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	<title>evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Hiroshima – die Bombe und die Kultur der Stille</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:58:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Atombombe]]></category>
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					<description><![CDATA[Innehalten, ruhig werden, zu sich kommen – eine Reportage über die Facetten und die Faszination der Stille während einer Reise nach Japan.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Innehalten, ruhig werden, zu sich kommen – eine Reportage über die Facetten und die Faszination der Stille während einer Reise nach Japan.</p></blockquote></div>
<p>„Der Osten weiß mehr um die Stille als der Westen“, lese ich in meinem Lieblingsbuch gleich auf der ersten Seite. Sein Autor, Karlfried Graf Dürckheim, fand die Stille in Japan. Im Dienste des NS-Außenministers Ribbentrop wurde der national denkende Psychologe dorthin einst entsandt, um die Auslandsdeutschen zu betreuen. Die Japaner bekehrten ihn zum Zen- (Meditations-) Buddhismus und zum „Weg des Tees“, sie verhalfen ihm zum Glück, zur „Urerfahrung, dass dem Mensch dort, wo er still zu werden vermag, das wahre Glück aufgeht – und wo ihm das wahre Glück aufgeht, er still wird“. Nach dem Krieg lehrte er die Kultur der Stille in seiner eigenen Bildungsstätte im Schwarzwald.</p>
<h2>Stille des Entsetzens</h2>
<p>Dieses Buch fesselte mich seit Langem und lockte mich nach Japan. In Hiroshima angekommen entdecke ich zunächst eine ganz andere Stille – Stille des Entsetzens. Im Friedenspark, an dem Ort also, wo am 6. August 1945 eine der beiden US-amerikanischen Atombomben explodierte, lauscht eine Gruppe von fünf Frauen gebannt den Schilderungen eines einzelnen Demonstranten. Ein 72-Jähriger erzählt von seiner mit ihm schwangeren Mutter, wie sie verstrahlt wurde, ihn noch zur Welt bringen konnte und bald starb. Sein Appell: Schluss mit Atomwaffen auf der ganzen Welt! Er zeigt Bilder seiner niedergebrannten Stadt – mit Ausnahme des Gebäudes, vor dem wir gerade stehen: Die ehemalige Industrie- und Handelskammer, der „A-Bomb-Dome“. Das Symbol Hiroshimas blieb in seinen Grundfesten jedenfalls stehen – wie ein angeschlagener Boxer, der einfach nicht umfallen will. Es wird an diesem Ort nicht diskutiert, nicht geklagt, nicht gelacht, es liegt ein Erschauern vor dem Unfassbaren in der Luft – und nimmt den Atem. In der Stille ertönt die Friedensglocke. Sie ist von stattlicher Größe und macht beim Aufprall eines dicken Holzes einen dumpfen, trauernden und warnenden Ton. „Lasst uns in Frieden leben“ ruft sie auf.</p>
<h2>Eine neue atomare Bedrohung</h2>
<p>Es ergibt sich, dass ich mit einem älteren Besucher des Parks ins Gespräch komme. Der Mann kommt jeden Tag und füttert Vögel. In seiner offenen Hand bietet er Sperlingen Brotkrumen an und sie kommen, setzen sich in seine Hand und picken die Bröckchen. Er ist besorgt über die US-amerikanische Armada, die US-Präsident Donald Trump in die Region entsendet hat. Der Diktator in Nordkorea hat darauf prompt reagiert: Er droht mit Atomangriffen auf seine Nachbarn Südkorea und Japan, sollten die US-Amerikaner einen Erstschlag gegen Nordkorea führen. Die nordkoreanische Zeitung<em> Rodong Sinmun </em>drohte, man sehe in Pjöngjang Japan als Erstschlagziel an. Im Falle eines nuklearen Krieges auf der Halbinsel werde Japan, welches diverse US-Militärbasen vorweise, vor jedem anderen Land unter radioaktiven Wolken verschwinden, so die Zeitung. Welche Drohung könnte schlimmer sein. Der Vogelfreund erklärt mir das Dilemma. Japan wolle auf keinen Fall eine Eskalation der Spannungen in der Region, aber man brauche die USA als Schutzmacht; bloß sehen Chinesen und Nordkoreaner die Anwesenheit der Amerikaner im Pazifik als Bedrohung an.</p>
<h2>Erinnerung an Fukushima</h2>
<p>Dürckheim lernte Stille im Krieg, unter Spannung. Er schaltete einfach das Äußere ab und kehrte ganz und gar in sein Inneres ein – ein Alltagsverhalten, das er bei Japanern immer wieder beobachtet hatte. Mein nächstes Ziel soll der Shukkei-en sein, ein Landschaftsgarten mitten in der lauten Stadt.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Japaner mögen nicht kämpfen, sie ordnen sich unter.</p></blockquote></div>Meinen Weg dorthin muss ich unterbrechen. Überraschend lese ich deutsche Worte, die einzigen auf meiner Reise: „Atomkraft – nein danke!“ Ein junger Mann betreibt einen Flohmarktstand und demonstriert gleichzeitig. Er habe das Plakat bei einem Freund in Berlin auf dessen Toilette entdeckt, der habe es ihm geschenkt. Sein Protest richtet sich gegen die Regierung, die nach dem Reaktorunfall in Fukushima erklärte, Atomkraftwerke seien sicher und Japan werde die Atomenergie weiter ausbauen. „Die Japaner mögen nicht kämpfen, sie ordnen sich unter“, klagt der junge Mann. Warum er anders denke? Er habe die Welt bereist und sehe anderswo viel mehr Freiheit.</p>
<h2>Äußere Ruhe, innerer Frieden</h2>
<p>In den Tagen des Reaktor-Unglücks bewahrten die Japaner Ruhe – die Kultur der Stille bewährte sich. Mein Gesprächspartner betreibt selbst Zen-Meditation. Er lädt mich ein, ihn in einen nahen Zentempel zu begleiten. Am Eingang ziehen wir die Schuhe aus und treten in eine Halle ein, die auf eine große Buddha-Figur hin ausgerichtet ist. Wir verbeugen uns erst im Stehen und dann im Hocken bis die Stirn den Boden berührt. Zumeist ältere Frauen sitzen neben uns auf Matten, die einen mit geschlossenen Augen, die anderen lesen Sutren, Texte des Buddhismus. Anders als in Shinto- oder Daotempeln ist es hier leise, keiner klatscht oder schlägt Glocken, um die Götter zu wecken. Sie sitzen in Stille, beobachten ihren Atem beim Kommen und Gehen und versuchen, nicht zu denken.</p>
<p>Mein Begleiter lässt hier alles Quälende hinter sich – Ärger über Politik und Angst vor der Zukunft – und sucht Frieden im tiefsten Inneren. Jemanden wie ihn in Japan zu finden, hatte ich gehofft, einen, der mir Dürckheims theoretische Darstellung aus persönlicher Erfahrung bestätigen konnte, zum Beispiel diese: „In der Übung des Ruhighaltens lernt der Mensch nicht nur durch die Stürme des Lebens zu gehen ohne sich zu rühren, sondern in den Genuss jener tiefen Wirklichkeit zu kommen, die jenseits von Leben und Tod liegt.“ Was für ein Versprechen! „Form ist Leere, Leere ist Form“ (Herz Sutra): Die Stille lehrt, dass alles, was ist, aus Leere, aus Nichts entstanden ist und dorthin zurückkehrt, in der Stille gibt sich die Leere, das Nichts zu erkennen.</p>
<h2>In der Natur ganz bei sich sein</h2>
<p>Mehr davon! Wo kann mir Japan noch zeigen, was Dürckheim nie wieder los gelassen hat? Das Gebäude des Kunstmuseums fällt aufgrund seiner Schmucklosigkeit im Stadtbild nicht auf, es verbirgt sein Heiligtum, den Shukkei-en. Ich trete in den Landschaftsgarten ein und stehe gleich auf einem Rundweg, über die richtige Richtung brauche ich nicht nachzudenken, sie ist klar: nach links und gerade aus. Den ganzen Garten kann ich nicht überblicken, durch seine verschiedenen Höhen und durch Bewuchs hat er verdeckte Bereiche, der Weg lässt sich nur bis zur nächsten Biegung einsehen – ich bin gespannt und mache mich auf zur Entdeckungstour.</p>
<p>Im Westen tut sich ein Kiefernwald auf, über Stock und Stein geht’s hindurch. Als ich aus dem Wald heraus trete, fällt mein Blick auf eine Insel in einem Teich und auf einen überdachten Ruheplatz. Ein junges Paar in traditionellen Kimonos lässt Fotos von sich machen. Zögerlich mache ich auch ein Foto von der Szene – sie scheinen mich gar nicht zu bemerken, dann noch eins und noch eins. Merkwürdig! Nicht zum ersten Mal komme ich mir wie unsichtbar vor, die Japaner sehen nicht, was sie nicht sehen wollen, sie sind offenbar ganz bei sich und lassen sich überhaupt nicht stören.</p>
<p>Ganz im Gegensatz zu barocken Parks wie den Herrenhäuser Gärten in Hannover ist dieser asymmetrisch angelegt. Wie in der Natur gibt es hier keine geometrischen Formen, keine Geraden, keine Dreiecke oder Quadrate, die Landschaft scheint wild zu wachsen, sie erscheint aber nur so. Tatsächlich besteht die Kunst darin zu gestalten ohne die Gestaltung zu erkennen zu geben, einzugreifen und die Natur zu vervollkommnen, ohne sich dabei als Mensch in den Vordergrund zu stellen. Im Garten finden sich keine Figuren von Menschen – dem Mensch kommt keine Sonderstellung im großen Ganzen der Natur zu, sondern er übt nur eine dienende Funktion aus. Ein Gärtner beschneidet gerade Bäume und Büsche mit einem „Wolkenschnitt“ – das Blatt- und Astwerk bekommt die Form von flachen, zackigen Wolken, der Gärtner vollzieht nur, was im Wesen der Pflanzen angelegt ist, nicht etwa Eigenes, er ist nicht kreativ.</p>
<h2>Spirituelle Kraft aus der Stille</h2>
<p>Was für ein Glück: Es ist die Zeit der Kirschblüte, die Bäume zeigen ihre Knospen in rot, weiß und rosa. Japaner und Koreaner treffen sich unter Kirschbäumen und nehmen die spirituelle Kraft der Natur auf. Sie freuen sich über die kurze Pracht an nur wenigen Tagen und erkennen im baldigen Vergehen auch ihr Schicksal – bestimmt dazu, geboren zu werden, zur Blüte zu kommen und zu sterben. Ein bisschen Wehmut ergänzt die Freude. Unter einem Kirschbaum mache ich Rast und blicke über den Teich, also über das Meer, das der Teich symbolisiert. Der Landschaftsgarten ist eine Miniatur, eine große, weite Landschaft im Kleinformat. All die Kraft der Götter und guten Geister in der großen Natur findet sich auch in der kleinen, sogar in der ganz kleinen zu Hause im Bonsai-Zwergbäumchen.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Stille ist nicht mehr nichts, sondern spricht aus sich selbst.</p></blockquote></div> Und es geschieht: Ich versinke in die Stille des Gartens. Ich gucke mir das Einzelne im Garten nicht mehr an, ich schaue ihn in einer Gesamtheit, ohne zu denken fühle ich mich verbunden mit dem Teich, mit den Inselchen, mit den Bäumen, ich höre die Vögel nicht mehr, ich lausche ihnen und höre hinter ihrem Singen die Stille umso klarer. Das muss es sein, das muss Dürckheim gemeint haben! In seinen Worten: „Wir alle haben es wohl einmal erfahren, dass wir plötzlich durch den Ruf eines Vogels erschreckt, die uns umgebene Stille empfanden, sie ist nicht mehr nichts, sondern spricht aus sich selbst.“</p>
<h2>Auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht</h2>
<p>Schauend und lauschend setze ich meinen Weg fort und freue mich über kleine Dinge, über ein Wasserfällchen und spritzendes Wasser, über einen steinernen Anstieg zu einem roten Tor, den Eingang zum Schrein, über den einzigen überlebenden Baum der Atombomben-Explosion, einen Ginkgo. Kahl und gebeugt steht der würdige Alte da, seine Äste müssen gestützt werden. Seinen Samen verschicken die Gartenbetreiber in alle Welt: Der alte Baum macht Hoffnung – das Leben siegt über den Tod.</p>
<p>Den „Fuji-Berg“ besteige ich nun und habe auf dem Gipfel wieder einen ganz anderen Blick auf die Landschaft unter mir. Immer ändert sich die Perspektive, die eine und ausschließliche Sicht gibt es nicht (wie es die eine, ausschließlich Wahrheit nicht gibt – lehren die fernöstlichen Religionen).</p>
<p>Über eine Brücke in Form eines Regenbogens geht es weiter, sie ist die Mitte von Himmel und Erde, beide – Yin und Yang – ruhen im Gleichgewicht, in ewiger Harmonie: Und auch du, Mensch, bist dazu geboren! Finde zur Ruhe, zum Gleichgewicht in deinem Leben! Oder wie Dürckheim sagt: Finde ›hara‹ deine Mitte, die größer ist als dein Ich, die ein schwingender Einklang ist.</p>
<h2>Das Universum in der Teeschale</h2>
<p>Er hat seine Mitte auf dem „Weg des Tees“ (Chado) gefunden. Ein Teehaus hat sein Tor geöffnet. Ich ziehe meine Schuhe aus, betrete Tatamimatten und finde mich in einem asymmetrischen Raum, der kaum gestaltet ist, ich sehe nur ein knappes Blumengesteck und ansonsten Wände ohne alles, kein Tisch. Es ist still. Die Teemeisterin verneigt sich tief vor mir und weist mir meinen Platz auf dem Boden neben einem Ehepaar zu. Sie holt eine Schale mit grünem Tee und eine Süßigkeit und stellt beides vor mich hin, dazu eine „Gebrauchsanweisung“. Die brauche ich nicht: Meine Nachbarin rückt näher an mich heran, sie verneigt sich vor mir, ich mache es ihr nach, sie nimmt meine Schale, dreht sie in ihrer Hand (die schönste Seite soll den anderen Gästen zugewendet werden) und legt sie mir in die linke Hand, mit der rechten soll ich die braune Schale festhalten. Und nun trinken. Der Matcha ist dickflüssig, giftgrün und schaumig, er schmeckt ein bisschen wie Fisch. Ich trinke und sie lächelt mir zu und zieht sich zurück – nun darf ich die Stille des Raumes genießen. Wie schön die Schlichtheit ist! Nichts fehlt – unüberbietbar. Die Konzentration aufs Wesentliche und nichts mehr. Das Universum macht sich klein und kommt – in die Teeschale.</p>
<h2>Die Kultur der Stille</h2>
<p>Was bringt es Menschen aus dem Westen, die Kultur der Stille des Ostens kennen zu lernen? Noch einmal Graf Dürckheim: „Im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewusster zu werden, bewusster in seiner Möglichkeit und in seiner Gefährdung.“</p>
<p>Der Professor wurde in Deutschland gefragt, ob er die Kultur der Stille denn nur in Japan gefunden habe. Natürlich nicht! Und er zitierte den christlichen Mönch und Mystiker Meister Eckhart: „Nur in der Stille spricht Gott sein ewiges Wort in der Seele.“ Es gibt sie auch im Westen. Aber „im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewusster zu werden, bewusster in seiner Möglichkeit und in seiner Gefährdung.“</p>
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		<title>Wohin geht die Reise?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörn-Erik Gutheil]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:55:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Ausländerfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Fremdenhass]]></category>
		<category><![CDATA[offene Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Populismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit 2015 hat sich das weltweite Flüchtlingselend zu einem innerdeutschen und -europäischen Problem ausgewachsen. Zugleich haben sich die Gesellschaften polarisiert. Parolen, lange dem Stammtisch vorbehalten, finden große Resonanz im Netz. Gefahr in Verzug?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Seit 2015 hat sich das weltweite Flüchtlingselend zu einem innerdeutschen und -europäischen Problem ausgewachsen. Zugleich haben sich die Gesellschaften polarisiert. Parolen, lange dem Stammtisch vorbehalten, finden große Resonanz im Netz. Gefahr in Verzug?</p></blockquote></div>
<p>Deutschland ist für Flüchtlinge attraktiv. Und die Verzweiflung der Zuflucht-Suchenden ist stärker als die Abschottungsversuche der EU. Die Staaten finden keine gemeinsame Antwort auf die Frage, wie sie der Hoffnung der Flüchtlinge auf Schutz und ein menschenwürdiges Leben in Europa entgegenkommen können, ohne dass sie bei großen Teilen ihrer Bürgerinnen und Bürger Ressentiments gegenüber „den Fremden“ verschärfen und verfestigen. So entsteht vielerorts der Eindruck einer hilflosen Politik. Darüber erstarken bestimmte politische Kräfte, die vorgeben, die eingetretene Unsicherheit bewältigen und den Zustand vor der weitgehend unkontrollierten Zuwanderung wieder herstellen zu können. Dass sich in dieser von Parolen bestimmten Auseinandersetzung die Tonlage verschärft, Standards der europäischen Menschenrechtskonvention außer Kraft gesetzt werden und nationale Alleingänge die Oberhand gewinnen, kann niemanden wundern. Weite Teile der Bevölkerung werden so zur Beute der Vereinfacher.</p>
<h2>„Fremdenhass“ erklärt nicht alles</h2>
<p>Fremdenhass gab es schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die ersten „Gastarbeiter“ zu uns kamen. Die Angriffe in den letzten Jahren auf Flüchtlingsunterkünfte, die „Jagdszenen“ in Bautzen und Magdeburg oder die Wortwahl bei Auftritten der unterschiedlichen PEGIDA-Ableger, bzw. mit Abstrichen von hochrangigen CSU-Politikern sind zwar Beispiele, die jeder kennt. Aber nicht immer steckt dahinter Fremdenhass. Eher sind es Abneigung und Wut, verbunden mit ideologisch motivierten Vorurteilen, die in Hass und Gewalt münden können. Der Soziologe Zygmunt Baumann spricht von „Angst“ und Besorgnis, die viele Menschen bewege. Wer will in diesen Tagen von sich behaupten, angesichts ständiger, unvorhersehbarer Anschläge in unserer unmittelbaren Umgebung ohne Angst oder zumindest Sorge zu sein? Europa droht in eine Tonlage zu verfallen, in der systematisch erzeugte Empörungswellen, gezielt lancierte Falschmeldungen, Rufmordkampagnen oder Verschwörungstheorien die Oberhand gewinnen. Schlechte Vorzeichen für die bevorstehenden Wahlen in unserem Land!</p>
<h2>Die „Wahrheit“ im öffentlichen Diskurs</h2>
<p>Teile der Bevölkerung fühlen sich durch die gesellschaftlichen Veränderungen angesichts der zunehmenden Globalisierung und Digitalisierung und dem erfolgten Zustrom von Flüchtlingen überfordert. In ihrer Wahrnehmung sind sie von der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Teilhabe abgekoppelt. Dieser Systemverdruss spiegelt sich in vielen Köpfen mental wider. D.h. in ihren politischen und gesellschaftlichen Ansichten lassen sie sich weniger von überprüfbaren Fakten als von Emotionen und persönlichen Sichtweisen leiten. Von sozialen Abstiegsängsten geprägt, fragen viele nur noch selbstbezogen: „Und wer kümmert sich um uns?“</p>
<h2>An politischer Korrektheit nicht interessiert</h2>
<p>Für diese Einstellung ist <em>political correctness</em> irrelevant geworden, man will seinen Empfindungen über Minderheiten oder eben Fremden „endlich“ freien Lauf lassen. Lange ist es in der Bundesrepublik gesellschaftlicher Konsens gewesen, dass Äußerungen, die in einem deutlichen Bezug zum NS-Regime und zum Holocaust standen, geächtet waren. Das scheint sich gegenwärtig zu verändern. Befördert wird durch ein solches Denken, dass die eigene kulturelle Identität verloren gehen könnte und deshalb verstärkt das nationale Interesse zu betonen sei.</p>
<p>Mit diesem Denken eng verbunden ist ein tief greifender politischer Wandel, der die AfD in Deutschland oder die Partei Viktor Orbáns in Ungarn gesellschaftlichen Einfluss gewinnen lässt. Immer größere Bevölkerungsschichten – bis hinein in die Mitte der Gesellschaft und den dort bislang dominierenden Volksparteien – sind aus Widerwillen gegen das so genannte Establishment in den Regierungszentralen bereit, Fakten zu ignorieren, als Produkte der „Lügenpresse“ zu denunzieren und selbst aufgedeckte Lügen hinzunehmen.</p>
<h2>Eintreten für die offene Gesellschaft</h2>
<p>In einer so aufgeladenen Welt wächst die Unsicherheit, ob sich die moderne Demokratie als offene Gesellschaft behaupten kann. Betrachtet man die bereits im Amt befindlichen populistischen Regierungen in Osteuropa und das inzwischen zur Diktatur gewordene Regime in der Türkei, dann muss uns das in den Staaten der EU nachdenklich stimmen. Die rechten Populisten machen mit gefühlten Wahrheiten Stimmung und betreiben „postfaktische Politik“.</p>
<p>In der Flüchtlingsfrage lässt sich selbst die Große Koalition von den Parolen der rechten Populisten treiben, so dass immer stärker Sanktionen an die Stelle einer sachlichen, transparenten, von Toleranz bestimmten Perspektive in der Flüchtlingspolitik treten. Ein Beispiel ist die Forderung der CSU, Flüchtlinge erst gar nicht nach Europa einreisen zu lassen, sondern sie in „Auffanglagern“ in Afrika zu registrieren und dort das Asylverfahren durchzuführen. Hier wiederholt sich ein Vorschlag des früheren SPD-Innenministers Otto Schily, der damals (noch) nicht konsensfähig war.</p>
<p>Stattdessen wird gegenwärtig von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, mit diktatorischen Regimes in Eritrea oder Ägypten, im (Süd-)Sudan oder Libyen, in Niger und Mali verhandelt, um sie dazu zu bewegen, Flüchtlingen den Weg nach Europa zu verstellen. Solche sog. „Migrationspartnerschaften“ leben in Wirklichkeit von der „Geschäftsidee“, „wir zahlen, ihr haltet uns eure Flüchtlinge vom Leib“! Längst haben die Herrschenden in Afrika erkannt, dass „Flüchtlinge als Währung“ ein profitables Geschäft darstellen. Ihr Interesse an den Ursachen, weshalb vor allem junge und leistungsfähige Menschen ihre Heimat verlassen und sich auf eine meist lebensgefährliche Odyssee einlassen, ist äußerst gering.</p>
<h2>Die Besorgten nicht den Vereinfachern überlassen</h2>
<p>Wo das Abendland als in Gefahr proklamiert wird, von „Umvolkung“ die Rede ist, Muslime und Migranten zu Sündenböcken jedweder kriminellen Akte gemacht werden, da ist es überfällig, mehr Bereitschaft zum Dialog mit allen Bevölkerungsteilen zu suchen – auch mit jenen, die wir derzeit an die Vereinfacher und ihre rassistischen Stichwortgeber verloren haben. In diesem Kontext kommt der Zivilbevölkerung und damit auch den Kirchengemeinden eine besondere Aufgabe zu.</p>
<h2>Fremde hat es immer gegeben</h2>
<p>In der Menschheitsgeschichte sind Menschen schon immer vor den Gräueln des Krieges oder einem aussichtslosen Dasein an die Türen anderer Völker geflohen. Für die Menschen hinter den Türen waren und sind die Ankömmlinge immer Fremde. Menschen, die anders sind als diejenigen, mit denen sie täglich zu tun haben und von denen sie zu wissen glauben, was sie von ihnen erwarten können. Ihr Fremdsein drückt sich in einer anderen Sprache und Religion sowie kulturellen Besonderheiten aus. Fehlt es an Möglichkeiten der Begegnung, können Unsicherheiten kaum ausgehalten und im Dialog überwunden werden. Feindselige Gefühle können, so geweckt, zur Gewalt animieren.</p>
<p>Groll gegen den Zustrom von Flüchtlingen und die globalen Veränderungen empfinden gerade auch diejenigen, bei denen sich die Angst breit macht, geschätzte Errungenschaften, Besitzstände und soziale Positionen zu verlieren. Das daraus erwachsende Denken und die damit ausgelösten Gefühle bilden den äußerst fruchtbaren Boden für die zahlreichen politischen Stimmenfänger. Dieses Denken, unreflektiert in politisches Handeln umgesetzt, birgt zugleich die Gefahr, die offene Gesellschaft zu destabilisieren, Toleranz als Schwäche auszulegen und einem Individualismus und Nationalismus den Weg zu bereiten, der in Polen und Ungarn schon mehrheitsfähig geworden ist.</p>
<h2>Was ist zu tun?</h2>
<p>Zur Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen kennt niemand den Königsweg. Vorrangig scheint mir, dass die komplexen Sachverhalte einer humanitären Flüchtlingspolitik öffentlich in Politik und Gesellschaft diskutiert und Lösungsvorschläge für eine gelingende Integration entwickelt werden, die sich von ad hoc Entscheidungen je nach Stimmungslage und Wahlterminen unterscheiden. Das emotionale „Wir schaffen das“ vom September 2015 ohne Antwort auf das „Wie“, hat viele irritiert und den Parolen der politischen Vereinfacher Vorschub geleistet.</p>
<p>Eine tatsächliche europäische Zuwanderungspolitik könnte deshalb bedeuten, die legale Migration in größerem Ausmaß als bisher zuzulassen. Vorbild könnte dabei das seit Anfang 2016 geltende „Gastarbeiterprogramm für Arbeitssuchende vom Westbalkan“ sein, das nach einer ersten Statistik der Bundesagentur für Arbeit etwa 50.000 Albaner, Bosnier, Serben, Montenegriner, Kosovaren und Mazedonier – bei Nachweis eines Job- oder Ausbildungsangebots – wahrgenommen haben. Vorstellbar wäre auch ein temporärer Austausch von Arbeitskräften, Arbeitssuchenden, Studenten und Schülern, die, in Europa qualifiziert, nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer beim wirtschaftlichen und politischen Aufbau tätig werden könnten.</p>
<p>Ein solcher Politikansatz schließt Restriktionen wie z.B. stärkere Grenzkontrollen ein, um die Zahl der illegal Zugewanderten zu verringern. Abschiebungen in Herkunftsländer gehören dazu. Unerlässlich wäre dafür der Konsens aller EU-Staaten für Kontingentlösungen, um den inneren Frieden in den Zielländern nicht zu gefährden. Der gegenwärtig unkontrollierte und von der organisierten Kriminalität gesteuerte Menschenexodus könnte so seinen Anreiz verlieren und den „brain drain“ in den Herkunftsländern einschränken.</p>
<p>Die bisherige Entwicklungspolitik, Veränderungen „von außen“ durch Finanzleistungen zu erreichen, demokratische Strukturen und wirtschaftliche Stabilität zu fördern, hat nur den korrupten Oberschichten genutzt. Dass Länder wie die Demokratische Republik Kongo, Simbabwe oder der (Süd-)Sudan im Chaos versinken, obwohl sie über Ressourcen verfügen, die dem Land Prosperität für ihre Bevölkerung sichern könnten, kann nicht länger hingenommen werden. Der Druck der internationalen Staatengemeinschaft auf solche Regimes muss erhöht, Waffenlieferungen unterbunden und gerechte Handelsabkommen müssen umgesetzt werden.</p>
<p>Der Rat der EKD fordert eine Integration, die „keine Verlierer“ hervorbringen darf. Mit einem neu zu schaffenden „Bundesministerium für Zuwanderung und Integration“ wäre ein Signal gegenüber der Bevölkerung gesetzt, die mit der Zuwanderung entstehenden Herausforderungen ernsthaft anzugehen. Voraussetzung dafür wäre ein Einwanderungsgesetz.</p>
<p>Wichtig bleibt, auf der Grundlage unseres Grundgesetzes und im Einklang mit unseren jüdisch-christlichen Wurzeln, der wachsenden Spaltung in unserer Gesellschaft zu widerstehen und fremdenfeindliche Einstellungen argumentativ zu bekämpfen. Faktisch gegen „postfaktisch“!</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Lutherland</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/lutherland/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 17:02:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Ausflüge]]></category>
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					<description><![CDATA[In Thüringen hat Martin Luther seine Wurzeln. Aber nicht nur dieses Bundesland nimmt das Jubiläumsjahr zum Anlass, Orte hervorzuheben, an denen die Reformation ihre Spuren hinterließ.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In Thüringen hat Martin Luther seine Wurzeln. Aber nicht nur dieses Bundesland nimmt das Jubiläumsjahr zum Anlass, Orte hervorzuheben, an denen die Reformation ihre Spuren hinterließ.</p></blockquote></div>
<p>Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat es sich nicht nehmen lassen, bei seinem Besuch in Namibia auch den Lutheranern seine Reverenz zu erweisen. Der Spitzenpolitiker der Linken stattete der dort im Mai tagenden zwölften Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) einen Besuch ab, um sein Bundesland anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation als „Lutherland“ zu präsentieren.</p>
<h2>Luther-Orte in Thüringen</h2>
<p>Die Thüringer haben in Sachen Reformation einiges vorzuweisen. In dem Bundesland hat Martin Luther seine Wurzeln. Er stammt aus Möhra bei Eisenach. Nachdem er hier die Pfarrschule besucht hatte, studierte der junge Mann an der Universität Erfurt. Sein Eintritt ins Erfurter Augustinerkloster im Jahr 1505 gilt als „Wendepunkt der Reformation“.</p>
<p>Von 1521 bis 1522 ist die Wartburg Luthers Zufluchtsort. Hier übersetzt er das Neue Testament und prägt so entscheidend die deutsche Sprache. Der Kurfürst von Sachsen ist damals der wichtigste Förderer Luthers, was zur raschen Ausbreitung des reformatorischen Gedankenguts in Thüringen führte.</p>
<h2>Ministerpräsident als Reformationsbotschafter</h2>
<p>Das alles wird in einem Buch ausgeführt, das Ramelow auf seiner Reise nach Namibia im Gepäck hatte. Es wurde von der Staatskanzlei herausgegeben mit dem Titel „Lutherland Thüringen“. Der Untertitel „Der Freistaat auf dem Weg zum Reformationsjubiläum <em>Luther 2017</em>“ deutet den Anspruch an, den Thüringen mit dieser Rückbesinnung verbindet.</p>
<p>Im Geleitwort des Bandes heißt es: „Die Abgeordneten sind sich mit vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern darin einig, dass das Reformationsjubiläum keineswegs nur als religiöses und historisches Phänomen zu verstehen ist.“ Darüber hinaus werde erwartet, dass das Jubiläum „zur stärkeren Förderung des Dialogs zwischen Kirche, Gesellschaft und Politik sowie einer Vertiefung ökumenischer Kontakte“ führe.</p>
<p>Das ist nicht erstaunlich, wenn man auf Ramelows persönlichen Hintergrund blickt. Der Linken-Politiker ist Protestant, aufgewachsen in Rheinhessen in einem evangelischen Elternhaus. Sein Vater starb, als er elf Jahre alt war an den Folgen einer Kriegsverletzung. Seine alleinerziehende Mutter, die als Hauswirtschaftsleiterin tätig war, stammte aus der lutherischen Familie Fresenius. Einer seiner Ahnen war der bekannte Theologe Johann Philipp Fresenius (1705–1761).</p>
<p>Ramelow nahm am Eröffnungsgottesdienst mit Hunderten Lutheranern aus der ganzen Welt teil. Das habe ihm einen globalen Blick auf die Reformation gegeben, sagte er bei einer Pressekonferenz. Für ihn sei spürbar geworden, „dass die Reformation kein abgeschlossenes Ereignis ist, sondern ein permanenter Prozess in vielen Bereichen unserer Gesellschaft“. Darüber hat er bei dem Kongress in Namibia auch mit Jugendlichen aus verschiedenen Ländern diskutiert.</p>
<h2>Vielfältiges kulturelles Erbe</h2>
<p>Der bekennende Christ betonte, dass er neugierig machen wolle auf Thüringen. Das Land wolle die Marke Martin Luther auch künftig weiter nutzen. Dabei „präsentieren wir nicht nur unsere musealen Schätze, sondern auch die Lutherstätten, wie die Wartburg oder das Erfurter Augustinerkloster“.</p>
<p>In dem Buch kommen auch Persönlichkeiten zu Wort, die sagen, was das Lutherland Thüringen für sie bedeutet. Die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, nennt „die reiche Vielfalt der Musik“ als Erbe der Reformation. Neben Bach nennt die Theologin Thüringer Liederdichter, wie Ämilie Juliane Reichsgräfin von Schwarzburg-Rudolstadt, Melchior Vulpius und Johann Walter, deren Lieder bis heute im Gottesdienst gesungen werden.</p>
<p>In dem Buch heißt es auch, dass das Land „Thüringen als Lutherland entdecken und entwickeln“ wolle. In den Kapiteln wird ein Blick auf die Geschichte, die Forschung sowie die Reformation im Unterricht geworfen. Außerdem wird eine umfassende Übersicht gegeben über die Reformationsorte.</p>
<h2>900 Kilometer „Lutherweg“</h2>
<p>„In Martin Luthers Fußstapfen auf 900 Kilometern durch Thüringen wandern oder pilgern, das macht der Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Hessen und Bayern verbindende Lutherweg möglich. Eingebettet in abwechslungsreiche Landschaften führt er zu bedeutenden Stätten der Reformation und weiteren faszinierenden Sehenswürdigkeiten“, heißt es. Dieses Versprechen kann der Freistaat einlösen.</p>
<p>Da ist zum Beispiel <strong>Eisenach</strong>. Eine der Sehenswürdigkeiten hier ist das Lutherhaus. Als Schüler lebte Luther von 1498 bis 1501 bei der Patrizierfamilie Cotta. Das Lutherhaus ist heute eines der ältesten Fachwerkhäuser Thüringens. Es wurde zum Reformationsjubiläum saniert. Heute beherbergt es eine Dauerausstellung unter dem Motto „Luther und die Bibel“.</p>
<p>Jeder Ort in Thüringen, an dem Luther seine Spuren hinterließ, wird mit seinen Attraktionen und Kontaktinformationen dargestellt. Darunter ist auch <strong>Schmalkalden</strong>. Die Stadt stand damals im Fokus europäischer Politik. Hier entstand der Schmalkaldische Bund zum Schutz der Protestanten. Luther verhandelte, predigte und wohnte in dem Ort.</p>
<p>Die Spuren der Reformation reichen bis <strong>Bad Frankenhausen</strong>, wo die von Thomas Müntzer geführten Bauern den fürstlichen Heeren unterlagen, sowie Bad Köstritz mit einer Ausstellung über den „protestantischen“ Komponisten Heinrich Schütz. Um „Wege zu Luther“ kümmert sich übrigens eine im Jahr 2000 entstandene kulturhistorische Initiative, die eine Broschüre für Individualreisende und eine „Luthermappe“ für Reisegruppen in Mitteldeutschland entwickelt hat.</p>
<h2>„Kirchenhopping“ im Fichtelgebirge</h2>
<p>Auch andernorts wurden zum Reformationsjubiläum spezielle Reiserouten entwickelt. Auch die Ferienregion Fichtelgebirge im Bayerischen Oberfranken hat das Lutherjahr entdeckt und wirbt für einen „Roadtrip zu prachtvollen protestantischen Barockkirchen“. Das wird als „Kirchenhopping einmal anders“ angepriesen mit dem Erlebnis der Natur verbunden. Die Tourismuszentrale Fichtelgebirge betont, dass es allein in und um Bayreuth und Kulmbach 50 Markgrafenkirchen gibt. Das sind Gotteshäuser des protestantischen Barocks aus dem 18. Jahrhundert mit lichtdurchfluteten und reich verzierten Innenräumen. In Kombination mit der malerischen Landschaft und der kulinarischen Vielfalt sei dies das perfekte Reiseziel für Geschichts-, Kunst- und Kulturliebhaber, heißt es.</p>
<h2>Mit Luther im Gefängnis</h2>
<p>Auch die Lutherstadt Wittenberg wirbt mit besonderen Ereignissen. Da ist die Weltausstellung, die bis 10. September zu sehen ist. Außerdem können Besucher „einen Tag im Gefängnis verbringen, mit Kunst von Ai Weiwei, Olafur Eliasson, Jonathan Meese oder Erwin Wurm“. Diese sind zu sehen in der Ausstellung „Luther und die Avantgarde im alten Gefängnis in Wittenberg, das eigens für die Schau in Stand gesetzt wurde und damit erstmals öffentlich zugänglich ist.</p>
<p>Insgesamt sind 66 Künstler aus aller Welt vertreten. Die Gemälde, Skulpturen, Installationen und Videos sollen die Aktualität von Luthers Ideen zeigen. So übernimmt ein Industrie-Roboter die Rolle des schreibenden Mönchs oder der perfekte Jesus wird gecastet. Bis 17. September ist die Ausstellung täglich von 10–19 Uhr geöffnet.</p>
<p><em><a href="http://www.lutherland-thueringen.de">www.lutherland-thueringen.de</a>, <a href="http://www.tz-fichtelgebirge.de">www.tz-fichtelgebirge.de</a>, <a href="http://www.luther-avantgarde.de">www.luther-avantgarde.de</a></em></p>
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		<title>Die Medienkrise stoppen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 17:00:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Medienwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Falschmeldungen sind in den neuen Medien verbreitet. Doch andauernde Fehlinformation ruiniert jedes Medium.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Falschmeldungen sind in den neuen Medien verbreitet. Doch andauernde Fehlinformation ruiniert jedes Medium.</p></blockquote></div>
<p>Friedrich Nietzsche meinte, große Neuigkeiten dürfe man nicht einfach erzählen. Man müsse sie singen. Mitgemeint war, dass die gewählte Form für eine umwälzende Nachricht auch deren Gehalt entsprechen solle. Nietzsches Texte wollten „singen“. Sein Wahlmedium war das „gesungene“ gedruckte Wort.</p>
<p>Nun muss man Nietzsche nicht alles glauben, was er sagt. Erst recht in Zeiten, in denen einfachste Informationen durch etwas Rauschen so leicht ins Gegenteil umschlagen. Medien gelten heute als Ort der Falschnachrichten, der Desinformation. Diese veritable Vertrauenskrise sehen manche als Folge der umwälzenden „Revolution“ durch die „Neuen Medien“. Folgt nun ein Auf- oder ein Abgesang?</p>
<h2>Medienkrisen und Medienrevolutionen</h2>
<p>Für evangelische Theologie allemal spannende Zeiten… Schon einmal hat reformatorisches Gedankengut einer kriselnden Medienrevolution zum Durchbruch verholfen. „Vor der Reformation befand sich die bereits entwickelte Spitzentechnologie des Buchdrucks in einer Existenzkrise&#8230; Mit der Reformation findet das neue Medium sein Ereignis“, erklärt die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger (<em>Einführung in die frühe Neuzeit, </em>Onlinekurs). Erst durch die Explosion reformatorischer Drucke konnten sich die Druckwerkstätten wirtschaftlich auf Dauer etablieren.</p>
<p>Wenn wir im Folgenden die aktuelle Medienkrise und -revolution aus dem Blickwinkel von Theologie und Medienwissenschaft betrachten, wird sich zeigen, dass evangelische Theologie selbst in gewisser Hinsicht – auf eine sehr prägnante Weise – Medienwissenschaft ist. Offen ist, wie sie sich zur anstehenden „Digitalen Revolution“ stellen kann. Denn eine dem christlichen Menschenbild verpflichtete Position mit den beiden Polen „Freiheit und Verantwortung“ wird nicht jedem beliebigen, die Wahrheit und informationelle Freiheit mit Füßen tretenden Medium kampflos das Feld lassen.</p>
<h2>1. Medien als Geschenk</h2>
<p>Es gibt verschiedene Arten, Medien zu betrachten. Sie lassen sich darstellen unter dem Aspekt der Geschwindigkeit, die ihnen eigen ist und die sie auslösen (P. Virilio), unter dem Aspekt ihres Werkzeugcharakters (als die Ausweitung angeborener Kommunikationsmöglichkeiten, M. McLuhan) oder unter dem Aspekt ihrer konkreten Wirkung (Zerstreuung, Information&#8230;, N. Postman).</p>
<p>Ein weiterer Aspekt ist ihre Vertrauenswürdigkeit. Hier sieht es bei nahezu allen Medien schaurig aus. In Umfragen aus den Jahren 2014 bis 2016 in Deutschland äußern wiederholt 50 bis hin zu 70 Prozent (!) der Befragten, dass sie Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Radio und Internet nicht trauen (Quelle: Telepolis.de; ZEIT; Statista). Niederschmetternd. Mehr als ein abgehackter Medien-Rap ist da nicht drin.</p>
<p>Für die Reformation waren Medien zu allererst ein Geschenk. Die Verbreitung der reformatorischen Überzeugungen durch Druckerzeugnisse sicherte das Überleben der Bewegung, die sich ab den ersten Tagen durch gewalttätige Verfolgung in ihrer Existenz bedroht sah.</p>
<p>Warum nun ausgerechnet Luther, für den es lange eine ehrliche Gewissensfrage war, ob zu seiner Verteidigung überhaupt irgendeine Form von Widerstand erlaubt sei, heute als friedloser Unruhestifter diffamiert wird (z.B. als „Wutbürger“ &#8211; <em>Der Spiegel</em>), muss ein Rätsel bleiben. Was später Jürgen Habermas und andere unter der Formel „passiven Widerstands“ und des „zivilen Ungehorsams“ zur ausgefeilten Theorie machten (vgl. <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/stichwort-ziviler-ungehorsam/"><em>evangelische spekte</em> 4/2016</a>), vertritt der Sache nach Luther schon um 1520 (Weimarer Gesamtausgabe WA 11, 245ff, u.ö.).</p>
<p>Andere sagen, Luther habe erst die Bauern zum Aufruhr angestachelt, um sie anschließend den blutrünstigen Fürsten preiszugeben. Stimmt‘s? Noch von der Wartburg aus schreibt er zwei Jahre vor dem Bauernkrieg seine <em>Treue Vermahnung an alle Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung</em>, 1522. Selbst seine späteren Aussagen zum sogenannten „Türkenkrieg“ sind differenziert zu bewerten: Religionskriege lehnt Luther nämlich ab.</p>
<p>Die Berichterstattung zum Lutherjahr 2017 ist ein Lehrstück über die nicht attestierbare Vertrauenswürdigkeit der deutschen Medien. (Der vorliegende Beitrag ist auch darum eine gewollte Dublette zum Artikel „Theologie und Journalistik“ in <em>evangelische aspekte</em> 1/2017. Verschiedentlich wurde angemahnt, die bereits dort aufgezeigten Defizite sollten noch mit den allfälligen Nachweisen untermauert werden.)</p>
<h2>Reformation als Medienereignis</h2>
<p>Zuerst ein Schritt zurück zur Reformation als Medienereignis, wie sie im Buche steht. Interessant sind Medien besonders dann, wenn sie zu Massenmedien werden. Genau das findet ab 1517 statt (sprunghafter Anstieg; rund ein Drittel der Publikationen im gesamten 16. Jahrhundert sind von Luther verfasst). Luthers Übersetzung des Neuen Testaments erschien, pünktlich zur Leipziger Messe, in damals schwindelerregend hohen Auflagen.</p>
<p>Auch 2017 war die Leipziger Buchmesse ziemlich „verluthert“, wie Messe-Chef Oliver Zille sagte. Zum eigentlichen Messeschwerpunkt Litauen gab es programmgemäß rund 90 Veranstaltungen. Rund um das Thema Luther wurden parallel über 110 Veranstaltungen gezählt. Beim Massenmedium Buch macht dem Reformator damals wie heute so schnell niemand etwas vor. Auch die neuaufgelegte Lutherbibel 2017 war in wenigen Wochen ausverkauft. Zum Juni 2017 war sie in diversen Formaten bereits über 550.000 Mal nachgefragt.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Auch das Reformationsjahr 2017 ist ein Medienereignis.</p></blockquote></div> Keine Frage, auch das Reformationsjubiläum 2017 ist ein Medienereignis. Luther ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Ob bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (das Wort „Denkmal“ ist eine Wortschöpfung Luthers) oder bei Numismatikern (Goldmünze Lutherrose in Auflage 150.000 Stück noch vor dem Ausgabetag ausverkauft). Im März 2017 sprach Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt, von einer „Massenbewegung“, gerade in vielen lokalen Aktivitäten, in über 180 regionalen Ausstellungen.</p>
<h2>Theologie als Medienwissenschaft</h2>
<p>Hervorzuheben bleibt, dass die Reformation ihre eigene, ausgearbeitete Medientheorie vorzuweisen hat, im theologisch präzisen Sinn. Denn im Begriff der <em>media salutis</em> (lat. „Heils-Mittel“, als zuverlässige und vertrauenswürdige Vermittlungsmedien für das, was den Menschen unbedingt angeht, was ihn letztverbindlich frei macht) beansprucht sie nicht nur, den ursprünglichen Geist des Christentums neu freigelegt zu haben. Sie leitet im Vergleich zur damals vorherrschenden Ansicht zugleich eine Medien-Revolution und Medien-Reformation ein (d.h. Rückführung auf das Ursprüngliche). Es lässt sich sogar sagen, dass Luthers reformatorische Wende hier ihre eigentliche Wurzel hat. Evangelische Theologie lässt sich im präzisen Sinn als Medienwissenschaft auffassen.</p>
<h2>2. Medien-Zersetzung</h2>
<p>Seit C.E. Shannons grundlegender Medien- und Kommunikationstheorie im 20. Jahrhundert tritt für jedes Medienmodell eine wesentliche zu bedenkende Komponente mit ins Blickfeld: in Form der Störung und der Störungsquellen. Für Shannon ist unqualifiziertes Rauschen der Normalfall der Kommunikation. Damit von Sender zu Empfänger eine eindeutige Bedeutung übermittelt wird, sind Störungen einzukalkulieren und auszugleichen. Vom ausgesendeten Signal zur angekommenen Bedeutung beim Empfänger ist es unter Umständen ein weiter Weg.</p>
<p>Für Martin Luther entsteht das <em>medium salutis</em> durch Wort und Element (<em>verbum et signum</em>). In Anlehnung an Augustin kann es bei ihm heißen: <em>accedit verbum ad elementum et fit sacramentum (i.e. medium salutis): Wo das Wort zum Element hinzutritt, entsteht das Sakrament. </em>Ohne das eindeutig machende Wort bleibt im Zweifel nur unbestimmtes Rauschen. Für Luther ist das Wort das entscheidende und erste medium (salutis). Erst durch das Wort wird Eindeutigkeit erreicht. Ein Wort, das seinen Adressaten freimacht.</p>
<h2>Plappermedien sind auf dem Vormarsch</h2>
<p>Reformation und Medien: Beinahe eines der besten Bücher zum Reformationsjubiläum 2017 stammt aus dem Spiegel-Verlag (D. Pieper: <em>Die Reformation</em>, DVA), bei einigen hundert Neuerscheinungen zum Thema keine geringe Leistung. Dort wird die Reformation als Medienereignis anschaulich geschildert.</p>
<p>Doch andererseits muss der Leser in <em>Spiegel</em> Heft 44/2016 lesen, dass Luthers Schrift „Von Ablass und Gnade“ die Übersetzung der 95 Thesen war. Nun ja, in Wahrheit handelt es sich um eine eigenständige Schrift von 1518, eine der erfolgreichsten noch dazu. Allerdings ist angesichts ökonomischer Zwänge heute selbst in der Titelstory eines Printmediums wohl nicht mehr zu erwarten, dass sich der Autor mit den Schriften eines der produktivsten „Sprachgenies“ im deutschen Sprachraum und eines „Schriftstellers mit weltgeschichtlichem Erfolg“ (Heinrich Detering), über den er schreibt, näherhin beschäftigt.</p>
<p>Schwerer wiegt ohnehin, dass in der zugehörigen Artikelserie es ausgerechnet der kulturbeflissene Autor Johann Hinrich Claussen schafft, der ansonsten unbestechlichen Faktenkontrolle des Spiegel-Archivs („Wir recherchieren sogar das Wetter, wenn es in einem Artikel heißt ›Es war ein verregneter Sommertag, als J.F. Kennedy&#8230; ‹“) einige Falschmeldungen von schönstem Rang und Klang unterzujubeln. Claussen beschreibt ausführlich Luthers Gottesbild, das von steter Unabgeschlossenheit geprägt gewesen sei. Nun ja, ein faszinierendes Gottesverständnis, nur nicht das reformatorische. Es ist gerade das vorreformatorische Verständnis, das hier ausgebreitet wird. Also das Gottesbild, das Luther in seiner reformatorischen Entdeckung gerade überwindet. Ausgerechnet im Zentrum der lutherischen Lehre (Glaube als Zuversicht, lat.: <em>fiducia</em>; Gottes Zuspruch in seiner Eindeutigkeit; Lebensmut und Lebensfreude) wird so dem <em>Spiegel</em>-Leser eine lange Nase gedreht.</p>
<p>Immerhin war das Nachrichtenmagazin mit diesem Einfall so erfolgreich, dass es die direkten Kollegen der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> dazu inspirierte, am Karfreitag 2017 (eigentlich schön loziert) eine (eigentlich anerkennenswerte) Passionsmeditation zu drucken, in welcher eben dieses vorreformatorische Gottesbild erneut als Luthers Hauptgedanke vorgestellt wird. „Luther sah, dass auch vieles andere seine Eindeutigkeit verliert, wenn Gott selbst ambivalent wird. Der Reformator setzt deshalb auf das Prinzip radikaler Verunsicherung“ (<em><a href="http://faz.net" class="autohyperlink">faz.net</a></em>, 14.4.2017). Nun ja, bekannt ist sonst eher das lutherische Prinzip der Heilsgewissheit. Originalton Luther: „Das ist der Grund, weshalb unsere Theologie gewiss ist, weil sie uns von uns selber wegreißt und uns außerhalb unserer selbst setzt“ (WA 40 I, 589,25), das berühmte <em>extra</em> <em>nos</em>.</p>
<h2>Lernprozesse in Echokammern</h2>
<p>Als eine der größten Echokammern in Deutschland ist wohl die Medienbranche selbst zu bezeichnen. In diese Richtung deuten selbstkritische Statements in manchen Panels der Jahreskonferenz des netzwerk recherche (nr) im Juni 2017 beim NDR. Wie Auswüchsen der (digitalen) Medienkrise zu begegnen sei, war dabei ebenfalls ein Thema. Medientheoretiker wie A. Kittler oder V. Flusser legen nahe, dass eine neue Technik oft in sich selber die Mittel zur Überwindung von Krisen mitbringt (vgl. D. Kloock/A. Spahr: <em>Medientheorien</em>, utb).</p>
<h2>Und sie feiern doch</h2>
<p>Überhaupt diese faszinierende Art, die 500-jährige Wiederkehr eines der einschneidendsten Ereignisse der deutschen Geschichte in den Medien zu begehen. Wenn in einiger Zeit auf die 500-Jahr-Feier zurückgeschaut wird, gibt es bestimmt viel Staunen und Verwundern. Immerhin wird auf regionaler Ebene mittlerweile in unzähligen Veranstaltungen, Konzerten, Vorträgen, kreativen Events vom 24-Stunden-Bibellesemarathon bis zu feierlichen Tischreden in Luthers Geist das Datum gebührend gefeiert und begangen. Ein Medienereignis im ganzen Land: Dutzende Theaterstücke neu geschrieben oder neu aufgeführt, Poetry-Slams, Kabarett, Kunst-Installationen und Skulpturenparks, Kinder-Musicals, Ausstellungen, meist gut besucht, vor Ort. Dazu historische Romane, Sach- und Fachbücher, Graphic Novels, Comics („Abrafaxe“ und andere), Bildbände, 360-Grad-Panorama in Wittenberg (250.000 Besucher), Reiseführer, Kinderbücher, Daumenkino („Luther haut rein“), Computerspiele, Gesellschaftsspiele, Video-Clips, CDs, Apps, hunderte Internetseiten, Multimedia-Themenportale von ARD, Deutschlandfunk, NZZ … Geradezu ein Medienrausch. Symbolfigur für Popularität und Volkstümlichkeit ist der über eine Million Mal verbreitete Playmobil-Luther. Ausweis, dass es nicht nur oberflächliche Beschäftigung ist, beispielsweise die bereits genannte Lutherbibel 2017.</p>
<p>Eines der bereits jetzt schönsten Ergebnisse des Reformationsjahres – dass es ökumenisch begangen wird – darf man dabei umstandslos als bleibendes Verdienst des EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm bezeichnen. In einigen Jahren wird in Rückblicken auf das Jahrhundertgedenken ohne Frage diese historische Errungenschaft mit dessen Namen verbunden bleiben.</p>
<h2>Als Luther Krieg in Europa verhinderte</h2>
<p>Luther sagt übrigens über kämpferische Handlungen: „Wer einen Krieg beginnt, der ist im Unrecht“ (WA 19, 645,9). Aus irgendeinem Grund wird die Geschichte der bekannten „Pack‘schen Händel“ selten erzählt. Der rührige Landgraf Philipp von Hessen erhält 1528 durch Otto von Pack gefälschte Informationen, die katholische Seite unter Beteiligung des habsburgischen Ferdinand I. plane einen Angriffskrieg. Daraufhin mobilisiert Philipp seinerseits Truppen, will einen Präventivkrieg führen. Erst als die Wittenberger Luther und Melanchthon drohen, dann aus Protest auszuwandern, lässt der Landgraf widerwillig seine Pläne fallen (vgl. U. Köpf: <em>Martin Luther</em>, reclam). Beachte auch den vollen Personeinsatz Luthers bei der Verhinderung der Schlacht von Wurzen 1542. Wer kompetent ist, könnte ein Loblied darauf fabrizieren.</p>
<h2>3. Wer rettet die Medien?</h2>
<p>Als würde es nicht genügen, dass ständig Falschnachrichten in den Medien kursieren, werden leider im Zuge der Digitalisierung auch noch deren Strukturen totalitär. „Das Internet ist kaputt“, schrieb Sascha Lobo bereits 2014. Die Datensauger kennen keine Grenzen. Reparaturen gab es bisher keine. Kein Wunder, dass sich längst eine anti-digitale Elite bildet, die auf Smartphone, Web &amp; Co. komplett verzichtet.</p>
<p>Auf der Netzkonferenz re:publica 2017 konnten immerhin evangelische Positionen ein kleines Ausrufezeichen setzen. Ihre medienwissenschaftliche Grundeinsicht, was freie Medien ausmacht, lässt sich auch medienkritisch anwenden.</p>
<h2>Wer den Nutzen hat, haftet für den Schaden</h2>
<p>Wie lässt sich die gefräßige digitale Datenwirtschaft zähmen? „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.“ So einfach brachte einst W. Eucken die Sache auf den Punkt (<em>Grundsätze der Wirtschaftspolitik</em>, Viertes Buch, Kap. XVI., Abschnitt VI.: „Haftung“). Dieser Grundsatz muss heute auch für soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Datensammler gelten. Denn, so Eucken: „Haftung ist nicht nur eine Voraussetzung für die Wirtschaftsordnung des Wettbewerbs, sondern überhaupt für eine Gesellschaftsordnung, in der Freiheit und Selbstverantwortung herrschen.“</p>
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		<title>Heilsame Grenzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Dürr]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 16:57:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Bild]]></category>
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					<description><![CDATA[Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Psalm 90,1.2)</p></blockquote></div>
<p>Um die Pointe dieser Worte wahrzunehmen, kann der Blick auf Jochen Kleppers Neujahrslied helfen, wo so formuliert wird: „Der du <em>allein </em>der Ewge heißt“ (Evang. Gesangbuch, Nr. 64,6). Damit ist die Einzigartigkeit des ewigen Gottes angesprochen: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr <em>allein</em>“ (5. Mose 6,4). Zugleich wird so der Anspruch menschlicher Alleinherrschaft bestritten, welche zum Beispiel ein „tausendjähriges Reich“ und ein „ewiges Deutschland“ schaffen wollte. Es ist also eine Grenze gesetzt – gegen alle Versuchung, sein zu wollen wie Gott und sich gar an dessen Stelle zu setzen. Und auch in weiteren Versen markiert der Psalm unsere Grenzen: Grenzen der Lebensjahre, der Leistungsfähigkeit und der Machbarkeit.</p>
<p>Solche Grenzen können sehr wohl schmerzen. Dabei beklagt der Psalm nicht nur die Vergänglichkeit menschlicher Lebenszeit, sondern das Unglück des ganzen Volkes, hervorgerufen durch menschliches Fehlverhalten. Höchst wahrscheinlich ist der Psalm in Zeiten der Fremdherrschaft einige Zeit nach der Rückkehr des Volkes aus dem Exil entstanden. So mündet er in die eindringliche Bitte: „Herr, kehre dich doch endlich wieder zu uns.“ Zuflucht soll gefunden werden bei jenem Gott, der schon vor allem Geschaffenen war. Dabei geht es jedoch nicht um Weltflucht. Denn dieser ewige Gott hat sich in seiner grenzenlosen Liebe der Welt zugewandt. Er ist für sein Volk als Schutzmacht und Befreier in Erscheinung getreten. So soll er immer neu wirksam werden.</p>
<p>Christen glauben, dass dies für sie in Jesus Christus geschah. Er ist gekommen, damit alle, die an ihn glauben, „das ewige Leben gewinnen“ (Johannes 3,16). Wobei es sich dabei keineswegs um ein ominöses Jenseits handelt. Unter „ewigem Leben“ versteht das Johannesevangelium vielmehr ein Leben in einer neuen messianischen Weltzeit – die anderen Evangelien sprechen vom Reich Gottes. Und von dem gilt, wie es in einer Kindermesse von B. Krol heißt: „Das Gottesreich ist gar nicht weit, beginnt nicht in der Ewigkeit“ – sondern eben hier und heute, wo Menschen sich in der Nachfolge Jesu auf den Weg machen für eine gerechtere Welt.</p>
<p>Doch wo Gott kein Gegenüber mehr ist, herrscht Entgrenzung – heute zum Beispiel in Gestalt des Glaubens an grenzenloses ökonomisches Wachstum – das doch alle Träume vom andauernden Weiterleben auf diesem begrenzten Planeten zerstören würde. Und zudem erinnert gerade der 1. September als Antikriegstag an die Entfesselung von Gewalt und Aufrüstung. Da kann dann der Traum jäh zu Ende sein, das menschliche Leben könne auf 150–200 Jahre verlängert werden, wie es neue Forschungen in Aussicht stellen.</p>
<p>So wäre auch heute jener Gott zu bitten, der allein vom Wahn der Entgrenzung befreien und die Kräfte des Lebens fördern kann. Denn – wie es in Jesaja 40 heißt im Anklang an Psalm 90: „Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt … Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“</p>
<p>So also zeigt sich: Jener Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, wirkt hier und heute. Er war nicht nur dabei, als die Berge und die Welt geschaffen wurden, sondern er steht auch heute noch für den Glauben Jesu, der geradezu Berge versetzen kann. Dazu will er auch ganz begrenzte und sterbliche Menschenkinder in Dienst nehmen und das Werk ihrer Hände fördern. Und so können wir immer nur neu bitten: „Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten“ (Evang. Gesangbuch, Nr. 64,6).</p>
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		<title>Ohne Lüge leben?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/ohne-luege-leben/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Arist von Schlippe]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 16:50:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Lebenslüge]]></category>
		<category><![CDATA[Lügen]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbetrug]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstlüge]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das lügen kann. Vermutlich kann er ohne ein gewisses Maß an Lebenslügen auch nicht leben. Doch wer mit sich selbst ins Reine kommen will, kommt um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbetrug nicht herum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das lügen kann. Vermutlich kann er ohne ein gewisses Maß an Lebenslügen auch nicht leben. Doch wer mit sich selbst ins Reine kommen will, kommt um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbetrug nicht herum.</p></blockquote></div>
<p>Der Mensch wird von Erich Fromm als das Lebewesen definiert, das ›ich‹ sagen und sich damit seiner selbst als eigenständiger Größe bewusst werden kann. Er (oder sie) muss sich „eine Vorstellung von sich selber bilden, muss sagen und fühlen können: ›Ich bin ich‹“ (Fromm, 1981, S. 65). Doch gleich hier, in diesem so selbstverständlich anmutenden und persönlichen Akt, ist der Mensch nicht allein, sondern ist eingebettet in seine Kultur. Denn, um den Satz „Ich bin ich!“ sagen zu können, müssen wir uns eines Werkzeugs unserer Kultur bedienen, der Sprache (Kriz, 2017). Wir können nicht anders, als uns Vorgänge, die wir in uns selbst wahrnehmen, sprachlich zu benennen.</p>
<h2>Leben im Zustand der Unausgeglichenheit</h2>
<p>Wenn man sich genauer bewusst macht, was das bedeutet, kommt man zu einer durchaus dramatischen Erkenntnis: Um mit uns selbst in Beziehung sein zu können, sind wir gezwungen, Werkzeuge anzuwenden, die unsere Kultur uns vermittelt hat. Kultur ist nicht nur Umgebungsbedingung, sondern sie spielt bis in den intimsten Bereich, in den Umgang mit unserem Innersten hinein. Wir sind darauf angewiesen, Sprache zu verwenden, wie sie uns unsere Kultur gelehrt hat, ja, ohne Sprache gäbe es so etwas wie einen Bezug zu sich selbst gar nicht. „Was nicht narrativ strukturiert wird, geht dem Gedächtnis verloren“, sagt Jerome Bruner (1997, S. 72). Als Individuen, als soziale Wesen, entstehen wir jeweils erst in der Praxis des Erzählens.</p>
<p>Wenn also das, was den Menschen ausmacht, nur zu einem Teil, vermutlich zu einem kleineren, die Biologie ist und zu einem viel größeren die Kultur, dann erkaufen wir uns diesen Schritt aus einer tierischen Existenz heraus mit einem dauerhaften Spannungszustand: „Das Leben des Menschen &#8230; befindet sich im Zustand einer ständigen und unvermeidlichen Unausgeglichenheit“, schreibt Erich Fromm (ebd., S. 31). Denn da wir, ohne mit uns selbst und anderen zu sprechen, weder wissen, noch mitteilen können, wie es uns geht und was wir empfinden, sind wir sowohl in der Beziehung zu anderen als auch im Bezug auf uns selbst immer mit einem Phänomen konfrontiert, das mit Kultur einhergeht: mit der Spannung zwischen Wahrhaftigkeit und Lüge.</p>
<h2>Lüge als Kulturphänomen</h2>
<p>Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das lügen kann (von einigen Primaten in hoch künstlichen Laborsituationen abgesehen). Lüge ist ein hochkomplexes Kulturphänomen, das Kinder daher auch erst erlernen müssen (man spricht davon, dass die Fähigkeit zur Lüge etwa mit dem 4. Lebensjahr beginnt). Sie beruht auf Kommunikation und auf der Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen und dessen Perspektive übernehmen zu können. Jede Kommunikation birgt die Möglichkeit der Täuschung in sich und ist daher notwendigerweise auf Vertrauen angewiesen: „Vertrauen beruht auf Täuschung“ schreibt Niklas Luhmann (Luhmann, 1968, S. 55), ist daher immer „riskante Vorleistung“ (ebd., S. 23). Erst durch die Möglichkeit der Lüge bekommt Wahrhaftigkeit ihren Wert. Wenn wir immer genau wüssten, was im anderen vor sich geht, wenn wir „gläserne Köpfe und Herzen“ hätten, dann wäre ein Wert wie Vertrauen unnötig – abgesehen davon wäre das Leben recht eintönig. Wahrhaftigkeit im zwischenmenschlichen Miteinander braucht also die Möglichkeit der Lüge, denn so erst bekommen Wahrhaftigkeit und Vertrauen ihre Bedeutung.</p>
<p>Interessanterweise gilt dies auch für den Umgang, den ein Mensch mit sich selbst pflegt – und auf diesen Bereich von Lüge und Wahrhaftigkeit soll der Beitrag sich im Folgenden konzentrieren. Es geht also nicht um die bewusst eingesetzte Lüge, die das Ziel verfolgt, sich einen Vorteil auf Kosten einer anderen Person zu verschaffen, sondern um die Art von Selbstbetrug, mit dem jemand sich selbst etwas vormacht, die Augen vor einer Erkenntnis verschließt, die seelisch als zu bedrohlich erlebt wird, die mit dem Selbstkonzept nicht übereinstimmt. Ein solcher Mechanismus kann als eine Art von Lüge vor sich selbst bezeichnet werden, manchmal sogar als Lebenslüge.</p>
<h2>Ist die Selbst-Lüge unausweichlich?</h2>
<p>Auch ein solcher Vorgang ist zunächst nicht außergewöhnlich. Wäre ein Mensch für sich selbst völlig transparent, hätte er/sie immer die passenden, die „richtigen“ Worte für das, was in ihm/ihr vor sich geht – was für eine langweilige Beziehung zu sich selbst wäre das doch! Die Auseinandersetzung mit sich selbst, die die Möglichkeit des Missverstehens bedingt, und die Chance einschließt, sich langsam immer besser kennenzulernen und zu verstehen, ist letztlich eine Lebensaufgabe jedes Menschen. Es könnte ein erstrebenswertes Ziel sein, sich selbst irgendwann nicht nur zu verstehen, sondern sich mit all den kleinen und großen Fehlern, auch mit den Momenten, in denen man sich etwas vorgemacht hat und dies vielleicht auch noch immer tut, auszusöhnen und sein eigener Freund, seine eigene Freundin zu werden. Das würde dann gerade nicht heißen, ohne Lüge zu leben, sondern sich zum einen mit ihrer Unausweichlichkeit zu versöhnen, im Wissen darum, dass wir uns selbst nie ganz kennen werden, zum anderen die Aufgabe, sich selbst gegenüber immer wahrhaftiger zu werden, als Herausforderung zu begreifen.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der moralische Anspruch, ohne Lüge zu leben, kann zur totalitären Forderung werden.</p></blockquote></div> Der moralische Anspruch, ganz ohne Lüge zu leben, könnte dagegen auch als totalitäre Forderung daherkommen. Damit wäre nämlich vorausgesetzt, dass es so etwas wie eine eindeutige und feststehende Wahrheit in uns gibt, und in der Konsequenz würden Ambivalenzfreiheit und völlige Bewusstheit verlangt. Abgesehen davon, dass dies eine Forderung ist, die nicht erfüllbar ist, wäre sie auch unmenschlich. Ein gewisses Maß an Fehleinschätzung der eigenen Person, der eigenen Beziehungen ist ja gerade Teil der <em>conditio humana</em>. Depressive Menschen haben erwiesenermaßen eine realistischere Einschätzung ihrer selbst, doch man erkennt leicht, dass dies nicht automatisch bedeutet, dass man damit sein Leben besser bewältigt. Wir wissen heute, dass Perfektion in letzter Konsequenz lebensfeindlich ist! Ist nicht der Säbelzahntiger ausgestorben, weil er so stark, schnell und perfekt im Töten war, dass er seinen Lebensraum entvölkerte und sich dadurch die Quelle seines Überlebens selbst entzog?</p>
<h2>Von den Mühen des Selbstbetrugs</h2>
<p>Natürlich soll hier nun nicht nur das „hohe Lied der Lüge“ gesungen werden! Lüge, vielleicht passt der Begriff „Selbstbetrug“ hier auch besser, weist ja immer auch darauf hin, dass da etwas seelisch nicht zusammenpasst. Die unausweichliche Unausgeglichenheit, von der Erich Fromm spricht, ist ja, auch wenn sie uns lebendig hält, nicht gerade angenehm. Das Bild, das einer gern von sich hätte, und das dem, was ihn ausmacht, so wenig entspricht, der Mensch, der er meint, in den Augen der anderen sein zu müssen, und der zu sein er deshalb mit aller Kraft vorgibt, – all dies setzt eine Person unter eine Spannung, die als Inkongruenz erlebt wird. Das kostet Energie, Theater spielen, auch vor sich selbst, ist aufwändig. Man muss ständig die eine, und sei sie auch nur ganz leise Stimme im Inneren abwehren, die sagt: „Das stimmt doch nicht, du bist ein ganz anderer!“ <div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Theater spielen, auch vor sich selbst, ist aufwändig.</p></blockquote></div></p>
<p>Abwehrmechanismen, das wurde schon früh erkannt, dienen dazu, sich gegen „peinliche oder unerträgliche Vorstellungen und Affekte“ abzuschirmen (Freud, 1984, p. 55). Die Spannung zwischen dem, was man empfindet, und was man meint, nicht empfinden zu dürfen, kann durchaus so groß werden, dass ein Mensch eher bereit ist, sich das Leben zu nehmen, als sich der Erkenntnis zu stellen, dass man der, der man meint sein zu müssen, so wenig ist. Dann können Lebenslügen, Erkenntnisse, die man vor sich verbirgt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, hoch gefährlich werden. Ganz ähnlich riskiert der, der mit voller Kraft weiterarbeitet und sich für unsterblich hält, obwohl ihn der erste Herzinfarkt aus dem Verkehr gezogen hatte, an der Lüge zugrunde zu gehen.</p>
<p>Vermutlich könnten wir ohne ein gewisses Maß an Lebenslügen nicht leben. Wir täuschen uns über unsere Kompetenzen („Wenn man mich nur ließe, würde ich das erstklassig hinbekommen!“), über unsere Gefühle („Ja doch, ich liebe ihn wirklich, glaube ich jedenfalls!“) und über unsere Beziehungen („Wenn erst einmal das Baby da ist, wird unsere Beziehung besser werden, die Liebe wird schon noch kommen!“). Ja, wir täuschen uns auch über unsere eigene Sterblichkeit – ich erinnere mich an ein Familiengespräch mit einer Unternehmerfamilie. Die Kinder des Patriarchen drückten ihre Sorge aus, dass sie die finanziellen Verflechtungen, die er geschaffen hatte, nicht handhaben könnten, wenn er z.B. durch einen Verkehrsunfall ums Leben käme. Der Vater antwortete ihnen: „Keine Angst, ich sterb’ schon nicht!“</p>
<h2>Mit sich selbst umgehen im Dialog</h2>
<p>Der Anspruch, sich mit den eigenen Lebenslügen auseinanderzusetzen, darf zugleich aber keine moralische Pflicht sein. Wir können nur dann in einen Zustand größerer Bewusstheit und Selbstkongruenz gelangen, wenn der Wunsch von innen kommt, wenn das Interesse, mit sich selbst ins Reine zu kommen, von der Sehnsucht danach getragen ist, zu sich selbst eine bessere, aufrichtigere Beziehung zu haben. Erfahrungsgemäß ist dies leichter im Dialog (durchaus, wenn auch nicht zwingend, im therapeutischen Gespräch) – und hier schließt sich der Kreis zu den anfänglichen Überlegungen. Wenn die Art, wie man mit sich selbst umgeht, Gegenstand eines Dialogs wird, kann es leichter werden, den Facetten auf die Spur zu kommen, in denen sich Selbstbetrug äußert. Aufgehoben in einer freundlichen und nicht wertenden Beziehung kann es dann möglich werden, zu erkennen, wo man sich etwas vorgemacht hat, den Schmerz auszuhalten, der diese Erkenntnis begleitet, und ein neues Bild von sich zuzulassen, das stimmiger ist, das als klarer erlebt wird, und das sich dann sprachlich so fassen lässt, dass man mit größerer Überzeugung sagen kann: „Ja, das bin ich!“</p>
<h2>Literaturhinweise</h2>
<ul>
<li>Bruner, J. (1997): <em>Sinn, Kultur und Ich-Identität</em>. Heidelberg, Carl Auer Systeme.</li>
<li>Freud, A. (1984): <em>Das Ich und die Abwehrmechanismen</em>. Frankfurt, Fischer.</li>
<li>Fromm, E. (1981): <em>Wege aus einer kranken Gesellschaft</em> (10th ed.). Frankfurt, Ullstein.</li>
<li>Kriz, J. (2017): <em>Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und Coaching.</em> Göttingen, Vandenhoeck &amp; Ruprecht.</li>
<li>Luhmann, N. (1968): <em>Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität</em>. Stuttgart, Lucius &amp; Lucius.</li>
</ul>
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		<title>Wahrheit in Beziehungen</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/das-8-gebot-an-kranken-und-sterbebetten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Anne und Nikolaus Schneider]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 16:34:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[8. Gebot]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehung]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Wahrheit kann nicht nur frei machen, sie ist manchmal auch eine schwere Zumutung. Auf welche Weise sie für Menschen in Grenzsituationen ihr Befreiungspotenzial entfalten kann, hat mit Empathie und Glauben zu tun.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Wahrheit kann nicht nur frei machen, sie ist manchmal auch eine schwere Zumutung. Auf welche Weise sie für Menschen in Grenzsituationen ihr Befreiungspotenzial entfalten kann, hat mit Empathie und Glauben zu tun.</p></blockquote></div>
<p>Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch fragt in einem seiner Tagebücher: <em>„Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen? Und: Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?“</em> (Tagebuch 1966–1971, suhrkamp taschenbuch 4242, S. 181).</p>
<p>In unterschiedlicher Intensität haben wir in den vergangenen Jahrzehnten unseres Lebens mit diesen beiden Fragen existenziell und theologisch gerungen. Ganz intensiv etwa bei der Begleitung unserer Tochter Meike in der Zeit ihrer Krankheit und ihres Sterbens. Und verstärkt dann wieder seit dem Sommer 2014 in der Auseinandersetzung mit einer aggressiven Krebserkrankung und der eigenen Sterblichkeit. In diesem Ringen um Wahrheit und Lüge in Grenzsituationen des Lebens haben wir erfahren: Zeiten von Krankheit und sogar die Zeit des Sterbens können eine bereichernde Lebenszeit sein – für Kranke, für Sterbende und für Begleitende.</p>
<h2>Leidenszeit – Beziehungszeit</h2>
<p>Wenn wir uns an Kranken- und Sterbebetten der Wahrheitsfrage stellen, dann können diese Lebensphasen zu einer bedeutsamen Beziehungszeit zwischen Menschen in einer unheilbaren Krankheit und ihren Nächsten werden. Wir verpassen diese bedeutsame Beziehungszeit<em>, </em>wenn wir uns selbst und einander mit Lug und Trug davon abhalten, uns wahrhaftig mit der Verletzlichkeit und der Endlichkeit unseres Lebens und unserer Beziehungen auseinanderzusetzen.</p>
<p>Worum aber geht es bei der Wahrheitsfrage an Krankenbetten? Es geht, so meinen wir, um ein Entscheiden und Unterscheiden, welche Wahrheiten für Kranke und Sterbende heilsam und welche zerstörend sind. Es geht um ein „die Wahrheit sagen“, ohne den Sterbenden und uns in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu stürzen. Und es geht um die lebensdienliche Bedeutung, die an Kranken- und Sterbebetten das achte Gebot haben kann: ‚<em>Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten‘ </em>(2. Mose 20,16).</p>
<h2>Lebendige Beziehung – lebendige Wahrheit</h2>
<p>Von Dietrich Bonhoeffer ist uns ein fragmentarischer Aufsatz „Was heißt die Wahrheit sagen?“ überliefert. Bonhoeffer schrieb ihn gegen Ende des Jahres 1943 in seiner Tegeler Gefängniszelle. Bonhoeffer war also bei seiner theologisch-existenziellen Auseinandersetzung mit der Wahrheitsfrage nicht durch eine tödliche Krankheit, aber doch mit einer tödlichen Bedrohung des eigenen Lebens und mit Ängsten um das Leben von Mitverschwörern konfrontiert. Bonhoeffers in dieser Grenzsituation formuliertes Wahrheitsverständnis scheint uns wegweisend und lebensdienlich bis heute und gerade auch an Kranken- und Sterbebetten. Dietrich Bonhoeffer plädiert für eine kontextuelle, konkrete und lebendige Wahrheit. Er schreibt:</p>
<p><em>Das wahrheitsgemäße Wort ist nicht eine in sich konstante Größe, sondern ist so lebendig wie das Leben selbst. Wo es sich vom Leben und von der Beziehung zum konkreten anderen Menschen löst, wo die ‚Wahrheit gesagt wird‘ ohne Beachtung dessen, zu dem ich sie sage, dort hat sie nur den Schein, aber nicht das Wesen der Wahrheit. Es ist der Zyniker, der unter dem Anspruch überall und jederzeit und jedem Menschen in gleicher Weise ‚die Wahrheit zu sagen‘, nur ein totes Götzenbild der Wahrheit zur Schau stellt. </em>(D. Bonhoeffer, Fragment eines Aufsatzes: Was heißt die Wahrheit sagen? In: C. Gremmels, W. Huber (Hg.), Dietrich Bonhoeffer Auswahl, Band 6, Gütersloher Verlagshaus 2006, S. 143–152, Zitat S. 146, weitere: S. 145 u. 151).</p>
<h2>Wahrheit – Mitmenschlichkeit – Wirklichkeit</h2>
<p>Für Dietrich Bonhoeffer hat sich eine wahrheitsgemäße Rede der Realität zu stellen: „Das Wirkliche soll in Worten ausgesprochen werden.“ Ein wahres<em> Wort </em>widerspricht also der trügerischen und bequemen Realitätsflucht. Aber für Bonhoeffer ist jede wahrheitsgemäße Rede eingebettet in Beziehungen und hat deshalb eine doppelte Verantwortung: „Weil es in jedem Wort immer um die doppelte Beziehung zum anderen Menschen und zu einer Sache geht, darum muss diese Beziehung in jedem Wort ersichtlich sein, ein beziehungsloses Wort ist hohl; es enthält keine Wahrheit.“</p>
<p>Wahrheit und Lüge an Kranken- und Sterbebetten – diese Frage hat im Blick auf Gott und Menschen für Bonhoeffer damals und für uns heute ganz wesentlich mit Beziehungen zu tun. Mit den Gottes-Beziehungen der Kranken, der Sterbenden und der sie Begleitenden. Und mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen an den Kranken- und Sterbebetten. Ob und wie das Wahrheit-Sagen im Blick auf negative Untersuchungsergebnisse und hoffnungslose medizinische Prognosen ertragen werden kann, hängt nach unseren Erfahrungen und nach unserer Überzeugung entscheidend an den Fragen: Haben wir in unserer Gottesbeziehung eine Hoffnung über den Tod hinaus? Und können wir diese Hoffnung auch am Kranken- und Sterbebett einander mitteilen und miteinander teilen? Wagen wir in unseren Beziehungen das Teilen von Gefühlen, auch von Ängsten, Zorn und Verzweiflung? Berühren wir uns und halten wir einander fest, auch wenn uns die rechten Worte fehlen oder Trostworte in Tränen ersticken?</p>
<h2>Wirklichkeit – Empathie – Verantwortung</h2>
<p>An Kranken- und Sterbebetten einander Wahrheiten zuzumuten, ohne Empathie und ohne innere Bereitschaft, sich in Beziehung miteinander den Auswirkungen der Wahrheiten zu stellen, das entbehrt für uns jeder moralischen Legitimität. Und ein solches ‚die Wahrheit sagen‘ kann sich unseres Erachtens nicht auf das achte Gebot berufen. Aber aus Angst, Bequemlichkeit und dem Wunsch nach Distanzierung die Wahrheit an Kranken- und Sterbebetten zu verdrängen, sich selbst und einander mit trügerischen Hoffnungen zu beschwichtigen, das halten wir schon für einen lebensfeindlichen Verstoß gegen das achte Gebot.</p>
<p>Nach unseren Erfahrungen kommt es darauf an, schon in gesunden Tagen eine Lebenshaltung zu entwickeln und ein Beziehungsnetz zu spinnen, die uns Menschen dann auch mit einer tödlichen Krankheit und auch in der Begleitung von tödlich erkrankten Menschen wahrhaftig und zugleich hoffnungsvoll leben lassen. Es geht dabei um eine Lebenshaltung, die uns immer neu dazu inspiriert, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, mit dem Tod geliebter Menschen weiter zu glauben, zu lieben und zu hoffen und uns einem realistischen und zugleich empathischen Umgang mit Sterbenden zu stellen. Wir sind davon überzeugt: Menschen verpassen Wesentliches, wenn sie schmerzliche Grenzerfahrungen wie Krankheit und Kranke, Sterben und Sterbende in ihrem Leben und aus ihrem Leben verdrängen. Wenn sie die Wahrheit an Krankenbetten meiden, fürchten und leugnen. Und wenn sie so jede bewusste und wahrhaftige Auseinandersetzung mit der Begrenztheit und Endlichkeit des Lebens für sich und in ihren Beziehungen vermeiden.</p>
<p>Für diese Auseinandersetzung aber brauchen wir Menschen nachhaltige und widerständige Kraftquellen. Solche Quellen, die für den wahrhaftigen Umgang mit unserer Endlichkeit immer neu Kraft, Trost und Hoffnung schenken, sind für uns verlässliche Liebes-Beziehungen und ist für uns das Vertrauen auf Gottes Lebens-Macht, die stärker ist als der Tod.</p>
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		<title>Sünde, Schwäche oder Klugheit?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rochus Leonhardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 16:30:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[8. Gebot]]></category>
		<category><![CDATA[Augustin]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Lügen]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Notlüge]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>
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					<description><![CDATA[Müssen Christen immer bei der Wahrheit bleiben? Scheinbar eindeutig werden in der Bibel Lügen verboten. In der Theologiegeschichte gibt es aber durchaus unterschiedliche Einschätzungen, ob Lügen unter bestimmten Umständen erlaubt sind oder nicht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Müssen Christen immer bei der Wahrheit bleiben? Scheinbar eindeutig werden in der Bibel Lügen verboten. In der Theologiegeschichte gibt es aber durchaus unterschiedliche Einschätzungen, ob Lügen unter bestimmten Umständen erlaubt sind oder nicht.</p></blockquote></div>
<p>„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“ (La parole a été donnée à l’homme pour déguiser sa pensée). – Dieses an eine Formulierung von Voltaire angelehnte Bonmot des französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand macht deutlich: Die Lüge ist zuerst – und eigentlich exklusiv – ein sprachliches Phänomen. Natürlich kann man auch das nichtsprachliche Verhalten eines Menschen als verlogen (oder eben als wahrhaftig) bezeichnen, aber eine solche Bestimmung partizipiert lediglich an der primären Verwurzelung des Lügenbegriffs in sprachlichen Zusammenhängen. Der Vorwurf: „Du hast gelogen“ besagt daher im eigentlichen Sinne, dass der so Beschuldigte mit bewusster Täuschungsabsicht etwas sachlich Falsches gesagt hat.</p>
<h2>Die Totalverwerfung der Lüge bei Augustinus</h2>
<p>Die zuletzt verwendete Formulierung ist angelehnt an eine klassische Definition der Lüge, die die europäische Geistesgeschichte nachhaltig geprägt hat. Sie wurde vor ungefähr 1600 Jahren formuliert und stammt vom Kirchenvater Augustinus (gest. 430). Im 5. Kapitel seiner Schrift <em>De mendacio</em> hat Augustinus die Lüge bestimmt als eine unwahre mit dem Willen zur Täuschung vorgebrachte Aussage. Der Lügner verbindet danach mit der Aussprache seiner Gedanken die Absicht, sein Gegenüber zu täuschen. Diese Täuschungsabsicht setzt nach Augustinus eine innere Entzweiung voraus. Dem Lügner wird ein doppeltes Herz bescheinigt: Er denkt einerseits an das, was wahr ist, ohne es auszusprechen, und andererseits an das, was er stattdessen ausspricht, obwohl er weiß, dass es falsch ist. – Noch 1966, in seiner preisgekrönten Studie <em>Linguistik der Lüge</em>, hat Harald Weinrich die augustinische Definition aus linguistischer Perspektive aufgenommen und zugleich präzisiert. Weinrich sieht eine Lüge „dann als gegeben an, wenn hinter dem (gesagten) Lügensatz ein (ungesagter) Wahrheitssatz steht, der von jenem kontradiktorisch […] abweicht“ (Harald Weinrich: <em>Linguistik der Lüge</em>, München <sup>7</sup>2006, 41).</p>
<h2>Jede Lüge ist eine Sünde</h2>
<p>Der mit der Lüge vollzogene Entschluss zur Selbstentzweiung wird von Augustinus als Ausdruck einer Abwendung von Gott und damit als Sünde beurteilt. Nach seiner Auffassung geht nämlich jede menschliche Wahrheitserkenntnis auf eine Einstrahlung des unwandelbaren göttlichen Lichtes zurück. Daher kann die mit dem Phänomen des doppelten Herzens gegebene vorsätzliche Abweichung von der Quelle der Wahrheit nur als Aufstand gegen Gott zu stehen kommen. Folgerichtig ist jede Lüge zwangsläufig eine Sünde und hat deshalb unweigerlich den Verlust des ewigen Lebens zur Folge.</p>
<p>Dass Augustinus zu einer maßgeblichen Autorität der lateineuropäischen Theologie avancierte, hat auch dazu geführt, dass dessen Definition samt der darin enthaltenen moralisch-theologischen Totalverwerfung der Lüge die christliche Ethik jahrhundertelang bestimmt hat. Entsprechend konnte sich auch das von ihm formulierte kategorische Lügenverbot durchsetzen – jedenfalls auf der Ebene des moraltheologischen Diskurses.</p>
<h2>Relativierung des radikalen Lügenverbots in der Neuzeit</h2>
<p>Die Tatsache, dass ethische Theorie und lebensweltliche Praxis auseinanderklaffen können, war natürlich auch der durch Augustinus geprägten Tradition bekannt. Erst in der Neuzeit aber hat diese Einsicht zu unterschiedlichen Ansätzen einer Relativierung des radikalen Lügenverbots geführt. Man kann es auch anders formulieren: Die mit der überlieferten Theorie verbundene Gewissheit, jede Abweichung von der Wahrheit sei eine heilsgefährdende Sünde, und die mit dieser Auffassung verbundene Diskrepanz zwischen der Klarheit in der ethischen Theorie und der häufigen Verworrenheit des faktischen Lebens führte zur Suche nach Entlastungsstrategien.</p>
<p>Als eine dieser Entlastungsstrategien kann der vom Wittenberger Reformator Martin Luther gewählte Zugang zur Lügenthematik gelten. Luthers Ansatz hat allerdings immer wieder Kritik auf sich gezogen. Die für diese Kritik entscheidenden Argumente hat der dominikanische Kirchenhistoriker Heinrich Denifle in seinem dreibändigen Werk <em>Luther und Luthertum in der ersten Entwicklung</em> (1904–1906) gebündelt. Luther kommt hier zu stehen als jemand, der es mit der Wahrhaftigkeitspflicht nicht so genau nahm. Er sei vielmehr entsprechend jenem Grundsatz verfahren, nach dem der Zweck die Mittel rechtfertige, eine Lüge also ohne weiteres erlaubt, ja sogar moralisch in Ordnung sei, wenn sie nur die erwünschten Folgen zeitige. Noch der deutsche Philosoph Steffen Dietzsch hat in seinem Buch <em>Kleine Kulturgeschichte der Lüge</em> von 1998 Luthers Position vergleichbar charakterisiert.</p>
<h2>Luther „säkularisiert“ das Phänomen der Lüge</h2>
<p>Schaut man freilich genauer hin, so lässt sich in Luthers rechtfertigungstheologisch fundiertem Umgang mit dem Lügenverbot vor allem eine Tendenz zur ›Säkularisierung‹ des Phänomens der Lüge erkennen. Damit ist gemeint, dass die Lüge nicht mehr – wie noch bei Augustinus – primär als Aufstand gegen <em>Gott</em> verstanden wird. Vielmehr hat Luther die Lüge bereits in einer 1517 gehaltenen Predigt zum 8. Gebot („Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“) als größten Feind der <em>menschlichen</em> Gesellschaft bezeichnet. Die Lüge ist also deshalb von Gott verboten, weil sie das für ein funktionierendes Zusammenleben wichtige zwischenmenschliche Vertrauen gefährdet oder gar zerstört. <div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Lüge ist der größte Feind der menschlichen Gesellschaft.</p></blockquote></div></p>
<p>Diese Fokussierung der Lügenthematik auf die zwischenmenschliche Ebene eröffnet eine der augustinisch geprägten Tradition gegenüber neue Perspektive. Denn nun kann und muss die im 20. Jahrhundert etwa von Dietrich Bonhoeffer geltend gemachte Einbettung wahrheitsgemäßen Redens in zwischenmenschliche Beziehungen berücksichtigt werden (vgl. dazu <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/das-8-gebot-an-kranken-und-sterbebetten/">den Beitrag von Anne und Nikolaus Schneider</a>). Und tatsächlich ist genau dies bei Luther bereits geschehen.</p>
<h2>Gottesfürchtige Lügnerinnen in der Bibel</h2>
<p>Deutlich wird dies in einer Predigt, die der Reformator 1524 zu den ersten beiden Kapiteln des Exodus-Buches gehalten hat. Darin nimmt er gerade auch den mehrschichtigen biblischen Befund zur Lügenthematik ernst. So werden in Ex 1,15-19 die Hebammen Schifra und Pua einerseits als gottesfürchtig (Vers 17) beschrieben, weshalb sie letztlich von Gott belohnt werden (Verse 20 und 21). Andererseits sagen dieselben Hebammen dem Pharao offensichtlich und mit Täuschungsabsicht die Unwahrheit, als er sie fragt, warum sie die männlich geborenen Kinder des Volkes Israel nicht wie befohlen töten (Verse 15 und 16 sowie 18 und 19). – Angesichts dieses Befundes stellt sich für den Bibelleser Luther naturgemäß die Frage, wie es sein kann, dass sündige Lügnerinnen für ihre Gottesfurcht von Gott belohnt werden. Seine Antwort läuft darauf hinaus, dass verbale Aussagen, die auf sprachlicher Ebene als Lügen zu gelten haben, danach zu unterscheiden sind, ob sie auf die Schädigung des Nächsten zielen oder (wie im Fall der Hebammen) eben nicht.</p>
<h2>Lügner aus gutem Herzen</h2>
<p>Vier Jahre später, 1528, ist Luther noch einen Schritt weiter gegangen. In einer Predigt zu Mt 2,13ff kommt er auf das Verhalten der drei Weisen aus dem Morgenland zu sprechen, die Herodes nicht, wie ihnen befohlen worden war (Mt 2,7f), den Aufenthaltsort des neugeborenen Jesus mitgeteilt hatten (Mt 2,12). Strenggenommen, so Luther, haben die drei Weisen Herodes in der Tat belogen. Weil dies aber guten Herzens geschehen sei, könne, was sie getan haben, nicht eigentlich als Lüge gelten, sei, mit anderen Worten, nicht als Sünde zu bezeichnen. – Die auf Augustinus zurückgehende Beschränkung des Lügenbegriffs auf die Ebene der Sprache wird hier um die Dimension der Einbettung menschlichen Sprechens in zwischenmenschliche Verhältnisse angereichert: Die Weisen hatten das Kind angebetet und beschenkt, und es war ihnen im Traum befohlen worden, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren (Verse 11 und 12). Daraus war eine Verpflichtungssituation entstanden, die den Anspruch des Herodes-Befehls überschrieben hat. Und in einer solchen Lage sind Lüge und Sünde, anders als bei Augustinus, nicht mehr automatisch deckungsgleich.</p>
<h2>Lüge als Tugend und Liebespflicht</h2>
<p>Schließlich, in seiner späten Genesisvorlesung (1535–1545), hat Luther im Rahmen seiner Ausführungen zu den Geschichten von der ›Gefährdung der Ahnfrau‹ (Gen 12; 20; 26) nicht nur seine Auffassung wiederholt, nach der eine auf das Wohl des Nächsten zielende Lüge nicht wirklich eine Lüge ist, sondern nur uneigentlich, ja missbräuchlich so genannt wird. Sondern er hat hier die Lüge, die etwas Gutem dient, als Tugend und ausgezeichnete Klugheit, ja sogar als Liebespflicht bezeichnet, als <em>officium caritatis</em>. – Lüge und Sünde sind nicht mehr nur voneinander zu unterscheiden, sondern die Lüge kann nach Luther unter Umständen sogar als Ausdruck christlicher Nächstenliebe gelten.</p>
<h2>Gefährliche Relativierung der Lüge?</h2>
<p>Nun könnte es so aussehen, als würde durch diese Entlastungsstrategie die oben erwähnte Kritik von Heinrich Denifle bestätigt. Denn kann man Luthers Überlegungen nicht auch so verstehen, dass er die auf Opportunitätserwägungen beruhende Lüge moralisch aufgewertet hat? Und wird damit nicht die von Augustinus so klar betonte moralische Verwerflichkeit der Lüge gefährlich relativiert? – Ich denke, dass dies nicht der Fall ist. Die Lügen der Erzväter in den Erzählungen von der ›Gefährdung der Ahnfrau‹ sind nämlich nach Luther – ungeachtet ihrer schließlich heilvollen Folgen – gerade nicht Indizien für eine besondere Festigkeit im Glauben. Sondern sie gelten, ganz im Gegenteil, als Zeichen menschlicher Schwäche. In seinen Ausführungen zu Gen 20 und 26 hat Luther mit allem Nachdruck die Unentschuldbarkeit (und damit die Sündhaftigkeit) der Erzväterlügen betont: „Ich kann die Väter nicht entschuldigen, wie andere es tun, und ich will es nicht“.</p>
<h2>Unentschuldbar, aber nicht unverzeihlich</h2>
<p>Die etwa in den Lügen Abrahams und Isaaks biblisch bezeugten Schwächen gerade der Vorbilder im Glauben machen deutlich, dass kein Mensch in seinem Reden und Handeln der Wahrheit Gottes vollumfänglich gerecht zu werden vermag. Anders formuliert: Im schattenlosen Licht der Wahrheit Gottes kann niemand auf die Dauer leben. Für den Durchschnittschristen ist dies einerseits tröstlich: Er muss an seinen eigenen Lügen nicht (mehr) verzweifeln. Und anders als unter dem Vorzeichen des augustinischen Rigorismus gibt es jetzt Spielräume, was die Einzelbeurteilung konkreter Unwahrheiten angeht.</p>
<p>Andererseits führt die Einsicht in die Unvermeidbarkeit der Lüge unter den Bedingungen dieser Welt keineswegs zur Preisgabe des moralischen Standpunkts; die Lüge bleibt unentschuldbar. Aber, und hier wird der rechtfertigungstheologische Hintergrund von Luthers Auffassung zur menschlichen Lüge deutlich, diese Unentschuldbarkeit wird durch den Vergebungswillen Gottes kompensiert. Dass Gott die moralische Fehlbarkeit der biblischen Gerechten nicht ahndet, zeigt uns, so Luther, „dass wir einen gnädigen Gott haben, der uns unsere Schwachheit verzeihen, über diese hinwegsehen und uns unsere Sünden vergeben kann“.</p>
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