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	<title>evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Alexander Unzicker: Einsteins Albtraum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:32:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Physik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Alexander Unzicker stellt der physikalischen Forschung ein schlechtes Zeugnis aus. Er sieht die Disziplin im Niedergang begriffen, seit sie mit dem Ende des zweiten Weltkriegs sozusagen in amerikanische Hände überging und ihre Wurzeln, die „naturphilosophische europäische“ Denktradition, hinter sich ließ.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Einsteins-Albtraum.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-6511 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Einsteins-Albtraum-190x300.jpg" alt="" width="190" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Einsteins-Albtraum-190x300.jpg 190w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Einsteins-Albtraum.jpg 300w" sizes="(max-width: 190px) 100vw, 190px" /></a>Westendverlag 2022, 272 S., 20,00 EUR, E-Book 16,99 EUR</strong></p>
<p>Denkt man als Laie an die wissenschaftliche Disziplin der Physik und liest, was darüber in populärer Weise in die Medien kommt, neige ich oft zum ehrfürchtigen Staunen. Immer schwindelerregendere „Entdeckungen“ werden da propagiert oder Experimente im europäischen Kernforschungszentrum CERN durchgeführt, über die vorab sogar kolportiert wird, der Planet könne sich dabei auflösen. Die klügsten Köpfe in großer Zahl sind mit zusammengespanntem Sachverstand am Werk. „Theorien“ entstehen über das „Innerste“ der Natur und die Unendlichkeit des Kosmos. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird eine Objektivität (ihres Vorgehens wie auch ihrer Ergebnisse) bescheinigt, wie das für wenig andere Wissensgebiete gilt.</p>
<p>Aber ist diese Hochachtung auch gerechtfertigt? Oder hat sich da eine Disziplin mit ihren diversen „Fächern“ (Teilchenphysik, Hoch- und Niedrigenergiephysik, Quantenmechanik und so weiter) etabliert, die inzwischen eher das Etikett Esoterik als Wissenschaft verdient, Spekulation statt (bewiesene) Theorie? Alexander Unzicker stellt der physikalischen Forschung ein schlechtes Zeugnis aus. Er sieht die Disziplin im Niedergang begriffen, seit sie mit dem Ende des zweiten Weltkriegs sozusagen in amerikanische Hände überging und ihre Wurzeln, die „naturphilosophische europäische“ Denktradition, hinter sich ließ. Letztere habe sich mit realen Phänomen (Raum, Zeit, Materie) befasst und gefragt, welche elementaren Naturgesetze diese Phänomen bestimmten. Diesem Anliegen fühlten sich Genies wie Mach, Dirac, Schrödinger, Planck und natürlich Einstein verpflichtet. Symbol der Hinwendung zum amerikanischen, auf (ökonomische und militärische) Verwertbarkeit (und Macht) zielenden Denkweg war der Bau der Atombombe. Heute würde in Kernforschungszentren ein wahrer „Teilchenzoo“ zutage gefördert, die umso weniger Fundamentales repräsentierten, je größer ihre Zahl würde. Sog. „Standardmodelle“ der Physik bedürften zu ihrer Aufrechterhaltung immer komplizierterer, experimentell nicht nachgewiesener Annahmen.</p>
<p>Das alles liest sich sehr spannend und kulminiert in dem Ergebnis, dass die Krise der Physik nur Symptom der umfassenden Krise der „westlichen Zivilisation“ sei – unseres vorherrschenden kurzfristigen und nichtnachhaltigen Denkens.</p>
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		<title>Kerstin Herrnkind: Den Drachen jagen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Karin Richter]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:30:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Drogensucht]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Buch ist eine Art Selbsttherapie; die Autorin sucht in der Beschreibung ihrer Kindheit in einer dysfunktionalen Familie Gründe, warum ihr Bruder sein Leben nie in den Griff bekommen hat.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drachen.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6510 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drachen-181x300.jpg" alt="" width="181" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drachen-181x300.jpg 181w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drachen.jpg 300w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" /></a>Edition W 2022, 256 S., 20,00 EUR, E-Book 16,99 EUR</strong></p>
<p>Der blumige Titel täuscht: „Den Drachen jagen“ ist ein aus der chinesisch-kantonesischen Drogen-Kultur entlehnter Slang-Ausdruck und bedeutet, Heroin oder andere Substanzen zu inhalieren. Seine zweite Bedeutungsebene umschreibt die ewige Suche nach dem ultimativen (oft tödlichen) Drogen-Kick – wie im Fall des Bruders der Autorin.</p>
<p>Diese begibt sich auf eine sehr persönliche Spurensuche, wie es zu diesem Tod kam und warum sie und andere ihrem Bruder nicht helfen konnten: Sie beschreibt eine Drogenkarriere von der ersten Kifferei mit Freunden über das Ausprobieren verschiedener Drogen bis zum endgültigen Absturz; eine stete Abwärtsspirale, aus der es – trotz vieler Therapieversuche und wohlgesonnener Helfer*innen – kein Entrinnen gibt.</p>
<p>Das Buch ist eine Art Selbsttherapie; die Autorin sucht in der Beschreibung ihrer Kindheit in einer dysfunktionalen Familie Gründe, warum ihr Bruder sein Leben nie in den Griff bekommen hat. Sie schildert einen brutalen Vater, dessen Liebling der Bruder war, eine überforderte Mutter, selbst in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, und schließlich die Scheidung der Eltern und die Lebenswege der Geschwister. Sie fragt sich, ob sie als Schwester mehr hätte tun können, spricht von Schuldgefühlen.</p>
<p>Am Ende des Buches lässt sie Bekannte ihres Bruders zu Wort kommen, fast so, als ob sie froh ist, die Last seines unglücklich verlaufenen Lebens nicht alleine schultern zu müssen. Damit gelingt der Autorin eine abschließend sachliche Distanz und die Erkenntnis: „Uwe, wie gerne hätte ich dich beschützt, aber du hast dich nicht beschützen lassen.“</p>
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		<title>Elke Büdenbender, Eckhard Nagel: Der Tod ist mir nicht unvertraut</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Laura Brand]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:28:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Hospiz]]></category>
		<category><![CDATA[Sterbehilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Sterben]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Buchtitel scheint nicht nur eine kollektive, sondern auch die ganz persönliche Stimme der beiden Autoren Elke Büdenbender und Eckhard Nagel anzuklingen. In ihrem Buch sprechen beide offen nicht nur über persönliche Erfahrungen, sondern auch über ihre professionsspezifische Sicht als Juristin bzw. Mediziner auf die Themen Sterben, Tod und Trauer.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tod.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6509 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tod-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tod-193x300.jpg 193w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Tod.jpg 300w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a>Ullstein 2022, 224 S., gebunden, 24,00 EUR </strong></p>
<p>„Der Tod ist mir nicht unvertraut“ – im Buchtitel scheint nicht nur eine kollektive, sondern auch die ganz persönliche Stimme der beiden Autoren Elke Büdenbender und Eckhard Nagel anzuklingen. In ihrem Buch sprechen beide offen nicht nur über persönliche Erfahrungen, sondern auch über ihre professionsspezifische Sicht als Juristin bzw. Mediziner auf die Themen Sterben, Tod und Trauer.</p>
<p>Bereits in der Selbstvorstellung von Elke Büdenbender, Richterin und Frau des Bundespräsidenten, und Eckhard Nagel, Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften, werden erste eigene Erfahrungen mit dem Tod reflektiert. Beide berichten, wie der Tod anderer ihr Leben bzw. ihre Sicht auf das Leben verändert hat: Die Beschäftigung mit dem Tod ist immer auch Beschäftigung mit dem Leben. Diese Feststellung durchzieht das Buch wie ein roter Faden.</p>
<p>Zentrale Themen sind außerdem die Hospizbewegung, die Diskussion um die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid, die Würde des Menschen und die Rolle der Religion. Beide sprechen auch über die Bedeutung ritueller Formen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer insbesondere vor dem Hintergrund der Veränderungen infolge der Covid-19-Pandemie. Die gleichzeitige Betonung der Individualität des Trauerprozesses führt die Autoren schließlich zur grundsätzlichen Frage: „Was ist der Mensch?“</p>
<p>Das Buch verwickelt den Leser in ein Gespräch mit Elke Büdenbender und Eckhard Nagel. Als stiller Zuhörer wird er mit auf den Weg eines gemeinsamen Erkenntnisprozesses genommen, den beide mit ihren Fragen und Antworten nicht nur füreinander, sondern auch für den Leser ebnen.</p>
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		<title>Aktuelle Kirchentöne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:23:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[EKD]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensethik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumene]]></category>
		<category><![CDATA[Protestantismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Debatten um die Friedensethik, „Raus aus der Bubble“, WeltKlima und Ökumene. Ein Blick in die theologisch-gesellschaftsdiakonische Themenwerkstatt der Kirchenleitungen zeigt aktuelle Baustellen und was sich in der weltweiten Christenheit so tut.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Debatten um die Friedensethik, „Raus aus der Bubble“, WeltKlima und Ökumene. Ein Blick in die theologisch-gesellschaftsdiakonische Themenwerkstatt der Kirchenleitungen zeigt aktuelle Baustellen und was sich in der weltweiten Christenheit so tut.</p></blockquote></div>
<p>Annette Kurschus hat das schöne Wort geprägt, Aufgabe der Kirche sei, „einen anderen Ton in die Welt einzutragen“. Bei ihrer Wahl zur neuen Vorsitzenden des Rats der EKD betonte sie: Politische Stellungnahmen der Kirche sind wichtig. Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht noch dringlicher sei für die Kirche, theologisch-geistlich auskunftsfähig zu sein. An welche Töne ist da wohl zuerst zu denken? Welche Kirchentöne sind auf den verschiedenen Ebenen in Deutschland und weltweit besonders zu vernehmen?</p>
<p>Ganz aktuell: <strong>Die Melodie der Friedensethik</strong>. Traditionell versteht sich die EKD als ein Befürworter aktiver Friedenspolitik. Jetzt ist anlässlich aktueller Krisen die Debatte um das alte Dauerthema wieder voll entbrannt. Auf welche Weise lässt sich Frieden sichern oder herstellen? Während sich die frühere Vorgängerin im Amt, Margot Käßmann, klar für pazifistische Lösungsansätze positioniert, hat sich die aktuelle EKD-Spitze vorsichtig für eine Anpassung der bisherigen Friedensethik eingesetzt. Man sieht sich in einem Dilemma. (Dazu später mehr.)</p>
<p>Dann: „Raus aus der Kirchen-Bubble“. Die Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich, hat sich von Beginn an darum bemüht, enge Kirchenmauern zu verlassen, und das Gespräch mit Fernstehenden gesucht. Bei ihrer Präsestour im Sommer 2021 zog sie durch ganz Deutschland und ließ sich von verschiedensten Leuten einladen zum Gespräch über Gott und die Welt: <strong>Ein Ton des Milieugrenzen und Sprachbarrieren überbrückenden Dialogs</strong>.</p>
<p>Und schließlich die EKD-Klimakampagne. Damit soll auch kirchlich das Thema der Klimagerechtigkeit forciert werden. Ein nachhallender <strong>Anklang an</strong> <strong>ökologische Debatten</strong> und frühere evangelische und ökumenische Kirchenthemen wie ehemals „Bewahrung der Schöpfung“. Freilich ließe sich fragen, ob mit dem allem nicht doch nur wieder verdoppelt wird, was in der Gesellschaft sowieso schon kursiert? Gibt es hier einen spezifisch kirchlichen Ton? Man wird sehen, wie sich das im Weiteren gestaltet.</p>
<h2>Nicht jeden Schuh anziehen, der geworfen wird</h2>
<p>Während der gegenwärtige Themen-Mix also einige neue Generaldebatten enthält, hat die Ratsvorsitzende Kurschus auch bereits von mancher Lernerfahrung berichtet, die früheres EKD-Leitungspersonal ganz ähnlich machte: Dass man durchaus „nicht in jedes Mikrofon sprechen muss, das einem hingehalten wird“, sondern jeweils besonnen wählt. Und auch nicht über jedes Stöckchen springen muss, das der Kirche von wohlgesonnener oder weniger wohlgesonnener Seite hingehalten wird&#8230;</p>
<p>Die Kirche und die EKD muss sich ja nicht jeden Schuh anziehen, der auf sie geworfen wird! Angesprochen auf sinkende Mitgliederzahlen, weiß Annette Kurschus darauf hinzuweisen, dass bei diesen Zahlen nicht alles über einen Kamm zu scheren ist. Dass also mindestens die Hälfte davon in einem mathematisch-demografischen Effekt besteht. Die Bevölkerung in Deutschland ist dank medizinischen Fortschritts, guter Lebensqualität und anderen erfreulichen Umständen eine „alte“ geworden mit einem hohen Anteil über 70-Jähriger. Die nachwachsende Bevölkerung ist prozentual dazu geringer. Für eine Organisation, die traditionell in allen Bevölkerungsschichten gleichmäßig vertreten ist, bedeutet das logischerweise, dass bei nun prozentual steigenden Sterbezahlen aus Altersgründen, diese Organisation eben auch eine prozentual größere Einbuße zu verzeichnen hat. Das ändert nichts an Problemen, die auch sonst bestehen. Aber es ist statt falschem Alarmismus ein wohltuender Ton an Abgeklärtheit und Rationalität.</p>
<h2>Austritt muss nicht Desinteresse heißen</h2>
<p>Auch ein Kirchenaustritt von Jüngeren muss übrigens ja keineswegs bedeuten, dass zu Spiritualität und Glaube keine Affinität besteht. Wenn jemand aus einer Partei austritt, hört er deswegen auf, sich für Politik zu interessieren? Wohl kaum – jedenfalls nicht immer. Im Gegenteil ist das oft ein hochpolitischer Akt, weil zu den politischen Zielen oder der politischen Kultur einer Partei nicht länger Übereinstimmung besteht. So muss auch ein Kirchenaustritt längst nicht immer signalisieren, dass sich jemand für Theologie und Kirchenthemen nicht (mehr) interessiert …</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Nicht jeder, der aus einer Partei austritt, hört auf, sich für Politik zu interessieren.</p></blockquote></div>
<p>Anna-Nicole Heinrich gab sich betont überparteilich bei ihrem Amtsantritt und das wurde von nicht wenigen auch merklich wohlwollend registriert. Bei einem Termin an der katholischen Thomas-Akademie in Linz sprach sie in ihrem Festvortrag denn auch nicht über Tagespolitik, sondern über Zukunftsperspektiven einer menschenzugewandten Kirche und dass sie mit einem bewussten Auftreten als Christin bei vielen Anlässen auch immer wieder Resonanz und Neugierde erlebt.</p>
<h2>Aktionsflächen und Debattenkreise</h2>
<p>Das führt zu den vielen (vermeintlich) „kleineren“ Projekten, Veranstaltungen und Aktionen, die bei Kirchens stattfinden. Oft ganzjährig oder jedes Jahr aufs Neue. Über die in ihrer Breite jedoch teilweise nur rudimentär berichtet wird. Die in Summe jedoch ein sehr volles, schier überbordendes, jedenfalls sehr vielseitiges, reichhaltiges und vitales kirchliches Leben offenlegen. Zum Beispiel gab es das ganze Jahr 2021 und auch noch 2022 die breit rezipierte Aktion „<em>beziehungsweise</em>“ zum jüdisch-christlichen Gespräch. Jeden Monat ein neues Themenmotto mit dazu passendem Plakat. Viele Kirchengemeinden haben daran partizipiert.</p>
<p>Oder der alljährlich stattfindende Weltgebetstag der Frauen und der neu etablierte Weltgebetstag der Kinder, die in Deutschland und weltumspannend in weit über 100 Ländern mit viel Herzblut und Engagement oft monatelang vorbereitet werden. Rund 800 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer allein in Deutschland auch dieses Jahr, was neben einer dürren epd-Meldung dann in der Berichterstattung und öffentlichen Aufmerksamkeit aber schnell wieder versandet.</p>
<p>Oder die erfolgreiche, viel gefragte und weiterhin anwachsende Vesperkirchenbewegung (vgl. <em>evangelische aspekte</em> 2/2019). Man könnte auch die alljährliche Friedensdekade nennen, und anderes mehr. Eine allgemeine „Schwundlyrik“ muss und sollte man also bei Kirchens nicht unbesehen übernehmen.</p>
<p>Auf dem Buchmarkt wurde in 2021 erfolgreich die neue Übersetzung der „Basisbibel“ platziert. Über 215 000 verkaufte Exemplare können sich sicher sehen lassen. Vergleich: die neue Luther-Bibel 2017 wurde im ersten Vierteljahr rund 320 000 Mal verkauft. Man darf gespannt sein, was sich die EKD zum Jubiläum der Lutherübersetzung 2022 einfallen lässt. Die Übersetzung hatte ja damals zu vielen weiteren volkssprachlichen Bibelübersetzungen angeregt (finnisch, niederländisch, ungarisch&#8230;). Sie gab vielen Christenmenschen das Original erstmalig zum Selberlesen in die Hand. Es war die erste Übersetzung aus dem ursprachlichen Text ins Deutsche. Und sie hat durch die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache für die Verständigungsmöglichkeiten zwischen dem niederdeutschen und süd- und mitteldeutschen Raum eine nicht unwichtige Grundlage gelegt.</p>
<p>Wenn man so will, kann man die Bibel mit ihren beiden Teilen ja generell als <em>das </em>Urdokument schlechthin für die dann sogenannte jüdisch-christliche Tradition bezeichnen (Tanach/Altes Testament: Judentum. Neues Testament: Christentum). Eine Tradition, die – siehe das genannte Projekt „beziehungsweise“ – bis heute und seit über 1700 Jahren einen sehr angeregten gegenseitigen Austausch in Gang halten oder in Gang setzen kann.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Für Schwundlyrik kein Anlass.</p></blockquote></div>
<p>Was tut sich in der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland? Als kleiner oder mittelgroßer Player, der sich nicht direkt mit den umfassenden Möglichkeiten des EKD-Kirchenamts vergleichen kann (aber fast!), werden doch ebenfalls zahlreiche interessante, inhaltsreiche und vielversprechende Beiträge gesetzt: Tagungen zu Bonhoeffer oder zur Widerständigkeit christlichen Ethos, Vorträge zu Viktimisierung und Debattenkultur (Aleida Assmann), Inspirationen aus Bibeldialogen, Arbeitskreise zu Themen wie Nachhaltigkeit oder zum Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaft, Bildungsreisen – das alles belegt ein weitgespanntes Tätigkeitsfeld und eine thematische Bandbreite, die sich nicht verstecken muss. Nicht nur mit dem Projekt „Expedition ins jüdische Westfalen“ ist dabei der genannte Gesprächsfaden innerhalb der jüdisch-christlichen Tradition auch innerhalb der Evangelischen Akademikerschaft präsent. (Was lebhafte, energische und klärende Kontroversen nicht ausschließt, sondern ermöglicht!)</p>
<h2>Und in der weltweiten Ökumene?</h2>
<p>Während in der katholischen Kirche die vom Vatikan initiierte Weltsynode auf die jeweiligen Kontinentalprozesse in der Fläche zusteuert, und während in Deutschland der Synodale Weg eine weitere Etappe nimmt, findet im Kontext ausklingender Pandemiebestimmungen der 102. Katholikentag im Mai in Stuttgart statt. Kaum vorzustellen, dass dabei Fragen der Friedensethik keine Rolle spielen werden. Als Gast wird übrigens Anna-Nicole Heinrich im Programm des Katholikentags vertreten sein. Mit der jüngsten Kurienreform in Rom wurde ja auch katholischerseits Frauen und Laiinnen die Möglichkeit gegeben, Positionen in vorderen Rängen einzunehmen. Vielleicht wird die Einladung zum Katholikentag (da sollten die deutschen Protestanten gut aufpassen) für die EKD-Synodenpräses zu einem Abwerbeversuch?</p>
<p>Beim Thema Friedensethik zeichnet sich jedenfalls in mancher Hinsicht ebenfalls, zumindest teilweise, ökumenischer Gleichklang in etlichen Einschätzungen ab. Denn die EKD scheint sich auf Positionen einer »Komplementären Friedensethik« (vgl. <em>evangelische aspekte </em>2/2021) zuzubewegen, bei der einerseits um die Notwendigkeit eines staatlichen Gewaltmonopols in einer noch nicht befriedeten Welt gewusst wird, andererseits das ganze Gewicht auf friedenserhaltenden Maßnahmen liegt und Initiativen der Diplomatie stets Vorrang haben. Soldaten „schaffen Raum für politische Verhandlungen, sind aber auf Dauer nur erfolgreich, wenn zivile Friedensarbeit den Frieden stabilisiert.“ Womit die EKD und ihre Vorsitzende Annette Kurschus durchaus an frühere Überzeugungen anknüpfen kann, z.B. die von der Staatsaufgabe, „nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“ (Barmer Theologische Erklärung V), wie das ja auch alten evangelischen Grundüberlegungen entspricht. Dass dabei die Forderung des EKD-Friedensbeauftragten Friedrich Kramer, die Kirche solle laut die Stimme des Friedens erheben, ebenso als ureigener Kirchenton gehört werden muss, wie die sympathische pazifistische Grundstimmung einer Intervention wie der von Margot Käßmann (vgl. auch unsere Heftausgabe zu Pazifismus,<em> evangelische aspekte</em> 4/2014), versteht sich dabei in Kirchenkreisen gewiss von selbst.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Unsere Erde, der Duft der Blumen und der Gesang der Vögel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Antje Rösener]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:11:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Anmut]]></category>
		<category><![CDATA[Gnade]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>
		<category><![CDATA[Ruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Schwäche]]></category>
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					<description><![CDATA[„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ (2. Korinther 12,9)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ (2. Korinther 12,9)</p></blockquote></div>
<p>Vor einiger Zeit stand ich staunend vor ihr. Endlich hatten wir sie gefunden. Die kleine Meerjungfrau im Hafenbecken von Kopenhagen. Gerade mal 1,25 m groß. Nationalsymbol von Dänemark. „Mickrig ist sie“ – hatte mich ein Freund schon vorgewarnt. Meine Tochter und ich hätten sie tatsächlich fast übersehen. Keine breiten Boulevards führen zu ihr. Keine Imbissbuden und Souvenirstände säumen ihren Weg. Weit und breit niemand zu sehen. Alles ganz ruhig – außer dem Geschrei einiger Möwen und dem Plätschern der Wellen.</p>
<p>Mickrig fanden wir sie nicht. Eher zart, anmutig, versonnen, gedankenverloren. Eine große Ruhe ausstrahlend. Schön anzusehen auch, wie sie da hockte auf den großen Steinen. Ich musste daran denken, wie ich in Paris zum ersten Mal unter dem Eiffelturm stand und meinen Kopf in den Nacken warf. Was für eine Wucht, was für eine Größe. 330 m hoch ist dieses Eisen-Monument, das bekannteste Wahrzeichen von Frankreich.</p>
<p>Auch mein erster Blick auf das Brandenburger Tor in der damals noch geteilten Stadt Berlin kam mir in den Sinn. Ich war dreizehn, als mich mein Vater zum ersten Mal mit nach Westberlin nahm. Was für ein monumentales Tor! Der preußische König Friedrich Wilhelm II. ließ es 1789 am Ende der Prachtstraße „Unter den Linden“ errichten. Prunkvolle Paraden mit vielen Rossen und ihren Reitern…, ich konnte mir das lebhaft vorstellen.</p>
<p>Hier im Hafen von Kopenhagen nun eine kleine Märchenfigur. Mehr Frau als Mann, aber schlussendlich gar nicht ganz von dieser Welt. Der Dichter Hans Christian Andersen erzählt ihre tragische Geschichte: Als jüngste von sechs Meerestöchtern lebt sie unglücklich am Grunde des Meeres in einem Wasserschloss und sehnt sich nach einem Leben auf der Erde. Sie träumt von dem Duft der Blumen auf der Erde und „dass die Fische, die man dort zwischen den Bäumen sah, so laut und herrlich singen könnten, dass es eine Lust sei.“</p>
<p>Die Geschichte endet tragisch. Ihre Liebe zu einem irdischen Prinzen wird nicht erwidert, obwohl sie für ihn sogar Menschengestalt annimmt. Als er sich mit einer anderen Frau vermählt, stirbt die Meerjungfrau und löst sich in Schaum auf. 1913 wird sie am Rande des Hafens von Kopenhagen wiederaufgebaut, nun in Bronze gegossen und eroberte seitdem die Herzen von Menschen in aller Welt.</p>
<p>Nationale Symbole können Macht, Prunk und (Mannes-) Kraft ausstrahlen. Die meisten tun genau das. Aber sie müssen es nicht. Sie können auch sehr klein sein und Anmut, Ruhe und Nachdenklichkeit verkörpern. Sie können Geschichten erzählen wie diese: Von einem Wesen, das am Meeresgrund lebt, aber diese Erde über alles liebt: Den Duft der Blumen und den Gesang der Vögel.</p>
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		<title>Fundiertes Wissen allein hat die Menschheit noch nie geleitet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michael Blume]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:08:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Über die Zukunft von Religion, Politik und Wissenschaft befragt Hermann Preßler den Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Redaktionsmitglied Hermann Preßler befragt den Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume.</p></blockquote></div>
<p><strong>Herr Dr. Blume, religions- und politikmüde sind viele Menschen geworden und wollen von beiden Feldern unseres gemeinschaftlichen Lebens nicht mehr viel wissen. Dabei hat man den Menschen einmal bestimmt als soziales, politisches („zoon politikon“, Aristoteles) und als religiös veranlagtes Wesen („homo religiosus“). Warum entziehen sie sich heute dieser Bestimmung?</strong></p>
<p>Meine Doktorarbeit schrieb ich über Religion in der Hirnforschung, die damals noch sogenannte „Neurotheologie“. Und obwohl ich da entlang der klassischen Trennung von Kultur- und Naturwissenschaften kritisch war, musste ich dann doch einräumen: So wie Musikalität, Kreativität, aber auch zum Beispiel Aggressivität, haben auch Religiosität und Spiritualität neurobiologische Grundlagen. Theologinnen und Theologen mögen bewerten, ob das auf eine „Bestimmung“ verweist; als Religionswissenschaftler bleibe ich da lieber beim „Potential“. Also: Menschen haben aus ihrer Evolutionsgeschichte das Potential auch zu individuell sehr unterschiedlichen Zugängen zu Musikalität, Religiosität und Spiritualität geerbt. Deswegen sind dies auch menschliche Universalien, die wir in allen Kulturen beobachten können, die aber immer auch kulturell erlernt werden und sich auch individuell unterschiedlich ausprägen. Christentum oder Hinduismus, Jazz oder Chorgesang lassen sich also weder biologistisch noch kulturalistisch reduzieren.</p>
<p><strong>Heißt das, wir verlernen gerade etwas Wesentliches? Sind bestimmte kulturelle Bedingungen im Moment dem „Potenzial“ abträglich? </strong></p>
<p>Tatsächlich erhalten wir heute über immer mehr Medien so viele schon von Hans Blumenberg als Gefahr erkannte Kunstmythen höchster Qualität, dass die religiösen Mythologien oft verdrängt werden. Auch ich selbst habe ja meine Begeisterung für die Welt der Mythen erst einmal über Fantasy und Star Wars entdeckt, bevor mich dann die Homo oeconomicus-Mythen der Finanzausbildung tief abgestoßen haben. Gerade auch bürgerliche und liberale Menschen verfallen heute in einen plumpen Guter-Markt-Böser-Staat-Dualismus. Anders formuliert: Unser mythologisches Potential bleibt aktiv, aber aufgeklärte Religiosität hat es schwer gegen fundamentalistische Vereinfacher einerseits und eine Vielzahl von oft religionsnahen, multimedialen Kunstmythen andererseits. Aufgeklärte Kirchen arbeiten sozusagen mit gesundem, aber anspruchsvollem Obst gegen schmackhaften und preiswerten Industriezucker.</p>
<p><strong>Als Antisemitismusbeauftragter sind Sie auch ein Vermittler, sprechen mit unterschiedlichen Religionsvertretern, sind überzeugt, dass religiöse Traditionen zum gesellschaftlichen Frieden statt zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen können. Hoffnung oder Wunschdenken?</strong></p>
<p>Ganz klar: Realismus. Denn zu den erwähnten, neurobiologischen Grundlagen kommt auch noch die Demografie hinzu: Religiös praktizierende Jüdinnen, Christinnen und Musliminnen haben im Durchschnitt mehr Kinder als Säkulare. Wir kennen sehr viele religiöse Traditionen wie die christlichen Amish oder die jüdischen Haredim – Ultraorthodoxe –, die über Jahrhunderte hinweg sehr kinderreich geblieben sind. Mit der Abkehr von den Religionen ging dagegen bisher immer und ausnahmslos ein Einbruch der Geburtenraten unter die Bestandserhaltungsgrenzen einher. Zumindest in einer freiheitlichen Gesellschaft ist also weder die Vorherrschaft einer einzelnen religiösen Tradition noch eine völlige Säkularisierung zu erwarten. Entweder wir lernen einen gelingenden Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Pluralität oder wir hinterlassen kommenden Generationen noch ein Problem mehr.</p>
<p><strong>Damit beschreiben Sie aber lediglich, dass religiöse Traditionen wohl nicht verschwinden werden. Welche Voraussetzungen aber ermöglichen uns diesen Umgang?</strong></p>
<p>Im Kern geht es um den Mut, „Nein“ zu sagen: Nein zu nur noch unverbindlichen Beziehungen, zur Maximierung nur des eigenen Einkommens, zu immer mehr Zerstreuung. Ich wage die Prognose, dass man Christinnen und Christen der Zukunft weniger an prunkvollen Gebäuden und Gewändern, sondern an ihren Zeit-Opfern erkennen wird: Zeit fürs Gebet und den Dialog, für die Familie und Ehrenämter, für Bücher und Spiritualität. Gerade auch Kinder und Enkel stehen quer zur Logik von Markt und Verschwörungsglauben, die letztlich Geschichten über Egoismus und ein baldiges Weltenende erzählen. Die Generation meiner Kinder diskutiert intensiver denn je die sogenannte Anthropodizee – ob weitere Menschen noch erlaubt wären. Wer gegen das Leid keine religiösen Hoffnungen hat, wird das häufiger verneinen.</p>
<p><strong>Vorausgesetzt der Mensch ist unaufgebbar religiös – muss er dann dennoch religiös aufgeklärt werden, damit er nicht religiös beliebig glaubt und handelt? Mit anderen Worten: Welche Aufgaben haben die in unserem Land hauptsächlich vertretenen Glaubensgemeinschaften, die Kirchen, die Synagogen, die Moscheen – könnten sie ein tragfähiges gemeinsames Ethos transportieren?</strong></p>
<p>Da darf ich direkt mit Charles Darwin antworten, der ja seinen einzigen Studienabschluss in anglikanischer Theologie erworben hat, antisemitische Verschwörungsmythen ablehnte und die Evolutionsforschung zur Religiosität schon in der <em>Abstammung des Menschen</em> von 1871 in eigenen Unterkapiteln anlegte. Darwin beschrieb die natürlichen Anlagen zum Glauben und forderte auf, diese dann aber kulturell und rational zu bedenken. Ein echter Monotheismus war nach seiner Auffassung nur als Kombination aus Natur und aufgeklärter Kultur erreichbar. In seinem letzten Lebensjahr begeisterte sich der Agnostiker noch für ein Buch eines irischen Kollegen, der über ein Emergenzmodell Religionen und Naturwissenschaften miteinander verknüpfte. Mein Buch dazu <em>Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe</em> erschien schon 2013 bei Herder und ist mindestens als E-Book noch erhältlich.</p>
<p><strong>Aber Sie erklären uns doch, was unter diesem „Emergenzmodell“ zu verstehen ist?</strong></p>
<p>Zwischen einem Reduktionismus, nach dem alles nur aus Physik besteht, und einem Dualismus, nach dem Materie und Geist strikt getrennt wären, steht der Emergentismus: Kein Atom ist für sich lebendig, aber mehrere Atome können eine lebendige Zelle bilden. Keine Nervenzelle hat für sich ein Bewusstsein, aber zusammen können sie eine menschliche Psyche hervorbringen. Und kein Mensch ist nur für sich Christ, aber wo zwei oder drei in Jesu Namen zusammenkommen, sei er mitten unter ihnen. Etwas trockener formuliert: Wo sich Elemente zu Systemen zusammenschalten, emergieren neue Systemeigenschaften. Wir sehen das übrigens auch im Konzert der Wissenschaften: Astronomen können mit einem Taschenrechner die physikalische Bahn eines Kometen über Jahrzehnte vorausberechnen. Aber die menschliche Sozialpsychologie ist so unreduzierbar komplex, dass kein Supercomputer das Ergebnis einer demokratischen Wahl auch nur drei Monate vorausberechnen kann. Wir sind von Natur aus nach oben offen.</p>
<p><strong>Einerseits ist unser Alltag naturwissenschaftlich-technisch durchorganisiert. Andererseits leben wir in einer vom Streben nach individueller Freiheit bestimmten Zeit. Nun sehen wir, wie angesichts der Klimakrise und der COVID-19-Pandemie den Wissenschaften und der Demokratie von einer lautstarken, zum Teil aggressiven Minderheit die Zustimmung entzogen wird. Wie kommt es, dass fundiertes Wissen nicht mehr Richtschnur des Handels ist, und manche noch „freier“ sein möchten, als sozusagen die liberale Demokratie erlaubt? </strong></p>
<p>Ich denke, dass fundiertes Wissen in der Evolutionsgeschichte niemals die Richtschnur menschlichen Handelns war, sondern stets eine Mischung aus mythologisch verpacktem Erfahrungs- und Orientierungswissen mit mehr oder weniger fundierten Beobachtungen. Die enorm schnelle Verwissenschaftlichung unserer Gesellschaft – noch nie gab es einen Pandemie-Impfstoff gleich im ersten Jahr! – löst also nicht zufällig auch Ängste und Verschwörungsmythen aus. Hinzu kommt, dass unser mit Fallpauschalen und Renditeorientierung marktradikal und also miserabel gestaltetes Gesundheitssystem bei großen Teilen der Bevölkerung zu Misstrauen und verstärkter Nachfrage nach „sanfter“, teilweise auch esoterischer Heilkunde geführt hat. Der riesige Reformbedarf wird nun sichtbar.</p>
<p><strong>In Ihrem Buch setzen Sie sich mit dem in eine jüdisch-christliche Familie geborenen Philosophen Karl Popper (†1994) und dessen Ideal der „offenen Gesellschaft“ als der Verfasstheit wahrhaft demokratisch gesinnter Bürger*innen auseinander. Popper verbindet sein politisches Denken mit einer Erinnerung an den Juden Jehoschua, dem Jesus des christlichen Glaubens. Der Begriff der „Verantwortung“ ist dabei das Leitmotiv – eine bleibende Orientierung im 21. Jahrhundert?</strong></p>
<p>Oh ja – ich war ja schon als nichtreligiöser Jugendlicher „Popperianer“, bevor ich mich dann als junger Erwachsener für die Taufe in die evangelische Landeskirche entschied. Für mich war es sehr verblüffend zu entdecken, wie positiv und reflektiert der Humanist Popper in seiner „Offenen Gesellschaft“ über das Christentum schrieb. Das Ertragen wissenschaftlich schmerzhafter Erkenntnisse einerseits und das Mit-Leiden mit Leidenden andererseits belegte er gleich mehrfach mit der Metapher vom „Tragen des Kreuzes“! Ich denke, hier liegen bislang verborgene Ansätze für eine künftige, sowohl christliche wie auch humanistische Spiritualität des Wissens und Hoffens. Und ich wollte, dass man meinem neuen Buch noch die tiefe Verblüffung über diese Entdeckung anmerkt.</p>
<p><strong>Können Sie uns diese Spannung bitte noch etwas erläutern? </strong></p>
<p>Popper schrieb in beiden Bänden der <em>Offenen Gesellschaft</em>, dass sich der Mensch in einen vermeintlich stabilen Naturzustand zurücksehne, was „falsche Religionen“ wie der Nationalismus oder Kommunismus bedienen würden. Dagegen gelte es, unabhängig von der eigenen Religion oder Weltanschauung gemeinsam mit dem „wahren Christentum“ das empathische Mit-Leiden wie auch das Er-Tragen unbequemer Wahrheiten zu kultivieren. Das Ganze mündet dann schließlich in der Aussage „Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir Menschen sind.“ Und dies äußerte Popper ausdrücklich nicht als christliches Glaubensbekenntnis, sondern als humanistischer Philosoph und Rationalist!</p>
<p><strong>Wagen wir einen Blick bis in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts: Wie werden sich die Hüter der großen Traditionen des Judentums, Christentums und des Islams in unserem Land positionieren, welches die Gesellschaft integrierende Potenzial werden sie entfalten können?</strong></p>
<p>Die Kirchen und Religionen werden stark geschrumpft sein und sich über digitale Medien in wissenschaftsoffene Monisten und verschwörungsgläubige Dualisten aufgespalten haben. Ein Wachstum wird einerseits von kinderreichen Fundamentalisten ausgehen, aber zarter auch von jenen aufgeklärten Traditionen, die Glauben, Liebe und Hoffnung sowohl durch zeitintensive Familien- und Jugendarbeit wie auch durch eine Bejahung von Dialog und Wissenschaft vorleben. Ich behaupte sogar, dass wir den Beginn dieses dynamischen und riskanten Prozesses in Europa, Nordamerika, Israel und Indien bereits beobachten können.</p>
<p><strong>Was für ein „Dualismus“ ist das, der verschwörungsgläubig macht?</strong></p>
<p>Von Rabbi Lord Jonathan Sack (†2020) stammt die Beobachtung, dass wir Menschen wohl nur in zwei sozialpsychologischen Modi über andere Menschen denken können: Entweder wir nehmen uns monistisch als Teil derselben Welt wahr, respektieren Vielfalt und gestehen auch Konkurrenten und sogar Feinden Menschenwürde und die Möglichkeit der Versöhnung zu. Oder aber wir spalten die Menschheit in unsere vermeintlich absolut gute Eigengruppe und die vermeintlich absolut bösen Feinde, die uns durch Angriffe und Verschwörungen angeblich ständig bedrohen. Sacks rief Angehörige aller Religionen und Weltanschauungen auf, wie die frühen Rabbiner nach der Zerstörung des Zweiten Tempels auch ihre eigenen Traditionen auf die Gefahren des Dualismus zu befragen. Gerade auch der Antisemitismus sei die weltweit führende Ausprägung des Dualismus geworden und könne heute jedes Milieu befallen. Ich behaupte: Rabbi Sacks hatte Recht.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Michael Blume: <em>Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus</em>. Patmos Verlag 2021</p>
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		<title>Feindbilder durch Begegnung überwinden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 09:07:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[Feindbilder]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Versöhnung]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Krieg in der Ukraine hat auch die Friedens- und Begegnungsarbeit mit ukrainischen und russischen Gruppen zum Erliegen gebracht. Dennoch versuchen Organisationen und kirchliche Werke Kontakte aufrechtzuerhalten und rufen weiterhin zu Frieden, Versöhnung und Begegnung auf.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Krieg in der Ukraine hat auch die Friedens- und Begegnungsarbeit mit ukrainischen und russischen Gruppen zum Erliegen gebracht. Dennoch versuchen Organisationen und kirchliche Werke Kontakte aufrechtzuerhalten und rufen weiterhin zu Frieden, Versöhnung und Begegnung auf.</p></blockquote></div>
<p>Vor gut einem Jahr gab es noch eine regelrechte Aufbruchsstimmung trotz der schrecklichen Erinnerungen. Anfang 2021 gedachte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 80 Jahre zuvor im Jahr 1941. Ein ganzes Heft der Mitgliederzeitschrift widmete die Organisation dem jahrelangen Leid, das darauf folgte. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass nur wenige Monate später, Russland mit einem brutalen Überfall auf die Ukraine einen Krieg in Europa anzetteln würde und dass damit ein wichtiger Teil der Versöhnungsarbeit des Volksbunds zu Ende wäre.</p>
<h2>„Impfkampagne“ gegen Nationalismus und Rassismus</h2>
<p>Anfang 2021 verabschiedete sich die damalige Generalsekretärin Daniela Schily mit einem persönlichen Bekenntnis nach sechsjähriger Tätigkeit vom Volksbund: „Es hat mich berührt, wie tief Kriege und Gewalterfahrung uns Menschen auch nach Jahrzehnten noch verletzen“, schrieb sie. „Und es hat mich motiviert, dass wir im Verein Impulse setzen können, die aus der schmerzlichen Erfahrung zur Mahnung, Bildung und Gestaltung einer freien und friedlichen Zukunft beitragen“, fügte sie hinzu. Und sie erläuterte, dass durch die Ausgestaltung der Kriegsgräberstätten zu Lernorten, durch die Aufarbeitung von Kriegsbiographien und durch weitere Projekte der Begegnung und Bildung der Volksbund nachfolgenden Generationen vermittelt, welche Auswirkungen Kriege und Gewalt haben. In Schulen, Jugendbegegnungsstätten, bei Workcamps und weiteren Formaten ermögliche der Volksbund jungen Menschen aus vielen Ländern, gemeinsam die Geschichte unseres Kontinents buchstäblich zu „erfahren“. Dies ist für Schily die „Impfkampagne“ des Volksbunds, um Menschen gegen Nationalismus und Rassismus zu immunisieren.</p>
<h2>Internationale Friedens- und Jugendarbeit</h2>
<p>Für den Sommer 2022 hatte der Volksbund auch Begegnungen für junge Menschen in Kiew und St. Petersburg im Programm. Es sind so genannte binationale Projekte. Erstmals kommt zum Beispiel im geschichtsträchtigen Monte Cassino in Italien eine Gruppe aus Deutschland und Polen zusammen. Eine weitere Premiere im Programm ist das deutsch-griechische Camp in Nafplio, wo Jugendliche diskutieren, wie sich die Europäische Union für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzt. Sicher wird es dabei auch um den Krieg in der Ukraine gehen. Abgesagt werden musste nicht nur die deutsch-ukrainische Jugendbegegnung in Kiew, sondern auch die Erkundung von historischen Spuren im russischen St. Petersburg, dem „Venedig des Nordens“. Der Volksbund bedauert, dass die Friedens- und Jugendarbeit unter den aktuellen Bedingungen weder in der Ukraine noch in Russland und Belarus möglich ist.</p>
<h2>Der direkte Austausch verbindet über Gräben und Gräber hinweg</h2>
<p>Den direkten Austausch fanden die Beteiligten entscheidend. Niklas Schmid zum Beispiel, der die deutsch-russische Jugendbegegnung Hamburg-St. Petersburg seit längerem betreut hat, weist darauf hin, dass es „schon lange politische Spannungen zwischen Deutschland und Russland“ gegeben hat. „Das macht den Austausch umso wichtiger, denn ein Land ist mehr als seine Regierung“, betont er. Niklas und seine Kollegin Manon haben die Erfahrung gemacht, dass sich Feindbilder durch Begegnung überwinden lassen. Die Begegnungen von jungen Menschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg auch Franzosen und Deutsche einander näher gebracht, was die Politiker in den Grenzregionen, wie in Baden-Württemberg oder dem Saarland, immer wieder betonen. Die traditionelle Feindschaft zwischen den beiden Völkern gehört für die junge Generation der Vergangenheit an.</p>
<h2>Zivilgesellschaftliche Organisationen auch im Krieg stärken</h2>
<p>Der Büroleiter des Volksbunds in Moskau, der langjährige ARD-Korrespondent Hermann Krause, zeigt sich dennoch enttäuscht. Er konstatiert für die Versöhnungsarbeit des Volksbunds aber auch für sein persönliches Engagement „eine niederschmetternde Entwicklung“. Der Volksbund, der seit 30 Jahren in der Ukraine und der Russischen Föderation tätig ist, hat sich dennoch auf die Fahnen geschrieben, den Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Organisationen in den Ländern zu verstärken und zu suchen, auch zu solchen, die im Exil sind.</p>
<p>Das ist ganz im Sinne von Andreas Zumach. Der Journalist und Publizist, der viele Jahre Korrespondent am Sitz der Vereinten Nationen in Genf war, hält es für fatal, dass im Zuge der Sanktionen auch die Kooperationen mit Russland im Bereich von Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft auf Eis gelegt werden. Der Russlandexperte spricht sich für eine Beibehaltung von Beziehungen unterhalb der politischen Ebene aus. Denn seiner Ansicht nach ist eine Friedensordnung in Europa ohne Russland nicht möglich. Auch für den Kampf gegen den Klimawandel hält er Russlands Beteiligung für elementar. Denn wenn die Permafrostböden in Sibirien auftauen, sind die Pariser Klimaziele nach Ansicht Zumachs Makulatur.</p>
<p>Sobald der Krieg beendet ist, will der Volksbund zur Versöhnung und Vermittlung beitragen. Präsident Wolfgang Schneiderhahn hielt „einen solchen Rückfall in die überwunden geglaubten Zeiten des Krieges, in die dunkelsten Jahre des vergangenen Jahrhunderts für ausgeschlossen“. Trotzdem will er an der Mahnung zum Frieden festhalten.</p>
<h2>Kontakt zu evangelischen Gemeinden in der Ukraine</h2>
<p>Auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) hat regelmäßig Gruppen- und Begegnungsreisen in die Ukraine organisiert, um mit Mitgliedern von evangelischen Diasporagemeinden zusammenzukommen. Auch wenn die direkten Treffen seit Kriegsausbruch nicht mehr möglich sind, hält das GAW den engen Kontakt aufrecht. Es gibt die Berichte von Alexander Gross weiter. Der Pfarrer der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) in Odessa berichtet, dass die russischen Truppen eine Spur der Verwüstung hinterlassen, „überall ähnlich wie in Butscha“.</p>
<p>Als Beispiel nennt Gross die Filialgemeinde Adrijiwka bei Kiew. „Die russischen Soldaten haben bei ihrem Abzug nicht nur unser dortiges Heim für ehemalige Obdachlose, sondern auch die meisten anderen Häuser im Dorf zerstört und zahlreiche Menschen erschossen. Eine Frau wurde in den Trümmern des Heimes tot gefunden, alle anderen Bewohner konnten gerettet und nach Iwano-Frankiwsk gebracht werden. Wir trauern um unsere Schwester, die wir verloren haben.“ In Deutschland unterstützt das GAW Geflüchtete aus der Ukraine. In den Kirchengemeinden ist die Hilfsbereitschaft groß.</p>
<p>Infos unter <a href="http://www.gustav-adolf-werk.de"><em>www.gustav-adolf-werk.de</em></a> und <a href="http://www.volksbund.de"><em>www.volksbund.de</em></a></p>
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		<title>Friedensethik – pulverisiert durch russische Bomben?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nikolaus Schneider]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 May 2022 08:55:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 32. Jahrgang, Heft 2, Mai 2022]]></category>
		<category><![CDATA[EKD]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensethik]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Theologische Wortmeldungen nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine am 24. Februar 2022 behaupten, dass etwa die EKD vor den Trümmern ihrer Friedensethik stehe. War es also falsch, während der Zeit des kalten Krieges den Rüstungswettlauf kritisch zu sehen oder sogar für ein „Frieden schaffen ohne Waffen“ einzutreten?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ – Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges hielten die Kirchen bei der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam 1948 diese theologische Eindeutigkeit für geboten. Zwar war es die ›<em>kriegerische</em>‹ Gewalt der Alliierten, die Voraussetzungen für einen friedlichen Neuanfang in Europa geschaffen hatte. Doch Sieger und Besiegte waren jetzt bewegt von der Einsicht Elie Wiesels: <em>„Niemand von uns ist in der Lage, den Krieg auszurotten, aber unsere Pflicht ist es, ihn zu denunzieren und bloßzustellen in all seiner Abscheulichkeit. Krieg hinterlässt keine Sieger, nur Opfer.“ </em></p>
<p>Gerade die deutschen Kirchen nahmen diesen pazifistischen Impuls ernst. Pazifismus war bis dahin ein Kennzeichen der klassischen Friedenskirchen und wurden von den großen Konfessionen abgelehnt. Jetzt aber wurden die <em>Seligpreisungen der Bergpredigt</em> für die evangelische Friedensethik grundlegend – auch in der EKD.</p>
<p>Hat sich dieser friedensethische Neuansatz als illusionär herausgestellt? Theologische Wortmeldungen nach dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine am 24. Februar 2022 behaupten, dass etwa die EKD vor den Trümmern ihrer Friedensethik stehe. War es also falsch, während der Zeit des kalten Krieges den Rüstungswettlauf kritisch zu sehen oder sogar für ein <em>„Frieden schaffen ohne Waffen“</em> einzutreten? War es unrealistisch, die Drohung mit der Möglichkeit einer gegenseitigen atomaren Vernichtung für auf Dauer zu gefährlich zu halten? War es illusionär, nach dem Ende des „Kalten Krieges“, auf eine durchsetzungsfähige Rechtsbindung militärischer Gewalt zu drängen, so dass deren Anwendung sich von einer <em>militärischen Logik </em>hin zu einer <em>polizeilichen Logik</em> entwickelt?</p>
<p>Ist also die Friedensdenkschrift der EKD von 2007 mit dem Titel <em>„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“</em> obsolet geworden, pulverisiert durch russische Bomben? Ich sehe das nicht so.</p>
<p>Die Wertschätzung pazifistischer Impulse bleibt theologisch geboten. Allerdings müssen wir heute – wie die Alliierten im Zeiten Weltkrieg – <em>realpolitisch</em> feststellen: Auf militärische Gewalt gegen einen Aggressor, der Wahrheit und Recht missachtet und Kriegsverbrechen bewusst einsetzt, können Staaten- und Bündnisgemeinschaften nicht verzichten. Eine Armee, zumal eine Parlamentsarmee, für den Verteidigungsfall militärisch auszurüsten, ist realpolitisch ›<em>richtig</em>‹. Ob auch ›<em>gut</em>‹ muss sich im Ernstfall zeigen.</p>
<p>Die Aufgabe evangelischer Friedensethik bleibt es, vor dem Kurzschluss zu warnen: Mit Hilfe einer überlegenen konventionellen Waffentechnik sei gerechter Friede zu erreichen. In-Schach-Halten und Abschrecken kann ich nicht ›<em>Frieden</em>‹ nennen. Militärische Gewalt kann Atempausen verschaffen, um sich über Friedensbedingungen zu verständigen. Ein nachhaltiger Friede muss von allen Beteiligten gewollt sein, er muss den Menschen in dem umkämpften Gebiet Sicherheit, Entwicklung und Freiheit ermöglichen. All das entspricht der Logik der von der EKD vertretenen Friedensethik. Sie wird durch den Krieg in der Ukraine realpolitisch in Frage gestellt – wohl wahr! Aber falsch wird sie dadurch nicht!</p>
]]></content:encoded>
					
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