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	<title>evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Stephanie Butenkemper: Toxische Gemeinschaften</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Selina Fucker]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 15:03:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Macht]]></category>
		<category><![CDATA[Missbrauch]]></category>
		<category><![CDATA[Sexueller Missbrauch]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin Stephanie Butenkemper lenkt in ihrem Buch den Blick auf geistlichen und emotionalen Missbrauch in und außerhalb der Kirche.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Toxische-Gemeinschaften.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-7575 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Toxische-Gemeinschaften-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Toxische-Gemeinschaften-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Toxische-Gemeinschaften.jpg 500w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a>Herder, Freiburg 2023, 256 S., 24,00 EUR, E-Book 18,99 EUR</strong></p>
<p>„Beim geistlichen Missbrauch handelt es sich um eine Form emotionalen Machtmissbrauchs, der überall dort stattfinden kann, wo sich Menschen in einer gewissen Abhängigkeitsbeziehung zu geistlichen Autoritäten befinden.“ Damit ist geistlicher Missbrauch ein Thema, das jeden Menschen in irgendeiner Form betreffen kann.</p>
<p>Die Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin Stephanie Butenkemper lenkt in ihrem Buch den Blick auf geistlichen und emotionalen Missbrauch in und außerhalb der Kirche. Die Grundlage dafür ist eine von ihr durchgeführte qualitative Studie, in der sie Betroffene von geistlichem Missbrauch in neuen geistlichen Gemeinschaften innerhalb der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum interviewt hat. Damit wirft sie einen Blick auf einen Bereich von Kirche, der im Diskurs über geistlichen Missbrauch lange außen vor blieb. Durch einen kontrovers gewählten Exkurs, in dem sie Missbrauch in Pädagogik, Leistungssport und Klimaschutz betrachtet, macht sie deutlich, dass geistlicher Missbrauch kein spezifisch kirchliches Problem ist, sondern in allen Organisationen auftreten kann.</p>
<p>Butenkemper identifiziert vier Charakteristika von geistlichem Missbrauch: Grenzverletzungen, Eingrenzungen, Idealisierung und Entwertung. Um zu erklären, wieso sich viele Menschen diesen Dynamiken nicht (sofort) entziehen, greift sie auf das umstrittene Konzept der Bewusstseinskontrolle zurück.</p>
<p>Die Autorin beschreibt ausführlich die Folgen von geistlichem Missbrauch für Betroffene. In einem weiteren Kapitel gibt sie Seelsorgenden und Beratenden Hinweise, um Betroffene weiter zu unterstützen. Zur Prävention fordert sie eine Kultur der Achtsamkeit in den Kirchen, die unter anderem durch regelmäßige Präventionsschulungen geschaffen werden kann.</p>
<p>Das Buch trägt zu einer Sensibilisierung gegenüber geistlichem Missbrauch in der Kirche bei und kann dabei unterstützen, entstehende missbräuchliche Strukturen früh zu erkennen und zu bekämpfen. Durch die konkreten Hinweise ist das Buch bestimmt eine hilfreiche Lektüre für Fachkräfte.</p>
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		<title>Christoph Rösel, Ulrich Heckel, Beate Ego (Hg.): Stuttgarter Erklärungsbibel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sarah Hilmer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 15:01:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Exegese]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Theologiestudium]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach der Neuauflage 2005 liegt seit 2023 – fünf Jahre im Nachgang der Revision der Lutherbibel (2017) – zum revidierten Bibeltext eine überarbeitete Fassung der „Stuttgarter Erklärungsbibel“ vor.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Erklaerungsbibel.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7573 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Erklaerungsbibel-215x300.jpg" alt="" width="215" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Erklaerungsbibel-215x300.jpg 215w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Erklaerungsbibel.jpg 600w" sizes="(max-width: 215px) 100vw, 215px" /></a>Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2023, 2.208 S., 98,00 EUR, im Schuber 198 EUR, E-Book 69,99 EUR</strong></p>
<p>1992 erschien erstmalig die „Stuttgarter Erklärungsbibel“ mit dem Anliegen Bibel und erklärende Kommentare in einem kompakten Werk zu vereinen. Nach der Neuauflage 2005 liegt seit 2023 – fünf Jahre im Nachgang der Revision der Lutherbibel (2017) – zum revidierten Bibeltext eine überarbeitete Fassung der „Stuttgarter Erklärungsbibel“ vor. Auf rund 2.000 Seiten bietet diese Bibel neben dem Bibeltext (inkl. Apokryphen) wissenschaftlich-exegetische Erklärungen, die mittels eingerücktem Kleindruck die Perikopen kommentieren. Daneben bietet die Erklärungsbibel Einführungen zu den einzelnen biblischen Büchern, die den Aufbau, zentrale theologische Themen, historische Entstehungskontexte und Verfasserschaft umreißen. Im Anhang finden sich neben Stichwortverzeichnis und Karten, ausführliche Sach- und Worterklärungen, Informationen zur Geschichte Israels sowie knappe Ausführungen zur Überlieferung des Bibeltextes.</p>
<p>Im Zuge der Neuauflage wurden alle bisherigen Kommentaranmerkungen geprüft und je nach Stand der Wissenschaft übernommen oder überarbeitet. Die hieran beteiligten Wissenschaftler*innen und ihre Zuständigkeiten werden einleitend transparent gemacht. Gänzlich neu ergänzt wurden Informationen zur historischen Genese der Bibel als Ganzes sowie zu Luthers Schriftverständnis.</p>
<p>Die Bibel bietet sowohl für Laien wie auch Theologen zügige und fundierte Hintergrundinformationen. Die deutliche Preissteigerung zur Vorgängerausgabe (rund 60 Euro) dürfte den Rezeptionsradius jedoch einschränken.</p>
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		<title>Thomas Seiterich: Letzte Wege in die Freiheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 14:58:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Pfadfinder]]></category>
		<category><![CDATA[Widerstand]]></category>
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					<description><![CDATA[Marcelle Faber-Engelen und fünf Freundinnen bei den Straßburger Pfadfinderinnen konnten von 1940 bis 1943 mehreren hundert jüdischen und politischen Flüchtlingen im besetzten Elsass das Leben retten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/seitericht-freiheit.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7574 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/seitericht-freiheit-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//seitericht-freiheit-200x300.jpg 200w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//seitericht-freiheit.jpg 400w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a>Hirzel, Stuttgart 2023, 208 S., 24,00 EUR, E-Book 21,90 EUR</strong></p>
<p>Der Journalist Thomas Seiterich hat ein Gespür für Themen, die zwar abseits des Mainstreams liegen, aber umso interessanter sind. Das ehemalige Redaktionsmitglied des kritischen katholischen Magazins „Publik Forum“ kennt sich im kirchlichen Bereich aus wie kaum ein anderer. Vor allem kann er auch spannend erzählen. Es geht in seinem Buch „Wege in die Freiheit“ um eine bislang unbekannte Episode der NS-Geschichte. Marcelle Faber-Engelen und fünf Freundinnen bei den Straßburger Pfadfinderinnen konnten von 1940 bis 1943 mehreren hundert jüdischen und politischen Flüchtlingen im besetzten Elsass das Leben retten.</p>
<p>Seiterich beschreibt die geheimen Wege über die Vogesen in den Westen und im Süden in die Schweiz, die von der Untergrundhilfe, die die sechs Pfadfinderinnen in der katholischen Pfarrei St. Jean in Straßburg gegründet haben, für Regimegegner, Jüdinnen und Juden sowie Kommunisten und Militärs gefunden worden sind. Es ist ein bewegendes Beispiel für Mitmenschlichkeit und Zivilcourage, das angesichts von zunehmenden antisemitischen Strömungen aktueller denn je ist und einen breiten Leserkreis verdient.</p>
<p>Es ist eine Geschichte, die Mut macht und Hoffnung gibt. Nachdem sie rund 500 Verfolgte in Sicherheit gebracht hat, fliegt die Gruppe auf und wird von der Gestapo verhaftet. Der berüchtigte Nazi-Richter Freisler kennt im Prozess keine Gnade und verurteilt die jungen Frauen zum Tod durch die Guillotine. Papst Pius XII. setzt sich für die Frauen ein. Dass es ihm tatsächlich gelingt, Hitler dazu zu bewegen, die Verurteilten zu begnadigen, kommt einem Wunder gleich. Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die der Autor erzählt. Dies ist ein ermutigendes Beispiel dafür, dass sich trotz Unterdrückung und Terror Widerstand von empathischen Menschen regt.</p>
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		<title>Kurzformeln des Glaubens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 14:55:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Reformation in zehn Schlagworte bündeln: Das geht, wenn man bereit ist, von da immer noch ein wenig weiter zu lesen und zu lernen. Sie erschließen ihre Theologie und die weitverzweigtesten Denkhorizonte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Reformation in zehn Schlagworte bündeln: Das geht, wenn man bereit ist, von da immer noch ein wenig weiter zu lesen und zu lernen. Sie erschließen ihre Theologie und die weitverzweigtesten Denkhorizonte.</p></blockquote></div>
<p>Die Reformatoren bieten immer wieder kurze formelhafte Sätze als theologische Zusammenfassung an; einige sind hier gesammelt. Um die Brücke in die Gegenwart zu schlagen, werden dazu noch weitere Linien in die anschließenden Jahrhunderte gezogen. Etwa zu Albert Schweitzer, Johann Georg Hamann – oder zum Liederdichter Philipp Spitta: ein zeitweiliger Weggefährte Heines, der mitten im rastlosen 19. Jahrhundert Reime verfasste von Hort, Wort und Verlässlichkeit.</p>
<h2>Gott: Backofen voll Liebe</h2>
<p>„Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe“, schrieb Martin Luther 1522. Ein Kernsatz der Reformation: Dass der Schöpfer sein Geschöpf aus Liebe geschaffen hat, in Liebe täglich erhält, und liebevoll vollendet – das lehren die Kirchen der Reformation denn schon im kleinen Kinder-Katechismus. Mit einem Satz wie<em> Gott hat mich erschaffen </em>ist alles eigentlich gesagt. Wie könnte ein liebender Schöpfer sein Werk verloren geben … Gott ist Liebe, fasst das Neue Testament diesen alten Glaubenssatz in eine Formel (1. Joh 4,16). Liebe aber überwindet alles. Der wärmende Backofen „reichet von der Erde bis in den Himmel“, komplettiert Luther seinen Satz.</p>
<h2>Erfahrung macht zum Theologen</h2>
<p>Dass ich alles, was ich habe, als grundloses Geschenk empfangen habe, die „Gen-Ausstattung“ und meine Fähigkeiten; meine Lebenszeit&#8230; Das sind Erkenntnisse und Erfahrungen, die oft nach und nach in einem Menschen reifen. Manche theologische Allgemein-Wahrheiten wirken lange erst wie fahle Allgemeinplätze, bis sie erfahrungsgesättigte Gestalt in einem Leben annehmen. „Nur die Erfahrung macht den Theologen“, sagt dazu die reformatorische Überlieferung (<em>Sola experientia facit theologum</em>, WA TR 1, 16,13). Die berühmte Formel wurde später vielfach aufgenommen, hat immer wieder zur eigenen Glaubenserfahrung Mut gemacht.</p>
<h2>Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott</h2>
<p>Religions-analytische Einsichten gewährt die Bestimmung im Großen Katechismus:<em> Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott. </em>Tatsächlich, es lässt sich präzise ausweisen, soziologisch und psychologisch, religionstheoretisch: Das individuell persönliche <em>Zu-Trauen </em>und<em> Glauben</em> entscheidet jeweils, wer oder was in einem Leben, in einer Gesellschaft Gott bzw. einen Abgott darstellt. Daseinsbestimmend und in der Praxis annähernd Gott-gleich können zuletzt so verschiedene Größen sein wie Ruhm, Ansehen, Karriere, Vermögen, Lebensleistung, Lebensbilanz, und viele mehr. Für die in beinah religiöser Qualität auch einiges „geopfert“ wird&#8230; So stimmt die reformatorische Grunderkenntnis: <em>Wo</em> <em>das richtige Vertrauen ist, da ist auch der richtige Gott.</em> Wo Vertrauen aber sich auf Falsches bezieht, kann auch (der richtige) Gott nicht sein.</p>
<h2>Der Geist ist’s, der lebendig macht</h2>
<p>Sie wenden vielleicht ein: Das sei gar kein originär reformatorischer Satz, das steht so in der Bibel (Joh 6,63). Stimmt! Es passt jedoch sehr gut – auch um zu zeigen, dass die Reformation <em>ja überhaupt nichts anderes </em>sagen oder lehren will, als eben in den Schriften Alten und Neuen Testamentes steht. Dass dabei nicht genügt, Sätze nachzuleiern; sondern: es um ein inneres Verstehen und ein <em>Eigene-Erfahrung-mit-dem-Gesagten-machen </em>geht, war schon gesagt. (Nur eigene Geist-Erfahrung macht zum Theologen; allein der ursprüngliche Geist ist es, der eine Rede mit authentischem Leben füllt.) Wenn Albert Schweitzer und andere freiheitlich denkende Theologen später davon schreiben, dass Gottes Reich oder der Glaube zuallererst <em>im </em>Menschen entsteht, Platz greift und von <em>da</em> aus weitere Kreise zieht (<em>evangelische aspekte</em> 4/2023): dann ist das eine Wiederentdeckung originär reformatorischer Einsichten (vgl. Lk 17,21).</p>
<h2>Lebeworte nicht Leseworte</h2>
<p>Dasselbe meint Martin Luther, wenn er sagt, dass in der Bibel nicht Leseworte, sondern Lebeworte zu finden sind (s. WA 31 I, 67ff). Es sind die biblischen Geschichten, Psalmen, Jesu Gleichnisse oder kurze Worte, die den Glauben schaffen (Röm 10,17); aus denen der Glaube immer wieder schöpft und die das Glaubensleben lebendig halten!</p>
<p>Diese Autorität der schriftlichen Quellen ist in Konsequenz dann auch für die Glaubens<em>inhalte</em> entscheidend: Es sind die überlieferten biblischen Zeugnisse, die Glaubensartikel aufstellen, und sonst nichts – halten feierlich die Konkordienformel von 1577 sowie das Konkordienbuch von 1580 fest. Das Konkordienbuch (das in mancher Hinsicht in der 2./3. Generation als ein Abschluss lutherischer Konfessionsbildung gilt, und, in Ansätzen, einen Übergang zu einer später auch teils formelhaft-erstarrten Luther-Rezeption markiert), verträgt sich darin gut und organisch zu reformiert geprägten Bekenntnistexten. Die immer von sich bezeugen, dass sie dem biblischen Zeugnis gegenüber nachrangig sind. Dieses nicht ersetzen wollen – und dass in kriteriologischer Sicht nur eben jene<em> biblischen Lebeworte </em>ausschlaggebend sind.</p>
<p>Deshalb bleibt innerkirchlich <em>der</em> <em>biblische Text </em>der lebendige Bezugspunkt<em>.</em> Der vollauf genügt, auch bei ökumenischen oder Glaubens-vergegenwärtigenden Bemühungen. Sprich: Biblische Quellen sind in jeder Lage und jeder Streitfrage der nach vorne weisende Ausweg, ohne Umweg über Bekenntnistexte späterer Jahrhunderte.</p>
<h2>„Reden ist übersetzen“: Den Leuten aufs Mundwerk schauen</h2>
<p>Du willst verstanden werden? Dann lerne die Sprache derer, mit denen du dich unterhältst. Diesen Grundsatz setzte Martin Luther sich zur Leitlinie. Und dies nicht nur bei der Bibelübersetzung, sondern auch in seinen Schriften, Predigten und Briefen. <em>Den Leuten aufs Maul sehen, </em>heißt die Kurzformel dazu, die dann zur Redewendung wurde.</p>
<p>Dass man die Sprache der Leute spricht, bedeutet jedoch nicht, man müsse ihnen nach dem Munde reden! Bei der Bibelübersetzung ist das klar: Die bringt von sich aus schon so viel Neues, Fremdes, Herausforderndes und Umwälzendes für ihre Adressaten mit – dass niemand Sorge hegen muss, es wiederhole nur längst Bekanntes! Auch beim Übersetzen von Lehrinhalten in die kleine Münze alltäglichen Lebens trifft theologische Rede darauf ja ständig: auf die teils schräg und schroff entgegengesetzte Realität der jeweiligen Lebenswirklichkeiten&#8230; Reden ist (eigentlich immer) übersetzen, meinte dazu im 18. Jahrhundert der Literat, Sprachphilosoph und Königsberger Publizist Johann Georg Hamann.</p>
<h2>Er ist ein Fels, er ist ein Hort</h2>
<p>Das lebendig übersetzte Bibelwort <em>konstatiert</em> nicht etwas, das (sowieso) schon in der jeweiligen Zeit und Gegenwart vorhanden ist: Es <em>konstituiert</em> vielmehr auf immer neue Weise einen lebendigen Bezug zum ursprünglichen Gotteswort. Davon wusste auf seine Weise der Theologe und Liedermacher Philipp Spitta, wenn er im quirligen 19. Jahrhundert von Quellen der Stabilität und der Verlässlichkeit singt und singen lässt. Er ist hier stellvertretend für die unzähligen Liederschreiber genannt: Von G. Neumark bis C.F. Gellert, die jeweils für ihre Gegenwart gelebte Glaubenserfahrung, Glaubensgewissheit, Glaubensfreude und das Gotteslob in Verse gossen (EG 374; EG 319). „Zu dir, zu dir ruft Mensch und Tier. Der Vogel dir singt. Das Fischlein dir springt. Die Biene dir summt. Der Käfer dir brummt. Auch pfeifet dir das Mäuselein: Herr Gott, du sollst gelobet sein“ (EG 509).</p>
<p>Mit der Trias von Bibel, Gesangbuch und Katechismus steigt man immer am besten ein, will man die Hauptaussagen der Reformationszeit kennenlernen.</p>
<h2>Sine vi, sed verbo</h2>
<p>In dem für die Reformation verfassungs-rechtlich äußerst wirkungs- und bedeutungsvollen Text der <em>Confessio Augustana</em> stellte Philipp Melanchthon eine wichtige Maxime auf: Kirchenobere und Bischöfe sollen wohl über das hohe Glaubensgut wachen, dies jedoch: ohne Gewalt, alleine mit dem Wort (lat.: <em>sine vi humana, sed verbo</em>). <em>Kein Zwang in Glaubensdingen</em>, ist ein eherner Grundsatz der Reformation, der schon seit den 1520er Jahren um Anerkennung und Durchsetzung auf religionspolitischer Ebene ringt.</p>
<h2>Glaube und Liebe, das ist die Summa</h2>
<p>Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Gott und im Nächsten, schreibt Luther 1520: In Gott durch den Glauben und in seinem Nächsten durch die Liebe. „Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe“. Glaube und Liebe sind die Kurzfassung eines Christenlebens. Auch in der biblisch-katechetischen Unterweisung des Reformators Johann Brenz dient das Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37-40) als Abschluss und Zusammenfassung der Zehn Gebote.</p>
<p>Die verschiedenen Lehrstücke der Theologie betreffend – etwa die Schöpfungstheologie, die Lehre von den Gnadenmitteln (auf welche Weise erfährt der Mensch von Gottes Zuwendung und seiner bleibenden Barmherzigkeit) oder in der Lehre von den letzten Dingen (die Weltvollendung) – wurde immer wieder eingefordert, dieser Grundmelodie von Glaubenszuversicht und Liebe als <em>Summa</em> stets das gebührende Gewicht zukommen zu lassen. Das glückte in den verschiedenen Theologie-Entwürfen, Kirchenverfassungen, Anpassungsversuchen mal besser und auch manchmal nicht so gut. Eine immer neue Aufgabe.</p>
<h2>Jeder Mensch ist Theologe</h2>
<p>Angesichts überlieferter Glaubenszeugnisse und Kirchen-Sätze, auch angesichts nicht-theologischer oder betont nicht-christlicher Weltprägungen ist jeder Mensch vor die Frage gestellt: Wo finde ich mich darin wieder, wer bin ich oder soll ich sein angesichts dieser Setzungen, Infragestellungen und Perspektiven? So wird jeder Mensch zum Theologen („Wir nennen jeden einen Theologen“; WA 41, 11,9ff), der sich und anderen darüber Rechenschaft abgibt, warum er so oder so (für sich) urteilt, sein Leben führt und in welcher Weise er oder sie am Ende auf den eigenen Lebensweg zurückblicken will (und muss). Diese von jedem Menschen bewusst oder unbewusst vorgenommene theologische Wertung wird vermutlich, wie jeder theologische Satz, im Lauf der Zeit auch immer wieder einmal unterschiedliche Formung und Gewichtungen erhalten. Wichtig in reformatorischer Sicht: Dass jene Grundmelodie von <em>Glaube und Liebe</em> sowie die geistvoll belebenden <em>biblischen</em> <em>Lebeworte</em> die maßgebliche Bezugsquelle sind und bleiben.</p>
<h2>Und vieles mehr&#8230; Man lernt nie aus</h2>
<p>Von der Angst zum Vertrauen; Leben aus der Gnade und dem Erbarmen Gottes … es gibt eine Fülle kurzer Formeln, auf welche man die Reformation schon zu bringen suchte. Natürlich gibt es noch viele weitere als diese zehn, und zahlreiche Prägnanz versprechende Charakterisierungen mehr, die auf Typisches, Entscheidendes oder Wichtiges aufmerksam machen wollen. Wie: die spannungsvolle Einheit von forderndem Gesetz und Freiheit schenkendem Evangelium oder die Einsicht Luthers: <em>theologia &#8230; numquam potest edisci</em> (Theologie … kann man niemals auslernen; WA 40 III,63,17f).</p>
<p>Reformatorische Theologie ist (wie der Gegenstand, von dem sie handelt: die Gottesoffenbarung) zwar in sich komplett und abgeschlossen. Doch lernt der (endliche) Mensch an ihr nie aus. Unausschöpflich ist sie für uns, die wir noch auf dem Wege sind – dies selbst für erfahrenste Theologen: eine immer neue, frische Quelle der immerwährenden Erneuerung.</p>
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		<item>
		<title>Der ultimative Frieden</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/der-ultimative-frieden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Erik Nestler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 14:51:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Eschatologie]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Paradies]]></category>
		<category><![CDATA[Schöpfung]]></category>
		<category><![CDATA[Tierfriede]]></category>
		<category><![CDATA[Versöhnung]]></category>
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					<description><![CDATA[Wolf und Lamm einträchtig beieinander. Kleinkinder, die mit Giftschlangen spielen, ohne dass ihnen etwas zustößt. Eine fantastische Vorstellung. Der ultimative Frieden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Und der Wolf wird beim Lamm weilen, und die Raubkatze wird beim Zicklein liegen. Und Kalb, junger Löwe und Rind sind beieinander, und ein junger Knabe leitet sie. Und Kuh und Bärin werden weiden, und ihre Jungen werden beieinander liegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und der Säugling wird sich vergnügen an der Höhle der Viper, und zur Höhle der Otter streckt ein Kleinkind die Hand aus. Nirgendwo wird man Böses oder Zerstörerisches tun auf meinem heiligen Berg, denn das Land ist voll von Erkenntnis des Herrn. (Jesaja 11,6-9)</p></blockquote></div>
<p>Wolf und Lamm einträchtig beieinander. Kleinkinder, die mit Giftschlangen spielen, ohne dass ihnen etwas zustößt. Eine fantastische Vorstellung. Der ultimative Frieden.</p>
<p>Das biblische Motiv des Tierfriedens inspirierte Menschen zu allen Zeiten, so auch den US-amerikanischen Maler Edward Hicks. In seinem 1834 geschaffenen Gemälde <em>The Peaceable Kingdom</em> illustriert er die Friedensvision des Jesaja, nach dem Mensch und Tier in einer friedlichen Koexistenz miteinander leben können.</p>
<p>Hicks erweitert diese Vorstellung um seinen ganz persönlichen Traum, nämlich das friedliche Miteinander der Völker. Wir werden Zeugen eines Friedensschlusses zwischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Indigene_V%C3%B6lker">indigenen</a> Amerikanern und europäischen Siedlern im Bildhintergrund.</p>
<p>Frieden auf Erden. Dieser Wunsch ist in diesen Tagen drängender denn je. Die ganze Schöpfung ächzt unter immer neuen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Diplomatische Bemühungen kommen an ihre Grenzen. Uns treibt die Frage um, wie es uns gelingen kann, Brücken zu bauen, da wo tiefe Gräben sind.</p>
<p>In Jesajas Friedensvision wird ein paradiesischer Urzustand wiederhergestellt. Der Mensch erkennt die Tiere um ihn herum als Mitgeschöpfe. So ist ein friedliches Zusammenleben möglich, wie einst im Garten Eden.</p>
<p>Die Erweckungsbewegung der Quäker, der Edward Hicks angehörte, hatte die Vorstellung, dass in jeder Seele etwas von Gottes Geist zu finden ist: das Innere Licht. Jeder Mensch trägt also ein Stück von Gott in sich. Diesen göttlichen Funken gilt es in meinem Gegenüber zu erkennen und darauf zu antworten. Diese philanthrope Lebenseinstellung gilt auch für den Umgang mit Tieren. Als unsere Mitgeschöpfe verdienen sie einen ebenso würdigen Umgang. Wir tragen Verantwortung für die Schöpfung. In ihr lässt sich Gott nicht nur erkennen, sondern wohltuend erfahren. Man denke nur an das erste Vogelgezwitscher im Frühling oder die Wirkung, die ein weiches Fell in der Hand auslöst.</p>
<p>Die Idee des Inneren Lichtes kann uns ein Kompass sein. Sie kann uns bei allen Zweifeln und aller Verzweiflung über die Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit der Welt ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Die Erkenntnis des Göttlichen in unseren Mitgeschöpfen motiviert uns, eine Antwort zu geben – sei es in tätiger Nächstenliebe oder Tierliebe.</p>
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		<title>Quo vadis Frauenarbeit?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Carlotta Israel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 13:31:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
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					<description><![CDATA[In welche Richtung könnte kirchliche Frauenarbeit gehen? Auf diese Frage antwortet eine Kirchenhistorikerin. Denn: Wir können durchaus davon lernen, was bisher an Frauenarbeit geleistet wurde, und uns daran orientieren, wohin es weiter gehen könnte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In welche Richtung könnte kirchliche Frauenarbeit gehen? Auf diese Frage antwortet eine Kirchenhistorikerin. Denn: Wir können durchaus davon lernen, was bisher an Frauenarbeit geleistet wurde, und uns daran orientieren, wohin es weiter gehen könnte.</p></blockquote></div>
<h2>Wurzeln der Frauenarbeit</h2>
<p>Die heutige Arbeit <em>an</em> Frauen – in Analogie bspw. zum Begriff Kinderarbeit als Arbeit <em>an</em> Kindern – hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Sowohl angesichts der Suche nach Bewältigung sozialer Notlagen im Deutschen Kaiserreich als auch im Zusammenhang mit der sich immer stärker organisierenden Frauenbewegung formierten sich um die Jahrhundertwende auch evangelische Frauenorganisationen. Dabei waren – z.B. für den Deutsch-Evangelischen Frauenbund – sowohl religiös verstandene „Sittlichkeit“ als auch politisches Engagement Zusammenschluss- und Arbeitsmotivation. In diesem gesellschaftlichen Kontext, in dem Frausein umfassend zum Thema wurde und sich z.B. auch für Frauen mit dem Immatrikulationsrecht zwischen 1900 und 1908 neue Optionen eröffneten, wuchs auch die kirchliche Frauenarbeit.</p>
<h2>Von der Mütterarbeit zur Familienarbeit</h2>
<p>Einen Großteil der Arbeit markierte die Arbeit <em>an</em> Müttern. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Müttergenesungswerke, die erschöpfte Mütter stärken sollten. Mütterschulen sollten vermitteln, wie Muttersein – in evangelischer Perspektive, d.h. mit geistlicher Praxis und auf biblischer Grundlage – gehen sollte. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Zuge der Gleichschaltungsmaßnahmen war auch der evangelische Mütterdienst Mit-Transporteurin nationalsozialistischer Vorstellungen von „Reinheit“ und Frau- hier vor allem Muttersein. Spezifisch kirchliche Inhalte waren ausgelagert auf Rüstzeiten.</p>
<p>Während des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit füllten Frauen Positionen der (zeitweise) abwesenden Männer aus. Kirchliche Frauenarbeit wurde dann Teil der Strategie einer „Rechristianisierung“, worunter auch eine Retraditionalisierung von Geschlechterrollen verstanden wurde. In der Bundesrepublik wurde die Hausfrauenehe Lebensideal und fand erneut von der kirchlichen Frauenarbeit Unterstützung. Zeitgleich wurde 1948 der Weltgebetstag der Frauen fester Bestandteil der kirchlichen Frauenarbeit und ist auch heute noch ein markantes Arbeitsfeld, das angesichts der Kriegslage im Nahen Osten und dem Material von palästinensischen Frauen 2024 besonderen Herausforderungen unterliegt. Liberalisierungs- und Individualisierungstendenzen in der Frauenarbeit, aber auch feministisch-theologische Aufbrüche in der Kirche insgesamt sind mit den 1970er und noch mehr den 1980er Jahren verbunden. Aus Mütter- wurde Familienarbeit; Frauenarbeit richtete sich nun an Frauen, deren Biografien in ihrer Verschiedenheit immer mehr Wertschätzung fanden.</p>
<p>Der kurze historische Rückblick zeigt: Kirchliche Frauenarbeit steht in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Veränderungen. Sie nahm zeitgenössische Anfragen auf und fand teils spiritualisierende, teils normierende und teils pragmatisch-praktische Antworten und Arbeitsformen. Evangelische Frauenarbeit steht dabei in einem Zwischenraum zwischen biblisch-theologischen Perspektiven auf Lebensvollzüge und den sie umgebenden Lebensverhältnissen. Es wird auch weiterhin der gesellschaftliche Rahmen Handlungsoptionen und -motive beeinflussen.</p>
<h2>Wie soll es weitergehen?</h2>
<p>Die Zukunft der kirchlichen Frauenarbeit wurde massiv von den Einsparplänen der EKD-Synode vom November 2020 infrage gestellt. Die Formate, in denen Frauenarbeit aktuell Angebote schafft, reichen von Auszeiten über Bibelarbeit-Werkstätten, von Frauenmahlen bis zu Diskussionsveranstaltungen. Frauenarbeit differenziert sich holzschnittartig in spirituelle, Bildungs-, Gemeinschafts- und Entspannungsveranstaltungen, wobei die Bereiche einander jeweils überlagern können. Jetzt stellt sich die Frage, in welcher Weise diese Arbeitsfelder in die heutige Zeit „passen“.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Auf der Suche nach dem guten Leben für „mich“.</p></blockquote></div>
<p>Zunächst fällt auf: Es sind ähnliche Bereiche, die auch schon vorher bedient wurden, wenngleich auch das normierende Moment einem Bildungsprozess und der Anleitung für Selbstbildung gewichen ist. In der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) macht also die Suche nach Besonderheitsmerkmalen auch vor der Frauenarbeit nicht Halt. Teil des im Kontext der Individualisierung entwickelten Paradigmas ist aber auch die Suche nach dem guten Leben für „mich“ – für das Individuum und je nach Verständnis damit auch für (Geschlechts-)Genoss*innen, Nächste, Familie, Partner*innen. Wie für kirchliche Arbeit insgesamt, aber auch insbesondere in der Frauenarbeit, liegt hier eigentlich die Chance: Dass individuelle Lebensvollzüge und -bewältigung so hochgeschätzt werden, lädt auch dazu ein, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Dabei mag es eine Form sein, Lebensumgangsweisen anderer zu betrachten und Adaptationsoptionen zu erwägen. Ich nehme aber an, dass dafür der Vermittlungsrahmen anders als früher zu gestalten ist.</p>
<h2>Das Potenzial: digitale Räume</h2>
<p>Was meines Erachtens noch nicht ausreichend genutzt wird, ist das Potenzial digitaler Räume. Zwar finden Bildungsarbeiten online statt. Aber wie sieht es mit den anderen Feldern aus? Gerade läuft eine Art von kirchlicher Frauenarbeit schon längst digital ab, die sich nicht als solche versteht, aber enorme Breitenwirkung hat. Das ist z.B. <em>@seligkeitsdinge</em> auf Instagram, die mit ihren Einblicken in ihrer Pastorinnen- und Mama-Alltag, ihren spirituellen und nachdenklichen Angeboten Räume schafft, in denen sich nicht nur, aber auch viele Frauen wiederfinden und teilweise mit ihren Erfahrungen identifizieren. Während der Zeit stärkerer sozialer Einschränkung gründete sich 2020 das Feministische Andachtskollektiv und brachte feministische Spiritualität auf Instagram tausenden Follower*innen. Dass auch der YouTube-Kanal vom lesbischen Pfarrehepaar <em>Anders Amen</em> so gut läuft, hängt auch damit zusammen, wie deutlich Steffi und Ellen ihre Lebensverständnis- und Bewältigungsversuche teilen. Und für mich als „junge“ Mutter (30) sind Fragestellungen von Kinderbetreuung und Kinderkrankheiten und Betreuungsausfällen immer unmittelbar „relatable“. Das sind sie für alle, die Care-Arbeit tatsächlich ausüben. Und da bricht schon etwas auf von dem, was ich meine, was bei Frauenarbeit zukünftig stärker zu betonen ist:</p>
<h2>Expertise für marginalisierte Gruppen</h2>
<p>Frauen sind alle, die sich als Frauen identifizieren. Sicherlich ist auch meine Gebärerfahrung entscheidend für mein Leben, aber deswegen spreche ich anderen Frauen nicht ihr Frausein ab, nur weil sie kein Kind geboren haben oder gebären könnten. „Frauenarbeit“ hat dann eine Art Überlebenschance, wenn die Expertise, die sie für Frauen als größte marginalisierte Gruppe entwickelt hat, ausweitet auf andere Unterdrückte. So muss – wie schon in der Hannoverschen Landeskirche mit der Umbenennung in Evangelische Frauen* geschehen – ein Weg gefunden werden, um Queersensibilität Ausdruck zu verleihen und im Angebot stärker mit Konkretion und Leben zu füllen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>„Frauenarbeit“ hat eine Überlebenschance, wenn sie sich ausweitet auf andere Unterdrückte.</p></blockquote></div>
<p>Um Diskriminierungsmechanismen aufzudecken, sind intersektionale Perspektiven (Crenshaw) notwendig. Menschen sind von verschiedenen Ebenen von Diskriminierung betroffen oder privilegiert. Auch in der Frauenbewegung sind die Erfahrungen Schwarzer Frauen nicht wahrgenommen und Dynamiken des Zusammenspiels von rassistischer und sexistischer Diskriminierung ignoriert worden. Das trifft auch auf die evangelische Frauenarbeit zu. Hier muss Selbstbildung starten oder weitergehen und Safe Spaces für BIPoC (Black Indigenous People of Colour) und FLINTA* (Frauen, Lesben, Inter*-, Non-binary-, Trans*-, Agender*-Personen) (weiter)entwickelt werden. Das stellt auch die Frage daran, wer Frauen*arbeit anbietet oder wer zu Veranstaltungen als Referierende und Teilnehmende eingeladen werden. Daran schließt sich unmittelbar die Frage nach Quotierung und Selbstrücknahme bisheriger Akteur*innen an.</p>
<p>Denn das ist die gesellschaftliche Realität, die die Kirche bis jetzt noch nicht vollends aufgefasst hat: Die Gesellschaft ist heterogener und ausdifferenzierter. Dafür muss auch kirchliche Frauen*arbeit Austausch- und Zusammenlebensräume schaffen und ihre Expertise für die Position Marginalisierter erweitern und verbreitern!</p>
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		<title>Künstliche Intelligenz und Ethik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Diebel-Fischer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 13:27:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Big Data]]></category>
		<category><![CDATA[Entscheidungen]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[KI]]></category>
		<category><![CDATA[Künstliche Intelligenz]]></category>
		<category><![CDATA[Technik]]></category>
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					<description><![CDATA[Künstliche Intelligenz (KI) ist das Thema der Stunde, spätestens, seit ChatGPT im November 2022 für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Aber können wir mittels KI auch zu ethischen Entscheidungen kommen?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Künstliche Intelligenz (KI) ist das Thema der Stunde, spätestens, seit ChatGPT im November 2022 für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Aber können wir mittels KI auch zu ethischen Entscheidungen kommen?</p></blockquote></div>
<h2>KI ist im Alltag angekommen</h2>
<p>KI ist kein Abstraktum mehr, sondern greifbar. Sie kann bei Aufgaben aus dem Lern- oder Arbeitskontext helfen. Sobald verschiedene KI-basierte Systeme genutzt wurden, wird den Anwenderinnen und Anwendern bewusst, dass es „die KI“ nicht gibt. Vielmehr haben wir es mit einer Vielzahl von mehr oder weniger anwendungsspezifischen Systemen zu tun. Zumeist beruhen sie auf dem Prinzip des maschinellen Lernens und sind das Resultat einer Zusammenführung von Informatik und Stochastik. Aber sie sind weit davon entfernt, so etwas wie eine Artificial General Intelligence (AGI), also eine starke KI, zu sein.</p>
<p>Der Alarmismus, der aus Büchern wie <em>Superintelligence</em> (Nick Bostrom) oder <em>Homo Deus</em> (Yuval Harari) einen Weg in die gesellschaftlichen – mithin auch kirchlichen – Debatten gefunden hat, scheint eine Pause eingelegt zu haben. Die Alltäglichkeit, mit der KI-basierte Anwendungen auch von Nichtexpertinnen und -experten eingesetzt werden, hat Aufklärungs- und damit auch Entzauberungsarbeit geleistet. Das Übersetzen von Texten, das automatisierte Anlegen von Geld, die Formulierung von Textvorschlägen, Routenplanung und vieles mehr kann durch Software, die auf dem Prinzip der Mustererkennung basiert, sehr viel schneller und oft auch besser als vom Menschen realisiert werden.</p>
<h2>Wen soll ein Auto im Falle eines Unfalls „opfern“?</h2>
<p>Der Medienbischof der EKD, Volker Jung, hat vor fünf Jahren mit der Forderung, »[d]igital Mensch [zu] bleiben« einen christlich orientierten Aufruf zur Mitgestaltung der Digitalisierung (ironischer- oder muss man sagen: konsequenterweise?) in Buchform vorlegt. Er versteht dieses Gestaltungsanliegen richtigerweise als politisches. Die damals schon virulente Frage nach dem Umgang mit KI-basierten Systemen wurde oft prototypisch an der Frage nach den ›Entscheidungen‹ selbstfahrender Autos durchexerziert. Wen solle das Auto im Falle eines unvermeidbaren Unfalls opfern: die Insassen oder Menschen außerhalb des Autos? Nach welchen Kriterien? Die teilweise an Absurdität grenzenden Szenarien, die man u.a. im Rahmen eines weltweiten Experiments mit dem Titel <em>Moral Machine Project</em> bis heute (Stand: Dezember 2023) durchspielen kann, liefern einen wichtigen Hinweis auf die bisweilen anderen ethischen Problemstellungen mit derartigen Systemen.</p>
<h2>Klassische Ethiken kennen keinen nichtmenschlichen Akteur</h2>
<p>Das Feld der angewandten Ethik wurde viele Jahre von Fragen der biomedizinischen Ethik dominiert, die sich um das Leben und dessen (Fremd-)Gestaltung drehten – sowohl bezogen auf seinen Anfang, den Verlauf als auch auf das Ende. Die dort verhandelten Fragen waren einerseits existentiell, andererseits aber aufgrund der (glücklicherweise in der Regel) eigenen Nichtbetroffenheit gleichzeitig auch abstrakt. Sie waren aber grundsätzlich von Menschen für den Menschen verhandelbar.</p>
<p>Es gibt einen wesentlichen Unterschied in den ethischen Fragen, die sich auf unsere gegenwärtige KI-Technologie beziehen. In der Bioethik waren der Fragehorizont klar sowie die zur Verfügung stehenden Mittel, um diese Fragen zu bearbeiten. Entweder, indem man sich Orientierung an eher abstrakten ethischen Programmen verschiedener Herkunft verschaffte (Utilitarismus, Prinziplismus etc.) oder aber indem man intuitionsgeleitet vorging. Diese etablierten Verfahren büßen aber dort ihre Problembearbeitungskompetenz ein, wo ein nichtmenschlicher Akteur ins Spiel kommt.</p>
<h2>Berechnung des Unberechenbaren</h2>
<p>Die Aufgabe, Ethik in KI-Systeme zu implementieren, ist alles andere als trivial. Es gibt zwar eine stetig wachsende Menge an Richtlinien und Kodizes, die etwa Vorstellungen von fair und frei von ungewollter Diskriminierung arbeitenden Systemen artikulieren. Die Umsetzung derselben steht jedoch vor dem großen Problem eines dafür nötigen Paradigmenwechsels in der Ethik. So geht es nicht mehr darum, eine konkrete Entscheidung für ein konkretes Problem zu fällen, z.B. ›Bekommt Person A einen Kredit?‹ oder ›Besteht hinreichender Verdacht, dass Person B einen Sozialhilfebetrug begeht, sodass entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden müssen?‹. Es müssen nun formale Regeln für Konzepte, für die es keine strenge Definition gibt, erstellt werden. Ethische Erwägungen müssen operationalisiert, Kriterien müssen fixiert, Schwellenwerte müssen festgelegt werden. Kurz: ethische Erwägungen, die immer – mindestens mittelbar – auch Teil von durch Menschen gestalteten Prozessen mit Handlungsspielraum sind, müssen berechenbar gemacht werden, um Entscheidungen (teil-)automatisieren zu können.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In der Berechenbarkeitsforderung liegt das Kernproblem der Digitalisierung von Ethik.</p></blockquote></div>
<p>Doch in genau dieser Berechenbarkeitsforderung liegt das Kernproblem der Digitalisierung von Ethik. Wenn wir Ethik als eine Kulturtechnik verstehen, die es uns erlaubt, moralische Probleme zu verhandeln, dann liegt es zunächst nicht auf der Hand, dass wir es hier mit einem Prozess der Organisation unseres Zusammenlebens zu tun haben, der von einer gewissen Unter- bzw. Unbestimmtheit zu leben scheint. Formelhafte Ansätze wie Kants Kategorischer Imperativ oder kalkulierende Ansätze wie der Utilitarismus zeichnen ein Bild von Ethik, das diese zumindest in die Nähe einer Algorithmisierbarkeit rückt. Auch lehrbuchartige Ansätze, z.B. jene sechs Schritte zur Urteilsfindung von Heinz E. Tödt, suggerieren, dass es einen allgemeinen und nachzeichenbaren Weg vom Problem zur Entscheidung gibt.</p>
<h2>Jenseits jeder situativ durchgeführten Erwägung</h2>
<p>Solange diese Verfahren auf zwischenmenschlicher Ebene angewandt werden, funktionieren sie, obgleich Abstrakta in die Praxis übersetzt werden müssen. Wenn wir zum Zwecke der Implementierung von Ethik in KI-Systeme aufgefordert sind, ganz konkret festzulegen, was wir mit Gerechtigkeit oder Gleichbehandlung meinen, werden uns die Grenzen unserer Ethik vor Augen geführt. Weil diese Festlegungen dann ihrerseits den – zumindest temporär – unveränderlichen Maßstab für die Bearbeitung der Angelegenheiten real existierender Schicksale darstellen, stellt sich die Frage, wie man mit den Unbestimmten umgehen soll: Wenn die zweite Nachkommastelle eines Werts darüber entscheidet, ob jemand die Genehmigung eines Antrags erhält oder zum Teil eines Ermittlungsverfahrens wird, dann werden nicht nur ökonomische Fragen hinsichtlich der Ressourcenallokation laut, sondern auch Fragen der Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders: Wie stehen Vertrauen und Verdacht – zwei ebenfalls wieder schwer zu operationalisierende Konzepte – zueinander? Wie sollen Maschinen bzw. Kalküle in unsere Leben eingreifen und diese mitgestalten?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Unvollkommenheit des Menschen ist kein Makel.</p></blockquote></div>
<p>Im Prinzip ist es dann wie beim selbstfahrenden Auto: Berechnungen anstelle von situativ durchgeführten Erwägungen entscheiden (zumindest zum Teil) über Schicksale. Das muss nicht heißen, dass sich alles zum Schlechteren wendet. Günther Anders hat vor knapp 70 Jahren in seinem Werk <em>Die Antiquiertheit des Menschen</em> vor dem Hintergrund dessen, dass der Mensch in seiner Existenz gerade keine Maschine ist, dessen Unvollkommenheit beschrieben. Diese ist aber – gerade angesichts der Herausforderungen der Gegenwart – kein Makel.</p>
<h2>Grenzen der Ethik und Grenzen der Technik</h2>
<p>Der vermeintliche Makel der Imperfektion, der darin besteht, dass wir bisweilen widersprüchlich Handeln, unlogische Präferenzen haben und mit unterbestimmten Konzepten unser Zusammenleben organisieren – kurz: dass wir gerade nicht wie Maschinen leben – ist bei genauer Betrachtung gar keiner. Der Aufforderung Volker Jungs, dass wir »[d]igital Mensch bleiben« sollen, kommen wir somit unweigerlich nach, wenn wir im Bestreben, Ethik berechenbar machen zu wollen, die Grenzen der Ethik erfahren.</p>
<p>KI-basierte Systeme werden sich uns nicht als <em>Deus ex machina</em> präsentieren, als Gott aus der Maschine, der erscheint und alle unsere Probleme mit Gerechtigkeit, der unbotmäßigen Diskriminierung sowie der Gleichbehandlung löst, die wir bisher nicht zu lösen im Stande waren. Ein Informatiksystem, das auf Berechnungen angewiesen ist, um Ergebnisse zu präsentieren, berechnet auch dort solche, wo kein Sinn im Errechneten besteht. An diesen Stellen kommt der Mensch mit seinem Wissen um seine Fehlbarkeiten ins Spiel, das uns vor falschen technischen – wenn auch innerweltlichen – Erlösungsversprechen bewahren wird.</p>
<h2>Der menschliche Umgang mit moralischen Fragen</h2>
<p>Wenn ein Alarmismus angesichts der momentan sehr anwendungsspezifischen KI-Systeme überhaupt angebracht ist, dann nicht, weil ein Computer die Menschheit auslöschen könnte, sondern weil die Gefahr besteht, dass uns technische Lösungsangebote so verlockend erscheinen, dass wir unsere Problembeschreibungen ihnen entsprechend anpassen. Mit Blick auf die Ethik kann davor nur gewarnt werden. Gerade die fehlenden strengen Definitionen, die nicht vorhandenen Grenzwerte und die Möglichkeiten, sich gegen das Naheliegende entscheiden zu können, zeichnen einen Umgang mit moralischen Fragen aus, die so – zumindest bis heute – nur der Mensch für den Menschen vollziehen kann.</p>
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		<title>„Was ist der Mensch?“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nikolaus Schneider]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2024 13:25:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 34. Jahrgang, Heft 1, Februar 2024]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Demut]]></category>
		<category><![CDATA[Gottebenbildlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Hochmut]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenbild]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Bibel stellt der erhebenden Zusage der Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen die realistische „Erdung“ des Menschen an die Seite. Damit Menschen sich nicht vergötzen. Aber sich auch nicht gering-schätzen oder sogar selbst ver-achten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Geschichte, die uns von dem jüdischen Theologen und Philosophen Martin Buber überliefert ist, erzählt:</p>
<p><em>„Rabbi Bunam nämlich sagte zu seinen Schülern: Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um bei Bedarf in die eine oder in die andere greifen zu können. In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht:<br />
</em><em>›Das Universum ist um deinetwillen geschaffen.</em><em>‹<br />
</em><em>Auf dem Zettel in der anderen Tasche steht:<br />
</em><em>›Du bist Staub und Asche.</em><em>‹“</em></p>
<p>Mir scheint, unsere Welt leidet daran, dass viele Menschen heute nur eine Jackentasche haben und so eine der beiden Zettel-Botschaften verabsolutieren. Denn unsere Welt leidet, wenn Menschen sich zum Maß aller Dinge machen – zum „master of the universe“. Wenn Demut, Selbstkritik, Mitmenschlichkeit und solidarisches Teilen für sie nur leere Worthülsen sind.</p>
<p>Aber unsere Welt leidet auch, wenn Menschen ihre Bedeutungslosigkeit und ihre Ohnmacht kultivieren. Wenn sie kein Zutrauen haben zu sich selbst und zu anderen Menschen. Wenn sie sich stumm und tatenlos der Ausbeutung und dem Unrecht auf dieser Welt ausliefern.</p>
<p>Die Bibel mutet uns beide Zettel-Botschaften zu: Der erhebenden Zusage der Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen stellt sie die realistische „Erdung“ des Menschen an die Seite. Damit Menschen sich nicht vergötzen. Aber sich auch nicht gering-schätzen oder sogar selbst ver-achten und in Depression versinken. Denn die Zusagen bleiben ja neben einander bestehen. Dialektisch ist also die biblische Aussage über den Menschen: <em>fast wie Gott</em> (vgl. Psalm 8) – <em>und vergänglich wie Staub</em> (1. Mose 3,19). <em>Und beides ist wahr!</em></p>
<p><em>„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“</em> (1. Mose 1,27). Mit dieser Zusage begründet die Bibel eine qualitative Unterscheidung von Menschen, Tieren und Pflanzen. Anders als Pflanzen und Tiere sind Menschen von Gott befähigt und berufen, Gegebenes nicht fraglos zu akzeptieren, sondern Vorfindliches zu transzendieren. Trotz und inmitten leidvoller Erfahrungen können Menschen an Recht und Gerechtigkeit auf unserer Welt festhalten und beides erfahrbar machen! Menschen können glauben, hoffen und lieben – trotz alledem.</p>
<p>Die biblischen Schöpfungsberichte schärfen uns ein: Gott hat dem Menschen seine Schöpfung anvertraut, damit Menschen sie treuhänderisch und nachhaltig gestalten. Mit biblischen Worten: „Bebauen und bewahren“. Ich ergänze: So bebauen, dass wir bewahren. Und bewahren, indem wir bebauen. Darum ist das Universum „um unseretwillen“ geschaffen.</p>
<p>Zum anderen aber gilt: Menschen sind Teil der Natur und haben mit ihrer Natur Anteil an der Vergänglichkeit alles Geschaffenen. Der Mensch <em>„adam“</em> ist genommen und geformt vom Ackerboden, von der <em>„adama“</em>. Gottes Atem ist es, der <em>„adam“</em> zum Leben erweckt. Ohne den lebendigen Atem Gottes ist der Mensch nur ein lebloser Klumpen Erde.</p>
<p>Diese biblische Einsicht holt Menschen auf den Boden der Realitäten zurück, „erdet“ sie und bewahrt vor Selbstverherrlichung und Selbstvergötzung! Auch in ihrer Berufung zur Übernahme von Verantwortung für Gottes Schöpfung bleiben Menschen immer begrenzt und fehlbar.</p>
<p>Entscheidend  ist nun für mich: Die vielfältigen, oft mehrdeutigen und manchmal widersprüchlichen biblischen Antworten auf die Frage <em>„Was ist der Mensch?“</em> eint eine Grundüberzeugung: <em>Der Mensch ist nicht das Zwischen- und Zufallsprodukt einer kalten und stummen, Schöpfer-losen Evolution.</em> Menschen sind von Gott gewollt. Menschen sind ›schöpferische Geschöpfe‹, von Gott mit besonderen Gaben befähigt und zu verantwortlichem Leben berufen.</p>
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