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	<title>evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Christina Clemm: AktenEinsicht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Heike Schmidt-Langer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:38:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>
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					<description><![CDATA[„AktenEinsicht“ führt uns in Gerichtssäle und erzählt die Geschichten von Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Es sind Berichte, die so sachlich geschildert werden, dass es schmerzt. Wie Frauen bedrängt werden, beschädigt, bedroht, verhöhnt, misshandelt. Wie sie keine Chance haben.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Clemm.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-5018 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Clemm-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Clemm-193x300.jpg 193w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Clemm.jpg 600w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a>Kunstmann 2020, 206 S., geb. 20 EUR, E-Book  15,99 EUR</strong></p>
<p>„AktenEinsicht“ führt uns in Gerichtssäle und erzählt die Geschichten von Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Es sind Berichte, die so sachlich geschildert werden, dass es schmerzt. Wie Frauen bedrängt werden, beschädigt, bedroht, verhöhnt, misshandelt. Wie sie keine Chance haben.</p>
<p>So wie Eva, die ihren Freund verlässt, als er ihr in den schwangeren Bauch tritt. Er verfolgt sie, bedroht sie. Siebzehn Mal zeigt sie ihn bei der Polizei an. Vergeblich. Schließlich findet ihre erwachsene Tochter sie tot in der Wohnung. In weiteren Fällen geht es um Sexualdelikte, Rechtsradikale, bei denen antifeministische Gewalt zur Ideologie gehört, Gewalt gegenüber geflohenen Frauen uvm.</p>
<p>Die Autorin, selbst Anwältin, verleiht Frauen eine Stimme, die sonst schweigen. Sie haben gute Gründe dafür. Und wenn sie ihre Stimme erheben, die Täter anklagen, gibt es dann Gerechtigkeit? Christina Clemm gibt Einblicke ins deutsche Rechtssystem, die einem den Glauben daran nehmen können. Gewalt wird in Deutschland systematisch gegen Frauen gerichtet und vor Gericht fortgesetzt.</p>
<p>Wussten Sie, dass Polizisten vor Gericht tendenziell geglaubt wird, Frauen, die von häuslicher Gewalt berichten, grundsätzlich aber misstraut? Dabei gibt es keine wissenschaftlich fundierten Zahlen, die beweisen, dass Frauen Partnerschaftsgewalt überproportional falsch anzeigen. Und sollte eine betroffene Frau vor Gericht tatsächlich Recht bekommen haben, findet sie hinterher keine Stelle mehr, weil sie als schwierig gilt. Währenddessen gibt es zahlreiche prominente Beispiele dafür, dass Männer, denen Sexualdelikte vorgeworfen wurden, keineswegs negative berufliche oder soziale Konsequenzen befürchten müssen.</p>
<p>Jede dritte Frau erfährt im Laufe ihres Lebens Gewalt. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet dies sogar als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit. Das führt aber nicht dazu, dass das in der Gesellschaft ausreichend diskutiert wird. Oder gar verhindert. Oder wenigstens geächtet. Immer noch werden Morde an Frauen medial nicht als Morde dargestellt, sondern als „Beziehungsdramen“. Frauen werden in der Werbung als Ware dargestellt, in Jobs schlechter bezahlt, sexistische Sprüche sorgen für Einschaltquoten, und Frauen verachtendes Verhalten ist keineswegs ein Karrierekiller, im Gegenteil. Es reicht leider nicht, selbst keine Gewalt auszuüben, um daran etwas zu ändern.</p>
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		<title>Jostein Gaarder: Genau richtig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Lebenssinn]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Jostein Gaarder, Philosoph und Theologe (einer großen Leserschaft bekannt durch Sofies Welt, eine erzählende Einführung in die Philosophie), lässt seinen Protagonisten angesichts des unendlichen Sternenhimmels und der Verletzbarkeit des Menschen die Frage nach dem Sinn des Ganzen stellen. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Gaarder.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5019 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Gaarder-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Gaarder-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Gaarder.jpg 600w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" data-smartcrop-focus="[49,23]" /></a>Carl Hanser Verlag 2019, 125 S., geb. 16,00 EUR, eBook 11,99 EUR</strong></p>
<p>„Die Welt hat Wunden, sie blutet. Und jetzt bin ich an der Reihe.“ Der Tag „kam wie eine Ohrfeige“ (S. 9). In diesen Worten kulminiert die Ouvertüre zu der Ich-Erzählung eines Mannes, der eine Frau, eine Tochter, einen Schwiegersohn und eine Enkelin hat und mitten im Leben steht.</p>
<p>In der Nacht, in der er, mit sich allein in einem eigenen Ferienhaus, darüber nachsinnt, was er zu tun habe, kommt er zu einem Schluss –, den die Leser letztlich nicht erfahren. Wir bekommen Kenntnis von den allmählich heranreifenden Gründen, warum er seinen zunächst gefassten Plan <em>in dieser Nacht nicht</em> in die Tat umsetzt. Und genau diese Offenheit des reflektierenden Erzählens, das kein moralisches Richtig oder Falsch kennt, keinen Wegweiser und kein Verbotsschild aufstellt, macht den schmalen Band so lesenswert.</p>
<p>Jostein Gaarder, Philosoph und Theologe (einer großen Leserschaft bekannt durch <em>Sofies Welt</em>, eine erzählende Einführung in die Philosophie), lässt seinen Protagonisten angesichts des unendlichen Sternenhimmels und der Verletzbarkeit des Menschen die Frage nach dem Sinn des Ganzen stellen.  Wäre das Universum, so dessen Erkenntnis, nicht von der ersten Sekunde an <em>„genau richtig“</em> gestimmt gewesen, gäbe es weder Nachhaltigkeit noch Fruchtbarkeit – einfach nichts. Und das Große wiederhole sich im Kleinen, im Geheimnis der Liebe zwischen zwei Menschen: Etwas mache „klick…, war <em>genau richtig</em>“ (S. 85).</p>
<p>Gaarder sensibilisiert uns für die Ressourcen, die in einem Menschen und seiner Umgebung, seinen Beziehungen bereitliegen und sich auf nicht vorhersehbare Weise wie von selbst aktivieren können. Man könnte sie Glaube, Liebe, Hoffnung nennen.</p>
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		<title>Lars Jaeger: Mehr Zukunft wagen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:33:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Fortschritt]]></category>
		<category><![CDATA[Humanität]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit welcher Zukunft können wir rechnen? Wird es eine mit mehr Demokratie sein, möchte man bei diesem an Willy Brandts Diktum erinnernden Buchtitel fragen?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Jaeger.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5017 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Jaeger-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Jaeger-188x300.jpg 188w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Jaeger.jpg 600w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" data-smartcrop-focus="[50,21]" /></a>Gütersloher Verlags Haus 2019, 287 S., geb. 22,00 EUR, eBook 16,99 EUR</strong></p>
<p>Mit welcher Zukunft können wir rechnen? Wird es eine mit <em>mehr Demokratie</em> sein, möchte man bei diesem an Willy Brandts Diktum erinnernden Buchtitel fragen? Denn der angstvolle „Glaube an unser kollektives Scheitern“, den der Autor im ersten Drittel beschreibt, hat eine – durch mögliche Fehlentwicklungen von „Schlüsseltechnologien“ bewirkte – <em>totalitäre Gesellschaft</em> vor Augen. Da zeichnen sich ab: der gentechnisch optimierte Mensch, die Welt im Griff der künstlichen Intelligenz, Manipulation durch Koppelung von Gehirn und Maschine, die Kontrolle des Menschen durch Big Data, die „Unsterblichkeit“ durch den rigorosen Einsatz der Stammzellentechnologie.</p>
<p>Die <em>pessimistische</em> These des Buches befürchtet eine „Revolution des Menschseins“ (S. 69), durch die der Mensch nicht mehr er selbst sein wird. Dies sei die eigentliche (Human-)Krise, die wir zu bewältigen hätten. Die <em>optimistische</em> geht davon aus, dass in den genannten und weiteren Technologien (z.B. saubere Kernfusion, individuell adressierte medizinische Therapien durch nanotechnologische Verfahren, Internet der Dinge als Befreiung von lästiger Alltagsarbeit) die Chancen auf ein „irdisches Paradies“ (s. Schlusskapitel) lägen.</p>
<p>Können wir die Human-Krise bewältigen? Die gesellschaftliche Gesamtheit muss sich ihrer Ressourcen bedienen: der Fähigkeit zur <em>intellektuellen</em> Redlichkeit (die jedem Dogmatismus abschwört), <em>moralischen</em> Redlichkeit (die sich von Egomanie freimacht) und der <em>Spiritualität</em> (als Verabschiedung eines rein naturalistischen Menschenbildes). Man könnte dies staunende Ehrfrucht vor dem Weltganzen nennen, dessen reflektierender Teil, nicht dessen verfügender Herr wir sind.</p>
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		<title>Dem Volk aufs Maul schauen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:19:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Bibelübersetzung]]></category>
		<category><![CDATA[Lutherbibel]]></category>
		<category><![CDATA[Lutherübersetzung]]></category>
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					<description><![CDATA[Kommt es beim Übersetzen auf buchstabengetreue oder auf eine sinngemäße Übertragung an? Am besten ist das eine wie das andere berücksichtigt und auch Form und Zweck der Übersetzung sind im Auge behalten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Kommt es beim Übersetzen auf buchstabengetreue oder auf eine sinngemäße Übertragung an? Am besten ist das eine wie das andere berücksichtigt und auch Form und Zweck der Übersetzung sind im Auge behalten.</p></blockquote></div>
<p>Ob ein Text Wort für Wort übersetzt werden soll und kann, ist keine leichte Frage. Niemand kommt um diese Frage herum bei der Übertragung eines Ausgangstextes in eine Zielsprache. Was eigentlich sachgemäß ist: was einem Text wirklich entspricht, ist jeweils erst zu klären.</p>
<p>Geht es um einen geschäftlichen Vertrag, dürften die meisten auf einer wörtlichen Übersetzung bestehen. Schließlich will man genau wissen, was da vereinbart ist. Holpert es dann im Satzbau an manchen Stellen, wird das in Kauf genommen. Anders bei einem literarischen Werk, gar einem Gedicht. Denn zu gerne würde der Rezipient dem Text in der ursprünglichen Wirkung auch in der neuen Zielsprache nachspüren!</p>
<h2>Interlinear-Übersetzungen</h2>
<p>„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“: Am Beispiel von Psalm 31 lässt sich eine Wort-für-Wort-Übersetzung gut nachvollziehen. Für das Alte wie das Neue Testament gibt es Interlinear-Übersetzungen, bei denen unter jedem Wort der Ursprache ein deutsches Äquivalent verzeichnet ist. Bei Psalm 31,9b liest sich das so:</p>
<table width="287">
<tbody>
<tr>
<td width="87"><span style="font-size: 24pt;"> רַגְלָֽי׃</span></td>
<td width="102"><span style="font-size: 24pt;"> בַמֶּרְחָ֣ב</span></td>
<td width="98"><span style="font-size: 24pt;">הֶֽעֱמַ֖דְתָּ</span></td>
</tr>
<tr>
<td width="87">meine Füße</td>
<td width="102">in weiten Raum</td>
<td width="98">du hast gesetzt</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Aus der Wortfolge <span style="font-size: 14pt;">הֶֽעֱמַ֖דְתָּ בַמֶּרְחָ֣ב רַגְלָֽי </span>(lies den hebräischen Text von rechts nach links) ergibt sich somit: „Du hast gesetzt in weiten Raum meine Füße.“</p>
<p>Das kann man im Deutschen verstehen – und hat vor Augen, in welcher Reihenfolge, vielleicht auch welcher Gewichtung, im Hebräischen die Worte aufeinander folgen. Dennoch kehren die meisten Übersetzer die Abfolge um, weil es dem üblichen Satzbau besser entspricht. Du „stelltest meine Füße ins Weite“ übersetzen Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer Verdeutschung.</p>
<h2>Bibelübersetzung als Kulturtransfer</h2>
<p>Anpassungen der Verständlichkeit wegen sind also gang und gäbe. In heutigen Übersetzungen wenden sich die neutestamentlichen Briefschreiber häufig an „Schwestern und Brüder“. Dem Sinn nach seien schon damals je alle mitgemeint, lautet die nachvollziehbare Begründung. Im griechischen Urtext steht freilich nur ein einziges Wort: <em>adelphoi</em>. Schon am winzigen Detail der Anrede tut sich so das ganze Spannungsfeld zwischen einer wörtlichen und einer freien, sinngemäßen Übertragung auf.</p>
<p>Fürs Deutsche gibt es auffällig viele Bibelübersetzungen, beinahe wie Sand am Meer. Die Gründe dafür lassen sich raten. Dass früh eine hochstehende Übersetzungskultur und -praxis etabliert wurde, dürfte eine Rolle spielen. Die Bibelgesellschaften, von denen es ebenfalls einige gibt, können hier mit Pfunden wuchern – was sie auch reichlich tun.</p>
<p>In etlichen Sprachen hat die Übersetzung „der Schrift“ die Sprachentwicklung epochal geprägt, wie etwa im Slowenischen. Eine Bibel(erst)übersetzung fügt jeder Sprache fast immer etwas Neues hinzu, was diese zuvor so noch nicht hatte. Besonders deutlich wird das, wenn in das selten gesprochene Idiom einer Pazifikinsel die Geschichte von umherziehenden Wüsten-Nomaden zu übersetzen ist. Worte und Begriffe werden dann ganz neu erschaffen. Der vielschichtige altgriechische und althebräische Background, die Sprachstrukturen, Denkungsart, Vorstellungswelten, werden, so oder so, mit übertragen. Immer auch ein Kulturtransfer!</p>
<h2>Deutsche Bibelübersetzungen</h2>
<p>Im deutschen Sprachraum stehen mehrere solide Bibelübersetzungen bereit wie die Einheitsübersetzung oder die Zürcher Bibel. Besonders der Wörtlichkeit verpflichtet ist die Elberfelder Bibel. Sie versucht dem Urtext möglichst nahe zu bleiben bis in die Satzstellung hinein. Wer auch ohne Griechisch- oder Hebräisch-Kenntnisse der Fassung im Urtext folgen will, wird hier fündig. Es sei denn er oder sie greift gleich zu einer Interlinear-Übersetzung, von Rita Maria Steurer etwa (Altes Testament, 5 Bde.) oder von Ernst Dietzfelbinger (Neues Testament). Ein flüssiges Lesen geht damit nicht, aber es ist gut zu sehen, wie der Ausgangstext zunächst in seiner ursprünglichen Form dasteht.</p>
<p>Mit der Gute Nachricht Bibel, die 2018 ihr 50-jähriges Jubiläum feierte, kommt stärker das Anliegen von Verständlichkeit, leichter Lesbarkeit und sinngemäßer Übertragung für heutige Leser in den Blick. Sie ist eine interkonfessionelle ökumenische Übersetzung. Psalm 31,9b lautet dann so: Du hast „mir Raum zum Leben geschafft.“</p>
<p>Durch das Ersetzen von „meine Füße“ durch „Leben“ soll der Sinn verdeutlicht werden. So ein Ersetzen ist eine bestimmte Interpretation, die oft unstrittig ist, in manchen Fällen aber auch wie eine allzu große Sinnverschiebung erscheint. In jedem Falle ist es eine Festlegung, die das Verständnis des Lesers wesentlich mitbestimmt. Das trifft es je nach Kontext mal besser, mal nicht so gut. „Übersetzen – üb&#8217; ersetzen“ hat der Bibelexeget Jürgen Ebach einmal einen Aufsatztitel in Anlehnung an Karl Kraus genannt.</p>
<h2>Geist oder Buchstabe?</h2>
<p>So übersetzt die Elberfelder Bibel bei Römer 12 Vers 17: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“. Die Gute Nachricht schreibt zur selben Stelle: „Wenn euch jemand unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim.“ Da liegen also die zwei unterschiedlichen Interessen „im Streit“: Einmal die worttreue Genauigkeit und andererseits das Anliegen, den Sinn so zu vermitteln, dass er heutigen Rezipienten zugänglich wird. Gemäß dem Leitspruch: Der Geist und Sinn ist&#8217;s, der lebendig macht. Oder wie die Luther-Bibel 1912 übersetzt: „der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor 3,6).</p>
<p>Ein Gutteil der verschiedenen Bibelübersetzungen lässt sich mit dem Changieren zwischen den Übersetzungstypen <em>wörtlich</em> oder <em>sinngemäß</em> erklären und danach einteilen. Buber/Rosenzweig übersetzen 1929 den Beginn des 31. Psalms:</p>
<p><em>„An dir, DU, berge ich mich, in Weltzeit möge ich nimmer zuschanden werden! In deiner Wahrhaftigkeit laß mich entrinnen!<br />
Neige dein Ohr mir zu, eilends errette mich, werde zum Trutzfelsen mir, zum Basteienhaus, mich zu befrein.<br />
Ja, du bist mein Schroffen, meine Bastei …</em>“ (Ps 31,2-4)</p>
<p>Die beiden jüdischen Gelehrten und Meister des Hebräischen sind ganz an der Ausgangssprache orientiert und versuchen, den „eigentlichen Wendungen“ der Vorlage „seis nachbildend, seis andeutend, zu folgen.“ Ob die Übertragung mehr der Begrifflichkeit des Hebräischen oder der Sprachlogik im Deutschen zuneigen soll, entscheiden sie für das Erstere. Dadurch wird beim Psalm auch im Deutschen sofort deutlich, dass es sich um eine Form von Poesie handelt. Doch auch 1929 musste mancher vielleicht schon ein Wörterbuch hervorholen, um nachzuschlagen, was ein Schroffen ist.</p>
<p>Manche Psalmen-Übertragung lässt im Deutschen erkennen, dass es sich ursprünglich um Poesie handelt, es bleibt aber offen, ob es Poesie auch im Deutschen ist. Im Trost- und Klage-Psalm 31 gibt die Elberfelder Bibel Vers 13 so wieder: „Meiner ist im Herzen vergessen wie eines Gestorbenen; ich bin geworden wie ein zertrümmertes Gefäß.“ Gute Nachricht: „wie weggeworfenes, zerbrochenes Geschirr“, Buber/Rosenzweig: „wie ein verlornes Gerät bin ich worden“, Lutherbibel 1545/1984/2017: „wie ein zerbrochenes Gefäß“.</p>
<h2>Was eine gute Übersetzung ist</h2>
<p>Neben Verständlichkeit (Sinn) und Wörtlichkeit (Buchstabengenauigkeit) gibt es noch weitere Kriterien für eine gute Bibelübersetzung: die Form und den Zweck. Auch hierin gilt, dass „die Sprache der Übersetzung ihren Gehalt wie ein Königsmantel in weiten Falten“ umgibt, wie Walter Benjamin formulierte. In seinem manchmal auch missverstandenen Aufsatz <em>Die Aufgabe des Übersetzers </em>(1923) betont er die Bedeutung der Form. „Übersetzung ist eine Form.“ Und die Aufgabe des Übersetzers „besteht darin, diejenige Intention auf die Sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals erweckt wird.“ Eine gute Übersetzung bildet demgemäß dann einen gehobenen, poetischen Text auch in der Zielsprache in gehobener Weise ab. Da nach Benjamin jede Sprache ihre eigene „Art des Meinens“ hat, muss die Übersetzung das jeweils „Gemeinte“ dann auch in und für die „Art des Meinens“ in der jeweiligen Zielsprache nachbilden.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Übersetzung ist eine Form</p></blockquote></div>
<p>Einer der Gründe für die epochale Bedeutung der Lutherübersetzung dürfte hier zu suchen sein. Die Lutherbibel „aus einem Gusse“ von Goethe in höchsten Tönen gelobt, war selbst noch einem Atheisten wie Nietzsche „das beste deutsche Buch“. Für Friedrich Schorlemmer gibt es „wahrlich keine Übersetzung, die an seine Sprachleistung heranreicht.“ Warum? Weil Wortinhalt und Wortgestalt darin übereinstimmen.</p>
<p>In seinem berühmten „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530) sowie in den „Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens“ (1533) hat Luther Rechenschaft von seinen Grundsätzen der Übersetzertätigkeit gegeben. Klassische Formulierungen, die hier nicht unzitiert bleiben können. So hält er einerseits fest, dass er im Zweifel „habe eher wollen der deutschen Sprache Abbruch tun, denn von dem Wort weichen“, wo einem Wort in der Ausgangssprache ein Eigengewicht zukommt, also „nicht allzu frei die Buchstaben lassen fahren“ und „wo etwa an einem Ort gelegen ist, hab ich&#8217;s nach den Buchstaben behalten und bin nicht so frei davon abgewichen“. Andererseits lag ihm an Verständlichkeit und Sinngemäßheit <em>im Deutschen</em>, am Nachvollzug der Art des Meinens gerade für seine Zeitgenossen: „denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, […] sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“</p>
<p>Luther hat mit seinen Mitarbeitern damit nicht nur eine Bibel für Jahrhunderte geschaffen, sondern eine Übersetzungstheorie geliefert, die bis heute in den Translationswissenschaften entsprechende Beachtung findet. Viele Übersetzer sind ihm bis heute gefolgt.</p>
<h2>Welches ist die richtige Bibelübersetzung?</h2>
<p>Die Lutherbibel ist kraftvoll wie die Urtexte, philologisch nah an der Ausgangssprache, und sie entspricht auch in der Form den Ausgangstexten, was man nicht von jeder Übertragung sagen kann. Man wird zum Beispiel nicht behaupten können, dass die Elberfelder oder auch die Gute Nachricht Bibel den literarischen Rang der (griechischen) Evangelien im Deutschen erreichen oder angemessen nachahmen. Die Lutherbibel ist memorierbar. Sie ist prägnant („Schwerter zu Pflugscharen“). Durch ihre gehobene Sprache, die dennoch verständlich ist, eignet sie sich als Lesung im feierlichen Gottesdienst. (Man merkt den Unterschied, wenn eine Lesung etwa aus der Einheitsübersetzung zitiert, die zwar korrekt ist, sich aber eher einer nüchternen, leicht wissenschaftlichen Sprache bedient.) Sie bewahrt darin auch, dass ihr Inhalt für viele nicht nur Schrift, sondern Heilige Schrift, mithin ein sakrales Gut darstellt. (In der ostkirchlichen Liturgie wird das Evangeliar beim „Kleinen Einzug“ feierlich vorneweg getragen.)</p>
<p>Somit rückt vollends ein weiteres Kriterium für Bibelübertragungen in den Blick: Der Zweck und der Gebrauch der Übersetzung. Während im Gottesdienst vermutlich selten aus einer Interlinear-Übersetzung vorgetragen wird, hat dieser Typus wie gesehen dennoch seine gute Berechtigung. Welches die „richtige“ Bibelübersetzung ist, kommt deshalb immer auch auf die konkrete Verwendungsabsicht an. Als Kinderbibel ist etwa die Verdeutschung von Buber/Rosenzweig nicht in jeder Altersstufe zu empfehlen. Für einen Sprachliebhaber allemal. Die zahlreichen modernen Übersetzungsversuche sind nicht zuletzt als Heranführung für Einsteiger in die eigene Bibellektüre eine Möglichkeit. Als Verständnishilfe immer sinnvoll ist es, mehrere Übersetzungen heranzuziehen. So ist es spannend, zu vergleichen wie Joh 1,1 „Im Anfang war das Wort&#8230;“ die Gute Nachricht Bibel, die Menge-Bibel oder die Zürcher Bibel wiedergibt. Noch ein wichtiges Argument für den hohen Stellenwert der Lutherbibel kommt an dieser Stelle gleichwohl zum Vorschein: Bei so viel verschiedenen Übersetzungsvarianten braucht – und gibt es Gott sei Dank – einen verbindenden <em>gemeinsamen</em> Bibeltext, der von Nord nach Süd, von West nach Ost vereint.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Auf den Seiten der Deutschen Bibelgesellschaft <a href="http://www.die-Bibel.de/"><em>www.die-bibel.de</em></a> können online zehn verschiedenen Bibelübersetzungen verglichen werden. Auf den umfangreichen frei zugänglichen Unterseiten finden sich zudem die hebräischen und griechischen Urtexte: <a href="https://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/ueber-die-online-bibeln/"><em>www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/ueber-die-online-bibeln/</em></a>.<strong> </strong></p>
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		<title>Eine virtuelle Reise in Zeit und Raum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:18:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Luise Deicher]]></category>
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					<description><![CDATA[Unterwegs zu sein, ist in Zeiten von Corona nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Beim Stöbern in alten Dokumenten der Familiengeschichte sind Anknüpfungspunkte entstanden für virtuelle Touren in andere Zeiten und Gegenden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Unterwegs zu sein, ist in Zeiten von Corona nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Beim Stöbern in alten Dokumenten der Familiengeschichte sind Anknüpfungspunkte entstanden für virtuelle Touren in andere Zeiten und Gegenden.</p></blockquote></div>
<p>Die aktuellen Aktivitäten beschränken sich meist auf einen engen Umkreis rund um das eigene Zuhause. Vieles hat sich seit dem Ausbruch der Pandemie in die digitale Welt verlagert. Zumindest über das Internet ist man immer noch mit aller Welt verbunden und kann zumindest virtuell an die entferntesten Orte reisen. Die virusbedingte Zwangspause eröffnet auf der anderen Seite wieder neue Räume. Ich habe zum Beispiel endlich etwas getan, was ich mir schon so lange vorgenommen habe und was sich auch Freunde von mir immer wieder vergeblich vorgenommen haben.</p>
<p>Und zwar habe ich die Kisten und Schachteln hervorgeholt, in denen im Lauf der Jahre die Dinge aus der Familiengeschichte gelandet sind, die man später mal sortieren wollte. Es sind Briefe, Fotos, Dokumente, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten vor sich hin schlummern. Darunter ist sicher manches, was entsorgt werden kann. Aber beim Stöbern habe ich doch einiges entdeckt, was mir die Vergangenheit in einem ganz neuen Licht zeigt. So habe ich in den vergangenen Wochen kleine virtuelle Entdeckungsreisen unternommen, in eine andere Zeit und an andere Orte, die Anregung für andere sein können.</p>
<h2>Eine Reise über 100 Jahre</h2>
<p>Es ist schon eigenartig, dass ich gleich am Anfang auf eine Schachtel mit alten Fotografien von meinen Großeltern gestoßen bin. Ein Foto zeigt eine hübsche junge Frau. Sie war die Schwester meiner Großmutter. Als ich das Bild umdrehte, war auf der Rückseite vermerkt, dass sie kurz nach der Aufnahme an der Spanischen Grippe verstarb. Was für ein Zufall. Gerade jetzt entdecke ich, dass meine Familie vor 100 Jahren von einer Pandemie betroffen war, die in ihrem weltweiten Ausmaß mit der Coronakrise verglichen wird.</p>
<p>Es ist eine Zeit gewesen, in der die Menschen kurz nach dem Ersten Weltkrieg noch viele Entbehrungen erdulden mussten. Mein Großvater hatte den Ersten Weltkrieg überlebt, war aber in russische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte sich bei seiner Flucht zu Fuß von Sibirien nach Hause aufgemacht. Andere hatten nicht so viel Glück.</p>
<p>Ich bin auch auf ein kartoniertes Foto im Großformat gestoßen, das einen feschen jungen Mann zeigt. Es ist der Bruder meines anderen Großvaters gewesen, der als „Held“ bezeichnet wird, weil er 1915 fürs Vaterland gestorben ist. Sein Bruder hat überlebt, aber die jahrelangen schrecklichen Grabenkämpfe, bei denen er auch verwundet und verschüttet wurde, als Trauma sein Leben lang mit sich herumgetragen. Es klingt oft sehr abstrakt, wenn man die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts Revue passieren lässt mit zwei Weltkriegen und Millionen von Toten. Aber dies hat sich ganz konkret auf die Familien ausgewirkt, wie dies auch heute noch in jedem Krieg der Fall ist.</p>
<h2>Überraschende Fundstücke im Sammelsurium</h2>
<figure id="attachment_5031" aria-describedby="caption-attachment-5031" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Kassenbuch_CVJM.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-5031 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Kassenbuch_CVJM-225x300.jpg" alt="Kassenbuch des CVJM in Künzelsau" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Kassenbuch_CVJM-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Kassenbuch_CVJM.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><figcaption id="caption-attachment-5031" class="wp-caption-text">Kassenbuch des CVJM in Künzelsau</figcaption></figure>
<p>Neben diesen persönlichen Einblicken in die Familiengeschichte habe ich auch anderes entdeckt von allgemeinem Interesse. Rätselhaft ist mir, wie das Kassenbuch des CVJM in Künzelsau im Hohenlohekreis von 1924 bis 1945 im Sammelsurium meiner Eltern gelandet ist. Die sorgfältig eingetragenen Einnahmen und Ausgaben sind ein Spiegel der Geschichte, den es noch zu entziffern gilt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten schlägt sich darin genauso nieder wie die Kriegsjahre. Nach 1940 gibt es nur noch einen Vermerk, nämlich am 25. November 1945, mit der Feststellung des Bankguthabens.</p>
<p>Zu den schönsten Entdeckungen gehören zwei kleine Ölgemälde. Eines zeigt einen von Bäumen gesäumten Feldweg, der zu einem Dorf im Hintergrund führt, ein anderes ist ein Stillleben mit Blumenvase. Ich erinnere mich, dass dieses Bild bei meinen Eltern im Wohnzimmer hing. Das andere ist wohl ein Erbstück von den Großeltern. Als Jugendlicher fand ich die Bilder schrecklich altmodisch. Aber viele Jahrzehnte später haben sie plötzlich einen ganz anderen Reiz.</p>
<h2>Luise Deicher – eine unabhängige Frau der 20er Jahre</h2>
<p>Besonders interessant ist, dass die Bilder von einer Frau stammen: Luise Deicher. Ein genauerer Blick auf die Künstlerin lohnt sich. Sie zählt nämlich zu den wenigen Frauen, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Möglichkeit hatten, die Malerei als Profession auszuüben. Die Geschichte des Bauhauses hat gezeigt, wie schwer es Frauen noch Jahrzehnte später hatten, sich in der Männerdomäne Kunst einen Platz zu erobern.</p>
<p>Die am 6. April 1891 im baden-württembergischen Waiblingen geborene Künstlerin zeigte schon in der Schule ihr künstlerisches Talent. Deshalb empfahl ihr Zeichenlehrer den Eltern, dass sie ihre Tochter auf die Königliche Akademie der bildenden Künste in Stuttgart schicken. Von ihrem Vater erhielt sie die Erlaubnis zur damals für eine Frau ungewöhnlichen künstlerischen Ausbildung. 1908 begann sie ihr Studium an der Stuttgarter Kunstakademie, wo sie unter anderem Schülerin von Adolf Hölzel war.</p>
<p>Ungewöhnlich verlief ihr Leben auch später. Sie verkörperte das neue Bild der unabhängigen Frau der 20er Jahre. In Stuttgart richtete sie sich ein Atelier ein und bereiste ganz Europa mit ihrem jüdischen Freund Hermann Dreifus, der sich 1941 das Leben nahm, um der Deportation zu entgehen. Nach dem Krieg zog sie mit ihrem Bruder Karl ins Bottwartal. Mit ihren Porträts und Stillleben traf sie den Nerv der 50er und 60er Jahre und konnte so mit ihrer Kunst ihren Lebensunterhalt bestreiten.</p>
<figure id="attachment_5032" aria-describedby="caption-attachment-5032" style="width: 1014px" class="wp-caption alignnone"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Bild_L-Deicher.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-5032 size-full" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Bild_L-Deicher.jpg" alt="Landschaftsgemälde von Luise Deicher" width="1024" height="768" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Bild_L-Deicher.jpg 1024w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S42_Bild_L-Deicher-300x225.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption id="caption-attachment-5032" class="wp-caption-text">Landschaftsgemälde von Luise Deicher</figcaption></figure>
<h2>Virtueller Ausstellungsrundgang</h2>
<p>Eine Ausstellung in ihrer Heimatstadt Waiblingen stellt die künstlerische Verarbeitung ihrer vielen Reisen in ihrem Skizzenbuch in den Mittelpunkt. Im Großformat zu sehen ist zum Beispiel der Hafen von Soller. Die Skizze arbeitete sie später zum Wandbild aus. In Barcelona hat sie eine Palmenallee festgehalten.</p>
<p>Durch die faszinierende Sonderausstellung zu Luise Deicher ist ein virtueller Rundgang möglich (<a href="http://www.waiblingen.de/haus-der-stadtgeschichte"><em>www.waiblingen.de/haus-der-stadtgeschichte</em></a>). Wer dadurch angeregt worden ist, mehr über das Schaffen von Künstlerinnen zu erfahren, der ist in Berlin an der richtigen Stelle. Dort hat sich „Das verborgene Museum“ zur Aufgabe gemacht, das künstlerische Werk von Frauen zu präsentieren. Doch wegen der Coronakrise musste auch dieses Museum vorerst schließen. Eine andere bekannte Schülerin von Hölzel ist übrigens Ida Kerkovius, die mit Deicher in einem Malerinnenverein in Stuttgart war. Wer im Internet stöbert, findet Informationen dazu. Die Coronakrise hat deutlich gemacht, wie viele Möglichkeiten es gibt, virtuelle Entdeckungsreisen zu machen.</p>
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		<title>Namibia und Deutschland – Versöhnungsprozess in der Sackgasse</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Reinhart Kößler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:08:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Entschädigung]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonie]]></category>
		<category><![CDATA[Namibia]]></category>
		<category><![CDATA[Versöhnung]]></category>
		<category><![CDATA[Völkermord]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit Jahren verlaufen die Verhandlungen zwischen der deutschen Bundes- und der namibischen Regierung über die Konsequenzen des Völkermordes von 1904 bis 1908 ergebnislos. Dabei sitzen die Opfer jenes Massenverbrechens der deutschen Weltmachtpolitik gar nicht mit am Verhandlungstisch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Seit Jahren verlaufen die Verhandlungen zwischen der deutschen Bundes- und der namibischen Regierung über die Konsequenzen des Völkermordes von 1904 bis 1908 ergebnislos. Dabei sitzen die Opfer jenes Massenverbrechens der deutschen Weltmachtpolitik gar nicht mit am Verhandlungstisch.</p></blockquote></div>
<p>Anders als die Verbrechen der Naziherrschaft sind der deutsche Kolonialismus und die bis zum Völkermord gehenden Gewalttaten in den Kolonien heute im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands kaum präsent. Dabei wurde insbesondere der Völkermord, dem im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia etwa 80 Prozent der Ovaherero und 50 Prozent der Nama zum Opfer fielen, seinerzeit in Deutschland als große Heldentat gefeiert. Der Verlust der deutschen Kolonien durch den Frieden von Versailles 1919 tat dem zunächst keinen Abbruch. Nach 1945 trat dieser Teil deutscher Gewaltgeschichte jedoch in den Hintergrund, nicht zuletzt angesichts der schweren, jahrzehntelangen Auseinandersetzungen, die notwendig waren, um eine Verdrängung des Holocaust zu verhindern. Heute wissen viele Deutsche nicht, dass ihr Land einmal Kolonialmacht war, und die Gedenkkultur ist auf wenige postkoloniale Initiativen beschränkt.</p>
<h2>„Heldentat“ – „Verfehlung“ – Völkermord: Perspektiven auf Gewaltgeschichte</h2>
<p>Sinnbildlich hierfür war lange Zeit die systematische Weigerung der offiziellen Politik, vom Völkermord auch nur zu reden. Zwar erkannte der Bundestag 1989 im Vorfeld der lang hinausgezögerten Unabhängigkeit Namibias eine „besondere Verantwortung“ der Bundesrepublik für die einstige deutsche Kolonie an, doch die Resolution schweigt sich aus, was die Gründe dafür angeht. Hinzu kam die konsequente Weigerung hochrangiger deutscher Besucher in Namibia, mit Vertreter*innen der Opfergruppen, also mit Nachfahren der Opfer und Überlebenden des Völkermordes, in einen Dialog zu treten. Bundeskanzler Kohl weigerte sich 1995, eine Delegation von Ovaherero überhaupt zu empfangen, Präsident Herzog fertigte eine ähnliche Gruppe drei Jahre später informell ab. Versuche zunächst von Ovaherero, durch Klagen vor US-amerikanischen Gerichten zu ihrem Recht zu kommen, waren eine Konsequenz dieser unversöhnlichen offiziellen deutschen Haltung. Im Vorfeld des 100. Jahrestages des Völkermordes unterstrich der damalige Außenminister Fischer bei einem Besuch in Windhoek Ende 2003 diese Position noch einmal mit den Worten, eine „entschädigungsrelevante Entschuldigung“ werde es nicht geben.</p>
<p>Als die damalige Ministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, bei der zentralen Gedenkfeier am Ort der Schlacht von Ohamakari (Waterberg) 2004 den Völkermord in vorsichtigen Formulierungen beim Namen nannte und in Anspielung auf den englischen Text des Vaterunser um „Vergebung für unsere Verfehlungen“ bat, musste sie wegen des Bruchs der Kabinettsdisziplin um ihren Posten fürchten. Dieser mutige Auftritt erweckte in Namibia zwar Hoffnungen, konnte aber die notwendige offizielle Entschuldigung nicht ersetzen.</p>
<p>In unterschiedlichen Formen wird seither in Namibia die Forderung nach einer offiziellen Anerkennung des Völkermordes durch Deutschland sowie nach einer entsprechenden Entschuldigung sowie Entschädigung erhoben. Das entspricht auch den Normen, die sich im Gefolge der weltpolitischen Umbrüche der Jahre 1989/91 als <em>transitional justice</em> international etabliert haben. Demnach müssen Staaten durch ihren Souverän – Bundestag oder der Bundespräsident als Staatsoberhaupt – das Geschehene in aller Form anerkennen und die Verantwortung dafür übernehmen. Daraus folgen die Erklärung, solches dürfe nie wieder geschehen, und die Entschuldigung sowie die ernste Absicht, den nicht wieder gut zu machenden Schaden soweit als möglich zu lindern.</p>
<p>Gerade die in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust entstandene deutsche Erinnerungskultur hält Instrumente bereit, diesen Forderungen zu entsprechen. Im Fall des Völkermordes in Namibia wie auch gegenüber allen anderen Folgen der deutschen kolonialen Vergangenheit verweigert die offizielle deutsche Politik jedoch ein entsprechendes Vorgehen.</p>
<h2>Blockaden langjähriger Verhandlungen</h2>
<p>Das hat sich auch nicht geändert, nachdem das Auswärtige Amt im Juli 2015 seine langjährige Weigerung aufgab, den Völkermord einen Völkermord zu nennen. Dies geschah in Form der Antwort des Sprechers des Ministeriums auf die Frage einer Journalistin, also höchst informell. Jedoch war nun der Weg frei, um Verhandlungen mit der namibischen Regierung aufzunehmen. Diese hatte sich nach langem Zögern seit einer Ende 2006 verabschiedeten Resolution der Nationalversammlung den Forderungen der Opfergruppen weitgehend angeschlossen. Beide Seiten benannten Sondergesandte, die die Verhandlungen führen sollten.</p>
<p>Auf namibischer Seite zeigten sich jedoch sehr bald schwere Konflikte zwischen einem Großteil der Opfergruppen und der Regierung. Während diese unter Berufung auf ihr demokratisches Mandat darauf besteht, das gesamte Volk von Namibia zu repräsentieren und damit auch allein berechtigt zu sein, Verhandlungen mit einer auswärtigen Regierung wie der deutschen zu führen, fordern diese Gruppen eine eigenständige Präsenz am Verhandlungstisch. Die von der namibischen Regierung praktizierte Einbeziehung von Vertreter*innen der betroffenen Ethnien in ein „technisches Komitee“, das den Sondergesandten unterstützt, betrachten sie als ungenügend. Dies wird damit begründet, dass die Opfergruppen heute in Namibia relativ kleine Minderheiten bilden und ihre Anliegen sich aus einem spezifischen historischen Erfahrungshintergrund ergeben, der nicht für alle Landesteile gleich ist, insbesondere nicht für den bevölkerungsreichen Norden, der keine effektive deutsche Kolonialherrschaft erlebt hat. Daraus ergibt sich der einprägsame Slogan, „Not about us without us“ – die Forderung also, über das eigene Schicksal und die eigenen Interessen aktiv und eigenständig mitzubestimmen.</p>
<h2>Entschädigung – als Zugeständnis, nicht als Rechtsanspruch?</h2>
<p>Beide Regierungen verweigern eine eigenständige Vertretung der Opfergruppen. Dennoch scheinen die Verhandlungen festgefahren. Hatte insbesondere der deutsche Sondergesandte Ruprecht Polenz verschiedentlich Erwartungen auf einen schnellen Abschluss noch vor den Bundestagswahlen 2017 erkennen lassen, so erwies sich die Materie offenbar als komplexer, als zumal von deutscher Seite erwartet worden war. Dabei spielt offenbar die deutsche Weigerung eine zentrale Rolle, sich auf „Reparationen“ einzulassen. Damit würde ein rechtlicher Anspruch der namibischen Regierung oder der Opfergruppen anerkannt, den die deutsche Seite offenbar unbedingt vermeiden möchte. Es geht dabei offenbar um die Befürchtung, einen Präzedenzfall zu schaffen, der sich auf andere Entschädigungsfragen, vor allem in Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und den grausigen Terrorangriffen auf griechische und italienische Dörfer auswirken könnte.</p>
<p>Zwar scheinen deutsche Zahlungen unstrittig, neben der Bezeichnung und rechtlichen Begründung ist aber auch die Höhe nach wie vor nicht geklärt. Hier hat die namibische Regierung aufgrund eines umstrittenen Rechtsgutachtens eine Summe ins Spiel gebracht, die das eigene Bruttosozialprodukt um ein Mehrfaches übersteigen würde und in dieser Form auch von den Opfergruppen kritisiert wird.</p>
<p>Neben dieser Blockadesituation muss auch ernsthaft bezweifelt werden, dass ein Ergebnis der Regierungsverhandlungen die Grundlage für eine nachhaltige Konfliktlösung darstellen könnte. Solange ein Verhandlungsergebnis keine Legitimität zumindest bei einer großen Mehrheit unter den Opfergruppen besitzt, kann es diese Aufgabe nicht erfüllen. Der Konflikt würde demnach weitergehen, wenn auch formal eventuell verschoben auf die Ebene einer Konfrontation zwischen namibischer Regierung und großen Teilen der Opfergruppen.</p>
<h2>Eine deutsche Entschuldigung lässt noch immer auf sich warten</h2>
<p>Eine Konsequenz der verfahrenen Lage bei den Regierungsverhandlungen ist ferner, dass eine formelle Entschuldigung von deutscher Seite nach wie vor aussteht. Anstatt etwa durch den Bundestag eine entsprechende Entschließung verabschieden zu lassen, die ja den Verhandlungsprozess durchaus hätte offenlassen können, wurde die Formulierung der Entschuldigung selbst zum Verhandlungsgegenstand gemacht. Es lässt sich wohl bezweifeln, ob dies Vorgehen jenem echten und tiefen Bedauern entspricht, wie dies im Kontext von <em>transitional justice</em> als Voraussetzung einer glaubwürdigen Entschuldigung gefordert wird. Dementsprechend ist in Namibia seit längerem die Klage zu hören: „Sie haben sich noch nicht einmal entschuldigt!“ Dem lässt sich kaum etwas entgegensetzen.</p>
<p>Die letzte vorgesehene Verhandlungsrunde wurde Anfang 2020 offenbar durch die Corona-Krise verhindert. Doch kann bezweifelt werden, ob dies eine konstruktive Lösung ergeben hätte.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie gerade die deutsche Zivilgesellschaft außerhalb des Regierungshandelns zu einem Versöhnungsprozess beitragen kann, der das entscheidende Ziel bleiben muss. Vor allem postkoloniale Gruppen arbeiten heute in zahlreichen Städten in eine derartige Richtung, und hier bestehen auch intensive Kontakte vor allem zu den regierungskritischen Teilen der Opfergruppen in Namibia. Es ist gelungen, die Aufmerksamkeit der Medien für diese Fragen zu erhöhen. Ebenso haben sich einzelne Länderregierungen sowie Linke und teils die Grünen im Bundestag entsprechend positioniert. Eine Änderung der offiziellen Politik, die dringend notwendig wäre, bleibt jedoch langfristig ein Beispiel für die Notwendigkeit, beharrlich die sprichwörtlichen dicken Bretter zu bohren.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Reinhart Kößler &amp; Henning Melber: <em>Völkermord – und was dann? Die Politik der deutsch-namibischen Vergangenheitsbearbeitung</em>. Frankfurt am Main, Brandes &amp; Apsel 2017.</p>
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		<title>Was ist Gemeinsinn?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Aleida Assmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsinn]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenpflichten]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Coronakrise hat das Wort Gemeinsinn eine ganz neue Aktualität erhalten. Wie können wir aus dieser völlig neuen globalen Erfahrung lernen und aus ihr eine neue Orientierung und Haltung gewinnen?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In der Coronakrise hat das Wort Gemeinsinn eine ganz neue Aktualität erhalten. Wie können wir aus dieser völlig neuen globalen Erfahrung lernen und aus ihr eine neue Orientierung und Haltung gewinnen?</p></blockquote></div>
<p>Im rasenden Stillstand der Coronakrise erleben wir gerade eine neue Form der Globalisierung. Als verbindende Kräfte wirken dabei weder die Warenketten, noch die Finanzströme, noch die technischen Medien, sondern ein Virus, das sich mit Hochgeschwindigkeit ausbreitet. In dieser Notsituation, in der die Menschheit als ganze heimgesucht ist, in der Menschen nicht mehr handeln, sondern nur noch reagieren und eine Weltregion auf die andere angewiesen ist, hat das Wort Gemeinsinn eine ganz neue Aktualität gewonnen. Wie und wann wir aus dieser Krise herauskommen, ist noch nicht klar, aber der Gemeinsinn wird eine besondere Rolle dabei spielen.</p>
<h2>„Not me. Us!“</h2>
<p>Deshalb lohnt es sich, genauer zu fragen: Was ist Gemeinsinn? Die einfachste Definition hat der US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders gegeben: ›Not me. Us!‹ Nicht ich, sondern wir. Auch der Philosoph Karl Jaspers hat nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1940er Jahren dafür eine treffende Formel gefunden, als er schrieb: ›Wahrheit ist, was uns <em>verbindet</em>‹. Die westliche Marktgesellschaft hat, wie wir wissen, Egoismus und Wettbewerb stark gemacht, aber wenig in Gemeinsinn investiert. Inzwischen ist noch der kollektive Egoismus der Nationen hinzugekommen, die sich gegenseitig überbieten. Salman Rushdie hat kürzlich in einem Interview festgestellt, dass die drei Länder, in denen er gelebt hat und weiterhin lebt, alle dieses eine Modell verkörpern: Narendra Modi mit ›India first!‹, Boris Johnson mit ›Britain first!‹ und Donald Trump mit ›America first!‹ In Europa und in Deutschland hat der Nationalismus inzwischen aggressive Züge angenommen und spaltet die Gesellschaft durch Hass und völkische Parolen.</p>
<h2>Zusammenhalt vs. Gemeinsinn</h2>
<p>Die Rede vom ›gesellschaftlichen Zusammenhalt‹ ist schon seit einigen Jahren die meistgebrauchte Formel in der politischen Rhetorik. Sie kam nicht nur in der Weihnachts-Ansprache 2019 von Frank Walter Steinmeier mehrfach vor, sie wird inzwischen auch von rechtsradikalen Gruppen in Anspruch genommen. Wenn man das Wort ›Zusammenhalt‹ durch ›Gemeinsinn‹ ersetzt, verschiebt sich ein wenig die Perspektive. Wer Zusammenhalt sagt, denkt an etwas, das von oben zusammengehalten werden muss, weil es unter besonderem Druck steht. Mit dem Wort Gemeinsinn geht man nicht von einem Kollektiv wie der Gesellschaft aus, sondern von den Voraussetzungen der Einzelnen, die etwas einbringen. Diese Bewegung kommt von innen, nicht von außen, sie muss von den Menschen selbst aufgebaut werden. Zusammenhalt richtet sich gegen eine von außen oder innen kommende Gefahr: Wir halten zusammen gegen Spaltendes und Bedrohliches. Beim Gemeinsinn werden Einzelinteressen zurückgestellt und der Blick auf etwas Übergreifendes gerichtet, das jenseits von Herkunft und Zugehörigkeit verbindet. Gemeinsinn bedeutet nicht vordringlich, sich ein- und unterzuordnen, sondern den Anderen einzubeziehen. Er ist nicht das Gegenteil von Individualismus, sondern von Egoismus und fordert zu einem Denken in größeren Zusammenhängen und Bindungen auf.</p>
<h2>Die „unzivile“ Gesellschaft ist auf dem Vormarsch</h2>
<p>Wir stehen heute am Ende der Entwicklung der friedlichen Erfolgsgeschichte der EU. Das europäische Wir ist gespalten, was vor kurzem noch als Konsens gelten konnte, stößt heute an klare Grenzen der Zustimmung. Das Modell der zivilen Gesellschaft sieht sich inzwischen durch das Gegenmodell einer ›unzivilen‹ Gesellschaft in Frage gestellt. Daran ist nicht zuletzt das Internet beteiligt, in dem die Meinungs<em>freiheit</em> zur Meinungs<em>enthemmung</em> verkommen ist und kräftig zur Entfesselung von Hass, Hetze und Gewalt beiträgt. Demagogen haben Konjunktur, Hassrhetorik mit Shitstorms und Morddrohungen breiten sich aus und in Schockstarre erleben wir, wie sich Gewalt in Form von politischen, rassistischen und antisemitischen Anschlägen ausbreitet.</p>
<p>Es reicht aber nicht, nur über Spaltung und Hass zu sprechen, wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir Gemeinsinn wiederherstellen können – und das auf allen Ebenen – auf der Ebene der EU, der Nation, der Städte und der Schulen. Nach dem Fall der Mauer galt der Satz von Willy Brandt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!“ Heute gilt der Satz: „Jetzt wächst zusammen, was nicht zusammengehört.“ Deutschland ist mitten im Prozess der Umwandlung in ein Einwanderungsland und braucht entsprechend Raum und Zeit für Veränderung. Auf der Ebene der Städte und Kommunen werden die Herausforderungen konkret. Dabei wird beides sichtbar: Engagement für Integration sowie Blockierung, Fortschritte wie Provokationen. Je mehr wir den Raum einschränken, über den wir sprechen, desto offener treten die Probleme zutage. Kindergärten und Schulen sind heute der Ort, wo unterschiedliche kulturelle Identitäten, Herkünfte und Biographien aufeinandertreffen. Ein zusätzliches Einfallstor für Konflikte ist dabei die Parallelwelt des Internets, die massiv zur Verrohung der Kommunikation und zur Verherrlichung von Gewalt beiträgt – man denke nur einmal an die neue Achse zwischen Christchurch Neuseeland, Halle und Hanau!</p>
<h2>Regeln des Umgangs, die für <em>alle</em> gelten</h2>
<p>Bei der Suche nach einer deutschen Leitkultur, die die einen immer schon besitzen und die anderen jetzt schnell lernen müssen, werden stets die Unterschiede zwischen Einheimischen und Zugewanderten betont. Eine praktische Alternative könnte darin bestehen, sich auf verbindliche Regeln eines friedlichen Zusammenlebens und den Respekt gegenüber dem Anderen zu konzentrieren, also auf Regeln des Umgangs, die für <em>alle</em> gelten. Thomas Mann sprach in diesem Sinne einmal von einem ABC des Menschenanstands. Ich fasse diese Regeln unter dem Stichwort „Menschenpflichten“ zusammen und sehe in ihnen eine wichtige Ergänzung zu den ›Menschenrechten‹.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Menschenrechte und Menschenpflichten ergänzen sich.</p></blockquote></div>
<p>Während die Menschenrechte einen Stammbaum haben, der nur bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht, sind die Menschenpflichten seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in allen Kulturen und Religionen der Welt verankert. Ihr Leitsatz ist die goldene Regel: ›Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu‹. Dieses Grundgesetz des Gemeinsinns verbindet sich mit Grundregeln mitmenschlicher Solidarität, die sich in altägyptischen Beamtengräbern ebenso finden wie in den mittelalterlichen ›sieben Werken christlicher Barmherzigkeit‹. Das Christentum hat das Gebot der Nächstenliebe aus der jüdischen Tradition übernommen und in einem Katalog von Tugenden festgeschrieben, der alt- und neutestamentliche Gebote umfasst. Im Matthäusevangelium werden diese Tugenden mehrfach wiederholt:</p>
<p><em>Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben;<br />
ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben;<br />
ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt;<br />
ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;<br />
ich war krank und ihr habt mich besucht;<br />
ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. </em></p>
<p>Und der Refrain lautet jedes Mal:</p>
<p><em>Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. </em></p>
<h2>Das Weltkulturerbe der Menschenpflichten</h2>
<p>Die Menschenrechte und Menschenpflichten ergänzen sich. Die <em>Menschenrechte</em> sind politisch und gelten vertikal zwischen einer politischen Instanz und dem Einzelnen. Sie garantieren explizit die Grundlagen friedlichen Zusammenlebens. Aus der Achtung vor dem Leben und der Würde eines jeden Menschen leiten sich Rechte ab, die für alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität oder Rasse gelten sollen: das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, das Verbot von Sklaverei und Folter, Gedanken- und Glaubensfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohlbefinden. Die <em>Menschenpflichten</em> sind sozial und gelten horizontal zwischen Mensch und Mitmensch. Was ich erst später herausfand: 1997 wurden diese Regeln in Form von 19 ›Menschenpflichten‹ von einem ›InterAction Council‹ aktualisiert, von Staatmännern wie Helmut Schmidt und Shimon Peres unterzeichnet und „den Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt“. Dazu ist es leider nicht gekommen, weil sie dort in einer Schublade verschwanden und vergessen wurden. Zum Glück gibt es inzwischen eine Neuauflage: Norbert Thomassen (Hrsg.): <em>Verantwortung – Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten des InterAction Council in 40 Sprachen </em>(Groupello 2017). Es ist an der Zeit, diese Erklärung über Gemeinsinn, gegenseitigen Respekt und die Umgangsformen in der Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen und sie endlich als das anzuerkennen, was sie sind, nämlich ein uraltes Weltkulturerbe.</p>
<h2>Investitionen in eine neue politische Kultur</h2>
<p>Gemeinsinn ist weit mehr als eine schöne Tugend von besonders fürsorglichen und empathischen Menschen. Der Begriff steht vielmehr für ein aktives Sozialverhalten und eine politische Kultur, die weitergegeben, gelernt und täglich gelebt werden muss. Eine solche Kultur beruht auf einem neuen Kanon von Menschenpflichten im Sinne gelebter Demokratie im Alltag – als Verhaltensregeln in der Ehe und Familie, aber auch vor der Haustür, auf der Straße, in der Nachbarschaft, den Städten, Gemeinden und Vereinen und natürlich auch in den Schulen.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Gemeinsinn ist weit mehr als eine schöne Tugend.</p></blockquote></div>Für das soziale Lernen, das auch besondere Achtung gegenüber der natürlichen Umwelt einschließt, gibt es lange Erfahrungen, Expertise und konkrete Angebote, die nur wieder in die Praxis zurückfinden müssen. Wir alle sind aufgerufen, in das knappe und nachhaltige Gut Gemeinsinn zu investieren und die praktischen Regeln der Mitmenschlichkeit zu festigen. Wir brauchen sie, um die Bande der Gesellschaft gegen die Brutalisierung einer ›rohen Bürgerlichkeit‹ zu schützen, der fortschreitenden Einsamkeit und Isolation vieler Menschen etwas entgegenzusetzen und die Zivilgesellschaft in dem zu stärken, was sie ausmacht, nämlich Zivilität.</p>
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		<title>Gottvertrauen in Dilemma-Tagen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan Krebs]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 May 2020 14:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 2, Mai 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Geschöpflichkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<category><![CDATA[Theodizee]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit Wochen ist die Corona-Krise das alles beherrschende Thema. Mit dem folgenden Beitrag stellen wir diesem Heft bewusst eine theologische Annäherung voran. Andererseits wollen wir uns davon nicht völlig dominieren lassen: Auch in Corona-Zeiten bleiben andere Themen dieses Heftes wichtig.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Seit Wochen ist die Corona-Krise das alles beherrschende Thema. Mit dem folgenden Beitrag stellen wir diesem Heft bewusst eine theologische Annäherung voran. Andererseits wollen wir uns davon nicht völlig dominieren lassen: Auch in Corona-Zeiten bleiben andere Themen dieses Heftes wichtig.</p></blockquote></div>
<p>Dieser Text entsteht am 26. April 2020. Das muss man bei diesem Thema dazu sagen, denn es entwickelt sich täglich weiter. Im Moment freuen sich aktive Christen, dass sie im Mai wieder Gottesdienste feiern können. Die Bedingungen dafür werden viele allerdings ernüchtern: Keinerlei Körperkontakt, einzeln eintreten, Gesichtskontrolle am Eingang, Kranke bleiben draußen, Anweisung an festgelegte Plätze, einen pro zehn Quadratmeter, Mundschutz für alle und kein Gesang, kein Friedengruß, Abendmahl-Hostien mit Handschuhen und Zange, kein Kelch. So erobert nun das, was im Alltag schon fast eingeübt ist, auch die Kirchen: diese merkwürdige Mischung aus Misstrauen gegeneinander und Sehnsucht nach Miteinander. Ob da die schnell entwickelten Ersatzfeiern in den Medien nicht sogar schöner sind?</p>
<h2>Corona-Dialektik: Vereinzele dich, um der Gemeinschaft willen</h2>
<p>Die Ansage in Corona-Zeiten lautet: Vereinzelung, wo immer es geht. Ein christliches Kernanliegen ist aber, Menschen zusammenzubringen. Ein schönes Kinderlied bringt es auf den Punkt: „Einsam bist du klein, aber gemeinsam werden wir Anwalt des Lebendigen sein.“ Nun ist richtig: Einsam bist du groß, einsam sind wir Anwalt des Lebendigen. Die Corona-Dialektik lautet: Vereinzele dich um der Gemeinschaft willen. Dialektik ist nicht einfach. Das zeigt sich schon sprachlich: Was neudeutsch als <em>social distancing</em> bezeichnet wird, meint eigentlich <em>physical distancing</em>, um der sozialen Nähe willen.</p>
<p>Die Corona-Dialektik gilt auch im Großen. Länder schotten sich zwar gegeneinander ab. Aber das Corona-Virus schafft zugleich eine weltweite Pandemie-Gemeinschaft. In China stecken sich ein paar Menschen an Wildtieren an (wenn das denn so stimmt), und ein paar Monate später erstirbt in Europa das gesellschaftliche Leben, während die Weltwirtschaft auf Talfahrt geht! Deutlicher geht es nicht: Wir leben in <em>einer</em> Welt, wir sind eine globale Schicksalsgemeinschaft. Unwillkürlich denkt man an das Bild des Apostels Paulus von dem einen Leib mit seinen vielen Gliedern (1. Korinther 12). Ob das künftig helfen wird, auch die globalen ökologischen Gefahren zu bannen? Wenn man in einem gemeinsamen Kraftakt Ansteckungskurven unter einen kritischen Grenzwert drücken kann, dann geht das doch auch bei der CO2-Belastung der Luft.</p>
<h2>Schales Pathos</h2>
<p>Globale Schicksalsgemeinschaft – ist das womöglich schon zu pathetisch? Der Ruf nach der großen Solidarität hat auch einen schalen, ideologie-verdächtigen Beigeschmack. Denn natürlich erleben diese Zeit nicht alle gleich. Quarantäne gestaltet sich schöner im Haus im Grünen als in einer engen Etagenwohnung. In Deutschland ist besser überleben als in den USA oder Tansania. Mit einer Festanstellung in einer öffentlichen Institution lässt sich leichter home-officen als in der Selbstständigkeit ohne Verdienst. Und eine reduzierte Dividende ist immer noch besser als Kurzarbeit. Denkt man Solidarität intergenerativ weiter, muss man die junge Generation bedauern, die die horrenden Schulden, die jetzt gemacht werden, abzutragen hat.</p>
<p>Manches Pathos ist aber echt und berechtigt: Zur neuen Schicksalsgemeinschaft gehört das DANKE-Sagen bei denen, die die Hauptlast und das Hauptrisiko tragen. In der Not zeigen viele ihr gutes Herz durch Hilfsbereitschaft und Einfühlungsvermögen. Für die einen sind das jetzt selbstverständliche Zeugnisse ihrer Humanität, für andere der Nächstenliebe als Zeugnis ihres Glaubens. Diesen Haltungen steht der rigorose Egoismus entgegen, der sich im peinlichen Horten von Klopapier und mancher Gedankenlosigkeit zeigt. Auch diese Krise beleuchtet das Panoptikum des Menschlichen.</p>
<h2>„So Gott will und wir leben“</h2>
<p>Das Corona-Jahr 2020 schreibt sich für immer in unzählige Biografien hinein: Pläne, die zum Teil langfristig und bedeutsam sind, fallen in sich zusammen. Urlaube, Geburtstagsfeiern, Taufen, Hochzeiten, Konfirmationen und sogar Beerdigungen fallen aus. Das meiste davon ist unwiederbringlich verloren. Sportturniere und Volksfeste werden abgesagt. Geschäftsabschlüsse platzen, Jobs gehen verloren, Existenzen fallen in sich zusammen. Für die heute Lebenden ist das ein bislang ungekannter Kontrollverlust. Das Leben ist nicht so sicher, wie es scheint. Wir leben von Voraussetzungen, die wir selbst nicht schaffen können. Die aktuelle Situation bietet die Chance, besser zu verstehen, wie sich die Menschen früher gefühlt haben müssen. Sie hatten ja mit noch viel mehr Gefahren und Unwägbarkeiten zu rechnen. Ihnen stellte sich deshalb auch die Frage nach Gott anders, vielleicht intensiver, jedenfalls existenzieller. Der Glaube an Gott bannt die Gefahren zwar nicht, aber zumindest ist er ein Strohhalm, ein Anknüpfungspunkt für Hoffnung. Das haben früher viele Menschen mit drei Buchstaben ausgedrückt. Unter ihre Pläne setzen sie „s.c.J.“. Diese Abkürzung steht für <em>sub conditione Jacobea</em>. Zu Deutsch: Unter der Bedingung des Jakobus. Das <em>scJ </em>geht auf den biblischen Brief des Jakobus zurück. Der warnt vor Selbstsicherheit beim Pläne-Schmieden und schließt die seinigen ab mit der Bemerkung: „So Gott will und wir leben“ (Jakobus 4,15) – eine demütige Einschränkung aller Pläne. Vielleicht erlebt sie nun eine Renaissance und mit ihr auch die Einsicht in die Unverfügbarkeit Gottes sowie in die Fragilität menschlicher Existenz.</p>
<h2>Drei alte Bekannte</h2>
<p>Das Corona-Virus ist zwar neu, aktiviert aber alte theologische Bekannte. Dazu gehört die Frage: Ist das Corona-Virus Gottes Werk? Wie verhalten sich in einer grausamen Welt Gottes Allmacht und Liebe zueinander? Auf diese Frage haben schon vor und nach Martin Luther viele Theologen keine wirklich schlüssige Antwort gefunden. Luther sprach poetisch von der dunklen Seite Gottes, die er nicht verstehe. Er empfahl, umso intensiver die Liebe Gottes herbei zu beten. Das Corona-Virus mag neu sein. Die Erfahrungen, dass das Leben voller Gefahren steckt und dass Gott im Kern ein Geheimnis bleibt, sind es nicht. Dies trifft auch auf die Schöpfung als Gottes Werk zu: Sie ist nicht nur wunderbar, wie manche romantisch verklären, sondern auch grausam. Und das nicht nur in Pandemie-Zeiten, sondern in ihrem Wesen und damit ständig.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Will uns Gott mit dem Virus etwas sagen?</p></blockquote></div>
<p>Ein weiterer alter Bekannter ist das Bedürfnis, der Pandemie einen Sinn zu geben. Das führt zur Frage: Will uns Gott mit dem Virus etwas sagen? Etwa eine Zeit der Bewährung? Chance zur Läuterung? Strafe für Verfehlungen? Wendepunkt für einen bewussteren, ökologischeren Lebensstil? Solche Deutungen kann ich als persönliche Rezeption des Geschehens hinnehmen, nicht aber als objektivierte Ansage an die ganze Welt. Wenn es gut geht, können Opfer von schlimmen Erfahrungen daraus für sich einen Sinn finden. Aber eine Katastrophe hat in sich erst einmal keinen Sinn. Richtig schlimm wird es, wenn den Opfern von außen ein vermeintlicher Sinn abgefordert wird: Was hast du falsch gemacht? Lass dir dein Elend zum Guten dienen!</p>
<p>Ein dritter alter Bekannter ist die ethische Abwägung, bei der man sich immer die Hände schmutzig macht. Lange wurde sie bezüglich Corona nicht offen diskutiert. Da hieß es immer: Der Schutz von Menschenleben steht an vorderster Stelle. Die Wahrheit ist: Es muss abgewogen werden zwischen Infektions- und Todesrisiko, ökonomischen, psychologischen, sozialen, freiheitlichen und juristischen Schäden, die sich auch massiv auf das Leben von Menschen auswirken – bis hin zu Todesfällen. Dietrich Bonhoeffer hat dieses Dilemma am Beispiel des NS-Staates unvergleichlich reflektiert. In dieser Situation gab es für ihn keinen untadeligen Weg, nur ein Abwägen zwischen Schuld und Sünde. So entschied er sich mutig und voller Hingabe in Gottes Barmherzigkeit für den Weg, den er vor seinem Gewissen und vor Gott für verantwortbarer hielt: den Versuch des Tyrannenmords. In diesem Sinne ist beim Corona-Virus allen Verantwortlichen zu wünschen, dass ihnen dieses Dilemma bewusst ist und sie in der Prüfung ihres Gewissens und im Vertrauen auf Gottes Gnade abwägen und handeln können. Die Debatte darum ist offener geworden und das ist angemessen.</p>
<h2>Glauben, Vernunft und Verantwortung</h2>
<p>Nicht neu ist auch, dass sich religiöse Fundamentalisten aller Couleur blamieren: Orthodoxe Juden missachten Präventionsansagen des Staates und infizieren sich in großer Zahl. Evangelikale behaupten, echte Christen würden nicht krank. Orthodoxe Hardliner meinen, das Corona-Virus wegbeten oder austreiben zu können. Gott ist und bleibt auch für diese Gläubigen unverfügbar. Schon Luther wusste über die Einheit von Glauben, Vernunft und Verantwortung Besseres zu sagen. In seiner Schrift zur Bewältigung der Pest „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ von 1527 schreibt er – modern transkribiert: „Denke also: Der Feind hat uns durch Gottes Verhängnis Gift und tödliches Geschmeiß hereingeschickt, so will ich bitten zu Gott, dass er uns gnädig sei und werde. Danach will ich auch räuchern, die Luft helfen zu fegen, Arznei geben und nehmen, meiden Stadt und Person“.</p>
<h2>Bedeutung der analogen Welt, der Geschöpflichkeit</h2>
<p>Abstand halten, Kontakt vermeiden, alleine bleiben – zum Glück gibt es Medien, Computer. Damit kann man seine Zeit verbringen. Damit kann man Kontakt halten – mit der Welt und mit seinen Lieben. Gut, dass es das gibt. Aber es ist nicht genug. Corona macht neu bewusst, wie wichtig neben den virtuellen Weiten die analoge Wirklichkeit ist. Wir brauchen Nähe: Händeschütteln, jemanden umarmen, küssen, auf die Schulter tippen. Dies gibt es in der digitalen Welt nicht, sondern nur in der analogen Welt. Diese Welt voller haptischer Erlebnisse macht uns unsere Geschöpflichkeit neu bewusst. Wir sind Geschöpfe, Geschöpfe Gottes.</p>
<p>Dazu gehört auch das Neuerleben des eigenen Körpers: Bedroht, hoffentlich stark. Bei Infektion macht sich darin der Feind breit. Man muss die Viren im eigenen Körper dulden. Das macht den eigenen Körper fremd und rückt ihn zugleich in den Fokus. Man erfährt den Wert des eigenen Körpers als Träger des Lebens intensiver. Körper-Seele-Geist sind eine Einheit.</p>
<h2>Materialität im Abendmahl</h2>
<p>Den Aspekt der Materialität trägt das Abendmahl in die liturgische Praxis ein. In den Elementen Brot und Wein, aber auch beim Händehalten im gemeinsamen Segenskreis gehen Haptik und Spiritualität ineinander über. Vor diesem Hintergrund ist auch die Corona-Dialektik von Nähe und Distanz ein alter Bekannter. Die Angst vor Ansteckung prägte schon vor Jahrzehnten die Debatten um Gemeinschafts- und Einzelkelch. Gemeinschaft ist ohne Risiko eben nicht zu haben – auch nicht die des Heiligen Geistes.</p>
<p>Nun stellt sich die Frage erneut und zugleich auch neu. Was bedeutet die Materialität des Abendmahls im digitalen Zeitalter? Unter dem Eindruck der Corona-Beschränkungen haben die Leitenden Geistlichen betont, dass das volle Evangelium auch im Wort zu erfahren ist – auch via Medien. Der Verzicht auf den realen Gottesdienstbesuch und auf das Abendmahl schmälere also nicht die Gottesnähe. Was spricht also genau dagegen, Menschen via Medien zur Teilnahme am Gottesdienst und am Abendmahl einzuladen oder ihnen gar zu zeigen, wie sie auch alleine zuhause das Erinnerungsmahl an die Erlösungstat Jesu Christi feiern können? Das mag einem fremd vorkommen. Aber die jungen Digital Natives definieren Realität und Virtualität, Materialität und Gemeinschaft längst anders als die Altvorderen.</p>
<h2>Lehrstunde auch für die Kirchen</h2>
<p>Der Schock ging tief: Ein Osterfest ohne Feiern! Das setzte in der Kirche einen vorher nicht für möglich zu haltenden Kreativschub frei. Bislang hatte sie ehern auf den personalen Direktkontakt gesetzt. Nur wenige Ausnahmen zeigten großes Interesse an digitalen Medien. Nun gingen viele in die elektronischen Medien, andere hängten Predigten an öffentliche Zäune und Wäscheleinen. Termine wurden zu Videokonferenzen. So kam auch in der Kirche der enorme Modernisierungsschub ins Digitale an. Auch hier gilt, was in anderen Bereichen der Gesellschaft geschieht: Corona beschleunigt Entwicklungen, die ohnehin schon im Gange waren. Die Zukunft der Kirchen wird wohl digitaler sein. Ärzte, Therapeutinnen, der Einzelhandel, Musiker – alle gehen ins Netz. Die Kirche auch. Das nagt allerdings an ihrer Struktur. Das Internet überspringt mühelos alte Parochialstrukturen, landeskirchliche und konfessionelle Grenzen sowie zeitliche Fixierungen – Online-Gottesdienste können immer und überall verfügbar sein. Muss es überall an jedem Sonntag Gottesdienste geben, auch wenn nur wenige kommen? Bislang durfte man das nicht in Frage stellen. Nun haben wir erlebt: Es geht. Es geht auch anders.</p>
<h2>Nichtstun als Sinnverlust und Chance</h2>
<p>(Viel-) Beschäftigte wünschen sich oft, morgens einfach zuhause bleiben zu können, statt zur Arbeit zu fahren. Das wird für viele, die unter Quarantäne stehen, jetzt wahr. Betroffene merken dabei aber schnell, wie wichtig es ist, eine Arbeit zu haben, einen Grund zu haben das Haus zu verlassen, Kolleg*innen zu treffen und etwas Sinnvolles zu tun. Man spürt dabei an sich selbst: Arbeitslos sein ist nicht Freihaben, sondern Sich-nutzlos-Fühlen. Doch das plötzliche Mehr-Zeit-Haben eröffnet auch die Chance sich anders zu erleben, sich mit etwas zu beschäftigen, was bislang zu kurz kam. Eine Chance zu geistlicher Besinnung und intensiver zu leben.</p>
<h2>Gottvertrauen im freien Fall</h2>
<p>Mehr freie Zeit – das ist alles andere als beschaulich. Wenn oben kurz von der Weltwirtschaft die Rede war, so klingt das nach einem abstrakten, fernen Irgendwas. Doch zu dieser Weltwirtschaft gehören auch die Gaststätten an der Ecke, Unternehmensberater*innen, Handelsvertreter*innen, Fitness- und Nagelstudios und viele mehr, die nun nichts verdienen können, aber weiterhin ihre Miete zahlen müssen. Unser Wirtschaftssystem ist auf die Perfektionierung des Normalfalls ausgelegt. Wie kommt es mit einer solchen Ausnahmesituation zurecht? Ich bin gespannt. Mir scheint: Gerade fährt eine hochkomplexe Welt mit verbundenen Augen auf Sicht. Woher da Zuversicht nehmen? Im freien Fall der Sicherheit steigt das Gottvertrauen sprunghaft an – hoffentlich. Glauben kann eine Quelle der Zuversicht sein. Davon berichten starke Bilder aus der Bibel. Manche hat man schon so oft gehört, dass man sie kaum noch hören konnte. Nun entfachen sie wieder die Kraft, die ihnen innewohnt:</p>
<p><em>Der HERR ist mein Hirte,<br />
mir wird nichts mangeln.<br />
Er weidet mich auf einer grünen Aue<br />
und führet mich zum frischen Wasser.<br />
Er erquicket meine Seele.<br />
Er führet mich auf rechter Straße<br />
um seines Namens willen.<br />
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,<br />
fürchte ich kein Unglück;<br />
denn du bist bei mir,<br />
dein Stecken und Stab trösten mich. </em>(Psalm 23)</p>
<h2>Ausblick: Wird alles ganz anders?</h2>
<p>Fahren wir gerade nur durch einen finsteren Corona-Tunnel, dessen Licht am Ende uns wieder das alte Normal zurückbringt? Oder verändert Corona die Welt für immer? Manche behaupten das: Weniger materialistisch, achtsamer, ökologischer, spiritueller. Diese Hoffnungen haben fast schon die Qualität einer Umkehr, wie sie Johannes der Täufer forderte und in seiner Nachfolge auch Jesus predigte: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium?“ Schön wäre das. Doch Corona ist nicht die erste und wird wohl auch nicht die letzte Pandemie sein. So scheint mir die gegenwärtige Zeit mit Corona nicht mehr zu sein als eine, wenn auch besondere, Phase der Menschheitsgeschichte, deren Normalität sich ohnehin andauernd verändert. Insofern: Ja, Corona verändert etwas. Den Menschen selbst aber wohl eher nicht. Man darf gespannt sein.</p>
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