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	<title>evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Protestantismus zwischen Pluralität und Entschiedenheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Günther van Norden]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 14:59:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[EKD]]></category>
		<category><![CDATA[evangelische Kirche]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor 70 Jahren wurde in der diakonischen Einrichtung "Hephata" im nordhessischen Treysa die Evangelische Kirche in Deutschland gegründet. Ein Rückblick zeigt, wie diese um ihre Einheit und Pluralität besorgte Kirche mit ihren öffentlichen Äußerungen oft kompromisslerisch blieb. Doch das politische und gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik verdankt ihr auch wichtige Weichenstellungen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Vor 70 Jahren wurde in der diakonischen Einrichtung &#8220;Hephata&#8221; im nordhessischen Treysa die Evangelische Kirche in Deutschland gegründet. Ein Rückblick zeigt, wie diese um ihre Einheit und Pluralität besorgte Kirche mit ihren öffentlichen Äußerungen oft kompromisslerisch blieb. Doch das politische und gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik verdankt ihr auch wichtige Weichenstellungen.</p></blockquote></div>
<p>Nach dem Ende der Nazizeit erhob sich im Sommer 1945 die Evangelische Kirche in Deutschland aus den Ruinen. Sie erhob sich (neben der Katholischen Kirche) als einzige große Institution, die einer Zerschlagung oder Gleichschaltung im sog. Dritten Reich – so interpretierte man ihr Verhalten weitgehend – erfolgreich widerstanden hatte.</p>
<p>Wie sollte man neu anfangen? Und wer sollte im Namen der Kirche nach dem Untergang aller staatlichen Funktionen für das zerschlagene Volk zu den Alliierten sprechen? Fast alle, die sich um einen Neuanfang bemühten, waren der Auffassung, dass diese Aufgabe dem württembergischen Landesbischof Theophil Wurm obliege. Er hatte seit 1940 in zahllosen Schreiben an die NS-Gewaltherrscher tapfer gegen die Verbrechen der Machthaber protestiert, z.B. gegen die Ermordung schwerkranker Menschen, gegen die Verfolgung der Juden, und er hatte mit seinem „Einigungswerk“ seit 1941 erfolgreich begonnen, die unterschiedlichen Kräfte der Kirche zusammenzuführen. Er sollte der legitime Sprecher der neuen Kirche sein – eine ungemein schwierige Aufgabe, denn der deutsche Protestantismus, den diese Kirche repräsentieren sollte, war eine absolut plurale Größe. Da gab es nicht nur die radikalen Naziprotestanten, sondern auch die gemäßigteren Deutschen Christen, die verschiedenen Gruppierungen der neutralen Mitte, die lutherischen Bekenntnischristen und die entschiedenen Dahlemiten. Die einen meinten, man könne da anknüpfen, wo man 1933 habe aufhören müssen; die anderen, wie Martin Niemöller, forderten angesichts der Verirrungen auch der Kirche in der jüngsten Vergangenheit einen radikalen personellen und inhaltlichen Neuanfang.</p>
<h2>Die Protagonisten der ersten Stunde: Niemöller und Wurm</h2>
<p>Dass es trotz aller Gegensätzlichkeiten im August 1945 zum „Wunder von Treysa“ kam, ist vor allem zwei Persönlichkeiten zu verdanken: Martin Niemöller und Theophil Wurm. Niemöller und seine Freunde vom „entschiedenen“ Flügel der Bekennenden Kirche (BK) gingen davon aus, dass die Leitungsorgane des in Dahlem ausgerufenen Notregiments unverändert fortbestehen sollten, während Wurm und die Befürworter seines Einigungswerkes eine Öffnung bis in die neutralen Mittelgruppen hinein forderten. Hinzu kam eine unterschiedliche Positionierung in der Frage der künftigen Ordnung der Kirche: während Niemöller stärker die Gemeinde ins Zentrum rückte, betonte Wurm die Bedeutung der Landeskirchen.</p>
<h2>Die Gründungsversammlung in Treysa</h2>
<p>Wurm lud die Repräsentanten der Kirche, u.a. Landesbischof Meiser, Pastor von Bodelschwingh, Präses D. Koch, aber auch Niemöller, zu einer Konferenz Ende August nach Treysa ein, nicht aber die „Bruderratskirche“ in ihren Leitungsorganen (Vorläufige Leitung und Reichsbruderrat). Die Folge: Niemöller lehnte die Einladung ab mit dem deutlichen Hinweis, dass auch Neutrale eingeladen worden seien und sogar solche, die die Kirchenpolitik des Naziministers Kerrl unterstützt hätten, wie Eugen Gerstenmaier. Er lud seinerseits die führenden Repräsentanten der entschiedenen BK zum 21. August nach Frankfurt ein. Die Spaltung der Kirche stand bevor – eine Unmöglichkeit angesichts der Not des Volkes. Wer sollte nach dem Zusammenbruch der staatlichen Instanzen für dieses zerschlagene Volk zu den alliierten Siegern sprechen? Eine Unmöglichkeit auch angesichts der einmaligen Chance zu einem grundlegenden Neuanfang, das zerrüttete Volk zum Christentum zurückzuführen! Das bedeutete für diese Gruppierung der dahlemitischen Protestanten ein klares JA zur politischen Verantwortung der Kirche.</p>
<p>Karl Barth erinnerte am Abend des 22. August daran, dass die Kirche weitgehend zu den Judenverfolgungen geschwiegen hätte, auch darum, weil sie von einer falschen Zwei-Reiche-Lehre ausgegangen sei. Sein Fazit: „Selbstverständlich hat die Kirche eine politische Verantwortung“. Es ist ihr Wächteramt, für die Stummen, die Unterdrückten und Verfolgten zu sprechen, laut zu schreien. Martin Niemöller hat – trotz oder gerade wegen seiner Dachauer KZ-Zeit – in den folgenden Jahren mit seiner charismatischen Kraft diesen Ruf wahrgenommen und kritisch-konkret realisiert.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Karl Barth: Die Kirche darf sich nie mehr politisch wegducken</p></blockquote></div>
<p>Beide Theologen, Wurm und Niemöller, schätzten sich gegenseitig, und diese „Nähe“ sowie die Einsicht der aktiven Leute in die Notwendigkeit einer Einigung ermöglichte den Kompromiss. Die Frankfurter beschlossen, bei allem Festhalten am Dahlemer Notrecht die Zusammenkunft in Treysa zu akzeptieren und mitzuarbeiten, und als Zeichen dieser Bereitschaft entsandten sie eine zehn-köpfige Delegation dahin, unter ihnen Karl Barth.</p>
<p>Vom 27. bis 31. August 1945 kamen 120 Persönlichkeiten der Evangelischen Kirche in Treysa zusammen – sie brachten die unterschiedlichsten Meinungen mit. Sie repräsentierten deutlich den deutschen Protestantismus als eine plurale Größe. Das ist sein Signum von seinem Geburtstag an. Demzufolge war das neue Führungsorgan, der zwölf-köpfige Rat der EKD, ein Mixtum von Persönlichkeiten unterschiedlicher Provenienz. Die vier „Dahlemiten“ repräsentierten eine Minderheit.</p>
<h2>„Stuttgarter Schuldbekenntnis“ und „Darmstädter Wort“</h2>
<p>Niemöller hatte in seiner Ansprache auch auf die Schuld der Kirche hingewiesen („Wir bekennen unsere Schuld“), aber es dauerte lange, bis dieses Bekenntnis die Herzen der Menschen erreichte. Erst im Oktober 1945 fanden die Kirchenrepräsentanten in Stuttgart zu einem „Schuldbekenntnis“.</p>
<p>Es war ein Kompromissbekenntnis mit einerseits konkreten Aussagen („Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden“) und andererseits Allgemeinplätzen, die jeder Christ zu allen Zeiten von sich geben konnte (‚Wir haben zwar lange gegen den bösen Geist gekämpft, aber doch nicht genug gebetet, geglaubt und geliebt‘). Von der Schuld an den Juden war nicht die Rede.</p>
<p>Der Pluralismus des Protestantismus ist sein Signum. Und also ist auch die Institution Kirche mit ihrer Leitung plural. Die Folge dieser Pluralität war (und ist) eine oftmals unerträgliche Ausgewogenheit kirchlicher Äußerungen, weil die unterschiedlichen Positionen in Einklang gebracht werden müssen. So kommt es selten zu eindeutigen, scharfen Aussagen. Andererseits ist eben diese Pluralität des Protestantismus der einmalige und unerschöpfliche Fundus seiner Kreativität.</p>
<p>In den frühen Jahren der Bundesrepublik positionierte sich die EKD weitgehend konservativ, entsprechend der Grundstruktur der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft. Man hoffte auf eine Wiederherstellung des kirchlichen Milieus im rechristianisierten deutschen Volk.</p>
<p>Es gab zwar Äußerungen eines „politischen Protestantismus“ in Anknüpfung an Positionen der entschiedenen Bekennenden Kirche, z.B. im „Darmstädter Wort“ 1947, das schärfer als die Stuttgarter Schulderklärung die Irrwege benannte, die „wir als Deutsche“ in der Vergangenheit gegangen seien. Aber diese Äußerungen blieben Voten einer wenn auch qualifizierten Minderheit. Nur ganz allmählich gewann dieser sog. „linke“ Flügel an Boden im Kontext zur wachsenden Friedensbewegung.</p>
<h2>Der Streit um Wiederaufrüstung und Atombewaffnung</h2>
<p>Als im Jahr 1950 Bundeskanzler Adenauer den Westmächten gegenüber den Wunsch nach einer deutschen Armee äußerte und damit eine Aufrüstung Westdeutschlands begründete, trat der Bundesinnenminister Dr. Gustav Heinemann protestierend zurück. Er kam aus der Bekennenden Kirche, und mit ihm ging ein großer Teil der alten Kampfgefährten, unter ihnen Martin Niemöller, in die Opposition. Aber diese Strömung blieb in der Minderheit, die EKD als Institution verhielt sich abwartend wohlwollend der Politik Adenauers gegenüber, der bei den Bundestagswahlen bis 1963 breite Zustimmung fand.</p>
<p>Bezeichnend für diese Stimmung ist, dass Heinemann auf der 2. EKD-Synode in Espelkamp im März 1955 als Präses nicht wiedergewählt und Niemöller ein Jahr später als Präsident des Kirchlichen Außenamtes abgelöst wurde. Als sich im Jahr 1958 die EKD-Synode mit der Frage der atomaren Bewaffnung befasste, konnte sie nicht zu einem eindeutigen Votum finden, sondern nur zu der sog. „Ohnmachtsformel“, mit der sie erklärte, dass die unterschiedlichen Positionen zu diesem Problem nicht hätten überbrückt werden können, dass man aber „unter dem Evangelium“ zusammenbleiben wolle. Diese Stellungnahme der Synode war nichts anderes als Widerspiegelung der breiten Meinungsäußerung der Bevölkerung.</p>
<h2>Wirksame innerkirchliche und gesellschaftliche Wendepunkte: „Ostdenkschrift“ und Politisches Nachtgebet</h2>
<p>Erst in den 60er Jahren beginnt im Kontext mit dem allgemeinen generationellen Wandel ein allmähliches Abrücken von alten Positionen. Kennzeichnend dafür ist auf dem politischen Feld der Verlust der CDU bei den Wahlen 1961. Auf dem gesellschaftlichen Feld zeigen sich neue Impulse im Tübinger Memorandum 1962, in dem acht prominente Protestanten zum ersten Mal mit großer Öffentlichkeitsresonanz die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze forderten. Die Leitung der EKD war noch nicht in der Lage, dieser klaren Aussage zuzustimmen, aber das Tabu in dieser Frage war zerbrochen, die Diskussion wurde vorangetrieben, und so konnte die EKD drei Jahre später – 1965 – die „Ostdenkschrift“ veröffentlichen, in der nun nicht mehr in kluger Ausgewogenheit Unverbindlichkeiten produziert, sondern klare Richtungsanzeigen für die Politik formuliert wurden. Die „Ostdenkschrift“ bezeichnet die Wende der Evangelischen Kirche von der kirchlich-gesellschaftlichen Restauration zur theologisch-politischen Weltverantwortung.</p>
<p>Diese „Wende“ geschah im Kontext der mentalen gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik: Adenauer war 1963 zum Rücktritt gezwungen worden, Egon Bahr hatte im selben Jahr ausgerechnet in der Evangelischen Akademie Tutzing seine berühmte Rede über den „Wandel durch Annäherung“ gehalten, 1969 wurde Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt und die sozialliberale Koalition Brandt/Scheel begann mit der neuen Ostpolitik. Diese Politik, u.a. auch eingeleitet durch die klare, eindeutige Richtungsanzeiger der EKD, begegnete allerdings auch erheblichen Widerständen konservativer Kräfte. Dagegen strebten die „linken“ Kräfte noch radikalere politische Konsequenzen an: 1968 erklärte die Initiative Dorothee Sölles und ihrer Mitstreiter im „Politischen Nachtgebet“, dass „ein religiöses Gebet ohne politische Konsequenzen“ eine Heuchelei sei. Das „Politische Nachtgebet“ und die konträren kirchlichen Stellungnahmen fanden in den Medien große öffentliche Beachtung.</p>
<h2>Politisierung des Protestantismus durch das Friedensthema</h2>
<p>So wie die deutsche Gesellschaft insgesamt in den 70/80er Jahren politisiert wird, z.B. vom Friedensthema, so auch der Protestantismus. Als der Bundestag mehrheitlich den Nato-Doppelbeschluss akzeptierte, der u.a. die Aufstellung von Pershing II-Raketen und Marschflugkörpern auf deutschem Boden gegen die sowjetischen SS-20 Raketen vorsah, erhob sich eine gewaltige Massenopposition, die eine atomwaffenfreie Zone forderte. Der deutsche Protestantismus war hier tonangebend (Kirchentag 1981, 65 evangelische Friedensinitiativen, Friedensdenkschrift des Reformierten Bundes, Proteste der Hunsrückpfarrer gegen die Aufstellung der Raketen etc.). Die Institution EKD verhielt sich eher zögerlich. Aber die Ablehnung der Massenvernichtungsmittel gewann allmählich auch in der Internationale der Protestanten eine Mehrheit: die 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen erklärte 1983 „die Herstellung, die Verbreitung und der Einsatz von Kernwaffen“ zum „Verbrechen gegen die Menschheit“. Im selben Jahr billigte der deutsche Bundestag den Nachrüstungsbeschluss.</p>
<h2>Eine eindeutige Kirche braucht mutige Mahner(innen)</h2>
<p>Die Gesellschaft heute ist eine völlig andere als vor 30 Jahren. Die Kirche ist auf dem Rückzug, die kirchlichen Traditionen entgleiten allmählich, die Theologien schwächeln. Trotzdem ist der Protestantismus als kulturschaffende Größe höchst lebendig, die Kirche von erstaunlicher Kraft. Wenn sie aufhört, Insider-Ratschläge in ausgewogener Klugheit zu produzieren, wenn sie eindeutige, auch einseitige Richtungsanzeigen aufstellt, dann wird sie gehört, dann ist die Resonanz in der Öffentlichkeit beachtlich, wie der Zwischenruf von Margot Käsmann „Nichts ist gut in Afghanistan!“ zeigt. Die Kirche sollte mehr Mut zu solchen Zwischenrufen haben – Martin Niemöller und Karl Barth haben auch nicht gewartet, bis alle ihnen zustimmten, im Gegenteil. So sollte sie z.B. laut für die assyrischen Christen schreien und laut warnen vor der gängigen Russland-Hetze, die schon einmal unser Volk in einen mörderischen Krieg geführt hat.</p>
<hr />
<h2>Kleines Glossar</h2>
<p><em>von Hermann Preßler</em></p>
<p><strong>Kirchenkampf</strong></p>
<p>1933 entstanden, bezeichnet der Begriff den Kampf der Kirchen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 um ihre Freiheit und Unabhängigkeit vom totalitären Nazi-Staat. Aber auch die innerkirchlichen Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche zwischen den Richtungen der sog. „Deutschen Christen“ und der sog. „Bekennenden Kirche“.</p>
<p><strong>„Deutsche Christen“ (DC)</strong></p>
<p>Pfarrer und Laien, die Mitglied in der NDSDAP waren, schlossen sich 1932 zusammen, um ihre religiösen und (kirchen-)politischen Interessen innerhalb der evangelischen Kirche durchzusetzen und diese ab 1933 weltanschaulich und organisatorisch eng an den NS-Staat zu binden. Die „Nationalsozialisten zu Christen und die Christen zu Nationalsozialisten zu machen“, war ihr volksmissionarisches Ziel (Taschenlexikon Religion und Kirche). Die DC gewannen am 23. Juni 1933 die Kirchenwahlen und konnten Ludwig Müller, einen Gefolgsmann Hitlers, zum Reichsbischof einer den Landeskirchen übergeordneten Bundeskirche (DEK) wählen.</p>
<p><strong>„Bekennende Kirche“ (BK)</strong></p>
<p>Gegen den Versuch, die evangelische Kirche „gleichzuschalten“, formierte sich aus sehr unterschiedlichen Gruppen eine innerkirchliche Opposition. Zu ihr gehörten z.B. Gemeindegruppen, der Pfarrernotbund mit Martin Niemöller, „Freie“ (= „Bekenntnis-) Synoden“ und Landeskirchen (z.B. die württembergische mit Theophil Wurm als Bischof), die nicht von den DC mehrheitlich beherrscht wurden. Diese – in manchen theologisch-kirchlichen und staatspolitischen Fragen uneinige – „Bekenntnisgemeinschaft“ verstand sich als „rechtmäßige evangelische Kirche“. Sie berief die erste Bekenntnissynode auf den 29.–31. Mai 1934 nach Wuppertal-Barmen ein. Sie verabschiedete die Barmer Theologische Erklärung, die eng mit dem Namen Karl Barths verbunden ist.</p>
<p><strong>Dahlemiten</strong></p>
<p>In Berlin-Dahlem trat im Oktober 1934 die Bekenntnissynode zum zweiten Mal zusammen. Sie erließ ein kirchliches Notrecht für die DEK. Den deutschchristlichen Kirchenleitungen wurden auf allen Ebenen eigene bruderrätliche Leitungsorgane entgegengesetzt. Als daraufhin Hitler faktisch die Eigenständigkeit der Landeskirchen von Bayern, Württemberg und Hannover akzeptierte, gab es innerhalb der BK einen „bischöflichen“ und einen „bruderrätlichen“ Teil. Letzterer war zur Zusammenarbeit mit staatlichen Kirchenausschüssen nicht bereit.</p>
<p><strong>Altpreußische Union</strong></p>
<p>Über Kirchenordnung, die Relevanz oder Relativierung konfessioneller Traditionen und das Verhältnis zum nationalsozialistischen Staat uneins, spaltete sich die „Bekennende Kirche“. Die vorläufige Kirchenleitung der „bruderrätlichen“ „Bekennenden Kirche“ wurde vor allem von den Bruderräten der preußischen Provinzialkirchen (der Kirche der altpreußischen Union) getragen. Seit 1817 war die altpreußische Union eine aus lutherischen und reformierten Gemeinden vereinigte, „unierte“ Kirche (zu der z.B. auch die westfälische und die rheinische Kirche gehörten).</p>
<p><strong>Württembergische Sozietät</strong></p>
<p>Diese kirchenpolitische Gruppierung vertrat einen entschiedenen Flügel der „Bekennenden Kirche“ und orientierte sich streng an den Barmer Thesen. Mit dieser theologischen Ausrichtung stand sie nicht nur im Gegensatz zu den „Deutschen Christen“, sondern auch zur württembergischen Kirchenleitung und zum Landesbruderrat.</p>
<p><strong>Kirchliches Einigungswerk</strong></p>
<p>Diese mit den Namen von Bischof Wurm eng verbundene Initiative war der Versuch, die zersplitterte und staatlichen Repressalien ausgesetzte evangelische Kirche Deutschlands unter Ausschluss der „Deutschen Christen“ während der letzten Kriegsjahre zu einigen, und eine Stufe hin zur Gründung der EKD 1945.</p>
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		<title>Jürgen Leiser, Dennis Dijkzeul (Hrsg.): Handbuch Humanitäre Hilfe.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:39:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfsorganisationen]]></category>
		<category><![CDATA[Humanitäre Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Katastrophen]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Krisen]]></category>
		<category><![CDATA[Mitleid]]></category>
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					<description><![CDATA[Krisen, Kriege und Katastrophen bestimmen die täglichen Nachrichten seit vielen Monaten. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Die humanitären Krisen haben auch gezeigt, wie wichtig die humanitäre Hilfe für die Menschen ist, die unter den Krisen zu leiden haben. Da sich in diesem Bereich inzwischen immer mehr Organisationen tummeln, war ein Buch überfällig, das dieses Feld beleuchtet. Als „grundlegende Einführung in das Politik- und Handlungsfeld Humanitäre Hilfe“ versteht sich der im Springer-Verlag erschienene Band „Handbuch Humanitäre Hilfe“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1766 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/HandbuchHumanitäreHilfe-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/HandbuchHumanitäreHilfe-199x300.jpg 199w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/HandbuchHumanitäreHilfe.jpg 332w" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" />Springer Verlag 2013, 466 Seiten, 49,99 Euro.</strong></p>
<p>Krisen, Kriege und Katastrophen bestimmen die täglichen Nachrichten seit vielen Monaten. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Die humanitären Krisen haben auch gezeigt, wie wichtig die humanitäre Hilfe für die Menschen ist, die unter den Krisen zu leiden haben. Da sich in diesem Bereich inzwischen immer mehr Organisationen tummeln, war ein Buch überfällig, das dieses Feld beleuchtet. Als „grundlegende Einführung in das Politik- und Handlungsfeld Humanitäre Hilfe“ versteht sich der im Springer-Verlag erschienene Band „Handbuch Humanitäre Hilfe“.</p>
<p>Hier leuchten zahlreiche Experten Aspekte des humanitären Systems aus. Von den Ursachen der Katastrophen über die Prinzipien der Hilfe über die lokalen Partner bis zu Korruption und Herausforderungen. Zugegeben, die Herausgeber Jürgen Leiser und Dennis Dijkzeul, haben sich viel vorgenommen. Aber ihnen ist ein bislang einmaliger Überblick gelungen, der für jeden, der in diesem Bereich tätig ist, umfassende Basisinformationen bietet.</p>
<p>Der Blick zurück in die Geschichte zeigt, wie schnell das organisierte und professionelle Helfen in humanitären Krisen und Katastrophen gewachsen ist, seit die Hilfe in Notlagen mit der Gründung des Roten Kreuzes vor 150 Jahren einen institutionellen Rahmen erhalten hat. Humanitäre Organisationen arbeiten weltweit und sind global vernetzt.</p>
<p>Bei jedem Einsatz zeigt sich erneut, vor welchen großen Herausforderungen die humanitäre Hilfe steht. Lange Zeit war die Koordination vor Ort ein großes Problem. Inzwischen haben die Vereinten Nationen diese Rolle übernommen, die unverzichtbar bei großen Katastrophen ist. Hilfsorganisationen stehen auch unter einem hohen Erwartungs- und Zeitdruck: Sie sollen schnell, effektiv und reibungslos Hilfe zum Überleben leisten. Die Hilfe soll unparteiisch, neutral und nachhaltig sein und sich allein an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen orientieren. Staatliche Geber, private Spender und auch die Hilfeempfänger verlangen Rechenschaft über den sinnvollen Einsatz der Hilfsgelder.</p>
<p>Seit Jahren nehmen Naturkatastrophen in Zahl und Umfang zu. Das Beispiel Syrien zeigt, dass sich Gewaltkonflikte zu chronischen Krisen entwickeln mit einer Kriegswirtschaft, die es kaum noch erlaubt, die Betroffenen adäquat zu unterstützen. Die Helfer sind selbst hilflos. Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Notlagen komplexer werden, die Interessen der Geber oft auseinander gehen, die Politik Hilfe auch instrumentalisieren will und Hilfsangebote auch untereinander in Konkurrenz stehen. Helfer selbst werden wie jüngst in Syrien Opfer der Gewalt.</p>
<p>All das wird in dem Buch behandelt, das damit zu einem besseren Verständnis von humanitären Krisen und ihren Folgen beiträgt. Es zeigt nicht nur die Entwicklung des Systems, sondern auch, wie schwierig es ist, dem hohen ethischen Anspruch an unparteiische und von politischen Interessen unabhängige Hilfe gerecht zu werden.</p>
<p>Die Autorinnen und Autoren – Vertreter von Hilfsorganisationen und Wissenschaft – zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven auf, wie humanitäre Hilfe zwischen Anspruch und Wirklichkeit versucht, dem weltweit wachsenden Hilfebedarf gerecht zu werden.</p>
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		<title>Edgar Morin: Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:37:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[Soll sich die Welt ändern – und das heißt: unsere Lebensstile und Verhaltensweisen –, dann muss sich die Erziehung ändern. Was also soll in Zukunft gelehrt werden?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1769 size-medium wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Die-sieben-Fundamente-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Die-sieben-Fundamente-211x300.jpg 211w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Die-sieben-Fundamente.jpg 516w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" data-smartcrop-focus="[50,20]" />Reinhold Krämer Verlag, Hamburg. 2. Auflage 2015, 145 Seiten, 19,80 Euro</strong></p>
<p>Soll sich die Welt ändern – und das heißt: unsere Lebensstile und Verhaltensweisen –, dann muss sich die Erziehung ändern. Was also soll in Zukunft gelehrt werden? Das <strong>Verständnis</strong> (<em>sechstes Fundament des Wissens</em>), antwortet der französische Philosoph Edgar Morin. Seine Überlegungen werden, wie man in der Danksagung seines Buches erfährt, von Wissenschaftlern aus dem Spektrum der UNESCO sowohl geteilt als auch ergänzt. In der Erziehung zum menschlichen Verständnis träten Prozess und Ziel der Erziehung paradigmatisch in Erscheinung: „Das Verständnis zwischen den Menschen lehren als Bedingung und Garant für die intellektuelle und moralische Solidarität der Menschheit“ (vgl. <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/bildung/"><em>evangelische aspekte</em> 2/2015, Schwerpunkt: „Bildung“</a>).</p>
<p>Während von Globalisierung meist in wirtschaftlichen Zusammenhängen als von einer irreversiblen und erwünschten Tatsache die Rede ist und diese wechselseitige Abhängigkeit als friedenstiftende Kraft bezeichnet wird, verweist Molin auf global zu gehende „intellektuelle und ethische Wege“, um am überlebenswichtigen Zielort einer solidarischen Menschheit anzukommen. Die derzeitige Politik münde in eine den Planeten vernichtende Sackgasse, sofern sie sich weiterhin auf die Technik und auf wirtschaftliches Wachstum reduziere. „Menschheit“ sei schon länger kein abstrakter oder bloß biologischer Begriff mehr, sondern sei vorrangig als ethischer Begriff zu verstehen: „Sie ist das, was von allen und in jedem einzelnen von uns verwirklicht werden muss.“</p>
<p>Dafür müsse eine <strong>Ethik der menschlichen Gattung</strong> (<em>siebtes Fundament</em>) verfolgt werden, in der konsequent von der (erkenntnistheoretischen) Einsicht ausgegangen werden müsse, dass alles in einem großen unauftrennlichen Ganzen bestehe und also „alle durch ein natürliches unmerkliches Band, das selbst die entferntesten und verschiedensten in einen Zusammenhang bringt, miteinander verbunden sind“ (<em>zweites Fundament:</em> <strong>Die Prinzipien einer umfassenden Erkenntnis</strong>). In der Ethik des Verstehens entfalte sich Morin zufolge eine Lebenskunst, „die zuerst von uns verlangt, auf uneigennützige Art und Weise zu verstehen.“ Ohne es zu sagen, erinnert Molin, Sohn sephardischer-jüdischer Eltern aus Thessaloniki, aktiv in der französischen Resistance gewesen und erklärter Atheist, an Ideen Jesu in der Bergpredigt wie die Feindesliebe, sofern diese nicht auf dem Grundsatz der Gegenseitigkeit basiert. „Derjenige, der durch einen Fanatiker mit dem Tod bedroht wird“, erläutert Molin, „versteht, warum der Fanatiker ihn töten will, wissend, dass dieser ihn nie verstehen wird. &#8230; Die Ethik des Verstehens verlangt von uns, die Verständnislosigkeit zu verstehen.“</p>
<p>Eine Erziehung der Zukunft könne dazu führen, dass die Menschen ihren „Egozentrismus“ hinter sich ließen und ein jederzeit selbstkritisches Selbstverständnis einnähmen. So gäbe es keine – auch keine wissenschaftliche – Erkenntnis, die sich daran klammern dürfe, nicht auf möglichem „Irrtum und Illusion“ (<em>erstes Fundament:</em> <strong>Die Blindheit der Erkenntnis</strong>) zu fußen. Das Aufgeben des Egozentrismus setze eine bestimmte Erkenntnis über <strong>die</strong> <strong>Grundbedingungen des Menschen</strong> (<em>drittes Fundament</em>) voraus: Weder Individuum noch Gesellschaft dürften sich zum Selbstzweck machen. Kapitel über <strong>Die irdische Identität lehren</strong> (Globalisierung verstehen als „das Auftauchen eines neuen Gegenstandes, die Welt als solche“) und <strong>Sich den Ungewissheiten stellen</strong> („wir leben in einer sich stark verändernden Zeit, wo die Werte ambivalent sind“) runden die sieben Fundamente des Wissens ab.</p>
<p>Ein sehr lesenswertes Buch, das den Diskurs um eine zukunftsweisende menschliche Ethik (Morin: „Anthropoethik“) beleuchtet – und, wie erfreulich – jedes in dieser Diskussion übliche Fremdwort garantiert erklärt!</p>
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		<title>Soziologie und Theologie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:36:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Echo]]></category>
		<category><![CDATA[Narziss]]></category>
		<category><![CDATA[Narzissmus]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Schon 1979 sprach Christopher Lasch vom „Zeitalter des Narzissmus“. Auch vierzig Jahre später hat sich die Diagnose kaum verändert. Manfred Schütz analysiert das Phänomen aus der Doppelperspektive von Theologie und Soziologie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Schon 1979 sprach Christopher Lasch vom „Zeitalter des Narzissmus“. Auch vierzig Jahre später hat sich die Diagnose kaum verändert. Manfred Schütz analysiert das Phänomen aus der Doppelperspektive von Theologie und Soziologie.</p></blockquote></div>
<p>„Gestatten, mein Name ist Narzissmus. Ich bin das Grundübel der Gegenwart. Das sagen Soziologen und Psychologen. Ich selbst sehe das natürlich anders: Meine Erfolgsbilanz ist glänzend. Darf ich Sie in mein herrliches Reich einladen?“ – In etwa so würde sich wohl der narzisstische „Charaktertyp“ in einer direkten Begegnung vorstellen – gesetzt, dass es diesen „Typ“ denn wirklich gibt und dass er sich so offen präsentieren würde. Wir folgen der Einladung gern. Zu verlockend sind die Versprechungen und zu selten bietet sich die Chance, einen Blick hinter die Kulissen eines so imponierenden Lebensstiles zu erhaschen.</p>
<h2>Coolness, Erfolg und Selbst-Zentriertheit</h2>
<p>„Ich bin famos und unvergleichlich. Schauen Sie nur, welche Vorteile ich jedem biete. Für mich gibt es nur Glanz und Gloria, sonst nichts.“ Narzissmus ist großartig im Gestalten von Ikonen, die dann als göttergleiche Bilder vor sich her getragen werden. Medien-Stars und dünne Mädchen, die sich als solche Stil-Ikone zu Markte tragen, Marken-Technik-Gadgets als „Must-have“: Die verschiedenen Gestalten von Narzissmus wurden oft beschrieben und sind uns wohl bekannt. Das eigene Vorankommen, das Einkommen, das Aussehen, das Auto; mit Fernlicht auf der Überholspur. Ja, ja, die „Rüpel-Republik“ (Jörg Schindler). Ist das eine Karikatur? Nur oberflächlich.</p>
<p>„Wo ich bin, ist der Mittelpunkt der Welt. Hier kommt die Bühne für ein unvergessliches Spektakel. Was ich mache, das ist großes Kino.“ Man fühlt sich wirklich wie im Film. Der Action-Held ist cool, clever und immerzu erfolgreich. Seine Lebenszeit scheint ewig. Auch noch in der zwanzigsten Serienfolge meistert er eine Mission nach der anderen bravourös. Der Held leidet zwar, lässt sich aber nichts anmerken. Für die erledigten Gegner hat er immer einen lockeren Spruch parat. Das Kino zeigt ihn gutaussehend, empathielos, in seinen besten Szenen grandios. Viele Filmhelden verkörpern geradezu idealtypisch die narzisstische Persönlichkeit.</p>
<h2>Der hohe Nutzen des Narzissmus</h2>
<p>Christopher Lasch identifizierte den Narzissmus in allen Schichten der westlichen Gesellschaft. Die Attraktivität des Lebensstils lässt sich kaum leugnen. Narzissmus bringt das Ich nach vorne, macht ›führungsstark‹ und befördert in beste Positionen. Was sich nicht einfügt, wird verdrängt. „Mit Einwänden brauche ich mich nicht auseinanderzusetzen. Denn die Regeln setze ich.“</p>
<h2>Ambivalente Erfahrungen</h2>
<p>Doch wie es im realen Leben manchmal ist: Das Selbstbild trügt. Aus irgendeinem Grund halten die Erfolge meist nur kurze Zeit. Nach anfänglicher Begeisterung schwindet bei den Anhängern die Freude. Einfach zu kurzatmig sind die Versprechen: Schon anderntags wird unter Lachen eine andere Ikone vorangetragen. Das irritiert den langen Zug dahinter, lässt frustriert zurück. Man war eben nur Material für eine Inszenierung.</p>
<p>„Narzissmus“ ist ein von Sigmund Freud 1914 in die Psychoanalyse eingeführter Begriff. Hier bezeichnet er zunächst eine Entwicklungsstufe in der frühen Kindheit. Später wird das Begriffsfeld von Vertretern des Fachs wie Heinz Kohut um eine elaborierte Theorie der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur erweitert. Das Besondere bei Christopher Lasch in <em>The culture of narcissm </em>von 1979 ist schließlich, dass er die Symptomatik als Etikett auf eine ganze Zeitepoche heftet. Es sind nicht mehr nur Einzelfälle, er sieht ein „Zeitalter des Narzissmus“ angebrochen.</p>
<h2>Generation Narzissmus?</h2>
<p>Wenn man aktuellen Buchbeiträgen Glauben schenken darf, hat sich an diesem Befund seitdem nicht viel verändert. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschreibt die vorfindliche Situation als <em>Die narzisstische Gesellschaft</em> (2012). Der Innsbrucker Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller warnt vor der <em>Narzissmusfalle </em>(2013). Die Sozialkritik eines Horst-Eberhard Richter ließe sich an dieser Stelle wohl ebenfalls anführen. Ist eine ganze Generation seit den 1970ern im Modus des Narzissten unterwegs?</p>
<p>Ganz unabhängig davon, wie die Gesellschaftsanalysen in dieser Hinsicht ausfallen, werden die Ambivalenzen eines selbstsüchtigen Lebensstils in vielen Bereichen deutlich und von vielen Seiten kritisiert. Auch aus christlichem Blickwinkel muss eine Fokussierung auf das Ego seltsam anmuten. Wird im Neuen Testament doch statt Selbstliebe zuvörderst Nächsten- und Gottesliebe propagiert (Doppelgebot). Manche Theologen sind daher schnell dabei, es handele sich hier eben um die klassische Situation des Menschen als des „homo incurvatus in se ipsum“: Um den Menschen, der in sich selber eingekrümmt und eingekapselt ist, solange ihn nicht ein befreiendes Wort aus dieser misslichen Lage herausgerissen habe.</p>
<h2>Erste Risse im Bild</h2>
<p>Der seltsame Witz des Narzissmus besteht darin, dass er andauernd Verhaltensweisen an den Tag legt, die seinem Selbstinteresse komplett zuwiderlaufen. Denn außer heißer Luft gewinnt er wenig. Deswegen muss er ja so permanent nach vorne stürzen. Im Heute, um ihn herum, oder in der Vergangenheit hält ihn nichts. Dort finden sich nur Trümmer oder Scheinerfolge, zumindest ist das so in seiner Eigenperspektive.</p>
<p>Dieser Narzissmus wirkt und handelt zwiespältig: Er schadet sich vor allem selbst. Ein Nachruf auf den österreichischen Sänger Hölzl, bekannt als Popstar „Falco“ endete 1998 so: „Falco war eine Kunstfigur, die den grenzenlosen Narzissmus des Menschen Hans Hölzl auf die Bühne trug. Das Problem war nur, dass fast niemand den Unterschied sah – und auch Hölzl irgendwann nicht mehr zu wissen schien, wo Falco aufhörte und Hans anfing.“ In einem seiner letzten aufgenommenen Songs <em>Out of the Dark – Into the Light</em>, kurz vor dem Tod, steht die fragende Zeile: „Muss ich denn sterben, um zu leben?“</p>
<h2>Der Mythos von Narziss</h2>
<p>Im Hintergrund der modernen Narzissmus-Konzeptionen steht der altertümliche Mythos von Narziss, dem von einem Gott abstammenden Sohn, der freilich ein eher unerquickliches Ende findet. Je nach Variante der Erzählung ertrinkt er in und während unentwegter Selbstbetrachtung, zergeht er wehklagend in Selbstzerfleischung oder es ereilt ihn Todesschrecken, als er für einen Moment sein hehres Selbstbild in Frage gestellt sehen muss.</p>
<p>Der junge Narziss liebt nur sich selbst. Er wird als anmutig geschildert, er wird bewundert, in „grausamem Stolz“ sieht er jedoch nur sich, ist ein Gefangener seiner selbst. Die folgenden Zitate stammen aus Ovids <em>Metamorphosen</em>, nach den Übersetzungen von J.H. Voß und R. Suchier.</p>
<p>An der Quelle sitzend gibt sich Narziss der Selbstbespiegelung im Wasser hin.</p>
<p>Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach;<br />
Denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert,<br />
Liebt er einen Wahn […] Sich anstaunt er selbst, und starr mit dem selbigen Blicke<br />
Ist er gebannt</p>
<p>Der Mythos urteilt durchaus streng und nennt ihn einen Narren:</p>
<p>Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut.<br />
Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte.</p>
<p>Selbst als er merkt, welchem Irrtum er aufsitzt, gelingt ihm keine Abwendung vom schillernden Antlitz in der Quelle:</p>
<p>Ich bin, merk&#8217; ich, es selbst. Nicht täuscht mich länger mein Abbild.<br />
Liebe verzehrt mich zu mir; […] Was ich begehre, ist mein. Zum Darbenden macht mich der Reichtum.<br />
[…]<br />
im beschatteten Grase gelagert<br />
Schaut er die leere Gestalt mit unersättlichen Blicken<br />
Und er vergeht durch das eigne Gesicht.</p>
<h2>Eine grauenvolle Welt</h2>
<p>Woher kommt Narzissmus? Maaz: Narzissmus ist eine Mangelerscheinung. Wer sich so viel um sein Ego bemühen muss, zeigt schließlich nur, dass dort etwas nicht stimmt. Warum sonst wäre so viel Aufwand nötig? Narzissmus sucht zwanghaft etwas herzustellen, <em>weil</em> er es nicht hat. Im Kern ist es der unsichere, in sich verstörte Mensch, der nach Anerkennung sucht.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Narzissmus ist eine Mangelerscheinung</p></blockquote></div>
<p>„Moment einmal, so ist es ja nun überhaupt nicht“, empört sich da unser Narzissmus. „Wer kommt dazu, mir so etwas zu unterstellen? Ich bin zufrieden, mir geht’s gut.“ – Das ist wahrscheinlich nicht gelogen. Der Narzisst hat sich in seinem Mikrokosmos derart eingerichtet, dass ihm die eigentlichen Mängel kaum mehr zu Gesicht kommen. Daraufhin richtete sich ja das ganze Unternehmen, der Leere zu entkommen. Im Innern ist Narzissmus trostlos. Darum hetzt er von Ersatzbefriedigung zu Ersatzbefriedigung, die aber jeweils nur kurz hält. Einmal angestoßen ist das ein andauernder Kreislauf. Grauenvoll für ihn selbst. Grauenvoll für alle anderen.</p>
<h2>Narziss und Echo als Realsatire</h2>
<p>Wie nur kam es, dass Narziss zur Selbstliebe verdammt ist? In Hochmut (superbia) verachtete er einst alle anderen, er sondert sich von ihnen ab. Sehr deutlich wird das in der Begegnung mit der Nymphe Echo. Echo ist freilich ihrerseits ein origineller Charakter. Denn durch Götterurteil kann sie nur Worte wiederholen. Von sich aus ist sie nicht in der Lage zu reden anzufangen, sie kann Gesprochenes aber verdoppeln und spiegelnd wiedergeben:</p>
<p>Sie aber verdoppelt die Laute<br />
Immer am Schluss und sendet zurück die vernommenen Worte<br />
[…]<br />
Als sie nun den Narkissos erblickt, der in pfadlosen Fluren<br />
Schritt umher, […], da folgt sie heimlich den Spuren […].</p>
<p>Es kommt zum Zusammentreffen:</p>
<p>Jener: &#8220;Ist jemand da?&#8221; Und &#8220;da&#8221; antwortete Echo.<br />
Jener staunt, und indem er mit spähendem Blicke sich umsieht,<br />
rufet er: Komm! laut auf; Komm! ruft sie dem Rufenden wieder.<br />
Rückwärts schauet er; keiner erscheint: Was, rufet er endlich,<br />
Meidest du mich? Was meidest du mich? antwortet die Stimme.<br />
Jener besteht, und getäuscht von des Wechselhalles Gegaukel:<br />
Hier uns vereiniget! ruft er; und freudiger keinen der Töne<br />
Nachzutönen bereit: Uns vereiniget! ruft sie entgegen;<br />
Und sie gefällt in den Worten sich selbst.</p>
<p>Der Mythos erzählt die Begegnung von Echo und Narziss wie schiere Realsatire. Nicht von ungefähr trifft Narziss just auf eine Narzisstin: „Und sie gefällt in den Worten sich selbst.“ Und nicht von ungefähr fällt die Reaktion – doch wohl zu Recht? – auch hier sehr schroff aus: „eher sterb‘ ich, als dass dir unsere Fülle zuteilwerde“, entgegnet Narziss der herannahenden Nymphe (&#8216;ante&#8217; ait &#8217;emoriar, quam sit tibi copia nostri&#8217;).</p>
<h2>Dilemma der Selbstbezogenheit</h2>
<p>In seiner Schrift <em>Zur Einführung des Narzissmus</em> hatte Sigmund Freud 1914 zunächst die kindliche Phase einer Selbstliebe im Blick, die über jeden Kontakt zur Außenwelt gestellt ist. Schon bei Freud findet sich die Unterscheidung zwischen einem „primären und normalen Narzissmus“ als einem guten temporären Teilaspekt in der Persönlichkeit und sekundären Formen. Die Unterscheidung zwischen einem gesunden sowie einem kranken, problematischen Narzissmus, bleibt auch in der weiteren Entwicklung wichtig. Der Psychoanalytiker Kohut wird die positiven Facetten von Narzissmus in seinem Theorieansatz sehr stark machen, wobei er und dann Otto F. Kernberg ausführlich auch die Merkmale von schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörungen herausarbeiten. In extremer Form wird Narzissmus antisozial. Aus dem anfänglich guten ist ein übler, bösartiger – der maligne Narzissmus geworden.</p>
<p>Die Trennlinie, ab wann Narzissmus pathologisch, krankmachend und zerstörerisch zu nennen ist, verläuft im Einzelnen nicht eindeutig, so wenig die zugrundeliegenden Definitionen trennscharf anzuwenden sind. Immer bleibt es eine Aufgabe abzuwägen, wo die Aufmerksamkeit für das Ich aus einem gesunden Selbstinteresse entspringt und wo die Selbstzentriertheit zu kritischen Folgen für das Ego und die anderen führen muss.</p>
<h2>Änderungen in der Gesellschaft</h2>
<p>Spätestens wo die Gesellschaft im großen Stil mit zersetzenden Kräften konfrontiert wird, setzen bewusst oder unbewusst kulturelle, politische und ökonomische Gegenbewegungen ein. Theologie und Soziologie – als zwei Disziplinen, die das große Ganze in den Blick nehmen – reflektieren solche Entwicklungen wohl zuerst. Ein „Unbehagen in der Gesellschaft“, wie es der französische Soziologe Alain Ehrenberg betitelt (2011), scheint die Konsumgesellschaften des Westens zu erfassen. Er nennt als Ursachen die Unsicherheiten in der Arbeitswelt, in Familien und in der Schule, soziale Bindungsprobleme als Folge einer gestörten Kindheit. Nicht auszuschließen, dass die narzisstische Not eine verschleppte Spätfolge des Zweiten Weltkriegs ist.</p>
<p>Was aber kann in Zeiten des Narzissmus retten? Laut den Analytikern hilft es schon viel, andere Verhaltensweisen einzuüben. Die „Befundsteller“ appellieren zumeist an eine grundlegende Änderung der Gesellschaft. „Wir müssen lernen, natürliche Begrenzungen zu akzeptieren“, sagt Hans-Joachim Maaz. Er entwirft eine Art Sozialutopie am Ende seiner Analyse. Nicht weniger als eine Umgestaltung weiter Gesellschaftsbereiche ist demnach nötig, um aus der Spirale des Narzissmus auszusteigen. Es ginge also schlicht darum, andere Lebensweisen einzuüben. Andere Orientierungspunkte, andere Quellen in den Blick nehmen. Dazu müsste Narziss den Blick heben. Ob er das tut?</p>
<h2>Narzissmus – reflektiert</h2>
<p>Aus sich heraus ist er laut Mythos gerade dazu nicht in der Lage. Narziss sitzt fest in Selbstmitleid („Lass mich […] wenigstens schaun, und nähren den mitleidswürdigen Wahnsinn!“). So sinkt er ab und geht unter Wehklagen zur Unterwelt. „Da auch noch, wie er längst dem Reich der Toten gehörte, schaut er sich selbst in der stygischen Flut.“ Und noch dort heißt es: „Zur Wehklag&#8217; hallete Echo“.</p>
<p>Viele halten Narzissmus für unumkehrbar. Andere mahnen zu Geduld. Narziss ist zwar geblendet und verblendet, aber er ist nicht taub. Deutet doch gerade die erste Begegnung mit Echo im Mythos an, dass es auch anders ginge. Was wäre wohl passiert, würde der Narzisst nicht nur sich verdoppelnde Eigenliebe finden? Wie Kernberg zeigt, kann man sein Elend spiegeln, womöglich wird Narziss dann ansprechbar auf den wirklichen Eigen-Nutzen seines Verhaltens. Ansprechbar auf eintretende Risse in seinem Bild, ohne völlig zu zerbrechen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Narziss ist geblendet, aber er ist nicht taub</p></blockquote></div>
<p>Gar so falsch war die Liedzeile von Hans Hölzl <em>alias</em> Falco insofern nicht. Tatsächlich muss ein Stück weit etwas absterben, bevor die Selbstliebe gesund sein kann. Mit einem theologischen <em>locus classicus </em>zum Thema formuliert: Wer sein Leben liebhat und daran hängt, der wird’s verlieren; wer von seinem Leben auf dieser Welt absehen kann, der wird’s gewinnen (vgl. Johannes 12,25 mit Parallelstellen).</p>
<p>Was ließe sich aus dieser Perspektive Narziss zurufen und raten? Statt vor dem trügerischen Bild im Wässerchen zu sitzen, statt auf sich zu hocken und vor sich hin zu starren, kurz: statt Selbstversenkung, sich herausrufen lassen und sich tragen lassen durch ein hilfreiches Wort. Wie in einem Nachen sich über das undurchschaubare Gewässer in die Weite fahren lassen. Die sich spiegelnden Gesichter tummeln sich beim Blick ins Wasser dann dennoch rund um Narziss herum. Doch jetzt ist alles in Bewegung. Die Gesichter im Wellengang verändern sich. Narziss begönne sich zu wandeln.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Erbschaftsstreit</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/das-erbe-der-bekennenden-kirche/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hans Dieter Osenberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:34:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Bekennende Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[evangelische Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[„Bekennende Kirche“ oder „Kirchenkampf“ – je weiter man sich von der Zeit des Nationalsozialismus entfernt, umso unschärfer werden diese Bezeichnungen. Welche Bedeutung hatte die kirchliche Opposition im „Dritten Reich“ wirklich? Und was blieb nach 1945 vom Erbe dieser Bewegung? Unter Historikern und Theologen herrscht bis heute ein Streit um Interpretation und Bewertung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Bekennende Kirche“ oder „Kirchenkampf“ – je weiter man sich von der Zeit des Nationalsozialismus entfernt, umso unschärfer werden diese Bezeichnungen. Welche Bedeutung hatte die kirchliche Opposition im „Dritten Reich“ wirklich? Und was blieb nach 1945 vom Erbe dieser Bewegung? Unter Historikern und Theologen herrscht bis heute ein Streit um Interpretation und Bewertung.</p></blockquote></div>
<p>Es ist das Verdienst zweier Tagungen 2012 und 2013, Geschichte und Deutungsverschiebungen der „Bekennenden Kirche“ (BK) aufgearbeitet zu haben. Veranstaltet wurden sie vom Bonhoeffer-Verein, von der Martin-Niemöller-Stiftung und von der Stiftung Adam von Trott. Was Historiker und Theologen hier referierten, liegt jetzt in zwei höchst lesenswerten Bänden des Radius-Verlags vor. Sie bieten Einblick in eine spannende fachwissenschaftliche Debatte. Der erste Band beleuchtet die Entwicklung im Westen, der zweite die im Osten Deutschlands:</p>
<ul>
<li>Reinhard Höppner; Joachim Perels (Hrsg.): <em>Das verdrängte Erbe der Bekennenden Kirche.</em> Stuttgart 2012. 184 S., 16 Euro.</li>
<li>Reinhard Höppner; Michael Karg (Hrsg.): <em>Das Erbe der Bekennenden Kirche in der DDR. </em>Stuttgart 2014. 168 S., 16 Euro.</li>
</ul>
<h2>1. Das verdrängte Erbe der Bekennenden Kirche in Westdeutschland</h2>
<p>Für <strong>Günter van Norden</strong>, der den ersten Band eröffnet, beginnt die Erosion der „Bekennenden Kirche“ bereits auf der Barmer Synode 1934. Abgesehen von einer Minderheit in der Altpreußischen Union und in der Württembergischen Sozietät, die – wenn auch oft verklausuliert – politisches Unrecht beim Namen nannten, war für van Norden eine wirklich bekennende Kirche in der Folgezeit nicht existent. Nicht in der bischöflichen „Bekenntniskirche“ wie in Bayern oder Hannover, die kompromisslerisch und anpasserisch zur „volkskirchlichen Mitte“ rückte, vom „Lebenskampf gegen den Bolschewismus“ oder von der „Reinhaltung der Rasse“ redete. Und auch nicht im so genannten „Einigungswerk“ des Bischofs Wurm während des Krieges, in dem die „Bekennende Kirche“ ihren Leitungsanspruch aufgab, was sich dann 1945 beim Neuanfang fortsetzte. Doch räumt van Norden ein, außer der Freikirche habe es eine realistische Alternative für sie nicht gegeben.</p>
<h2>Deutungsverschiebungen nach 1945</h2>
<p>Angeführt von Wilhelm Niemöller habe die bruderrätliche BK ihre Rolle nach dem Krieg dann allerdings heroisiert, und seit den 70er Jahren hätten Kirchenhistoriker eine erneute Deutungsverschiebung vorgenommen: Gerade die erhalten gebliebene Volkskirche sei für den Nationalsozialismus, so die Behauptung, ein gravierender Störfaktor gewesen. Immerhin, so van Norden, sei die wachsende Friedensbewegung als ein Erbe der konsequenten „Bekennenden Kirche“ anzusehen.</p>
<h2>Ende und Erbe der Bekennenden Kirche in der Nachkriegszeit</h2>
<p>Der Berliner Zeitgeschichtler <strong>Hartmut Ludwig</strong> zeigt in seinem Beitrag „Deutung und Umdeutung des Kirchenkampfes“ ein ganzes Kaleidoskop gravierender Umdeutungen nach dem Krieg auf: der „falsche Tritt“ (H. J. Iwand) einer „Rechristianisierung der Gesellschaft“; das dämonische Verständnis des Nationalsozialismus, das eine eindeutige Schulderklärung im Oktober 1945 behinderte; die konfessionelle Aufspaltung der EKD; der Verzicht auf bruderrätliche Strukturen.</p>
<p>Der Aufstand, den die Gruppe um Hans Joachim Iwand im „Darmstädter Wort“ 1947 versuchte, gegen einen neuen Nationalismus und ein „Bündnis mit den konservativen Mächten“, stieß auf heftige Ablehnung in Deutschland, während für die Ökumene hier die Stimme der BK wieder hörbar wurde. Mit der Gründung der EKD hatte die BK ihren Weg zwar für beendet erklärt, aber die Wiederaufrüstungsdebatte ab 1950 aktivierte junge Theologen, in den „Kirchlichen Bruderschaften“ das Erbe der BK am Leben zu erhalten.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Protagonisten des Kirchenkampfes verlieren ihre EKD-Ämter</p></blockquote></div>
<p>Je nach Herkunft der Interpreten – Lutheraner wie Bischof Meiser oder Wilhelm Niemöller im Sinne des Bruderrats – wird die Geschichte des Kirchenkampfes aber immer in der verengten Sichtweise des eigenen Blickfeldes traktiert, was die einen jeweils den anderen vorwerfen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung verlieren auch Protagonisten bruderrätlicher Provenienz wie Gustav W. Heinemann oder Martin Niemöller ihre EKD-Ämter.</p>
<h2>Neue Sicht auf die Bekennende Kirche ab den 70er Jahren</h2>
<p>Eine neue Phase der Betrachtung setzt ein, als in den 70er Jahren Eberhard Bethge sich bemüht, das theologische Erbe der BK für ein neues Verhältnis zu den Juden oder im Kampf um das Antirassismus-Programm des ÖRK fruchtbar zu machen. Er weist die Behauptung etlicher alter BK-Kämpfer zurück, Antirassismus-Programm und Befreiungstheologie seien nur eine Neuauflage alter Häresien der „Deutschen Christen“. Bethge ist es auch, der heftig protestiert, als eine damals viel beachtete Ausstellung „Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ die Unterscheidung von dem „gemäßigten“ und dem „radikalen“ Flügel der BK in die Welt setzt. Ein verräterisches Sprachmuster: die unentschiedene Mehrheit ist „gemäßigt“, sprich: vernünftig, die Entscheidungstreuen „radikal“, sprich: Störenfriede.</p>
<p>Für die erste und bisher letzte große Gesamtdarstellung des Kampfes der BK (1976–1984), von Kurt Meier, hat Ludwig nur ein Verdikt: „Die in sich vielfach gespaltene Mitte wurde detailliert beschrieben, während das Bild der BK bis zur Unkenntlichkeit relativiert wurde &#8230; ein Werk, in dem die Amtsträger wichtiger sind, als die Widerstehenden und Leidenden.“</p>
<h2>Zwei Protagonisten des Kirchenkampfs im Portrait</h2>
<p>Mit den Beiträgen von van Norden und Ludwig ist man bestens gerüstet für zwei Einzelportraits im ersten Band: die beiden Lebensgänge von so unterschiedlichen Personen wie Heinz Brunotte (1896–1984), zeitweise Präsident der EKD-Kanzlei, und Martin Niemöller (1892–1984) durch <strong>Jens Gundlach</strong> und <strong>Martin Stöhr</strong>. Man wundert sich nicht mehr so sehr über diesen komplizierten frontenreichen Kirchenkampf, wenn man liest, wie facettenreich und widersprüchlich ein einziges Leben der unmittelbar Beteiligten verlaufen konnte.</p>
<h2>Das weltkritische Erbe der Bekennenden Kirche</h2>
<p>Den Juristen, Politologen und Theologen <strong>Joachim Perels</strong> beschäftigt die Tatsache, dass die Verfolgung von Arbeiterparteien und Gewerkschaften im „Dritten Reich“ nie in den Blick der meist deutsch­national fundierten Bekenntnis-Theologen gekommen ist. Erst mit dem „Darmstädter Wort“ 1947 kommt die weltkritische Richtung der BK zum Tragen. Dies macht gewichtigen Erben der BK in der frühen Bundesrepublik auch eine Kritik am Kapitalismus möglich. Eben dies, so Perels, ist aber auf Initiative des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber (Impulspapier „Kirche der Freiheit“) wieder eliminiert worden.</p>
<h2>Das vergessene Erbe der Bekennenden Kirche in der EKD</h2>
<p><strong>Detlef Bald</strong> stellt im letzten Beitrag des ersten Bandes fest, dass im Geflecht Staat und Gesellschaft die Kirche in weitgehender Kontinuität zum Modell der Weimarer Verfassung in der Bundesrepublik angekommen ist. Nicht ohne Beschweigen einer belasteten Vergangenheit und „verwaltet, verteidigt und bewahrt“ von einer EKD. „Vergessen scheint die alte Erfahrung: semper reformanda.“</p>
<p>Auch die Diskussion auf dieser ersten Tagung wird am Schluss gerafft dokumentiert.</p>
<h2>2. Das Erbe der Bekennenden Kirche in der DDR</h2>
<p>Im zweiten Band, der sich mit der Nachkriegsentwicklung im Osten Deutschlands befasst, setzt vor allem <strong>Heino Falcke</strong>, der langjährige Propst von Erfurt, den Akzent. Zwischenhinein muss man einmal sagen: publizierte Tagungsreferate zu einem Generalthema, selbst wenn die Autoren verschiedenen Fachrichtungen angehören, neigen immer zu inhaltlichen Überschneidungen. Daran leiden auch die hier rezensierten Bände. Eins aber ist in Mitteldeutschland grundsätzlich anders als in der Bundesrepublik: hier musste das Erbe der BK sofort wieder gegen eine neue Diktatur durchgehalten werden. Jugendweihe und Zerschlagen kirchlicher Konfirmationspraxis, bloßgestellte Christenlehre-Kinder in der Schule, Verweigerung des Studiums von Pastorenkindern, schließlich Protestaktionen für Umwelt, Frieden und Menschenrechte.</p>
<h2>Thüringen oder Weißensee – wie geht man mit einer Diktatur um?</h2>
<p>Das sind hier die Stichworte, und Falcke zeigt, wie unterschiedlich die Kirche im SED-Staat darauf reagierte. Vom so genannten „Thüringer Weg“ des Bischofs Mitzenheim, einer politischen Anpassung im Interesse der Volkskirche, bis zum „Weißenseer Arbeitskreis“, der kein „Wächteramt“ gegenüber Staat und Gesellschaft zulassen wollte. Die Kirche musste aufpassen, im ideologischen Ost-West-Konflikt nicht als fünfte Kolonne des Kapitalismus gegen die Kommunisten eingereiht zu werden. Deshalb bekam das „Darmstädter Wort“ in der DDR eine viel größere Resonanz als im Westen.</p>
<p>Wie konnte der Staat als „gnädige Anordnung Gottes“ (Barmen V) auf einen Staatssozialismus bezogen werden? Konnte es einen „Deal“ geben zwischen dem „real existierenden Sozialismus“ und der Kirche? Jeder redet dem anderen nicht drein? „Befreit aus den gottlosen Bindungen dieser Welt“ (Barmen II) – waren das die Kirchen in der DDR? Wer im Westen aufgewachsen ist, findet in diesen und weiteren Erörterungen von Falcke über das Erbe der BK im Osten eine wichtige Erweiterung seines Horizontes.</p>
<h2>Gemeindebild und Kirchenverständnis</h2>
<p><strong>Axel Noack</strong>, langjähriger Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, will erörtern, welches Gemeindebild und welches Verständnis von Kirche und ihrer Leitung sich zwischen Elbe und Oder herausgebildet haben. Doch sein Beitrag gerät zu anekdotenhaft. Er verliert sich in Einzelheiten der provinzsächsischen Kirche und in langen Zitaten seiner Gewährsleute. Er streift von der Jugendweihe über das Gesangbuch, die Pfarrbesoldung und die Minderheitenkirche zahllose Themen, ohne zu einer systematischen Einordnung zu verhelfen. Aber er entlässt doch mit einer entscheidenden Frage: „Die Masse der ‚Konfessionslosen‘ im Osten ist nie aus der Kirche ausgetreten, weil sie nie drin war. Wie kann man also mit &#8230; dem klaren Wissen der ‚Bekennenden Kirche‘ auf diese ‚unberührten‘ Menschen blicken?“</p>
<h2>Bekennen in der Friedensfrage</h2>
<p>Ausschließlich konzentriert auf das gelebte Friedenszeugnis der Kirche und in ständiger Rückfrage an das Verhalten Dietrich Bonhoeffers, beschäftigt sich <strong>Marie Anne Subklev</strong> mit diesen Aktivitäten in der DDR. Sie erinnert an wichtige Texte und daran, wie häufig gerade das Thema Frieden und Atomwaffen die Einheit der EKD auf die Probe gestellt hat. Während im Westen die Kirche Wehrdienst und Verweigerung gewissensmäßig gleichsetzt, beharrt man im Osten darauf, dass die Verweigerung das „deutlichere Friedenszeugnis“ ist. „Die Friedensfrage ist kein Randthema der Theologie, sie ist eine Bekenntnisfrage.“</p>
<h2>Fazit: Die „Bekennende Kirche“ ist keine feste Größe</h2>
<p>Eine ausführliche Erörterung über „das Darmstädter Wort im Sozialismus“ (ein Autorenkollektiv), ein Blick in den Osten aus westdeutscher Perspektive (<strong>Martin Stöhr</strong>) und über die „politische Relevanz religiöser Überzeugungen“ (<strong>Ellen Ueberschär</strong>) komplettieren den zweiten Band. Wer meinte, dass eine „Bekennende Kirche“ mit dem Ende des Nationalsozialismus Vergangenheit war, wird in den beiden Bänden eines Besseren belehrt. Und wer sie bisher als eine feste Größe verstand, kommt angesichts der Deutungen unterschiedlicher Kirchenhistoriker aus dem Staunen nicht heraus.</p>
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		<title>Die gemeinsame Sprache der Barmherzigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephan Mühlich]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:32:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Barmherzigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesang]]></category>
		<category><![CDATA[Gesangbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Psalmen]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich will den Herrn laut preisen mit meinem Mund und inmitten vieler ihn loben. (Psalm 109,30)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ich will den Herrn laut preisen mit meinem Mund und inmitten vieler ihn loben. (Psalm 109,30)</p></blockquote></div>
<p><strong>„Ich singe dir mit Herz und Mund, HERR, meines Herzens Lust, ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst“</strong> (EG 324). Gemeinsam laut Choräle zu singen ist ein Grundelement protestantischer Gottesdiensttradition. Die Liedtexte von Paul Gerhardt haben evangelische Gemeinden über viele Generationen miteinander verbunden. Im Lied gehören schon für Martin Luther reformatorische Theologie und Spiritualität, Bekenntnis und Lobpreis zusammen. <strong>„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen…“</strong> (EG 362). Zeige mir dein Gesangbuch und ich sage dir, wer du bist.</p>
<p><strong>„Laudato si“</strong> – ein Lied, das in Deutschland zu den Lieblingsliedern von Kindern und Jugendlichen im Religions- und Konfirmandenunterricht gehört, wird am 15. Mai 2015 zur Überschrift der Enzyclika von Papst Franziskus. Mit Bedacht hat der Papst die ersten Worte des so genannten Sonnengesangs seines Namenspatrons Franziskus von Assisi an den Anfang des Briefs gestellt, der die weltweite Christenheit an die Sorge für das gemeinsame Haus und die Verantwortung für die Schwester, Mutter Erde erinnert. „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat.“</p>
<p><strong>„Amazing Grace &#8211; how sweet the sound…“</strong> Bei der Trauerfeier des Pfarrers und Senators Clementa Pinckney, der in seiner Kirche, der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina, bei einem rassistischen Anschlag erschossen worden war, beendet Präsident Obama seine Rede am 17. Juni 2015 singend. Er singt das Lied von der alles überwindenden Gnade Gottes in dem Bewusstsein, dass Gewalt und Gegengewalt nur in Teufelskreisen enden können.</p>
<p>Der gemeinsame Ursprung aller christlichen Gesänge und Gesangbücher liegt im Buch der Psalmen. Es ist das Gebetbuch der Bibel, das Christen zusammen mit ihren älteren Geschwistern aus dem jüdischen Gottesvolk weiter singen und sagen – mit Herz und Mund. Doch der Mensch, von dem wir die Worte aus dem 109. Psalm hören, war kein Papst und kein Präsident. Er war einsam und isoliert, ausgegrenzt aus der Gemeinschaft, verleumdet und mit übler Nachrede überzogen. Sein Gebet zitiert vieles und bringt die bösen Worte der feindlich gesinnten Menschen vor Gott.</p>
<p>Gott soll für Gerechtigkeit sorgen. Erst dann kann am Schluss auch der Lobpreis erklingen. Denn Gottes Lob ist niemals ohne Zusammenhang. Und der bittere Zusammenhang in Psalm 109 ist die Erfahrung des Beters, dass ihn seine Feinde gewissermaßen mit den Gebeten des eigenen Gesangbuchs bekämpfen: „Wenn er gerichtet wird, soll er schuldig gesprochen werden, und sein Gebet werde zur Sünde. &#8230; Der Schuld seiner Väter soll gedacht werden vor dem HERRN, und seiner Mutter Sünde soll nicht getilgt werden. Der HERR soll sie nie mehr aus den Augen lassen, und ihr Andenken soll ausgerottet werden auf Erden.“ So beten die Feinde. „Gott steht dem Armen zur Rechten, dass er ihm helfe von denen, die ihn verurteilen“, antwortet der Psalmbeter in seinem Lobpreis.</p>
<p><strong>„Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“</strong>, hat Dietrich Bonhoeffer dem Theologennachwuchs im pommerschen Predigerseminar während der Nazidiktatur gesagt. Rassismus ist ein Gift, das auch Glaubende und religiöse Gemeinschaften befallen kann. Lobgesänge sind da kein automatischer Schutz. Entscheidend bleibt auch heute, ob gemeinsame Lieder und Gebete, mit denen wir als große Gemeinschaft Gott loben wollen, auch anderen Menschen eine Tür öffnen, Fremden und Minderheiten, die Schutz suchen.</p>
<p>Gottes Barmherzigkeit ist unser gemeinsamer Ursprung. Und menschliche Barmherzigkeit ist die gemeinsame Sprache der Konfessionen und Religionen, die Gott die Ehre erweist.</p>
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		<title>Museum in Kreuzform</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:30:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Ausflüge]]></category>
		<category><![CDATA[Freizeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Bislang war Ellwangen vor allem für sein Alamannenmuseum bekannt. Es zählt zu den bedeutendsten Museen dieses Volksstammes. Noch nicht so recht herumgesprochen hat sich allerdings, dass die Stadt im Osten Baden-Württembergs nahe der Grenze zu Bayern seit vier Jahren Heimat eines Museums für einen der bekanntesten christlichen Künstler ist. Im Mai 2011 wurde das „Sieger Köder Museum Ellwangen – Bild und Bibel“ eingeweiht. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Bislang war Ellwangen vor allem für sein Alamannenmuseum bekannt. Es zählt zu den bedeutendsten Museen dieses Volksstammes. Noch nicht so recht herumgesprochen hat sich allerdings, dass die Stadt im Osten Baden-Württembergs nahe der Grenze zu Bayern seit vier Jahren Heimat eines Museums für einen der bekanntesten christlichen Künstler ist. Im Mai 2011 wurde das „Sieger Köder Museum Ellwangen – Bild und Bibel“ eingeweiht.</p>
<p>Das Museum gibt mit 150 Exponaten in zwölf Stationen beziehungsweise Räumen auf 670 Quadratmetern Einblicke in die Arbeit Köders, seine theologischen Gedanken und deren bildnerische Umsetzung. Es gibt einen Überblick über das Lebenswerk des Künstlers, der Anfang 2015 im Alter von 90 Jahren in Ellwangen starb.</p>
<p>Empfangen werden die Besucher in einem hellen Foyer mit Museumsshop. Ein Rundgang führt durch die Räume, die nach Themen gegliedert sind. Nach theologischen Gesichtspunkten ist der Bau angelegt, der Grundriss des Museums bildet nämlich ein Kreuz. Das Ganze ist so konzipiert, dass sich die einzelnen Räume wie Sätze einer sinfonischen Dichtung durchschreiten und wahrnehmen lassen. Die Themen heißen Psalm, Choral, Scherzo oder Meditation. Als Logo hat das Museum eine Vogelscheuche – mit vielen theologischen Bezügen.</p>
<p>Köder zählt zu den bekanntesten deutschen Malern christlicher Kunst und Krippenbauern des 20. Jahrhunderts. Der 1925 in Wasseralfingen geborene Künstler hat viele Kirchen, Gebäude und öffentliche Plätze rund um Ellwangen mit seinen Werken künstlerisch ausgestaltet. Köder nutzt Farbe intensiv. Das macht seine Bilder kraftvoll. Er gilt deshalb als farbgewaltiger „Prediger mit Bildern“.</p>
<p>Köder studierte Kunst in Schwäbisch Gmünd und Stuttgart. Nach dem Studium der katholischen Theologie besuchte er das Priesterseminar in Rottenburg, wurde 1971 zum Priester geweiht und war seit 1975 Pfarrer in Hohenberg und Rosenberg. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen.</p>
<p>Für Kunstinteressierte lohnt sich also ein Besuch in Ellwangen allemal, die Stadt und ihre Umgebung haben jedoch auch genügend andere Reize. Denn Ellwangen liegt in landschaftlich schöner Umgebung an der Jagst. Der Fluss hat sich zum Paradies für Kanufahrer entwickelt. Ellwangen selbst ist mit rund 25.000 Einwohnern ein Mittelzentrum für die umliegenden Gemeinden. Sehenswert sind die spätrömische Basilika St. Vitus, das weitläufige Renaissanceschloss und die Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg.</p>
<p><em>Informationen unter <a href="http://www.sieger-koeder-museum.de">www.sieger-koeder-museum.de</a> </em></p>
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		<title>Stichwort: Einwanderungsgesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörn-Erik Gutheil]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:27:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Asyl]]></category>
		<category><![CDATA[Einwanderung]]></category>
		<category><![CDATA[Einwanderungsgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Welt ist aus den Fugen. Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet in diesem Jahr mit 450.000 Menschen, die ihren Anspruch auf Asyl geltend machen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Welt ist aus den Fugen. Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet in diesem Jahr mit 450.000 Menschen, die ihren Anspruch auf Asyl geltend machen.</p></blockquote></div>
<p>Vor zwanzig Jahren, als eine vergleichbare Anzahl Asyl in Deutschland suchte, führte das zu erbitterten Kontroversen um das Asylrecht, verbunden mit ausländerfeindlichen Ausschreitungen. Das Ergebnis war der sog. Asylkompromiss, der einschneidende Veränderungen von Artikel 16 GG zur Folge hatte.</p>
<h3>Hilflose Flüchtlinge – uneinige Europäer</h3>
<p>Sind wir heute, da Politik und Medien eine große Solidaritätsbewegung feststellen, tatsächlich eine Einwanderungsgesellschaft geworden? Bilder und Berichte von Menschen, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen, mobilisieren starke Gefühle. Viele fordern deshalb legale Wege für die Einreise von Flüchtlingen. Doch die Europäer sind uneins. Eine verbindliche Flüchtlingsaufnahmepolitik ist gescheitert. Doch „Flüchtlinge sind keine Last, ihre Aufnahme ist eine Herausforderung – eine lösbare. Flüchtlinge haben ein Recht zu kommen und zu bleiben – unabhängig von Nützlichkeitserwägungen“, sagt PRO ASYL. Das löst Widerspruch aus.</p>
<h3>Gesichtspunkte einer Willkommenskultur</h3>
<p>Und Deutschland? Wir sind ein weltoffenes und wohlhabendes Land. Bestimmt. Aber: tun wir angesichts der wachsenden Not genug? Bestimmt nicht! Wir wissen längst, was gutes Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft möglich macht: Sprache ist der Schlüssel. Auf gute Bildung kommt es an. Arbeit fördert das Selbstwertgefühl. Die Einsicht, dass dazu ein entsprechendes gesellschaftliches Klima und nicht zuletzt erhebliche staatliche Finanzmittel notwendig sind, hat sich nur unzureichend durchgesetzt. Und wir stellen die notwendigen Fragen nicht: Über welche Talente verfügt ein Flüchtling? Welche Sprachen spricht er? Welche Interessen hat er? Wo finden sich Kontakte, Familien, Freunde, die ihn aufnehmen und unterstützen könnten – und wo wäre er am besten untergebracht? Das könnten Gesichtspunkte für ein spürbares Willkommen einer Einwanderungsgesellschaft sein (die den näheren inhaltlichen Regelungen eines möglichen, derzeit umstrittenen deutschen Einwanderungsgesetzes zugrunde liegen sollten).</p>
<h3>Nächstenliebe konkret</h3>
<p>Hier wünschte man sich die aktive Stimme der Kirchen und Religionsgemeinschaften, die weitgehend in Appellen und Symbolhandlungen verharren. Und sie könnten bei der notwendigen öffentlichen Erörterung die Sorgen, Vorbehalte und Bedürfnisse der Einheimischen ins Gespräch bringen. Divergierende Interessen und Veränderungen könnten rechtzeitig erkannt und im Miteinander ausbalanciert werden.</p>
<p>Schließlich, was könnte glaubwürdiger und die Anstrengungen der politischen Mandatsträger besser unterstützen als eine Aktion, bei der Kirchen-, Moschee-, Synagogengemeinden – je nach Größe und Leistungsfähigkeit – eine oder mehrere Flüchtlingsfamilien aufnähmen und begleiteten? Solidarität und gesamtgesellschaftliche Verantwortung bekämen so ein Gesicht. Für die Kirchengemeinden wäre dann Weihnachten zu jeder Jahreszeit: „denn sie fanden Platz in der Herberge!“</p>
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