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	<title>evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Horst Bannach und Axel Springer im Disput</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Maike Axenkopf]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:50:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Springer-Verlag]]></category>
		<category><![CDATA[Studentenbewegung]]></category>
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					<description><![CDATA[Als die Studierenden in den sechziger Jahren auf die Straße gingen, spalteten sie die öffentliche Meinung. Einen spannenden Einblick in die Auseinandersetzungen dieser Tage bietet der Briefwechsel des damaligen Generalsekretärs der Evangelischen Akademikerschaft, Horst Bannach, mit dem Verleger Axel C. Springer. Der Streit um die Einschätzung der Bewegung und ihrer Forderungen lässt sich in einem Briefwechsel nachvollziehen, den Maike Axenkopf im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin entdeckt und ausgewertet hat.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Als die Studierenden in den sechziger Jahren auf die Straße gingen, spalteten sie die öffentliche Meinung. Einen spannenden Einblick in die Auseinandersetzungen dieser Tage bietet der Briefwechsel des damaligen Generalsekretärs der Evangelischen Akademikerschaft, Horst Bannach, mit dem Verleger Axel C. Springer. Der Streit um die Einschätzung der Bewegung und ihrer Forderungen lässt sich in einem Briefwechsel nachvollziehen, den Maike Axenkopf im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin entdeckt und ausgewertet hat.</p></blockquote></div>
<p>Auch heute genießen manche der Presseerzeugnisse des Axel-Springer-Verlags kein ungeteilt hohes Ansehen. Gerade die Verbreitung der Zeitung mit den vier Großbuchstaben wird in manchen Kreisen unserer Gesellschaft (vielleicht) überspitzt als Indiz für den Bildungsnotstand in unserem Land gesehen. Als einen der Kritikpunkte in diesem Zusammenhang wird oft die tendenziöse Berichterstattung und oft politische, klare Positionierung der RedakteurInnen, bzw. des Verlags in Artikeln und Berichten gesehen.</p>
<p>Diese Kritik ist aber im 21. Jahrhundert keinesfalls neu. Die Anti-Springer-Kampagne war ein wesentlicher Bestandteil der Studentenbewegung, die ihren Höhepunkt zwischen 1967 und 1969 hatte. Damals wurde der Verlag – vor allem sein Verleger, Axel Cäsar Springer – von den Beteiligten unter anderem für die Hetze gegen die demonstrierenden Studierenden, den Tod des Studenten Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke mitverantwortlich gemacht. In vielen Flugblättern und Erklärungen der Zeit wurden diese Anschuldigungen deutlich, beispielsweise in einem Flugblatt der Asten der Technischen Universität und der Freien Universität Berlin, welches bereits am 3. Juni 1967, einen Tag nach der Erschießung Ohnesorgs, publiziert wurde. Aber auch in einer Erklärung des SDS vom 13. April 1968, 2 Tage nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke, äußerten die Reformer der Berliner Bevölkerung ihre Kritik am Springer-Verlag.</p>
<p>Unterstützung erfuhren die öffentlichkeitswirksam überwiegend studentischen ProtestlerInnen – zu denen auch einzelne Evangelische Studentengemeinden zählten – durch die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland (EAiD), deren damaligen Generalsekretär Horst Bannach und einzelne Landesverbände. Dies lässt sich in einem Briefwechsel nachvollziehen, der im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin liegt (ELAB 55.5./0456, Briefwechsel mit Axel C. Springer).</p>
<p>In einem Brief der EAiD-Vertreterversammlung an Axel C. Springer von April 1968 schrieben die Delegierten der Landesverbände dem Konzern eine Mitschuld an den Unruhen und Gewalttaten der letzten beiden Wochen durch eine einseitige Berichterstattung zu. In diesem Zeitraum hatte sich unter anderem die Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern durch Baader und Ensslin und das Attentat auf Dutschke ereignet. Danach verurteilte die Springer-Presse die Studierenden und Demonstrierenden und betitelte sie als Radikale und Krawallmacher, wie in dem Flugblatt der Asten bereits konstatiert worden war. Diese Hetze gegen die Studierenden kritisierten die Evangelischen AkademikerInnen entschieden.</p>
<p>Springer ließ sich diese Anschuldigung nicht reaktionslos gefallen. Er richtete seine Antwort direkt an Pfarrer Horst Bannach, den damaligen Generalsekretär der EAiD. In seinem Brief fühlte sich Springer offensichtlich verpflichtet, zunächst seine religiöse Einstellung zu Kirche und Staat, Gemeinde und Gesellschaft zu erläutern. Diese verortete er klar auf dem Altonaer Bekenntnis von 1933, welches von der Unmöglichkeit des Reiches Gottes auf Erden spricht. Dementsprechend gehörten Streit, Leid, Mühe und Krieg zum irdischen Leben. Springer nutzt die Aussage des Altonaer Bekenntnisses als Begründung gegen eine „Entfremdung“ der Kirche von ihrer eigentlichen Aufgabe. Wie viele andere zu dieser Zeit, TheologInnen wie Nicht-TheologInnen, wehrt auch er sich gegen die Politisierung, sprich das aktive politische Engagement der Kirche in gesellschaftspolitischen Themen. Diese Haltung kritisiert Bannach in seiner Antwort vom 4. Juni 1967 deutlich, da diese im Nachkriegsprotestantismus nach dem Kirchenkampf nicht mehr existent sein dürfe.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wie viele andere seiner Zeit wehrt auch Springer sich gegen das aktive politische Engagement der Kirche in gesellschaftspolitischen Themen.</p></blockquote></div>
<p>Entschieden fühlt sich Springer als Verleger angegriffen, dass er sich angeblich gegen die Studierenden stelle. Seinen Worten nach hat der Verlag die notwendige Hochschulreform bereits zu einer Zeit diskutiert als die Studierenden noch weit davon entfernt waren. Als dann auch Studierende die Reform anstrebten, sei der Springer-Verlag wiederum angegriffen worden. Trotz einer allgemeinen Radikalisierung der ProtestlerInnen, seien Aktionen gegen den Verlag mit einer Provokation durch eben jenen begründet worden. Springer sieht sich, wie aus dem Brief deutlich wird, mehr als Opfer denn als Täter. Die „Verketzerung der publizistischen Leistungen seiner Zeitungen“ erklärte er damit, dass die Meinungen und Haltungen des Verlagshauses sich klar gegen die der extremen Linken stellten. Er bezeichnet die Position der Springer-Presse sogar als diametral-entgegengesetzt zu der der radikalen Linken. Allerdings scheint er das Wort „diametral“ hier nicht in seiner eigentlichen Bedeutung zu nutzen.</p>
<p>Zudem weist Springer die Behauptung zurück, sein Verlag habe eine Monopolstellung in der Presselandschaft. Dies war eine oft gehörte Kritik und Anschuldigung seitens der GegnerInnen des Hauses. Sie behaupteten, durch die nahezu alleinige Existenz der Springer-Erzeugnisse auf dem Pressemarkt sei eine Manipulation der Bevölkerung hin zur Diffamierung der Studierenden gegeben. Laut Springer ist es aber für jedermann einfach, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu beziehen. Gerade die Konkurrenz durch den Rundfunk sorge für eine Vielfalt in der Meinungsbildung.</p>
<p>Trotz dieses letzten Arguments äußerte sich Bannach am 4. Juni sehr kritisch zur manipulierenden Meinungsbildung durch den Springer-Verlag. Demnach habe die sogenannte Günther-Kommission, eine Enquete-Kommission zur Untersuchung der Folgen einer Pressekonzentration für die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland, Springers Aussage bereits falsifiziert, sein Verlag bilde kein Pressemonopol. Bannach ging in seinem Antwortbrief an Springer auf die Macht ein, die von einem derart großen Verlag ausgehe. Und wie man diese Macht möglicherweise anders nutzen könne, um sich eben nicht der Mitschuld an Gewalttaten und der Hetze gegen eine kritische, aber denkende Masse schuldig zu machen. Aufgrund der Tatsache, dass die Macht eines Verlages immer außerparlamentarisch sei und bei zielstrebigem Einsatz sehr gewaltig werden könne, schlug er Springer vor, auf die Macht, die er habe, zumindest teilweise zu verzichten. Damit würde auch Springers Intention, den demokratischen Staat zu verteidigen – dies verdeutlichte er auch in seinem Brief – nachvollziehbarer. Denn eine begrenzte Macht der Verleger gebe, so Bannach, den Andersdenkenden die Chance, ihre Meinung kundzutun und für sie einzustehen, damit eine Demokratie überhaupt möglich werde. So schloss er auch seinen Brief mit der Bitte, Springer möge den Andersdenkenden Gehör schenken und über diese anderen Meinungen nachdenken.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Durch die plakativen Überschriften der Springer-Presse sei die negative Sicht der Bevölkerung auf die Studierenden bekräftigt worden, vielleicht sogar entstanden.</p></blockquote></div>
<p>Springers Argument, Überschriften, seien sie auch noch so plakativ, stünden nie alleine, widersprach der damalige Generalsekretär der EAiD entschieden. Erst durch diese Überschriften sei die negative Sicht der Bevölkerung auf die Studierenden bekräftigt worden, vielleicht sogar entstanden. Bannach unterstellt Springer außerdem, dass dieser sich nicht mühe, die Studierenden zu verstehen. Bannach hingegen sieht im Protest die Aufforderung an die ältere Generation, etwas zu verändern.</p>
<p>Dieser Aufforderung kamen auf Seiten der EAiD nicht nur Bannach, sondern auch einige Landesverbände nach, die in Briefen und Stellungnahmen zwar nicht alle Aktionen der protestierenden Bewegung gut hießen, sich aber dennoch auf deren Seite stellten. Dies zeigte sich u.a. in Unterstützung der ESGn, die den Evangelischen AkademikerInnen vermutlich am nächsten standen – war ihr Verband doch als Altfreundeschaft zur Vorgängerorganisation der ESG, der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung, entstanden. Beispielsweise positionierte sich der Landesverband Baden am 14. Juli 1967 auf Seiten der ESG Berlin bezüglich ihrer Kritik an Politik und Gesellschaft. Der Landesverband Nordwest äußerte sich am 11. November zum Streit der ESG Berlin mit dem Gemeindekirchenrat der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Dieser hatte den Studierenden aufgrund ihres politischen Engagements in den letzten Monaten die Nutzung der Kirche für Gottesdienste verwehrt.</p>
<p>Dies alles zeigt, wie in diesen bewegten Jahren die Evangelische Akademikerschaft durch die Aktionen der Studierenden herausgefordert wurde und ihrerseits engagiert darauf reagierte. An der Korrespondenz Bannachs mit Springer wird deutlich, dass diese Interventionen ernst genommen wurden und von der Gegenseite nicht einfach ignoriert oder abgetan werden konnten. Vielmehr sah sie sich sogar zur theologischen Rechtfertigung genötigt. Gleichwohl war die Evangelische Akademikerschaft sicher nicht die „fünfte Kolonne“ der Studierendenbewegung. Von der Möglichkeit, sich im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren und ihre Stimme einzubringen, machte sie jedoch offensiv und mit Erfolg Gebrauch.</p>
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		<title>Jorge Maria Bergoglio – Helfer, nicht Heiliger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Vallely]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:47:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
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		<category><![CDATA[Jorge Maria Bergoglio]]></category>
		<category><![CDATA[Papst]]></category>
		<category><![CDATA[Terror]]></category>
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					<description><![CDATA[Es steht außer Zweifel, dass Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst Franziskus, in den Jahren der argentinischen Militärdiktatur nach 1976 viel unternommen hat, um die Leidtragenden der Militärjunta vor Gewalt zu schützen. Trotzdem wurden nach dem Ende der Diktatur Vorwürfe laut, Bergoglio habe in einzelnen Fällen mit dem Regime zum Schaden von Verfolgten kollaboriert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p> Es steht außer Zweifel, dass Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst Franziskus, in den Jahren der argentinischen Militärdiktatur nach 1976 viel unternommen hat, um die Leidtragenden der Militärjunta vor Gewalt zu schützen. Trotzdem wurden nach dem Ende der Diktatur Vorwürfe laut, Bergoglio habe in einzelnen Fällen mit dem Regime zum Schaden von Verfolgten kollaboriert. Der bekannte britische Journalist Paul Vallely geht diesen Vorwürfen nach und rekonstruiert die Vorgänge.</p></blockquote></div>
<p>Sechs Jahre lang ließ allein der Begriff „ESMA“ die Menschen von Buenos Aires vor Angst erschauern. Dabei standen diese Buchstaben lediglich für eine Einrichtung, an der Mechaniker der Marine ausgebildet wurden, die Escuela de Mecánica de la Armada. Doch nach dem erfolgreichen Militärputsch von 1976, der zum Sturz der demokratischen Regierung führte, wurde daraus eine unheilvolle Institution. Das ESMA-Ausbildungszentrum war eines von 340 geheimen Konzentrationslagern, in denen Zehntausende Menschen für immer „verschwanden“.</p>
<p>Dorthin wurden an einem Sonntagmorgen auch die beiden Jesuitenpriester Pater Franz Jalics und Pater Orlando Yorio gebracht; sie hatten Kapuzen über dem Kopf, waren gefesselt und voller Angst, nachdem man sie in dem Slum festgenommen hatte, in dem sie zuvor sechs Jahre lang ihrer Arbeit nachgegangen waren. Man schaffte sie in den Keller des Zentrums, wo sie sich bis auf die Kapuzen nackt ausziehen mussten und fünf Tage lang gefoltert wurden – in dem vergeblichen Versuch, ihnen das Geständnis zu entreißen, sie seien mit den links gerichteten Guerillas im Bunde, gegen die die Militärjunta nach ihrem Putsch einen Auslöschungsfeldzug führte. Was ihre Situation noch verschlimmerte, war die feste Überzeugung der beiden Geistlichen, sie seien von ihrem Oberen verraten worden, dem Provinzial des Jesuitenordens, Jorge Mario Bergoglio. (…)</p>
<h3>Bergoglio im Auftrag des Vatikan gegen die Befreiungstheologie</h3>
<p>Drei Jahre bevor Jorge Mario Bergoglio Provinzial der Jesuiten in Argentinien wurde, hatte sein Vorgänger, Pater Ricardo O’Farrell, der Gründung einer neuen Jesuitengemeinde im Stadtteil Bajo Flores in Buenos Aires seinen Segen erteilt. Die vier Priester – Pater Franz Jalics, Pater Orlando Yorio, Pater Luis Dourrón und Pater Enrique Rastellini – sollten in einem neu errichteten Viertel mit Sozialwohnungen leben, das als Rivadavia bekannt war und längs an ein Elendsquartier grenzte. Letzteres wiederum war nur durch die Nummer bekannt, die ihm irgendein Bürokrat des Stadtrates gegeben hatte: Slum 1.11.14. Während der Woche gingen die Priester weiter ihrer Lehrtätigkeit und ihren Schreibaufgaben nach, an den Wochenenden aber kümmerten sie sich um die Vernachlässigten in der Nachbarschaft. Zu den Leuten, mit denen sie in dem Slum zusammenarbeiteten, gehörten auch Aktivisten der Bewegung <em>Peronismo de Base</em>, einer dem Marxismus zuneigenden Gruppierung, die gleichfalls unter den Benachteiligten wirkte.</p>
<p>Dies war nun aber genau die Art von Tätigkeit, von der Bergoglio die Jesuiten unbedingt abbringen wollte, als er 1973 Provinzial wurde. Der neue Mann an der Spitze war aus doppeltem Grund dagegen: Einmal war eine solche Arbeit gefährlich und ließ die Jesuiten ins Fadenkreuz von Gewalttätern geraten. Dazu fußte sie auf der Art von Befreiungstheologie, zu deren Ausrottung der Orden ihn eingesetzt hatte. Wenn die Bibel zur Politisierung und Ermächtigung der Armen eingesetzt würde, so meinte er, würde das für Empörung bei den konservativen Katholiken sorgen, für die diese „vorrangige Option für die Armen“ nichts anderes bedeutete als Subversion und eine Herabwürdigung der ignatianischen Spiritualität. Also teilte er den vier Priestern mit, dass sie ihre Arbeit in dem Slum aufgeben sollten.</p>
<p>Es folgte ein langer Streit. Bergoglio war der Vorgesetzte. Allerdings waren zwei dieser Priester, Jalics und Yorio, nicht nur älter als er – Bergoglio war gerade einmal 36 Jahre alt, als er die Führungsposition einnahm –, sie waren auch seine Lehrer gewesen, als er sich noch in der Ausbildung zum Jesuiten befand. Jalics hatte ihn in Philosophie unterrichtet, Yorio in Theologie. Doch nach einem langwierigen internen Verfahren, das sich über mehr als ein Jahr hinzog, verlangte Bergoglio von ihnen die Auflösung der Rivadavia-Gemeinde. Jalics und Yorio weigerten sich.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Aus Angst vor marxistischen Verbindungen betrieb Bergoglio die Auflösung der Jesuitengemeinde im Slum von Buenos Aires<em>.</em></p></blockquote></div>
<p>Im Februar 1976 spitzten sich die Dinge zu. Bergoglio traf sich mit den beiden Priestern und ließ sie wissen, dass „Rom und gewisse Kreise der argentinischen Kirche enormen Druck“ auf ihn machten, die Gemeinde aufzulösen. In Italien bedrängte der Vatikan, der gerade in die aggressivste Phase seiner Ablehnung der Befreiungstheologie eingetreten war, den Generaloberen der Jesuiten, eine harte Gangart gegenüber Theologen einzuschlagen, die mit marxistischen Gruppierungen wie <em>Peronismo de Base</em> in Verbindung standen. Bergoglio teilte den Männern mit, der Ordensgeneral in Rom, Pater Pedro Arrupe, würde sie dringlich auffordern, sich zwischen der Rivadavia-Gemeinde und der Gesellschaft Jesu zu entscheiden. Yorio hatte seine Zweifel, ob die Order tatsächlich aus Rom kam. Einen Monat später, am 19. März, kam es zu einem neuerlichen Treffen. Was dann geschah, wird widersprüchlich bezeugt. Jalics und Yorio behaupteten hartnäckig, der Provinzial hätte sie davon in Kenntnis gesetzt, dass sie ausgeschlossen würden; Bergoglio hingegen beharrte seither darauf, dass die beiden Männer ausgetreten seien, wenn auch auf seinen Vorschlag hin. Und im Fall von Pater Dourrón sei es genauso gewesen. Bergoglios Äußerungen zufolge wurden die Austritte von Yorio und Dourrón angenommen, in Jalics Fall war dies aber nicht möglich, weil er seine letzten feierlichen Gelübde abgelegt hatte. Nur der Papst konnte ihn von diesen entbinden. In Wirklichkeit hatte wohl Bergoglio die Männer wissen lassen, dass sie im Falle ihrer Weigerung, Rivadavia zu verlassen, als ausgetreten betrachtet werden würden. (…) Er beendete das Treffen mit einer Warnung. „Angesichts der Gerüchte über den bevorstehenden Putsch sagte ich ihnen, sie sollten sehr vorsichtig sein.“</p>
<h3>Der Militärputsch und die Folgen</h3>
<p>Fünf Tage darauf stürzte die Militärjunta die demokratisch gewählte Regierung. „Jedem war klar, dass es zum Putsch kommen würde“, erinnerte sich die Menschenrechtsanwältin Alicia Oliveira, die schon vor Bergoglios Zeit als Provinzial mit ihm befreundet gewesen war und die zu den Leuten in Buenos Aires gehört, mit denen er als Papst weiter Kontakt hält. „In der Presse wurden schon im Monat zuvor Namen von zukünftigen Ministern der Militärregierung gehandelt. Die Zivilregierung war wirklich schlecht. Die meisten Leute waren froh, als es zum Putsch kam. Aber Bergoglio und ich – wir waren ganz und gar nicht froh. Wir ahnten beide, dass es wirklich schlimm werden könnte.“ Bergoglio und Oliveira hatten beide sehr früh verstanden, was die Anwältin den Hang des Militärs zu einer Freund-Feind-Logik nannte – und dessen gefährliche Unfähigkeit, zwischen politischem, sozialem oder religiösem Engagement und terroristischer Auflehnung zu unterscheiden. „Als wir uns in den Wochen vor dem Putsch miteinander unterhielten, konnte ich feststellen, dass seine Ängste größer wurden, vor allem wegen des Schicksals der beiden Jesuitenpater Yorio und Jalics.“ Zwei Jahre zuvor war ein anderer Jesuit, Pater Juan Luis Moyano, von den Sicherheitskräften festgehalten und dann deportiert worden. Er hatte im Rahmen von Alphabetisierungsprogrammen mit den Armen gearbeitet. Ein rechtes Todeskommando von Triple A hatte zudem den Slumpriester Pater Carlos Mugica ermordet. Anderen Jesuiten zufolge kannte Bergoglio sich in der Lokalpolitik gut aus und bekam manchmal Tipps über bevorstehende Razzien durch das Militär, vor denen er dann Kollegen warnte. (…)</p>
<p>Ob sie nun ausgetreten sind oder ausgeschlossen wurden – für Bergoglio gehörten Yorio und Jalics nicht länger zur Gemeinschaft der Jesuiten. Er setzte den Erzbischof von Buenos Aires, Juan Carlos Aramburu, von diesem Umstand in Kenntnis, sodass der ihnen die Erlaubnis zum Lesen der Messe entzog. Das, so meinte Yorio später in Anlehnung an das, was man ihm in der ESMA gesagt hatte, war „grünes Licht“ für das Militär, gegen ihn und Jalics vorzugehen. Drei Tage, nachdem sie ihre Erlaubnis verloren hatten, wurden die beiden Männer von einer Todesschwadron der Marine aufgegriffen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Das Vorgehen Bergoglios, so der Vorwurf seiner Kritiker, war „grünes Licht“ für das Militär, gegen die Priester vorzugehen.</p></blockquote></div>
<p>Die Entführung geschah am Sonntag, dem 23. Mai 1976, um elf Uhr vormittags. Tags zuvor hatte Yorio Bergoglio angerufen und gefragt, was die beiden Priester wegen der anstehenden Sonntagsmesse tun sollten. Bergoglio ließ sie wissen, dass sie die Messe privat bei sich zu Hause lesen könnten, und schickte einen anderen Priester, Pater Gabriel Bossini, der die Messe in der Kirche las. Als die Messfeier beendet war, rückten 200 Mann der Marinesturmtruppen in das Gebiet von Bajo Flores ein. Sie ergriffen die beiden Priester bei sich zu Hause, dazu vier Katechetinnen und zwei von ihren Ehemännern. Pater Bossini ließen sie unbehelligt. Pater Dourrón, der zu dieser Zeit mit dem Fahrrad in der Gegend unterwegs war, gelang es zu entkommen. Die sechs Menschen, die zusammen mit den Priestern ergriffen wurden, hat niemand je wieder gesehen.</p>
<h2>Bergoglios Reaktion auf das Verschwinden der Priester</h2>
<p>Bergoglio hörte durch einen Bewohner von Bajo Flores, der ihn später an dem Tag anrief, von der Verschleppung. „Noch in derselben Nacht, als ich von der Entführung erfahren habe, wurde ich aktiv“, erklärte er. Der Provinzial informierte den Ordensgeneral der Jesuiten in Rom „von einer Telefonzelle auf der Corrientes Straße aus, um nicht das Telefon in der Kurie zu benutzen“. Er rief die Kirchenoberen an, und er nahm Verbindung mit den Familien von Yorio und Jalics auf, um sie darüber zu unterrichten, welche Schritte er unternehmen würde. An Yorios Bruder Rodolfo schrieb er später: „Ich habe mich viele Male bei der Regierung für die Freilassung Ihres Bruders eingesetzt. Bis jetzt haben wir keinen Erfolg gehabt. Ich habe die Hoffnung jedoch nicht verloren, dass Ihr Bruder bald freikommt. […] Ich habe diese Angelegenheit zu <em>meiner </em>Sache gemacht. Die Differenzen, die Ihr Bruder und ich über Fragen des religiösen Lebens hatten, haben damit nichts zu tun.“ Am 15. September 1976 – die beiden Priester waren da schon länger als vier Monate verschollen – schrieb Bergoglio in ganz ähnlichem Wortlaut an Jalics’ Familie. (…)</p>
<p>Die Menschen, die Bergoglio nahestehen, sind sich sicher, dass ihm die Entführung großen Kummer machte. „Jorge litt in den Monaten nach der Verschleppung von Yorio und Jalics unter großer Angst um sie“, so seine gute Freundin Alicia Oliveira. „Er unternahm eine Menge, um ihre Freilassung zu erreichen. Er suchte den Chef der Junta auf, General Videla, der ihm mitteilte, dass die Aktion von der Marine ausgeführt worden war. Also ging er zum Chef der Marine, Massera. Er sprach mit den Jesuiten in Rom. Er sprach mit dem Vatikan. Er hat sich seitdem ständig Vorwürfe gemacht, nicht genug unternommen zu haben, dabei setzte er sich wie verrückt dafür ein, dass sie freikamen.“ (…)</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Bergoglio hat sich ständig Vorwürfe gemacht, nicht genug unternommen zu haben; dabei setzte er sich wie verrückt dafür ein, dass die Priester freikamen.</p></blockquote></div>
<p>Fünf Monate dauerte es, bis die beiden Jesuiten wieder frei waren. Am 23. Oktober 1976 klingelte das Telefon im Büro des Provinzials im <em>Colegio Máximo</em>. Es war Yorio. Später äußerte Bergoglio gegenüber dem Gericht im ESMA-Prozess: „Ich bat ihn: ,Sag mir nicht, wo du bist, und bleib, wo du bist. Schicke jemanden zu mir, der mir mitteilt, wo wir uns treffen können.‘ Zu dieser Zeit war man gezwungen, alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.“ Bergoglio setzte sich mit dem Apostolischen Nuntius, Erzbischof Pio Laghi, in Verbindung, um ihn zu bitten, Yorio und Jalics in die Polizeizentrale zu begleiten. Laghi spielte Tennis mit Marinechef Massera. In Begleitung des wichtigsten Vertreters des Papstes in Argentinien „konnte ihnen dort nichts Schlimmes passieren“, so Bergoglio im ESMA-Prozess. Man kam zu dem Schluss, dass es das Beste sei, wenn die beiden Jesuiten das Land verließen. Yorio wurde ermöglicht, nach Rom zu gehen, um dort Kirchenrecht zu studieren. Jalics begab sich in die USA, wo seine Mutter lebte. 1978 ging er nach Deutschland und wirkte dort als geistlicher Begleiter. Später gründete er ein Exerzitienhaus und entwickelte eine spezielle Praxis der begleitenden Exerzitien mit dem Jesusgebet – <em>Herr Jesus Christus, du Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir Sünder </em>– im Zentrum. Jalics selbst berichtete, dass er die Gefangenschaft seelisch überlebte, indem er das Gebet wieder und wieder rezitierte.</p>
<p>Es gab verschiedene Ansichten über die Gründe, aus denen die beiden Priester freigelassen und nicht ermordet wurden wie die allermeisten der „Verschwundenen“. Für Bergoglios Freunde war sein Eingreifen ausschlaggebend. Die Witwe des Menschenrechtsaktivisten Emilio Mignone behauptete dagegen beharrlich, dass es ihr Mann gewesen war, der die Freilassung der Jesuiten bewirkt hatte, indem seine Verbindungsleute in Rom auf das argentinische Regime Druck ausübten. Yorios Bruder Rodolfo dagegen führte die Wendung auf einen Handel zurück, der ein Treffen zwischen dem Wirtschaftsminister der Junta und dem Vatikan sichern sollte, das wenige Tage nach der Freilassung der Männer tatsächlich stattfand. (…)</p>
<h3>Bergoglios Einsatz für Verfolgte der Militärjunta</h3>
<p>Es steht außer Zweifel, dass Jorge Mario Bergoglio in den Jahren des Schmutzigen Krieges viel versucht und unternommen hat, um die Leidtragenden der Militärjunta vor Gewalt zu schützen. Tatsächlich hatte er sogar schon vor dem Putsch begonnen, den Verfolgten beizustehen. In der Provinzzentrale in der Bogotá-Straße im Zentrum von Buenos Aires hatte er Personen Schutz gewährt, die vor der Diktatur im benachbarten Uruguay auf der Flucht waren. Einige Wochen vor der Machtübernahme des Militärs wollte er das Haus schließen, weil er gehört hatte, dass es von den Sicherheitskräften „markiert“ worden war. Bergoglio ließ die Flüchtlinge, die sich dort verborgen hielten, in das mehr als zehn Kilometer entfernte, am Stadtrand gelegene <em>Colegio Máximo </em>bringen und instruierte die Mitglieder der Gemeinschaft dort, sie sollten, wenn sie gefragt würden, erklären, dass die Neuankömmlinge sich dreißigtägigen Schweigeexerzitien unterzogen. Bergoglio spekulierte darauf, dass das Militär sich nicht so leicht in die Belange einer höheren Bildungseinrichtung der Jesuiten einmischen würde. (…)</p>
<p>Laut Oliveira tat Bergoglio, was er konnte, um mit öffentlichen Unterstützungsgesten Hilfe zu leisten. Sie hatte vor dem Putsch als Richterin gearbeitet, war jedoch gleich nach Machtantritt des Militärs entlassen worden. Und das war noch nicht alles. „Irgendwelche Leute sprachen meinen vierjährigen Sohn an und sagten zu ihm: ,Wir werden deine Mutter umbringen.‘ Zwei Tage später schickte mir jemand einen Blumenstrauß mit einem Brief, in dem stand, wie gut ich als Richterin gewesen sei. Er war nicht unterschrieben, aber ich habe Bergoglios Handschrift erkannt.“ Er bot ihr einen sicheren Hafen am <em>Colegio Máximo</em>, sie lehnte ab. Oliveira war alleinerziehende Mutter, und bald darauf setzte Bergoglio ein Zeichen, indem er ihren jüngsten Sohn taufte. Es war kein öffentliches prophetisches Zeugnis, aber es war eine große Unterstützung für sie persönlich, erinnerte sich Oliveira. In den meisten Fällen aber leistete Bergoglio im Verborgenen Widerstand. (…)</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>In den meisten Fällen leistete Bergoglio im Verborgenen Widerstand. Er kannte deutlich die Grenzen seiner Möglichkeiten, öffentlich etwas zu tun.</p></blockquote></div>
<p>„Es war eine Zeit sehr großer Spannungen“, erinnerte sich Pater Juan Carlos Scannone, seinerzeit Theologe und heute am <em>Colegio Máximo </em>tätig, „in der man bei allem, was man tat, auf der Hut sein musste.“ Scannone bezeichnet sich selbst als Befreiungstheologe, wobei er sich dem nicht marxistischen Flügel zurechnet. Während des Schmutzigen Krieges zeigte er Bergoglio häufig seine Artikel zur Befreiungstheologie, bevor sie publiziert wurden, „um mich vor unguten Interpretationen zu schützen“. Bergoglio bat ihn, sie von einer anderen Adresse aus abzuschicken, weil er das Militär verdächtigte, die Post der Jesuiten zu durchleuchten. Aber er hat keinen Versuch gemacht, Scannones Schreiben zu zensieren. Und er riet dem Theologen ebenso wie anderen Geistlichen, die in den Armenvierteln arbeiteten, davon ab, nach Einbruch der Dunkelheit allein zurückzureisen, weil sie sonst den Verschleppungstrupps der Regierung in die Hände fallen könnten.</p>
<p>Dennoch kannte er deutlich die Grenzen seiner Möglichkeiten, öffentlich etwas zu tun. So schilderte er es Oliveira, die später Ombudsfrau der Stadt Buenos Aires für Menschenrechte war. Sie drängte ihn zu Zeiten der Diktatur, seine Stimme zu erheben. „Er war gequält“, erinnerte sie sich. „Aber er sagte, er könnte es nicht tun, es wäre gar nicht leicht.“ Aus Scannones Sicht ist es wichtig, den Grenzen Rechnung zu tragen, an die Bergoglio seinerzeit stieß: „Er war noch nicht einmal Bischof und konnte nur in seiner Funktion als Oberhaupt der Jesuiten des Landes handeln. Seine Aufgabe war es, sich schützend vor die Jesuiten zu stellen, und da alle Jesuiten diese Zeit heil überstanden haben, hat er seine Aufgabe doch erfüllt.“</p>
<p><em>Der Beitrag ist ein gekürzter Vorabdruck aus der im August 2014 auf Deutsch erscheinenden Papst-Biographie von Paul Vallely, die in ihrer englischen Originalfassung weltweit Anerkennung gefunden hat.</em></p>
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		<title>Papst Franziskus – ein neuer Franz von Assisi?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Häring]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:46:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Jesuiten]]></category>
		<category><![CDATA[Papst]]></category>
		<category><![CDATA[Papsttum]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>
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					<description><![CDATA[Am 13. März 2013 war die Überraschung perfekt: Ein argentinischer Jesuit, Jorge Maria Bergoglio, wurde Papst und wählte den Namen Franziskus. Für Insider steckten in dieser Nachricht gleich drei Sensationen: ein Argentinier wurde Bischof von Rom, ein Jesuit Papst. Dazu nahm er sich die Freiheit, sich Franziskus zu nennen. Zwangsläufig stellt sich damit die Frage, was Franz von Assisi der Sache nach für den neuen Papst bedeutet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Am 13. März 2013 war die Überraschung perfekt: Ein argentinischer Jesuit, Jorge Maria Bergoglio, wurde Papst und wählte den Namen Franziskus. Für Insider steckten in dieser Nachricht gleich drei Sensationen: ein Argentinier wurde Bischof von Rom, ein Jesuit Papst. Dazu nahm er sich die Freiheit, sich Franziskus zu nennen. Zwangsläufig stellt sich damit die Frage, was Franz von Assisi der Sache nach für den neuen Papst bedeutet.</p></blockquote></div>
<p>Die drei genannten Sensationen hängen zusammen und beschäftigen bis heute die Öffentlichkeit. In Rom treffen bislang unbekannte Besucherströme zusammen. Bei päpstlichen Ansprachen, Generalaudienzen und Gottesdiensten füllen sich der Petersdom (20.000), die Audienzhalle (25.000) und der Petersplatz (bis 500.000 Menschen) noch mehr als früher. Denn unerwartet kam da einer „von den Rändern der Erde“, der sich von den Mengen segnen lässt und ihnen eine gute Mahlzeit wünscht. Er kennt das unbeschreibliche Elend und die sozialen Missstände seines Landes, erlebte dessen brutales Terrorregime (1976-83). Er steht der Befreiungstheologie nahe und hat das Zeug, die an Besitz und Macht orientierte Mentalität der katholischen Kirche von Grund auf zu verändern. Sein „samaritanisches“ Programm wurde schon vielfach beschrieben.</p>
<h2>Ein jesuitisches Franziskus-Programm</h2>
<p>Dass ein Jesuit den Papstthron besteigt, galt bislang als ausgeschlossen. Seit Gründungszeiten gehört es zu deren Kernaufgaben, dem Papst auf jeden Wink zu gehorchen. Zugleich ist es ihnen verboten, hierarchische Ämter zu übernehmen. Natürlich konnte der Papst Ausnahmen, etwa die Bischofs- oder Kardinalsernennung eines Jesuiten anordnen. Wer aber kann einem Jesuiten befehlen, Papst zu werden? Und wie kann sich dieser Papst mit Franz von Assisi einen armen Bettler zum Vorbild nehmen, der sich von der Hierarchie konsequent fernhielt? Hier wurden die klassischen Regeln überschritten. Dass sich dieser regelwidrige Jesuit den „kleinen Armen“ (poverello) aus Assisi zum Maßstab macht, lässt noch mehr aufhorchen. Gewiss, die Zeit katholischer Ordenskonkurrenzen ist ebenso vorbei wie Franz von Assisi schon lange über die Tradition der Franziskaner und Kapuziner hinausgewachsen ist. Die alten Rollenspiele haben sich neu sortiert. Franziskus ist selbst außerhalb des Katholizismus interessant geworden. Umso klarer stellt sich die Frage, was Franz von Assisi der Sache nach für den neuen Papst bedeutet.</p>
<h2>Papst Franziskus und die Überfigur aus Assisi</h2>
<p>Der Lebensstil und die innere Haltung des italienischstämmigen Bergoglio zeigen – für uns Deutsche jedenfalls – viele franziskanische Züge. Er begegnet den Menschen unbefangen, strahlt Nähe aus und wirkt sympathisch.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Lebensstil und die innere Haltung von Papst Franziskus zeigen viele franziskanische Züge.</p></blockquote></div>
<p>Manches daran könnte auch jesuitisch sein. Doch die Armut wie die eigene Schwester zu lieben, überschreitet jesuitisches Maß. Offensichtlich hat er das Fühlen mit den Armen in ernsten Situationen erarbeitet und so die Bedeutung seines Vorbilds aus Assisi kennengelernt. Sein Lebensweg hat ihn in mehr als eine Grundsatzentscheidung gedrängt, die seine Spiritualität bis heute prägt. Dazu gehören seine frühe Krankheit, sein Eintritt in den Jesuitenorden und die schweren verantwortungsvollen Jahre während des argentinischen Terrorregimes, die den jungen Mann oft an die Grenzen seiner Kräfte trieben.</p>
<p>Doch seine ignatianische Prägung blieb unverkennbar. Er lebt nicht wie der Arme aus Assisi aus einer kindlich-selbstverständlichen Verbundenheit mit Mensch und Natur, sondern nach langen Studien aus einer hochreflektierten Glaubens- und Kirchentradition. Seine Spiritualität ist nicht vom beginnenden 13., sondern mit Ignatius, dem Gründer des Jesuitenordens, vom vorangeschrittenen 16. Jahrhundert getragen, also nicht mehr eingebettet in mythisch-wundergläubige Erzählungen, sondern in eine sorgsam unterscheidende Spiritualität. Während Franz mit seiner Schwester Armut lebte, entdeckt Papst Franziskus sie als ein Ziel, das zu erarbeiten ist. Die vielen spirituellen Anklänge seines Interviews vom Sommer 2013 lassen den Unterschied erkennen. Papst Franziskus ist weniger ein Mann der Naturnähe als ein Mann der Selbst- und Fremdbeobachtung, des ständigen Nachdenkens und der Selbstkorrektur.­­­­</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Papst Franziskus ist weniger ein Mann der Naturnähe als ein Mann der Selbst- und Fremdbeobachtung, des ständigen Nachdenkens und der Sel­­­­bstkorrektur.</p></blockquote></div>
<p>Auch seine päpstlichen Gesten, von denen die Berichterstattung lebt, sind grundehrlich und dennoch als Belehrung und Erziehung kalkuliert. Es ist eine paradoxe Bescheidenheit, weil sie zugleich die Öffentlichkeit liebt. Nie und nimmer hätte Franz von Assisi (anachronistisch formuliert) mit gleich zwei Heiligsprechungen einen Megapilgersturm auf Rom initiiert. Auf keinen Fall hätte er sich zum Papst wählen lassen. Das 13. Jahrhundert des poverello, das 16. des Ignatius und unser 21. Jahrhundert sind kaum vergleichbar.</p>
<h2>Ignatius von Loyola – Brücke zur Gegenwart</h2>
<p>Papst Franziskus ist ein gut ausgebildeter, doch konservativer Theologe, ein leidenschaftlicher und fortschrittlicher Seelsorger, ein zeit- und kirchenkritischer Beobachter. Am stärksten beeindruckt seine Spiritualität, die von Ignatius von Loyola (1491-1556) geprägt ist. Zwischen ihm und von Assisi zeigen sich erstaunliche Parallelen. Beide träumen zunächst von einer Karriere als kampfesfähige Ritter, werden jedoch aufs Krankenbett geworfen, das sie zur großen Revision ihres Lebens bringt. Mystische Erfahrungen stellen sich ein. Franz zieht sich oft in die Einsamkeit, Ignatius in seine Höhle bei Manresa zurück. Beide entdecken die Evangelien, entwickeln eine tiefe Jesusfrömmigkeit und die Idee der Nachfolge und scheitern schließlich mit ihrer Reise nach Jerusalem. Franz entdeckt seine Geschwister in der Natur, Ignatius findet Gott „in allen Dingen“. Es ist diese Mystik des Ignatius, die den Papst mit Assisi näher verbindet, als es ihm bewusst sein mag.</p>
<p>Dabei sind die Unterschiede nicht zu übersehen. Der fromme, spontan reagierende Franz durchschaut intuitiv die Gefährdungen des Reichtums. 300 Jahre später denkt der zielführend agierende Ignatius rationaler, in Kategorien von Mittel und Ziel. In vitaler Direktheit empfängt Franz Wundmale Jesu. Ignatius geht den Weg langer Studien. Franz erzählt das Evangelium weiter, Ignatius eignet sich die Evangelien in methodisch geregelter Weise an. Ignatius erreicht keine instinktive Aversion, sondern eine instrumentelle Distanz zu Reichtum und Macht. Der Eine hilft der Kirche, indem er schlicht Gottes Wort verkündet und lebt. Der Andere verschreibt sich einem Reformprojekt, das insbesondere das Papsttum stärkt. In der postmodernen Gegenwart werden diese Gegensätze verflüssigt, sodass sich Franz und Ignatius im Bergoglio-Papst neu treffen können.</p>
<h2>Umkehr der Orientierung</h2>
<p>Bei aller Nähe bleibt deshalb die Distanz des poverello zu den kirchenoffiziellen Strukturen erhalten. Umgekehrt hat Papst Franziskus schon im ersten Amtsjahr die kirchlich gehorsame Gesinnung seines Ordensgründers nachdrücklich eingefordert. Nur in der Kirche, so seine Behauptung, könne man wirklich an Christus glauben. An diesem Punkt kann sich der Papst mit dem Menschenfreund aus Assisi kaum treffen.</p>
<p>Wie also will und kann der Jesuit Franziskus konsequent zum Jünger des Franz von Assisi werden? Wie kann ein Papst dieses Franziskus-Programm zur Geltung bringen, ohne das römische Monopolsystem von Primat und Unfehlbarkeit nach innen und nach außen aufzubrechen? Früher oder später muss sich der Papst entscheiden.</p>
<p>Gewiss sind Ansätze zur Vermittlung vorhanden und in der Befreiungstheologie seines Landes vorbereitet. Dort geht es um die Frömmigkeit des armen und geknechteten Volkes. Aus dieser Sicht sind die katholischen Strukturen nicht einfach abzuschaffen, aber vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Bischöfe müssen zu Hörenden werden, die Impulse der Erneuerung von unten kommen. Papst Franziskus spricht von einer „Bekehrung“ der Strukturen und er stimmt sicher der These zu: Auch seine Kirchenführung verkümmert zur Symbolpolitik, wenn die konkreten Impulse zu einem erneuerten Leben nicht aktiv von den Gemeinden getragen und vorangetrieben werden. Die größte Gefahr, die dem franziskanischen Programm gegenwärtig droht, besteht in einer überhöhten Papstverehrung, die den Bergoglio-Papst zum Alibi ihrer eigenen Untätigkeit macht.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die größte Gefahr, die dem franziskanischen Programm gegenwärtig droht, besteht in einer überhöhten Papstverehrung, die den Bergoglio-Papst zum Alibi ihrer eigenen Untätigkeit macht.</p></blockquote></div>
<h2>Konkrete Impulse</h2>
<p>Die Kirchen Westeuropas kämpfen ums Überleben, doch die Krise kommt aus den wohletablierten Kirchen selbst. Die Wende, die Papst Franziskus initiieren will, lässt sich am päpstlichen Schreiben Freude am Evangelium vom November 2013 zeigen. In ihm redete er als jemand, der die Not von Menschen kennt, spricht Klartext über die Habgier der Menschen, den Fetischcharakter des Geldes und die tödlichen Wirkungen des aktuellen Wirtschaftssystems. Prompt reagiert die Weltpresse mit heftigen Grundsatzdiskussionen. Wer es anpackt wie dieser Papst, wird offensichtlich gehört.</p>
<p>Allerdings geht es nicht um Augenblickserfolge, sondern um langfristige Prozesse, die das „franziskanische“ Bergoglio-Programm auslösen könnte. Vier Aspekte seien genannt. Ich erwarte …</p>
<ol>
<li>einen starken, langfristigen Schub von geistlicher Erneuerung. Sie würde allen Kirchen gut tun, sie zu innerer Gelassenheit führen. Ich traue diesem Papst die Kraft zu, im Sinne des Franz von Assisi ein neues Bewusstsein für die spirituelle Tiefe des christlichen Glaubens und der Nachfolge zu schaffen. Diese Kraft könnte zur Quelle für zahllose Erneuerungen auf verschiedensten Ebenen werden.</li>
<li>eine neue Öffnung der Kirchen zur Welt von einem entschieden christlichen Standpunkt aus. Der christliche Glaube birgt, wie Papst Franziskus zeigt, mächtige gesellschaftspolitische Potenzen, die die Welt mitgestalten können. Diese Neuorientierung könnte aus der Ursituation des Franz von Assisi erwachsen, der einem eigensüchtig agierenden Vater den Bettel vor die Füße wirft, um am Rand der Gesellschaft in eine Gegenwelt des geschwisterlichen Teilens zu ziehen. Die Befreiungstheologie könnte für weitere Konsequenzen einen ersten Ansatz bieten. Es geht darum, die gesellschafskritische aktuelle Relevanz des Franz von Assisi konkret zu leben.</li>
<li>einen neuen Stil kirchlicher Präsenz in der Gegenwart. Johannes Paul II. hat die katholische Kirche zu einem medialen global player, sein eigenes Amt oft zu einem christlichen Showmaster hochstilisiert. Unter dieser glänzenden Oberfläche behielt die katholische Kirche eine unversöhnte, autoritär gesteuerte Innenwelt. Papst Franziskus hingegen zieht eine zerbeulte Kirche dem schönen Schein vor. Er spricht vom Lazarett, das die Verletzten versorgt. Gewiss, die verführerische Medienwelt hat es zu Zeiten des Franz noch nicht gegeben, aber es gab damals schon eine Prachtentfaltung von unglaublichem Ausmaß. Ähnlich wie Ignatius von Loyola widerstand ihr der Heilige von Assisi, indem er ihr die Kraft der Einsamkeit und der unmittelbaren Begegnung entgegenstellte. In diesem Sinn erhoffe ich mir Kirchen mit mehr Transparenz und Partizipation.</li>
<li>eine erneuerte Erinnerung an eines der faszinierendsten Vorbilder, die die Kirchen je hervorgebracht haben. Diese Erinnerung muss von ihren romantisierenden und oft verkitschten Erinnerungen befreit werden. Es reicht nicht, den Sonnengesang mit Gitarrenbegleitung zu spielen. Franz von Assisi war einer, der – dem „Gottesknecht“ vergleichbar – in mystischer Dramatik am eigenen Leibe gezeigt hat, wie elend es um die Menschheit steht und wie sehr sie von solchen lebt, die ihre Wunden der Menschheit am eigenen Leibe tragen.</li>
</ol>
<p>Ich halte solche tiefgreifenden Prozesse für möglich, weil sie einer ungestillten Sehnsucht vieler Menschen entsprechen. Das heißt aber: Ein Kirchenführer kann sie höchstens anstoßen und für sie einen Rahmen abstecken. Es ist Sache der Christinnen und Christen selbst, in hohem Respekt vor dem Papst, aber ohne alle Papstverehrung von unten zu beginnen. Dann hätte der Papst die Freiheit, sein eigenes Mega-Amt von allen Widersprüchen zu reinigen, die es sich durch die Jahrhunderte aufgeladen hat. Wir sollten nämlich nicht vergessen: Ein Franz von Assisi und ein unfehlbar absolutistisches Papstamt verhalten sich wie Feuer und Wasser. Man darf gespannt sein, wie Papst Franziskus diese hochdramatische Spannung lösen wird.</p>
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		<title>Gebet und Hit eines Jahrtausends</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hinrich Hudde]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:32:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Sonnengesang]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Sonnengesang des Franz von Assisi hat Schriftsteller und andere Künstler über Jahrhunderte hinweg zu eigenen Werken inspiriert. Übersetzungen, Nachdichtungen und vielfältige Bezugnahmen zeugen von der Faszinationskraft der Heiligenfigur und der Wirkmächtigkeit seiner Dichtung. Charakteristische Beispiele für die vielfältigen Adaptionen dieses einzigartigen Textes seien hier vorgestellt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>nacque al mondo un sole – zur Welt kam eine Sonne<br />
</em>Dante, <em>Paradiso </em>XI 50</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Sonnengesang des Franz von Assisi hat Schriftsteller und andere Künstler über Jahrhunderte hinweg zu eigenen Werken inspiriert. Übersetzungen, Nachdichtungen und vielfältige Bezugnahmen zeugen von der Faszinationskraft der Heiligenfigur und der Wirkmächtigkeit seiner Dichtung. Charakteristische Beispiele für die vielfältigen Adaptionen dieses einzigartigen Textes seien hier vorgestellt.</p></blockquote></div>
<p><a href="http://wordpress.p436630.webspaceconfig.de/der-sonnengesang-des-franz-von-assisi/">» Deutscher Text des Sonnengesangs</a></p>
<p>In seinem Lob auf Franz von Assisi (er nennt die Stadt „Ascesi&#8221; und versteht das als Sonnenaufgangsrichtung) assoziiert Dante Franziskus mit dem Sonnenlicht und spielt so auf den Sonnengesang an, das Schöpfungslobgebet, das den heute omnipräsenten Ruhm des Heiligen begründet und mitträgt. <em>Franziskus &#8211; Licht aus Assisi </em>hieß eine große Ausstellung in Paderborn (2011/12). Auch etwa Rilke verbindet unseren Heiligen mit dem Lichtmotiv. Im letzten Gedicht des <em>Stundenbuchs </em>(1905) heißt es über Franz: „Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte&#8221; – im Schlussvers erscheint Franziskus dann als „der Armut großer Abendstern&#8221;.</p>
<p>Der Sonnengesang des Franzikus ist Vorbild und Ausgangspunkt für eine eigene literarische Gattung: die Lauden, geistliche Lob-, aber auch Bußlieder, die in Italien um 1300 gepflegt wurden. Mit seinem Sonnengesang hat Franziskus auch moderne Dichter beeindruckt und beeinflusst, etwa Gabriele D ‘Annunzio, der in seinem Garten, dem Vittoriale am Gardasee, eine Franziskusstatue aufgestellt hat. Er ist einer der Franziskusschwärmer des späten 19. und 20. Jahrhunderts, zu denen in der deutschen Literatur neben Rilke vor allem Hermann Hesse gehört. 1904 widmete er <em>Franz von Assisi </em>ein Büchlein und übersetzt den Sonnengesang in ansprechend treuer Weise. Sein Romantitelheld <em>Peter Camenzind </em>(1904) verehrt den Heiligen – „Meine fast verliebte Vorliebe für den heiligen Franz von Assisi&#8221; (Kapitel IV) &#8211; und sublimiert sein Alkoholproblem zu einer Zusatzstrophe zum Sonnengesang. Der Romanheld „schloss zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag. Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi  ‚meinen lieben Bruder, den Wein‘ mit auf“ (Schluss von Kapitel V).</p>
<h3>Lyrische Neufassungen des Sonnengesangs</h3>
<p>Angesichts der Vielzahl von Übersetzungen im 20. Jahrhundert sei daran erinnert, dass der Sonnengesang um 1820 erstmalig ins Deutsche übertragen wurde. Die ersten Übersetzer sind wohl zwei prononciert katholisch-ultramontane Literaten, Joseph Görres (1776–1848) und Johann Friedrich Heinrich Schlosser (1780–1831), aber auch ein evangelischer Theologe, Ludwig Theobul Kosegarten (1758–1818), mithin ein ökumenischer Einsatz der Übersetzungsgeschichte. Da Letztgenannter 1818 in Greifswald starb, scheint seine wohl 1824 gedruckte Übersetzung die erste zu sein. Schon 1804 hatte Kosegarten sein legendenhaftes Gedicht „Franziskus von Assisi“ publiziert, wo er auf den Sonnengesang anspielt:</p>
<p>Sonn ‘ und Mond und alle hellen Sterne<br />
Lud er ein zu Gottes Lieb ‘ und Lobe;<br />
Feu ‘r und Wasser, Baum und Blum ‘ und Vöglein<br />
Nannt ‘ er seine Brüder, seine Schwestern,</p>
<p>(… aus <em>Legenden</em>, Berlin 1804, zitiert nach A. Groeteken, Die goldene Legende, Mönchen-Gladbach 1912, S. 52).</p>
<p>Während Schlosser (1842, vielleicht schon 1825) und Görres recht wörtlich übersetzen, schreibt Kosegarten eine freie hymnische Bearbeitung. Dem achtfachen „Laudato si“ („Gelobt seist du“) des Originals entspricht hier neunmaliges „Gelobt sey“. Zitiert seien der Anfang und die Verse 20 bis 25.</p>
<p>Gelobt sey Gott der Herr, der Herrliche,<br />
Der Höchst ‘ und Größt ‘ und Schönste. Sein allein<br />
Ist Reich und Macht und Herrlichkeit. (…)<br />
Gelobt sey Gott der Herr, der Herrliche,<br />
Um unsre Brüder, um die mächt ‘gen Vier,<br />
Die Heldischen, die Allbesiegenden,<br />
Feu ‘r, Wasser, Luft und Erde. Lustig ist<br />
Das Feuer, keusch das Wasser, scharf die Luft,<br />
Die Erde gabenvoll und gebensfroh.</p>
<p>Hier fasst Kosegarten in sechs Versen die vier den Elementen gewidmeten Versgruppen (Laissen) zusammen, die das mittlere Drittel des Sonnengesangs (Vers 12–22) bilden. Daran lässt sich wohl ablesen, dass er den Aufbau des Originals erkannt hat. Im ersten Drittel des Sonnengesangs folgen auf die einleitende Anrufung Gottes die Sonnenlaisse und die den anderen Gestirnen gewidmete. Das letzte Drittel wendet sich dem Menschen zu. Frei erfunden sind bei Kosegarten die sieben auf die zitierten folgenden Verse, in denen der Dichter-Übersetzer die vier Jahreszeiten Revue passieren lässt. Während der Vogelprediger und Tierfreund Franziskus die Tiere im Sonnengesang gar nicht erwähnt, ergänzt sein Übersetzer in den Versen 38–42:</p>
<p>Gelobt sey Gott der Herr, der Herrliche,<br />
In seinen Kindlein, die mit Zungen ihn,<br />
Mit hellen Kehlen preisen. Nachtigall,<br />
Ihn preisen soll dein schmetternder Gesang,<br />
Ihn preisen, Grille, soll dein schwirrend Lied.</p>
<h3>Rafael Alberti: „Der große Bruder in der Malerei“</h3>
<p>Das in meinen Augen schönste und interessanteste moderne Gedicht, das sich eng an den Sonnengesang anlehnt, ist ein spanisches  – hier Auszüge mit meiner Übersetzung:</p>
<p class="bodytext"><i>Giotto</i></p>
<table class="contenttable" border="0" width="550" cellspacing="0" cellpadding="0">
<tbody>
<tr>
<td valign="top" width="330">
<p class="bodytext"><i>Laude, Señor Dios mio,<br />
al hermano pincel. El se ha mojado<br />
de tu divino rostro de rocio<br />
y al fundirle la sangre,<br />
iluminado. (…)<br />
Laude, Señor Dios mio,<br />
al hermano color, a los colores<br />
al fraternal violeta,<br />
al verde, al blanco, al rojo, al amarillo,<br />
al negro, al oro, al rosa<br />
y al que es lengua pintando tus loores<br />
cuando se eleva airosa<br />
a humilde, a pobrecillo<br />
päjaro fiel mi mano: (…)<br />
el claro azul, el buen añil hermano. (…)<br />
Laude, Señor Dios mio,<br />
porque me armaste dulce, carinoso,<br />
y en una edad oscura<br />
me concediste el habito glorioso<br />
del hermano mayor de la Pintura.</i></p>
</td>
<td valign="top" width="369">
<p class="bodytext"><i>Lob sei, Gott mein Herr,<br />
dem Bruder Pinsel, befeuchtet<br />
vom Tau deines göttlichen Gesichts,<br />
vermischt mit Blut, das leuchtet.<br />
Lob sei, Gott mein Herr,<br />
dem Bruder Farbe, allen Farben:<br />
dem brüderlichen Violett,<br />
dem Grün, dem Weiß, dem Rot, dem Gelb,<br />
dem Schwarz, dem Gold, dem Rosa,<br />
und jener Farbe, Zunge deines Lobs<br />
aus meiner Hand, so hoch erhoben,<br />
ein demütig-armer<br />
Vogel der Lüfte:<br />
Das klare Blau, der gute Bruder Indigo.<br />
Lob sei, Gott mein Herr,<br />
dir selbst, da du mich schufst so mild und liebend,<br />
in einer dunklen Zeit<br />
verliehst du mir die Ehrenkutte<br />
des ersten Bruders in der Malerei.</i></p>
</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Das Gedicht Rafael Albertis (1902–1999) aus seinem Malereizyklus <em>A la pintura (1948) </em>passt zum Sonnengesang, weil Giotto die Oberkirche von San Francesco in Assisi ausgemalt hat. Alberti hatte einen Teil der Francozeit im italienischen Exil verbracht. Wie das Vorbild beginnt er mit Gotteslob.</p>
<p>Als Geschwister gelobt wird das Arbeitsmaterial des Malers, vom Pinsel ausgehend (V. 2), getaucht in göttlichen Schweißtau und in das Blut des höchsten Inspirators seiner Kunst. Die ausgelassene zweite Versgruppe evoziert die zu freskierende Wand und deren Putz. Die ebenfalls übersprungene dritte widmet sich Stift, Feder und Schwester Licht. Auf Mensch und Architektur (Versgruppe IV) folgen die zehn angeführten Farbenverse. Das Violett (V. 22) wird wohl deshalb als erster Bruder herausgestellt, weil es der Haupt- und Zielfarbe Blau (V. 29) nahesteht, als Farbe des Gotteslobs und der Transzendenz – wie auch noch in der Farbsymbolik Kandinskys. Blau ist die in Giottos Fresken dominierende Hintergrundfarbe, etwa in der berühmten Vogelpredigt. Die Verse 23 und 24 zählen rasch sieben Farben auf; „colores&#8221; (Farben, V. 21) reimt auf „tus loores&#8221; (Lob im Plural, V. 25). Im Schlussbild erhebt sich in luftige („airosa&#8221;, V. 26) Höhen die Hand des Malers, als demütiger („humilde“ – man vergleiche das Schlusswort des Sonnengesangs, das mit dessen erstem Wort kontrastiert) und armer („pobrecillo“ entspricht dem italienischen „poverello“, kleiner Armer, verbreiteter Beiname des Heiligen) Vogel, Lieblingstier Franz von Assisis. Auf einem Fresko Giottos erscheint Gottes Hand als Vatersymbol hoch über Francesco, der seine Kleider abgelegt und seinem leiblichen Vater zurückgegeben hat.</p>
<p>In den Schlussversen steht, wie im Sonnengesang, Dank im Vordergrund. Dankbar, aber auch selbstbewusst spricht Giotto als Rollen-Ich: Er durfte, sanft und liebenswert, in der finsteren Epoche des Mittelalters der große Bruder (Gegensatz zu „pobrecillo“) in der Malerei sein.</p>
<h3>Heimito von Doderer: „Das Lied von Bruder Sonne“</h3>
<p>Beschließen wir die literarischen Beispiele mit dem Hinweis auf einen Prosatext. Erst seit 2009 liegt gedruckt vor, was ein großer österreichischer Autor über Franz von Assisi schrieb, nämlich Heimito von Doderer (1896–1966), unter dem <em>Engeltitel Seraphica</em>. In der Zeit seiner Suche nach der eigenen Berufung zum Schriftsteller schildert er die Berufung des Heiligen. 1925, nach seiner Promotion, besucht Doderer Assisi. Das noch untypisch wirkende Frühwerk des Endzwanzigers lehnt sich eng an alte franziskanische Schriften an. Ein früher Publikationsversuch scheitert. Leitmotivisch erscheinen Sonne, Feuer und Glut als Antriebskräfte und Lieblingselement des Heiligen – bald aber auch die Gefahr der Erkaltung und Erstarrung. 1940 konvertiert Doderer und lässt sich katholisch taufen auf den Namen Franciscus Seraphicus. Sein nicht leicht zugänglicher Text versucht, aus der Musik Kompositions- und Strukturanregungen zu gewinnen. Die folgende Passage dieser Franziskuserzählung bezieht sich auf den Sonnengesang, gesehen als Trost für den kranken Heiligen:</p>
<p><em>Wenn er aber von schwerer Krankheit befallen wurde, begann er jenes Loblied von den Geschöpfen Gottes zu singen, welches er gemacht hatte; und danach ließ er es seine Gefährten singen, damit er, in Gottes Lob versenkt, seiner Schmerzen und der Bitterkeit seiner Leiden vergesse.</em></p>
<p><em>Und da er bedachte und sagte, dass die Sonne schöner sei als die anderen Geschöpfe, und dass sie noch mehr unserem Herrn gleicht, und weil in der Schrift selbst der Herr eine „Sonne der Gerechtigkeit“ genannt wird – so nannte er jenes Loblied auf die Geschöpfe Gottes (da ihn der Herr seines Reiches versichert hatte) „das Lied von Bruder Sonne“.</em></p>
<p>(Heimito von Doderer, S<em>eraphica</em> (Franziscus von Assisi), Montefal, Zwei Erzählungen aus dem Nachlaß, München: C.H. Beck 2009, S. 32; meine Darlegungen folgen weitgehend dem Nachwort des Herausgebers Martin Brinkmann).</p>
<h3>Verfilmungen und Vertonungen</h3>
<p>Dass musizierende Engel den kranken Heiligen trösten, wird im Barock mehrfach dargestellt (Beispiele im Ausstellungskatalog Franziskus Licht aus Assisi, München: Hirmer 2001 S. 375f.). Der Sonnengesang wurde gewiss von Anfang an gesungen; einzelne der zahlreichen erhaltenen Handschriften lassen Platz für die Eintragung von Neumen – aber die Urmelodie ist verloren, was der Romancier Julien Green in seinem Buch <em>Bruder Franz</em> (1975, S. 304) emphatisch bedauert: „Was gäben wir darum, hätten wir sie heute“. Von Joseph Görres ab gilt Franziskus, Sohn einer Südfranzösin, als <em>Troubadour Gottes</em> (1826) oder als <em>Spielmann Gottes: Francesco giullare di Dio</em> lautet der Titel des wohl schönsten der zahlreichen Franziskusfilme, zuletzt 2004 mit Mickey Rourke in der Rolle des Heiligen. Heribert Prantl schrieb dazu kurz nach der Wahl von Papst Franziskus in der<em> Süddeutschen</em> <em>Zeitung</em> (16./17.3.2013, S. 2): „Kein Heiligenleben ist so oft verfilmt worden wie seines; am besten von Rossellini. „Gaukler Gottes“ hat der seinen ergreifend schlichten Film über das bettelnde und betende Abenteuer des Mannes genannt, der reich war, sich arm machte und es mit aller Kraft blieb“.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Den Verlust der Urmelodie wollen Komponisten ab Franz Liszt durch Vertonungen des Sonnengesangs ausgleichen.</p></blockquote></div>
<p>Den Verlust der Urmelodie wollen Komponisten ab Franz Liszt durch Vertonungen des Sonnengesangs ausgleichen. Solche stammen etwa von Honegger, Hindemith und Carl Orff, sodann von so vielen neueren Komponisten, dass eine CD nicht weniger als vierzehn Vertonungen von Orff ab bündelt: <em>Der Sonnengesang des Franz von Assisi</em>. Vierzehn Interpretationen (TAU – AV-Produktion CH- 6370 Stans TAU 9604, 1996). Moderner musikbezogener Höhepunkt dürfte Olivier Messiaens <em>Oper Saint François d ‘Assise</em> von 1983 sein, für die sich der jüngst verstorbene Opern- und Festspielleiter Gérard Mortier besonders engagiert eingesetzt hat (mit Aufführungen bei den Salzburger Festspielen und bei der Ruhrtriennale). An drei Stellen, einmal in jedem Akt, zitiert Messiaen, der selbst das Libretto geschrieben hat, aus dem Sonnengesang.</p>
<p>Als Abschluss der Musikbeispiele sei die englische Hymne von Henry William Draper (1855–1923) erwähnt, deren deutsche Übersetzung Eingang in das <em>Evangelische Gesangbuch</em> fand (Nr. 514: „Gottes Geschöpfe kommt zuhauf…“), gesungen auf die Melodie eines barocken, katholischen Marienliedes, sodass hier wieder ökumenische Zusammenhänge in den Blick treten. Wie im frei behandelten Sonnengesang selbst ist der Schlussteil dem Menschen und dem Tod gewidmet – in der deutschen Übersetzung allerdings fehlt die Todeslaisse. Vom Wasser heißt es, es musiziere mit.</p>
<p>Hingewiesen sei schließlich noch auf den 1950 geborenen italienischen Liedermacher Angelo Branduardi, der seit dem Heiligen Jahr 2000 immer wieder den Sonnengesang (auch in deutscher Sprache) und andere frühe franziskanische Texte vorträgt. Die 1946 geborene amerikanische Rock- und Popsängerin Patti Smith erklärte nach der Wahl von Papst Franziskus, sie habe dafür gebetet, dass der neue Papst sich den Namen Franziskus gebe – als Nichtkatholikin fuhr sie zu einer Generalaudienz und schüttelte dem Papst die Hand (s. FAZ vom 2.4.2013). In Franco Zeffirellis Musikfilm <em>Brother Sun, Sister Moon</em> (1972) verweisen Titel und Titelsong Donovans (geboren 1946) klar auf den Sonnengesang  und das berühmte Geschwistermotiv. Brüder und Schwestern wechseln sich dort – wie auch im Filmtitel – regelmäßig ab.</p>
<h3>Adaptionen in der Bildenden Kunst</h3>
<p>Von Cimabue und dem von Alberti bedichteten Giotto ab ist Franz von Assisi ein beliebtes Sujet der Malerei wie der Bildhauerei. Große Maler haben ihn dargestellt, etwa Fra Angelico, Dürer, Caravaggio und Georges de la Tour, Rubens und Rembrandt, die großen spanischen Maler El Greco, Ribalta und Zurbarán und viele andere mehr. Oft wird er mit einem meditationsfördernden Totenkopf abgebildet, sein Hauptattribut aber sind die Wundmale. Dürer und andere stellen die Stigmatisation mit einem sechsflügeligen Seraph dar. Der Sonnengesang spielt in den klassischen Darstellungen seines Autors keine Rolle, was sich erst im 20. Jahrhundert ändert: in Illustrationen zum Text, in Kirchenfenstern  oder Skulpturen mit Sonnengesangszitaten oder dem singend dargestellten Heiligen. Letzteres etwa im israelischen Yafo/Jaffa vor dem Franziskanerkloster Sankt Peter. Klöster des Ordens sind natürlich bevorzugte Aufstellungsorte solcher Kunstwerke. Franziskus ist im Übrigen der berühmteste Heilige, dessen Namen eine Weltstadt (in der spanischen Namensform) trägt:  San Francisco.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Franziskus ist im Übrigen der berühmteste Heilige, dessen Namen eine Weltstadt (in der spanischen Namensform) trägt: San Francisco.</p></blockquote></div>
<p>Zur Gegenwart hin werden gewiss prominente Künstlernamen bei diesem Sujet seltener (der Expressionist Schmidt-Rottluff beispielsweise schuf 1919 einen Franziskus-Holzschnitt) – mit einer berühmten Ausnahme, die Hervorhebung verdient: Joan Mirò (1893–1983). 1975, also mit mehr als achtzig Jahren, schuf er eine große exklusive Mappe (eines der 250 Exemplare liegt in der Staatsbibliothek München). Sie bietet zum italienischen Text mit katalanischer Übersetzung ein Vorwort, das Mirò als Anreger des Werkes bezeichnet – übrigens seine einzigen Illustrationen eines literarischen Textes. Die 35 Zeichnungen und Aquatinten beziehen sich konsequent auf den Sonnengesang, Franziskus erscheint nicht. Einsehbar sind die Illustrationen im Gesamtverzeichnis der Druckgraphik Miròs (Miró <em>Engraver</em>, hrsg. von Jacques Dupin, Barcelona 1992, Bd III, S. 175 – 189), eine kleine Wiedergabe des Ganzen scheint es nicht zu geben. Erkennbar sind vier Sonnen, vier Mondsicheln (zwei zu- und zwei abnehmende), Sterne sowie vor allem Elementdarstellungen: Fünf blaue Wassertropfen – überhaupt steht Blau für das Element Wasser, Rot für das Feuer, Grün und wohl Braun für die Erde. Menschen sind nicht erkennbar. Alles in allem eine ebenso reizvolle wie „überraschende kosmische Kalligraphie“, wie es im Vorwort heißt.</p>
<p>Auch moderne Skulpturen dienen der Veranschaulichung des Sonnengesangs: Neun mehr als drei Meter hohe Natursteinskulpturen von Hubert Flörl aus Wörgl bilden mit Texttafeln des Sonnengesangs einen zwei Kilometer langen Besinnungsweg in Oberschönau (Tirol, 2005). Erkennbar ist jeweils der Heilige – sein Kopf umgeben und überragt von Evokationen der Elemente. Auch in der Rhön, an der Thüringer Hütte (Franziskanerkloster Kreuzberg), gibt es einen – auch mit Skulpturen versehenen – Franziskusweg.</p>
<h2>Franziskus, ein Jahrtausendheiliger</h2>
<p>Als Fazit aus all diesen Wirkungsbeispielen bietet sich ein Zitat an, dem ich auch den Titel dieses Beitrags verdanke. Der bereits zitierte Heribert Prantl schreibt: „Franz von Assisi ist ein Jahrtausendheiliger. (…) Sein Sonnengesang, dieser paradiesische Lobpreis der Schöpfung, ist Gebet und Hit eines Jahrtausends.“</p>
<p>Am Ende stehe ein unerwartetes letztes Wort aus Ernst Jüngers 2013 aus dem Nachlass publizierter Sammlung <em>Letzte Worte</em> (hrsg. Von Jörg Hagenau, Stuttgart: Klett Cotta 2013, S. 48). Aus Lenins letzten Worten wird angeführt: „Wenn wir unser Land, Rußland, hätten retten wollen, hätten wir zehn Männer wie Franz von Assisi gebraucht. Mit zehn solchen Männern hätten wir Rußland retten können.“</p>
<p>Als letztes Wort von Franziskus steht dort (S. 189) ein Zitat aus dem Sonnengesang: „Sei willkommen, Bruder Tod!“</p>
<h2>Bibliographischer Hinweis</h2>
<p>Siehe vom Verfasser „‘Das schönste Beispiel geistlicher Dichtung seit den Evangelien‘: Franz von Assisis So<em>nnengesang</em>“, in <em>Große Texte des</em> <em>Mittelalters</em>, Erlanger Ringvorlesung 2003, hrsg. von Sonja Glauch, Erlangen 2005, S. 145–162.</p>
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		<title>Sonnengesang</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Franz von Assisi]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:31:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Sonnengesang]]></category>
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					<description><![CDATA[Es beginnt das Lob der Schöpfung, das der selige Franziskus
zu Lob und Ehre Gottes dichtete, als er krank bei St. Damianus lag.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">Es beginnt das Lob der Schöpfung, das der selige Franziskus<br />
zu Lob und Ehre Gottes dichtete, als er krank bei St. Damianus lag.</p>
<p class="bodytext">Höchster, allmächtiger, guter Herr,<br />
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.<br />
Dir allein, Höchster, gebühren sie,<br />
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
mit allen deinen Geschöpfen,<br />
zumal dem Herrn Bruder Sonne;<br />
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.<br />
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,<br />
dein Sinnbild, o Höchster.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch Schwester Mond und die Sterne;<br />
am Himmel hast du sie gebildet,<br />
hell leuchtend und kostbar und schön.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken<br />
und heiteren Himmel und jegliches Wetter,<br />
durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch Schwester Wasser,<br />
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch Bruder Feuer,<br />
durch das du die Nacht erleuchtest;<br />
und schön ist es und liebenswürdig<br />
und kraftvoll und stark.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch unsere Schwester, Mutter Erde,<br />
die uns ernähret und lenkt (trägt)<br />
und vielfältige Früchte hervorbringt<br />
und bunte Blumen und Kräuter.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen<br />
und Krankheit ertragen und Drangsal.<br />
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,<br />
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.</p>
<p class="bodytext">Gelobt seist du, mein Herr,<br />
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;<br />
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen.<br />
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.<br />
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,<br />
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.</p>
<p class="bodytext">Lobt und preist meinen Herrn<br />
und sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Franziskus und die Folgen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Helmut Feld]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:30:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Erlösung]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskaner]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Schöpfung]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Franziskanertum ist nicht einfach als Reformbewegung im Sinne einer Rückwendung zu den Idealen des Urchristentums zu verstehen; vielmehr zeigt es Wesenszüge einer neuen, eigenständigen Religion. Alle Unterdrückungs- und Domestizierungsversuche konnten nicht verhindern, dass der franziskanische Ideenkomplex als »Religion in der Religion« über die Zeiten hin wirksam geblieben ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Franziskanertum ist nicht einfach als Reformbewegung im Sinne einer Rückwendung zu den Idealen des Urchristentums zu verstehen; vielmehr zeigt es Wesenszüge einer neuen, eigenständigen Religion. Alle Unterdrückungs- und Domestizierungsversuche konnten nicht verhindern, dass der franziskanische Ideenkomplex als »Religion in der Religion« über die Zeiten hin wirksam geblieben ist.</p></blockquote></div>
<h2>Das religiöse Anliegen des Franziskus: Bekehrung der Kirche und Welterlösung</h2>
<p>Weil Franziskus in der Kirche und der christlichen Gesellschaft (christianitas) seiner Zeit das zentrale evangelische Ideal der radikalen Armut nicht verwirklicht sah, hielt er eine Bekehrung der Kirche für notwendig. Denn Predigt und missionarisches Wirken der ersten Franziskaner geschahen ja in einem christlichen Land und wandten sich an getaufte Christen.</p>
<p>Für Franziskus und seine ersten Gefährten stellte sich der Zustand der christlichen Gesellschaft ihrer Zeit als dekadent und verkommen dar. Der desolate, ruinöse Zustand vieler kirchlicher Gebäude spiegelte nur die innere Verwüstung der Religion wider.</p>
<p>Franziskus wollte die Bekehrung der Kirche über die Bekehrung der hohen Kirchenfürsten, der Prälaten, erreichen – eine große Illusion, wie der spätere Verlauf der Ereignisse zeigen sollte. Seine Methode war nicht die der aggressiven Propaganda und Polemik gegen Missstände, wie sie viele Kirchenreformer vor und nach ihm praktiziert haben, sondern er wollte durch Gehorsam, Ehrfurcht und Selbstverdemütigung den Prälaten entgegenkommen und sie mehr durch sein Beispiel als durch seine Worte zu überzeugen suchen. Er meinte, sie würden dann von selbst den Widerstand gegen die Minderbrüder aufgeben und ihnen Predigt und Bekehrung des Volkes anvertrauen.</p>
<p>Durch seinen absoluten Gehorsam gegenüber dem Apostolischen Stuhl und den Amtsträgern der Römischen Kirche wollte er auch den bloßen Anschein des Nichtkatholisch-Seins, der Häresie, vermeiden. Er wollte die bestehende kirchliche Gemeinschaft erneuern, nicht sich von ihr distanzieren.</p>
<h2>Das franziskanische Armutsideal</h2>
<p>Ein hervorragendes Mittel hierzu sah Franziskus in der von ihm selbst und seiner Bruderschaft vorgelebten radikalen Armut, die sich von der Armut der früheren (benediktinischen) Ordensgemeinschaften dadurch unterschied, dass sie Armut in communi war, also nicht nur das einzelne Mitglied, sondern die gesamte Körperschaft zur Besitzlosigkeit verpflichtete. Die Radikalität des Armutsgebots erfuhr noch eine weitere Steigerung durch ein absolutes Geldverbot, ja das Verbot, Geld auch nur zu berühren.</p>
<p>Eine derart radikale Auffassung der Armut, die es in der Kirche niemals zuvor gegeben hatte, musste nicht nur mit den bestehenden Gewohnheiten, sondern auch mit der kirchlichen Gesetzgebung in Konflikt geraten. Denn die durch die absolute individuelle und kollektive Besitzlosigkeit geprägte Lebensweise der Minderbrüder erhob den Anspruch, die forma vivendi des Evangeliums zu sein, die zudem eindeutig war und keine Auslegung nötig hatte.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine derart radikale Auffassung der Armut wie bei Franziskus hatte es in der Kirche niemals zuvor gegeben.</p></blockquote></div>
<p>Jede Interpretation, auch eine kirchenamtliche, konnte nur auf eine Verwässerung des Armutsideals hinauslaufen. Deshalb hielt es Franziskus für nötig, in seinem Testament jede Kommentierung der Ordensregel zu untersagen.</p>
<p>Das arme Leben der Minderbrüder sollte nach der Intention des Franziskus so etwas wie eine gelebte Predigt sein. Es stand in eklatantem Widerspruch zu dem Reichtum und dem Machtanspruch nicht nur einzelner Mitglieder des Hochklerus, sondern der Römischen Kirche als ganzer. Die Armut der Minderbrüder in communi war also als gelebte Aufforderung an die Kirche zu verstehen, entsprechend der im Evangelium vorgegebenen Lebensform auf Besitz, Macht und Gewaltanwendung zu verzichten. Franziskus behauptete, dass ihm die Lebensweise der radikalen Armut vom Herrn selbst geoffenbart worden sei.</p>
<p>Die Hauptursache für die Auseinandersetzung mit dem Papsttum liegt also in der letztlich göttlichen Autorität, die Franziskus für seine Auffassung von der Armut in Anspruch genommen hat: es war das Lebensideal Christi und der Apostel, das ihm von Gott selbst geoffenbart worden war. Der permanente Konflikt mit dem sich ebenfalls auf göttliche Autorität berufenden Papsttum war der franziskanischen Bewegung deshalb gewissermaßen eingestiftet.</p>
<h2>Schöpfung und Erlösung</h2>
<p>Nicht anders verhielt es sich mit den Vorstellungen, die Franziskus von der Schöpfung und Erlösung der Welt hatte: auch sie erregten den Argwohn orthodoxer Glaubenswächter.  Zu den Grundüberzeugungen des Franziskus gehörte der Glauben an die Güte eines einzigen Schöpfers und Erhalters aller Dinge; er erkannte deshalb auch die untergründige Güte (fontalis bonitas) und Schönheit in allen Geschöpfen.</p>
<p>Darin unterschied er sich von den Katharern, die zu seiner Zeit in vielen Gegenden Italiens, Frankreichs, aber auch Deutschlands, zu einer mächtigen Gegenkirche geworden waren. Das religiöse Weltbild der Katharer war durch den Dualismus zweier göttlicher Mächte, des Guten und des Bösen, bestimmt.</p>
<p>Wenn sich Franziskus auch mit aller Entschiedenheit gegen den katharischen Dualismus wandte, so ist doch der Einfluss katharischer Vorstellungen auf sein religiöses Denken unverkennbar. Sein Umgang mit Tieren, Pflanzen, Naturerscheinungen, aber auch seine Äußerungen, wie die berühmte Vogelpredigt und das von ihm gedichtete und komponierte Sonnenlied, zeigen, dass er von der Beseelung aller Dinge überzeugt war; und noch viel mehr: er sah die gesamte Schöpfung erfüllt von göttlichem Leben.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p> In den letzten Jahren seines Lebens muss sich bei Franziskus die Überzeugung festgesetzt haben, dass die Erlösung im traditionellen Verständnis unvollständig geblieben war.</p></blockquote></div>Gleichwohl stellte er sich die gegenwärtige Welt als Kampfplatz zwischen guten und bösen Mächten, Engeln und Dämonen, vor, und er war selbst handgreiflich in diesen Kampf involviert. In den letzten Jahren seines Lebens muss sich bei ihm die Überzeugung festgesetzt haben, dass die Erlösung im traditionellen Verständnis unvollständig geblieben war.</p>
<p>In der überkommenen christlichen Theologie und Frömmigkeit stand hauptsächlich die Erlösung der gefallenen Menschheit durch Christus im Blickfeld. Wie stand es aber mit der übrigen Schöpfung: Tieren, Pflanzen, Wasser, Steinen, Sonne, Mond, und schließlich: den Dämonen und ihrem Oberhaupt Lucifer?</p>
<h2>Das Schlüsselerlebnis: die Erscheinung des Seraphen auf dem Berg La Verna</h2>
<p>Die Frage nach der Erlösung des Universums und dessen Rückführung zu der ursprünglich vom Schöpfer gewollten Schönheit findet ihre Antwort in der Erscheinung des Seraphen auf dem Berg La Verna bei Bibbiena im September des Jahres 1224. Dem sich in die Leiden des Erlösers hineinmeditierenden Franziskus erschien, wie die beiden ältesten Lebensbeschreibungen berichten, ein gekreuzigter Seraph »von ganz unvorstellbarer Schönheit« (I Cel 94; 3 Soc 69).</p>
<p>Es war also nicht der leidende Heiland in seiner traditionellen Gestalt, sondern ein gekreuzigter Engels-Erlöser, der die gefallene Welt (nicht nur die Menschheit!) zu ihrer ursprünglichen Schönheit und Güte zurückführen sollte. Durch die Stigmata, die fünf Wunden, die Franziskus nach der Erscheinung trug, wurde er mit diesem Erlöser gleichgestellt.</p>
<p>Natürlich gibt die Erzählung von dem Ereignis, die auf Franziskus zurückgeht, dessen eigenes Denken wieder. Auch die Stigmata wurden nicht durch »übernatürliche« Einwirkung hervorgebracht, sondern Franziskus hat sie sich (wie viele spätere Nachahmerinnen und Nachahmer) selbst beigebracht. Im Zeitalter der Kreuzzüge waren Selbstverletzungen in der Nachfolge des leidenden Christus nicht ungewöhnlich.</p>
<p>Bei der Vision auf dem Berg La Verna sprach der Seraph Franziskus an; doch über den Wortlaut dieser Mitteilung hat Franziskus zeitlebens eisernes Schweigen bewahrt. Der Grund ist naheliegend: die Worte des Seraphen waren unvereinbar mit der damals als rechtgläubig geltenden kirchlichen Lehre vom Erlösungswerk Christi.</p>
<h2>Franziskus als »zweiter Christus«</h2>
<p>Durch die Alverna-Vision und die Stigmatisierung war Franziskus endgültig zum »zweiten Christus« geworden, und zwar in seiner eigenen Vorstellung. Die heute noch erhaltene Inschrift an dem mittelalterlichen Tor zum Klosterbezirk auf dem Berg La Verna lautet: NON EST IN TOTO SANCTIOR ORBE MONS: »Es gibt auf der ganzen Welt keinen heiligeren Berg.« Damit ist der ungeheure Anspruch dieses Ortes zum Ausdruck gebracht: er ist nicht nur dem Sinai und den anderen alttestamentlichen Bergen überlegen, die Orte von Theophanien waren, sondern auch dem Berg, auf dem nach traditionellem christlichen Verständnis die Erlösung stattfand: Golgotha.</p>
<p>Die Identifizierung des Franziskus mit dem Erlöser ist keine spätere Erfindung häretischer Kreise des Franziskanerordens, sondern sie geht auf den Heiligen selbst zurück. Nach dem Bericht von Augenzeugen soll der tote Franziskus ausgesehen haben wie ein soeben vom Kreuz abgenommener Leichnam (I Cel 112; Salimbene de Adam, Chronik: MGH SS 32,195; CCCM 125,296). Und in der Vision eines Bruders und der Vorstellung der dabei Anwesenden ist der unmittelbar nach seinem Tod verherrlichte Franziskus mit Christus zu einer Person verschmolzen (II Cel 219).</p>
<h2>Der Konflikt mit den kirchlichen Autoritäten</h2>
<p>Kein Orden der Katholischen Kirche ist so oft mit den kirchlichen Autoritäten, vor allem dem Papsttum, in Konflikt geraten wie die Franziskaner, und zwar sowohl was einzelne Personen als auch was größere Gruppierungen des Ordens betrifft. Es ging dabei nicht um periphere Dinge, sondern um zentrale Fragen des christlichen Dogmas, ja um das Grundverständnis des Christentums.</p>
<p>Entgegen anderslautenden, schönfärberischen Darstellungen muss betont werden: Es gab in der mittelalterlichen Kirche nirgends so viel gelebten Ungehorsam wie innerhalb des Franziskanertums. Die letzte Ursache dafür war, dass hier nicht nur das Gewissen einzelner Personen, sondern ein göttlicher Wahrheits- und Offenbarungsanspruch in Widerspruch zu der päpstlichen Autorität und dem kanonischen Recht geriet.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Es gab in der mittelalterlichen Kirche nirgends so viel gelebten Ungehorsam wie innerhalb des Franziskanertums.</p></blockquote></div>
<p>In der von Franziskus vertretenen radikalen Armutsauffassung steckt, ebenso wie in dem von ihm propagierten extremen Kadavergehorsam, eine revolutionäre Kraft: er wollte durch seine Selbstverdemütigung, sein Kleinsein, die Kirche nicht nur reformieren, sondern bekehren.</p>
<p>Kein anderer erkannte die bei Franziskus und seinen ersten Anhängern latente häretische Sprengkraft und ihre Gefahr für das herrschende Kirchensystem so klar wie der Papst Gregor IX. Franziskus musste deshalb so schnell wie möglich »kanonisiert«, das heißt, auf die Dimensionen eines normalen, dem geltenden Kirchenrecht konformen Heiligen zurückgestutzt, seine Bewegung auf einen gewöhnlichen Orden der Katholischen Kirche reduziert werden.</p>
<p>Dass dies nur unvollkommen gelang, beweist der Verlauf der Geschichte zur Genüge. Auch nachdem Johannes XXII. das genuine Franziskanertum abgewürgt hatte, erhoben sich aus der Mitte der domestizierten franziskanischen Orden immer wieder rebellische und häretische Geister.</p>
<h2>Franziskus – mehr als ein Kirchenreformer</h2>
<p>Dass Franziskus weit mehr war als ein bloßer Kirchenreformer hat schon Ferdinand Gregorovius erkannt und in treffender Weise zum Ausdruck gebracht:</p>
<p><em>In diesem Propheten war ein geniales Anschauen der Gottheit, welches ihn in anderen Epochen zum Religionsstifter würde gemacht haben. </em>(Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter IX.3.2)</p>
<p>Das Franziskanertum als verhinderte Religion? Man muss mit solchen nostalgischen Erwägungen vorsichtig sein. Aber alle Unterdrückungs- und Domestizierungsversuche konnten nicht verhindern, dass der franziskanische Ideenkomplex als »Religion in der Religion« über die Zeiten hin wirksam geblieben ist.</p>
<p>Auch Henry Thode hat in seinem 1885 erstmals erschienenen Buch über Franz von Assisi und die Anfänge der Kunst der Renaissance in Italien das Neuartige erkannt, das durch Franziskus in das Christentum hineinkam, und er hat auf die Auswirkungen hingewiesen, die das von ihm neu entdeckte Verhältnis zur Natur sowohl für die christliche Religion als auch für die Geburt einer neuen Kunst hatte. Franziskus habe, so meint Thode, »die Religion mit der Natur versöhnt«, und er fährt fort:</p>
<p><em>Indem Franz die verachtete und misshandelte Natur in ihre Rechte als Vermittlerin zwischen Gott und Mensch wieder einsetzte, hat er dem christlichen Künstler die einzig echte Lehrerin gewiesen. Indem er die Geheimnisse des christlichen Glaubens in den natürlichen Vorgängen von Christi irdischem Leben veranschaulicht sah, hat er den alten Stoff der christlichen Legende als einen gleichsam ganz neuen der Kunst zugeführt. </em>(Henry Thode: Franz von Assisi und die Anfänge der Kunst der Renaissance in Italien, Berlin <sup>1</sup>1885. Wien <sup>4</sup>1934, S. 79).</p>
<p>Thode war sich demnach bewusst, was das Zentrum der franziskanischen Religion ist: Erlösung in einem umfassenden Sinn, Welterlösung.</p>
<p>Die Wiederentdeckung von wichtigen Elementen antiker Religiosität durch Franziskus hat auch der große Berliner Philologe und Religionswissenschaftler Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff gewürdigt, auch wenn er mit der krankhaften Askese des »seraphischen Heiligen« nichts anzufangen wusste. In seinem Vortrag<em> An den Quellen des Clitumnus</em> bemerkt er:</p>
<p><em>Das ist unzweifelhaft, dass die Glut seiner Begeisterung das Eis der mittelalterlichen Befangenheit von den Herzen geschmelzt hat, dass er auch zuerst wieder die göttliche Schönheit der Natur, fast wie ein Hellene, empfunden hat, und dass ohne ihn weder Dante noch Giotto denkbar wären.</em> (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Reden und Vorträge I, Berlin <sup>4</sup>1925, S. 338.)</p>
<h2>Das neue Verhältnis von Natur, Religion und Kunst</h2>
<p>Mit der franziskanischen Vorstellung von den belebten und (scheinbar) unbelebten Welt-Dingen als Geschöpfen eines einzigen guten Schöpfers die, ebenso wie die guten und die (jetzt noch) bösen Menschen zur Rückführung in den Frieden mit Gott bestimmt sind, hängt auch der religiöse Charakter der Landschaft zusammen. Die Heiligtümer und Eremitorien Mittelitaliens, in denen sich der Heilige aufgehalten hat, haben zum Teil bis heute ihren typisch franziskanischen Charakter bewahrt, wie etwa, um nur zwei signifikante Beispiele zu nennen, Poggio Bustone bei Rieti und Sant’Urbano bei Narni.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Mit der franziskanischen Vorstellung von den belebten und (scheinbar) unbelebten Welt-Dingen als Geschöpfen eines einzigen guten Schöpfers hängt auch der religiöse Charakter der Landschaft zusammen.</p></blockquote></div>
<p>Dem Einfluss franziskanischer Religiosität ist es auch zu verdanken, wenn im Spätmittelalter und Barock Berge, Fluren und Wälder durch die Errichtung von Kreuzwegen, Bildstöcken, Wegkreuzen zu religiösen Landschaften gestaltet wurden. Vor allem in Franken, Bayern und Oberschwaben haben sich solche Bildwerke erhalten, die die Natur in die Kunst miteinbeziehen. Die bemerkenswertesten von ihnen sind, neben dem Crucifixus, die Darstellungen des gegeißelten Heilands (Schmerzensmann, Ecce homo) und der ihren toten Sohn auf dem Schoß haltenden Gottesmutter (Vesperbild, Pieta`). Sie erinnerten die auf den Feldern arbeitenden Landleute und die vorüberziehenden Wanderer an das Leiden Christi und die Erlösung der Welt und luden die Menschen zu einem meditierenden Verweilen ein.</p>
<p>Das Franziskanertum hat aber auch im ideellen, spirituellen Bereich tiefe und bleibende Spuren hinterlassen. Wenn auch die Vorstellung, dass eine Gesellschaft ohne Geld auskommen könne, zu den sozialen Utopien gehört, kann doch der beispielhaft vorgelebte Verzicht auf Besitz und Macht seine Wirkung auf das allgemeine Bewusstsein nicht verfehlen. Das Gleiche gilt für das konsequente Eintreten für Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit.  Und in seinem Sonnenlied ist die Einheit von Natur und Religion besungen; die Erlösung in kosmischen Dimensionen ist bleibender Bestandteil von Dichten und Denken geworden.</p>
<h2>Abkürzungen</h2>
<p>I Cel:     Thomas von Celano, Vita prima S. Francisci (Erste Lebensbeschreibung)</p>
<p>II Cel:    Thomas von Celano, Vita secunda S. Francisci (Zweite Lebensbeschreibung)</p>
<p>CCCM:  Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis</p>
<p>3 Soc:    Legenda trium Sociorum (Drei-Gefährten-Legende des heiligen Franziskus)</p>
<h2>Bibliographischer Hinweis</h2>
<p>Der Text entstammt der folgenden Monographie des Autors: <em>Die Franziskaner</em>. Stuttgart 2008. ISBN 978-3-8252-3011-1. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Eugen Ulmer Verlags.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Franziskus, ein „evangelischer“ Heiliger?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 16:30:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[evangelisch]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskaner]]></category>
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		<category><![CDATA[Nachfolge]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schöpfung]]></category>
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					<description><![CDATA[Sozialrevolutionär, Öko-Lyriker oder Hippie avant la lettre – auch unter Protestanten sind vielfältige Bilder des Franz von Assisi im Umlauf. Die mit ihm programmatisch verknüpften Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verschaffen seiner Person höchste Aktualität.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Sozialrevolutionär, Öko-Lyriker oder Hippie avant la lettre – auch unter Protestanten sind vielfältige Bilder des Franz von Assisi im Umlauf. Die mit ihm programmatisch verknüpften Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verschaffen seiner Person höchste Aktualität. Bei der Indienstnahme des Ordensgründers für aktuelle Anliegen wird die facettenreiche Gestalt des historischen Franziskus allerdings oft durch Klischees überlagert. Gerade der mittelalterliche Ordensgründer lässt jedoch auch „evangelische“ Züge erkennen.</p></blockquote></div>
<p>Auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden 2011 feierte ein Rock-Poem der besonderen Art Premiere: Mit Songs von Rio Reiser, Band-Leader von „Ton Steine Scherben“, wurde in einer 100-minütigen Performance das Leben des Franz von Assisi in Szene gesetzt. In fünf Szenen, dargestellt durch den Schauspieler Jörg Simmat, ging das Publikum den Weg des Heiligen aus dem 12./13. Jahrhundert mit. Die Jury des Kirchentages zeichnete das Stück mit einer Förderung aus.</p>
<p>Dass der katholische Heilige Franziskus zum Star auf einem Evangelischen Kirchentags wird, überrascht wenig. Denn auch unter Protestantinnen und Protestanten hat der mittelalterliche Wanderprediger schon lange eine kaum überschaubare Anhängerschar – und das nicht nur, weil das lauthals geschmetterte „Laudato si“ in keinem evangelischen Kindergottesdienst fehlen darf. Von der evangelischen Franz-von-Assisi-Kirche in Hamburg-Neuallermöhe über Gebetstexte des katholischen Ordensgründers im Evangelischen Gesangbuch bis zum Franziskus-Gedenktag der EKD an seinem  Todestag (am 3. Oktober statt wie in der katholischen Kirche am 4. Oktober) reichen die Zeugnisse seiner Anerkennung. Kein anderer katholischer Heiliger erfährt heute im protestantischen Umfeld eine ähnlich breite Wertschätzung.</p>
<h3>Der Heilige für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung</h3>
<p>Dass Franz von Assisi auch in der evangelischen Kirche fast immer ein „Heimspiel“ hat, liegt vor allem an der Aktualität von drei Themen, die mit seinem Leben aufs Engste verbunden sind: Besitzverzicht, Naturverbundenheit und Friedfertigkeit. Kaum überhörbar klingen damit drei große Themenkomplexe an, die auch unter Protestantinnen und Protestanten in den letzten 40 Jahren zu Dauerbrennern geworden sind: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Man könnte Franziskus denn auch den „Heiligen des Konziliaren Prozesses“ nennen, der sich diese Themenfelder in ökumenischer Verantwortung beispielhaft auf die Fahnen geschrieben hat.</p>
<p>Mit der Konzentration auf diese drei Aspekte ist allerdings auch eine Verengung des Blicks auf den Mann aus Assisi verbunden. Die facettenreiche Gestalt des historischen Franziskus verwandelt sich so leicht in das Klischee eines Sozialrevolutionärs, eines Öko-Lyrikers oder eines Hippie avant la lettre. Für entsprechende Projektionen bietet Leben des Franz von Assisi zweifellos Anknüpfungspunkte. Aber mit dem Giovanni Battista Bernardone, der Ende 1181 oder Anfang 1182 im umbrischen Assisi geboren wurde und der als Franciscus Assisiensis zum Ordensgründer wurde, hat das kaum mehr zu tun als ein Groschenroman mit Weltliteratur.</p>
<p>Über die Lebensgeschichte dieses Mannes sind wir durch zeitgenössische Quellen erfreulich umfangreich, wenn auch zum Teil legenhaft informiert. Der erste Biograph, Thomas Celano, berichtet,  was er nach eigenen Worten „aus seinem eigenen Munde gehört und von glaubwürdigen und zuverlässigen Zeugen erfahren“ hat. Neben einer Lebensbeschreibung im Auftrag des Papstes fasste er eine weitere im Auftrag der franziskanischen Ordensleitung ab, in die auch die Erinnerungen von drei Lebensgefährten von Franziskus („Dreigefährtenlegende“) eingingen. Obwohl diese Biographien im Laufe der Jahrhunderte zugunsten eines geglätteten Franziskus-Bildes dem Verdikt der Ordensleitung verfielen und vernichtet werden sollten, haben sie sich doch bis heute erhalten. Sie vermitteln ein adäquateres Bild als die späteren Lebensbeschreibungen des Bonaventura von Bagnoregio (1221–1274).</p>
<h3>Eine Jugend als Playboy</h3>
<p>Als Franziskus in Assisi das Licht der Welt erblickt, befindet sich sein Vater, der wohlhabende Tuchhändler Pietro di Bernardone, gerade auf einer Handelsreise in Frankreich. Seine Mutter Pica gibt ihm den Namen Giovanni; doch als der Vater heimkehrt, erhält er von diesem den Rufnamen Francesco („Französchen“). Die Eltern lassen Franziskus eine vergleichsweise gute Bildung angedeihen. In seiner Jugend zählt für ihn aber vor allem sein eigenes Vergnügen. Mit seinen Altersgenossen feiert er rauschende Partys und gibt dabei das Geld seines Vaters mit beiden Händen aus. 1202 wird das lockere Leben durch einen Krieg gegen die Nachbarstadt Perugia beendet. Franziskus gerät im Laufe des Feldzugs in Gefangenschaft und kommt erst ein Jahr später gegen eine Lösegeldzahlung seines Vaters wieder frei.</p>
<p>Aus dem Kerker in Perugia bringt er nicht nur eine schwere Krankheit mit, die ihn lebenslang belastet, sondern auch eine tiefe persönliche Verunsicherung. In der Folge zerbricht sein bisheriges Lebensideal, die höfische Lebensform eines Ritters. Er zieht sich aus seinem bisherigen Freundeskreis zurück und wird statt auf rauschenden Festen plötzlich in Gesellschaft von Bettlern und Aussätzigen gesehen. Statt das Geld seines Vaters für Wein, Weib und Gesang zu verprassen, verschenkt er nun Waren aus dessen Lagerhaus als Almosen.</p>
<h3>Berufungsvision und Leben in Armut</h3>
<p>Was ist der Grund für diese radikale Lebenswende? Franziskus hat eine Reihe von Visionen, die entscheidende im Jahr 1205. Er sitzt in der halb zerfallenen, kleinen Kirche in San Damiano bei Assisi und meditiert über dem dortigen Bild des gekreuzigten Christus. Plötzlich hört er dessen Stimme: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Franziskus versteht dies zunächst ganz wörtlich und macht sich die Instandsetzung des Gotteshauses zur Aufgabe: Er erbettelt Baustoffe und begibt sich mit eigenen Händen an die Arbeit. Über kurz oder lang wird im aber klar, dass sich der Auftrag nicht nur auf das Kirchengebäude, sondern auf die Institution der Kirche als ganze bezieht. Damit wird der Ruf vom Kreuz zu einer Berufung im umfassenden Sinn: Franziskus weiß sich beauftragt, den geistlichen Verfall der Kirche zu bekämpfen und sie neu zu ihrem Gründer zu bekehren.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>„Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“</p></blockquote></div>
<p>Es dauert nicht lange, bis der neue Lebenswandel zum erneuten Konflikt und zum völligen Bruch mit dem Vater führt: Weil Franziskus Waren und Geld aus dem Geschäft seines Vaters für seine Bautätigkeit und für wohltätige Zwecke verwendet, macht dieser ihm schließlich den Prozess. Während der Gerichtsverhandlung im Jahr 1207 zieht Franziskus sich nackt aus und wirft seinem Vater vor versammelter Menge die Kleider vor die Füße: „Von jetzt an kann ich frei sagen: ‚Vater, der du bist im Himmel‘, nicht: Vater Pietro di Bernardone. Ich gebe ihm nicht nur das Geld hier zurück, sondern ich verzichte auch auf alle Kleider. So will ich mich nackt zum Herrn auf den Weg machen“.</p>
<p>Mit dieser eindrucksvollen Zeichenhandlung löst Franziskus nicht nur alle familiären Bindungen und verzichtet auf sein Erbe. Er stellt sich mit ihr auch demonstrativ in die Nachfolge des am Kreuz seiner Kleider beraubten Christus. So wird die Szene im doppelten Sinne zum Ausgangspunkt einer neuen Lebensform: Zum einen lebt Franziskus nun außerhalb der Stadtmauern in selbst gewählter Armut und muss sich seinen Lebensunterhalt erbetteln. Zum anderen sieht er sich mehr und mehr in einer besonderen Beziehung zu dem gekreuzigten, die Erlösung vollziehenden Christus. Dass beides zusammen gehört, bestätigt sich für ihn im Jahr 1208, als er während der Messe das Evangelium von der Aussendung der Jünger in Matthäus 10 hört. Den Anspruch Jesu an seine Jünger, nicht nur ohne Reichtümer, sondern in völliger Besitzlosigkeit zu leben, bezieht Franziskus unmittelbar auf sich selbst. Von da an geht er barfuß, nur noch mit einer einfachen Kutte bekleidet, und lehnt nicht nur jeden Besitz, sondern sogar jeden Kontakt mit Geld strikt ab.</p>
<p>Dies wird auch zur Leitregel der kleinen Gruppe, die sich dem Bußprediger bald anschließt – unter ihnen weitere Angehörige der Oberschicht. Die Männer leben unter dem Spott und der Verachtung ihrer Umgebung in Reisighütten auf dem Gelände einer kleinen Kirche. Sie unternehmen mehrere, Predigtreisen durch Mittelitalien, die ihnen aber keine wachsende Anhängerschaft, sondern lediglich den Ruf der Ketzerei einbringen.</p>
<h3>Ordensgründung und Konflikte mit der römischen Kurie</h3>
<p>Als im Frühjahr 1209 die Gruppe auf zwölf Gefährten angewachsen ist, begibt sie sich nach Rom. Um dem Vorwurf der Irrlehre zu begegnen, beantragen die Brüder die päpstliche Billigung für ihre Lebensweise in Buße und Armut. Sie legen dafür eine aus Evangelien-Zitaten bestehende „Regel“ zur Genehmigung vor. Gegen die darin vorgesehene Bußpredigt hat Papst Innozenz III. nichts einzuwenden. Die radikale Armutsregel stößt jedoch auf Skepsis und Widerstand – zu sehr stehen andere Armutsbewegungen wie die Katharer oder Waldenser bereits im Visier der Kurie und unter dem Verdacht der Häresie. Erst nach längeren Befragungen und Interventionen von Fürsprechern wird im Herbst 1210 die päpstliche Erlaubnis erteilt. Franziskus gibt der damit entstandenen Bruderschaft den Namen <em>Ordo Fratrum Minorum</em> (Orden der geringeren Brüder).</p>
<p>Was niemand erwartet hatte: Während der folgenden zehn Jahre breitete sich die franziskanische Gemeinschaft über ganz Europa aus und wird zu einer Massenbewegung. Immer mehr Männer aus allen gesellschaftlichen Gruppen sind vom neuen, radikalen Lebensstil des Ordens beeindruckt und treten ihm bei. Mit der jungen Adeligen Klara von Assisi, die schon als Jugendliche von Franz fasziniert war, schließt sich ihm im Jahr 1211 erstmals auch eine Frau an. Sie begründet den Frauenzweig des Franziskanerordens, die Klarissen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Mit der jungen Adeligen Klara von Assisii schließt sich 1211 erstmals auch eine Frau dem Orden an. Sie begründet den Frauenzweig des Franziskanerordens, die Klarissen.</p></blockquote></div>
<p>Je größer der Zulauf, umso größer werden allerdings auch die Bedenken der römischen Kurie. Sie drängt Franziskus vom radikalen Armutsgebot Abstand zu nehmen. Als der Ordensgründer im Jahr 1219/1220 als Missionar mit den Kreuzfahrern in Ägypten unterwegs ist, spitzt sich der Konflikt auch innerhalb der Gemeinschaft zu. Unter den Brüdern werden die Rufe nach einer Lockerung des Armutsgebotes lauter. Bei seiner Rückkehr nach Italien ist Franziskus nicht nur durch Krankheit geschwächt, sondern sieht sich auch massivem Druck ausgesetzt. Schließlich tritt er als Leiter des Ordens zurück und erklärt sich mehr oder weniger widerwillig bereit, die Ordensregel anzupassen. Die neue, bis heute gültige Regel (<em>Regula bullata</em>) kommt nicht ohne Redaktion durch die römische Kurie zustande. Sie wird im Jahr 1223 von der Ordensversammlung angenommen und anschließend vom inzwischen amtierenden Papst Honorius III. genehmigt. Die radikale Armutsforderung ist in ihr im Hinblick auf die Anforderungen des Lebens in einer massiv gewachsenen Ordensgemeinschaft abgeschwächt. Die Annahme von Geld bleibt den Brüdern aber auch darin untersagt.</p>
<p>Franziskus zieht sich nach diesen Ereignissen als Eremit auf den Berg La Verna zurück. Dort lebt er bis zu seinem Tod im Jahr 1226, von Krankheit ausgezehrt und unter zunehmender Erblindung. Um einer weiteren Verwässerung seines Armutsgebotes vorzubeugen, untersagt er in seinem Testament jegliche Kommentierung der Ordensregel. Dies verhindert aber nicht, dass nach seinem Tod die Auseinandersetzungen neu aufflammen. Papst Gregor IX., der zuvor als Kardinal Hugolino an der Abfassung der <em>Regula bullata</em> selbst beteiligt war, setzt daraufhin das Testament des Ordensgründers außer Kraft und entschärft das Armutsgebot durch zahlreiche Sonderbestimmungen. Damit gliedert er den franziskanischen Orden de facto in das Rechtssystem der Römischen Kirche ein. Zugleich erklärt er Franziskus nur zwei Jahre nach seinem Tod zu einem Heiligen.</p>
<h3>Nachfolge Christi statt Sozialromantik</h3>
<p>Was ist aus evangelischer Sicht von diesem „Heiligen“ zu halten? Welche Rolle spielen „protestantische Tugenden“ in seinem Leben? Und welche Bedeutung haben die drei erwähnten Schlüsselthemen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung für seine Botschaft wirklich?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Der „Poverello“, wie Franziskus oft genannt wird, taugt im Hinblick auf sein Armutsgebot nicht als Vorbild für jedermann.</p></blockquote></div>
<p>Aus dem bereits Gesagten ist klar: Die radikale Armutsforderung des Franz von Assisi ist keine sozialkaritative oder gar sozialrevolutionäre Maßnahme. Es geht nicht darum, dass der Verzicht auf Reichtum oder Güter zu einem sozialen Ausgleich führen möge. Ziel der Armutsregel ist vielmehr, das eigene Leben radikal am Gebot und Vorbild Christi auszurichten. Das ist eine überzeugende Begründung, die aber mit dem modernen Ideal der Gerechtigkeit im Sinne einer gerechten Verteilung der Güter nur indirekt zu tun hat. So lässt sich Franziskus denn auch allenfalls im Hinblick auf die kurzfristige karitative Verwendung seines elterlichen Vermögens für moderne Sozialromantik in Anspruch nehmen. Sein Armutsgebot hat jedoch wesentlich tiefere Wurzeln und ist in der radikalen Form gerade nicht verallgemeinerbar. Der „Poverello“ („der kleine Arme“), wie Franziskus oft genannt wird, taugt in dieser Hinsicht nicht als Vorbild für jedermann.</p>
<h3>Erlösung der Schöpfung statt Öko-Ideologie</h3>
<p>Ähnlich verhält es sich mit der Indienstnahme des Franziskus für moderne ökologische Ideen. Papst Johannes Paul II. hat den Heiligen zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie ernannt (Patron der Tierärzte war er schon zuvor).  Dass Franziskus dafür wie prädestiniert erscheint, liegt an seinem geschwisterlichen Verhältnis zur Schöpfung. Er war überzeugt, dass auch Tiere und Pflanzen beseelt waren und sah die ganze Schöpfung erfüllt von göttlichem Leben. In seinem berühmten Sonnengesang spricht er sogar Sonne und Mond, Wind und Wasser, Feuer und Erde als Brüder und Schwestern an. Legendär ist die berühmte „Vogelpredigt“, in der die Vögel zum Lob des Schöpfers aufgerufen werden. Und nicht zuletzt geht auf Franziskus die Tradition des Krippenspiels zurück, bei deren Begründung er die Heilige Messe in einer Stallhöhle in Anwesenheit von lebendigen Tieren über einer echten Krippe feierte.</p>
<p>So zweifellos in alledem ein außergewöhnliches Verhältnis zur Schöpfung zum Ausdruck kommt, an das eine Schöpfungstheologie auch im 21. Jahrhundert anknüpfen kann, so weit ist dies doch von modernen Bemühungen des Umweltschutzes entfernt. Die Schöpfungsverbundenheit des Franziskus ist denn auch eher ein Anknüpfungspunkt für moderne Naturromantik oder kindliche Sangesbegeisterung, als dass Franziskus deshalb – wie der Befreiungstheologe Leonardo Boff formuliert – als „westlicher Archetyp des ökologischen Menschen“ gelten könnte. Denn dem Mann aus Assisi ging es nicht um die <em>Bewahrung</em> der Schöpfung, sondern um ihre <em>Erlösung</em>. Nicht nur der Mensch, sondern das ganze Universum, sollte an der göttlichen Erlösung teilhaben. Auch Tiere, Pflanzen und die ganze unbelebte Natur sollten zur Einheit mit ihrem Schöpfer zurück finden. Dies freilich ist kein Werk, das vom Menschen zu vollbringen wäre, sondern das mit dem Erlösungshandeln Gottes geschieht. Wenn man in Franziskus einen Vorläufer der ökologischen Bewegung unserer Tage sehen will, dann sollte man dabei nicht übersehen, dass sein Verhältnis zum „oikos“ mindestens so stark eschatologisch wie schöpfungstheologisch bestimmt war.</p>
<h3>Friedfertigkeit und strenger Gehorsam</h3>
<p>Seinen Ruf als Mann des Friedens schließlich verdankt Franziskus zum einen dem Friedensgruß, der von den ersten Tagen an der Kern seiner Predigt war: „Einen Gruß hat mir der Herr offenbart: wir sollten sagen: Der Herr gebe dir Frieden“ sowie dem ihm zugeschriebenen Gebet: „O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“. Dies ging bei Franziskus mit Demut und Gewaltverzicht einher. Beispielhaft zeigt sich dies an seinem Auftreten im Kreuzzug des Jahres 1219: In seiner „Feldpredigt“ prangerte er nicht nur die Grausamkeiten der Kreuzritter an und forderte sie zur Beendigung des Krieges auf. Es ist auch verbürgt, dass er waffenlos dem Sultan gegenübertrat und von ihm ein Friedensangebot an die Kreuzritter überbrachte. Seine Vermittlung blieb aber erfolglos: Die Kreuzritter lachten ihn aus und lehnten das Friedensangebot ab. An diese (gescheiterte) Friedensmission knüpften Johannes Paul II. und Benedikt XVI. mit ihren Einladungen zum Friedensgebet der Religionen nach Assisi in den Jahren 1986 bis 2011 an.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p> Der direkte, im Evangelium bezeugte Auftrag Jesu stand für Franziskus am Ende über jeder durch kirchliche Autorität gefassten Entscheidung.</p></blockquote></div>Aber auch in anderen Konfliktsituationen zeichnete sich Franziskus durch Großmut und Kompromissbereitschaft aus. Als der Streit um die Ordensregel eskalierte, ließ er es nicht auf einen Machtkampf ankommen, sondern sorgte durch seine Einwilligung in eine Neufassung der Regel für den Zusammenhalt des Ordens. Diese Friedfertigkeit hat allerdings eine Kehrseite: Es ist die des innerkirchlichen Gehorsams, der sich bis zur blinden Unterwerfung steigern kann. Nicht nur aus taktischen Gründen lag Franziskus sehr daran, jeglichen Anschein von Ungehorsam gegenüber dem apostolischen Stuhl zu vermeiden. Auch aus innerer Überzeugung lehnte er sich nicht gegen die zahlreichen, zum Teil massiven Interventionen aus Rom auf. Die Grenze seines Gehorsams war für ihn allerdings da erreicht, wo er den Kern der göttlichen Offenbarung berührt sah. Seine radikale Armutsregel begründete und verteidigte er mit dem Wort des Evangeliums und der Treue zu seiner Berufung. Der direkte Auftrag Jesu stand für ihn am Ende über jeder durch kirchliche Autorität gefassten Entscheidung.</p>
<h3>Franziskus als Vertreter klassisch protestantischer Grundwerte</h3>
<p>Darin zeigt sich – bei aller Prägung durch die katholische Hierarchie – nun doch ein „evangelischer“ Zug im Leben dieses Heiligen. Denn die primäre Orientierung an der Botschaft der Bibel, die Eigenverantwortung des einzelnen auch in religiösen Fragen und der Vorrang von Gewissensentscheidungen vor hierarchisch legitimierten Weisungen sind klassisch protestantische Grundwerte. Aus evangelischer Sicht sind dies nicht weniger bemerkenswerte Kennzeichen dieses Heiligenlebens als seine Friedfertigkeit, Naturverbundenheit und Besitzlosigkeit. Mögen im Katholizismus Romantisierung und Verkitschung die größten Gefahren für das Bild des Franziskus sein, so sind es im Protestantismus vorschnelle Indienstnahme und „Verpopung“ (Luise Rinser). Ob man Franziskus zum Vorläufer der Ökopazifisten stilisiert oder den Sonnengesang in Sakro-Pop verwandelt – worum es dem Bußprediger aus Assisi im Kern ging, erschließt sich mit beidem nur wenig. Dafür braucht es den Blick auf die Radikalität seiner Botschaft und seiner gelebten Nachfolge, auch wenn uns das den „Heiligen“ eher fremd denn zum Vorbild macht.</p>
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		<title>Editorial: Franziskus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Mar 2018 16:29:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 2, Mai 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Franziskus]]></category>
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					<description><![CDATA[Vorbilder, die schon länger tot sind, haben einen klaren Vorteil. Denn im Unterschied zu prominenten Zeitgenossen stehen sie deutlich weniger in der Gefahr, vielleicht schon morgen durch investigative Enthüllungen desavouiert zu werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Schmutzkampagne schwindet mit den Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten rapide.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leserin, lieber Leser,</p>
<p>Vorbilder, die schon länger tot sind, haben einen klaren Vorteil. Denn im Unterschied zu prominenten Zeitgenossen stehen sie deutlich weniger in der Gefahr, vielleicht schon morgen durch investigative Enthüllungen desavouiert zu werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Schmutzkampagne schwindet mit den Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten rapide.</p>
<p>Doch nicht nur aus diesem Grund gibt es tote Berühmtheiten, die als Vorbilder nahezu unantastbar sind: Manche haben in ihrem Leben tatsächlich keinen Anlass zu Zweifeln an ihrer moralischen Integrität gegeben. Und bei anderen sind diese Zweifel erfolgreich aus der Überlieferung getilgt worden.</p>
<p>Unter Katholiken ist für solche Persönlichkeiten der Rang der „Heiligen“ reserviert. Nicht jeder, der ihm in der katholischen Kirche angehört, ist freilich auch außerhalb über alle Zweifel erhaben. Wenn es für einen gilt, dann aber wohl für Franz von Assisi. Christen wie Humanisten sind sich in seiner Wertschätzung einig, Maler haben ihn ebenso verehrt wie Musiker, Pädagogen ebenso wie und Ökologen und sogar Politikwissenschaftler des 21. Jahrhunderts sehen in ihm einen „Zeitgenossen für eine andere Politik“ (P. Kammerer, E. Krippendorff, W.-D. Narr: <em>Franz von Assisi.</em> Düsseldorf 2008). Die einzige Gruppe, die über lange Zeit trotz der Heiligsprechung ihre liebe Not mit dem Erbe des Ordensgründers hatte, ist die katholische Kirche selbst. Aber auch sie hat sich jüngst mit der erstmaligen Verwendung des Papstnamens „Franziskus“ (zumindest repräsentativ) mit ihm versöhnt.</p>
<p>Hat die Vorbild- und Orientierungsfunktion des Franz von Assisi damit eine neue Stufe erreicht? Bedenklich stimmt, dass die Zahl der franziskanischen Ordensmitglieder seit Jahrzehnten drastisch zurückgeht. Sie hat sich in den letzten 50 Jahren auf heute noch knapp 14.000 Brüder weltweit halbiert. Das lässt erkennen, dass der Großteil der Anhängerschaft des Mannes aus Assisi es ganz so ernst mit der Nachfolge dann doch nicht meint. Natürlich, der Friedensmann und Vogelprediger, der Sonnengesangdichter und der in Armut lebende Eremit faszinieren. Aber offensichtlich scheuen auch treue Anhänger vor den radikalen Konsequenzen echter Nachfolge zurück. Ob Franziskus daran Gefallen gehabt hätte?</p>
<p>Wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesem Heft der „evangelischen aspekte“ einige neue Perspektiven auf den Ordensgründer und seine Wirkungsgeschichte bis heute bieten können. Aufgrund des personellen Umbruchs in der Redaktion hat für diese Ausgabe der Bundesvorstand der Evangelischen Akademikerschaft die redaktionelle Verantwortung übernommen. Das nächste Heft wird dann wieder in der Hand einer vom Bundesvorstand beauftragten Redaktion liegen.</p>
<p>Mit besten Wünschen für die Lektüre<br />
für den Bundesvorstand</p>
<p><em>Dr. Bertram Salzmann</em></p>
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