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	<title>evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Jörg Lauster: Der ewige Protest</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:27:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Christsein]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Band ist so klein und handlich, dass er in jede Jackentasche passt. Der Inhalt füllt dagegen ganze Bibliotheken. Es geht um nichts Geringeres als um die Reformation. Im Jahr des 500-jährigen Jubiläums wirkt der Umfang des Buches gegenüber der Bedeutung des Themas fast unangemessen. Auf 142 Seiten hat sich der evangelische Theologe Jörg Lauster von der Universität München daran gemacht, unter dem Titel „Der ewige Protest“ die „Reformation als Prinzip“ herauszuarbeiten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1448 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Reformation-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Reformation-194x300.jpg 194w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Reformation.jpg 610w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" />Claudius Verlag, München 2017, 144 S., 12,00 EUR (auch als E-Book)</strong></p>
<p>Der Band ist so klein und handlich, dass er in jede Jackentasche passt. Der Inhalt füllt dagegen ganze Bibliotheken. Es geht um nichts Geringeres als um die Reformation. Im Jahr des 500-jährigen Jubiläums wirkt der Umfang des Buches gegenüber der Bedeutung des Themas fast unangemessen. Auf 142 Seiten hat sich der evangelische Theologe Jörg Lauster von der Universität München daran gemacht, unter dem Titel „Der ewige Protest“ die „Reformation als Prinzip“ herauszuarbeiten.</p>
<p>Klar ist, dass da vieles nur kursorisch behandelt werden kann. Es gelingt dem Experten für Systematische Theologie jedoch gut, die Widersprüche herauszuarbeiten, in die sich die Reformation von Anfang an verstrickt. „Die Protestanten, einst aufgestanden als Gegner kirchlicher Macht und Gewalt, unterschieden sich in der gewaltsamen Auslöschung ihrer theologischen Gegner nun in nichts mehr von der römischen Kirche“, heißt es an einer Stelle. In dem so einfach wie einprägsam geschriebenen Band gelingt es Lauster, immer wieder die Problemfelder gut darzustellen.</p>
<p>Breiten Raum bekommt die Frage nach der Bedeutung für die heutige Zeit: Lauster weist zu Recht darauf hin, dass „das bisherige Kirchenmodell immer mehr Risse bekommen wird“. Außerdem sei es längst fällig, sich Gedanken über Alternativen zur Kirchensteuer zu machen. Daran rührt die Amtskirche öffentlich lieber noch nicht. Lauster als Vertreter der liberalen Theologie gibt in dem lesenswerten Band kritische Impulse, über die Grenzen der Kirche hinauszudenken, damit diese ihre Lebendigkeit bewahrt. Schließlich sei der „Protestantismus als ewiger Protest eine Religion für freie Geister“.</p>
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		<title>Valentin Beck: Eine Theorie der globalen Verantwortung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:24:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung lebt in extremer Armut. Auch wenn sich dieser Anteil in den vergangenen zwanzig Jahren in etwa halbiert hat, sind dies immer noch über 700 Millionen Menschen. Valentin Beck geht in seinem ursprünglich als Doktorarbeit entstandenen Buch der Frage nach, was dies in moralischer Hinsicht für Menschen bedeutet, die im Wohlstand leben. Inwiefern sind sie für die Not der anderen mit verantwortlich?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1451 size-medium wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Globale-Verantwortung-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Globale-Verantwortung-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Globale-Verantwortung.jpg 390w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" data-smartcrop-focus="[49,21]" />Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 350 S., 17,00 EUR (auch als E-Book)</strong></p>
<p>Etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung lebt in extremer Armut. Auch wenn sich dieser Anteil in den vergangenen zwanzig Jahren in etwa halbiert hat, sind dies immer noch über 700 Millionen Menschen. Valentin Beck geht in seinem ursprünglich als Doktorarbeit entstandenen Buch der Frage nach, was dies in moralischer Hinsicht für Menschen bedeutet, die im Wohlstand leben. Inwiefern sind sie für die Not der anderen mit verantwortlich?</p>
<p>Beck hält zur Beantwortung dieser Frage die Korrektur einiger gewöhnlicher Moralvorstellungen für dringlich: Zum einen argumentiert er dafür, dass allgemeinmenschliche Verantwortung, die Menschen als Menschen über alle Grenzen hinweg verbindet, nicht weniger schwer wiegt als besondere Verantwortung, die auf persönlicher Nähe und Gruppenbeziehungen beruht. Aus Gründen der Humanität wie der Gerechtigkeit könne die ferne Armut Menschen in den wohlhabenden Ländern deshalb nicht unberührt lassen. Zum anderen betont Beck die Bedeutung „struktureller Verantwortung“, die im gewöhnlichen Moraldenken gegenüber der „interpersonellen Verantwortung“ zu kurz komme, gerade in der vernetzten Weltgesellschaft aber immer wichtiger werde. Ihr könne man freilich nicht mehr als Einzelner im direkten Gegenüber, sondern nur noch als politisch engagierter Akteur gerecht werden.</p>
<p>Am Ende sieht man das globalethische Problem aufs Feinste seziert mit weitgehender Zustimmung vor sich liegen und bleibt doch in gewisser Weise ratlos zurück: Gesetzt, dass damit globale Verantwortung für alle vernünftigen Menschen als erwiesen gelten kann – in wie vielen Fällen wird das reichen, um Menschen auch zur tatsächlichen Übernahme solcher Verantwortung zu bewegen?</p>
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		<title>Martín Caparrós: Der Hunger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:23:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Hunger]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[„Jeden Tag sterben auf der Welt 25.000 Menschen an Ursachen, die mit dem Hunger zusammenhängen“, schreibt der Argentinier Martín Caparrós im Vorwort über die Gründe, die ihn bewogen haben, das Buch zu schreiben. Sein Buch ist eine Art Reise durch die Hungerzonen der Welt. Der engagierte Journalist und Schriftsteller beginnt damit, im Niger, die „Strukturen des Hungers“ aufzuzeigen. Er zeichnet konkret das Leben der Familien auf den Dörfern in einem der ärmsten Länder nach. Kaum einer der Leser wird wissen, dass das Land sehr stark vom Klimawandel betroffen ist, die Wüsten sich deshalb ausdehnen und es immer schwieriger wird, sich von Landwirtschaft zu ernähren.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1454 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hunger-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hunger-189x300.jpg 189w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hunger.jpg 403w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" />Suhrkamp Verlag, Berlin , 844 S., 29,95 EUR (auch als E-Book)</strong></p>
<p>„Jeden Tag sterben auf der Welt 25.000 Menschen an Ursachen, die mit dem Hunger zusammenhängen“, schreibt der Argentinier Martín Caparrós im Vorwort über die Gründe, die ihn bewogen haben, das Buch zu schreiben. Sein Buch ist eine Art Reise durch die Hungerzonen der Welt. Der engagierte Journalist und Schriftsteller beginnt damit, im Niger, die „Strukturen des Hungers“ aufzuzeigen. Er zeichnet konkret das Leben der Familien auf den Dörfern in einem der ärmsten Länder nach. Kaum einer der Leser wird wissen, dass das Land sehr stark vom Klimawandel betroffen ist, die Wüsten sich deshalb ausdehnen und es immer schwieriger wird, sich von Landwirtschaft zu ernähren.</p>
<p>Über Bangladesch, Indien, sein Heimatland Argentinien geht es in den Südsudan. Dies ist nicht nur der jüngste Staat Afrikas, sondern auch ein Land, das kurz nach seiner Gründung schon wieder zu zerbrechen droht. Das Buch gibt erschreckende Einblicke in die Welt des Hungers. Caparrós zieht auch den Sinn der humanitären Hilfe der reichen Länder in Zweifel. Das was im Buch ausführlich dargestellt wird, ist ein Stoff, vor dem schon mancher kapituliert hat.</p>
<p>Aber Caparrós gibt sich nicht damit zufrieden, dass hunderte Millionen Menschen weltweit hungern. Zum Schluss sagt er: „Es gilt darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt – und nach Möglichkeiten zu suchen, wie man das erreichen kann“. Zwar bleibt Caparrós vielfach sehr lange bei der Beschreibung, während der Leser auf Konsequenzen wartet. Aber das kann auch als Strategie des Autors gedeutet werden, seine Leser zur Eigeninitiative anzustacheln.</p>
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		<title>Die große Antithese</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/luthers-menschenbild-und-die-neuzeit/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Bolz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:20:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<category><![CDATA[Schuld]]></category>
		<category><![CDATA[Sünde]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Kirche gibt es zu viel Lazarettpoesie, sagt Norbert Bolz. Der Berliner Publizist und Medienwissenschaftler geht scharf mit der Evangelischen Kirche ins Gericht und fordert die Rückkehr zu Martin Luther.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In der Kirche gibt es zu viel Lazarettpoesie, sagt Norbert Bolz. Der Berliner Publizist und Medienwissenschaftler geht scharf mit der Evangelischen Kirche ins Gericht und fordert die Rückkehr zu Martin Luther.</p></blockquote></div>
<p>Einer größeren Leserschaft ist Norbert Bolz durch meinungsstarke Analysen zu Medienthemen bekannt. <em>Am Ende der Gutenberg-Galaxis – die neuen Kommunikationsverhältnisse</em> lautet ein Titel von 1993 (Neuauflage 2008). Im Jahr 2007 erschien <em>Das ABC der Medien</em>. Doch auch zu sozialethischen Themen äußert sich der Berliner Publizist. Etwa wenn es gilt, die Bedeutung familiärer Bindungen hervorzuheben wie in <em>Die Helden der Familie, </em>oder wenn er sich als Herausgeber der Aufsatzsammlung <em>Was ist der Mensch? </em>(2003) Fragen der Biotechnologie und Robotik stellt.</p>
<p>Immer wieder begegnen dabei Überlegungen zu Sinn, zu Transzendenz und zu Religion. Jüngst erschien der Debattenbeitrag <em>Zurück zu Luther</em>, eine tüchtige Portion Kirchenschelte inklusive. Bereits vor längerem hatte sich eine intensivere Auseinandersetzung mit der Religionsthematik angekündigt in <em>Das Wissen der Religion </em>(2011).</p>
<h2>Hat Luther nur gelebt oder auch etwas gesagt?</h2>
<p>Das Lutherbuch zum Jahr 2017 scheint da wie eine nahe liegende Fortführung von bereits Begonnenem. Rund um den Reformator kursieren derzeit ja so viele Geschichtsdarstellungen und Biographien, dass sich die Frage stellen könnte, ob Martin Luther nur lebte, oder ob er auch etwas gesagt hat. In diese Konstellation darf man das Buch von Norbert Bolz wohl geschrieben und gestellt sehen. Es erinnert an zentrale Themen und Begriffe lutherischer Theologie. Der Autor greift dabei auch schwergewichtige Worte der theologischen Tradition auf wie (Gottes) Gerechtigkeit, die Willensproblematik oder die „Verborgenheit Gottes“. Als Philosoph, der Assistent bei dem jüdischen Religionsphilosophen Jacob Taubes war, setzt er sich zudem ausführlich mit der Verzahnung oder Gegenüberstellung (oder, wie andere behaupten, gar impliziten Aufhebung) von Neuzeit und reformatorischen Einsichten auseinander.</p>
<p>Der prägnante und pointierte Schreibstil fordert dem Leser durchaus konzentriertes Lesen ab. Theologie und Philosophie treffen dabei auf verschiedensten Ebenen aufeinander. Luther selbst war ja studierter Philosoph als Absolvent der Artistenfakultät (Trivium und Quadrivium der <em>septem artes liberales</em>) und Denker von Format. Bekanntlich hat er der damals vorherrschenden Philosophie (Stichwort Substanzontologie) mit Verve den Abschied gegeben – zu Recht, wie sich heute mit den aktuellsten Ansätzen der Quantenlogik sagen lässt (zur Quantenmechanik vgl. <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/theologie-und-physik/"><em>evangelische aspekte</em> 2/2015, <em>Theologie und Physik</em></a>) – und hat zugleich mit seiner Hervorhebung der Kategorie der <em>Relation</em> der weiteren Wissenschaftsgeschichte wegweisende Impulse mitgegeben. Mit seiner entschiedenen Worttheologie nahm der Reformator Wesentliches auch und gerade in (sprach-)philosophischen Denktraditionen vorweg und war auch hier mitten im Mittelalter ein <em>Prae-</em>Moderner.</p>
<h2>Im Anfang ist das Wort</h2>
<p>Er begründet damit auch so etwas wie eine reformatorische Wende in der Philosophie. Luther gibt dem Wort und dessen Wirkmächtigkeit die Zentralstellung. „Das Wort, das Wort, das Wort, das tut&#8217;s&#8230;“: ein vorgezogenes „How to do things with words“ (J. Austin), wie es später die moderne Sprechakt-Theorie ausformulieren sollte. Dies ist einer der zahlreichen Punkte, die Norbert Bolz identifiziert, an denen sich einzuhaken lohne und die die anhaltende Aktualität Luthers aufzeigen. „Denn gerade die modernen Sprachphilosophen haben uns ja gezeigt, wie man Dinge mit Worten macht. Sie haben uns gezeigt, wie der Sprechakt eines verpflichtenden Wortes unsere Lebenswelt verändert. […] die Politiker, die einen Pakt schließen; die Bürger, die die Republik ausrufen; der Informatiker, der ein Programm schreibt – sie alle schaffen durch Worte eine veränderte Wirklichkeit.“ (<em>Zurück zu Luther, </em>S.16)</p>
<p>Schon in <em>Das Wissen der Religion </em>zitiert Bolz ausführlich den „Worte sind Taten“-Vordenker Ludwig Wittgenstein. Zum Beispiel mit dessen frühen Tagebuch-Aufzeichnungen: „An einen Gott glauben heißt, den Sinn der Welt verstehen.“ (Tagebucheintrag vom 8.7.1916) Die Gottes-Frage, oder anders gewendet die nach Transzendenz und Religion, wird in den Beiträgen des Berliner Kommunikationstheoretikers in vielen Facetten aufgeworfen und kritisch reflektiert.</p>
<p><strong><em> 1. Herr Professor Bolz, warum sind Sie mit der Evangelischen Kirche nicht zufrieden? </em></strong></p>
<p>Die Evangelische Kirche passt sich zu sehr dem Zeitgeist an. Vor allem an der Spitze sind ihre Vertreter von den üblichen Verdächtigen der Political Correctness kaum mehr zu unterscheiden. Durch Sentimentalität überdeckt man politische Inkompetenz. Durch die vielen kleinen Kreuze der Sozialpastorale und die ihnen geltende „Lazarettpoesie“ (Goethe) verstellt die Evangelische Kirche das Kreuz.</p>
<p><strong><em>1.1 Sie wünschen sich in der Kirche mehr von dem, was der dänische Philosoph Kierkegaard als Glauben für Erwachsene bezeichnete. Was ist damit gemeint?</em></strong></p>
<p>Gestatten Sie mir zunächst eine Pedanterie: Kierkegaard ist für mich kein Philosoph sondern Theologe. Und alle Philosophie, die er inspiriert hat, hat einen theologischen Glutkern (auch und gerade Heidegger!). Aber zu Ihrer Frage: Glaube für Erwachsene ist das Gegenteil zum Eiapopeia vom Himmel. Der Schwerpunkt des christlichen Glaubens liegt auf dem Kreuz, d.h. auf dem Ernst, d.h. auf dem Leiden. Der Karfreitag ist wichtiger als Weihnachten.</p>
<p><strong><em>1.2 Als einer von Wenigen im Reformationsjahr 2017 thematisieren Sie auf ernsthafte Weise Luther den Theologen. Sie sprechen von Gnade, Sünde, Gottes Geschenk und sparen auch sperrige Themen wie Luthers Unterscheidung von freiem und unfreiem Willen nicht aus.</em></strong></p>
<p>Ja, in der Tat. Die große protestantische Chance liegt gerade in den sperrigen Begriffen. Man muss den Glauben üben, also lernen, ein Sünder zu sein; lernen, ein Geschenk anzunehmen. Das wäre ein guter Anfang: sich einzugestehen, dass man nicht versteht, was Gnade ist. Den Glauben üben – man könnte auch sagen: versuchen, aus der neuzeitlichen Identität herauszutreten.</p>
<p><strong><em> 2. Sie bezeichnen sich selbst als Hobbytheologen. Ihr Buch „Zurück zu Luther“ bietet gleichwohl anspruchsvolle Kost auf hohem Reflexionsniveau. Was ist, für andere Hobbytheologen gesagt, Luthers Kernbotschaft an uns?<br />
</em></strong></p>
<p>Mit dieser Frage wollen Sie mich aufs Glatteis führen. Natürlich kann man Luther nicht auf eine Botschaft reduzieren. Aber was mir besonders wichtig ist: Luthers Glaube ist die große Antithese zur neuzeitlichen Selbstermächtigung, und seine Kritik der Werkgerechtigkeit ist die große Antithese zum Gutmenschentum. Luther hatte ein realistisches Menschenbild, das ein gutes Antidoton (Gegenmittel, d. Red.) wäre gegen den Humanitarismus unserer Zeit.</p>
<p><strong><em>2.1 „Realistisches Menschenbild“ scheint es bei Luther zu treffen. Was aber ist dann problematisch an Menschen, die gut und human sein wollen?</em></strong></p>
<p>Natürlich nichts. Ich gehe davon aus, dass wir alle gut und human sein wollen. Aber ich halte es in dieser Frage mit Mark Twain: Gutmenschen sind gute Menschen von der schlimmsten Sorte. Schlimm ist nicht nur, dass sie ihre gute Gesinnung geradezu obszön zur Schau tragen, sondern mehr noch, dass sie damit allen anderen ein schlechtes Gewissen machen, alle anderen unter Rechtfertigungszwang setzen wollen. Sie wollen, wie Odo Marquard so richtig gesagt hat, das Gewissen sein, um es nicht haben zu müssen.</p>
<p><strong><em>2.2 In der EKD ist eine Debatte entstanden zur Gegenwartsbedeutung der Theologie Martin Luthers und der Rechtfertigungslehre. Sie sprechen an dieser Stelle etwa von Tribunalisierung, von dem lebenslang Angeklagten der Neuzeit. Beispielfrage: Im Blick auf die Jahre 1933–45 wird gesagt, dass hier eine Schuld geschah, die unauslöschlich ist. Fast könnte man sagen, eine „ewige Erbschuld“, die immer weitergegeben wird. Eine moderne Version von Erbsündenlehre? Wenn andererseits aber sogar die „Erbsünde“ theologisch als überwindbar gilt&#8230;? Oder hinkt dieser Vergleich?</em></strong></p>
<p>Ja, das ist die spezifisch deutsche Religion: dass wir eine einzigartige Schuld auf uns geladen haben, die nie vergeht und die wir immer tragen müssen. Das Holocaust-Gedenken ist unser zivilreligiöses Ritual. Das finde ich eigentlich gut. Aber viele Deutsche – und das ist ihr Sündenstolz – bestehen darauf, die Weltmeister des Bösen gewesen zu sein, um jetzt als Weltmeister des Guten auftreten zu können. Das ist heuchlerisch und, wie ich finde: unchristlich. Prinzipiell ist die Erbsündenlehre ein Anker des Realismus in einer zunehmend von Phantasmen geprägten Welt. Sie erspart den Gläubigen eine Anthropologie und eine Kulturtheorie. Der Mensch an sich ist böse und er braucht die Gnade Gottes. Das scheint mir realistisch. Dass die Erbsünde, die Sie in Anführungszeichen schreiben, theologisch überwindbar ist, wusste ich nicht. Da fehlt mir wohl die einschlägige Ausbildung&#8230;</p>
<p><strong><em>2.3 Es scheint, dass theologische Begriffe wie Erbsünde, Gesetz oder Willensfreiheit in ihrer Bedeutung uns Heutigen generell verstellt sind und erst wieder neu erschlossen werden müssten. Luther unterscheidet, wie Sie ausführen, zwischen einem freien Willen in irdischen, zeitlichen Angelegenheiten und einer prinzipiellen Abhängigkeit von Gott – dem unfreien Willen, der erst durch Gottes Geist frei gemacht werden muss. Wie ist dies genauer zu verstehen?</em></strong></p>
<p>Gerade diese Begriffe zu klären, war ja der Sinn meines Luther-Büchleins. Aus dem Begriff der Erbsünde folgt ja schon, dass wir einen freien Willen haben, nämlich den, Böses zu tun. Er ist immer schon zum blinden Eigenwillen korrumpiert, und daraus folgt: Wer tut, was er will, ist nicht frei. Gerade diese Erfahrung müsste heute eigentlich jeder schon gemacht haben. Und hier wird es nun dialektisch. Es ist gerade die „schlechthinnige Abhängigkeit“ (Schleiermacher) von Gott, die uns zur Gelassenheit befreit, das Eine, das Not tut, zu tun. Und genau so eng ist der Zusammenhang mit dem Begriff Gesetz. Die Unerfüllbarkeit des Gesetzes war ja die Grunderfahrung von Paulus. Es ist eigentlich identisch mit dem Begehren des alten Adam. Und von Adam zu Christus führt eben keine Pädagogik, sondern nur die Gnade Gottes. Das war wohl die Grunderfahrung Luthers.</p>
<p><strong><em> 3. Wenn Luther von der „fremden Gerechtigkeit“ spricht (iustitia aliena), also einer geschenkten Gerechtigkeit, die dem Menschen von außen zukommt, was heißt das für die Ethik, zum Beispiel auch für eine Medienethik?</em></strong></p>
<p>Fremde Gerechtigkeit kann doch wohl nur heißen, dass wir uns nicht anmaßen sollten, Gottes Wort als Ethik zu reformulieren. Überhaupt bin ich der Meinung, dass Theologie uns vor der Ethik der Talkshows schützen sollte. Übrigens auch vor dem Rigorismus des kategorischen Imperativs, der ja eben keine Gnade kennt. Jedenfalls folgt aus „fremder Gerechtigkeit“ keine „soziale Gerechtigkeit“, und aus dem Evangelium folgt kein Moralismus. Apropos Medienethik: die gibt es meines Erachtens gar nicht. Es handelt sich dabei wohl nur um eine Erfindung der Bildungspolitiker.</p>
<p><strong><em>3.1 Spricht uns die fremde Gerechtigkeit somit auch davon frei, selbst gerecht zu handeln? Du sollst nicht töten: Martin Luther vertrat ja durchaus eine konkrete materiale Ethik, etwa in seinen Auslegungen der zehn Gebote und der Bergpredigt (Katechismen, die frühen Sermone&#8230;).</em></strong></p>
<p>Es geht nur um die Inkommensurabilität (Unvergleichbarkeit, d. Red.) von menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit. Man kann sich das <em>ex negativo</em> am deutlichsten machen: Gottes Gerechtigkeit erscheint den Menschen meist als ungerecht – vor allem den „Gerechten“, die sich etwas auf ihren Gerechtigkeitssinn einbilden. Man denke an Kain und Abel, Esau und Jakob – und vor allem natürlich an die Arbeiter im Weinberg. Über Gottes Gerechtigkeit sind nur die Sünder froh: Gott lässt Gnade vor Recht ergehen. Was könnte daraus für unser Verhalten im Alltag folgen? Nicht rigoristisch sein (gegen Kant). Oder Billigkeit (mit Aristoteles).</p>
<p><strong><em>3.2 Abschließend doch nochmals die „ethische Frage“ an den Medienwissenschaftler: Welche Herangehensweise sollte im Umgang mit „den“ Medien leitend sein, z.B. auch mit post-kulturellen (Simanowski) Illusionsmedien wie Facebook und mit „Hasskaskaden“ im Internet? </em></strong></p>
<p>Darüber habe ich gerade einen Aufsatz in „Cicero“ (Heft 3/2017, d. Red.) veröffentlicht. Um meine Argumentation in einem Satz zusammenzufassen (und in Anlehnung an Carmen Geiss): Liebe deine Hater!</p>
<p><em>Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg im März 2017. Ausgangspunkt waren zunächst drei Fragen, auf die verabredungsgemäß weitere sieben folgten.</em></p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Norbert Bolz:<em> Zurück zu Luther, </em>Wilhelm Fink Verlag 2016, 141 Seiten.</p>
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			</item>
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		<title>Zeugnisse vielfältiger Spiritualität</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/zeugnisse-vielfaeltiger-spiritualitaet/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:19:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Ausflüge]]></category>
		<category><![CDATA[Freizeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Vieldörfergemeinde Pfronten im Allgäu hat sich trotz der Nähe zu touristischen Hochburgen ihren bodenständigen Charakter bewahrt. Ein ökumenisches Projekt erschließt die alpine Kulturlandschaft „auf acht besinnlichen Wegen“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Vieldörfergemeinde Pfronten im Allgäu hat sich trotz der Nähe zu touristischen Hochburgen ihren bodenständigen Charakter bewahrt. Ein ökumenisches Projekt erschließt die alpine Kulturlandschaft „auf acht besinnlichen Wegen“.</p></blockquote></div>
<p>Hoch oben auf dem Falkenstein in den Allgäuer Bergen bei Pfronten wollte er sein letztes Schloss errichten. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Übrig geblieben vom Traum des als „Märchenkönig“ bekannten bayerischen Königs Ludwig II. ist nur Deutschlands höchstgelegene Burgruine. Von hier aus ist in der Ferne Ludwigs berühmtestes Schloss Neuschwanstein zu sehen, zu dem jährlich Besucher aus aller Welt strömen.</p>
<p>Pfrontens Tourismusdirektor Jan Schubert ist ganz froh darüber, dass die Touristenströme sich in die nur wenige Kilometer weit weg gelegenen Königsschlösser ergießen, während es in der Vieldörfergemeinde bis heute recht beschaulich zugeht. Knapp 600.000 Übernachtungen werden pro Jahr in Pfronten verzeichnet. Selbst das benachbarte Nesselwang liegt mit einer Million Übernachtungen deutlich höher.</p>
<p>Das „Image des Underdogs“ macht für Schubert jedoch den Charme Pfrontens aus. Der aus dreizehn einzelnen Dörfern bestehende Ort habe seinen bodenständigen Charakter bewahrt, betont er. Zwar hat sich nahe der Burgruine ein Luxushotel angesiedelt, aber normalerweise sind Übernachtungsbetriebe und Restaurants eher gutbürgerlich. Ein Beispiel dafür ist der Gasthof „Oberer Wirt“, der seit mehr als 400 Jahren im Familienbesitz ist und zu den ältesten Gaststätten Pfrontens zählt.</p>
<h2>Dorfkirche als Zeichen des Eigensinns</h2>
<p>Das Gasthaus liegt neben der spätbarocken Kirche St. Nikolaus. Diese ist mit ihrem hochaufragenden Turm, dessen Spitze wie ein umgekehrter Enziankelch aussieht, nicht nur eine architektonische Besonderheit, sondern auch weithin sichtbares Wahrzeichen Pfrontens. Für den Journalisten Lars Kink ist das Gotteshaus ein Symbol für den „Eigensinn“ der Pfrontener. Die haben nämlich einen Kirchturm gebaut, der einer Kathedrale gut anstehen würde, und sich dabei fast übernommen.</p>
<p>Kink, der sich der Heimatforschung verschrieben hat, führt das darauf zurück, dass die Pfrontener nie leibeigen waren. Sie unterstanden dem göttlichen Recht“. Deshalb schlossen sie sich auch nicht den Bauernkriegen im Zuge der Reformation an. Weil es keine Zünfte gab, konnte sich eine Kunstschule mit mehr als achtzig Künstlern entwickeln, die auch die Kirche ausgestalteten.</p>
<p>Vom Engagement von Aktivisten wie Kink, dessen neuestes Projekt die Errichtung eines Museum der Feinmechanik ist, das an die Blüte dieses Industriezweigs in seinem Heimatort erinnert, profitiert auch das örtliche Tourismusbüro. So hat sich das Ehepaar Randel der Aufgabe verschrieben, die Wegkreuze am Ort systematisch zu erforschen. Das hat Schubert auf die Idee gebracht, diese Erfahrungen zu nutzen und diese Zeugnisse der Pfrontener Spiritualität Besuchern zugänglich zu machen.</p>
<h2>Beten und erleben auf acht besinnlichen Wegen</h2>
<p>Daraus ist unter Mitarbeit der katholischen und evangelischen Kirche das Gemeinschaftsprojekt „Horizonte erweitern – beten und erleben auf acht besinnlichen Wegen“ geworden. „Der Glaube ist nicht nur sonntags in der Kirche zu Hause“, sagt Schubert. Neben den vielen Wander- und Radwegen in dem Höhenluftkurort, könnten die Besinnungswege einen anderen Zugang zur alpinen Kulturlandschaft eröffnen, fügt er hinzu.</p>
<p>Das von der Gemeinde Pfronten angestoßene Projekt fand auch bei der Europäischen Union und dem Freistaat Bayern so großen Anklang, dass sich beide für eine Förderung entschieden. Entstanden ist ein 150-seitiger Führer, in dem die einzelnen Routen, die an Wegkreuzen, Marterln, Kirchen und Kapellen vorbeiführen, genau beschrieben werden.</p>
<h2>Was Wegkreuze erzählen</h2>
<p>Typisch für Bayern und das Allgäu sind Kreuze und Marterl an Wegen, die von Wanderern meist unbemerkt bleiben. Hinter jedem Kreuz und jeder Bildtafel steht aber eine ganz persönliche, häufig tragische Geschichte. „Wir wollten die Geschichten aufschreiben, sie für die Nachwelt festhalten. Wenn wir es nicht gemacht hätten, wären sie eines Tages ganz in Vergessenheit geraten“, erklärt Gertraud Randel.</p>
<p>Auf der ersten Route findet sich die Gedenktafel für Xaver Kinker, der 1935 die gefährliche Kletterpartie in die Ostwand des Aggensteins wagte, um seiner Freundin zum Namenstag ein Edelweiß zu pflücken. Dabei rutschte er aus und verunglückte tödlich. Dem Vernehmen nach wurde er mit der Blume in der Hand gefunden. Andere Denkmale zeugen von glücklichen Fügungen.</p>
<p>Auf den Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden – vom gemütlichen Spaziergang bis zur anspruchsvollen Gipfelwanderung – zu Denkmälern christlicher Frömmigkeit können die Wanderer eine Art religiöser Topographie erleben, heißt es im Vorwort zum Band. Die „Bergwanderung Falkenstein“ führt zu der von Pfarrer Anton Stach errichteten Gebetsstätte in einer Grotte nach dem Vorbild von Lourdes. Am Tag, als die Statue der Madonna in Pfronten eintraf, stürzte Stach am Aggenstein tödlich ab. Leicht zu bewältigen ist dagegen der „Kreuzweg auf dem Friedhof“ mit Tafeln auf Grabsteinen.</p>
<h2>Große spirituelle Werte</h2>
<p>Für Schubert ist der Weg durch die Landschaft die ideale Ergänzung zu den „Ge(h)zeiten“ im benachbarten Nesselwang. An sechs von der Bürgerwerkstatt Kultur errichteten Stationen können Besucher „grundlegende Werte neu entdecken“. Im Labyrinth ist „Zeit für mich“ und beim Blick durch die Glaskugel „Zeit für die Schöpfung“. Militärdekan Gerhard Kern zeigte sich beeindruckt von dem Weg. Er hatte eine Exkursion von Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfern begleitet, die einen Kurs im nahegelegenen Steingaden gemacht hatten.</p>
<p>Der evangelische Urlauberseelsorger Jörn Foth in Pfronten ist begeistert vom religiös inspirierten Engagement. „Hier sind große spirituelle Werte zu spüren“, sagt der Theologe, der vor kurzem mit seiner Frau aus der brasilianischen Metropole Sao Paulo in das ländliche Pfronten gekommen ist. In der engen Zusammenarbeit mit den Tourismusverbänden und den Hoteliers sieht er viel Potenzial für die Seelsorgearbeit.</p>
<p>Acht Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zur Umsetzung des ökumenischen Gemeinschaftsprojekts in Pfronten. Das Buch „Horizonte erweitern – beten und erleben auf acht besinnlichen Wegen“ ist unter www.pfronten.de oder telefonisch unter 08263/69888 für 2,90 EUR erhältlich. Von April bis November ist auf den besinnlichen Wegen sogar Geocaching möglich.</p>
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		<title>Wie Vorankommen auf Treibsand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gert Levy]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:13:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Belastungsstörungen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Psychotherapie]]></category>
		<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Traumata]]></category>
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					<description><![CDATA[MigrantInnen brauchen psychotherapeutischen und -sozialen Beistand, Unterstützung beim Ausfüllen sämtlicher in deutschen Bürokratien vorhandener Antragsformulare und – nötigenfalls – medizinische Hilfe. Sinnvolle Konzepte gibt es, Geld dafür oft nicht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>MigrantInnen brauchen psychotherapeutischen und -sozialen Beistand, Unterstützung beim Ausfüllen sämtlicher in deutschen Bürokratien vorhandener Antragsformulare und – nötigenfalls – medizinische Hilfe. Sinnvolle Konzepte gibt es, Geld dafür oft nicht.</p></blockquote></div>
<p>Bei der sozialen Arbeit rund um die Themen Migration, Flucht, Vertreibung, soziale Destabilisierung und psychische Erkrankung handelt es sich um ein existentielles Engagement. Mit dem Ziel, die zu uns geflüchteten und bei uns aufgenommenen Menschen in unsere Gesellschaft und in unseren Arbeitsmarkt einzubinden. Unser „Counseling“ kombiniert psychosoziales, psychotherapeutisches und ambulantes Begleiten und Beraten. Andernfalls droht den bei uns Rat und Hilfe Suchenden die Gefahr, im Dialog mit uns im Hamsterrad bzw. in einem <em>Circulus vitiosus</em> zu landen. Das heißt, sie erleben durch uns einerseits eine Stabilisierung, scheitern aber andererseits an den Verwaltungsinstanzen. Sie werden erneut traumatisiert und quasi zurück an den Start katapultiert, und Vergleichbares geschieht mit uns.</p>
<h2>Migrationsarbeit auf instabiler Rechtslage</h2>
<p>Migrationsarbeit stößt leider auf das Problem der oft undurchsichtigen Finanzierung ihrer Angebotspalette. Menschen ohne stabilen Aufenthaltsstatus haben da schon einmal schlechte Karten. Der zuständige übergeordnete Sozialhilfeträger besteht nämlich zur Refinanzierung dieser Leistungen auf einem festen Asylstatus und einer eigenen Wohnung. Dabei befindet sich die Struktur der Asylgesetzgebung im Umbau, und der legislative Prozess zur Beschränkung der Rechte für Flüchtlinge ist nicht abgeschlossen. Diesen Umstand müssen wir in unserer Beratungsarbeit stets mitbedenken.</p>
<h2>Die Wunden der Vergangenheit wirken nach</h2>
<p>In unsere Praxis kommen sowohl Schutzsuchende, „Flüchtlinge“, als auch professionelle HelferInnen, Einsatzkräfte und EhrenamtlerInnen. Letztere zur Supervision; denn die Konfrontation mit Krisen und Katastrophen bewirkt – unbearbeitet und unreflektiert – Übertragungen. Sie werden an uns vermittelt z.B. durch niedergelassene ÄrztInnen oder ehrenamtliche Gruppen. Sie kommen, weil sie in ihrem Alltag ständig und fortwährend von sogenannten Triggern geplagt werden. Trigger bedeuten olfaktorische, akustische und /oder visuelle Wahrnehmungen, die sie an die in ihrer Vergangenheit erlebten und erlittenen psychischen „Wunden“ erinnern und sie wiedereintauchen lassen in Panikzustände.</p>
<p>Ein Überlebender der Shoa beispielsweise sitzt vor einem Teller mit Spaghetti und einem Knochen mit Knochenmark. Diese Situation erlebt er vierzig Jahre nach seiner Flucht aus dem Lager. Er wird blass und muss sich übergeben. Im Gespräch ergibt sich, dass er sich nach seiner Flucht aus dem Lager auf der Müllhalde ernähren musste und nach dem Verzehr eines solchen Knochenmarks eine Lebensmittelvergiftung erlitt.</p>
<p>Ein hier in Köln Schutzsuchender kommt im Hochsommer in meinen Therapieraum. Auf meinem Schreibtisch steht eine leere Coca Cola Flasche. Er sieht diese, wird blass und bricht zitternd zusammen. In der nachfolgenden Exploration stellt sich heraus, dass er in Kabul in der Haft der Taliban mit eben einer solchen Flasche tagelang vergewaltigt worden war.</p>
<h2>Überforderung beim Umgang mit deutschen Behörden</h2>
<p>Wir beraten Einzelne und Gruppen und versuchen, ihnen bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen, Veränderungen in ihrem Verhalten und Wahrnehmen zu bewirken oder sie in ihrer Persönlichkeit zu stabilisieren. Dabei setzen wir auf eine holistische (ganzheitliche) Vorgehensweise, damit das gesamte Umfeld der Klientel und deren Unterstützersysteme stärker ins Blickfeld geraten können. So befinden sich z.B. unsere KlientInnen ohne einen festen Aufenthaltsstatus in bedrohlich empfundener Unsicherheit. Sie taumeln von einer Duldungsfrist in die Verlängerung derselben, die dann meist für weitere zwei bis sechs Monate gilt. Schon Wochen vor ihrem nächsten Termin bei der Ausländerbehörde kommt es bei ihnen leicht erneut zu panischen Reaktionen. <div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Schon Wochen vor dem Termin bei der Ausländerbehörde kommt es zu panischen Reaktionen.</p></blockquote></div></p>
<p>In den Planungs- und Vorbereitungsgesprächen eines derartigen Anlasses müssen von uns deshalb gezielte Deeskalationstechniken eingesetzt werden. Die von den Instanzen eingeforderten Schritte müssen mit dem Klienten gemeinsam gegangen werden. Es müssen Nachweise beantragt und oft mühsam eingesammelt werden. Wir müssen unserer Klientel beim Gespräch mit den Behörden zur Seite stehen. Denn ohne Unterstützung sind diese Hürden für sie schlicht zu hoch.</p>
<p>Eine Auflage zur Verlängerung und/oder Verbesserung des Aufenthaltsstatus ist die Teilnahme an einem Deutsch- und Integrationskurs. Aktuell wüsste ich nicht, zumindest für den Ortsbereich Köln, wie lange es dauert ohne „System B“ wie „Beziehungen“ einen derartigen Platz zu finden, das heißt ohne einen gewissen Bekanntheitsgrad der Hilfsstruktur beziehungsweise der Einrichtung, die den Schutzsuchenden begleitet. KlientInnen berichteten mir von kafkaesken Situationen, die sich abspielten, bevor sie zu uns kamen.</p>
<h2>Die normalen Integrationskurse sind nichts für traumatisierte Patienten</h2>
<p>KlientInnen allerdings mit „Posttraumatischen Belastungsstörungen“ halten weder psychisch noch physisch vier Stunden oder gar länger Unterricht pro Tag aus. Aufgrund ihrer Labilität können sie an keinem regulären Kurs teilnehmen. Um diese Einschränkung zu legitimieren, benötigen sie ein psychiatrisches Attest.</p>
<p>Um eine qualitative Diagnose zu erstellen, müsste die Psychiaterin jedoch die Sprache des Klienten sprechen können und vor allen Dingen ein fachkundiges Kulturwissen zu Formen und Ausprägungen psychischer Erkrankungen in anderen Kulturen haben. Oder aber es müsste ein Dolmetscher zur Verfügung stehen, der über derartige Qualitäten verfügt.</p>
<p>Die Hilfsstruktur oder Einrichtung, die den Klienten begleitet, müsste wissen, wo in der Stadt oder im Umland ein solche Psychiater und eine entsprechende Dolmetscherin zu finden sind. Meine Praxis verfügt über eine ausgeklügelte Datenbank. Aber auch da klappt die Vermittlung nicht unbedingt immer zeitnah. Die entsprechenden Praxen im Kölner Gemeinwesen arbeiten mit Wartelisten von vier bis sechs Monaten.</p>
<h2>„Wir schaffen das“ (Angela Merkel) – doch uns fehlen finanzielle Ressourcen</h2>
<p>Zurzeit begleiten wir 54 KlientInnen aus dieser Zielgruppe. Wir behandeln sie in unseren Praxisräumen, beraten sie aber auch vor Ort in ihren Unterkünften. Vor allem begleiten wir sie jedoch zu den sehr belastenden Vorladungen bei der Ausländerbehörde und zu den jeweiligen Jobcentern. Einer unserer Arbeitsschwerpunkte ist die Reintegration in Arbeits-und Ausbildungsprozesse. Letzteres ist äußerst wirksam im Stabilisierungsprozess. „We do our very best“. Hätten wir größere ökonomische Ressourcen, könnten wir mit Sicherheit noch mehr erreichen.</p>
<p>Natürlich kann unser Klient oder unsere Klientin den Schwebezustand der „Duldung“ nutzen, um eine diesbezügliche Aufnahme bei einer Krankenkasse zu beantragen und / oder um beim Amt für Soziales und Senioren, Unterabteilung „Migration“, eine Kostenübernahme der Behandlung und Beratung zu erwirken. Man muss dann aber erstens wissen, dass so etwas möglich ist, und zweitens das entsprechende Antragsformular auch noch verstehen können. Selbst wir als Professionelle haben mit solchen Vorgängen unsere Schwierigkeiten. All das ist nur durchzustehen mit einer entsprechenden kontinuierlichen Stabilisierung der KlientInnen bis zur vereinbarten Vorladung zur Behörde.</p>
<h2>Jugendzentren einrichten – bessere Bedingungen für Sozialarbeit schaffen</h2>
<p>Die Massenunterkünfte, in denen unsere Zielgruppe untergebracht ist, dürfen nur kurzfristige Wohnmöglichkeiten sein. Sie bieten keine Intimität. Diese ist jedoch Grundlage einer dringend notwendigen psychischen Stabilisierung. Der Verbleib in derartigen Einrichtungen potenziert die Phänomene der psychischen Erkrankung. Hieraus ergibt sich, dass auf lokaler und kommunaler Ebene darauf gedrungen wird, verfügbaren Wohnraum zur Belegung freizugeben. <div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Unterbringung in Massenunterkünften potenziert die Phänomene der psychischen Erkrankung.</p></blockquote></div></p>
<p>Mir erscheinen Jugendzentren als der ideale Ort in den Gemeinwesen, um die jüngeren hier Schutzsuchenden in ihrer psychosozialen Bedürftigkeit adäquat auffangen, ihnen Integrationsmöglichkeiten und eine Chance zur Inklusion geben zu können. Jugendzentren eignen sich als „Schaltstellen“ einer (auf bestimmte soziale Räume) bezogenen Gemeinwesenarbeit. Bei diesem politisch-sozialen Ansatz der sozialen Intervention werden Menschen darin bestärkt, möglichst selbsttätig für ihre Interessen einzutreten.</p>
<p>Für diese Zentren bedeutet das, dass die dort tätigen Fachkräfte den jugendlichen MigrantInnen quasi eine Art „Hängematte“ anbieten. Dort sollen sie einen „Ruheraum“ finden können. Dort sollen sie sich sowohl selbst als auch in sprachlichen und ethnischen Gruppen wiederfinden können. Dort ist es ihnen möglich, soziale Kontakte zu anderen Jugendlichen aufzubauen. In einem derartigen Setting kann eine Sprache erlernt werden, oder auch z.B. durch Sportaktivitäten und Antigewalttraining ein Abbau von Aggressionen und Verzweiflung gelernt werden.</p>
<p>Durch die, notwendiger Weise, enge Anbindung der Jugendzentren an das Gemeinwesen ergibt sich eine Wechselwirkung zwischen dieser Zielgruppe, ihren Bedarfen und den lokalen Institutionen. Die Einbindung und Beteiligung der jugendlichen MigrantInnen in das Gemeinwesen fördert ihre Inklusion und gleichzeitig bremst sie rechtsradikale Tendenzen in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion. Der Kontakt und der Dialog zu und mit „dem Fremden“ führen zu Verständnis und Deeskalationen. Letzteres ist der Hauptgarant zur Verhinderung von Ausländerfeindlichkeit. Das gilt für beide Seiten. Isolation führt zu Aggression –, und Situationen wie an Silvester 2015 sind auch der fehlenden sozialen Intervention geschuldet.</p>
<h2>Counselor im Rollen- und Auftragskonflikt</h2>
<p>Im klassischen Fallverlauf enthält sich die Therapeutin jeglichen Ratschlages. Frei nach dem Motto: „Jeder Ratschlag ist auch ein Schlag“. Therapeuten begleiten einen intrapsychischen Prozess, stoßen allerhöchstens an, geben Impulse und wahren grundsätzlich Distanz. Hausbesuche und / oder Begleitungen zu den Ämtern widersprechen dieser Grundhaltung. In der Migrationsarbeit schafft aber genau diese aufsuchende und begleitende Methodik das notwendige Vertrauen bei den Ratsuchenden und uns den Zugang zur Klientel. Sie ermöglicht uns auch ein ganzheitlicheres Verständnis unseres Gegenübers.</p>
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		<title>Das „Kluge“ und das „Dumme“ in uns</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Bauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:08:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Abhängigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Freier Wille]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Muße]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbestimmung]]></category>
		<category><![CDATA[Selbststeuerung]]></category>
		<category><![CDATA[Willensfreiheit]]></category>
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					<description><![CDATA[Joachim Bauer sieht den Einzelnen in unserer Gesellschaft in ein Netz krank machender Abhängigkeiten verstrickt. Für ihn ist das kein Grund zur Selbstaufgabe, sondern eine Aufforderung zur „Selbststeuerung“ als natürlicher Bestimmung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Joachim Bauer sieht den Einzelnen in unserer Gesellschaft in ein Netz krank machender Abhängigkeiten verstrickt. Für ihn ist das kein Grund zur Selbstaufgabe, sondern eine Aufforderung zur „Selbststeuerung“ als natürlicher Bestimmung.</p></blockquote></div>
<p><strong>Sie haben mittels einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass sehr viele Menschen sich davon abgehalten fühlen, im Alltag zu tun, was sie für sich selbst für richtig halten. Viele Menschen folgen stattdessen anderen Impulsen, beschäftigen sich zum Beispiel permanent mit dem Handy oder sitzen vor dem Fernseher oder lassen sich von den Erwartungen anderer Menschen bestimmen. Haben wir uns nicht mehr im Griff?</strong></p>
<p>Wir Menschen stehen unter dem Einfluss von zwei Systemen, die uns von der Natur mitgegeben wurden. Das eine System ist „dumm“ <em>(Trieb- oder Basissystem im Gehirn H.P.), </em>leicht verführbar und will alles, was sich irgendwie gut anfühlt, möglichst gleich haben. Es produziert ständig spontane Impulse, die auf sofortige Befriedigung dringen. Das andere Systeme ist „klug“ <em>(Präfrontaler Cortex im Gehirn, H.P.)</em> und denkt voraus. Es überlegt, was auf längere Sicht vorteilhaft und gut für uns ist, und kann dafür Pläne machen. Wenn das erste System die Oberhand bekommt, macht es aus dem Menschen eine Reiz-Reaktions-Maschine: Auf momentane Impulse muss sofort reagiert werden, jedes billige Angebot wird sofort wahrgenommen.</p>
<p><strong>Zur Muße, behaupten Sie, sind viele Menschen heute unfähig. Das Bedürfnis, zu sich selbst zu kommen, werde kaum mehr verspürt. Denn wer kein Selbst habe, vermisse ja auch keins. </strong></p>
<p>Wer nicht innehalten kann, sondern wie eine Reiz-Reaktions-Maschine lebt, hat kein Selbst, sondern lebt außengesteuert und reagiert wie ein Automat: Gibt es irgendwo etwas Preiswertes oder Kostenloses zu essen oder etwas Schönes zu kaufen? Ich muss es haben! Hat mich irgendjemand provoziert? Ich muss sofort zurückschlagen oder eine Hass-Mail absondern. Ein „Selbst“ kann ein Mensch erst dann entwickeln, wenn es zwischen Reiz und Reaktion einen Raum gibt.</p>
<p><strong>Was ist schuld an diesem Selbstverlust?</strong></p>
<p>Auf der einen Seite die Beschleunigung aller Lebensabläufe, die allgemeine Hetze und der Stress, den wir uns zum Teil übrigens selbst machen. Auf der anderen Seite der Warenüberfluss, unser auf ständigen Konsum ausgerichtetes Leben und die überall verfügbaren Suchtmittel, zu denen auch Smartphones, die sozialen Netzwerke und ganz allgemein das Internet gehören. Suchtmittel sprechen das impulsive System an und machen uns zu Reiz-Reaktions-Maschinen.</p>
<p><strong>Was wäre damit gewonnen, wenn Menschen wieder zu sich selbst fänden, und wie können sie das schaffen? </strong></p>
<p>Innehalten zu können, Raum zum Nachdenken oder zum Träumen zu haben, in sich ein „Selbst“ zu spüren, das sind Glücks-Quellen. Was wir gewinnen, wenn wir zu uns Selbst finden, ist das Glück. Den Weg zum eigenen Selbst können wir nur finden, wenn wir aus dem Hamsterrad der alltäglichen Beschleunigung aussteigen und Momente der Ruhe und Besinnung finden. Ein ganz praktischer Schritt wäre, sich in einem Achtsamkeits- oder Yoga-Kurs anzumelden. Gläubige Menschen finden Momente der Ruhe bei einem Kirchenbesuch und im Gebet. Kirchen sind – gerade auch dann, wenn kein Gottesdienst stattfindet – wunderbare Meditationsräume.</p>
<p><strong>Sich selbst zu bestimmen, heißt ja, dem eigenen Willen entsprechend zu entscheiden, zu leben und zu handeln. Einerseits lässt uns unsere Gesellschaft Freiheiten wie kaum eine andere in der Geschichte, andererseits werden wir zum Teil sehr subtil gesteuert. Wie frei ist unser Wille?</strong></p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Freier Wille bedeutet nicht, dass wir uns neu erfinden können. Aber es bleiben Freiräume.</p></blockquote></div>Freier Wille bedeutet nicht, dass wir uns neu erfinden können. Kontingenz heißt: Unser Leben ist Teil eines Bedingungsgefüges, das wir nicht selbst gewählt haben. Wir alle sind Kinder der Natur bzw. der Evolution. Wir haben einen biologischen Körper, dem zusätzlich noch zahlreiche Stempel aufgedrückt wurden durch die Art, wie wir aufgezogen wurden, durch das, was uns zugestoßen ist, und wie wir leben. Innerhalb der Kontingenzen, in denen wir leben, bleiben uns aber Freiräume.</p>
<p><strong>Wie verstehen Sie eigentlich menschliche Freiheit? </strong></p>
<p>Menschliche Freiheit tut sich auf, wenn wir gelernt haben, das von mir eingangs erwähnte „kluge“ System zu benutzen, also gelernt haben, innezuhalten, nachzudenken, zu träumen, kreativ zu sein und langfristig zu planen. Dazu gehört auch, in der Lage zu sein, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen, empathisch zu sein und sich vorstellen zu können, wie sich das Leben für meine Mitmenschen anfühlt.</p>
<p><strong>Ihr Konzept der Selbststeuerung setzt beim Menschen den freien Willen voraus, eine unter Philosophen und neuerdings auch Hirnforschern umstrittene Vorstellung. Wie positionieren Sie sich in dieser Diskussion?</strong></p>
<p>Maßgebliche Philosophen wie Markus Gabriel, der im angloamerikanischen Ausland inzwischen als der bedeutendste deutsche Philosoph angesehen wird, haben sich klar zum freien Willen bekannt, allerdings zu einem durch die Kontingenz der Realität begrenzten freien Willen, so wie ich es auch selbst sehe. Die Hirnforschung sieht es inzwischen ganz ähnlich. Warum sich Gerhard Roth und Wolf Singer, zwei verdienstvolle und von mir persönlich sehr geachtete Kollegen, hier fundamental geirrt haben, habe ich in meinem Buch <em>Selbststeuerung</em> detailliert dargelegt.</p>
<p><strong>Es gibt auch in der Theologie eine Debatte um den freien Willen. Klassisch die zwischen dem Humanisten Erasmus von Rotterdam und dem Reformator Martin Luther. Luther sagt: Da dich Gottes Liebe trägt, bist du frei, von äußeren Strukturen wie vom eigenen Ich. Wer sich nicht an Gott halte, verliere sich an den Teufel. Symbolisch könnte man diesen als die Macht der Fremdbestimmung schlechthin charakterisieren. Zu sich selbst zu finden, Person zu werden, sei eine Erfahrung, ein Geschenk des Glaubens, des unbedingten Vertrauens zu Gott. Wie passt diese Überzeugung zu Ihrem Konzept der Freiheit durch Selbststeuerung?</strong></p>
<p>Wie kann ich mich für die Gnade Gottes entscheiden, wenn ich für diesen Schritt, hin zum Glauben, keinen Entscheidungsspielraum habe? Der vollkommene, radikale Determinismus ist in sich eine Absurdität. In diesem Punkt stehe ich daher auf der Seite von Erasmus von Rotterdam. Luthers entscheidende Einsicht ist eine ganz andere: Menschen sind nicht moralisch „gut“, wir können dies durch eigene Willensanstrengungen und gute Taten auch nicht werden. Die Kernbotschaft Jesu war, und sie wollte Luther in den Mittelpunkt stellen: Menschen bedürfen der Liebe, und ohne diese können wir nicht leben.</p>
<p><strong>Herr Professor Bauer, Sie sind auch Arzt und Psychotherapeut. Wenn Sie Lehrpläne für die Ausbildung zukünftiger Ärzte zu entwerfen hätten, was würden Sie da unbedingt viel stärker als bisher berücksichtigen wollen?</strong></p>
<p>Die Ausbildung unserer jungen Mediziner ist nicht schlecht. Was derzeit noch fehlt, ist eine ausreichende Berücksichtigung dessen, was wir über den Einfluss zwischenmenschlicher Beziehungserfahrungen auf die Biologie des Menschen wissen. Der menschliche Körper ist kein von Genen determiniertes autistisches System. Welche Gene, vor allem in der Kindheit und Jugend, aktiviert werden und wie sich das Gehirn – und damit auch die Begabung – von Kindern entwickelt, hängt davon ab, welche Zuwendung und welche geistigen Anregungen junge Menschen bekommen. Der Zusammenhang zwischen sozialen Erfahrungen und der Biologie des Körpers bleibt über die gesamte Lebensspanne von Bedeutung. Das muss noch stärker in die Ausbildung rein.</p>
<p><strong>Die Fähigkeit zur Selbststeuerung führt Ihren Erkenntnissen entsprechend zu einem gesünderen Lebensstil. Gesundheit ist in unserer Gesellschaft ein Megathema und verschlingt Unsummen von Geld der Versicherten und beschert gewaltige Profite für die Pharmaindustrie. Welche Möglichkeiten und Verantwortung sehen Sie bei den Ärztinnen und Ärzten in Ihrem Konzept der Selbststeuerung? </strong></p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Mit Medizin hat das, was in vielen Kliniken heute passiert, leider nichts mehr zu tun.</p></blockquote></div> Das Hauptproblem sehe ich in der Kommerzialisierung des Krankenhauswesens. Einige wenige Konzerne besitzen den Großteil unserer Krankenhäuser und führen unsere Kliniken mit der Vorgabe, dass Renditen zwischen 10% und 20% erwirtschaftet werden sollen. Nicht Ärztinnen und Ärzte, sondern Betriebswirte bestimmen heute, wo es in unseren Kliniken langgeht. Verwaltungschefs lassen Chefärzte antanzen und sagen denen, sie sollten diese oder jene Operation bitte etwas häufiger machen – weil das mehr Geld bringt –, oder sie sollten bitte dafür sorgen, dass etwas einträglichere Patienten zur Aufnahme kommen. Mit Medizin hat das, was in vielen Kliniken heute passiert, leider nichts mehr zu tun. Ärztinnen und Ärzte haben in einem solchen System keine Spielräume mehr. Daher hoffe ich sehr, dass wir in unserem Land unsere kirchlichen Krankenhäuser erhalten können.</p>
<p><em>Das Gespräch führte Hermann Preßler.</em></p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong></p>
<p>Joachim Bauer: <em>Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens</em>. Carl Blessing Verlag, München, 2015, 238 S.</p>
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		<title>„&#8230; der alles so herrlich regieret“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:05:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 2, Mai 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Allherrscher]]></category>
		<category><![CDATA[Allmacht]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Naturwissenschaften haben Gott vom Allherrscher zum Lückenbüßer degradiert. Trotzdem kommen Menschen bei der Suche nach einem sinnerfüllten Leben immer wieder auf ihn zurück. Ein Streifzug durch das Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität, angeregt durch ein aktuelles Buch zum Thema.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Naturwissenschaften haben Gott vom Allherrscher zum Lückenbüßer degradiert. Trotzdem kommen Menschen bei der Suche nach einem sinnerfüllten Leben immer wieder auf ihn zurück. Ein Streifzug durch das Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität, angeregt durch ein aktuelles Buch zum Thema.</p></blockquote></div>
<p>Von der Antike bis zur Aufklärung kam keine Lehre vom Sein (Ontologie) der Welt und ihrer Phänomene, einschließlich des Menschen, ohne „Gott“ aus, allgemeiner gesagt: ohne ein transzendentes – also jenseits der mit den Sinnen zugänglichen Welt verortetes – alles begründendes Letztprinzip. Dieses wurde als ein Immaterielles, Geistiges gedacht. Mit den Fortschritten in der Naturerkenntnis, in der Kosmologie mit der Erforschung unseres Planetensystems und der Bewegung der Himmelskörper, änderten sich die Namen bzw. Funktionen, die man Gott gab oder als wesentlich zuschrieb. Aber ohne ihn als Weltenschöpfer und Weltenlenker und eo ipso allmächtiges Wesen ging es auch in den Theorien der Kosmologen nicht. (Einmal abgesehen vom antiken Philosophen Demokrit, der sein Welterklärungsmodell auf den Atomen aufbaute, also auf einem materialistischen Weltbild, ohne damit aber philosophisch bestimmend werden zu können.)</p>
<h2>1. Gott, der geniale Mathematiker</h2>
<p>Der italienische Physiker Galileo Galilei führte an der Wende zum 17. Jahrhundert eine neue Methode in die Naturforschung ein, das Experiment. Damit gelang es ihm, seine Beobachtungsgegenstände gewissermaßen zu vermessen und aus seinen Messungen Gesetze abzuleiten. So setzte er die Mathematik in die Funktion der Sprache unseres Naturverständnisses ein, nannte das Universum ein Buch, geschrieben in der Sprache der Mathematik, und erhob Gott in den Rang eines genialen Mathematikers. Allgemeiner ausgedrückt hielt er an dem Glauben fest, die mannigfachen Erscheinungen in der Natur würden durch eine klare und selbst unbedingte, einfache Ordnungsmacht verbürgt, die als verlässliche Gesetze an sich existierten.</p>
<p>Einen solchen metaphysischen Ordnungsrahmen setzten auch Johannes Keppler und Issac Newton, die Gründerväter der modernen Astronomie, für ihre naturwissenschaftliche Denkweise voraus. Der deutsch-schweizer Wissenschaftsautor und Unternehmer Lars Jaeger, der in seinem Buch <em>Wissenschaft und Spiritualität </em>(Berlin, Heidelberg 2016) auch für philosophische Laien gut verständlich in die Geschichte von Naturwissenschaft und Gottesglauben einführt, schreibt dazu: „Für alle drei war die Suche nach wissenschaftlicher Wahrheit eng verbunden mit der Erkenntnis der Herrlichkeit, Vollkommenheit und Allmacht Gottes und seiner Schöpfung“. Und fährt fort: „Nur er konnte Gesetze schaffen, nach denen die Welt derartig perfekt ablaufen kann“ (S. 64).</p>
<h2>Das Geschehen in der Natur funktioniert aus sich heraus</h2>
<p>Eine Wende im philosophischen und naturwissenschaftlichen Denken ist mit den Namen René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz verbunden. Sie postulieren nämlich, dass alle physikalischen Erkenntnisse aus sich heraus wahr sein müssen – und zwar aufgrund der den Dingen selbst innewohnenden Eigenschaften. Womit sie ohne Gott aus sich heraus bestehen und sozusagen von selbst funktionieren.</p>
<p>Alle diese Denker lösten sich zwar von den Dogmen und kirchlichen Denkverboten des Mittelalters, doch damit waren für sie nicht der Gottesglaube und die Religion des Christentums obsolet. „Die Rolle eines transzendenten Gottes“, schreibt Jaeger, „diente gut als Begründungsprinzip offen gebliebener Fragen“ (S. 78). Voller Staunen und Bewunderung für die Harmonie des Ganzen fühlten sie sich frei, die empirische Welt zu erforschen und die Natur allmählich mechanistisch zu beschreiben – als kosmisches „Uhrwerk“ (Newton), das mehr oder weniger störungsfrei abläuft, nachdem es von Gott einmal geschaffen und aufgezogen war.</p>
<h2>Vom Pantokrator zum Lückenbüßer</h2>
<p>Erst mit dem radikalen Rationalismus der Aufklärung im 18. Jahrhundert verlor Gott seine allesbestimmende Position in der Natur. Aus dem allmächtigen und vollkommenen Allherrscher (Pantokrator), der – auf die eine oder andere Weise – alles so herrlich regiert, wurde Gott als Lückenbüßer für fehlendes Wissen, immer weiter zurückgedrängt, je mehr man mit den Methoden wissenschaftlicher Vernunft den natürlichen Abläufen ohne übernatürliche Erklärungen auf die Spur kam. Der französische Physiker und Mathematiker Pierre-Simon Laplace sagte schließlich über Gott: „Ich habe dieser Hypothese nicht bedurft.“</p>
<h2>2. Gott im Gefühl</h2>
<p><em>„Lobet den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt, hast du nicht dieses verspüret.“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 316)</em></p>
<p>Joachim Neander dichtete die fünf Strophen dieses in den Kirchen auch heute noch viel gesungenen Liedes 1679. Nach Pastor Neander, einem dem Pietismus nahestehenden und naturverbundenen Mann, wurde das Neandertal bei Düsseldorf genannt. Das „Verspüren“ in der Seele war sozusagen die Erkenntnistheorie Neanders, wenn es um die Erfahrung Gottes ging. Tief innerlich offenbare sich demnach dem Menschen die überwältigende Weisheit und den ganzen Menschen umfassende Fürsorglichkeit Gottes. Nicht dem Buch der Natur und der objektivierenden Berechnung ihrer Gesetze gilt der Blick, sondern das Auge richtet sich auf die Bibel, in deren Lektüre die Seele Ruhe findet und in eine unmittelbare Beziehung zu Gott kommt und sich infolgedessen sittlich reinigt und ein „erwecktes“ Leben zu führen vermag. Darin bestehen sozusagen das „Experiment“ und die subjektiv erlebte Wahrheit des Glaubens. Nicht die Mathematik, sondern das Gefühl, möchte man sagen, ist das Vehikel des Verstehens und der Verständigung mit Gott.</p>
<h2>Vom Experiment zur Introspektion</h2>
<p>Eine Parallele zu dieser Hinwendung zur Subjektivität findet sich dann auch als geistige Gegenbewegung Ende des 18. Jahrhunderts zum Aufklärungs-Rationalismus. Nun pochten viele Intellektuelle und Dichter wieder auf ihre Gefühle und ihr Empfinden, das ihnen eine Natur voller Geheimnisse offenbarte. „So entwickelte sich in der Romantik“, analysiert Jaeger, „schon wieder eine Gegenbewegung, welche der deterministischen Weltsicht des Newton’schen Uhrwerks Dinge wie unmittelbare Erfahrung, Kreativität und die Individualität des Einzelnen entgegenstellte“ (S. 82).</p>
<p>Das romantische Denken und die (zeitlich folgende) Philosophie des „deutschen Idealismus“ entwickelten schließlich eine ganzheitliche (holistische) Naturbetrachtung. Unter ihr versteht man die Überzeugung, die Welt nicht mit einer Untersuchung ihrer Teile und deren „Hochrechnung“, sondern nur durch ihre Betrachtung als Ganzes verstehen zu können. Vorstellungskraft, Gefühle und Sinneseindrücke sind die Möglichkeiten eines erweiterten Bewusstseins, sich das Leben zugänglich zu machen, in ihm heimisch zu werden, sich im Großen und Ganzen geborgen zu fühlen und im individuellen Dasein einen Sinn zu erkennen.</p>
<p>Diese Erkenntnis und dieses Lebensgefühl atmen auch die folgenden Verse Neanders:<br />
(3) <em>Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet, in wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel bereitet.<br />
</em>(4) <em>Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.</em></p>
<h2>3. Was Gott „regieret“ und was nicht</h2>
<p>Lars Jaeger behandelt in dem genannten Buch die großen Menschheitsfragen (nach der Entstehung der Welt und des Lebens, der Herkunft des Geistes und dem Sinn unserer Existenz) und die Versuche ihrer Beantwortung in der Spannung zwischen wissenschaftlichem und spirituellem Denken. Dass dabei immer wieder die Ideen Albert Einsteins zur Sprache kommen, ist nicht verwunderlich. Spirituell, meint Jaeger, sei Einstein ein Anhänger einer „kosmischen Religiosität“ gewesen. Einstein habe sich Gott vorgestellt als den, „der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart“, aber der sich nicht „mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“ (S. 105).</p>
<p>Einstein und seinesgleichen scheinen für Neanders „Verspüren“ eines Gottes, „der dir mit Liebe begegnet“, unempfindlich. Nach Darwin und den Gesetzen der Genetik hat sich auch die Schöpfung („&#8230;der künstlich und fein dich bereitet“) in die Evolution hinein verflüchtigt. Und nach Ansicht der modernen Naturforschung kennt die Evolution selbst weder ein bestimmtes Ziel noch einen Sinn, sondern resultiert aus dem Zusammenspiel von Zufall und Notwenigkeit. In den zugespitzten Worten des Biologen Jacques Monod: „&#8230;dann muss der Mensch seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“</p>
<h2>4. Was „weiß“ der Mensch und wie kann er glauben?</h2>
<p>Um hinter das zu kommen, was <em>ist</em>, führt für vernünftig denkende Menschen an der wissenschaftlichen Erkenntnisweise kein Weg vorbei. Für das Handeln der Menschen, für das, was sein <em>soll</em>, können hingegen religiöse und spirituelle Bezüge die entscheidenden Anhaltspunkte liefern. Mag das Universum „gleichgültig“ sein, was <em>im</em> Universum des Menschen vom Menschen „angerichtet“ wird, kann für den zu Empathie und planvollen Entwürfen fähigen Menschen nicht egal sein.</p>
<p>Für den christlichen Glauben ist dies aber auch <em>Gott selbst</em> nicht egal. Weil Gott sich womöglich selbst „entwickelt“ und im erkennenden Nachvollzug der Evolution sich nicht allein auf seinen unvergleichlichen Verstand, seine „mathematische“ Genialität verlassen kann, sondern seiner Empathie bedarf. Wer die Welt verstehen will, muss einen Blick dafür gewinnen, worunter all die anderen, all das andere leidet. Da hilft nur ein emotionales Verstehen, das aus dem Mit-Leiden erwächst. Ein „allmächtiger“ Gott kann letztlich kein voll erkennender Gott mehr sein. Damit sind wir bei der zweiten Person (Jesus Christus) der christlichen Theologie angelangt – und die spricht ein altes Weihnachtslied (EG, Nr. 27) so an: <em>„Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding&#8230;“.</em></p>
<p>So erscheinen Wissenschaft und Spiritualität als komplementäre Erkenntniswege. Lars Jaeger resümiert, dass das Sollen des Menschen erst vor dem Hintergrund der tatsächlichen <em>conditio humana</em> sinnvoll erörtert werden kann, der „natürlich evolutionär geprägte(n) kognitive(n) und emotionale(n) Konstitution“ (S. 381). Die biologische Struktur unseres menschlichen Gehirns ist einerseits evolutionär, andererseits durch Erziehung und Kultur geformt. In ihm wurzeln beide, Wissenschaft und Spiritualität.</p>
<h2> „Mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“ (Shakespeare)</h2>
<p>Frei von dogmatischen Verhaftungen gläubige, spirituelle Menschen müssen sich einer naturalistischen, von transzendenten Elementen unabhängigen, Erklärung der Natur- und Lebensprozesse nicht verschließen. Zwar sind die Kosmologen bis auf 10<sup>−30</sup> Sekunden zum Anfang des Universums vorangekommen. Untersuchen die Teilchenphysiker die Materie auf einer Raumskala von 10<sup>−30</sup> Meter. Sind die Biologen von den Ursprüngen des Lebens nur noch einige Millionen Jahre entfernt. Dringen die Neurowissenschaftler immer tiefer in die „Natur des Geistes“ ein. Wie unvorstellbar klein oder kurz soll die „Lücke“ eigentlich noch werden, in die sich (der „<em>allmächtige</em>“) Gott noch hinein-<em>zwängen</em> ließe? Gleichwohl, gibt uns Lars Jaeger zu verstehen, können die bisherigen Antworten zu den Grundfragen nach dem Universum, dem Leben und dem Geist zum Teil nur auf höchster mathematischer Abstraktionsebene demonstriert und nicht experimentell dargestellt werden. Wo es zum Beispiel um den Kern jeglicher Spiritualität geht, den Geist (lateinisch: <em>spiritus</em>), das (Selbst-)Bewusstsein, so ist zu sagen, dass eine neuronale Entsprechung im Gehirn bislang nicht lokalisiert werden konnte. Wissenslücken, in die man früher den („erklärenden“) Begriff „Gott“ platzierte, werden heutzutage von (noch unbeweisbaren) Vorstellungen wie „Selbstorganisation“ des Geistes oder „Emergenz“ (Herausbildung neuer, „höherer“ Eigenschaften aus der Wechselwirkung „niedriger“ Elemente) eingenommen.</p>
<h2>Ein fruchtbares Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität</h2>
<p>„Ein Blick auf ›die großen, essentiellen Fragen‹ zeigte uns“, formuliert Lars Jaeger in seinem Schlusskapitel zum Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität: „Eine Haltung wissenschaftlicher Erklärungs- und Deutungs<em>allmacht</em>“ (S. 367) wäre ideologischer Natur. Die über viele Jahrhunderte gemeinsame Geschichte von Wissenschaft und Spiritualität könnte ein fruchtbares Verhältnis bleiben, sofern beide „die Welt vom Schleier unserer Vorurteile befreit wahrnehmen“ (S. 370). Mit dem Philosophen Thomas Metzinger wirbt Jaeger für ein Verständnis von Spiritualität als geistiger Integrität. Sie sei sowohl eine auf unser Wissen („epistemisch“) und unser Handeln („ethisch“) bezogene Lebenseinstellung „unbedingte(r) und kompromisslose(r) Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst“.</p>
<p>Dabei versuche sie, unsere „Ich-Anhaftungen“ zu überwinden und könne eine solche spirituelle Praxis sowohl auf buddhistischem als auch christlich-mystischem Weg einüben. Religion (vom Lateinischen <em>relegere</em>) zu haben, bedeute ein „immer wieder neues <em>Überdenken</em> und <em>Überlesen</em>“ (Metzinger). Man könnte biblisch-jesuanisch in diesem Zusammenhang auch von einer permanenten Bereitschaft zur „Umkehr“ sprechen. In ihrer Verpflichtung zur Wahrheit und Redlichkeit stehen sich Wissenschaft und Spiritualität innerlich nahe. Schließlich hat der Philosoph Karl Popper mit seinem Hinweis zur prinzipiell unabgeschlossenen Wahrheitsfindung Zustimmung gefunden, dass eine <em>wissenschaftliche</em> Theorie niemals verifiziert (ein für alle Mal beglaubigt), sondern immer nur falsifiziert (widerlegt) werden kann.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Lars Jaeger: <em>Wissenschaft und Spiritualität. Universum, Leben, Geist – Zwei Wege zu den großen Geheimnissen.</em> Springer-Verlag, Heidelberg, 2016. 496 S.</p>
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