<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018 &#8211; evangelische aspekte</title>
	<atom:link href="https://www.evangelische-aspekte.de/category/2-2018/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.evangelische-aspekte.de</link>
	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
	<lastBuildDate>Sun, 14 Mar 2021 18:50:51 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/cropped-ea-Logo_web-1-32x32.png</url>
	<title>evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018 &#8211; evangelische aspekte</title>
	<link>https://www.evangelische-aspekte.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Johannes Huber: Der holistische Mensch</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/huber-holistische-mensch/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/huber-holistische-mensch/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:48:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Holismus]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaften]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2567</guid>

					<description><![CDATA[Es gibt Sachbücher, die lesen sich so spannend wie ein guter Kriminalroman. Auch wenn das Aufgebot an Details, die sich aneinanderreihen und vom Autor in drei längeren Kapiteln angeordnet sind, durchaus der Lesenden Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Sie fügen sich nach und nach zur holistischen Gesamtschau der Natur und des Lebens.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-2568 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Huber-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Huber-198x300.jpg 198w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Huber.jpg 236w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" />edition a, 2017, 335 S., 24,90 EUR (E-Book 19,95 EUR)</strong></p>
<p>Es gibt Sachbücher, die lesen sich so spannend wie ein guter Kriminalroman. Auch wenn das Aufgebot an Details, die sich aneinanderreihen und vom Autor in drei längeren Kapiteln angeordnet sind, durchaus der Lesenden Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Sie fügen sich nach und nach zur holistischen Gesamtschau der Natur und des Lebens.</p>
<p>Belohnt werden wir, ob medizinisch, theologisch und philosophisch mehr oder weniger bewandert, durch immer wieder neue „Ahas“, die uns die Lektüre entlockt. Wir werden bekannt gemacht mit dem grandiosen Zusammenspiel natürlicher, genetischer, epigenetischer, sozialer und kultureller Vorgänge, die das menschliche Leben entstehen, reifen und entwickeln lassen und dafür sorgen, dass es sich fortpflanzt – und dabei mit Lust und Liebe zu Werke geht. So gelingt es Johannes Huber – (katholischer) Theologe, Gynäkologe und Außerordentlicher Professor an der Universität Wien und auch mit anderen Publikationen dem Dialog zwischen Naturwissenschaft und Philosophie verpflichtet – seine Lesern davon zu überzeugen, dass der Mensch als Kind der Evolution sein Dasein keinem Zufallsgenerator verdankt, sondern einem holistischen Prinzip, das hinter allem steht.</p>
<p>Die (unbelebte) Natur und das (natürliche und soziale) Leben, das Sonnensystem und der menschliche Körper, die biochemischen, neuronalen und hormonellen Vorgänge in unserem Inneren und die Art und Weise, wie wir miteinander verkehren (auch und gerade <em>sexuell</em>), einander schätzen oder schaden, sind auf wunderbare Weise miteinander verschränkt und vernetzt und von langer Hand vorbereitet. Holismus, das neue wissenschaftliche Paradigma, hat das mechanistische Weltmodell des 18. und 19. Jahrhunderts der lediglich äußerlich ineinandergreifenden Zahnräder (des Uhrwerks) abgelöst. Es liegt der modernen Physik – wie Huber im mittleren Kapitel auf entsprechende Autoritäten verweisend darlegt – ebenso zugrunde wie der Medizin; hier kann er auf eigene Forschung und Erfahrung zurückgreifen.</p>
<p>Physikalische, biologische und kulturelle Daseinsformen haben der holistischen Theorie zufolge die Tendenz, sich zu höher integrierten Einheiten zusammenzuschließen. In dieser ganzheitlichen Betrachtung der Dinge ist dann sozusagen nichts mehr fehl am Platz: die Viren zum Beispiel sind nicht länger nur die ewigen Krankheitserreger – sondern Ursache dafür, dass sich vor 150 Millionen Jahren eine Plazenta auszubilden begann, nachdem es Viren gelang, das Immunsystem einer kleinen Eizelle zu überwinden und sich zu einem Mutterkuchen auszuwachsen. Damit war der Vorgang des Brütens ins weibliche Innere verlegt und das Säugetier entstanden – „ein Quantensprung in der Reproduktion“ (S. 61).</p>
<p>Huber räumt aber auch kritisch ein, dass der „Tunnelblick“ in der Medizin zwar „von gestern“ (S. 227) aber noch nicht überwunden ist. Die medizinische Spezialisierung und eine mit dieser Systematik verflochtene profitorientierte Pharmaindustrie vollziehen die fundamentale Vernetzung der Organe des menschlichen Körpers therapeutisch oft nicht im notwendigen Maße nach. Am Beispiel der Transplantation eines Frauenherzens in einen Männerkörper zeigt Huber die intensive Interaktion des Herzens mit dem Rest des Körpers, wodurch das <em>Frauen</em>herz ein <em>männliches</em> Chromosom bekommen hat.</p>
<p>Kritisch setzt sich der Gynäkologe auch mit gewissen Übertreibungen der Gender-Forschung auseinander, die ein einziges „soziales Geschlecht“ auf den Schild hebt. Mann und Frau sind jedoch „eine Idee der Natur. Die hat eine Verfassung, und in der steht nichts davon, dass ein Geschlecht dem anderen überlegen wäre, aber gleich sind sie definitiv nicht“ (S. 144).</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/huber-holistische-mensch/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hans-Martin Barth: Selbstfindung und christlicher Glaube</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/barth-selbstfindung-glaube/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/barth-selbstfindung-glaube/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Moritz Fischer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:42:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Christsein]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstfindung]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2563</guid>

					<description><![CDATA[Barths Buch ist mehr als eine „erbauliche Schrift“, in der ein späträsonierender Dogmatiker, altersweise geworden, niveauvoll geistliche Lebenshilfe gibt. Es ist verständliche Theologie, allen kritisch Denkenden sehr empfohlen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-2558 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Barth-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Barth-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Barth.jpg 427w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" />Claudius Verlag, 2017, 160 S., 16,00 EUR</strong></p>
<p>Mit den ersten Worten formuliert Hans Martin Barth pointiert die Thematik seines Buches: „Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Selbststeuerung, Selbstoptimierung – und christlicher Glaube, wie geht das zusammen?“ (S. 7). Bis zum Schluss verfolgt der Marburger Theologe die Frage, wie das „Segel“ (um mit einer seiner Lieblingsmetaphern zu sprechen) des menschlichen Ich dazu kommt, sich zu „entfalten“ und Fahrt ins Leben hinein aufzunehmen.</p>
<p>Ausgangspunkt allen geistlichen Wachstums ist die Selbsterkenntnis des Menschen, dass er an der „Sünde der Selbstentfremdung“ leidet (59ff). Hier zeigt sich der theologische Duktus H.M. Barths, für den wahre „Selbstverwirklichung“ nicht im Menschenwerk besteht, sondern in der „Selbstverwirklichung der Liebe Gottes“ im, mit und durch den „sündigen“ Menschen: „Gott will uns gelten lassen, ohne dass wir etwas oder uns selbst geltend machen. Dass Gott uns unsere Geltung zuspricht, bedeutet das Ende unserer eigenen Geltungsansprüche und den Anfang einer neuen Vertrautheit mit uns selbst und miteinander“ (S. 61).</p>
<p>Der Aufbau der Veröffentlichung folgt einer Systematik aus Bausteinen, die von anthropologischen und philosophisch-humanwissenschaftlichen Fragen (Konzeptionen der Selbstverwirklichung) über theologische Themen im engeren Sinne (Sünde und Selbst; Gott – Symbol und Inbegriff der Selbstverwirklichung) bis hin zu praktisch-anleitenden Hinweisen („Authentisch leben“) führt.</p>
<p>Barths Buch ist mehr als eine „erbauliche Schrift“, in der ein späträsonierender Dogmatiker, altersweise geworden, niveauvoll geistliche Lebenshilfe gibt. Es ist verständliche Theologie, allen kritisch Denkenden sehr empfohlen – ob sie sich (noch) in einer verfassten Kirche verorten oder darüber hinaus.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/barth-selbstfindung-glaube/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Michael Blume: Islam in der Krise</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/blume-islam-krise/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/blume-islam-krise/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:38:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Muslime]]></category>
		<category><![CDATA[Religionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2557</guid>

					<description><![CDATA[Blumes Buch wirft ein neues Licht auf den Islam. Der Autor will mit dem lesenswerten Band auch dazu beitragen, dass Christen und Muslime wieder ins Gespräch kommen. Blume ist Religions- und Politikwissenschaftler und steht als Leiter des Referats für Nichtchristliche Religionen und Minderheiten im Staatsministerium Baden-Württemberg mitten in der Praxis.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-2559 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Blume-191x300.jpg" alt="" width="191" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Blume-191x300.jpg 191w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Blume.jpg 381w" sizes="(max-width: 191px) 100vw, 191px" />Patmos Verlag, <sup>3</sup>2017, 192 S., 19,00 EUR (auch als E-Book)</strong></p>
<p>Es ist ein Buch, von dem man nicht mehr loskommt. Denn es sind viele persönliche Erlebnisse des Autors mit eingeflossen. Michael Blume macht in seinem Ende 2017 erschienen Buch „Islam in der Krise“ eine erstaunliche Feststellung. Er hebt einen Aspekt der Weltreligion hervor, der in den westlichen Gesellschaften durch den Eindruck von Terror und Gewalt bislang fast ganz überdeckt worden ist. Für Blume hat die Radikalisierung eine Gegenseite, wie im Untertitel des Bandes deutlich wird: „Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“.</p>
<p>Dieser Rückzug vollzieht sich schleichend. Blume beschreibt dies anschaulich. Er kann dabei auf viele persönliche Begegnungen und Gespräche zurückgreifen. Der Autor konstatiert, dass die Säkularisierung den Islam voll erfasst hat. Aber die meisten Muslime würden diesen Schritt nicht öffentlich machen, sondern sich nur wenigen Vertrauten offenbaren.</p>
<p>Radikalisierung und Gewalt bei einer Minderheit stehe eine eher laxe Glaubenspraxis bei einer Mehrheit gegenüber, so Blume. Dass daraus keine Reformbewegung wird, hat für ihn auch mit der gegenwärtigen Verfasstheit muslimischer Gesellschaften zu tun, wo von staatlicher Seite Verschwörungstheorien verbreitet werden, um den Status Quo zu sichern in Abgrenzung zur westlichen Kultur.</p>
<p>Blumes Buch wirft ein neues Licht auf den Islam. Der Autor will mit dem lesenswerten Band auch dazu beitragen, dass Christen und Muslime wieder ins Gespräch kommen. Blume ist Religions- und Politikwissenschaftler und steht als Leiter des Referats für Nichtchristliche Religionen und Minderheiten im Staatsministerium Baden-Württemberg mitten in der Praxis.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/blume-islam-krise/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Von Hüttenarbeitern und Glasbläsern</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/voelklingen-hugenotten/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/voelklingen-hugenotten/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:29:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Eisenwerk]]></category>
		<category><![CDATA[Hugenotten]]></category>
		<category><![CDATA[Völklingen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2554</guid>

					<description><![CDATA[Ottmar Hörl ist einer der populärsten zeitgenössischen deutschen Künstler. Zurzeit lenkt er die Aufmerksamkeit auf Völklingen, einen Ort, der wie kein anderer zum Symbol der Industriekultur geworden ist. Zugleich spiegelt sich hier ein Stück europäischer Religionsgeschichte wider.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ottmar Hörl ist einer der populärsten zeitgenössischen deutschen Künstler. Zurzeit lenkt er die Aufmerksamkeit auf Völklingen, einen Ort, der wie kein anderer zum Symbol der Industriekultur geworden ist. Zugleich spiegelt sich hier ein Stück europäischer Religionsgeschichte wider.</p></blockquote></div>
<p>Völklingen liegt im Südwesten des Saarlandes nahe der Grenze zu Frankreich. Dort ehrt der durch seine poppigen Kunststoff-Figuren bekannte Ottmar Hörl im Weltkulturerbe „Völklinger Hütte“ die ehemaligen Eisenwerker mit seinen dem Völklinger Hüttenarbeiter mit Helm und Arbeitskleidung nachgebildeten Figuren ab 1. Mai auf künstlerische Weise. Zugleich wird im Völklinger Ortsteil Ludweiler daran erinnert, dass hier nicht nur Bergbau und Stahlindustrie eine lange Tradition haben, sondern auch die Glasindustrie. Diese kam mit den aus Frankreich vertriebenen Hugenotten ins Saarland.</p>
<h2>Heimatmuseum und grenzübergreifender Wanderweg</h2>
<p>Diesen heute fast in Vergessenheit geratenen Teil der Industriegeschichte der Region lebendig zu erhalten, das hat sich der Heimatkundliche Verein Warndt zur Aufgabe gemacht, der das Glas- und Heimatmuseum Warndt in Ludweiler betreibt. Hier erhalten die Besucher auch Informationen über den Hugenottenweg. Ausgeschilderte Wanderwege von mehr als 200 Kilometer Länge führen durch die Waldgebiete rund um Völklingen. Dazu gehört auch der Warndt. Das besonders weitläufige Wander- und Waldgebiet erstreckt sich südwestlich von der Innenstadt Völklingens bis nach Frankreich.</p>
<p>Zur Erinnerung an die Vertreibung der französischen Calvinisten aus ihrer Heimat wurde ein grenzübergreifender Wanderweg eingerichtet. Dieser saarländisch-lothringische Kulturwanderweg hat eine Länge von 42 Kilometern. Ausgangspunkt auf deutscher Seite ist die Hugenottenkirche in Ludweiler. Ziel ist die Kaiserkirche im französischen Courcelles-Chaussey.</p>
<h2>Wie die Hugenotten nach Völklingen kamen</h2>
<p>Die Geschichte der Hugenotten in Völklingen geht zurück bis ins Jahr 1604. Diese wurden damals zur Vermehrung der Bevölkerung und zur Ankurbelung der Wirtschaft im Warndt angesiedelt. Dafür wurde auf dem Land des Völklinger Hofes durch den Saarbrücker Grafen Ludwig II. von Nassau-Weilburg der Ort Ludwigsweiler angelegt, aus dem das heutige Ludweiler hervorgegangen ist. Eine Urkunde besagt, dass der Graf zwölf Hugenotten, die wegen ihres calvinistischen Glaubens vor dem französischen König hatten flüchten müssen, erlaubte, an der „Rixfurth im Warneth“ ein Dorf zu gründen.</p>
<p>Dies ist ungewöhnlich, weil die Grafen von Nassau-Saarbrücken im Jahr 1575 die Reformation nach lutherischem Bekenntnis eingeführt hatten. Nach den Vorgaben des Augsburger Religionsfriedens (1555) hätten die Calvinisten nicht geduldet werden dürfen. Dennoch erhielten die Hugenotten in Ludweiler das Recht, eine eigene Pfarrei zu errichten. Die hugenottischen Einwanderer brachten das Glasbläserhandwerk mit und führten im Jahr 1616 die Glasindustrie an der Saar ein. Der Warndt bot dazu mit dem Vorkommen von Quarzsand, Holzkohle und Farnen zur Pottasche-Gewinnung günstige Voraussetzungen. Nach einigen Jahrzehnten verkürzte sich der Name Ludwigsweiler in Ludweiler. Insgesamt sind 23 Standorte von Glashütten im Warndt bekannt. Die erste saarländische Glashütte produzierte 1616 in Ludweiler.</p>
<h2>Das Eisenwerk – eine „Kathedrale der Arbeit“</h2>
<p>Bevor sich Wanderer aufmachen, um den Hugenottenweg zu erkunden, sollten sie einen Abstecher in die „Völklinger Hütte“ machen. Das 1873 gegründete Eisenwerk wurde 1994 von der UNESCO als erstes Industriedenkmal der Welt auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt. Die frühere „Kathedrale der Arbeit“ ist zudem ein zentraler Punkt auf der „Europäischen Route der Industriekultur“. Es handelt sich um das weltweit einzige erhaltene Eisenwerk aus der Blütezeit der Eisen- und Stahlindustrie, das 1986 stillgelegt und unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die ehemalige Roheisenproduktion mit einer Fläche von 600.000 Quadratmetern ist heute ein Themen- und Erlebnispark mit gigantischen Maschinen in der mehr als 6.000 Quadratmeter großen Gebläsehalle, sechs Hochöfen und einem weltweit einzigartigen Schrägaufzug.  Es gibt hier zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, die im Jahr von mehr als 200.000 Menschen besucht werden.</p>
<h2>Figurenschau und Garten-Paradies</h2>
<p>Für den Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte ist einer der Höhepunkte in diesem Jahr die Figurenschau von Ottmar Hörl. Dies bekräftigte Meinrad Maria Grewenig in Stuttgart, als er in einer Ausstellung mit Hörls malerischen Arbeiten einführte, die in der Galerie Abtart bis zum 15. Juni gezeigt werden. In Völklingen erinnert der Konzeptkünstler und Bildhauer an die Menschen, die hier mehr als ein Jahrhundert lang Schwerstarbeit leisteten.</p>
<p>Ein besonderer Ort ist das Paradies. Mit Unterstützung der Landschaftsarchitektin Catherine Gräfin Bernadotte von der Insel Mainau entstand auf dem völlig verwilderten Gelände zwischen Kokerei und Saarufer ein malerischer Garten. Der einzigartige Landschaftsgarten umfasst insgesamt 33.000 Quadratmeter.</p>
<p><a href="http://www.voelklingen.de"><em>www.voelklingen.de</em></a><em>; </em><a href="http://www.abtart.com"><em>www.abtart.com</em></a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/voelklingen-hugenotten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Claudius, Walter, Bach</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/musik-reformation-luther-bach/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/musik-reformation-luther-bach/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Geck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:17:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Gesangbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2546</guid>

					<description><![CDATA[Dem musikalischen Meister-Biografen Martin Geck – „einer der letzten Universalgelehrten der deutschen Musikwissenschaft“ – wird „beflügelter Protestantismus mit unverkennbarer Achtundsechziger-Einfärbung“ zugeschrieben. Ein Gespräch über moderne Lieder, das Claudius’sche „Der Mond ist aufgegangen“ und das Musik-Ereignis Reformation.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dem musikalischen Meister-Biografen Martin Geck – „einer der letzten Universalgelehrten der deutschen Musikwissenschaft“ – wird „beflügelter Protestantismus mit unverkennbarer Achtundsechziger-Einfärbung“ zugeschrieben. Ein Gespräch über moderne Lieder, das Claudius’sche „Der Mond ist aufgegangen“ und das Musik-Ereignis Reformation.</p></blockquote></div>
<p>Ab und zu genügt schon ein Titelverzeichnis, um die Bedeutung eines Lebenswerks zu demonstrieren. Beim Dortmunder Musikwissenschaftler Martin Geck liest sich das so: Von den über zwölf Musikerbiografien erschienen <em>Johann Sebastian Bach</em> in 11 Auflagen, <em>Ludwig van Beethoven</em> in 10, <em>Richard</em> <em>Wagner</em> in 4, <em>Bach-Söhne</em> in 3, <em>Mendelssohn Bartholdy</em> in 4 Auflagen. Für die viel beachteten Porträts, auch zu <em>Mozart</em>, <em>Schumann</em>, <em>Matthias</em> <em>Claudius</em> und <em>Brahms</em>, heimste er etliche Literaturpreise ein. Allein die Bach-Biografie erschien in über zehn Sprachen.</p>
<p>Insofern ließ es sich als Adelung und Ritterschlag verstehen, als der „eingefärbte“ „68er“ (Frankfurter Rundschau) mit <em>Luthers Lieder. Leuchttürme der Reformation </em>ein Buch zum Jubiläumsjahr veröffentlichte (Olms-Verlag, <sup>2</sup>2017) – wenn das denn noch nötig gewesen wäre. Aber nein, der protestantische Einfluss auf die Musikgeschichte ist ja unbestritten, die Kirchenmusik an erster Stelle.</p>
<h2>Geschenk des Glaubens</h2>
<p>Der Autor geht dem in elf Kapiteln nach. Er analysiert einzelne Lieder. Und gewährt Ausblicke hin zu Heinrich Schütz, J.S. Bach oder Felix Mendelssohn Bartholdy. Trotz überschaubaren Umfangs kann der Beitrag Gecks materialiter als einer der gewichtigsten im Lutherjahr bezeichnet werden, theologisch und musikhistorisch. Wie ja insgesamt zum Themenfeld <em>Musik und Reformation </em>2017 eine reiche Ernte einzufahren war.</p>
<p>Denn genauso wie  zu <em>Reformation und Kunst</em> (vgl. <em>evangelische aspekte</em> 4/2017) oder in den Debatten zu <em>Reformation und Kapitalismus</em> (<em>evangelische aspekte</em> 1/2018) neue Forschungsbeiträge und -kontroversen zu verzeichnen sind, kleine oder größere Aufbrüche, zeigte sich im Reformationsjahr die Vielseitigkeit evangelischer Musikkultur in ganzer Vitalität und Breite.</p>
<p>In der Universitätsstadt Tübingen etwa fanden wie seit Jahren so auch 2017 Motetten und Kantatengottesdienste konstant hohen Zuspruch, mit Bachs Werken nicht weniger als mit Pachelbel oder Johann Walter. Und zur Erschließung der Wirkungs- und Druckgeschichte von Luthers Liedern bescherte das Reformationsjahr z.B. eine neue wissenschaftliche Edition sämtlicher Lieder durch Jürgen Heidrich und Johannes Schilling (<em>Martin Luther. Die Lieder</em>. Reclam- u. Carus-Verlag 2017; ähnlich im Ortus-Verlag von Hans-Otto Korth; gut greifbar sind alle Texte auch in der neu aufgelegten populären Insel-Ausgabe <em>Martin Luther.</em> <em>Ausgewählte Schriften</em>. Bd. 5, 2017).</p>
<p>Als Alttestamentler und Bibelübersetzer setzt Luther auf die Kraft der Psalmen – erschafft auf diese Weise die Gattung des deutschen Psalmlieds (Ps 130, Ps 67, Ps 46&#8230;) und stiftet somit dem Protestantismus als fortdauerndes Erbe die altjüdischen Texte bleibend bis in die Mitte des evangelischen Gottesdienstes ein. Seine Wiederentdeckung des Glaubens als Geschenk, des getrosten Gottvertrauens und der Barmherzigkeit anstatt kasuistischer Gesetzlichkeit verpflanzt und gießt er so in eine auch für Laien verständliche und nachsingbare Sprache.</p>
<h2>Vertontes Gottvertrauen</h2>
<p>Auslöser für Luthers Liedschaffen war bekanntlich der frühe Märtyrertod zweier Lutheraner (Verbrennung 1523 in Brüssel). Nicht nur deshalb kreisen viele Lieder um Trost und Zuspruch, Hoffnung, (Todes-)Überwindung (Ostern). Gerade die Lieder zum Kirchenjahr handeln dabei ebenso von „Aufbruch“ oder „Kraft von oben“ (Pfingsten) wie von Trauer, Angefochtenheit und Leiden (Passion, Karfreitag).</p>
<p>Bei 37 Liedern wird heute Luther textlich oder als Komponist die Verfasserschaft zugeschrieben, wie „Verleih uns Frieden“, „Nun bitten wir den Heiligen Geist“, „Mitten wir im Leben sind“, „Es wolle Gott uns gnädig sein“. Mit den Lied-Themen ist zugleich ein Qualitätskriterium zur bis heute immer wiederkehrenden Frage gegeben, was ein gutes, rezeptionsfähiges Kirchenlied ausmacht: Musik und Text sollten schlicht der Sache angemessen sein – d.h. gehaltvoll und dem Inhalt würdig.</p>
<p>„Luthers Lieder sind Weltliteratur“ (Johannes Schilling), „wahre Kunstwerke“ (Patrice Veit). Entsprechend hat es auch 2017 an Aufführungen und Adaptionen nicht gefehlt. Als CD-Einspielung sind „Luthers Lieder“ sowie Vertonungen von Praetorius bis Bach erhältlich mit Texten von Joachim Gauck, Walter Steinmeier u.a.m.</p>
<p>Ob also zigtausende SängerInnen in Chorkonzerten und Oratorien, ob mit dem Vortrag von <em>Ein feste Burg ist unser Gott</em> um 15:17 Uhr am 31.10.2017 auf über 1517 Marktplätzen durch Blechbläser- und Posaunenchöre: Musikalisch aktiv, kreativ und produktiv sind Evangelen auch noch heute; bei zeitgenössischen Kindermusicals (z.B. durch Erhard Eppler), beim Engagement von Profimusikern wie Gunther Emmerlich oder Klaus Meine, bei Uraufführungen von Jörg Herchet oder von Michael Schütz auf dem Kirchentag in Potsdam.</p>
<p><strong> 1. Herr Professor Geck, „Musica ist ein göttliches Geschenk“, sagt Luther; in Lübeck eröffnete öffentliches Singen die kirchliche Erneuerung. Warum ist das gesungene Wort für die Reformation so bedeutsam?</strong></p>
<p>Man kann das gut an dem Luther-Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ zeigen. Das sangen im Jahr 1529 in Göttingen einige Wollenweber, die sich anlässlich der üblichen Prozession zum Bartholomäustag vor dem Haus des Wollenwebers Bock versammeln, um sich mit diesem Lied in die Prozession einzureihen – natürlich in protestierender Absicht.</p>
<p>Die meisten dieser Weber konnten sicherlich nicht lesen, deshalb werden auch kaum viel Einblick in die Schriften Luthers gehabt haben. Sie gehörten vielmehr zu einem eher verachteten Berufsstand, hatten schwer um ihr tägliches Brot zu kämpfen. Wenn diese Leute „Aus tiefer Not“ anstimmten, ging es ihnen vielleicht auch um Gewissensnot, zunächst aber um ihre leibliche Not. An wen sollten sie sich da wenden? Kirche und Obrigkeit halfen nicht; aber da gab es ja einen Doktor Martinus Luther, der seit einem Jahrzehnt von der Freiheit eines Christenmenschen predigte, jedoch von der Kirche in den Bann getan worden war. Vielleicht konnte der helfen, vielleicht predigte der jene Barmherzigkeit, an der es die etablierte Kirche fehlen ließ? Die Webergesellen hatten auf ihrer Wanderschaft da so einiges aufgeschnappt. Und sie hatten einige Luther-Lieder auswendig gelernt. Die sangen sie nun wie Protestlieder – selbst nicht wissend, was dabei herauskommen würde. Sie wollten sich nicht nur etwas vorpredigen lassen, sondern selbst aktiv werden; und dafür kam überhaupt nur das kollektiv gesungene Lied in Betracht.</p>
<p>Wenn man sagt, die Reformation sei ersungen worden, so gilt das weniger für zahmen gottesdienstlichen Gesang, denn der klappte anfänglich oft noch sehr schlecht. Es trifft vielmehr auf das Lied als öffentliches Fanal zu. Das konnte von Mund zu Mund gehen. Und die Melodie war wie ein Fluss, auf dem das Schiffchen des Textes schwimmen konnte – auch und gerade bei leseunkundigen Leuten.</p>
<p><strong>1.1 Was ist typisch für Luthers Lieder?</strong></p>
<p>Grob gesagt, lassen sich zwei Typen unterscheiden. Da sind zum einen die an der kirchlichen Tradition orientierten Lieder wie „Gelobet seist du, Jesu Christ“, die textlich wie musikalisch auf älteren Vorlagen beruhen; dazu zählen auch die zahlreichen Psalmlieder.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Luthers Lieder: über weite Strecken Psalmentheologie</p></blockquote></div>
<p>Und dann gibt es Lieder durchaus innovativen Charakters, in denen Luther gleichsam dem Volk aufs Maul schaut. So folgt „Ein neues Lied wir heben an“ dem Typus des öffentlich gesungenen Marktliedes, ähnlich auch „Ein feste Burg“, wenngleich dieses Lied zugleich ein Psalmlied ist. „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ ist dem Typus eines volkstümlichen Liebesliedes nachgebildet. „Vom Himmel hoch“ erinnert in seiner ersten Fassung nicht nur textlich, sondern auch musikalisch an ein „Kränzellied“, wie es die jungen Leute bei ihrem Zusammentreffen auf dem Dorfplatz sangen. Die spätere, heute bekannte Melodie zu „Vom Himmel hoch“ hat Luther offenbar aus eigenem Antrieb neu geschaffen: Womöglich war ihm gesagt worden, dass die ursprüngliche Weise zu sehr an den Brauch des Kränzelsingens erinnere. Das war ja in den Augen der Obrigkeit keineswegs nur harmlos, wurde vielmehr weidlich zum Flirten benutzt.</p>
<p><strong>1.2 Wie wichtig waren der Einfluss des Torgauer „Urkantor“ Johann Walter oder des Münchner Komponisten Ludwig Senfl?</strong></p>
<p>Mit Walter stand Luther in regem persönlichem Kontakt. Er nannte ihn seinen lieben Freund. Und er bekam von ihm sicherlich wichtige musikalische Anregungen, nicht zuletzt für die Gestaltung seiner „Deutschen Messe“. Zu Senfl gab es nur brieflichen Kontakt. Luther erbat sich von ihm eine Sterbemotette. Offensichtlich lag ihm daran, mit diesem zu seiner Zeit hochberühmten Komponisten auf Augenhöhe zu kommunizieren – natürlich in lateinischer Sprache.</p>
<p><strong> 2. Vom gregorianischen Gesang über Luthers Choral hin zu Heinrich Schütz, Bach oder Mendelssohns Reformationssinfonie: Was macht das „Sprachereignis Reformation“ auch zu einem Musikereignis?</strong></p>
<p>Psalm 116, Vers 10 lautet: „Ich glaube, darum rede ich“. So strikt wie dieser Satz ist oft Luthers Rede. Und davon hat sich vieles auf die evangelische Kirchenmusik übertragen. Es geht nun nicht länger nur um eine schöne, wohlklingende Vertonung biblischer Worte, obwohl dies einem Luther durchaus genügt hätte, wie man an seiner Liebe zur Musik von Josquin Desprez sehen kann. Die Komponistengenerationen nach Luther entwickeln vielmehr den Ehrgeiz, ihrerseits akzentuiert in Tönen zu ›predigen‹.</p>
<p>Das bedeutet etwa für Heinrich Schütz, die biblischen Worte gleichsam in eine musikalisch direkte Rede zu überführen. Wenn Schütz das Psalmwort „Ich liege und schlafe, und erwache, denn der Herr hält mich“ vertont, so wird dem Hörer auch musikalisch ganz aktuell vorgeführt, was da passiert: Anfänglich ruht die Musik in sich, dann wird die lebhaft, indem die Melodie gleichsam aufspringt; schließlich kommt das Ganze in ein ruhiges Gleichgewicht, „denn der Herr hält mich“.</p>
<p>Bach ist da weniger spontan, dafür tiefgründiger: Er ›bedenkt‹ den Wortsinn des biblischen Textes noch vielschichtiger: Die Chorpartie über die biblischen Worte „Es ist der alte Bund, Mensch, du musst sterben“ aus dem „Actus tragicus“ kommentieren die Instrumente nonverbal mit der Kirchenliedweise „Ich hab mein Sach’ Gott heimgestellt“. In vielen mehrchörigen Psalmen von Felix Mendelssohn Bartholdy dominiert der Gestus der Anbetung. Das ist dem Gesang der Engel im Himmel nachempfunden. Auch Luther hörte ja bei ihn bewegender Musik die Engel im Himmel singen. Das Wunderwerk der Polyphonie vergleicht er mit einem himmlischen Reigen.</p>
<p><strong>2.1 Richard Wagner meinte, dass „der Luther’sche Choral die Seele der Reformation gerettet habe vor dem Staub der Disputationen“. Dasselbe gelte im 18. Jahrhundert von Bach. Hat er recht?</strong></p>
<p>Wagner hatte für solche Zusammenhänge ein gutes Gespür. In seiner Zeit herrschte in der evangelischen Kirche der Rationalismus – ungeachtet der gleichzeitigen Erweckungsbewegungen. Es war aber auch die Zeit des Historismus. Da konnten sich fromme und zugleich gebildete Menschen gleich in zweierlei Hinsicht an dem bewährten Alten à la Luther oder Bach freuen: In beiden Fällen ging es um sprachlichen und musikalischen Ausdruck, der kernig war, ohne sich gegen die Gefühlsebene des Glaubens abzuschotten.</p>
<p><strong>2.2 Die Reformation bringt den Gemeindegesang, die Gattung des Psalmlieds und das illustrierte Gesangbuch hervor. Hat sie zuletzt auch den entscheidenden Beitrag zur „Karriere“ der fröhlichen <em>Dur</em>-Tonart in der Kirche und anderswo geleistet, oder wäre das übertrieben?</strong></p>
<p>Was dem Lied in der Dur-Tonart geschichtlich vorausging, war nicht das Lied in „Moll“. Vielmehr bewegten sich die Liedweisen vor Luther im Rahmen der Kirchentonarten. Diese aber kannten keinen Gegensatz zwischen „Dur – Moll“ gleich „fröhlich – traurig“ oder gar „männlich – weiblich“. Doch es stimmt schon: Luther hatte bereits eine Art „Dur-Gefühl“. Und je länger je mehr gewann dieses Dur-Gefühl in der evangelischen Kirche die Überhand. Und daran ist Luther gewiss nicht ganz unschuldig gewesen.</p>
<p><strong> 3. In die Reihe evangelischer Lieddichter gehört auch Matthias Claudius mit Liedzeilen wie „‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg &#8230; – und ich begehre nicht schuld daran zu sein“ oder mit dem Erntedanklied „Wir pflügen und wir streuen“ (EG 508). Ist auch Claudius als ein Spross lutherischer Liedkunst anzusehen?</strong></p>
<p>Sie sollten „Der Mond ist aufgegangen“ nicht vergessen. Dieses Lied hat Claudius dem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ von Paul Gerhard nachgedichtet. Man kann sicherlich eine Linie von Luther über Nikolaus Herman, Philipp Nicolai, Paul Gerhard und Gerhard Tersteegen hin zu Claudius ziehen. Dieser hat sich übrigens sehr dafür eingesetzt, dass die traditionellen Kirchenliedtexte nicht im Sinne des Rationalismus ›modernisiert‹ würden. Als das in seiner Landeskirche trotzdem geschah, mochte er im Gottesdienst nur noch ungern aus dem neuen Gesangbuch singen. Damit man von diesem Widerstand nichts mitbekam, setzte er sich lieber auf die Empore.</p>
<p><strong>3.1 Sie sprechen in Ihren Büchern als Angehöriger der 68er- und der Kriegsgeneration oft offen aus der Ich-Perspektive, von Rezensenten ab und an „bekrittelt“. Eine Wahlverwandtschaft zu Claudius, für den die Existenz „die erste aller Eigenschaften“ ist?</strong></p>
<p>Was ich über Musik, aber auch was ich über Luther schreibe, will ich persönlich ›ausfüllen‹ können. Übrigens spiele ich fast jeden Abend vor dem Schlafengehen am Klavier „Der Mond ist aufgegangen“. Und morgens, nicht ganz so oft, aber immer nach dem gleichen Ritual: „Die güldne Sonne“, „Gott ist gegenwärtig“ und „Lobe den Herren“. Darunter ist also ausgerechnet kein Lutherlied. Doch das liegt vor allem daran, dass sich meine Frau in der Liedauswahl wiederfinden soll. Die stammt aus einem katholischen Elternhaus und hat jetzt Kontakt auch zu freikirchlichen Kreisen.</p>
<p><strong>3.2 Auch Luther getraut sich im Lied „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ freimütig in der Ich-Form zu singen.</strong></p>
<p>Ja, das ist im damaligen ›öffentlichen‹ Kirchenlied ganz neu. Zuvor findet man es freilich schon in Dichtungen und Liedern, die der Mystik nahestehen. Luther erweist sich – gerade in „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ – als genuiner Mystiker: „&#8230; denn ich bin dein, und du bist mein &#8230;“ heißt es in der 7. Strophe. Das ist typische Jesus-Minne.</p>
<p><strong>3.3 In einer Mischung aus rationaler Skepsis und feinsinnigem Schabernack hat sich Matthias Claudius (1740-1815) manchen Spaß auf seine „aufgeklärte“ Zeit erlaubt und wollte doch als Dichter und „Wandsbeker Bote“ zu allgemeiner Bildung und Besserung beitragen. In dieser Haltung ein Vorbild für – zuweilen ebenfalls – heitere und aufmunternde (Kirchen-)Musik?</strong></p>
<p>Ein weites Feld&#8230; Wer hätte etwas gegen aufmunternde Musik im Gottesdienst? Was sie in diesem Sinne wählen, müssen die Gemeinden nach ihren Möglichkeiten vor Ort entscheiden. Für mich wäre es freilich ein Verlust, wenn etwa Luthers Lieder dabei unter den Tisch fielen. Andererseits bringt es nichts, wenn sie kaum einer mehr kennt und deshalb auch nicht mitsingen kann. Mein Vorschlag: Man könnte Luthers Lieder im strophischen Wechsel mit ›neuen‹ Liedern singen. Der Kantor oder eine Sängergruppe singen die 1. Strophe „Nun freut euch lieben Christen g’mein“; und die ‘junge’ Gemeinde antwortet mit dem ‘Refrain’ „Mercy is falling“ usw.</p>
<p><em>Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg.</em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/musik-reformation-luther-bach/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Raus aus der Opferrolle</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/raus-aus-der-opferrolle/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/raus-aus-der-opferrolle/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Tim Jochen Kahlen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:09:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Güte]]></category>
		<category><![CDATA[Mobbing]]></category>
		<category><![CDATA[Treue]]></category>
		<category><![CDATA[Vertrauen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2540</guid>

					<description><![CDATA[Gott sende seine Güte und Treue. (Psalm 57,4)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gott sende seine Güte und Treue. (Psalm 57,4)</p></blockquote></div>
<p>„Verzehrende Flammen sind die Menschen, ihre Zähne sind Spieße und Pfeile, ihre Zungen schar­fe Schwerter.“ Bedrohlich und beängstigend zeichnet der Psalmbeter den Menschen nur einen Vers weiter. Wer in solchen Bildern betet, hat den sozialen Tod vor Augen, viel­leicht mitten im Leben.</p>
<p>Es herrschen gnadenlose Zeiten. Der kleinste Ausrutscher kann mich Kopf und Kragen kosten. Welt-Öffentlichkeit, im Bruchteil der Sekunde hergestellt, prangert mich an. Ob zu Recht oder nicht, ob maßvoll, was spielt das noch für eine Rolle? Es genügt mein Bild im Netz, ein Zitat – aus dem Zusammen­hang gerissen, ein misslungenes Stück Arbeit und Kritik daran. Plötzlich kippt mein Bild in den Augen der Anderen. Schon ist alle Sicherheit dahin, die Lebensstatik aus dem Gleichgewicht, der letzte Freund gegangen. Ich bin allein. Und ihre Selbstgerechtigkeit will über meinen Werdegang regieren.</p>
<p>Nein! Mein Gott überlässt ihren Spielregeln nicht die Straße!</p>
<p>Der Beter des 57. Psalms trägt ein mächtiges Bild von Ordnung in sich. Dem vertraut er sich an, weil es sich gegen allen Anschein durchsetzen soll: „Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Ehre über alle Welt.“ Hier ringen Weltbilder um die Deutungshoheit zwischen dem Betenden und seinen Gegnern, mehr noch in ihm selbst. Wer hat die Macht?</p>
<p>Komplexe Bilder beschreiben, wie Gott handelt: Als ein schützender Vogel bietet er unter dem Schatten seiner Schwingen Überlebensraum (V. 2), lässt die Grubengräber sich selbst in die Falle gehen (V. 7), führt „zum guten Ende“ (V.3). Und er sen­de seine Boten, „Güte und Treue“ (V. 4).</p>
<p>Seine Güte und Treue – Gott verschickt sie nicht als Ware. Sie sind seine Ei­genschaften (Ps. 86,15) und Inhalt seiner Gerechtigkeit (Tob. 3,2). Güte und Treue sind die Basis seiner Bindung an den Menschen. Gottes Treue überspringt sogar die Konsequenzen, die sich sein Volk in Untreue einhandelt, damit Gnade statt Vergeltung walten darf. In seiner Güte und Treue sendet Gott sich letztlich selbst. Und wie? Offensichtlich verändern Gottes Güte und Treue nicht sofort die Gegner. Kein Wort darüber. Verändern sie den Betenden? So scheint es: „Mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe. Wach auf, meine Ehre, wach auf Psalter und Harfe, ich will das Morgenrot wecken!“</p>
<p>Auch eine Form von existenzieller Umkehr: raus aus der Opferrolle. Dort, wo mir Gott in seiner Güte und Treue naht, werde zu allererst ich selbst verwandelt. Güte und Treue nehmen mir das Gefühl allein zu sein, stärken mir das Rückgrat und öffnen den Horizont wie ein bereite­ter „Tisch im Angesicht meiner Feinde“.</p>
<p>Es herrschen doch nicht gnadenlose Zeiten. Ich kann die Rüstung ablegen. Aus dem Notschrei wird ein Dank- und Freudenlied: „Denn deine Güte reicht, soweit der Himmel ist.“ Wer in solchen Bildern betet, hat das Leben vor Augen und verwandelt am Ende auch die Anderen.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/raus-aus-der-opferrolle/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Reise ins „Reich des Bösen“</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/reise-reportage-iran/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/reise-reportage-iran/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:01:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2537</guid>

					<description><![CDATA[Soll ich es wagen? Oder lieber nicht? Besorgte Freunde und Angehörige raten mir dringend davon ab. Ich mache es trotzdem: Eine Reise ins „Reich des Bösen“, wie ein ehemaliger US-Präsident den Iran bezeichnete. Wie böse ist das Land? Und finde ich dort den „Zauber des Orients“?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Soll ich es wagen? Oder lieber nicht? Besorgte Freunde und Angehörige raten mir dringend davon ab. Ich mache es trotzdem: Eine Reise ins „Reich des Bösen“, wie ein ehemaliger US-Präsident den Iran bezeichnete. Wie böse ist das Land? Und finde ich dort den „Zauber des Orients“?</p></blockquote></div>
<p>Als ich durch Shiraz spaziere, komme ich in Weihnachtsstimmung. Überall schmücken Lichterketten die Straßen, in Holzbuden bieten Männer Tee und Kekse an – kostenlos. Ich gucke mir das an und schon bekomme ich beides und dazu ein herzliches „Welcome in Shiraz!&#8221; Die schiitischen Muslime feiern Muharram, ihr größtes Fest. Sie ehren Hussein, einen Märtyrer. Das Gebäck schmeckt mir nicht mehr, als die Feiernden einer Ziege die Kehle durchschneiden und ihr Blut sich über den Asphalt ergießt. Jeder bekommt ein Stück Ziege für zu Hause. „Bei euch wird gesagt, wir seien ein Terroristenland. Das stimmt nicht. Guck dich um!“, werde ich aufgefordert.</p>
<h2>Freundliches Willkommen und höflicher Rausschmiss</h2>
<p>Der Schah-Cherag-Schrein ist auch einem Märtyrer gewidmet, „König des Lichts“ wird er genannt. Meine Frage, ob ich die Begräbnisstätte betreten dürfe, wird mit einer Gegenfrage beantwortet: „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, sehr gutes Land! Wirtschaftlich stark und sehr ordentliche Menschen.“ Drinnen blendet mich die Helligkeit. Die Wände und die Decke bestehen aus lauter Spiegeln – das Licht der großen Leuchter wird von den Spiegeln zurückgeworfen und verhundertfacht. Ein Foto will ich wagen. Vom Männerbereich, vom Frauenbereich, der durch einen niedrigen Wall getrennt ist, und von den Spiegeln.</p>
<p>Auf einmal Aufregung unter den männlichen Besuchern. Ein Offizieller mit grüner Schärpe kommt auf mich zu und weist mich streng zurecht, weil ich Frauen fotografiert hätte, was verboten sei. Ich sollte draußen weiter fotografieren. Ein höflicher Rausschmiss. Er will meine Fotos sehen. Ich zeige sie ihm, wische aber auf dem Display so schnell das beanstandete Foto beiseite, dass er es nicht sieht. Die anderen sind harmlos. Er ist irritiert und meint, als ob ihm der Aufstand drinnen leid tut, ich könne ja ihn fotografieren – und bringt sich mannhaft in Pose. „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, sehr gutes Land! Merkel ist die mächtigste Führerin der Welt. Merk dir das: nicht die Frauen!“</p>
<h2>Literarischer Zauber des Orients</h2>
<p>Shiraz ist berühmt für seine Gärten mit Wasserlandschaften. Und für seinen berühmtesten Sohn, den Dichter Hafez. In seinem Mausoleum erfahre ich: Die Werke von Hafez aus dem 14. Jahrhundert zu lesen, ist genauso gut, wie den Koran zu lesen. Ich bekomme Zweifel an der religiösen Ernsthaftigkeit der iranischen Muslime. So etwas hatte ich in einem arabischen Land noch nie gehört.</p>
<p>Im Park rezitiert ein iranischer Reiseleiter seiner ausländischen Gruppe Liebesgedichte. Und wie! Mit Sinn für Betonung und Klang der Worte. Mit Leidenschaft. In vielen iranischen Familien habe das Rezitieren von Gedichten eine hohe Bedeutung, erklärt er. Wo ist diese Kultur in Deutschland nur geblieben? Wir hatten sie doch mal – zu Goethes Zeiten. Der deutsche Dichter begeisterte sich für Hafez und widmete ihm sogar seine Gedichtsammlung <em>West-östlicher Divan</em>. „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, dichtete der Meister aus Weimar, der Partnerstadt von Shiraz. Als ich die Gedichte von Hafez fast singen höre, verspüre ich den Zauber des Orients.</p>
<h2>Irgendwelche Regeln gibt es doch</h2>
<p>Der Zauber verfliegt schnell wieder – in plötzlicher Lebensgefahr. Wie kommt man über eine Straße mit zwei mal drei Spuren im ununterbrochenen Strömen der Autos und Motorräder? Es tut sich keine Lücke auf, eine Ampel sehe ich weit und breit nicht. Sie fahren enthemmt wie unter Drogen, Fahrspuren sind nur Dekoration. Ich riskiere es nicht, zu gefährlich. Die einzige Chance: Ich schließe mich einer Gruppe von Einheimischen an. Im Slalom durch die fahrenden Autos schaffen wir es bis zum schmalen Mittelstreifen, kurz durchatmen und das Gleiche bis auf die andere Seite.</p>
<p>Der Stadt-Verkehr in diesem Land ist die Hölle. Ein Verkehrspolizist hält einen Taxifahrer an, der will auf und davon in den dichten Verkehr, gleich sind vier Polizisten da und hauen mit Knüppeln aufs Autodach, einer tritt eine Beule in die Seitentür. Es gibt also doch irgendwelche Verkehrsregeln. Eine Traube von dreißig Männern bildet sich, sie umstellen das Taxi, jeder hat was zu sagen. Ich entferne mich und beobachte die Sache aus sicherer Entfernung. Sie sind nicht aggressiv, eher neugierig und engagiert. Bald löst sich der Haufen auf und alle setzen schwatzend ihren Weg fort.</p>
<h2>„Hitler hätte uns geholfen“</h2>
<p>Nach fünf Stunden Busfahrt erreiche ich Isfahan. Tiefbrunnen liefern Wasser, überall grünt und blüht es. Auch hier komme ich mir vor wie ein Star: Immerzu werde ich angesprochen, werde gegrüßt, will man mir Gutes tun. Weil es von meiner Sorte nur so wenige gibt – der Tourismus läuft nach dem Ende der Sanktionen erst langsam an – stelle ich etwas Besonderes dar.</p>
<figure id="attachment_2586" aria-describedby="caption-attachment-2586" style="width: 227px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2586 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S29_Militärausstellung-237x300.jpg" alt="" width="237" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S29_Militärausstellung-237x300.jpg 237w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S29_Militärausstellung.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px" /><figcaption id="caption-attachment-2586" class="wp-caption-text">Militärausstellung in Teheran (auf dem Bild Revolutionsführer Ayatollah Chamenei)</figcaption></figure>
<p>Abends bummle ich über die Chadschu-Brücke, dem Wahrzeichen der Stadt, und schon muss ich wieder für ein Selfie mit einer Gruppe Jugendlicher herhalten. „Magst du Hitler?“, werde ich schon wieder gefragt. „Nein!“ – „Warum nicht? Er war doch ein starker Führer, er liebte die Arier und wir Iraner und ihr Deutschen seid Arier, wir sind Brüder.“ Die Arier sollen ein Eroberervolk, ein „Herrenvolk“ gewesen sein, das vor Jahrtausenden in der Region des heutigen Iran und Indiens andere Völker zu Sklaven machte. Aus seiner Sprache entstand die indogermanische Sprachfamilie, der auch das Deutsche angehört. Ich reagiere und sage: „Hitler war ein grauenhafter Führer, der fünf Millionen unschuldige Juden umbringen ließ.“ Ich bemerke, dass sie davon nichts wissen. Warum mögt ihr ihn: „Wir hassen die Araber. Die haben uns immer wieder angegriffen. Er hätte uns geholfen.“</p>
<p>Die sunnitischen Araber fielen vor 1.400 Jahren ins sassanidische Persien ein, töteten Hussein, den Sohn des Kalifen Alis, des ersten Schiiten; oder in heutiger Zeit griff der Nachbar Irak nach dem iranischen Öl, ein achtjähriger Krieg forderte Millionen Tote – kein Land der Welt, keine Institution wie die Vereinten Nationen stand den Iranern bei. Das ist ihr Trauma: Übermächtigen Feinden ausgeliefert zu sein – und ganz auf sich allein gestellt.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das iranische Trauma: Übermächtigen Feinden ausgeliefert zu sein.</p></blockquote></div>
<p>Im Basar am Imamplatz sehe ich Hitlers Buch <em>Mein Kampf</em> – und es entsteht ein ähnliches Gespräch mit dem Buchhändler. Einen schöneren Park kann ich mir kaum vorstellen. In der Mitte sprüht eine Wasserfontäne, um den Park klappern Kutschen herum, begrenzt ist die Grünfläche durch die Arkadengänge des Basars, überall lagern Familien und Freundesgruppen auf dem Rasen.</p>
<h2>Freiheit ja, aber eine regulierte</h2>
<p>Hoch in den Himmel ragen die beiden Minarette der Imammoschee mit den Bildnissen von Staatsgründer Ayatollah Khomeini und dem heutigen Revolutionsführer Ayatollah Khamenei. Khomeini sprach von „unseren Juden“ und meinte diejenigen, die seit Jahrhunderten im Iran lebten. Sie genießen den Schutz des Staates.</p>
<figure id="attachment_2587" aria-describedby="caption-attachment-2587" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2587 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S30_Mullah-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S30_Mullah-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S30_Mullah.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /><figcaption id="caption-attachment-2587" class="wp-caption-text">&#8220;Willkommen, Herr Kollege&#8230;&#8221;</figcaption></figure>
<p>In der Moschee steht ein Religionsgelehrter zum Gespräch für jedermann bereit. Ich stelle mich vor: Ich sei sozusagen ein christlicher Mullah. Er grüßt mich: „Willkommen, Herr Kollege!“ Nach dem Austausch von Nettigkeiten, komme ich zum Punkt: Ich hätte in Bremen einen Iraner getauft, der enttäuscht sein Land verlassen habe. Er sagte mir, viele im Volk wollten keine Herrschaft der Ayatollahs und Mullahs und keine Verpflichtung zur Religion, keinen Kopftuchzwang  – sie wollten Freiheit wie im Westen. In Europa hätten wir die Erfahrung gemacht, dass Freiheit der Motor von Fortschritt und Wohlstand sei. Er hat dazu eine Meinung: Freiheit, ja, aber eine regulierte: „Sieh dir an, was in den Nachbarländern geschieht: Krieg, Bürgerkrieg, Extremismus, Chaos. Davor müssen wir unser Land schützen.“ Sicherheit sei das oberste Gebot. „Der Iran ist sicher und politisch stabil – „erzähle das in Deutschland!“</p>
<p>Werde ich tun. Mir fallen die Frauen im Park auf. Sie tragen alle entweder Tschador – den schwarzen Ganz-Körper-Schleier – oder Kopftuch. Aber wie das Kopftuch? So, dass das Haar weitgehend frei liegt. Das habe ich in arabischen Ländern nie gesehen. Dazu sind viele aufreizend geschminkt und tragen enge, flotte Kleidung. Eigentlich ist solche Aufmachung im Islam „haram“, streng verboten, aber die Religionspolizei schreitet nicht ein. Eine Frau spricht mich an: Wie viele Kinder ich habe, will sie wissen. Eins, sage ich. Da lacht sie. Auch das ist ungewöhnlich: Eine muslimische Frau spricht einen fremden Mann an – ihr Gatte steht etwas entfernt und guckt zu.</p>
<h2>„Down with USA“</h2>
<p>In Teheran fällt mir an einer Hauswand ein Schriftzug ins Auge: „Down with USA“ (Nieder mit den USA). Ich hole meinen Fotoapparat aus der Tasche, ein junger Mann spricht mich an: Das ist nicht die Meinung der Mehrheit des Volkes, das kommt von oben. Der Staat schürt Hass – der junge Iraner will mich davon abhalten, falsche Schlüsse zu ziehen. Ich frage ihn, ob er in den USA studieren wolle. Viele junge Iraner tun das, er wolle das auch, die Universitäten dort seien die besten.</p>
<figure id="attachment_2585" aria-describedby="caption-attachment-2585" style="width: 290px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2585 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S31_US-Botschaft-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S31_US-Botschaft-300x225.jpg 300w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S31_US-Botschaft.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-2585" class="wp-caption-text">Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran, heute ein Museum</figcaption></figure>
<p>Mein Ziel ist die ehemalige US-Botschaft, heute ein Museum. Wie komme ich hin? Der künftige Student geht mit mir zur Metro, kauft mir ein Ticket und begleitet mich bis zum Ziel. Zu sehen ist eine Skulptur, wie iranische Studenten 1979 nach der islamischen Revolution die Botschaft stürmten und die Mitarbeiter als Geiseln nahmen. Sie stellten die Forderung, der ehemalige Herrscher Mohammad Reza Schah Pahlavi solle von den USA ausgeliefert werden, um im Iran wegen vieler Verbrechen vor Gericht gestellt zu werden. 444 Tage dauerte die Gefangennahme – die größte Demütigung der Amerikaner.</p>
<p>Eine junge Frau im Tschador, Studentin und Ehrenamtliche im Museum, spricht perfektes Englisch. Sie erklärt mir: Wir haben nichts gegen das amerikanische Volk, aber wir verachten die Kriege der USA. Sie wollen Macht über den ganzen Mittleren Osten. Warum meinen sie, <em>wir </em>seien böse? Wir haben kein Land angegriffen.</p>
<h2>Entspannung in der Wasserpfeifenbar</h2>
<p>Nach so viel Politik, brauche ich Entspannung. In einer Wasserpfeifenbar. Als ich rein komme, schrecken die Raucher auf – ein Außerirdischer! Sie beobachten mich: wie ich „double apple“ bestelle, ein Mundstück aufsetze, kräftig anrauche bis der Glaskrug mit Dampf gefüllt ist – und wie ich dann den dicken Qualm genüsslich mit dicken Backen ausstoße. Prüfung bestanden.</p>
<p>Aus dem Orient stammt das Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Dieser stille, von Qualm eingehüllte Raum, der auf Dekoration verzichten kann, nimmt mich gleich ein. Er überträgt auf mich seine Ruhe, seine Distanz zu allem Trubel der Stadt, zur Politik – im Augenblick ist das alles weit weg. Da ist er wieder – der Zauber.</p>
<h2>Bei der evangelischen Gemeinde in Teheran</h2>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dem Bösen begegne ich einfach nicht – wo steckt es bloß?</p></blockquote></div>Mein Bauch ist dick und rund geworden – der Chef ließ mir unablässig Tee bringen. Für Tee und Shisha habe ich 50.000 Riyal (Euro 1,30) bezahlt. Dem Bösen begegne ich einfach nicht – wo steckt es? In der deutschen evangelischen Kirchengemeinde in Teheran sicher auch nicht. Die Gemeinde beschäftigt sich mit Martin Luther – der Reformator weckt bei den Deutschen in der Fremde Heimatgefühle.</p>
<p>Auf meinem Weg zum Hotel komme ich wieder an der „weihnachtlichen“ Holzbude vorbei. Es gibt Tee und Kekse, wir kennen uns mittlerweile. Meine neuen Bekannten kündigen mir ein besonderes Ereignis an: Heute wird ein Kamel geschlachtet. Ich trinke schnell aus und finde einen Grund, mich zu verabschieden.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/reise-reportage-iran/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„… denn du hast es getan“</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/theodizee-frage-nach-gott/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/theodizee-frage-nach-gott/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiner Süselbeck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 08:53:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Böses]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit Gottes]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Leid]]></category>
		<category><![CDATA[Theodizee]]></category>
		<category><![CDATA[Theodizeefrage]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2532</guid>

					<description><![CDATA[„…denn du hast es getan“ – der Beter in Psalm 39 sieht in Gott selbst den Verursacher seiner Not. Die damit aufgeworfene Frage nach Gottes (Mit-)Verantwortung für das Böse durchzieht die Bibel ebenso wie die Geschichte der Theologie. Ein Plädoyer gegen die „Lügen der Tröster“ (Henning Luther).]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Karl-Adolf Bauer zum 80. Geburtstag</em></p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„…denn du hast es getan“ – der Beter in Psalm 39 sieht in Gott selbst den Verursacher seiner Not. Die damit aufgeworfene Frage nach Gottes (Mit-)Verantwortung für das Böse durchzieht die Bibel ebenso wie die Geschichte der Theologie. Ein Plädoyer gegen die „Lügen der Tröster“ (Henning Luther).</p></blockquote></div>
<p>Es gibt „Pop-Gestalten“ in der Bibel. Drei junge Frauen, die sich exquisit stylten. Ihr Vater schenkte ihnen, was dazu nötig war. Sie hatten ausgesorgt. Sie bewegten sich gekonnt, benutzten Top-Parfums und sahen gut aus. Ihre Namen sind Jemima, Kezia, und Keren Happuch. Auf Deutsch: Turtel-Taube, Zimt-Blüte und Schmink-Täschchen (Hiob 42,14). Sie sind die drei Töchter, die Hiob neu bekam. Zuvor hatte er seine ersten Töchter und Söhne durch Mord und Totschlag verloren. Das schöne Leben von Turtel-Taube, Zimt-Blüte und Schmink-Täschchen ist das Happy-End des Buches Hiob.</p>
<h2>Theologie der Wildnis</h2>
<p>Seine ersten Kinder musste Hiob verlieren. Dann begann sein körperliches Leid. Dessen Qualen und der Tod seiner frühen Kinder werden in den letzten Kapiteln des Buches Hiob mit einer „Theologie der Wildnis“ kommentiert: Menschliche Schicksale sind demnach Teil einer Welt, in der es ebenso irre wie böse zugeht, wobei „des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht“ (Schalom Ben Chorin). Das Buch Hiob empfiehlt seinen Leserinnen diese abgeklärte Weisheit Israels, indem es an grausige Momente im Leben der Natur erinnert: Niemand kann dem Krokodil (in Hiob 40,25ff „Leviathan“) etwas anhaben – gepanzert und reglos wie ein Baum liegt es im Fluss, bis es zuschnappt und junge Antilopen zerreißt. Nilpferde und Nashörner – einmal in Fahrt – zertrampeln, was ihnen in die Quere kommt (vgl. den „Behemoth“ in Hiob 40,15ff). Die Straußenmutter verliert in der Steppe ihre Eier beim Laufen; die Küken bleiben sich selbst überlassen, nur einige kommen durch (vgl. Hiob 39,13-18 und Hiob 40f.). Es ist nicht zu fassen, dass in einer „funktionierenden“ Schöpfung „Gutes“ und „Böses“ so abrupt nebeneinander stehen.</p>
<h2>Trost und Trotz angesichts nicht aufgehender Rechnungen</h2>
<p>Erst gibt es Kinder, die bei einer Familienfeier ermordet werden, – dann kommen Turtel-Taube, Zimt-Blüte und Schmink-Täschchen! Solche Lektüre ernüchtert. Und das ist gut so. Hysterie ist für den, der Böses hinter sich lassen muss, fehl am Platz. Hiob legt die Hand auf seinen Mund angesichts dieser Erkenntnis. Die Rechnung geht nicht auf, versucht man unschuldigem Leid gerecht zu werden.</p>
<p>Die Weisheit Israels findet ihren Trost in der „heiteren Zuwendung Gottes zu einer Welt, die allen Maßstäben einer menschlichen Rationalität … spottet“ (Gerhard von Rad). Aber diese Weisheit versagt, wenn sie die Fragen und Klagen unschuldiger Opfer dem Vergessen anheimgibt. Die Psalmen, die Propheten und die Botschaft vom Kreuz Christi haben ihnen in der Bibel ihre Stimme verliehen. Nelly Sachs hat darum die Literaturgeschichte der biblischen Bücher eine „Landschaft aus Schreien“ genannt. Diese „Schreie“ stehen mit ihrer Verzweiflung, aber auch mit ihrer Hoffnung an der Seite derer, die unter Bösem leiden. Sie sollen und können nicht vergessen werden.</p>
<h2>Die Wirklichkeit des Bösen</h2>
<p><em>Ein kleiner Junge im Alter von vier bis fünf Jahren sprang vom LKW herunter. Er hatte einen Apfel in der Hand. Woher die Kinder kamen weiß ich nicht. In der Tür stand Boger. Das Kind stand neben dem LKW mit dem Apfel. Boger ging zu dem Kind hin, packte es an den Füßen und warf es mit dem Kopf an die Wand. Den Apfel steckte er ein. Eine Stunde später kam Boger und rief mich zum Dolmetschen. Dabei aß er den Apfel. Das Ganze habe ich mit eigenen Augen gesehen. Das Kind war tot.</em> (Dounia Zlater Wassersrom am 23.4.1964 als Zeugin im Frankfurter Auschwitz-Prozess).</p>
<p>Böses findet sich nicht nur in einem derart abscheulichen Verhalten. Das Böse bleibt auch dem Alltag von Herrn oder Frau Biedermann auf der Spur. Die Wirklichkeit des Bösen lässt sich im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen mit Karl Kardinal Lehmann „das Drama der Freiheit“ nennen („Die Frage nach dem Ursprung des Bösen“. In: Dalferth/Lehmann/Kermani: <em>Das Böse. Drei Annäherungen.</em> Freiburg 2011, S. 57). Als ethisch-moralische Größe ist es demnach „voll gegeben, wenn es der freien Verantwortung entspringt und also schuldhaft ist“. In dieser Sicht existiert das Böse, „wo Freiheit und damit Zurechnung und Verantwortung wirksam sind“.</p>
<p>Ähnlich hat Immanuel Kant das „radical Böse“ verstanden und definiert: Im April 1792 publizierte er in der <em>Berlinischen Wochenschrift </em>den Aufsatz „Über das radical Böse in der menschlichen Natur“. Der Hang zum Bösen ist hier der „subjektive […] Grund […] der Möglichkeit einer Abweichung der Maximen vom moralischen Gesetze“ und muss als ein „Actus der Freiheit“ verstanden werden, der „dem moralischen Vermögen der Willkür ankleben [muss]“, sonst ließe sich das Verhalten nämlich gar nicht moralisch bewerten. „Dieses Böse ist radical, weil es den Grund aller Maximen verdirbt; zugleich auch als natürlicher Hang durch menschliche Kräfte nicht zu vertilgen ist, weil dieses nur durch gute Maximen geschehen könnte“. Böse Handlungen sind nach Kant individuell verschuldet und müssen trotz des allgemeinen Hangs individuell verantwortet werden.</p>
<h2>Mit gutem Willen ist es nicht getan</h2>
<p>Die Reformation fasst den Begriff des Bösen weiter. Im Großen Katechismus z.B. bezeichnet Martin Luther bei der Auslegung der Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ das Böse als das, „was widerfahren mag unter des Teufels Reich: Armut, Schande, Tod, kurz aller unseliger Jammer und Herzleid, so auf Erden unzählig viel ist“. Hier lässt sich ein Unterschied zwischen optimistisch gestimmtem Humanismus und reformatorischer Weltsicht erkennen. Ist das Böse dort mehr ein „Drama der Freiheit“ auf dem Gebiet moralischer Entscheidungen, so klingt bei Luther auch das natürliche Verhängnis des Bösen mit an: Trotz aller guten Gaben aus der Hand des Schöpfers durchzieht das Böse die Erde mit ihren Katastrophen. Die Logik der Bitte im Vaterunser: „Erlöse uns von dem Bösen“ beinhaltet die Erkenntnis: Mit gutem Willen ist es nicht getan, möchte man dem Bösen widerstehen.</p>
<h2>Luthers Bekenntnis: Nichts geschieht, was Gott nicht zulässt</h2>
<p>Und mehr noch: Für Luther ist es letztlich Gott selbst, der kraft seiner allmächtigen Vorsehung für Böses und Unglauben unter den Menschen Mit-Verantwortung trägt: „Wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann er in seinem Vorherwissen und in seiner Vorherbestimmung weder getäuscht noch gehindert werden, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es selbst nicht will“ („Vom unfreien Willen“, 1525).</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Entstehung des Bösen ist nach Luther unerklärbar.</p></blockquote></div>
<p>Angesichts dieser Mit-Verantwortung Gottes für das Böse bedeutet Glaube nach Luther, „an Gott gegen Gott“ festzuhalten. Es bleibt jedoch die Frage: „Warum ändert Gott nicht die bösen Willen, die er bewegt… Warum hat er es zugelassen, dass Adam fiel?“ Martin Luther gibt darauf eine Nicht- Antwort: Die Entstehung des Bösen ist unerklärbar. Sie gehört zu den Geheimnissen der göttlichen Majestät, deren Entscheidungen unbegreiflich sind. Es ist nicht unsere Aufgabe, dazu mehr wissen zu wollen.</p>
<h2>„Das Leben ist nicht fair!“</h2>
<p>„Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun, denn du hast es getan“ – mit diesen Worten macht auch der Beter in Psalm 39 Gott direkt für seine Not verantwortlich. Er nimmt sich zunächst vor, sein Leid still in sich zu „fressen“ (Ps 39,3), doch am Ende bricht es doch aus ihm heraus: „Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen“ (Ps 39,13).</p>
<p>Ebenso steht für die Propheten Israels der Schöpfer im Kampf gegen das Böse in höchster Verantwortung. An ihn richtet sich die Sehnsucht jenseits aller menschlichen Moral nach Frieden in der Natur. „Das Leben ist nicht fair“, sagen Menschen im Geist dieser Klage. Dahinter steckt die Erfahrung: Auch wenn man sie erklären kann, gibt es Risse und Sprünge in Umwelt und Natur, die „böse“ sind.</p>
<p>Für Kirche und Gemeinden gewinnt vor diesem Hintergrund das „Vater unser“ mit seiner Bitte zu Gott „Dein Reich komme“ seine alte und fast vergessene Dynamik. Das Vaterunser ist ein Bitt-Psalm, dessen Zeilen der poetischen Regel des Parallelismus Membrorum folgen, um dann am Schluss Gott selbst auf dessen Verantwortung für das Geschick seiner Schöpfung hin anzusprechen: „Denn dein ist (doch! H.S.) das Reich, die Kraft und Herrlichkeit“. Schließlich wurde der Apokalyptiker Jesus mit seinem Gebet selbst ein Opfer der Geschichte und stellte mit dem Schrei am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ noch einmal neu die verzweifelte Frage nach ihrer Erlösung und ihrem Gott.</p>
<h2>„O Gott, wie lange noch?“</h2>
<p>Der Münsteraner Professor für Fundamentaltheologie Johann Baptist Metz nahm diese Sichtweise mit radikaler Konsequenz auf und hielt an der uneingeschränkten Allmacht Gottes fest. Sie ist für ihn apokalyptische „Befristungsmacht“, der man mit den Psalmen, Hiob und den Propheten die Frage stellen muss: „O Gott, wie lange noch?“ In solchem Verständnis von Gottes Allmacht läge der „Widerspruch gegen jeden Versuch, den immer wieder ersehnten und gesuchten Sinn des menschlichen Lebens zu halbieren und ihn allenfalls für die … Nutznießer der geschichtlichen Prozesse zu reservieren.“</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Offenbar gibt es keinen Gott, den man mit dem Rücken zu Auschwitz anbeten kann.</p></blockquote></div>
<p>Noch genauer und schärfer warf er die Frage auf: „Darf sich eine Christologie nach Auschwitz die apokalyptische Unruhe der Rückfrage an Gott angesichts der himmelschreienden Leidensgeschichte der Menschen ersparen?“ Um dann selbst die Antwort zu geben: „Offenbar … gibt es keinen Gott, den man mit dem Rücken zu Auschwitz anbeten kann“. Eine Geschichte, in der Versöhnung gefeiert wird, und die dabei die ausstehende, sichtliche Rehabilitation ihrer Opfer vergisst, feiert sich selbst und somit Banalitäten. Gegen eine Versöhnung mit dem Ablauf der Geschichte ohne die Erwartung von Auferstehung und Endgericht wäre mit Emmanuel Levinas einzuwenden: „Eine Welt, in der die Versöhnung allmächtig ist, wird unmenschlich“. Denn sie lebt von den „Lügen der Tröster“ (Henning Luther).</p>
<h2>Klage ohne Erklärung</h2>
<p>Oswald Bayer hat im Zuge dieses Ansatzes die biblischen Belege systematisch gewürdigt, die Gott anklagen und sich nicht mit Uminterpretationen bzw. Sinnsuche für unfassbares Leid abfinden. In diesen „ biblischen Texten … begegnet, von der Kirche und Theologie bis vor kurzem erstaunlicherweise fast ganz übersehen und verkannt, die Gattung der Klage: „Das ist der harte Kern des Problems und der eigentliche Anstoß des von Luther pointiert zur Geltung gebrachten biblischen Allmachtbegriffs“ (Oswald Bayer: <em>Zugesagte Gegenwart</em>. Tübingen 2007, S. 116).</p>
<p>Die Bemerkungen Luthers über einen „verborgenen Gott“ räumen ein, wie sehr die Trauer über den Verlauf der Weltgeschichte berechtigt ist. Für ihn steht aber gleichzeitig außer Frage, dass es auf ihre Klage eine Antwort in der Schrift gibt. Damit wird nicht in Abrede gestellt, dass ein allmächtiger Gott dafür die Verantwortung trägt, dass das Böse in der Schöpfung viel „Raum hat“. Luthers Lehre vom „verborgenen Gott “ wollte das beklagen, aber nicht „erklären“.</p>
<p>Ergreift Gottes Geist seine Gemeinde in der Klage und vertritt sie mit „unaussprechlichem Seufzen“ (Römer 8,26), wird sie – gemäß der christlichen Auffassung Gottes als Trinität von Vater, Sohn und Geist – in ein innertrinitarisch aussichtsreiches Gespräch zwischen Gott und Gott hineingezogen. Ähnlich verhält es sich bei Kindern, die sich laut bei ihrem Vater beklagen: Sie können ihn anklagen, denn sie leben in dem (vorgegebenen) <em>Sprachraum</em> des Vertrauens, dass ihr Vater gut ist, und es Sinn macht, ihn darauf anzusprechen, wenn sie von ihm Unrecht erfahren haben.</p>
<h2>Ein gottesdienstlicher „Kuchen“ des Leids und der Klage</h2>
<p>Der ritualisierte Vollzug der Klage im Gottesdienst hat seelsorgliche Bedeutung. Die unter ihrem Leid Verstummten geraten durch die Liturgie ihrer Gemeinde in einen Sprachzusammenhang, der ihre Einsamkeit aufsprengt und ihrem Elend Worte verleiht. Das gilt für Psalmen, die „traurigen“ Lieder eines Gesangbuchs und für jene Fürbitten, die Gott bei seinen ausstehenden Versprechen von Gerechtigkeit und Frieden für die Welt behaften. Aus Leid und Klage der Einzelnen wird im Gottesdienst nach Luthers Worten „ein Kuchen“, in dem das erlittene Leid von Kirche und Welt zu allen Zeiten und an allen Orten ›zusammenbackt‹ („Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren Leichnams Christi und von den Bruderschaften“, 1519). Der Gemeinde wird dabei bewusst, dass ihr persönliches Elend nicht ›das Letzte‹ ist. Es kann zur Sprache kommen und gerät damit in einen grundsätzlich solidarischen Welt-Zusammenhang.</p>
<p>„Bei aller Eschatologie“ ist hier mit dem Theologen Walter Mostert zu erkennen, dass Gottes Geist bereits jetzt „mit Macht auf die Gegenwart des Heils tendiert“ und zwar durch eine Sprache, die aus ihrem Herkommen die weltweite Wirklichkeit des Bösen beklagt und „in ihr die Möglichkeiten echter oder falscher Versöhnung finden“ lässt (<em>Rechtfertigungslehre</em>. Zürich 2011, S. 282).</p>
<p><em>Für den Hinweis auf die poetische Dimension der Namen der drei Hiob-Töchter danke ich Gerhard Begrich.</em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/theodizee-frage-nach-gott/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
