness</em> vertritt.</p>
<p>Mit unzähligen Beispielen, Statistiken und Diagrammen (für die die von ihm gegründete <em>Gapminder</em>-Stiftung sogar eine eigene Software entwickelte) versucht er diese These zu untermauern. Die angeführten Erfolge bei der weltweiten Armutsbekämpfung, Reduzierung der Kindersterblichkeit, Schutz der Ozonschicht oder Alphabetisierung sind in der Tat beeindruckend (sie reichen bis hin zu einer Statistik über die gewachsene Anzahl spielbarer Gitarren pro 1 Mio. Menschen). Zweifellos ist es ein Grund zur Freude, dass es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen ist, nicht nur die durchschnittliche Lebenserwartung zu erhöhen, sondern auch die Lebensqualität für einen großen Teil der Weltbevölkerung massiv zu verbessern. Und im Vergleich zu den schätzungsweise 25-50 Mio. Toten durch die Spanische Grippe vor hundert Jahren sind die aktuell ca. 2,2 Mio. Todesopfer der Corona-Pandemie – bei einer inzwischen mehr als vervierfachten Weltbevölkerung – tatsächlich ein Zeichen des Fortschritt.</p>
<p>Zu kurz kommt bei Roslings Aufklärungseifer allerdings, dass seine Euphorie allen, die auch heute auf der Schattenseite der Verhältnisse stehen, leicht als Zynismus vorkommen kann. Störend ist zudem die reißerische Selbstinszenierung, mit der er seine Thesen vorträgt – voll naiver Selbstgewissheit, dass allein er dank seiner Statistiken imstande ist, die Welt so zu sehen und zu zeigen, „wie sie wirklich ist“.</p>
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		<title>Christian Nürnberger: Keine Bibel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 11:20:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[In „sieben unmythischen Botschaften“ fasst der Autor (ein „protestantischer Agnostiker“) die Quintessenz der Bibel zusammen, da sie für ihn die Wurzeln des Humanismus und der Demokratie bilden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keine-Bibel.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5559 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keine-Bibel-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keine-Bibel-188x300.jpg 188w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keine-Bibel.jpg 300w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" data-smartcrop-focus="[49,18]" /></a>Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart, 2020, geb., 240 Seiten, 15,00 EUR </strong></p>
<p>Bibeln werden immer noch verschenkt, z.B. von Pfarrer*innen an Paare, die sich von ihnen trauen lassen. Und immer noch liegen Bibeln auf den Nachttischen von Hotels. Ich vermute aber, dass die meisten Frisch-Verheirateten oder Übernachtungsgäste dieses meistverbreitete Werk der Weltliteratur kaum zur Hand nehmen und sich selten davon inspirieren lassen. Ganz im Unterschied zum Atheisten, Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht, der auf die Frage nach seiner Lieblingslektüre antwortete: „Sie werden lachen: die Bibel“, da sie eine „Sammlung von aufregenden Geschichten, Generationskonflikten, Mord und Totschlag, gipfelnd im Hohelied der Liebe“ sei.</p>
<p>Eine gut begründet Auswahl dieser „Sammlung“ bietet der Theologe und Journalist Nürnberger in seinem Band (mit Farbschnitt und Lesebändchen) mit dem expliziten Titel „Keine Bibel“, weil er eben nicht alle Texte des AT und NT enthält, sondern die nach Nürnbergers Einschätzung entscheidenden. Dabei in der Darbietung spannend nacherzählend, hie und da (aus der revidierten Lutherbibel 2017) zitierend, wenn es um besonders prägnante Sätze geht, die Lesenden von Anfang bis zum Ende an einem roten Faden entlangführend und, wo der Stoff für moderne Leser besondere intellektuelle Zumutungen enthält, diese mit knappen Erklärungen auf den aktuellen historisch-kritischen und theologischen Stand bringend; zu Fragen wie: billigt Gott Gewalt, verlangt er unbedingten Gehorsam – Abraham soll seinen Sohn Isaak opfern –, was ist das Besondere am Judentum, wie verhalten sich Glaube und Vernunft zueinander, warum ist Nächstenliebe Kern einer zukunftsfähigen Ethik?</p>
<p>Die entscheidenden biblischen Geschichten sind für Nürnberger die, die zeigen, dass Gottes immerwährende, fast schon verzweifelte Hoffnung darin besteht, ein Volk, eine Gemeinschaft zu finden und zu formen, die sein gutes Ziel mit Welt und Mensch umsetzt. Dafür besitzt Mensch einen freien Willen, deswegen regelt Gott die Dinge nicht in seinem Sinne top down, sondern übt sich in Geduld mit seinem „Ebenbild“.</p>
<p>In „sieben unmythischen Botschaften“ fasst der Autor (ein „protestantischer Agnostiker“) die Quintessenz der Bibel zusammen, da sie für ihn die Wurzeln des Humanismus und der Demokratie bilden. – Ich würde „Keine Bibel“ als Gemeindepfarrer bei so manchen Gelegenheiten verschenken. Man behält bei aller Vielfalt des Inhalts – der Personen und Handlungen – den Überblick!</p>
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		<title>Gerald Wagner: Dabeigewesen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Klaus Beckmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 11:18:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Populismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schuld]]></category>
		<category><![CDATA[Stolz]]></category>
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					<description><![CDATA[Was Gerald Wagner vorlegt, besteht unabhängig vom ephemeren Gerede der Populisten. Gesucht – und gefunden – wird ein Zugang zur Generation seines Vaters, des Wehrmachtssoldaten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Dabeigewesen.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5556 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Dabeigewesen-185x300.jpg" alt="" width="185" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Dabeigewesen-185x300.jpg 185w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Dabeigewesen.jpg 300w" sizes="(max-width: 185px) 100vw, 185px" /></a>Konstanz University Press, 2020, 146 Seiten, 18,00 EUR, E-Book 14,99 EUR</strong></p>
<p>Es eine Gelegenheitsschrift zu nennen, würde diesem Büchlein nicht gerecht. Zumal sich der Anlass schäbig ausnimmt: Geht es doch um vergangenheitspolitische Äußerungen des AfD-Funktionärs Gauland, die das Stichwort „Stolz“ liefern.</p>
<p>Was Gerald Wagner vorlegt, besteht unabhängig vom ephemeren Gerede der Populisten. Gesucht – und gefunden – wird ein Zugang zur Generation seines Vaters, des Wehrmachtssoldaten. Wagner erinnert sich einfühlend, doch ohne Glorifizierung. „Kalt“ nennt er den Vater im Blick auf das, was Krieg und Gefangenschaft ihm antaten, ebenso auf sein Mitlaufen. Aufgearbeitet wurde nicht.</p>
<p>Spannend ist Wagners Nachdenken über die von den Kriegsheimkehrern geleistete „leise“ Abkehr von moralischen und politischen Absolutheiten. Gelang der „skeptischen Generation“ (Schelsky) in ihrem Verdrängen eine „nationale Leistung“, die im Rückblick Anerkennung verdient und herausfordert, den allfällig aufdringlichen Appell an Ehrlichkeit und moralisches Flagge zeigen in Frage zu stellen? Dass die Davongekommenen Wahrheitsfrage und ideologischen Bürgerkrieg mieden und so die stabile Bonner Demokratie ermöglichten – war das die beste aller realen Optionen, wenngleich ungeeignet, auf Dauer eine gesellschaftliche Identität zu begründen? Die moralische Explosion der Jüngeren <em>musste</em> dem „68“ folgen.</p>
<p>Gaulands geschichtslosen Populismus widerlegt Wagner nicht allein politisch und moralisch. Er unterläuft ihn anthropologisch radikal: Dem eigener Hybris Entkommenen bleibt das relative Glück eines Überlebens, das sich gegen Schuld und Heilsversprechen behauptet. Ein konstruktiv ent-täuschendes Werk, dem mitdenkende Leser zu wünschen sind.</p>
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		<title>Über die Zuversicht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 11:11:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Ewigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Memento Mori]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zuversicht]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Erleben von Zeit ist davon abhängig, wessen man sich „versieht“. Zeit und Zuversicht gehören eng zusammen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Erleben von Zeit ist davon abhängig, wessen man sich „versieht“. Zeit und Zuversicht gehören eng zusammen.</p></blockquote></div>
<p>„Alles hat seine Zeit?“ – Wenn man das möchte, kann man sich von einem Kundigen des Alten Orients erklären lassen, dass eine Bestimmung von „Zeit“ dort gar nicht ganz einfach ist. Zeit, dieses merkwürdige Etwas, das morgens schon da ist, und abends immer noch. Am Eufrat wurde es zyklisch, wiederkehrend gedacht. Am Jordan finden sich auch lineare, voranschreitende Elemente. Und wollte man selbst einmal sagen, was Zeit ist, etwa mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft, man wüsste wohl gar nicht, wo anfangen.</p>
<h2>Zeit</h2>
<p>Zeit hat viele Facetten. Es gibt vollendete Zeit und es gibt eröffnete Zeit. Es gibt gefährdete Zeit und Zeiten des Aufbruchs. Zeit, die vertan wurde, und Zeit, die bleibt. Im Althebräischen werden wir schon bei der Konstruktion der einfachsten Verben gelehrt, kontinuierlich ein solches „Aspekt Sehen“ der Zeit einzuüben. Denn dort gibt es einmal den Aspekt des Abgeschlossenen, Resultativen. Das Fertige gibt hier den Ton. Oder den Aspekt des Unabgeschlossenen, Imperfektiven. Bei jeder Zeiterfahrung geht es darum, worauf der Blick sich richtet, wessen er sich „versieht“.</p>
<p>Zeit ist unser ständiger Begleiter. Denn irgendeine Zeit ist ja eigentlich immer. In der Alten Physik des 18. Jahrhunderts war man sogar der Auffassung, dass sich Zeit genau berechnen lässt. Kennt man in einem System zu einem bestimmten Zeitpunkt die exakte „Lage“, so der Gedanke, dann lässt sich aufgrund der Kausalgesetze in der Vergangenheit und in der Zukunft jeder beliebige Zeitpunkt simulieren und berechnen. Zukunft gilt so als berechenbar. Wüsste man bei der Ziehung der Glückszahlen nur, wo und wie am Anfang die Kugeln in der Maschine liegen, es ließe sich mit genug Rechenkapazität stets voraussagen, welche Zahl herauskommt. – Lassen wir das auf sich beruhen&#8230;</p>
<p>„Lehre uns unsere Tage zählen, damit wir Weisheit gewinnen.“ Menschliche Zeiterfahrung ist geprägt durch den Wechsel von Nacht und Tag, von Abend und Morgen; dann von der Woche (die in ihrer Siebenzahl unabhängig von Mondlauf oder Sonne zuerst in Israel entstand) und der Abfolge der Jahreszeiten. Den Ablauf der Stunden kann man sicher erwarten, weil er mit großer Regelmäßigkeit geschieht. Auf das Werden des Morgens kann man sicher wetten, weil er sich in einiger Routine ziemlich pünktlich einstellt! Und es kommt gewiss nicht von ungefähr, dass dem Orientalen wie dem Heutigen beim Nach-denken der Zeit, in deren Einschränkungen besonders, Gott, der Ewige, auftaucht.</p>
<p><em>Alle Grenzen meiner Tage<br />
biege, Gott, in Deinen Kreis</em></p>
<p>(Jochen Klepper, <em>Ziel der Zeit</em>)</p>
<p>Indem der Dichter im 20. Jahrhundert, angeleitet von hebräischer Sprach- und Denkweise, die Grenzen seiner Tage <em>sub specie aeterni, </em>in deren Unendlichkeit bedenkt, wird das Begrenzte, Abgeschlossene und das, weil begrenzte, Unabgeschlossene, in Gottes ewigen Kreis gestellt. Der Kreis steht immer auch für das Vollkommene. Gewinn der Übung ist freilich nicht etwa Verlust von Zeit. Sondern deren Gewinn in neuer Qualität. Denn gerade dadurch soll das Reden auskunftsfähig werden, für das, was von der Ewigkeit her gilt! Der eigentliche Hauptmodus der Rede („Logos“) ist daher auch nicht etwa Erinnerung an Voriges (Vergangenheit) oder Ausschau auf noch Kommendes (Zukünftigkeit). Sondern das klare Präsenz. Althebräisches Denken trifft sich hier ganz und gar mit heutigem Zeitgeist – hat ihn daraufhin wohl auch in 1700 Jahren mitgeformt – und betont: „Lebe jetzt!“</p>
<p>Denn auch tausend Jahre sind im Angesicht der Ewigkeit wie ein „Tag, der gestern vergangen ist“. Zeiten „veralten“ wie Gewänder, werden „verwandelt“ wie das Kleid der Natur im Lauf der Jahreszeiten. Doch woran man sich auch erinnert oder was künftig erwartet, „erlebt“ wird es stets in der Jetzt-Zeit, in der Gegenwart:</p>
<p><em>Alles hat seine Zeit. Alles hat seine Stunde. Schweigen hat seine Zeit. Reden hat seine Zeit. Pflanzen hat seine Zeit, Ernten hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit, Weinen hat seine Zeit. Zunähen hat seine Zeit, Zerreißen hat seine Zeit. Verlieren hat seine Zeit, Suchen hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit.</em></p>
<h2>Tod</h2>
<p>In Kulturen, die Tod und Sterben eher verdrängen, kann es markante Folgen haben, wenn die Angst vor der Vergänglichkeit wieder ins Gesichtsfeld tritt. Der Tod als der große Infragesteller ist nicht gern gesehen. Anders im Barock des 17. Jahrhunderts. Vanitas-Bilder mit der ablaufenden Sanduhr werden mit Bedacht an die Wand gehängt. Oder oft noch drastischer: Gemälde mit einem Totenschädel. Im Wandsbeker Boten im 18. Jahrhundert setzt dessen Redaktor Matthias Claudius dem Gevatter Tod, „Freund Hain“ oder „Bruder Hein“ gleich eine feierliche Widmung. „Ihm dedizier ich mein Buch…“, Freund Hein soll schon „vorn an der Haustüre“ stehen.</p>
<p>In der Figur von <em>Bruder Hein</em>, die auch sonst bei Claudius begegnet, hat der Tod so sogar etwas Positives. Dahinter muss sich gar nicht nur ein schlichtes „<em>Lob der Endlichkeit</em>“ verstecken, das man vielleicht auch selbst aus seinem Alltag kennt. <em>Hin ist hin,</em> oder lakonisch gewendet <em>Don&#8217;t cry over spilt milk – </em>„Über vergossene Milch jammern, macht keinen Sinn.“</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Lebe jetzt!</p></blockquote></div>
<p>Das eine gibt das andere, dachte man schon in der Schule von Milet und leitete davon wissenschaftliche Grundsätze ab. Der Tod als ständiger Begleiter hat die Wirkung und Funktion, das richtige Maß und die passende Relation in all den Zeitläuften zu finden. Wie im Bild der Dancing Skeletons, s.u., hat der Umgang mit dem Tod so beinahe etwas Makaber-Humoreskes (<em>Danse macabre</em>), das gerade dadurch auf den Ernst („des Lebens“) und auf den eigentlich schon mitgesetzten Sinn im Leben weist. Der Tod des Ich begrenzt auch dessen Selbstsucht und setzt den Blick für den Nebenmenschen frei!</p>
<p>Hier kann als ein dritter Dichter Andreas Gryphius zitiert werden. Er reimt in seinen Vanitasgedichten:</p>
<p><em>Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn/<br />
[&#8230;]<br />
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren<br />
Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / hinfahren.</em></p>
<p>(„Abend“, 1650)</p>
<p>Und an anderer Stelle:</p>
<p><em>Was dieser heute baut/ reist jener morgen ein:<br />
Wo itzund Städte stehn/ wird eine Wiesen seyn/<br />
[&#8230;]<br />
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein/<br />
Nichts ist/ das ewig sey/ kein Ertz/ kein Marmorstein.</em></p>
<p>Inmitten des Bauens und Einreißens, Flanierens und Stolzierens („Was itzt so pocht vnd trotzt“) erkennt er eine glatte Rennbahn („Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn“), auf der man allzu schnell am Wesentlichen vorbeirauscht.</p>
<p><em>Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten/<br />
Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub vnd Wind;<br />
Als eine Wiesen-Blum/ die man nicht wider find’t.<br />
Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!</em></p>
<p>Im Gang des Kirchenjahres hat die Thematik der Endlichkeitsbetrachtung ihren festen Platz im Ewigkeitssonntag, an dem man traditionellerweise in vielen Gemeinden an die im Jahreslauf Verstorbenen denkt.</p>
<h2>Rechtfertigung der Zeit</h2>
<p>„Gott hat die Zeit erschaffen, von Eile hat er nichts gesagt.“ Geduldig schreitet Jahr um Jahr dahin, und nichts kann das aufhalten. Auch der Mensch selbst soll nicht ein Leben führen wie die Eintagsfliege! Er soll auch etwas auf sich halten! Er ist ja eigentlich „auf Dauer“ gestellt. Auch an künftige Generationen soll er denken, nicht alles selbst verbrauchen. Sinnlos wäre ein Leben, das nur sich selbst gegolten hätte, das falschen Zielen hinterherjagt.</p>
<p>Es sei <em>umsonst, dass ihr extra frühe aufsteht</em> – der Tag stellt sich von selber ein – <em>oder abends lange sitzet </em>– denn Nacht wird es doch; ob etwas dauerhaft Bestand hat, habt nicht ihr in der Hand, sondern liegt am Lauf der Zeiten und dem, der sie in Händen hält, so sang man schon am königlichen Hof im alten Israel. Gott als Meister der Zeit, der die Zeiten wenden kann – und wendet –, der die Tage umblättert, wie Seiten eines Journals oder eines gelehrten Kompendiums, ist in dieser Sicht derjenige, der zur Mitternacht wie am Mittag in großer Verlässlichkeit „vorhanden“ ist. Und selber dafür sorgt, dass die Zeit ihr Ziel erreicht. Wer <em>darauf</em> achtet, statt auf sich selbst, bei dem kann sich Zuversicht einstellen.</p>
<p>Gott ist schon da – <em>ein Tag sagt&#8217;s dem andern –,</em> doch wer könnt&#8217; es hören?<em> „Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!“</em> Hat man das Bleibende, Ewige nicht im Sinn, wächst die Gefahr, dass Unsinn sich einstellt, dass das A-logische, Un-logische Oberhand gewinnt, und das Ich die Übersicht verliert. Demgegenüber ist eine Kurzdefinition von Zuversicht (man kann auch sagen „Glauben“): <em>Gottes Logos</em> im Herzen haben.</p>
<p>Die ironische Brechung des heldenhaften Egos ist nicht erst ein Clou der Moderne oder Postmoderne, sondern findet sich bereits im frühen Israel. Es sind ja oft keine Heldengeschichten, die uns da erzählt werden. Sara lachte, als sie von Isaak hörte. Das erwählte Erstvolk wird auf dem Weg durch die Wüste so sehr zum murrenden Volk, dass man heute ganze Lexikonartikel nur über dieses „Murren“ lesen kann. Und trotzdem wird das nicht getilgt, sondern bewusst weitertradiert! Das kann uns etwas sagen. Der feinsinnige rabbinisch-jüdische Humor mit seinem Hang zur Transzendenz ist weltbekannt. Humor hat, wer um seine Endlichkeit weiß, aber trotzdem nicht aufgegeben hat. Der sich eine Selbstrelativierung leisten kann.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Nicht kokettieren mit dem Zweifel.</p></blockquote></div>
<p>Ist es gemein, dass es die Zeit gibt? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, denn die Zeit kann ja ein großer Feind werden. Es gibt Zeit, die sich „hinzieht wie ein Kaugummi“. Doch am intensivsten zum Thema wird die Zeit ja oft – das hat sie mit anderem gemeinsam – wenn man sie fast nicht mehr hat, wenn sie gefährdet ist und abläuft, wenn sie einem zwischen den Fingern zerrinnt. Verlorene Zeit ist bitter. Der Tod, der große Infragesteller, sät auch die Sorge, ob nicht alles vergeblich sei (vgl. „Über den Zweifel“, <em>evangelische aspekte</em> 3/2020).</p>
<p>In der Ballade von Lewis Caroll <em>Hunting of the Snark </em>(19. Jahrhundert) macht sich eine illustre Gesellschaft mit Gabeln, Hoffnung und auch einer Eisenbahnaktie daran, den geheimnisvollen Snark zu jagen. Zur Gesellschaft gehören ein Bäcker, ein Metzger, ein Anwalt und einige mehr. Auch ein Biber ist mit von der Partie. Das kann nicht gut gehn, denkt man sich gleich, aber tatsächlich ist der Expedition in gewisser Weise ein Erfolg beschieden. Denn der Bäcker findet den Snark, löst sich dabei aber in Luft auf, weil es ein Boojum war. („For the Snark was a Boojum, you see!“)</p>
<h2>Ewigkeit</h2>
<p>So sehr es Zeiten des Infragestellens geben mag: es gibt auch falsches Kokettieren mit dem Zweifel. Der Mensch ist der große Zauderer, aber eigentlich ist ihm die Ewigkeit ans Herz gelegt. Indem er sich des Ewigen versieht, kann er zuversichtlich leben. Und das soll ihm auch bleiben!</p>
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			</item>
		<item>
		<title> „… wächst das Rettende auch“?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stefan Bauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 11:05:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
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		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Rettung]]></category>
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					<description><![CDATA[Jesus antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lukas 19,40)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Jesus antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lukas 19,40)</p></blockquote></div>
<p>Unbelebtes bäumt sich auf. Im Jesuswort sind es Steine, die statt der Jünger schreien. Auf dem Bild ist es Eichenholzparkett in einem Art-déco-Saal, das sich aufwölbt: Stilvolles Eiche-Parkett mag den Saal des früheren Bellevue-Hotels in Wiesbaden auch früher geziert und den Hotelgästen ein Gefühl von gediegener Wertigkeit vermittelt haben. Eine angemessene Basis für den gesellschaftlichen Verkehr einer sich wichtig nehmenden Bourgeoisie.</p>
<p>Jetzt türmt es sich zu einer Wand auf wie eine Welle, die scheinbar irgendwo an einem unsichtbaren Horizont ausgelöst und zum Tsunami geworden ist. Wer versuchen wollte, diese Welle zu reiten, müsste sich beim Anblick der brechenden Gischt aus sich überschlagendem Parkett und blaugrüner Trittschalldämmung die Unmöglichkeit eingestehen.</p>
<p>2019 schuf die Künstlerin Christine Biehler die raumfüllende Skulptur AUFWALL (Eiche rustikal) als Stipendiatin des Kunstvereins Bellevue-Saal, Wiesbaden. Es ist eine mächtige Welle, die im vernichtenden Ausholen eingefroren scheint. Wie die Plagen unserer Zeit: Der Klimawandel wurde durch dieselbe Industrialisierung angestoßen, die dem gründerzeitlichen Bürgertum solche heiligen Hallen, wie den Bellevue-Saal schenkte. Auch er ist ein Tsunami, dessen initiales Erdbeben sich wie in Zeitlupe und scheinbar in unsichtbarer Ferne vollzog. Aktuell erleben wir schon ein Jahr lang den Aufwall des Virus, der uns aus dem Rausch der Globalisierung in die Quarantäne wirft.</p>
<p>Wenn der Boden des Alltäglichen und Gewohnten erschüttert wird durch schicksalhaft hereinbrechende Ereignisse, dann springt das instinktive Krisenprogramm im Menschen an mit seinen drei möglichen Reflexen: Kämpfen oder Flüchten oder Totstellen. Was aber, wenn sich die Katastrophen so zeitlupenartig wie in dem Kunstwerk veranschaulicht aufbauen, so dass sie nicht abrupt, sondern schleichend das Gewohnte verändern?</p>
<p>In der Auseinandersetzung mit der Gefahr durch Covid19, die unseren Alltag erschüttert und eine Umstellung unserer Gewohnheiten verlangt, kann man alle drei urzeitlichen Krisenreaktionsweisen beobachten: Die Kämpfer*innen stellen sich trotzig auf jede neue Verordnung ein und versuchen, weiterhin ihre Aufgaben zu erfüllen und sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Die modernen Flüchtenden leugnen die Realität. Die Totsteller tauchen ab und warten darauf, dass alles wieder so wird, wie es war. In ähnlicher Weise lassen sich die drei Reaktionsmöglichkeiten beim Thema Klimawandel durchspielen.</p>
<p>Das Kunstwerk von Menschenhand steht für die menschengemachten Katastrophen und provoziert die Frage nach deren Bewältigung. Versagt unsere evolutionäre psycho-genetische Ausstattung angesichts hochkomplexer Langzeitkrisen? Hier möchte der AUFWALL wachrütteln.</p>
<p>Eine Analogie zwischen Steinen und Holzparkett besteht nur scheinbar: Wenn Steine schreien, dann verlassen wir die Domäne der Existenz und begegnen dem Sein selbst.</p>
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		<title>Die Zukunft liegt zuhause</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 11:00:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Klimakrise]]></category>
		<category><![CDATA[Overtourism]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tourismus]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
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					<description><![CDATA[Beobachter sprechen von einer Trendwende in der Reisebranche. Neben Corona verändert auch die Debatte über Klimafolgen und Overtourism das individuelle Reiseverhalten. Das eigene Zuhause wird wichtiger.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Beobachter sprechen von einer Trendwende in der Reisebranche. Neben Corona verändert auch die Debatte über Klimafolgen und Overtourism das individuelle Reiseverhalten. Das eigene Zuhause wird wichtiger.</p></blockquote></div>
<p>An dieser Stelle ist zu Beginn der vergangenen Jahre – meist im Zusammenhang mit der größten Publikumsmesse für Caravan, Motor und Touristik (CMT) in Stuttgart – die stetig wachsende Reiselust der Deutschen Thema gewesen. Corona hat dies schlagartig verändert, weil Reisen kaum noch möglich ist. In der Pandemie sind nur noch kleine Fluchten möglich, wie für die junge Stuttgarterin, die mit ihrer Tochter über den Jahreswechsel spontan nach Straßburg gefahren ist, um dort Silvester zu feiern. Sie wollte einfach einen Tapetenwechsel haben. In der französischen Stadt im Elsass waren wenigstens die Restaurants geöffnet – bis zur Ausgangssperre.</p>
<p>Wenn auch die Sehnsucht, mal wieder rauszukommen aus der vertrauten Umgebung während des so genannten Lockdown sicherlich wächst, scheint sich in Bezug auf das Reisen möglicherweise eine Trendwende anzubahnen. Weil die Menschen zu Hause bleiben mussten, haben immer mehr die Vorzüge des eigenen Heims und der näheren Umgebung entdeckt, was oft völlig aus dem Blick geraten war. Oft haben sich Reiselustige in fernen Ländern besser ausgekannt als zu Hause. Hat im Sommer noch der Heimaturlaub geboomt, sind es jetzt Ausflüge in die nähere Umgebung, einer Art Heimatkunde in neuem Gewand.</p>
<h2>Ein Jahrzehnt des Zuhauses</h2>
<p>Von einer geradezu epidemisch sich ausbreitenden Renovierungslust ist seit Beginn der Corona-Pandemie die Rede. Handwerksbetriebe sind zum Teil für das ganze Jahr ausgebucht. Als Cocooning beschreibt man den Rückzug in die eigenen vier Wände. Diese wird in eine Wohlfühloase verwandelt. „Je unkontrollierbarer sich das Leben außerhalb der eigenen vier Wände gestaltet, desto wichtiger wird der persönliche Ort des Rückzugs“, stellt die Trendforscherin Oona Horx-Strathern vom Zukunftsinstitut fest. Die Unternehmensberatung Accenture spricht sogar von einem „Jahrzehnt des Zuhauses“, die Covid-19 eingeläutet habe.</p>
<p>Das Unbehagen im öffentlichen Raum und beim Reisen sowie die wachsende finanzielle Unsicherheit würden die Menschen vor allem zu Hause halten. So lautet das Fazit einer Umfrage unter 8.800 Menschen in 20 Ländern, darunter Deutschland, Frankreich und die USA. Demnach gehen 69 Prozent der Befragten davon aus, dass ihr Sozialleben vor allem zu Hause, bei Freunden oder virtuell stattfinden werde. „Zuhause ist jetzt die neue Grenze – es ist zum Arbeitsplatz und Klassenzimmer geworden, zum Ort, an dem man neue Hobbys ausprobieren und an dem man unter Leuten sein kann, und ein Zufluchtsort – also müssen Unternehmen diese Realität berücksichtigen“, sagt Oliver Wright von Accenture.</p>
<h2>Kurzfristige und grundlegende Verhaltensänderungen</h2>
<p>Das eingesparte Urlaubsgeld wird in die eigenen vier Wände investiert. „Die Menschen wollen Komfort, Lifestyle und Wellness in ihrem Zuhause haben, immer verfügbar und virenfrei“, heißt es bei Riviera Pool, dem nach eigenen Angaben führenden deutschen Hersteller von Fertigschwimmbecken. Sein Unternehmen und andere Pool-Hersteller verzeichneten schon beim Ausbruch der Pandemie eine gestiegene Nachfrage bei Privatkunden. Diese kauften vorwiegend Kompaktpools in der Preiskategorie von 15.000 bis 20.000 Euro.</p>
<p>„Ob es zu grundlegenden Verhaltensänderungen kommt – wie zum Beispiel die stärkere Nutzung von Homeoffice, Verlangsamung oder größere Besinnlichkeit anstatt ständiges beschleunigtes Vorankommen – wird stark davon abhängen, wie und ob wir unseren Konsum und unsere Konsumerwartungen ändern oder nicht – und ob sich die Wirtschaft nach der Krise neu aufstellt“, sagt der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Eine solche Änderung wäre sicher im Sinne von Entwicklungsorganisationen, die schon lange den übermäßigen Konsum in den Industrieländern kritisieren. Das evangelische Hilfswerk <em>Brot für die Welt</em> beklagt, dass das ständige Streben nach mehr Wachstum zu Lasten armer Länder geht. Außerdem warnen sie, dass die Klimakrise weiter verschärft wird, nicht zuletzt durch die boomende Reisebranche.</p>
<h2>Tourismus und Geschäftsreiseaufkommen im Wandel</h2>
<p>Das Zukunftsinstitut verweist darauf, dass schon vor der Corona-Pandemie sich in der Reisebranche Krisensymptome gezeigt haben. „Die Reisebranche litt unter einem Vertrauens- und Imageverlust, der mit Insolvenzen begann und durch geopolitische Unsicherheiten zusätzlich genährt wurde. Zudem hatte die Debatte über Klimafolgen und Overtourism das individuelle Reiseverhalten signifikant verändert. Durch die zunehmende Verschmelzung von „Work“ und „Life“ und Trendphänomene wie „Workation“ befand sich auch das Geschäftsreiseaufkommen stark im Wandel“, heißt es in der Trendstudie „Die Welt nach Corona“ des Instituts.</p>
<p>Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich die Reisebranche ändern wird nach Corona. Zunächst werde der regionale Tourismus an Attraktivität gewinnen, weil kurze Wege und Naherholung ein Gefühl der Sicherheit vermitteln – ebenso wie vertraute Kulturkreise emotionale Sicherheit versprechen, wie es in der Studie weiter heißt. Doch auch überregionale Destinationen können profitieren, wenn sie hohe Standards garantieren können bei Gesundheitsversorgung und Transport.</p>
<h2>Neue Reisekultur nach Corona</h2>
<p>Nach Ansicht des Zukunftsinstituts wird die neue Reisekultur nach Corona insbesondere den Massentourismus verändern, in Teilen sogar vernichten. Nach einer kurzen Phase der Post-Shutdown-Euphorie, in der Spaß und Erlebnis gefeiert werden, wird eine Ernüchterung eintreten. Ziele werden bewusster und achtsamer gewählt. Ehemalige Erfolgsmodelle, auf die sich beispielsweise die Kreuzfahrtschiffindustrie gestützt hatte, werden sich in verschlankter Version neu aufstellen müssen, um das beschädigte Image zu reparieren.</p>
<p>Die Trendforscher sehen eine Abkehr vom Massentourismus. Statt stumpfer Wiederholung von Strand und Büffet werden andere Qualitäten gesucht, die nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Die Rede ist von Beziehungserfahrungen in Destinationen, die neue Erfahrungen, menschliche Begegnungen und positive Emotionen versprechen. Reisen ist und bleibt jedoch nach Ansicht der Studie ein elementares menschliches Bedürfnis, daran werde auch die Corona-Krise nichts ändern.</p>
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		<title>Mehr Kommunikation wagen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Selina Fucker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 10:50:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Publizistik]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Kommunikation ist eine zentrale Aufgabe von Kirche und Theologie. Von der zentralen Bedeutung, die Kommunikation schon zu Beginn der Christenheit hatte, zeugen u.a. die zahlreichen Briefe, die Teil des Neuen Testamentes sind. Der Erfolg der Reformation ist rückblickend ohne den Buchdruck, der völlig neue Chancen in der Kommunikation bot, auch kaum vorstellbar.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Kommunikation ist eine zentrale Aufgabe von Kirche und Theologie. Von der zentralen Bedeutung, die Kommunikation schon zu Beginn der Christenheit hatte, zeugen u.a. die zahlreichen Briefe, die Teil des Neuen Testamentes sind. Der Erfolg der Reformation ist rückblickend ohne den Buchdruck, der völlig neue Chancen in der Kommunikation bot, auch kaum vorstellbar.</p></blockquote></div>
<p>Heute hat Wissenschaftskommunikation in der Theologie einen geringen Stellenwert. Von kirchlichen Ehrenamtlichen, Pfarrpersonen und Diakon*innen hört man oft Ressentiments gegenüber der aktuellen theologischen Forschung. So sagen manche zum Beispiel, dass die universitäre Theologie verkopft sei oder sich hauptsächlich mit Themen beschäftigt, die nur innerhalb eines „universitären Elfenbeinturms“ interessant sind. Doch das bedeutet nicht, dass kein Interesse an Theologie besteht.</p>
<h2>Theologie ist nicht out</h2>
<p><em>Unter Pfarrerstöchtern</em>, der Bibelpodcast der <em>ZEIT</em> und die Initiative <em>Worthaus</em>, die universitäre christliche Theologie bekannt machen möchten, finden großen Anklang. Außerdem stellen sich viele Menschen komplexe theologische Fragen. Das Interesse an verständlich kommunizierter Theologie besteht also.</p>
<p>Das zeigt sich auch jetzt in der Corona-Pandemie, die die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation weiter gesteigert hat. So steht nicht nur Christian Drosten in der Öffentlichkeit, auch Ethiker*innen, wie Peter Dabrock und Petra Bahr sind gefragte Gesprächspartner*innen zu Fragen in Zusammenhang mit Triage oder Impfstrategie.</p>
<h2>Theologische Wissenschaftskommunikation</h2>
<p>Theologische Wissenschaftskommunikation ermöglicht es nicht nur, dass sich mehr Menschen mit Theologie beschäftigen. Sie bereichert auch die Theologie, denn wer theologische Arbeiten versteht, kann dazu selbst Fragen stellen und eigene Gedanken miteinbringen und so Perspektiven aus einem anderen Berufs- und Lebenshintergrund mit einbringen. Das erleichtert auch interdisziplinäre Arbeit.</p>
<p>Natürlich ist es eine Herausforderung komplexe Forschung einfach zu vermitteln. Gerade in der Theologie ist es zumeist nicht leicht, sich ohne viele Fachbegriffe auszudrücken. Aber diese Herausforderung kann auch helfen, noch klarer zu formulieren und sich nicht hinter vermeintlich eindeutigen Fachwörtern zu verstecken.</p>
<h2>Bereicherung für Kirche und Gemeinden</h2>
<p>Theologische Wissenschaftskommunikation ist aber nicht nur für die Theologie ein Gewinn, auch die Kirche kann davon profitieren. Sie kann theologische Diskussionen in Kirchengemeinden vertiefen und dazu einladen gemeinsam über komplexe theologische Fragestellungen nachzudenken. Außerdem kann theologische Wissenschaftskommunikation dabei helfen, das immer noch weitverbreitete Vorurteil abzubauen, dass sich der christliche Glaube gegenüber neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verschließen würde und rückständig sei.</p>
<p>Es lohnt sich also auch bei der Kommunikation von Theologie, dem Volk aufs Maul zu sehen und ganz im Sinne Luthers klar, genau und verständlich zu kommunizieren.</p>
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		<title>500 Jahre Wormser Reichstag</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina Kunter]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Feb 2021 10:34:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 1, Februar 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Bekenntnis]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<category><![CDATA[Reichstag]]></category>
		<category><![CDATA[Widerstand]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 17./18. April 1521 fand in Worms Luthers Widerrufsverweigerung und auch eine Gesprächsverweigerung des Kaisers statt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Am 17./18. April 1521 fand in Worms Luthers Widerrufsverweigerung und auch eine Gesprächsverweigerung des Kaisers statt.</p></blockquote></div>
<p>Eine 500-Jahrfeier kann man nur alle tausend Jahre feiern&#8230; Auch „Worms 1521“ wird mit einem vielseitigen Programm begleitet. So mit der großen Landesausstellung <em>Gewissen und Protest. </em>Welche Rolle hat für Luther das Gewissen? War er in Worms standhaft, oder nicht? Manche fragen: Wurde mit der Berufung auf Schrift und Gewissen moderner Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet? Andere sehen Worms als Vorbild: „was ein Einzelner erreichen kann“. Die Ausstellung präsentiert Persönlichkeiten wie Hans und Sophie Scholl oder die Ereignisse der Friedlichen Revolution 1989 und stellt Menschen aus der DDR vor, die mutig Widerstand gegen die SED-Diktatur geleistet haben, erklärt Katharina Kunter, die die Ausstellungskonzeption betreute.</p>
<p>Als 2017 der Reformationsbeginn begangen wurde, war eine Frage, ob alles nicht zu sehr „personalisiert“ auf Luther sei. Mit Worms lässt sich wohl sagen, dass diese Personalisierung spätestens die römische Kurie am 3. Januar 1521 höchstselbst vollzogen hat, als sie Luther mit dem Bann belegte&#8230; Andere beklagen, dass durch das Hinausdrängen Luthers langfristig ein Kirchenwesen ohne Vatikan entstanden ist.</p>
<p>Auf dem „Lutherweg“ von Wittenberg nach Worms ist heute ein Pilgerweg. Luthers Vorwurf war stets, dass seine Sache inhaltlich nie wirklich angehört wurde. In Erfurt wurde Luther von vierzig Reitern empfangen – andererseits stellten sich körperliche Beschwerden ein. Auch in Worms wurde dann lediglich gefragt, ob seine Schriften von ihm seien und ob er sie widerrufe. So gesehen war Worms 1521 nicht nur Ort von Luthers Widerrufsverweigerung, sondern auch der Gesprächsverweigerung des Kaisers. (Ökumenisch ist man heute in vielem weiter…) Schon im Verhör 1518 wurde Luther durch den Legaten Cajetan nur gefragt, ob er widerrufe. 1521 antwortet er so:</p>
<p><em>„wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde [&#8230;], so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“</em></p>
<p>Die Rede verbreitete sich in verschiedenen Fassungen in mehr als zehn Auflagen (Vgl. z.B. WA 7,825ff). Was zu einer Popularisierung des Gewissensbegriffs gewiss beigetragen hat. Am 26. April verließ Luther Worms, wurde auf der Rückreise zum Schein „überfallen“ und heimlich auf die Wartburg verbracht, wo er sich daran machte, das Neue Testament zu übersetzen.</p>
<h4><strong> 1. Frau Kunter, wie ist die Ausstellung zu 500 Jahre Wormser Reichstag aufgebaut?</strong></h4>
<p>Die Ausstellung beginnt in der Wormser Andreaskirche. Hier werden die Besucher zunächst in das historische Ereignis, also Luthers Widerrufsverweigerung 1521 vor Kaiser und Reich, eingeführt. Weil das Ereignis jedoch nicht ohne den zeitgleich entstehenden Mythos vom einsamen, um seine Gewissensentscheidung ringenden mutigen Mönch Luther und seinem Ausspruch „Hier stehe ich und kann nicht anders“ zu trennen ist, bleibt die Ausstellung nicht im Jahr 1521 stehen. Von der Andreaskirche gelangen die Besucher in das neu sanierte Museum Andreasstift. Dort begeben sie sich auf eine Reise durch die vergangenen 500 Jahre und begegnen Menschen, die sich in historischen Konfliktsituationen manchmal auf Luther, in jedem Fall aber mutig auf ihr Gewissen beriefen. Bartholomé de las Casas gehört etwa zu diesen, ebenso wie Anne Hutchinson, Georg Büchner, Sophie Scholl und natürlich Martin Luther King.</p>
<h4><strong>1.1 Manche nennen auch Auswirkungen 1989 beim Fall der Mauer.</strong></h4>
<p>Selbstverständlich thematisiert die Ausstellung auch Protest, Opposition und Zivilcourage in der SED-Diktatur, die ja zur gemeinsamen, geteilten deutschen Geschichte nach 1945 gehört. So wird zum Beispiel der Eisenberger Kreis, ein Schüler-Widerstandskreis in der DDR der 1950er Jahre, ausführlicher vorgestellt. Seine Gründer, Thomas Ammer und seine Freunde, kamen aus der evangelischen Jugend und orientierten sich in ihrem Widerstand an der Weißen Rose. Aus der Evangelischen Kirche in der DDR stammten dann auch bekannte Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen der Friedlichen Revolution im Herbst 1989, die ebenfalls in der Ausstellung vorkommen.</p>
<h4><strong>1.2 Zu den Schriften und Positionen, die Luther widerrufen sollte, zählten auch: ein Psalmenkommentar, seelsorgliche Texte, die Betonung von Barmherzigkeit, Abwehr von zu viel Klerikalismus oder der Wunsch nach Gottesdienst in der Muttersprache. Wäre es nicht denkbar gewesen, dass der Reichstag dazu in ein Gespräch eintritt?</strong></h4>
<p>Tatsächlich ging Luther zunächst davon aus, dass ihn in Worms eine ausführliche Disputation über seine Schriften und deren Begründung aus der Heiligen Schrift erwartete. Würde man Geschichte kontrafaktisch denken, hätte sich aus dieser dann vielleicht tatsächlich ein eher kirchlich-theologisch orientiertes Gespräch über seine Schriften ergeben können. Das ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Denn Luthers Ladung vor Kaiser und Reichstag war von Anfang an als ein Verhör geplant, mit zwei vorbereiteten Fragen, zu denen Luther Stellung beziehen musste.</p>
<h4><strong>2. Was ist das Besondere an Luthers Gewissensbegriff?</strong></h4>
<p>Luther brachte in Worms seine aus eigener Erfahrung gewonnene, sehr persönliche Glaubenswahrheit zum Ausdruck. Er beschrieb diese mit dem schönen Bild, dass sein „Gewissen in den Worten Gottes gefangen sei“. Nur, wenn die Gegenseite biblisch oder mit Vernunft argumentiere, sei er bereit, diese zu überprüfen. Mit der Berufung auf sein Gewissen begab er sich also in Opposition zur übergeordneten kirchlichen und weltlichen Lehrautorität und Tradition. Kern seines Gewissensbegriffes war der individuelle Gehorsam gegenüber Gott; durchaus ein moderner, weil subjektiver Wesenszug.</p>
<h4><strong>2.1 Andererseits war es kein freischwebender, richtungsloser Individualismus, sondern kannte Maßstäbe und Kriterien – wie eben die biblischen Urtexte oder Entscheide der Alten Kirche.</strong></h4>
<p>Ja, Luthers Gewissensbegriff war an die Heilige Schrift gebunden; ein autonomes, allein auf den Menschen bezogenes Gewissen kannte er noch nicht.</p>
<h4><strong>2.2 Wie sehr stand Luther dabei in Einklang mit anderen Rufen nach reformatio (Gravamina, „Zurück zu den Quellen“)?</strong></h4>
<p>Luther war, wie das der Historiker Heinz Schilling schön formuliert hat, ein Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Auf ihn wirkten also viele politische, geistliche und kulturelle Bewegungen und Entwicklungen der Zeit ein; er ist nicht kontextlos. Manchmal wirkt er als Katalysator. Manchmal verdichten sich dann aber auch in seiner Person zeitgenössische Einflüsse und Ideen zu einem eigenen Wesenszug.</p>
<h4><strong>3. Mit Worms 1521 in seiner historischen Dimension verbinden sich ja gleich mehrere Aspekte. Welche Positionen Luthers halten Sie für heutige Diskurse besonders inspirierend?</strong></h4>
<p>Wie und mit welchen ethischen oder auch religiösen Gründen verhalten sich Menschen gegenüber Mehrheiten und Autoritäten? Ab wann setzen sie sich mit Mut gegen Unwahrheiten oder mit Zivilcourage gegen Ungerechtigkeit zur Wehr und berufen sich dabei auf ihr Gewissen? Unter welchen Voraussetzungen stößt der Wille zur Anpassung, zum Kompromiss an seine Grenze? Diese Frage ist auch heute noch von großer Aktualität und stellt sich in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder neu. Besonders herausfordernd finde ich darüber hinaus die Frage, ob es im digitalen Zeitalter zukünftig überhaupt noch so individuelle Gewissensentscheidungen wie die Luthers geben wird, oder ob solche nicht mehr und mehr von Algorithmen und künstlicher Intelligenz gesteuert werden.</p>
<h4><strong>3.1 Stimmt es, dass Luthers Reise nach Worms teilweise einem Triumphzug gleichkam?</strong></h4>
<p>So hat es jedenfalls ein prominenter Augenzeuge von Luthers Einzug in Worms, der päpstliche Nuntius Hieronymus Aleander, beschrieben. Die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhundert hat dieses Bild fortgeschrieben und in Gemälden wie von Friedrich Wilhelm Martersteig einprägsam in Szene gesetzt. Für Luthers gesamte Reise von Wittenberg nach Worms mit seinen unterschiedlichen Stationen lässt sich das Bild des „Triumphzuges“ allerdings nicht an zeitgenössischen Quellen belegen. Im Gegenteil: Luther reiste als ein angefochtener Mönch nach Worms. Das Bild von seiner Reise als „Triumphzug“ gehört insofern zum Mythos des Wormser Luthers.</p>
<h4><strong>3.2 In Worms kam es auch zu wichtigen Begegnungen. Christian III. von Dänemark war da, Philipp von Hessen…</strong></h4>
<p>Beide waren damals „blutjung“, unter 20 Jahre, und erlebten Luther auf dem Wormser Reichstag offensichtlich als eine enorm beeindruckende Person, die ihren späteren Weg als Herrscher entscheidend prägen sollte.</p>
<h4><strong>3.3 Kann man sagen, dass Luther sich vor allem als Reformkatholik verstand und sein Pochen auf die Schrift als Erneuerung, oder genauer: Rückruf seiner Kirche in die Ursprungsgestalt des Christentums gedacht war?</strong></h4>
<p>Man muss Luther historisch differenzieren. Für den Luther der 95 Thesen, der 2017 im Reformationsjubiläum „gefeiert“ wurde, mag die Bezeichnung „Reformkatholik“ noch durchgehen. Aber auf den „Wormser Luther“, der 2021 im Mittelpunkt der Erinnerung steht, trifft diese Deutung nicht mehr zu.</p>
<p>Seine reformatorischen Hauptschriften von 1520, die Babylonica, die Adels- und Freiheitsschrift, brachen theologisch und ekklesiologisch mit der lateineuropäischen Papstkirche. Er wollte keine priesterlichen Heilsfunktionen mehr, er wollte einen Papst, der ein Gläubiger unter seinesgleichen war, eine reduzierte Sakramentenzahl, keine Klöster und keinen Zölibat mehr. Er setzte sich für emanzipierte und selbst die Heilige Schrift lesende Laien ein. Er wurde als Ketzer angeklagt und weigerte sich in Worms – gegen die Autoritäten von Papst, Kaiser und Reich – seine Schriften zu widerrufen. All das tat er nicht im Leisen, Diplomatischen und Vermittelnden. Seine Argumente und seine Rhetorik waren scharf, sie polarisierten. Er nahm die Spaltung der Kirche in Kauf; er hatte eine andere Idee von Kirche. Seine Vision war aber sicherlich nicht die aktuelle Gestalt der evangelischen Kirche in Deutschland.</p>
<p><em>Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg.</em></p>
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