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	<title>evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Mehr Narrenfreiheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Elke Rudloff]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Feb 2022 08:43:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Christsein]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Hatespeech]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilcourage]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu dieser Botschaft bekenne ich mich offen und ohne mich zu schämen, denn das Evangelium ist die Kraft Gottes, die jedem, der glaubt, Rettung bringt. (Römer 1,16)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Zu dieser Botschaft bekenne ich mich offen und ohne mich zu schämen, denn das Evangelium ist die Kraft Gottes, die jedem, der glaubt, Rettung bringt. (Römer 1,16)</p></blockquote></div>
<p>Wochentags schleicht er heimlich durch unseren Stadtteil und klebt kryptische Botschaften an Verkehrsschilder. Aber samstags, da outet er sich. Zur besten Einkaufszeit radelt unser Stadteilprophet mit seinem Kofferradio auf den Wochenmarkt, fängt an zu predigen und schwenkt ein Plakat. „Jesus ist der Retter“, steht darauf. Sein lautes Bekenntnis verhallt ohne Interesse und Zustimmung. Die meisten wenden sich ab. Manche tippen sich an die Stirn. Und die warm eingepackten Marktleute wundern sich eher über seine nackten Füße im Winter als über seine frommen Worte am falschen Ort, zu falscher Zeit und mit überholten Mitteln.</p>
<p>Wer sich als Christin oder Christ zu erkennen gibt, erntet auch ohne solch einen ausgefallenen Auftritt immer mal wieder Augenrollen oder mitleidiges Lächeln. Weil Glaube als unzeitgemäß gilt und die Kirche als Verein von Lebensfremden? Oder weil man ihrem Personal nicht mehr vertraut? Damit möchten viele besser nicht mehr in Verbindung gebracht werden. So erkläre ich es mir, dass viele Interviewpartner im Radio oft bekräftigen, zwar die großen christlichen Feste noch zu feiern, aber keineswegs mehr religiös zu sein.</p>
<p>Auch auf Instagram arbeiten sich besonders junge Theologinnen und Theologen an dieser wachsenden Abwehr und Verachtung ab. Ihre Taktik: Offensiv zeigen, dass sie selbst zur Zielgruppe gehören. Da wird im Studioklo geplaudert, höchst Privates erzählt oder die Tagesform des Katers zum Besten gegeben. Weil gemeinsame Vorlieben und Erfahrungen ja Vertrauen schaffen und jedem Bekenntnis voraus gehen müssen. Alte Medienregel: Bloß kein frommer Überfall! Die digitale Fangemeinde nickt per Click.</p>
<p>Bereits im Urchristentum war es heikel, manchmal sogar lebensgefährlich, vom Glauben zu erzählen. Damals war der Glaube an ein höheres Wesen zwar noch selbstverständlich, aber dieses Wesen hatte, bitte sehr, schön und stark zu sein. Einen als Verbrecher Gekreuzigten als Gott zu verehren, war absurd – Provokation oder Eselei. Sein Anblick, und sei es auch nur im Kopfkino, löste Fluchtreflexe, Ekel und Aggressionen aus. Der Apostel Paulus riskierte es trotzdem. Von Glaubensscham keine Spur. Weil er Jesu Kreuz umdeutete, nachdem ihm der Auferstandene erschienen war. Der da hing, war kein Gotteslästerer, sondern Gott selbst, der sich ganz und gar mit seinen Geschöpfen identifizierte. Selbst wenn sie litten oder schuldig geworden waren.</p>
<p>Auch Jesus deute um. Er schaute Paulus, den brutalen Christenverfolger, gütig an und erwählte ihn sogar zu seinem Werkzeug. Paulus sollte fortan Jesu „Influencer“ sein und seinen Namen in alle Welt tragen. Ob Jesu Wahl zielgruppengerecht war, spielte in diesem Moment keine Rolle. Jesus traute Paulus das mutige und freie Wort zu. Darauf kam es an.</p>
<p>Auch unser seltsamer Heiliger vom Wochenmarkt lebt schon lange in dieser Freiheit. Er wirkt erhaben darüber, was andere von ihm denken. Für seine Performance wird er wohl niemals Applaus bekommen. Aber seine mutige „Narrenfreiheit“ beeindruckt mich.</p>
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		<title>Karoline M. Preisler: Demokratie Aushalten!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 11:05:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Streitkultur]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert mit einer Demokratie, deren Bürger das Streiten verlernt haben? Weil dem – der Analyse der Juristin und FDP-Politikerin Preisler zufolge – so ist, steht unsere Staatsform in der Gefahr, an Akzeptanz zu verlieren. Denn die Austragung von Konflikten mit den Mitteln des vernünftigen Diskurses ist ihr Lebenselixier.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong> <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Preisler-Demokratie.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-6349 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Preisler-Demokratie-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Preisler-Demokratie-200x300.jpg 200w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Preisler-Demokratie.jpg 300w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a>Hirzel Verlag 2021, 156 S., 18,00 EUR, eBook 13,90 EUR</strong></p>
<p>Was passiert mit einer Demokratie, deren Bürger das Streiten verlernt haben? Weil dem – der Analyse der Juristin und FDP-Politikerin Preisler zufolge – so ist, steht unsere Staatsform in der Gefahr, an Akzeptanz zu verlieren. Denn die Austragung von Konflikten mit den Mitteln des vernünftigen Diskurses ist ihr Lebenselixier.</p>
<p>Den Konflikt als Grundstoff einer freiheitlichen, pluralen Gesellschaft wertzuschätzen, heißt, ihn dialektisch zu verstehen: These und Gegenthese treffen unter wohlinformierten Staatsbürgern aufeinander, woraus eine innovative Synthese entsteht, die die Gesellschaft als Ganze jenseits ihrer Interessengruppen voranbringt und für die richtige Balance von „Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit“ sorgt. Nicht verwunderlich, dass die Autorin sich dabei auf die Soziologen R. Dahrendorf und M. Weber beruft. Von vielen wird diese demokratische Selbstverständlichkeit gerade aufgegeben zugunsten einer Dauerempörung über den oder die Andersdenkende/n, indem man sich mit dieser chronisch gereizten Haltung in einer eigenen geschlossenen Denkwelt abriegelt. Nicht mehr die – sicherlich mit geistiger Anstrengung verbundene – Prüfung des Faktengehalts einer Mitteilung hat Bedeutung, sondern die zum neuen „Götzen“ gehypte „Meinung“.</p>
<p>Ein wichtiger Impuls für ihr Buch war für Preisler ihre Corona-Erkrankung und ihre Praxis, mit Corona-Leugnern das Gespräch zu suchen. Mit ihrem Anliegen einer möglichst toleranten Debattenkultur befasst sie sich u. a. mit den Spannungsfeldern Demokratie und Umwelt, Migration, Medien. Man folgt ihr mit Gewinn, auch wenn man ihr Loblied auf das wirtschaftsliberale Gedankengut ihrer Partei nicht mitsingen mag.</p>
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		<title>Berndt Hamm: Spielräume eines Pfarrers vor der Reformation</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 11:04:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<category><![CDATA[Theologiegeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Ulm]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Münsterpfarrer Ulrich Krafft ist weit mehr als der Begründer der Stadtbibliothek. In seinen Predigten zeigt er sich als origineller theologischer Denker. Deshalb ist der Band nicht nur aus dem Blickwinkel der Ulmer Stadtgeschichte interessant, sondern aufgrund der differenzierten Darstellung einer Gedankenwelt am Vorabend der Reformation.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hamm_Krafft.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6348 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hamm_Krafft-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hamm_Krafft-224x300.jpg 224w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hamm_Krafft.jpg 300w" sizes="(max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a>Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm, Anton H. Konrad Verlag, 451 S., 39,80 EUR</strong></p>
<p>Der großformatige Prachtband geht auf seine Initiative zurück. Der Vortrag des Theologen Berndt Hamm aus Anlass des 500-jährigen Bestehens der Ulmer Stadtbücherei hat Alexander Rosenstock elektrisiert. Den stellvertretenden Leiter der Bücherei, der jetzt in den Ruhestand gegangen ist, hat die Idee für eine umfangreiche Publikation nicht mehr losgelassen. Denn der Münsterpfarrer Ulrich Krafft ist weit mehr als der Begründer der Stadtbibliothek. In seinen Predigten zeigt er sich als origineller theologischer Denker. Deshalb ist der Band nicht nur aus dem Blickwinkel der Ulmer Stadtgeschichte interessant, sondern aufgrund der differenzierten Darstellung einer Gedankenwelt am Vorabend der Reformation.</p>
<p>Krafft hatte die von ihm hinterlassene Bibliothek zehn Tage vor seinem Tod am 1. April 1516 testamentarisch der Stadt vermacht. Der 1455 geborene Prediger und Rechtsgelehrte erhielt nach einer Tätigkeit als Rechtsprofessor in Tübingen, Freiburg im Breisgau und Basel zwischen1485 und 1501 auf Lebenszeit das Amt des Stadtpfarrers in Ulm.</p>
<p>Dort ging es ihm nicht nur um Erbauung, sondern auch um wirtschaftsethische Fragen. Krafft wandte sich entschieden gegen Preis- und Zinswucher. Der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch lobt die Darstellung Hamms zurecht als „Gesamtbild der Geistesgeschichte Ulms und des deutschen Südwestens an der Wende zum 16. Jahrhundert“. Der Kirchenhistoriker Hamm beschreibt dies auch für Laien gut verständlich. Er lotet die „Spielräume eines Pfarrers vor der Reformation“ aus, wie der Titel des Buches lautet. Auf die Reformation voraus weist zum Beispiel Kraffts Kritik an der im Spätmittelalter weit verbreiteten Bilderfrömmigkeit. Er lehnt es ab, dass Menschen, verführt durch den Teufel, ein Kultbild wie Gott verehren und es um Gesundheit anbeten.</p>
<p>Das Buch entpuppt sich als Fundgrube dafür, wie sich das theologische Denken aus mittelalterlichen Vorstellungen befreit und Orientierung bietet in einer Zeit des Umbruchs. „Die städtische Reformation hat in vielem auf dem Reform-Impetus von Geistlichen wie dem Pfarrer und Prediger Ulrich Krafft aufgebaut“, erläutert Hamm. Auch Kraffts Konzentration auf Bibelwort und Predigt, sein Leitbild des büchergelehrten, theologisch und humanistisch gebildeten Geistlichen und sein Bemühen um ein verinnerlichtes Glaubensverstehen der Gemeinde sind Reformanliegen, die dann auf veränderter Ebene und innerhalb neuer Koordinaten von der Reformation weitergeführt werden, führt Hamm aus.</p>
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		<title>Klaus Simon: Warum Klimaschutz bisher verpufft und wie er gelingt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Magdalene Schönhoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 11:02:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Klimakrise]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[Die wissenschaftliche Faktenlage überzeugt: Nur bei massenhaftem Ausbau grüner Energieerzeugung plus weniger Energieverbrauch kann Klimaschutz gelingen. Aktuelle Tabellen, Grafiken und Übersichten bieten in diesem Buch dazu umfangreiches Datenmaterial und mögliche Interpretationen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Simon_Klimaschutz.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6350 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Simon_Klimaschutz-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Simon_Klimaschutz-212x300.jpg 212w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Simon_Klimaschutz.jpg 300w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" data-smartcrop-focus="[49,20]" /></a>Büchnerverlag 2021, 278 S., kart. 24,00 EUR, eBook 17,99 EUR</strong></p>
<p>Die wissenschaftliche Faktenlage überzeugt: Nur bei massenhaftem Ausbau grüner Energieerzeugung <em>plus</em> weniger Energieverbrauch kann Klimaschutz gelingen. Aktuelle Tabellen, Grafiken und Übersichten bieten in diesem Buch dazu umfangreiches Datenmaterial und mögliche Interpretationen.</p>
<p>Zeitgleich mit dem Anstieg des grünen Anteils an der Energiebedarfsdeckung um weltweit 250 Mio. t Öleinheiten ist der weltweite Energiebedarf um 1,26 Milliarden t Öleinheiten gestiegen, d.h. fünffach stärker, als die grüne Energieerzeugung wachsen konnte! Das ist der Grund, warum trotz Energiewende der Einsatz fossiler Energieträger weltweit unablässig wächst anstatt zu sinken; er liegt noch immer bei über 80 Prozent. Dieser „Reboundeffekt“ ist keineswegs unbekannt. Simon stellt den Bericht „1,5 °C globale Erwärmung“ des Weltklimarats IPCC vor. Der Bericht nennt vier beispielhafte Modellpfade, wie sich das 1,5- Grad-Ziel bis 2050 trotzdem noch erreichen lässt.</p>
<p>Neben einem Überblick zum Klimasystem und den bisher beobachteten Klimaveränderungen werden Methoden grüner Energieerzeugung dargestellt und bewertet. Innerhalb des gesellschaftlichen Regelwerks, das zu fortdauerndem Wirtschaftswachstum führt, müssen die Staaten mit wachsendem statt rückläufigem Energieverbrauch rechnen. Welche Zukunftsvisionen bieten trotz alledem Hoffnung?</p>
<p>Das Buch ist den Enkeln und den Urenkeln dieser Welt gewidmet.</p>
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		<title>Glauben üben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 10:49:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Üben]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Einübung im Glauben: Vom Judentum über Anleihen der Mystik bis zu Johannes dem Theologen finden sich zahlreiche Glaubensbeschreibungen. Nicht immer wird von schnellem Erfolg berichtet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine Einübung im Glauben: Vom Judentum über Anleihen der Mystik bis zu Johannes dem Theologen finden sich zahlreiche Glaubensbeschreibungen. Nicht immer wird von schnellem Erfolg berichtet.</p></blockquote></div>
<p>„Glauben heißt, durch den Horizont sehen“, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Damit ist gleich Mehrfaches gesagt. Glauben geht oft gegen den Augenschein! Wo die Optik dem Auge vorgaukelt, an der Horizontlinie höre die Welt plötzlich auf, weiß der Glaube: Es geht noch weiter. Glaube sieht also mehr. Er klebt nicht am aktuell Sichtbaren, er kennt auch die anderen Dimensionen. Und folglich: Glaube gilt und „geht durch und durch“! Der Glaubende sieht nicht nur hinter den Horizont, was hinter dem Horizont liegt. Glaube <em>durchschaut</em> auch die Horizontgrenze (als solche), er durchschaut die Begrenzung der Welt.</p>
<p><em>Hinter dem Horizont geht’s weiter</em>, weiß auch das allgemeine Liedgut. Glaube kann so ganz alltäglich daherkommen. Es braucht nicht notwendig die „Überfliegerei“! Glaube kann laut Religionsgeschichte im Stillen, im Stottern, ja einem Stall in Bethlehem beim Brabbeln eines kleinen Neugeborenen statthaben. Also ganz profan. Er braucht nicht immer das „große Besteck“ der hohen Formel und des feierlichen Tons. Und dennoch oder gerade darum ist es so, dass, wie einst Heinrich Heine anmerkte, die Glaubensstücke und -artikel der hohen, ewigen Wahrheiten den Glaubenden „alsdann“ – nach und nach – als eine Dreingabe dazugegeben werden, gleichsam zufallen, „wie der schöne Markknochen, den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden ist, ihnen unentgeltlich in den Korb schiebt“ (Heine, 1851). Es ist ein reiches, überaus Gewinn bringendes Geschäft um den Glauben.</p>
<h2>Glaubensübungen</h2>
<p>Solcher Glaube, auch der armseligste, will immer wieder neu <em>geübt</em> werden. Man „hat“ ihn nicht einfach. Es braucht die Glaubensübung im zweifachen Sinn. Einmal die Einübung im Glauben. Der Glaubende übt den Glauben sprichwörtlich; weil in aller Bruchstückhaftigkeit fast immer etwas fehlt. Man hat den Glauben tatsächlich zu <em>üben</em>, immer neu zu wiederholen. Der Glaubende <em>übt </em>den Glauben, wie man sonst vielleicht ein Musikstück übt und einstudiert. Tatsächlich ähnlich, wie ein <em>Musikinstrument</em> <em>studiert</em> wird: Man studiert, wie es funktioniert, „wie es geht“ (manche „Profis“ auch, wie es aufgebaut ist), wiederholt, was man schon kann. Studiert die Noten, Tonfolgen und Melodien immer wieder ein. So wie man Klavier übt. Es wird gelernt, wie die Tasten und die Töne nacheinander folgen, so dass es gut und richtig klingt. Oder jeweils gleichzeitig, damit es einen vollen Klang ergibt. Das ist die eine Glaubensübung, die Einübung.</p>
<p>Zum andern: die Glaubens-ausübung. Was man gelernt hat, was man schon weiß, das will auch ausgeübt, in die Anwendung gebracht sein. Gerade ein Klavierspieler merkt, die Hände „wissen“ bald und meist viel mehr, als man selber denkt. Wer viel übt, spielt geradewegs drauflos, ohne lange nachzudenken. Die Töne sind jetzt schon „intus“. Manches ergibt sich plötzlich wie von selbst. Die Melodie ertönt viel flüssiger. Es „läuft“.</p>
<p>Glaubens-<em>einübung</em> und Glaubens-<em>ausübung</em> sind die zwei Seiten der Medaille, die da <em>Glauben üben</em> heißt. Damit ist schon viel davon gesagt, wie „Glauben geht“. Doch ist noch klarer zu beschreiben, was den Glauben ausmacht. Verschiedene Glaubensbestimmungen aus der Geschichte können dabei helfen. Beispiele aus dem Judentum, aus der Geschichte der Mystik und aus dem Johannesevangelium zeigen noch deutlicher, was Glauben heißt.</p>
<h2>1. Harren (יחל)</h2>
<p>Vom Judentum zu lernen, heißt insbesondere, richtig glauben zu lernen. Das Judentum hat einige der größten und beeindruckendsten Glaubensgestalten der Geschichte aufzubieten! Und hat so auf vielschichtige Art die verschiedenen Dimensionen offen gelegt, die zum Glauben wesentlich gehören. Eine davon ist „<em>jchl“ – harren.</em></p>
<p>Der große Bundesprophet Jeremia schreibt viel davon, wie substantiell es ist, auf Gott zu <em>harren</em>. In seinen Klageliedern, als es wieder einmal nicht zum Besten steht, bekräftigt er das Ausharren und Warten, trotz allem Widerspruch. Auch der Glaubens-Titan Hiob sagt, sitzend auf seinem Misthaufen: „Ich warte!“ (hier mit der Vokabel <strong>יחל</strong>). Beim kleinen Propheten Habakuk, als sich die Gottesverheißung unendlich zu verzögern scheint, heißt es: „Wenn sie sich auch hinzieht, so harre ihrer; sie wird gewiss kommen und nicht ausbleiben.“ (Hab 2,3) Und gewiss nicht zufällig sind es die Psalmenbeter, die viel vom Harren wissen. „Unsere Seele harrt auf den Herrn, er ist uns Hilfe und Schild.“ (Ps 33,20; 42,12; 40,2; 71,14; 119,43.74.114; u.v.m.)</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer auf etwas harrt, verlässt sich darauf, dass es eintrifft, wie erhofft.</p></blockquote></div>
<p>Das Harren auf Gott begegnet mit einer ganzen Reihe hebräischer Begriffe (<em>jchl, kvh, dmm, </em>&#8230;) . Mal liegt der Ton mehr auf dem „Hoffen“. Mal eher auf dem „Stille sein“. Zum Verharren und Ausharren gehört auch ein <em>Sich-zurücknehmen</em>. Worauf nachher noch zurückzukommen ist.</p>
<h2>2. Sich verlassen</h2>
<p><em>Verlass Dich nicht auf Deinen Verstand, sondern verlass Dich auf</em> <em>jhwh / </em>יהוה (Sprüche 3,5f) – <em>sei nur stille dem Herrn, der wird Dir geben, was nötig ist:</em> Generell entspricht es der jüdischen Weisheit, statt von sich selbst vom „Höchsten“ alles zu erwarten. So wird erkennbar, dass das Harren und das Glauben wesentlich ein <em>Sich-verlassen </em>enthält. Wer auf etwas harrt, verlässt sich darauf, dass es so eintrifft, wie erhofft. Wer auf ein bestimmtes Gegenüber harrt, wartet nicht nur auf dieses Gegenüber, sondern verlässt dabei sich selbst, verlässt wortwörtlich die eigene momentane, vielleicht eingeschränkte „Sicht“. Er übersteigt den von ihm gerade noch überschaubaren Horizont. Es ist sehr anregend im breiten Strom der jüdischen Weisheitstradition (zu der z.B. die Bücher der Spruchweisheit gehören) zu sehen, wo und wie dieser „Horizontüberstieg“ vom aktuell Sichtbaren zum z.B. noch nicht Sichtbaren immer wieder zu identifizieren und nachzuvollziehen ist.</p>
<h2>3. Vertrauen</h2>
<p>Wer auf Gott <em>harrt</em>, auf ihn in allen Dingen <em>sich verlässt</em>, von dem kann man auch sagen: Dass er <em>Gott</em> <em>vertraut</em>. Eine der wichtigsten und gängigsten Beschreibungen von Glauben hält darum fest: Glauben ist Vertrauen (vgl. Über die Zuversicht, <em>evangelische aspekte</em> 1/2021).</p>
<h2>Anleihen der Mystik</h2>
<p>Zu den geschichtlichen Bewegungen mit denen der vertrauende Glaube immer wieder verglichen wird, zählt des Weiteren der Strom der Mystik. Beim <em>Sich-Verlassen</em> des Glaubenden hat sich die Thematik bereits angemeldet. Der Glaubende verlässt sich und sein (bisheriges) Wesen ein ganzes Stück und sucht nach etwas anderem. Etwa in mystischer Versenkung wird versucht, sich in göttliche Sphären zu versetzen. Hier gibt es das Ziel des Einswerdens des Glaubenden mit seinem Glaubens<em>&#8211;</em>Gegenstand, das viele Mystiker erstreben: die mystische In<em>&#8211;</em>eins<em>&#8211;</em>Setzung, die „unio mystica“.</p>
<p>Mystik ist auch in unseren Breitengraden oft positiv konnotiert. Nicht alle wissen dabei, dass ein Bestandteil von Mystik meist die „Nichtung“ des alten Egos ist. Erst im „Leerwerden des Ich“ will Raum für das Höhere entstehen. Der Glaubende wird im mystischen Prozess ein anderer, oder soll das werden.</p>
<p>Leerwerden …: Auch bei der hebräischen Vokabel „<em>dmm/damam“, </em>s.o., schwingt das Element solcher Nichtung in ähnlicher Weise mit: <em>damam </em>kann „still werden“ bedeuten, schweigen und verstummen, „jede Selbsttätigkeit aufgeben“ sowie: „vor Schrecken starr werden wie ein Stein“, halt machen, still stehen, vernichtet werden&#8230;</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Ich übe noch“, sagt einer der Apostel.</p></blockquote></div>
<p>In der Mystik wird im eigenen Leerwerden das Göttliche gesucht. Das „Gott-gemäße“. Im Idealfall ergibt sich eine Gottesschau. Der Mystiker wird so manchmal auch des „Ungeheuerlichen“ und Abgründigen der Gottheit gewahr, wie sich vielfältig in mystischen Zuschreibungen und Attributionen kundtut. Vielleicht auch ihrer unaussprechlichen Erhabenheit, ihrer Größe, doch in aller Regel: vor allem ihrer Unzugänglichkeit und Unverfügbarkeit. Den respektvoll einzuhaltenden Abstand zum Höchsten in seiner ehrfurchtsgebietenden, unausforschlichen „Macht und Herrlichkeit“ kennt gerade auch das Judentum<em>. </em>Mose zum Beispiel zuckt nach den ersten Gotteserweisen erkennbar zurück: „Schicke doch lieber einen anderen nach Ägypten“. Am Berg Horeb/Sinai kann er der hohen Gottheit nur hinterhersehen; von Angesicht zu Angesicht den Höchsten schauen und durchschauen, in seiner Allmacht, Allweisheit, Allgerechtigkeit, das geht nicht.</p>
<p>Die Religionswissenschaft hat nicht nur vom <em>fascinosum</em> des Göttlichen, dem Faszinierenden gesprochen, sondern auch vom <em>tremendum</em>, vom Schrecken, das manchen Gottsucher erfasst. Ein Erschrockensein oder im positiven Fall eine persönliche Ergriffenheit – was sich wohl schon einstellen mag, wenn der Erdklumpen Mensch, der er ist, unvermittelt dem Erschaffer von Galaxien nachsinnt und offen gegenübertritt. Der geplagte Gottesmann Jeremia berichtet in seinen Jeremiaden viel davon. „Schrecklich ist‘s, in die Hände des Allmächtigen zu fallen.“ „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“, fragt der „Weisheits“-Psalm 8.</p>
<p>Was der Glaubende bei seiner Gottessuche in seinem Inneren erfahren hat – sei es zuerst ein Schaudern, sei es ein positives Ergriffensein –, was er an Intentionen, ungefähren Ahnungen oder in Worte fassbarer Erkenntnis in sich gesammelt hat, bewegt ihn selbstredend auch weiterhin in seinem Herzen. Anders als in manchen mystischen Strömungen ist das Ziel des Glaubens nicht die <em>Auflösung</em> <em>des Bewusstseins</em> (bis hin zur Bewusstlosigkeit, etwa in Trance), sondern vielmehr ein von falschen Vorstellungen gereinigtes, ein umso <em>klareres</em> <em>Bewusstsein</em> und ein (gott-)<em>bewusstes Leben</em>.</p>
<p>Während es also manche Verbindungen und gegenseitige Anleihen immer wieder gibt (vergleiche etwa die frühe Mystik in Byzanz), gibt es auch Unterschiede.</p>
<h2>Beides vereint</h2>
<p>Denn: Der mystischen Versenkung des Frommen ist oft der Vorwurf gemacht worden, letztlich nur einer egoistischen Weltflucht Vorschub zu leisten („Das ist doch Quietismus“). Ist denn, wird dann gefragt, im biblischen Sprachgebrauch nicht eher als von <em>Glauben üben</em>, viel gängiger von <em>Liebe üben</em> oder von <em>Gerechtigkeit üben </em>zu reden? (vgl. Mt 5,48). Kurz geantwortet: Es braucht beides. Denn sofern und weil der christliche Grund-Satz gilt: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe“, folgt aus christlicher Gottesanschauung eben doch noch anderes als bei der Versenkung in ein unsprachliches Nichts.</p>
<p>Auch der Glaubende im frühkirchlichen Kontext erstrebt ein Gleich-gestaltet-Werden mit dem Meister. In Nachfolge und Nachahmung des Nazareners (lat. „imitatio“ – „Nachbildung“) wird (zwar) die Ähnlich-Werdung gesucht. Der Nachfolger versucht es in Vielem seinem Meister durchaus gleich- und nachzutun! Im Nachahmen des Stifters, mitsamt dem erklärten Ziel, dass er „Gestalt“ gewinne „in mir“, kennt auch das biblische Zeugnis die Aussage, dass dieser „durch den Glauben in euren Herzen wohne“ (Eph 3,17, vgl. Gal 2,20). Doch geht es dabei weniger um eine statische Zustandsbeschreibung als um eine immer neu zu realisierende Anteilhabe, eine Art andauernde gegenseitige „Kommunikation“.</p>
<h2>Johannes der Theologe</h2>
<p>Das wird vielleicht am deutlichsten, wenn man sich auf die gelegte Spur von Johannes, dem Theologen, begibt (1. Jh. n.Chr.). Kennt man schon vom Lukas-Evangelium die Formel „wer verliert, der wird empfangen“ (Lk 9,24; 17,33; vgl. Joh 12,25), sagt das Johannesevangelium es schier noch eindringlicher, jedenfalls bildhafter: „Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der wird viel Frucht bringen“ (zu „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“: Joh 15,5). Oder der 1. Johannesbrief zur Fundamentalaussage <em>Gott ist die Liebe</em>: „und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4,16)</p>
<p>Der Glaubende macht also immer wieder Halt (in Gott), und geht dann wieder weiter. „Ich übe noch“, bekennt einer der frühen Apostel von sich selbst (Phil 3,12). Und der konnte immerhin von sich sagen: „Ich habe den Herrn gesehen!“</p>
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		<item>
		<title>Kann Kirche Kulturwandel?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Selina Fucker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 10:42:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchenführung]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturwandel]]></category>
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					<description><![CDATA[Während der Corona-Pandemie sind viele kirchliche Skeptiker:innen von digitalen Möglichkeiten überzeugt worden. Trotzdem befindet sich die Kirche weiterhin mitten in der digitalen Transformation.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Digitale Adventskalender, digitale Schichtpläne für den Kirchendienst, Gottesdienst-Livestreams oder beten mit Alexa – die Digitalisierung ist in der Kirche angekommen. Zwar gibt es große Unterschiede zwischen Gemeinden bzw. Kirchenbezirken, was den Fortschritt der Digitalisierung angeht. Aber während der Corona-Pandemie sind viele kirchliche Skeptiker:innen von digitalen Möglichkeiten überzeugt worden.</p></blockquote></div>
<p>Trotz dieser großen Fortschritte befindet sich die Kirche weiterhin mitten in der digitalen Transformation. Um diese Transformation voranzutreiben, setzt die Kirche bisher meist auf Projekte. Verschiedene Landeskirchen und auch die EKD haben Fördertöpfe aufgelegt, um solche Projekte zu fördern. Diese dienen vor allem als Leuchttürme. Sie haben eine Vorbildfunktion, fördern die Kreativität und Innovationsfreude in der Kirche und dienen als Experimentierraum.</p>
<p>Aber dieser Fokus auf Projekte führt auch zu einigen Nebenwirkungen, die vor allem jetzt, da die Digitalisierung wirklich in der Kirche angekommen ist, deutlich werden. So verweisen einige Haupt- und Ehrenamtliche in Verantwortung auf die Projekte und sagen: „Wir als Gemeinde oder Kirchenbezirk müssen keine digitalen Gottesdienste anbieten, da es so etwas ja bereits als Projekt gibt“, oder „Ich als Pfarrpersonen habe doch gar nicht die zeitliche Kapazität, so intensiv in den sozialen Medien aktiv zu sein, wie es Kollegen mit einem Stellenanteil für die Arbeit in sozialen Netzwerken haben“. Damit haben sie zwar oft Recht. Aber die Digitalisierung kann mit Projekten nur vorangebracht werden, sie kann nicht allein auf Projekten beruhen. Denn durch die Digitalisierung verändert sich nicht nur die Arbeitsweise einiger, sondern die Arbeitsweise aller. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn wir die heutige Kommunikation eines Ältestenkreises mit der Kommunikation von vor vierzig Jahren vergleichen. Während früher alles nur per Telefon oder Brief oder persönlichem Treffen ging, sind heute Einladungen per Rundmail selbstverständlich und in vielen Gemeinden werden dringende Anliegen auch mal per Messenger geklärt. Dadurch kann viel schneller reagiert werden. Echte Digitalisierung stellt somit einen Kulturwandel dar.</p>
<p>Projekte sind daher nur ein Schritt hin zu einem Kulturwandel. Denn für den Kulturwandel braucht es die Beteiligung aller. Dies macht Kulturwandel so herausfordernd. Dass Kulturwandel die Beteiligung aller braucht, bedeutet im Fall der Digitalisierung übrigens nicht, dass alle plötzlich alles digital machen müssen. Aber es bedeutet, dass Kulturwandel einer grundsätzlichen Offenheit für Veränderung bei allen bedarf. Ein Aspekt einer solchen Offenheit für Veränderung bedeutet, dass es okay ist Fehler zu machen. Dies steigert die Experimentierfreude und damit die Innovationskraft. Entscheidend für den Kulturwandel ist auch Kooperation, da man zusammen oft mehr erreichen kann. Ich finde eine solche Kultur für die Kirche auch über die Digitalisierung hinaus sehr wünschenswert.</p>
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		<title>Israelkritik und Antisemitismus-Vorwürfe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rolf Freudenberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 10:36:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Cancel Culture]]></category>
		<category><![CDATA[Israelkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zur Pandemie-Abwehr sind zur Zeit öffentliche Vortragsveranstaltungen in Präsenzform kaum möglich – wir haben uns daran gewöhnt. Völlig inakzeptabel ist es aber, wenn unabhängig von Corona-Auflagen Veranstaltungen behindert oder verboten werden, die sich kritisch mit israelischer Politik auseinandersetzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Zur Pandemie-Abwehr sind zur Zeit öffentliche Vortragsveranstaltungen in Präsenzform kaum möglich – wir haben uns daran gewöhnt. Völlig inakzeptabel ist es aber, wenn unabhängig von Corona-Auflagen Veranstaltungen behindert oder verboten werden, die sich kritisch mit israelischer Politik auseinandersetzen.</p></blockquote></div>
<p>Den Blick auf den israelischen Part im Israel-Palästina-Konflikt zu lenken, bewirkt hierzulande nicht selten den Vorwurf des Antisemitismus. Ab 2012 und verstärkt seit 2017 sind mehr als 120 Fälle bekannt, in denen mit dem Etikett „Antisemitismus“ diejenigen gebrandmarkt werden, die Kritik an der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland formulieren, die drastischen Einschränkungen des Lebens im Gazastreifen ansprechen oder die Frage nach israelischem Unrecht gegenüber palästinensischen Bewohnern des Landes im Zuge der Staatsgründung (Nakba) stellen.</p>
<p>Antisemitismusbeauftragte, Arbeitskreise für den christlich-jüdischen Dialog, jüdische Gemeinden, Einzelpersonen und staatliche oder kirchliche Institutionen reagieren dann häufig mit Antisemitismus-Vorwürfen. Bundesweite Aufmerksamkeit erregte z.B. 2018 das Verbot des Vortrags „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“, den der Journalist Andreas Zumach in München geplant hatte. Auch zwei Veranstaltungen zum Israel-Palästina-Konflikt im Landesverband Pfalz-Saar der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland (EAiD) waren im Sommer 2019 betroffen.</p>
<h2>Ein Blick auf Hintergründe</h2>
<p>Der israelische Historiker Moshe Zuckermann geht in seinem Vorwort zu Abraham Melzers <em>Die Antisemitenmacher oder wie Kritik an der Politik Israels verhindert wird </em>(2017) auf einige Hintergründe für diese Entwicklungen ein und erkennt Wurzeln für diese Form von Antisemitismus-Vorwürfen…</p>
<ol>
<li>in der „bis ins Rigorose gesteigerten Israelliebe“, mit der in jüdischen Gemeinden im Deutschland der 1950/60er Jahre Schamgefühle kompensiert wurden, die wegen des Bleibens im Land der Holocaust-Täter aufkamen und zu Vorwürfen jüdischer Gemeinden im Ausland führten. Kritik an israelischer Politik stieß auf heftige Abwehr und wurde mit Antisemitismus gleichgesetzt, eine Haltung, die seitdem immer wieder öffentliche Stellungnahmen jüdischer Gemeinden in Deutschland prägt.</li>
<li>die pekuniäre „Wiedergutmachung“ deutscher Schuld an Juden im Holocaust, die zu Beginn überwiegend durch Zahlungen an den Staat Israel geschah – eine Gleichsetzung des Judentums mit dem Staat Israel.</li>
</ol>
<p><strong>Das besondere deutsch-israelische Verhältnis</strong></p>
<p>Darüber hinaus spielt auch das besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel eine Rolle, das durch beiderseitige Besuche, kulturellen Austausch, wirtschaftliche Kooperation und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Mai 1965 gewachsen ist. Nach dem Holocaust war damit nicht zu rechnen – ein Grund für große Dankbarkeit! Bundeskanzlerin Merkel formuliert dafür das Leitbild bei ihrer Rede in der Knesset am 18.03.2008 und ordnet die historische Verantwortung für Israel als Teil der Staatsräson Deutschlands ein: „Die Sicherheit Israels ist für mich … niemals verhandelbar“. Dieses Leitbild prägt die deutsche Innen- und Außenpolitik in ihren Bezügen zu Israel, wird von führenden deutschen Medien mitgetragen und durch Stellungnahmen aus der Evangelischen Kirche unterstützt, in denen die Bildung des Staates Israel als ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk interpretiert wird. Vor diesem Hintergrund findet Kritik an politischem Handeln Israels öffentlich kaum statt.</p>
<p>Doch nach wie vor sind in Deutschland antisemitische Haltungen, Äußerungen und Aktivitäten präsent und steigen an im Zusammenhang mit der weltweiten Ausbreitung von Populismus, Rechtsextremismus, Rassismus und Verschwörungsideologien. Zur Bekämpfung von Antisemitismus werden deshalb Antisemitismusbeauftragte auf Bundes- und Landesebene eingesetzt, auch in den Kirchen.</p>
<p>Für die Definition von Antisemitismus wird die Formulierung der IHRA genutzt.</p>
<p>Für die nähere Definition von Antisemitismus nutzen sie meist die Formulierung des „International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA)“ von 2016: „Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ Israelkritik gilt als antisemitisch, wenn es sich um <strong>D</strong>elegitimierung (Existenzrecht Israels abstreiten), <strong>D</strong>ämonisierung (Israel ist an allem Übel der Welt schuldig) oder um Anwendung <strong>D</strong>oppelter Standards (andere Staaten werden anders beurteilt) handelt (<strong>3-D</strong>-Regel). Die Bundesregierung übernimmt 2017 diese Definition mit der Erweiterung „Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein“ – ein Zusatz, mit dem jede Kritik am Handeln dieses Staates unter Verdacht gestellt werden kann.</p>
<p>Der Deutsche Bundestag nimmt diese Grundgedanken auf und ordnet im Mai 2019 die BDS-Kampagne („Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen“) als antisemitisch ein. Israelkritische Veranstaltungen in Deutschland entsprächen den Zielen von BDS, sollen finanziell nicht mehr unterstützt und die Vergabe von öffentlichen Räumen soll eingestellt werden. Die internationale BDS-Bewegung propagiert bekanntlich Sanktionen gegenüber dem Staat Israel wegen dessen Menschenrechtsverletzungen gegenüber Palästinensern und fordert eine Änderung seiner Politik. Veranstalter von israelkritischen Positionierungen weisen diese Bundestags-Entscheidung zurück (auch mit Unterstützung aus der EU) und sehen darin eine gezielte Einflussnahme der israelischen Regierung, die BDS als antisemitisch einordnet, weil sie das Existenzrecht des Staates Israel verneine.</p>
<p><em><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p></em>Israel-Kritiker sehen in den Antisemitismus-Vorwürfen die Meinungsfreiheit missachtet.<em> </p></blockquote></div><br />
</em></p>
<p>Nach dem Bundestagsbeschluss steigen die Behinderungen und Verbote von israelkritischen Veranstaltungen weiter an – eine Missachtung der Meinungsfreiheit, die im Grundgesetz garantiert ist. An diesem Punkt setzt auch die <a href="https://www.ev-akademiker.de/resolution-zum-konfliktfeld-israelkritik-und-antisemitismusvorwurf/" target="_blank" rel="noopener">Verlautbarung der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland (EAiD)</a> an, die sich zum Thema „Israelkritik und Antisemitismusvorwurf“ äußert. Die EAiD setzt sich dafür ein, dass in der öffentlichen Diskussion in Deutschland auch die Verpflichtung Israels zur Einhaltung des Völkerrechts und der Menschenrechte gegenüber Palästinensern zu thematisieren ist.</p>
<h2>Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA) von März 2021</h2>
<p>Die Antisemitismus-Definition der IHRA hat dem Kampf gegen Antisemitismus eher geschadet als genutzt. Durch ihre unklaren Begrifflichkeiten ruft sie falsche Anschuldigungen hervor, die dem Antisemitismus Vorschub leisten können. Große Erwartungen sind deshalb mit der „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ (JDA) verbunden, die im März 2021 von zahlreichen renommierten Wissenschaftlern aus der ganzen Welt, auch aus Israel, vorgelegt wurde und die IHRA-Definition zum Wesen des Antisemitismus präzisiert. Die JDA verfolgt zwei Ziele: „1. den Kampf gegen Antisemitismus zu stärken, indem wir definieren, was Antisemitismus ist und wie er sich manifestiert, und 2. Räume für eine offene Debatte über die umstrittene Frage der Zukunft Israels/Palästinas zu wahren“.</p>
<p>Die neue Definition von Antisemitismus lautet nun: „Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische)“. Mit allgemeinen Leitlinien wird zunächst antisemitisches Verhalten gekennzeichnet (z.B.  Leugnung des Holocaust, Angriffe auf Juden oder Synagogen). Darauf folgen Beispiele für Kritik an Israel, die antisemitisch sind (z.B. Juden kollektiv für politisches Handeln Israels verantwortlich zu machen). Schließlich werden fünf Beispiele aufgeführt, in denen Israelkritik nicht per se als antisemitisch einzuordnen ist (z.B. Forderung nach Gerechtigkeit für Palästinenser entsprechend Völkerrecht, faktenbasierte Kritik an Israel als Staat). Der Deutsche Bundestag wäre gut beraten, seinen Beschluss von 2019 auf der Grundlage der JDA zu überdenken! Die JDA ist im Übrigen im Internet leicht zu finden!</p>
<p>Die Verunglimpfung von Kritik am politischen Handeln des Staates Israel kann nicht wie bisher weitergeführt werden! Das zeigt sich z.B. auch daran, dass kürzlich sogar Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter in Baden-Württemberg, durch das Simon-Wiesenthal-Zentrum (USA) zu einem der TOP-TEN-Antisemiten dieser Welt ernannt wurde – der Einordnung wurde umgehend widersprochen, z.B. vom Zentralrat der Juden in Deutschland. So wird klar, dass die Brandmarkung sachlicher Israelkritik als Antisemitismus an ihr Ende gelangt ist. Ein Ende im Israel-Palästina-Konflikt ist allerdings noch nicht in Sicht – deshalb müssen Diskussionen um Menschenrechtsverletzungen in Israel weitergeführt werden: auf der Grundlage der JDA, sachlich und ohne Behinderungen.</p>
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		<title>Abschiedsrituale im stationären Hospiz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Laura Brand]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Feb 2022 10:34:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Hospiz]]></category>
		<category><![CDATA[Rituale]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Trauer]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Hospiz-Bewegung will Menschen in ihren Einrichtungen Zeit und Raum für Sterben, Tod und Trauer geben. Eine wichtige Rolle spielen dabei innovative und individuelle Abschiedsrituale.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Hospiz-Bewegung will Menschen in ihren Einrichtungen Zeit und Raum für Sterben, Tod und Trauer geben. Eine wichtige Rolle spielen dabei innovative und individuelle Abschiedsrituale.</p></blockquote></div>
<p>Menschliches Leben ist zeitlich begrenztes Leben. Unser irdisches Dasein vollzieht sich unter der Bedingung der eigenen Sterblichkeit. Der Tod gehört zum Leben dazu und niemand kann uns den Tod abnehmen. Wir werden auch nicht gefragt, ob wir sterben wollen oder nicht. Der Tod ist unausweichlich und unvermeidbar.</p>
<p>Darüber hinaus ist der Tod ebenso wie das Leben nie nur Privat-, sondern immer auch soziale Tatsache. Vom Tod des Anderen ist auch unser eigenes Dasein betroffen. Er fordert von uns Hinterbliebenen, mit dem irreversiblen Verlust einer für uns bedeutsamen Person fertig zu werden. Diese Forderung stellt der Tod in einer Radikalität, die weder im Vorhinein vorstellbar noch im Nachhinein begreifbar ist. Dass das Seiende nicht mehr ist, bleibt uns fremd und ist uns doch ureigen.</p>
<h2>Endlichkeit als individuelles Problem in der modernen Gesellschaft</h2>
<p>In der Gesellschaft, in der wir leben, ist der Tod, obwohl er eine soziale Dimension hat, zum individuellen Problem geworden. Zwar wird gegenwärtig viel über den Tod gesprochen – in den Medien ist er nicht zuletzt aufgrund der Covid-19-Pandemie täglich präsent – doch gibt es keine kollektiven Deutungs-, Kommunikations- und Handlungsmuster mehr. Im Umgang mit der Endlichkeit ist der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Anders als in traditionalen Gesellschaften gibt es keine kollektiven Trauerrituale oder allgemeingültigen Todesdeutungen mehr. Das Waschen, Ankleiden, Herrichten und Aufbahren des Leichnams, das Schließen der Augen und des Mundes, das Öffnen des Fensters, die Aussegnung, das Läuten von Totenglocken, der Trauerprozessionszug, das Tragen spezifischer Trauerkleidung ebenso wie die kirchliche Bestattung haben an Bedeutung verloren. Die einzelne Person sieht sich zur Bewältigung der Situation mit sich selbst konfrontiert. Sie kann nicht bzw. kaum auf Erfahrungen aus der Vergangenheit oder bewährte Sozialformen zurückgreifen. Im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer fehlen sie.</p>
<h2>Professionalisierung der Sterbe- und Trauerbegleitung</h2>
<p>Eine daraus resultierende Entwicklung spiegelt sich in der zunehmenden Professionalisierung der Sterbe- und Trauerbegleitung wider. Neben der Entstehung von Bestattungsunternehmen und -instituten seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. spielt dabei die Hospizbewegung, die sich seit Ende des 20. Jh. in Deutschland etabliert, eine zentrale Rolle. Damit verbunden ist nicht nur eine Professionalisierung der Sterbebegleitung, sondern auch eine Pluralisierung der professionellen Trauerwelt. Die hier geleistete Trauerarbeit ist nicht selten mit dem Angebot innovativer ritueller Sozialformen verknüpft, die das Fehlen einer eingeübten sozialen Praxis am Lebensende kompensieren. Rituale spielen dabei insbesondere in der Situation unmittelbar nach dem Tod für den Prozess des Abschiednehmens der An- und Zugehörigen von der verstorbenen Person eine zentrale Rolle. Sie helfen, die Verlegenheit und Unsicherheit der Lebenden in der Gegenwart des verstorbenen Menschen auszuhalten. Sie bieten Ausdrucksmöglichkeiten in Situationen, die Sprachlosigkeit sowie Gefühle der Machtlosigkeit und Passivität hervorrufen. Rituale können gestaltet, müssen aber nicht neu erfunden werden.</p>
<h2>Zeit und Raum für Sterben, Tod und Trauer</h2>
<p>Im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer grenzt sich die Hospizbewegung von anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens ab, in denen der Sterbeprozess physiologisch-medizinisch fokussiert und der Tod weitgehend tabuisiert wird. Er erscheint im kurativ orientierten medizinischen System nicht nur als Störfall, sondern wird in Krankenhäusern (Palliativstationen sind hiervon ausgenommen) auch insofern strukturell verdrängt, als häufig zeitliche und räumliche Ressourcen fehlen. Oft sind hier eine Aufbahrung im Zimmer, eine umfassende Versorgung des Leichnams und Angebote für die Hinterbliebenen nur begrenzt möglich.</p>
<p>Im stationären Hospiz wiederum ist nicht nur der Tod die Rahmenbedingung, sondern auch Zeit und Raum für Sterben, Tod und Trauer. Menschen, die ins Hospiz kommen, haben eine Erkrankung, die zum Tod führt. Das Behandlungsziel ist bei ihnen nicht mehr kurativ, sondern palliativ. Der Tod des jeweiligen Hospizgastes scheint so bereits bei dessen Einzug als Perspektive auf, wenngleich in Ausnahmefällen eine Entlassung möglich ist. Anders als im Krankenhaus (Palliativstationen sind hiervon ausgenommen) wird das Sterben hier als ein vieldimensionaler Prozess wahrgenommen und entsprechend multiprofessionell begleitet. Die medizinische Perspektive ist dabei eine neben drei weiteren Dimensionen. Sowohl in der Sterbe-, als auch in der Trauerbegleitung wird die einzelne Person ganzheitlich betrachtet und in ihrer Individualität wahr- und ernstgenommen. Die Strukturen werden so an den einzelnen Menschen angepasst, nicht umgekehrt.</p>
<h2>Entwicklung von Abschiedsritualen als kreative Sozialformen</h2>
<p>Im Blick auf die Rituale, die hier entwickelt werden, bedeutet dies, dass sie trotz Anschein des starren Konventionellen dynamisch und individualisiert sind. Für die Aufbahrung, die im stationären Hospiz an Bedeutung gewinnt, wird nicht nur der Leichnam individuell hergerichtet, sondern auch das Zimmer dekoriert: Bis zu 36 Stunden darf der Leichnam im Hospiz in NRW aufgebahrt werden. Die Hinterbliebenen haben in dieser Zeit die Möglichkeit, von der verstorbenen Person am Sterbebett im Zimmer Abschied zu nehmen. Ihre Trauer hat hier ihren Ursprungsort. Der Leichnam wird somit weder in eine Leichenhalle, einen Abschiedsraum oder an einen anderen Ort überführt. Er wird in dem Zimmer aufgebahrt, in dem der verstorbene Mensch seine letzten Tage, Wochen oder Monate zu Lebzeiten verbracht hat.</p>
<h2>Dekoration des Sterbezimmers</h2>
<p>Blieb den Hospizmitarbeiter*innen Zeit, die Person näher kennenzulernen, wird das Zimmer nach dessen Versterben entsprechend dekoriert: War jemand Fan einer bestimmten Fußballmannschaft, hat sich gerne um seine Pflanzen auf dem Balkon oder im Garten gekümmert, abends ab und zu ein Glas Wein getrunken, mit Vorliebe eine bestimmte Musik gehört oder noch im fortgeschrittenen Alter mit Flamenco Tanz begonnen, spiegelt sich das auch in der Dekoration des Zimmers wider. Mit einem Fußballtrikot der Lieblingsmannschaft liegt die verstorbene Person im Bett, auf dem Bett liegen Blütenblätter verstreut, auf dem Nachttischschränkchen steht ein Weinglas und ein Bilderrahmen mit dem Foto eines Tanzpaares. Über Lautsprecherboxen wird eines der Lieblingslieder gespielt.</p>
<h2>Persönliche Abschieds-Liturgie</h2>
<p>In vielen Einrichtungen wird den Hinterbliebenen von den Hospizmitarbeiter*innen eine Verabschiedung im Zimmer der verstorbenen Person angeboten. Dieser geht eine Art Prozession hin zum Zimmer voraus und schließt sich eine Form des klassischen Leichenschmauses an. Der Ablauf erinnert zwar an die Liturgie einer traditionell kirchlichen Aussegnung, die konkrete Praxis sieht dann aber doch anders aus. Die Hinterbliebenen entscheiden über die Musik, die zum Ein- und Ausgang gespielt bzw. gesungen wird. Sie schlagen Texte vor, die vorgelesen werden, formulieren Fürbitten und Abschiedsworte an die verstorbene Person, die im Ritual laut oder leise ausgesprochen werden. Immer wieder werden sie ermutigt, den verstorbenen Menschen nochmal zu berühren. Trauer wird sinnlich erfahren.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Mit einem Fußballtrikot der Lieblingsmannschaft liegt der Verstorbene im Bett.</p></blockquote></div>
<p>Die Hinterbliebenen sollen begreifen, dass die Person mit dem Fußballtrikot im Bett und dem Weinglas auf dem Nachttischschränkchen nicht schlafend, sondern tot ist. Die Haut der verstorbenen Person ist gräulich weiß und fühlt sich kalt an. Sie reagiert weder auf Worte oder Berührungen, noch auf andere Reize. Mit verschlossenen Augen und Mund liegt sie reglos da und antwortet nicht. Und trotzdem wird die Situation im Ritual so inszeniert, als ob sie noch da und so eine lebendige Gemeinschaft zwischen Lebenden und Toten möglich sei. Ihr Körper ist ja auch noch da. Hier ist nochmal die Möglichkeit, sich auszusprechen, nochmal einen Kuss zu geben, die Wange zu streicheln und schließlich ›Tschüss‹ zu sagen.</p>
<h2>Der Sinn innovativer ritueller Sozialformen</h2>
<p>Wie wichtig dieses persönliche Abschiednehmen nach dem Tod für den Trauerprozess der Hinterbliebenen ist, wurde nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den Maßnahmen infolge der Covid-19-Pandemie wiederholt betont. Durch die Abstandsregelungen waren Körperberührungen verboten. Die Besucherzahl wurde beschränkt, sodass entweder mehrmalige oder gar keine Abschiedsrituale mehr mit Hinterbliebenen durchgeführt wurden. Manche Rituale wurden angepasst, andere wurden neu entwickelt. Es wird sich zeigen, welche sich bewährt und Bestand haben, welche lebendig bleiben und welche nicht und wo – so bald wie möglich – wieder auf die „vorpandemische“ Praxis zurückgegriffen wird.</p>
<p>Im stationären Hospiz spiegelt sich diese Bedeutsamkeit in den vielfältigen Abschiedsritualen unmittelbar nach dem Tod eines Hospizgastes wider. Im gleichzeitigen Rückgriff auf Traditionen und dem Einbezug individueller Wünsche der Hinterbliebenen wird hier durch innovative rituelle Sozialformen versucht, einen „guten“ Umgang mit Tod und Trauer zu finden.</p>
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