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	<title>evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Christian Thielscher: Wirtschaft und Gerechtigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jonas Hauschildt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 12:34:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Egal, ob es um Löhne, Hungersnöte, Sozialleistungen oder Folgen der Klimakrise geht: In vielen Bereichen treffen ökonomische Zusammenhänge und Vorstellungen von Gerechtigkeit aufeinander. Es liegt also nahe, dass Christian Thielscher die Sphären Wirtschaft und Gerechtigkeit miteinander ins Gespräch bringt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/COVER_Thielscher_Wirtschaft-Gerechtigkeit.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-6983 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/COVER_Thielscher_Wirtschaft-Gerechtigkeit-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/COVER_Thielscher_Wirtschaft-Gerechtigkeit-211x300.jpg 211w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/COVER_Thielscher_Wirtschaft-Gerechtigkeit.jpg 300w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a>Springer Gabler, 2022, IX, 268 S., 19,99 EUR, E-Book 14,99 EUR</strong></p>
<p>Egal, ob es um Löhne, Hungersnöte, Sozialleistungen oder Folgen der Klimakrise geht: In vielen Bereichen treffen ökonomische Zusammenhänge und Vorstellungen von Gerechtigkeit aufeinander. Es liegt also nahe, dass Christian Thielscher die Sphären <em>Wirtschaft und Gerechtigkeit</em> miteinander ins Gespräch bringt. Sein Ziel ist dabei ambitioniert: Er möchte eine präzise, (ökonomisch) anwendbare und naturwissenschaftlich fundierte Gerechtigkeitstheorie ausarbeiten.</p>
<p>Im ersten Teil widmet sich Thielscher aber zunächst recht ausführlich neoklassischer Wirtschaftstheorie. Dabei macht er deutlich, dass dort Gerechtigkeitserwägungen praktisch ausgeschlossen bleiben, da „die unsichtbare Hand des Marktes“ ja <em>per definitionem </em>alles gerecht zuteile. Allerdings werde dies der Realität – v.a. wegen der Komplexität menschlichen Verhaltens – nicht gerecht, weshalb es neuer wirtschaftswissenschaftlicher Modelle bedürfe. Im zweiten Teil entwirft er ein Modell von Gerechtigkeit als der moralischen Verteilung von Gütern. Wo Gerechtigkeit eine Rolle spielt, gebe es immer eine Seite („Machthaber“), die einer anderen („Empfänger“) etwas zuteile. Als gerecht gälten Zuteilungen, die auf Bedarf, Leistung oder Vertrag Rücksicht nähmen; diese Trias sieht Thielscher durch medizinische Forschung nachgewiesen. Im dritten Teil markiert er dann, wie das skizzierte Gerechtigkeitsmodell helfe, vor allem ökonomische Gerechtigkeitsprobleme zu entscheiden.</p>
<p>Insgesamt ist der große Anspruch des Buches doch etwas <em>zu</em> umfassend. So stellt sich etwa die Frage, ob die von Thielscher reklamierte präzise Füllung des Gerechtigkeitsbegriffs überhaupt ein mögliches Resultat ist: Gehört es nicht zum Kern dieses Begriffes, dass er strittig bleibt und zu Diskussionen und Aushandlungsprozessen Anlass gibt? Naturwissenschaftliche Fixierungen helfen nur auf den ersten Blick weiter. Zugleich bringt Thielscher verschiedene Aspekte von Gerechtigkeit auf anregende Weise in eine Ordnung, die tatsächlich für die Analyse ökonomischer Zusammenhänge hilfreich erscheint. Und nicht zuletzt kann man viele interessante Probleme in Theorie und Praxis unseres Wirtschaftssystems kennenlernen.</p>
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		<title>Manfred Tiemann: The Bible comes from Hollywood</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Inge Kirsner]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 12:28:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus]]></category>
		<category><![CDATA[Jesusfilm]]></category>
		<category><![CDATA[Kino]]></category>
		<category><![CDATA[Kinofilm]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine lohnende Reise vom Stummfilm zum Blockbuster, deren Stationen im vorliegenden Werk mit enormer Sachkenntnis zusammengefasst wurden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tiemann-Bibelfilme.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6985 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tiemann-Bibelfilme-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tiemann-Bibelfilme-200x300.jpg 200w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tiemann-Bibelfilme.jpg 300w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" data-smartcrop-focus="[49,21]" /></a>Vandenhoeck &amp; Ruprecht, Göttingen 2022, 352 S., 29,00 EUR</strong></p>
<p>„Action, Horror, Fantasy, Romanze, Kostümdrama und mit der Apokalypse sogar Science-Fiction plus Charaktere, die ›larger than life‹ sind – das alles steckt in der Bibel, ihre seit Jahrtausenden bewährten Erzählungen waren stets eine Fundgrube für das Kino“. Mit diesem Zitat der Filmkritikerin Anke Westphal (BZ 25.3.16) eröffnet Manfred Tiemann sein Werk <em>The Bible comes from Hollywood</em>, in dem er detailliert „the best of“ 125 Jahre Bibelfilme vorstellt.</p>
<p>Es ist zugleich die inhaltliche Fortsetzung und Vertiefung seines Jesusfilm-Buches <em>Jesus comes from Hollywood</em> von 2002 und verfolgt werden drei Ziele: Anhand von Themenfeldern gibt der Autor Hinweise zu unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten der vorgestellten Bibelfilme, er liefert eine Filmreise, die den Zeitraum von 1897 (erste Stummfilmsequenzen aus Oberammergau) bis 2020 („Das neue Evangelium“ von Milo Rau und „A Black Jesus“ von Luca Lucchesi) abdeckt und er möchte zum interreligiösen Dialog anregen, indem er auf alt- wie neutestamentliche Figuren hinweist, die in den Koran aufgenommen und aus islamischer Sicht verfilmt wurden.</p>
<p>Entstanden ist die reiche Fundgrube eines Kompendiums, das sich als Nachschlagewerk eignet, zumal es noch mit einem abschließenden Registerteil versehen ist. Unbedingt lesenswert ist die lange schon ausstehende Herausarbeitung des Antisemitismus und Antijudaismus in neueren Bibelfilmen wie „Passion 2.1“ (D 2021) und in älteren wie dem (Film-)Musical „Jesus Christ Superstar“ sowie der sog. „Kirch-Film-Bibel“. Mitunter hätte man sich dabei die Vertiefung einzelner Aspekte gewünscht; und vielleicht teilt man die Zuversicht nicht unbedingt, dass Bibelfilme auch in Zukunft als Garant für hohe Besucherzahlen im Kino und TV-Einschaltquoten gelten (S. 20). Dennoch lohnt sich diese Reise vom Stummfilm zum Blockbuster, deren Stationen im vorliegenden Werk mit enormer Sachkenntnis zusammengefasst wurden.</p>
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		<title>Bruno Latour, Nikolaj Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 12:25:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Klimakrise]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie entsteht eine „ökologische Klasse“ mit einem entsprechenden Klassenbewusstsein, das zu einem konsequenten ökologischen Einsatz motiviert? So wie einst die Arbeiterklasse sozialen und politischen Fortschritt erkämpfte, bedarf es auch einer Massenbewegung, die den Klimawandel stoppt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Latour-Oekologische-Klasse.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6982 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Latour-Oekologische-Klasse-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Latour-Oekologische-Klasse-188x300.jpg 188w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Latour-Oekologische-Klasse.jpg 300w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a>edition suhrkamp, Frankfurt 2022, 93 S., 14,00 EUR, E-Book 13,99 EUR</strong></p>
<p>Wie entsteht eine „ökologische Klasse“ mit einem entsprechenden Klassenbewusstsein, das zu einem konsequenten ökologischen Einsatz motiviert? So wie einst die Arbeiterklasse sozialen und politischen Fortschritt erkämpfte, bedarf es auch einer Massenbewegung, die den Klimawandel stoppt. Im Vergleich dazu ähneln die Aktionen der „Letzten Generation“ den Regentänzen der amerikanischen Ureinwohner – ehrenwert, die rituelle Gemeinschaft stärkend, aber im Blick auf das Ziel wirkungslos.</p>
<p>Das destabilisierte Erd- und Klimasystem zeigt der ökologischen Klasse das Ziel ihres Kampfes an, nämlich „die Welt, von der wir leben, mit der Welt, in der wir leben“ wieder in Einklang zu bringen. Es kann also nicht länger allein um die Reproduktion der Menschenwesen gehen, sondern um die der Lebewesen – und damit um die Überwindung unseres Weltbildes: die „Natur“ als ein Außen zu sehen, das unserer Verwertung (als Ressource) obliegt; wir sind aber nicht ihre Besitzer, wir <em>sind</em> Natur, sie besitzt uns. In dieser Hinsicht allerdings war das Bewusstsein besagter Ureinwohner durchaus aufgeklärt und modern.</p>
<p>Verloren ging es, weil (der alt-)moderne Fortschrittsgedanke auf die Produktion und ein permanentes Wachstum fokussiert war. Die „ökologische Klasse“ steht vor der Erkenntnis, dass das (kapitalistische) Produktionssystem ein Zerstörungssystem ist. Während diese Ökonomie Ressourcen plündert, fordern die Autoren „eine Ökonomie, die in der Lage ist, sich zurückzuwenden in Richtung des Erhalts der Bewohnbarkeitsbedingungen der terrestrischen Welt“.</p>
<p>Klassenbewusstsein entsteht in der persönlichen Auseinandersetzung mit der Frage, welcher Denkweise ich mich anschließe. Im Kriegszustand mit der Natur sind „wir zugleich Opfer und Komplizen“.</p>
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		<title>Vater unser</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 12:09:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Gebet]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Vaterunser]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christenheit. Es wird weltweit verbindend über alle Denominationen hinweg gesprochen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet der Christenheit. Es wird weltweit verbindend über alle Denominationen hinweg gesprochen.</p></blockquote></div>
<p>Das Vaterunser ist das bekannteste und das am weitesten verbreitete Gebet der Christenheit. Es wird in Ost und West, in Nord und Süd in fast jedem Gottesdienst gesprochen. Millionen von Menschen beten so täglich zum Morgensegen und zum Abendsegen. Nicht selten häufiger. Das Vaterunser gilt neben den Psalmen als das jüdischste Gebet der christlichen Welt, welches ganz ähnlich ein Rabbi sprechen könnte. Seit den Ursprüngen verbinden diese Gebetsworte unzählige Generationen im selben Geist. Nicht wenigen gelten sie als die kompakteste Zusammenfassung dessen, was Jesus lehrte. Es lohnt sich also, immer wieder neu zu prüfen und immer neu auszuschöpfen, was mit dem Vaterunser gesagt ist.</p>
<h2>Abba – das Gebet Jesu</h2>
<p>„Und es begab sich, dass er an einem Ort betend war“, erzählt das Lukasevangelium, und als er geendet hatte, entsteht aus dem Jüngerkreis die Bitte: „Herr, lehre uns beten“. Worauf Jesu Antwort lautet: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater…“ (Lk 11,1)</p>
<p>Schon die Vater-Anrede ist ein Signal. Zu Recht wird von Auslegern aller Zeiten betont wie ungewöhnlich, markant und auch wie ursprünglich diese Gebetsanrede klingt. Denn die Wortwahl „Abba“ entspricht tatsächlich der erwartungsvoll-vertrauensvollen oder ängstlich-fragend, rufenden Vateranrede des – am Anfang vielleicht nur stammelnden – kleinen Kindes. Im Deutschen kommt „Papa“ dem durchaus nahe.</p>
<p>Die allgemeinere Gottesanrede Vater ist auch sonst in Israel und in der Zeit des Alten Orients belegt (vgl. z.B. nur Ps 89,27). Wie prägend Jesu Anrede schon als solche ist, lässt sich noch zwei weiteren Stellen des Neuen Testaments entnehmen, wenn dort eben dieses aramäische Wort Abba mitten im griechischen Text verwendet ist: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm 8,15) Sowie: „Gott sandte den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater.“ (Gal 4,6) Beide Stellen dürften direkt auf die Gebetspraxis des Vaterunsers in der Urgemeinde zurückweisen.</p>
<h2>Die sieben Namen Gottes</h2>
<p>Zu den verschiedenen Bezeichnungen und Namen Gottes im alten Israel, wie: der Höchste, der Lebendige, der Seiende / „ich bin“, der Ewige, der Heilige, die nicht zuletzt eine unüberwindliche Distanz im Gegenüber von Gott und Mensch zum Ausdruck bringen, tritt also mit Abba ein Wort, das eine ungeheure Nähe aussagt.</p>
<h2>Vater unser</h2>
<p>Das „unser“ ist eine „Attacke auf die Einsamkeit“ (Okko Herlyn: <em>Das Vaterunser</em>. 3. Aufl. 2020). Indem der Beter und die Beterin nicht eingrenzend <em>mein</em> Vater sagt – obwohl je nach Situation auch diese Gottesanrede möglich ist –, sondern <em>unser</em>, ist der weite Horizont der Gemeinschaft enthalten, in den man sich mit dem Herrengebet stellt: Das Vaterunser spricht man nie alleine. Zeitgleich (ganz real) und zeitlich nach vorne wie zeitlich zurück weisend sprechen es stets viele andere Beterinnen und Beter, gleichlautend, gleichsinnig, mit.</p>
<h2>im Himmel</h2>
<p>Während im „unser“ (so der Gebetseingang im Matthäusevangelium) der genannte Aspekt der Nähe enthalten ist, markiert „im Himmel“ die bleibend respektvolle Distanz. Dass der Vater<em> im Himmel </em>ist, ist gleichwohl für einen Beter im Alten Orient pure Selbstverständlichkeit. Und dass es <em>unser </em>Vater ist, ergibt sich ja, sobald es mehr als einen Beter gibt. Beide Ergänzungen zu „Vater“, die wir in der Matthäusfassung (Mt 6,9-13) finden, sind insoweit inhaltsgleich zur Lukasfassung und sagen genau dasselbe. Nur ist es einmal empathisch kürzer (Abba!), einmal präzisierend ausführlicher gesagt.</p>
<p>In der kompakten Fassung bei Lukas (Lk 11,2-4) lautet das Gebet:</p>
<p><em>Abba! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.</em></p>
<p>Die etwas längere Fassung bei Matthäus könnte darauf hinweisen, dass hier eine Gebetsfassung vorliegt, wie sie etwa in Gemeindeversammlungen gebetet wurde. Wir finden bei Matthäus noch zwei weitere Ergänzungen, die ebenfalls erklärend ausführen, was in der kürzeren Lukasfassung schon enthalten ist (siehe unten). Versteht man das Vaterunser weniger als eine Formel, die aufgesagt werden soll („Ihr sollt nicht plappern“), sondern als eine intendierte Gebetsanleitung („So und um diese Dinge bittet“) dann zeigt das Vaterunser auch darin seinen Charakter als eine <em>Themensammlung</em> (Günter Unger), die zu einer intensiven Beschäftigung mit eben dem in den Bitten Thematisierten führen will. Im Sinne von: Wenn ihr betet, dann legt eurem Vater im Himmel diese Angelegenheiten mit großer Ernsthaftigkeit und mit vollem Zutrauen der Erhörung vor! Dass dann je nach individueller Lage, einmal diese, einmal jene Bitte dringlicher ist, stärker betont, und auch mit mehr und noch weiteren Worten vor den himmlischen Vater getragen wird, versteht sich beinahe von selbst, liegt sicher innerhalb der Intention, und entspricht dann exakt einem Vertrauensverhältnis wie dem des Kindes zu seinem Vater.</p>
<h2>Geheiligt werde Dein Name</h2>
<p>Die Bitte um die Heiligung des Namens Gottes ist für Beter in Israel so allgemeingebräuchlich und selbstverständlich (vgl. etwa das aramäische Kaddischgebet „&#8230;geheiligt werde&#8230;“), dass sie uns zuallererst und vor allem zeigt, wie tief und selbstverständlich Jesu Gebetspraxis in der jüdischen Welt verwurzelt ist. Heiligkeit und Heiligung des Namens sind ein verbreitetes Motiv (Ps 103,1 u.a.).</p>
<h2>Dein Reich komme</h2>
<p>Auch die Bitte <em>Dein Reich komme</em> nimmt direkt ein frühjüdisches, altbekanntes Thema auf. Mit dem Königtum JHWHs, dem „Reich Gottes“ erscheint zugleich einer der viralsten Inhalte der Botschaft Jesu. Damit befinden wir uns mitten im Zentrum der ersten Christenheit (vgl. Eduard Lohse: <em>Vater unser</em>. 2./4. Aufl. 2012, hervorgegangen aus dem Festvortrag zur Verleihung des Leopold-Lucas-Preises 2007, durchgehend mit Bezug zur jüdischen Gebetspraxis z.B. im Achtzehnbittengebet). Letztlich verweisen alle Gebetsbitten des Vaterunsers indirekt oder direkt in die Worte und Taten Jesu, wie sie uns die Evangelien berichten. Manche Ausleger führen darum anhand des Vaterunsers in die gesamte Botschaft Jesu ein: Das Herrengebet bündelt Jesu Wort und Werk, so dass man wirklich sagen kann, dass hier eine Zusammenfassung der Lehre, Themen und Anliegen Jesu im innersten Reden des Herzens mit Gott vorliegt.</p>
<h2>Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden</h2>
<p>Bei Matthäus folgt auf die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes, die Bitte <em>Dein Wille geschehe</em>. Man kann auch diese Erläuterung wie schon bei der Vateranrede als eine inhaltsgleiche Ergänzung zum Voranstehenden auffassen. Denn: Gottes Reich kommt genau dann und darin, wenn Gottes Wille, wie schon im Himmel, so auch bei uns auf Erden geschieht.</p>
<p>Während klar impliziert ist, dass dann auch der so betende Mensch dem Willen Gottes entsprechen soll und will, ist für den Duktus des Gebetes bezeichnend, dass nicht zuvörderst der Mensch aufgefordert wird: Lass uns Dein Reich aufrichten, lass uns Deinen Willen durchsetzen&#8230;, sondern dass Gott selbst um die Heiligung seines Namens, das Kommen seines Reiches und die Durchsetzung seines Willens gebeten wird. Das gesagt, kann dann auch vom Tun des Menschen und seinem Lebensbereich die Rede sein.</p>
<h2>Unser tägliches Brot gib uns heute</h2>
<p>Dem entspricht die Zweiteilung des Vaterunsers. Nachdem die ersten drei Bitten („Du/Dein“) ganz dem Himmlischen Vater gewidmet sind, erscheint (erst) jetzt mit den Bitten der zweiten Hälfte das „Uns/Unser/Wir“. Tägliches Brot ist dabei mehrdeutig, es kann den Bedarf an Nahrungsmitteln meinen, aber auch im übertragenen Sinn alles was wir brauchen. („Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“)</p>
<h2>Und vergib uns</h2>
<p>Mit Vergebung von Schuld kommt ein weiterer Zentralbegriff der Botschaft Jesu zur Sprache. <em>Erlass uns unsere Sünden</em> (bei Matthäus heißt es: Schuld), <em>wie auch wir vergeben unsern Schuldigern</em>. So wie in Jesu Gleichnis vom Schalksknecht oder mit der von ihm praktizierten Tischgemeinschaft mit den „Sündern“ steht die schöpferische Neuwerdung, die das ganze Leben umkrempeln will, an zentralster Stelle im Gebet des Herrn, das seine Jünger täglich sprechen mögen. Anders als der „Schalksknecht“ (Mt 18,23ff), soll derjenige, der um empfangene Vergebung und um die Gnade eines geschenkten Neuanfangs weiß, auch seinen Mitmenschen verzeihen und diesen immer wieder Neuanfänge gewähren.</p>
<p>Wie oft? Siebenmal? „Siebenundsiebzigmal“, erfährt der Jünger Petrus auf seine Nachfrage (und das im „strengen“ Matthäusevangelium, Mt 18,22). Denn: Der Menschensohn ist nicht eigentlich gekommen, um zu verurteilen (vgl. Joh 12,47). Sondern: Der Menschensohn ist gekommen „zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ So ist das Vaterunser zugleich ein sprechendes Monument und Zeugnis für das, was man die jesuanische Rechtfertigungspraxis (und somit die implizite jesuanische Rechtfertigungslehre) nennen könnte. Die hier im zentralen Lehrgebet der Christenheit eingeprägt wird.</p>
<p>Der Nachsatz <em>wie auch wir vergeben unsern Schuldigern</em>, ist der einzige Satz im ganzen Gebet, der von einem Tun des Menschen spricht. Die Verschränkung „wie Du uns, so wir den anderen“ wird bei Matthäus direkt im Anschluss an das Gebet noch durch zwei ausdrückliche Wiederholungen bestätigt und verstärkt (Mt 6,14f).</p>
<h2>Und führe uns nicht in Versuchung</h2>
<p>Mit der Bitte <em>Führe uns nicht in Versuchung</em>, endet bei Lukas das Gebet. Man könnte die Bitte als direkte Fortführung zum Satz davor verstehen: Bewahre uns davor, von dieser doppelt verschränkten Vergebungsbitte abzuweichen… Bei Matthäus steht ergänzend die Bitte um die <em>Erlösung von dem Bösen</em>.</p>
<p>„Das Gebet des Herrn ist die Zusammenfassung des gesamten Evangeliums“ (Tertullian). Es ist Lehrgebet, Themensammlung und Gebetsanleitung in einem. Mit einem traditionellen Gebetsschluss, wie jedes Gebet im alten Israel beendet wurde, schließt Matthäus ab: „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit.“ Das Amen bekräftigt das ganze Gebet mit einem feierlichen „Fiat“: So sei es, so soll es geschehen.</p>
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			</item>
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		<title>Weiter Raum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Elke Münster]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 11:56:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir alle sind auf weiten Raum gestellt, haben gutes, weites Land vor uns, die Lebenszeit, die uns noch bleibt, die gefüllt sein will, durchschritten sein will, die voll Verheißung ist, wenn auch nicht frei von Angst…]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Du stellst meine Füße auf weiten Raum. (Psalm 31,9)</p></blockquote></div>
<p>Bald wird die Reisezeit wieder anfangen, schon denkt man an Urlaub, an Wegfahren, oder noch besser: Fliegen, jedenfalls ganz weit weg. Alles hinter mir lassen, was einengt, den Alltag, das Büro, die Wäsche. Weiten Raum will ich haben, ein Stück Gegenwelt zu der Eintönigkeit meiner Alltage, drei endlose Wochen am Meer, mit nichts vor mir als den weiten Horizont, wo Erde und Himmel zusammenfließen. Nur eine ganz feine Trennlinie ist da, und der Wind, der mein Gesicht streichelt…Dieser endlos weite Raum, der die Sehnsucht weckt und sie zugleich stillt.</p>
<p>Und darüber der Himmel: Im Sand liegen, den Atem spüren und in den Himmel schauen, zarte Wölkchen im Blau, ab und zu ein Flugzeug hoch oben, klein und silbern, ein weißer Streifen im Blau. Da löst er sich auf und nimmt meinen Tagtraum mit.</p>
<p>Weiter Raum, Raum zum Träumen, Raum zum Kraftschöpfen. Und noch so ein Traumraum, ein alter: Die Wüste, die endlose, der Horizont weit hinausgeschoben, ein Stück Ewigkeit, flirrende Luft über dem Sand, kaum können die Augen den Glanz, die Leere ertragen. Und nachts der Sternenhimmel, ganz nah, mit Händen zu greifen, riesengroß die Sterne in fremden Bildern, kalt und klar. Verheißung von etwas, das nicht in Worte zu fassen ist, kein Wunder, dass Abraham ausgerechnet beim Betrachten des Sternenhimmels von Gottes Verheißung getroffen wird: Schau hinauf ins Weite, was siehst du da? Und auch kein Wunder, dass Gott dem Mose aus dem Dornbusch heraus ein gutes, weites Land verspricht, in dem Milch und Honig fließen – doch der Weg dahin geht durch die Wüste…</p>
<p>Traumräume, zu Geschichten geronnene Träume, und auch geronnene Erfahrung: Wir alle sind auf weiten Raum gestellt, haben gutes, weites Land vor uns, die Lebenszeit, die uns noch bleibt, die gefüllt sein will, durchschritten sein will, die voll Verheißung ist, wenn auch nicht frei von Angst…</p>
<p>Der weite Raum, der uns geschenkt ist – so zwiespältig ist er wie unsere Urlaubserfahrungen mit den weiten Räumen Meer und Himmel und Wüste. Die Endlosigkeit des Meeres, das ewige Rollen der Wellen macht immer auch melancholisch: Wer bin ich denn, im Vergleich zu dieser Weite? Bin ich ihr nicht völlig gleichgültig? Der Himmel so weit weg, und ich nur ein verlorenes Stäubchen in der Weite des Universums – und die Wüste: Ist sie bei aller Schönheit nicht hart und kalt und lebensfeindlich?</p>
<p>Es ist mehr Sehnsucht in solchen Bildern vom weiten Raum als Erfüllung, mehr Frage als Antwort: Wo gehe ich hin? Gehe ich wirklich selber, oder werde ich wie ein Sandkorn vom Wind getrieben? Was habe ich hier eigentlich zu suchen? Wie wird mir die Zukunft entgegenkommen, in immer gleichen Wellen wie das ewige Meer? Wo ist denn noch weiter Raum in meinem Leben?</p>
<p>Wir sind hineingestellt, von Gott hineingestellt in weiten Raum, sagt ein altes Gebet. Kann ich es glauben?</p>
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		<title>Allein mit Gleichgesinnten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 11:50:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppenreisen]]></category>
		<category><![CDATA[Single]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
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					<description><![CDATA[Es gibt inzwischen zahlreiche Urlaubsangebote für Alleinreisende. Auch die Kirchen stellen sich auf die zunehmende Zahl von Singles ein.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Es gibt inzwischen zahlreiche Urlaubsangebote für Alleinreisende. Auch die Kirchen stellen sich auf die zunehmende Zahl von Singles ein.</p></blockquote></div>
<p>Manche lieben es, auch im Urlaub alleine durch die Welt zu streifen. Die Weiten finnischer Wälder oder fast unbewohnte Landstriche in der Mongolei bieten dazu genug Gelegenheit. Und wenn man will, kann man die Gastfreundschaft der Bewohner genießen. Wer nicht alleine unterwegs sein will, für den gibt es spezielle Urlaubsangebote für Singles.</p>
<h2>Einsam im Urlaub</h2>
<p>„Nie wieder!“ So lautete die ernüchternde Bilanz von Petra Mehler nach zwei Woche Sprachferien in Spanien. Die unternehmungslustige Frau lebt seit einiger Zeit wieder allein. Sie überlegte sich, wie sie als Alleinreisende einen interessanten und abwechslungsreichen Urlaub verbringen könnte. Weil die 40-Jährige schon lange vorhatte, Spanisch zu lernen, versuchte sie das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie wählte einen Kurs an einer Sprachschule aus, buchte einen Flug und ein Hotel. Sie hoffte, an der Schule nette Menschen kennenzulernen. Doch alles verlief ganz anders und wurde zur großen Enttäuschung: An der Sprachschule hatte Petra Mehler als blutige Anfängerin Einzelunterricht. Und im Hotel saß sie als einzelner Gast meist am Katzentisch und wurde von den Kellnern oft links liegen zu lassen. „So einsam habe ich mich selten gefühlt“, erinnert sich die Ulmerin.</p>
<h2>Alternative: Gruppenreisen</h2>
<p>Ganz anders ist dagegen ein Urlaub verlaufen mit einer Wandergruppe auf Mallorca. Gelernt aus den Erfahrungen in Spanien, buchte Mehler nämlich eine Gruppenreise. „Das war mein schönster Urlaub“, sagt sie heute. Diesen hatte der Veranstalter Wikinger angeboten, einer der bekannte Anbieter für gut geführte Gruppen. Auch Studiosus und Windrose sind renommierte Anbieter für anspruchsvolle Gruppenreisen. Die Plattform <em>www.singlereisen.de</em> wurde speziell für Alleinstehende entwickelt. Inzwischen haben sich zahlreiche Anbieter mit Gruppenangeboten auf Alleinreisende eingestellt, wie ein Streifzug durch die diesjährige CMT (Caravan, Motor und Touristik), die weltweit größte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit mit 2000 Ausstellern aus rund 100 Ländern, in der Landesmesse Stuttgart zeigt.</p>
<h2>Ein Hotel nur für Singles</h2>
<p>Österreich ist seit Jahren ein besonderes Hotel Anziehungspunkt für Alleinreisende. Ein findiger Hotelier hat nicht nur ein Hotel für Paare, sondern dazu auch noch das nach eigenen Angaben erste Hotel nur für Singles in Europa gegründet. Für Cillina ist alles schon Routine. Allabendlich versammeln sich die Gäste in der Lobby, wo sie Hotelchef Christian Grünbart in Empfang nimmt. Die Frauen und Männer meist mittleren Alters animiert er, beim Abendessen den Platz zu wechseln, um an den speziell für das gegenseitige Kennenlernen entwickelten „Kommunikationstischen“ möglichst viele neue Bekanntschaften zu machen.</p>
<figure id="attachment_6968" aria-describedby="caption-attachment-6968" style="width: 390px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Aviva-Hotel.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6968" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Aviva-Hotel.jpg" alt="Luftbild Single-Hotel Aviva" width="400" height="267" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Aviva-Hotel.jpg 600w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Aviva-Hotel-300x200.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /></a><figcaption id="caption-attachment-6968" class="wp-caption-text">Inmitten von Wäldern und Wiesen liegt das Single-Hotel Aviva (Foto: R. Lang)</figcaption></figure>
<p>Denn schließlich machen die Gäste im abgelegenen Mühlviertel in Oberösterreich Urlaub im „Aviva make friends“ das für sich in Anspruch nimmt, Europas erstes Single-Hotel zu sein. Cillina ist hier Stammgast. Sie gehört zu den Gästen, die seit der Eröffnung des Hotels vor 15 Jahren schon mehr als drei Mal hier waren. Cillina kommt aus Stuttgart, ist 39 Jahre alt und arbeitet in der Autobranche. „Ich möchte ungezwungen Menschen kennen lernen, die in der gleichen Situation sind“, erklärt sie. Sie findet es als Frau immer noch schwierig, als Single zu reisen. Da ernte man mitleidige Blicke, wenn man allein am Tisch sitzt, oder werde von anderen Frauen als Rivalin empfunden.</p>
<p>„Wer im Aviva ankommt, wird dagegen gleich integriert“, sagt Cillina. „Außerdem kann ich hier mein Sportprogramm absolvieren“, betont sie. Einen Partner fürs Leben sucht sie nicht. Sie schätzt vor allem die angenehme Atmosphäre. Vor allem weiß Cillina, was sie erwartet. „Ich komme hierher und lerne viele andere Leute kennen. Das empfinde ich als Bereicherung“, sagt sie. Alles ist ganz ungezwungen. Jeder spricht den anderen mit Vornamen an. Die Stuttgarterin kann sich aber auch sicher sein, „dass ich nicht angebaggert werde“.</p>
<p>Entwickelt hat das Konzept des 2007 eröffneten Hotels ursprünglich der schon verstorbene Werner Pürmeyer. Das Haus steht in St. Stefan-Afiesl allein auf einem Hügel in 1.000 Metern Höhe. Die Glasfassade vermittelt einen avantgardistischen Eindruck. Linz, Passau und der Böhmerwald in Tschechien sind nicht weit. Gut die Hälfte der Gäste kommt nämlich aus Deutschland. Eröffnet wurde das Aviva mit mehr als 100 Einzelzimmern im Jahr 2007 als ein Hotel, in dem Paare, Familien und Kinder ausdrücklich keinen Zutritt haben, sondern nur Singles, Alleinreisende, Freundesgruppen und Tagungsgäste (Infos unter <em>www.traumarena.at</em>).</p>
<h2>Kirchliche Angebote für Singles</h2>
<p>Auch die Kirchen haben sich darauf eingestellt, dass es immer mehr allein lebende Menschen in Deutschland gibt. Das zeigen spezielle Veranstaltungen und Freizeitangebote in Kirchen und Gemeinden für Singles. Damit sollen auch Menschen angesprochen werden, die nicht, wie Cillina, selbst aktiv Gesellschaft und Unterhaltung suchen, sondern unter Einsamkeit leiden. Es geht darum, diese Menschen aus ihrem Einsiedlerdasein herauszuholen. Oft haben sie kaum einen Ansprechpartner, Familienangehörige leben weit weg und die Nachbarn kümmern sich nicht.</p>
<p>Es gibt natürlich auch kirchliche Anbieter für Gruppenreisen, wie Biblische Reisen oder das Evangelische Jugendwerk in Württemberg. In der bayerischen evangelischen Landeskirche ist unter dem Motto „Single it“ die Plattform <em>www.singlesundkirche.de</em> entstanden, die Aktionswochen veranstaltet und auf Angebote hinweist. Ebenfalls kirchlich verankert ist die Initiative <em><a href="http://www.soloundco.net" class="autohyperlink">www.soloundco.net</a></em>, die weltweit vernetzt ist. Nach eigenen Angaben steht dahinter eine Community von Menschen, die solo durchs Leben gehen. „Freiwillig oder der Not gehorchend. Schon lange oder gerade erst. Manche hatten Familie, manche wünschen sich noch eine. Wir sind Christen. Und deshalb nehmen wir Jesus beim Wort: ‚Ich bin gekommen, um ihnen Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle!‘ (Johannes 10,10 NGÜ). Diese Zusage hat er nicht an einen bestimmten Lebensstand oder Beziehungsstatus gebunden“, heißt es auf der Homepage.</p>
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		<title>„Gegenüber politischen Heilsversprechen ist Skepsis angebracht“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gunter Zimmermann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 11:47:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Liberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Staat]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo treffen sich politischer Liberalismus und Christentum? Über Freiheit, die Rolle des Christentums beim Entstehen der liberalen Demokratie und die Aufgabe der Kirchen im gesellschaftlichen Diskurs sprachen wir mit dem Geschäftsführer der „Christlichen Liberalen“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wo treffen sich politischer Liberalismus und Christentum? Über Freiheit, die Rolle des Christentums beim Entstehen der liberalen Demokratie und die Aufgabe der Kirchen im gesellschaftlichen Diskurs sprachen wir mit dem Geschäftsführer der „Christlichen Liberalen“.</p></blockquote></div>
<p><strong>Zunächst: Wer sind eigentlich die „Christlichen Liberalen“? Was ist Ihr Anliegen?</strong></p>
<p>Wir sind ein eingetragener Verein, in dem sich Mitglieder der FDP – bisher vor allem aus Baden‑Württemberg – zusammengeschlossen haben, die sich ganz bewusst auch als Christen verstehen. Der Verein wurde vor etwa zehn Jahren gegründet. Nach einigen Diskussionen bemühen wir uns zurzeit darum als „Vorfeldorganisation“ der FDP anerkannt zu werden, als welche wir uns dann auch stärker in den Parteigremien einbringen können.</p>
<p>Das Anliegen zeigt sich eigentlich schon im Namen: Es geht darum, auf der einen Seite in die FDP oder überhaupt in den Liberalismus hinein, auf die christlichen Wurzeln des Liberalismus aufmerksam zu machen. Und auf der anderen Seite geht es darum, gegenüber den Kirchen liberale Aspekte des Glaubens hervorzuheben. Wir wollen also in beide Bereiche, die Politik und die Kirchen, hineinwirken und das Verständnis für gemeinsame Anliegen vergrößern. Das versuchen wir zum Beispiel über Vorträge oder Zeitschriftenartikel.</p>
<p><strong>Wo liegen denn die christlichen Wurzeln des Liberalismus?</strong></p>
<p>Die Grundlagen des Liberalismus liegen im angelsächsischen Bereich, wo man auch seine christliche Prägung gut nachvollziehen kann: Im England des 17. und 18. Jahrhunderts gab es eine Reihe von „Dissenters“, also von protestantischen Gruppierungen, die mit der anglikanischen Kirche nicht einverstanden waren. In der Diskussion und Auseinandersetzung mit diesen „Abweichlern“ bildete sich dann die „Broad Church Party“, die innerhalb der Anglikanischen Kirche für eine Öffnung gegenüber diesen Gruppen plädierte. Diese christlichen Strömungen haben dann wesentlich zur Bildung der politischen Strömung der „Whigs“ beigetragen, den Liberalen im Parlament, die für Meinungsfreiheit und Toleranz gegenüber Andersdenken eingetreten sind. Schon geschichtlich hat der politische Liberalismus von daher ganz klar starke christliche Wurzeln – auch wenn das vielen in der FDP vielleicht nicht so klar ist.</p>
<p><strong>Wie ist überhaupt „der Stand“ des Christentums in der FDP?</strong></p>
<p>Nun, der ist eigentlich besser, als es in der Öffentlichkeit häufig erscheint. Es verstehen sich wirklich viele Parteimitglieder als Christen und sind auch häufig mit ihrer Kirchengemeinde sehr verbunden. In der Öffentlichkeit werden allerdings die kirchenkritischen Äußerungen sehr viel stärker beachtet. Sie beherrschen das Bild, obwohl die FDP in der Breite dem Christentum gegenüber viel aufgeschlossener ist, als man so gemeinhin annimmt. Bei den „Jungen Liberalen“ gibt es dann noch das spezielle Problem, dass der Vorstand etwa alle zwei Jahre komplett wechselt und jeder neue Vorstand meint, er müsse ein neues Kirchenpapier rausbringen.</p>
<p><strong>Und wo sehen Sie umgekehrt das liberale Moment im christlichen Glauben?</strong></p>
<p>Der Ansatzpunkt liegt da nach meiner Überzeugung besonders in der evangelischen Kirche auf dem Feld der Rechtfertigungslehre. Jeder Mensch kennt sein eigenes Versagen und die Verzweiflung über das eigene Scheitern. Gerade die protestantische Antwort darauf ist die Botschaft der bedingungslosen Annahme des Menschen durch Gott. In der Folge ergibt sich daraus auch die Erkenntnis, dass das „Heil“ oder ein „glücklicher Zustand“ nicht vom Menschen abhängt, sondern eben von der Gnade Gottes. Das ist meines Erachtens ein Gedanke, wo sich ein christliches und ein liberales Anliegen treffen: Es liegt nicht in der Hand des Menschen, das Reich Gottes durch politisches Handeln herzustellen. Gegenüber umfänglichen politischen Heilsversprechen ist Skepsis angebracht. Die Gemeinsamkeit dieses Anliegens wollen wir den Kirchen nahebringen.</p>
<p><strong>Wenn Sie sich damit eine gewisse politische Wirksamkeit der Kirchen wünschen: Die Geschichte des Christentums hat doch auch immer wieder gezeigt, wie problematisch solche Einflussnahme sein kann. Wie lassen sich solche Abwege vermeiden?</strong></p>
<p>Auch für die Kirche gilt natürlich in gewissem Sinne, was für die Politik gilt: Wenn sie sich selbst an die Stelle Gottes setzt und ein Paradies auf Erden herstellen will, wird es problematisch. Eine besondere Herausforderung ist das für das Christentum auch, weil es Impulsen aus der griechischen Philosophie folgend die Wahrheitsfrage an zentraler Stelle in sein eigenes Denken aufgenommen hat. Das finde ich eigentlich sehr gut, birgt aber immer zugleich die Gefahr der Intoleranz gegenüber anderen Überzeugungen, die dem zuwiderlaufen, was man selbst für wahr hält. Hier ist eine gewisse Liberalität sicher eine große Errungenschaft der Neuzeit.</p>
<p>Gleichzeitig ist genau das Entstehen der Glaubensfreiheit und anderer Freiheitsrechte ganz wesentlich auf christliche „Vorkämpfer“ zurückzuführen. Im Besonderen kann man das zum Beispiel an der Abschaffung der Sklaverei beobachten. Dort hat sich das Christentum sehr positiv auf die Entwicklung der Gesellschaft ausgewirkt und ich bedauere es ein wenig, dass diese Punkte in der christlichen Verkündigung zu kurz kommen. Darauf könnte man immer wieder hinweisen, was die westliche Gesellschaft dem Christentum da zu verdanken hat.</p>
<p><strong>Bei allem, was Sie bisher zum Verhältnis von Christentum und Politik gesagt haben, spielen Freiheitsrechte eine große Rolle. Was halten Sie in diesem Zusammenhang davon, wenn andere sich bei ihren politischen Forderungen zum Beispiel auf das „Gebot der Nächstenliebe“ berufen?</strong></p>
<p>Wir sehen die Bedeutung des Christentums für die Politik besonders dort, wo es um die Grundlagen eines liberalen, demokratischen Staates geht. Er soll den Bürgern ein möglichst hohes Maß an Freiheit geben und diese Freiheit sichern. Im Zusammenhang damit ist außerdem die Gleichheit aller Menschen wichtig, weil nur unter dieser Voraussetzung tatsächlich allen Bürgern die gleichen Rechte zugebilligt werden können. Die christliche Überzeugung, dass der Mensch von Gott als frei und gleich geschaffen ist, korreliert damit und hilft, unsere Demokratie zu festigen. Schließlich ist auch die Nüchternheit, die in der christlichen Zurückhaltung gegenüber politischen Heilsversprechen zum Ausdruck kommt, wichtig an dieser Stelle.</p>
<p>Demgegenüber geht es, denke ich, bei „Nächstenliebe“ oder „Barmherzigkeit“ nicht um die Grundvoraussetzungen der freiheitlichen Demokratie, und sie sind auch keine wirklich politischen Forderungen. Ich würde das eher so sehen, wie es tendenziell auch in den USA oder im Vereinigten Königreich gesehen wird, dass es sich nämlich bei der Organisation von sozialer Hilfe um eine gesellschaftliche Aufgabe handelt und nicht primär um eine staatliche. Natürlich hat der Sozialstaat seine guten Seiten, allerdings ist er in meinen Augen zum Teil auch etwas ausgeufert. Ich habe da immer die Befürchtung des Paternalismus. Der Staat sollte seine Bürger zunächst einmal als freie Menschen betrachten, die in der Lage sind, ihre eigenen Probleme zu lösen und ihr Leben zu führen. Er sollte deshalb nur wirkliche Nothilfe leisten.</p>
<p><strong>Und wie steht es mit der „Bewahrung der Schöpfung“?</strong></p>
<p>Den Begriff der „Bewahrung der Schöpfung“ halte ich persönlich offen gesagt für schwierig. Schon die evangelischen Theologen Trutz Rendtorff und Wolfhart Pannenberg haben darauf hingewiesen, dass es sich dabei eigentlich um eine Aufgabe des Schöpfers handelt und nicht der Menschen. Das finde ich einen richtigen Gedanken: Es liegt nicht an uns, die Schöpfung zu bewahren. Vielmehr ist das eine Aufgabe, die der Mensch gar nicht erfüllen kann. Das heißt allerdings ganz und gar nicht, dass wir gegen eine vernünftige Umweltpolitik sind, im Gegenteil. Aber das sollte nicht religiös überhöht werden, sondern es ist schlicht und ergreifend in unserem eigenen Interesse, in einer gesunden Umwelt zu leben und alles dafür Nötige zu unternehmen.</p>
<p><strong>Sollte sich die Kirche dann überhaupt selbst in politische Diskussionen einbringen?</strong></p>
<p>Auch die Kirche kommt an Politik natürlich nicht vorbei. Von daher ist volle „Enthaltsamkeit“ sicher kein sinnvolles Vorhaben. Allerdings ist es meines Erachtens nicht gut, wenn die Kirche sich zu sehr mit einer politischen Seite identifiziert. Sie sollte sich eher als Raum verstehen, in dem Gegner miteinander sprechen und sich begegnen können. Da könnte sich die Kirche viel mehr ins Zeug legen, um verschiedene Seiten an einen Tisch zu bringen. Das Ziel müsste dabei sein, die Schärfe herauszunehmen und das gemeinsame Suchen nach dem Gemeinwohl in den Mittelpunkt zu stellen. Selbst zu allen möglichen politischen Fragen Position zu beziehen, ist dabei eher hinderlich, weil die Kirche sich damit als Moderatorin unglaubwürdig macht. Gerade auch auf lokaler Ebene könnte ihr aber auf diese Weise eine hilfreiche Rolle zukommen, wenn sie einen Raum zur Verfügung stellt, in dem nicht jeder das Gefühl hat, sich mit der eigenen Meinung direkt durchsetzen zu müssen. Und dann fällt es auch leichter, dem anderen zuzuhören.</p>
<p><em>Das Interview führte Jonas Hauschildt.</em></p>
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		<title>Rassismus in der Kirche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nathalie Eleyth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Feb 2023 11:44:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 1, Februar 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Inwiefern ist die Evangelische Kirche in Deutschland eine rassismuskritische Organisation, die sich selbstkritisch mit ihrer Verstrickung in rassistische Machtverhältnisse und Denkstrukturen auseinandersetzt und für von Rassismus betroffene Menschen ein safer space?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Inwiefern ist die Evangelische Kirche in Deutschland eine rassismuskritische Organisation, die sich selbstkritisch mit ihrer Verstrickung in rassistische Machtverhältnisse und Denkstrukturen auseinandersetzt und für von Rassismus betroffene Menschen ein <em>safer space</em>?</p></blockquote></div>
<p>Im Januar 2023 erschien erstmalig der Lagebericht „Rassismus in Deutschland“. Die Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus Reem Alabali-Radovan betonte in ihrem Vorwort, es bedürfe einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, gegen Rassismus zu kämpfen und im Zuge dessen selbstkritisch den eigenen Alltag, Unternehmen oder auch den öffentlichen Dienst im Hinblick auf rassistische Praktiken zu prüfen.</p>
<p>Die Evangelische Kirche in Deutschland ist von ihrem Selbstverständnis her antirassistisch. Umso irritierender ist es, dass die EKD bisher keinen einzigen profunden theologischen Grundlagentext zu Rassismus vorgelegt hat, sich eine rassismuskritische Theologie in Deutschland bisher nicht etablieren konnte und Rassismuskritik, Kritische Weißseinsforschung und Intersektionalität keine obligatorischen Bestandteile der kirchlich-theologischen Ausbildung sind. Handreichungen und Positionspapiere zu Rassismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus der verschiedenen Gliedkirchen scheitern daran, die Perspektiven von Menschen of Color einzubeziehen; nur <em>weiß</em> positionierte Autor*innen reflektieren, welcher gesellschaftliche bzw. kirchliche Umgang mit rassistischen (Sprech-)Handlungen angemessen sei und raten allzu häufig dazu, auch barmherzig mit den Menschen im Gespräch zu bleiben, die durch abwertende Äußerungen keine Barmherzigkeit zeigen. Wo werden hier PoC mitgedacht, die nicht das Privileg haben, als Unbetroffene über Rassismus zu sprechen und deren Würde durch menschenverachtendes Reden und Handeln tangiert wird?</p>
<p>Viele <em>weiße</em> Christ*innen empfinden es als eine massive Störung des eigenen Selbstbildes, sich mit dem eigenen rassistischen Wissen und rassistischer Sozialisierung auseinanderzusetzen. Auf Workshops zu Rassismus in den verschiedenen Landeskirchen erlebe ich wöchentlich, wie hauptamtliche Mitarbeiter*innen die strukturelle Etablierung von Rassismus leugnen, ein reduktionistisches Verständnis von Rassismus haben und verletzende Mikroaggressionen nicht erkennen.</p>
<p>Mir fehlt in der Kirche die Sensibilität dafür, was es bedeutet, als Mensch of Color ständig in „Alarmbereitschaft“ zu sein, permanent, sobald ich das Haus verlasse, darauf eingestellt zu sein, meine Identität und meine Würde verteidigen zu müssen. Es braucht eine Gesprächskultur zu Rassismus in der Kirche, ohne Skandalisierung, Abwehr, Schuldumkehr und Externalisierung. Es braucht eine breite kirchlich-theologische Auseinandersetzung hinsichtlich der Wirkweisen und der Überwindung von Rassismus, auch in den eigenen Strukturen.  Es braucht eine Kirche in der postmigrantischen Gesellschaft, die sich selbstkritisch mit ihrer Verstrickung in Rassismusverhältnisse befasst und die sich nicht nur radikal für diejenigen einsetzt, die täglich unter das Rad des Rassismus geraten, sondern die – in Anlehnung an Bonhoeffer – jederzeit kompromisslos dem Rad des Rassismus in die Speichen fällt.</p>
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