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	<title>evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Karl-Heinz Meier-Braun: Schwarzbuch Migration</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 14:04:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Asyl]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
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		<category><![CDATA[Fremdenfeindlichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Eindrucksvoll weist Karl-Heinz Meier-Braun auf knapp 200 Seiten nach, dass die heute spürbare Hysterie und Angst vor Fremden keineswegs der Realität entspricht. Denn Deutschland sei es immer wieder gelungen, sich die Flüchtlinge vom Leib zu halten. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Meier-Braun.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-2703 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Meier-Braun-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Meier-Braun-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Meier-Braun.jpg 400w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a>Verlag C.H. Beck, 2018, 192 S., 14,95 EUR, e-Book 11,99 EUR</strong></p>
<p>„Einer Springflut gleich sind Flüchtlinge in den letzten Monaten in unser Land gedrängt.“ Dieser Satz scheint mitten aus der aktuellen Debatte zu stammen. Doch gesagt hat ihn der frühere baden-württembergische Sozialminister Dietmar Schlee (CDU) Ende der 70er Jahre. Der Autor Karl-Heinz Meier-Braun stellt in seinem kürzlich erschienenen Buch die heutige „Flüchtlingskrise“ in einen historischen Zusammenhang und verortet den Beginn der Ausländerdebatte genau in der Zeit, als Politiker wie Schlee mit Worten wie „Asylantenflut“ bis heute übliche „Kampfbegriffe“ prägten.</p>
<p>Eindrucksvoll weist der Autor auf knapp 200 Seiten nach, dass die heute spürbare Hysterie und Angst vor Fremden keineswegs der Realität entspricht. Denn Deutschland sei es immer wieder gelungen, sich die Flüchtlinge vom Leib zu halten. „Anders als Parteien wie die AfD behaupten, war die ›Willkommenskultur‹ des September 2015 eine historische Ausnahme“, heißt es im Umschlagstext des Buches.</p>
<p>Dennoch: Deutschland ist Einwanderungsland, „wenn es auch viele nicht wahrhaben wollen“, stellt Meier-Braun klar. Das Verdienst des gut lesbaren Bandes ist, dass er einfache Parolen entlarvt. Schon vor 25 Jahren hat die damalige Flüchtlingskommissarin der Vereinten Nationen, Sagato Ogata, gewusst: „Eine stabile Welt bekommt man nicht, wenn man seine Türen vor dem Elend schließt.“ Schon damals waren anderthalb Milliarden Menschen unterernährt, heißt es weiter. „Verändert hat sich daran herzlich wenig“, lautet die traurige Bilanz des Autors, der langjähriger Leiter der Fachredaktion SWR International beim Südwestrundfunk in Stuttgart war.</p>
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		<title>Martina Steinkühler: Christin bin ich trotzdem</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 14:02:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Christsein]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Martina Steinkühler, Theologin, Autorin und Lektorin, scheibt auf ihrer Homepage über sich selbst: „Ich liebe Mythen, Geschichten, die Bibel...“ Ganz einfach deswegen: gute Geschichten sind anschlussfähig. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Steinkühler.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-2704 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Steinkühler-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Steinkühler-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Steinkühler.jpg 400w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a>Martina Steinkühler, Theologin, Autorin und Lektorin, scheibt auf ihrer Homepage über sich selbst: „Ich liebe Mythen, Geschichten, die Bibel&#8230;“ Ganz einfach deswegen: gute Geschichten sind anschlussfähig. Egal aus welcher Quelle. „Anschlussfähig“ – ein Schlüsselwort für Steinkühler. Auch in ihrem trotzigen, vermittelnden, auch polemischen neuesten Buch.</p>
<p><em>Trotzig</em> gibt sie sich, weil auch die biblischen (Jesus- und anderen) Geschichten uns „nur“ ihr Wort geben („bei Gott sind alle Dinge möglich“), weil Glaube einen Weg zeigt, den jede*r jedoch selbst gehen muss, oft steinig und schwer. <em>Vermittelnd</em> in der festen Überzeugung, dass die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden empirisch-faktisch aus recht unterschiedlichen Zielgruppen besteht, von denen jede mit je eigenen Bedürfnissen vor der „Kirchentür“ steht und will, was sie gerade braucht (traditionelle Angebote, Offerten für ein Engagement und – schrecklich zu sagen? –  Serviceleistungen). Bloß das nicht: abgespeist werden. Denn Zufriedenheit herstellen, bedeutet Aufmerksamkeit wecken, wozu’s wohl doch gut ist&#8230; An diesem Punkt wird die Autorin entschieden und <em>streitbar</em>. Gegen die, die stets den „vollen“ Glauben verlangen, um Einlass zu gewähren. Zeige uns doch – z.B. die Erzählung vom „verlorenen Sohn“ –  einen anderen Gott, den „Ich bin für dich da“, für Menschen, die ihr Glück zu machen versuchen, sich täuschen, von nicht selbstgewählten Umständen überwältigt werden und dann (manchmal) heimkehren.</p>
<p>Geschichten der Bibel sind in diesem Sinne anschlussfähig – an das Leben mit seiner Situations-Vielfalt. Steinkühler zeigt in ihrem Buch einmal mehr überzeugend, dass und wie <em>in der Kirche</em> dieser Schatz gehoben werden könnte.</p>
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		<title>Cornelia Coenen-Marx: Noch einmal ist alles offen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:58:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Alter]]></category>
		<category><![CDATA[Altern]]></category>
		<category><![CDATA[Älterwerden]]></category>
		<category><![CDATA[Rente]]></category>
		<category><![CDATA[Ruhestand]]></category>
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					<description><![CDATA[Die frühere Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, die bis zu ihrem Ruhestand im Februar 2015 Sozialreferentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war, will eine Tür aufstoßen zu einer neuen Lebensphase, die der demografische Wandel mit sich bringt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<figure id="attachment_2702" aria-describedby="caption-attachment-2702" style="width: 178px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Coenen-Marx.jpg"><img decoding="async" class="wp-image-2702 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Coenen-Marx-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Coenen-Marx-188x300.jpg 188w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Coenen-Marx.jpg 400w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2702" class="wp-caption-text">Noch einmal ist alles offen von Cornelia Coenen-Marx</figcaption></figure>
<p><strong>Kösel Verlag, 2017, 208 S., 17,99 EUR (auch als E-Book)</strong></p>
<p>Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Aber das bedeutet nicht nur Alter, Krankheit und Pflege. Es gibt nämlich immer mehr rüstige Rentner. Diese spricht Cornelia Coenen-Marx in ihrem jüngsten Buch an. Die frühere Oberkirchenrätin, die bis zu ihrem Ruhestand im Februar 2015 Sozialreferentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war, will eine Tür aufstoßen zu einer neuen Lebensphase, die der demografische Wandel mit sich bringt.</p>
<p>Der Theologin geht es um das „Geschenk des Älterwerdens“. Schließlich hat es ihrer Ansicht nach Konsequenzen, wenn heute gesunde 70-Jährige kaum weniger leistungsfähig sind als gesunde 50-Jährige. Die Autorin schreitet dabei einen weiten Kreis ab und spart auch schwierige Themen wie Krankheit nicht aus. Zugleich spricht sie gerade für ältere Menschen so wichtige Fragen an, wie Rollen neu erfunden werden können oder Netzwerke zu knüpfen sind.</p>
<p>Das alles scheint für Menschen geschrieben, die ein selbstbestimmtes Leben ohne finanzielle Sorgen führen können. Das gibt dem Buch einen Hauch von heiler Welt. Es geht der Autorin sicher auch um Visionen, besonders auch im Blick auf die Zukunft der Kirche. „Altwerden, das bedeutet für viele noch immer zu verlieren, was in unserer Gesellschaft zählt: Energie, Dynamik, Mobilität und dauernde Aktivität. Die Urkirche aber kennt ein anderes Bild des Alterns, nämlich die Hochschätzung der Witwen und der Ältesten in den Gemeinden“. Solche Sätze zeichnen sicher ein Idealbild, können jedoch auch dazu ermutigen, würdig zu altern und nicht dem allgemeinen Jugendwahn zu verfallen und sich der Lächerlichkeit preiszugeben.</p>
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		<title>„evangelische aspekte“ auf Twitter und Facebook</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Heike Schmidt-Langer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:53:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Social Media]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit einigen Monaten habe ich die Aufgabe übernommen, die Inhalte der „evangelischen aspekte“ in den Sozialen Netzwerken Facebook und Twitter mit anderen zu teilen. Damit wollen wir auch Menschen, die wir noch gar nicht kennen und die uns nicht kennen, im Internet mit unseren Inhalten und Anliegen erreichen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Seit einigen Monaten habe ich die Aufgabe übernommen, die Inhalte der „evangelischen aspekte“ in den Sozialen Netzwerken Facebook und Twitter mit anderen zu teilen. Damit wollen wir auch Menschen, die wir noch gar nicht kennen und die uns nicht kennen, im Internet mit unseren Inhalten und Anliegen erreichen.</p></blockquote></div>
<p>In den sogenannten Sozialen Medien bin ich selbst bereits seit vielen Jahren beruflich und privat aktiv. Gerade Twitter habe ich als zutiefst basis-demokratische Plattform kennengelernt. Ob VIP, Teilzeit-Mutti, ehrenamtlich, hauptamtlich, ob männlich, weiblich oder irgendwas dazwischen – der Tweet eines jeden hat genau denselben Platz und eine Chance, gesehen zu werden. Auf Twitter ist also (überspitzt formuliert) erstmal jeder gleich. Diese Gleichheit der Menschen ist ein sehr christlicher Wert.</p>
<p>In letzter Zeit wurde allerdings an den Betreibern sozialer Netzwerke wie z.B. Facebook aus Datenschutzgründen heftige Kritik geübt – zu Recht! Auch in Beiträgen der „evangelischen aspekte“ wurde diskutiert, wie angesichts der Gefahren, die mit Social Media verbunden sein können, ein verantwortungsbewusster Umgang damit aussehen kann (vgl. z.B. schon Heft 2/2016 zum Thema „Überwachung“). Die Redaktion hat sich trotz einiger Bedenken entschieden, im Jahr 2018 einen Testlauf mit der intensivierten Nutzung von Twitter und Facebook zu machen. Ziel ist es, über diese Medien die Reichweite zu erhöhen und zusätzliche Aufmerksamkeit für die Beiträge der „evangelischen aspekte“ zu gewinnen. Denn darum geht es uns als Zeitschrift der Evangelischen Akademikerschaft: ein breites Publikum für unsere Themen zu erreichen, mit anderen über unsere Anliegen zu diskutieren, uns mit ihnen zu vernetzen und ihnen auch zuzuhören. Sich aus Datenschutzgründen ganz aus dem Social Web fernzuhalten, scheint mir nicht der richtige Weg. Denn wir sollten auch Teil der großen digitalen Gemeinde sein und unsere Themen und Positionen dort einbringen.</p>
<p>Anfang 2019 werden wir die Erfahrungen des Testlaufs auswerten und dann über die Fortsetzung unserer Aktivitäten in den sozialen Netzwerken entscheiden. Wenn Sie sich dort mit uns vernetzen wollen, folgen Sie uns auf <a href="https://twitter.com/ev_akademiker">twitter.com/ev_akademiker</a> oder unter „Evangelische Akademikerschaft in Deutschland e.V.“ auf Facebook. Wir freuen uns auf den Kontakt mit Ihnen!</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<item>
		<title>Der andere Luther-Boom</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:40:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumene]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
		<category><![CDATA[Reformationsjubiläum]]></category>
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					<description><![CDATA[Luther wirkt: Eine Analyse zum Reformationsjahr 2017 und zu den anlaufenden Vorbereitungen auf 500 Jahre Wormser Reichstag 2021.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Luther wirkt: Eine Analyse zum Reformationsjahr 2017 und zu den anlaufenden Vorbereitungen auf 500 Jahre Wormser Reichstag 2021.</p></blockquote></div>
<p>Luther wirkt. Die Rechtfertigung des Gottlosen durch Gott allein aus Gnade hat der Leistungs- und Konsumgesellschaft viel zu sagen (Margot Käßmann). Die umwälzende bedingungslose Zusage an das um sich selbst kreisende Ich, das „Turbo-Ich“ (Juli Zeh), also den <em>homo incurvatus in se ipsum</em> – den in sich eingekrümmten Mensch, der unter dem tödlichen Zwang und Bann zur Selbstverwirklichung steht: „Brauchst keine Angst zu haben, es gibt, ich gebe Dir genug“, wirkt auch heute noch befreiend. Dass Dein Leben von Gott her einen guten Sinn erhalten kann… All das sind Aussagen, die zeigen: Luther wirkt.</p>
<p>500 Jahre Reformation wurden 2017 vielseitig begangen. Ein halbes Jahr nach Ende des Reformationsjahres könnte ein guter Zeitpunkt sein, um eine Art Zwischenbilanz zu ziehen. Dabei ist klar: 1517 war ein vielschichtiger Umbruch. Doch die geschichtlich bedeutsameren Jubiläen stehen jetzt erst an. Es sind die theologie- und ereignisgeschichtlichen Daten, in denen der Augustinermönch Martin Luther zu der (mindestens vierfachen) Ikone wurde, die er für Jahrhunderte blieb. Die Ikone für <em>begründete Gewissensentscheidungen</em>. Eine Ikone für Gottvertrauen, <em>Zuversicht</em> und Mut. Ikone der Bibel(übersetzung), der <em>Sprache</em> und des Wortes. Eine Ikone der <em>Freiheit</em> und des freien Worts. Von Wittenberg 1517 führt – über einige Stationen – ein gerader Weg nach Worms (1521).</p>
<h2>Das Interesse</h2>
<p>Das Interesse am Jubiläum 2017 war immens. Luther und die Reformation gab es in allen Größen&#8230; Als überdimensionales 360°-Panorama von Yadegar Asisi in Wittenberg, als 1m mittelgroße Kunstfigur des Aktionskünstlers Ottmar Hörl, gerade noch unter den Arm zu klemmen. Als leitendes Ampelmännchen (jetzt neu) in Worms. Als exklusives, aktuelles Postwertzeichen des Vatikan! Nicht unerwähnt bleiben kann natürlich der kleine Playmobil Luther in über 1,3 Millionen Exemplaren. Echt groß.</p>
<p>Besucherströme beschränkten sich 2017 nicht auf Wittenberg. Weitere Reformationsstätten wie Torgau oder Eisleben verzeichneten ebenso kräftigen Zustrom wie Augsburg, Erfurt oder Worms. Im Bundesland Brandenburg besuchten knapp 500.000 Gäste die Veranstaltungen von „WORT UND WIRKUNG. Luther und die Reformation in Brandenburg“. 400.000 Gäste waren es im 360°-Panorama in Wittenberg. Von 800.000 Besuchern berichteten die evangelischen Kirchen Niedersachsens. Als Hörls mobile Plastik stand Luther in Bad Hersfeld – und in Hongkong.</p>
<p>Einführungen zu Luther verkauften sich prächtig. Nur drei Beispiele: Petra Gerster, Christian Nürnberger: <em>Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten</em>. Gabriel-Verlag, 8 Auflagen; Fabian Vogt: <em>Luther für Neugierige</em>. Ev. Verlagsanstalt, 7 Auflagen; <em>Schlag nach bei Luther</em>, chrismon, 6 Auflagen. Uneinholbar war aber wieder die neu aufgelegte Lutherbibel 2017, inzwischen 720.000 Exemplare. 7,3 Millionen schalteten das ARD Biopic über Luther und Katharina von Bora ein.</p>
<h2>Das Potenzial</h2>
<p>Natürlich kann ein Rückblick auf ein einjähriges Gedenkjahr nur Weniges herausgreifen. Deutlich wird aber allemal das riesige Potenzial: Es gab und gibt beträchtliche Bereitschaft, sich mit dieser kirchen- und allgemeingeschichtlich bedeutsamen Epoche zu befassen.</p>
<p><strong> 31. Oktober 2017:</strong> Bundesweit sind am 500. Reformationstag die Kirchen proppenvoll. Teilweise werden wegen Überfüllung Festgottesdienste am selben Tag spontan „wiederholt“, weil nicht alle Besucher in das Kirchengebäude passten (z.B. Göttingen). Vielerorts bilden sich Warteschlangen vor der Kirche.</p>
<p><strong>Dauerhafter Feiertag:</strong> Inzwischen haben vier weitere Bundesländer, Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen, den Reformationsfeiertag eingeführt. Damit ist der 31.10. jetzt in neun von sechzehn Bundesländern arbeitsfreier Feiertag. Initiativen zur Einführung in weiteren Ländern sind im Gange.</p>
<p><strong>Bundesweit: </strong>Für den Reformationstag spricht sich in Umfragen regelmäßig eine Mehrheit von 70–80 Prozent der Befragten aus (z. B. Hessen, Niedersachsen, Bayern, … und bundesweit). Bei einer Online-Umfrage der Nordwestzeitung antworteten so 81 Prozent: „Sollte der Reformationstag immer ein Feiertag sein?“ – 9 % Unentschieden; 10 % „Nein, diesen Feiertag braucht kein Mensch“; 81 % „Ja, wir sollten uns wieder mehr mit unserer Glaubensgeschichte auseinandersetzen“ (Quelle: nwzonline.de).</p>
<h2>Die Zwischenbilanz</h2>
<p>Schaut man auf diese beeindruckenden Zahlen, fragt sich andererseits, warum es 2017 bei der EKD und in manchen Medien zu einer kleinen Flaute kam. Der Deutsche Kulturrat beklagt z.B. rückblickend, dass versäumt wurde, Themen wirksam zuzuspitzen. Das Reformationsjubiläum sei noch hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Und der frühere Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und Programmdirektor des Sender Freies Berlin, Norbert Schneider, kritisierte, dass – trotz interessanter Einzelstücke – insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen kein Gesamtbild vermittelt hätten, das dem „Rang dieses Ereignisses für die Gesellschaft“ gerecht geworden wäre. Auch die Bedeutung für die deutsche Sprache sei weithin unterbelichtet geblieben.</p>
<p>Beide Kritikpunkte lassen sich fraglos auf weitere Medien und Institutionen ausweiten. Viele Stimmen sind sich darin einig, dass vom Potenzial „2017“ viel uneingelöst geblieben ist. Hier gibt es für die nächsten Jahre, z.B. im Zugehen auf Worms 2021, noch Nachholbedarf und „Spielräume“.</p>
<p>Im Blick auf die <em>Landeskirchen</em> lässt sich sicherlich von einer ungeheuren Bandbreite an Themen, nicht zuletzt in den jeweiligen Einzelgemeinden, sprechen. Weil jede Einzelgruppe mit ihrem eigenen Zugang auf das Jubiläum schaute, kristallisierte sich auch nicht <em>das</em> <em>eine</em> Großthema heraus. Vielmehr kann das Reformationsgedenken 2017 als ein Event der Multiperspektivität und der Vielseitigkeit der Zugänge resümiert werden.</p>
<h2>Die Verwurzelung in der Gesellschaft</h2>
<p>Das muss nicht schlecht sein. Die Reformation hat so gut wie alle Lebensbereiche erfasst (Rechtswesen, Anti-Magie&#8230;). Daher sind auch ihre Folgewirkungen ausgesprochen vielseitig. Das zeigt sich nicht zuletzt in der tiefen Verwurzelung in der Gesellschaft, die sich dann in der breiten Beteiligung niederschlug.<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Reformationsjahr ist in der Mitte, in der Breite und in der Spitze der Gesellschaft angekommen. </p></blockquote></div></p>
<p>Prominente zu finden, die sich ein Stück weit öffentlichkeitswirksam für den Gedenkmarathon einspannen ließen, fiel den Veranstaltern vorab offenbar nicht schwer. Ob Trainer Jürgen Klopp, Nachrichtensprecherin Gundula Gause, Filmstar Armin Mueller-Stahl oder ESA Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner. Die Liste der ReformationsbotschafterInnen, Lutherbibel-Freunde und -UnterstützerInnen war eindrucksvoll und lang.</p>
<p>Unübersehbar die Veranstaltungs- und die Ausstellungsvielfalt. Das Thema bot Stoff für mindestens ein halbes Dutzend überregionale Sonderschauen noch neben den vier nationalen Sonderausstellungen, z. B. in Düsseldorf, Coburg und – nebenbei auch in New York. „Gefühlt wurde auf jedem Quadratmeter, der in Deutschland Ausstellungsfläche bot, eine Reformationsausstellung durchgeführt“, meinte ein Museumsmacher. Gerade von den vielen kleinen und mittleren Schauen sollen wenigstens drei erwähnt sein: Die filigrane Dioramen-Wanderausstellung aus Halberstadt (100.000 Besucher), Michael Triegel, Logos und Bild, Leipzig (40.000 Besucher), Lutherhaus Eisenach (70.000 Besucher). Das Pop-Oratorium Luther spielte in 14 Städten vor ausverkauften Hallen (inklusive ZDF-Übertragung spätabends knapp 2 Millionen Teilnehmer).</p>
<p>Das Reformationsjahr ist in der Mitte, in der Breite und in der Spitze der Gesellschaft angekommen. Veranstaltungen fanden im Europaparlament in Brüssel genauso statt wie im Freizeit- und Europapark Rust.</p>
<p>Angesichts der breiten Verwurzelung fragen nicht wenige erst recht, wie sich die planerischen Defizite (notwendiger „Nachtragshaushalt“) in der EKD erklären lassen. Es gibt ein Raunen, das vom Vorwurf eines defizitären Managements der Synoden bis zu einer EKD-eigenen „Defizit-Theologie“ reicht. (Eine gewisse spirituelle Verarmung der EKD hat etwa der jetzige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble moniert.)</p>
<p>Deutlich wurden Defizite beim Kirchentag 2017. Als Höhepunkt des Lutherjahres angekündigt, blieb die Reformation im Programmheft noch seltsam unentwickelt. Wenn man zum 500. Jubiläum seine Wurzeln so lausig verschämt verschmäht, darf einen gar nichts wundern… Dabei lautet die Regel: Ohne Luther – kein Evangelischer Kirchentag! Als Laienbewegung fußt dessen innerkirchliche Akzeptanz und Wirkmöglichkeit schließlich schlicht auf dem alten lutherischen Grundsatz vom Priestertum aller Christenmenschen. Und schon physisch zählt der Satz. Denn ohne Luther wäre wohl selbst der Kirchentag – noch ganz katholisch.<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Ohne Luther – kein Kirchentag</p></blockquote></div></p>
<p>Im April 1518 formuliert Luther in der Heidelberger Disputation programmatisch: Gott findet das Liebenswerte nicht vor, er schafft es erst&#8230; Damit nennt er in der Wende- und Sattelzeit seiner theologischen Entwicklung eine seiner wichtigen Grundeinsichten: Nicht der Mensch soll, sondern Gott selbst will der Hauptakteur in Reformations-Angelegenheiten sein. Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es (selbst macht oder) beobachtet, aber es kommt.</p>
<p>Auf dem Weg von Heidelberg nach Augsburg, wo Luther sich im Herbst 1518 erstmals auf Augenhöhe oder doch „Aug‘ in Aug&#8217;“ vor der damaligen Hierarchie verantwortet, fällt auch die zentrale Einsicht in die promissionale <em>solo-verbo-</em>Struktur der göttlichen Gnadenzusage: „Das Wort, das Wort, das Wort, das tut‘s“. Und zwar bedingungslos. Denn „die <em>conditio </em>richtet alles Unheil an“. Im Herbst 1518, also jetzt vor 500 Jahren, geschehen wichtige Weichenstellungen in der Begegnung zwischen Cajetan und Luther, die den Gang der Geschichte für Jahrhunderte bestimmen. – Luther muss nachts zu Pferde fliehen.</p>
<h2>Weiter in der Ökumene</h2>
<p>2017 war ein großes Jahr für die Ökumene. Beginnend mit dem Papstbesuch in Lund beim Lutherischen Weltbund, bei ev.-kath. Versöhnungsgottesdiensten, bei einer Israel-Reise von 18 ev. und kath. Bischöfen und Repräsentanten, mit einem offiziellen Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und dem EKD-Ratsvorsitzenden.</p>
<p>Wie vor 500 Jahren gibt es die ausgestreckte Hand von evangelischer Seite. Daher wird es (damals wie heute) darauf ankommen, dass die Anfragen der Reformation katholischerseits ernstgenommen und mehr als unter „ferner liefen“ behandelt werden. Die Chancen auch dafür stehen gar nicht schlecht. Jedes Jahr kann man am 31.10. die erfreulichen Annäherungen in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GE) von 1999 thematisieren. Auch für die Katholische Kirche ein guter Grund für diesen Feiertag! <em>Gaudete et exsultate,</em> ein Anlass zur Freude: 2018 ist man sich beiderseits in der Ablehnung von Semi-Pelagianismus und Krypto-Gnostizismus (antike Selbsterlösungs-Lehren) wieder ganz einig.</p>
<figure id="attachment_2728" aria-describedby="caption-attachment-2728" style="width: 998px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikipedia_Ökumenischer-Gottesdienst_Ikar.us_.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2728 size-full" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikipedia_Ökumenischer-Gottesdienst_Ikar.us_.jpg" alt="" width="1008" height="600" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikipedia_Ökumenischer-Gottesdienst_Ikar.us_.jpg 1008w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikipedia_Ökumenischer-Gottesdienst_Ikar.us_-300x179.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 1008px) 100vw, 1008px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2728" class="wp-caption-text">Das Reformationsjubiläum 2017 war auch ein Erfolg für die Ökumene (Foto: Wikipedia, <a href="http://Ikar.us" class="autohyperlink">Ikar.us</a>, CC-BY-SA).</figcaption></figure>
<p>Doch 2017 gab es leider auch wieder manch reflexhaften Rückfall in längst überholt geglaubte Abwertungsmuster und Pauschalverurteilungen z. B. der Person Martin Luthers. Dabei müsste jedem röm.-kath. Ökumeniker viel an Luther gelegen sein. Oder wollte man stattdessen lieber versuchen, auf Basis der Lehren eines <em>N.N.</em> (hier bitte beliebig den Namen eines Reformationstheologen einfügen, den Sie kennen, Karlstadt, Müntzer…), eine Einigung zu erzielen? Und auch evangelischerseits dürfte jedem, der den rund 70-jährigen Ökumene-Dialog rekapituliert, mehr als deutlich sein, dass man ohne die solide lutherische Theologie kaum zu Fortschritten in der Lage gewesen wäre oder zukünftig wäre.</p>
<p>Und ist nicht bei genauem Zusehen die Ausgangsfrage Luthers – wie bekomme ich Zugang zu Gottes Gnade, Zugang zu einem gnädigen Gott? – eine urkatholische Frage. Ganz sicher! Und ist es nicht die <em>Gottesfrage</em>, die auch heute wieder ganz unvermittelt in den Fokus rückt? Denn was heißt <em>einen Gott haben</em>? Ein Gott oder Götze ist alles das, worauf sich letztverbindlich ein Mensch verlässt, sagt Luther.</p>
<p>Das kann ganz bieder das volle Bankkonto und der pralle Geldbeutel sein, also der Götze Mammon (Mt 6), was recht verbreitet ist. Es kann ebenso das Spekulieren auf Ansehen, Erfolg und Ruhm, die zeitliche Existenz überdauernden Nachhall sein. Das Turbo-Ich kreist und rotiert um Selbsterhalt, Selbstoptimierung, Selbsttranszendenz, oft gnadenlos und gierig. Die Zusage und Rede von einem gnädigen Gott, der alles Nötige ganz freigiebig und reichlich gibt, zu-sichert und erfüllt, kann da echt heilsam sein.</p>
<p>Dass „Trauen und Glauben“ (Luther) fundamentalanthropologisch zusammengehört und auf <em>diese</em> Weise Götter und Götzen entstehen, leuchtet ein. Oft muss man nur wenige Worte austauschen und die Luthertexte sprechen unmittelbar in heutige Zeiten. Wie für Luther ja generell gilt, <em>omnia vocabula in Christo novam significationem accipere</em>: In Christus werden alle Worte, wird alle Sprache, wird alles Reden von Gott und der Welt noch einmal ganz neu und anders.</p>
<h2>Ein neues Reden</h2>
<p>Dieses neue Reden gilt es (wieder) neu zu lernen. Gewissermaßen die göttliche Grammatik, die sich von einer sonst üblichen Grammatik doch etwas unterscheidet. Es ist zugleich die Sprache der biblischen Geschichten. Die oft auch für sich selbst sprechen, wie die Gleichnisse Jesu – die Alltagsbilder verwenden und doch Grundstürzendes erzählen, neue Welten erschließen, zusagen und konstituieren – für sich selbst sprechen (können).</p>
<p>Eben darin besteht das reformatorische Lehr- und Bildungsprogramm! Christsein und Theologiestudium sind gleichermaßen als eine Einübung ins Bibelstudium gefasst. Das hält es frisch und aktuell. <em>Hier</em> steht eine Wiedergewinnung an, ein neues In-den-Alltag-hinein-Auslegen. Dabei dürften sich auch manche konfessionell überkommene Vexierfragen des Mittelalters auf ganz subtile Weise in der Zuwendung zur Gegenwart <em>auflösen</em>.</p>
<p>Die Reformation ist eben nicht nur Pionier der Schulpflicht für Mädchen und Jungen. Dass Philipp Melanchthon (Ehrentitel: <em>Praeceptor Germaniae</em> – Lehrer Deutschlands) in Nürnberg die Schulordnung für das erste Gymnasium, einen wegweisenden Schultyp, konzipierte, darf man ja einmal erwähnen. Und die Wittenberger Universitätsreform in ihrer Hochschätzung von Philologie und Sprachen (Hebräisch-Lehrer werden angestellt; Sprachen als Schlüssel zu den Quellen) machte Wittenberg zum progressiven Studienort und sorgte für einen Studenten-Boom <em>aus</em> ganz Europa, und wieder hinaus.</p>
<h2>Internationale Perspektiven</h2>
<p>Der Europäische Stationenweg von Edinburgh bis Wien führte im Winterhalbjahr 2016/17 denn auch durch 67 Städte, in der Tat eine schöne Erinnerung, dass die Reformation längst Weltbürgerin ist. Die Weltwirkung der Reformation ist deutlich auch etwa in Japan, Finnland, Dänemark. Ebenso USA und Großbritannien, die ohne Einflüsse und Abstammung von der protestantischen Familie eine andere Entwicklung genommen hätten. Spannend ist Brasilien. In diesen und vielen anderen Ländern wirkt das Erbe der Reformation, teilweise direkt, teilweise gebrochen, teilweise einer aktualisierenden Neubelebung entgegengehend, bis heute: Luther wirkt.</p>
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		<title>Wir sind nicht nur Gäste</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Richard Hackländer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:32:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Fremde]]></category>
		<category><![CDATA[Fremdheit]]></category>
		<category><![CDATA[Heimat]]></category>
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					<description><![CDATA[Einen Fremden sollst du nicht quälen. Denn ihr wisst, wie dem Fremden zumute ist, seid ihr doch selbst Fremde gewesen im Land Ägypten (2. Mose 23,9).]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Einen Fremden sollst du nicht quälen. Denn ihr wisst, wie dem Fremden zumute ist, seid ihr doch selbst Fremde gewesen im Land Ägypten (2. Mose 23,9).</p></blockquote></div>
<p>Wir sind in Italien mit dem Auto unterwegs, nur noch 100 km bis zum Urlaubsort. Vor einer Stunde haben wir noch Pizza und Pasta bei einer Pause genossen und uns fröhlich mit „Arrivederci“ verabschiedet. Wir schauen uns während der Fahrt um, genießen die unbekannte Landschaft, freuen uns auf sorgenfreie Tage – und dann passiert es: Ich nehme jemandem die Vorfahrt, es kracht und so endet zunächst mit Blechschaden unser Urlaub, bevor er richtig angefangen hat. Eilig kommen Passanten hinzu, es wird wild gestikuliert… und wir verstehen kein Wort. Schlagartig haben Unsicherheit und Verzweiflung die Urlaubsstimmung verdrängt.</p>
<p>Es macht einen Unterschied, ob ich im Ausland lebe oder nur als Tourist unterwegs bin. Im Urlaub mache ich fast ausschließlich positive Erfahrungen in der Fremde und bewundere oft die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die mir – auch über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg – begegnet. Erst in Ausnahmesituationen komme ich an meine eigenen Grenzen.</p>
<p>Aber was geschieht, wenn ich in der Fremde leben muss, da ich die Heimat, meine Arbeit und gar meine Familie verloren habe und angewiesen bin auf das Entgegenkommen fremder Mitmenschen? In Deutschland wird seit der Flüchtlingskrise 2015 die Diskussion laut und intensiv geführt. Fremdenfeindlichkeit und Willkommenskultur treffen hart aufeinander. Es geht um die eigene Identität und um die Werte unserer Gesellschaft.</p>
<p>Die Tageslosung aus dem Buch Exodus ist formuliert wie eines der Zehn Gebote und war damals so aktuell wie es auch oder gerade heute ist. Gegen die Fremdenfeindlichkeit von einst wird hier auf die Rechte eines sozial benachteiligten Fremden hingewiesen. Begründet wird der Schutz des Schwachen mit der Empathiefähigkeit, die das Volk Israel geprägt von der einstigen Gefangenschaft in Ägypten aufbringen kann. Zur kollektiven Erinnerung des jüdischen Volkes gehören die Josephsgeschichte, der Exodus aus Ägypten, das babylonische Exil und bis heute der Kampf um ein Existenzrecht.</p>
<p>Wissen wir, „wie dem Fremden zumute ist“? An einer italienischen Kreuzung gestrandet, bekomme ich vielleicht für ein, zwei Stunden eine Ahnung davon, was unverständliche Behördengänge und Sprachbarrieren bedeuten mögen und welche Sorgen bei der Suche und Wahrung meiner eigenen Rechte bestehen. Doch ist es kaum vorstellbar, in einem fremden Land keine Bürgerrechte mehr zu haben und meiner Hoffnungen beraubt zu sein.</p>
<p>Auch wenn es schwierig ist, möchte ich den Fremden menschlich begegnen, für ihre Rechte einstehen und so gemeinsam mit den Schwachen meine Stimme erheben. Die christlich gebotene Nächstenliebe gilt ausdrücklich auch dem Fremden. Im politischen Diskurs wie im Handeln vor Ort, im Gespräch unter Freunden oder spontan im Falle eines Unfalls – ich bin gefragt in einer Welt, die eben nicht national bestimmt, sondern von Gott geschaffen ist und in der ich als Christ Verantwortung übernehmen darf.</p>
<p>Denn ich bin nicht nur Gast auf dieser Erde, sondern kann für jeden Mitmenschen auch zum Gastgeber werden.</p>
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		<title>Was macht China mit den Menschenrechten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Albert Scherr]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:30:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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					<description><![CDATA[Dass es zahlreiche Gründe gibt, über Menschenrechtsproblematiken in China zu reden, ist offenkundig. Weniger offenkundig und kaum bekannt ist, dass es gleichwohl möglich ist, in China über Menschenrechte zu reden. Stellt sich die Frage nach dem Wie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dass es zahlreiche Gründe gibt, über Menschenrechtsproblematiken in China zu reden, ist offenkundig. Weniger offenkundig und kaum bekannt ist, dass es gleichwohl möglich ist, in China über Menschenrechte zu reden. Stellt sich die Frage nach dem Wie.</p></blockquote></div>
<p>Am Anfang dieser soziologischen Reisebeobachtungen sollen einige knappe Hinweise zu Menschenrechtsproblematiken stehen:</p>
<ul>
<li>Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist in China nicht gewährleistet, auch nicht der freie Zugang zu Informationen – das Internet wird zensiert und internationale Verlage müssen sich einer Zensur unterwerfen, um den chinesischen Markt beliefern zu können. Zum Beispiel dürfen keine kritischen Überlegungen zu Taiwan und Tibet gedruckt werden.</li>
<li>400 Millionen Menschen leben in China in absoluter Armut. Die ca. 300 Millionen Wanderarbeiter sind massiv benachteiligt, da zentrale Rechtsansprüche (Sozialleistungen, Schulbesuch, Wahlrecht) nicht oder nur eingeschränkt an den Arbeits- und Lebensorten, sondern nur in den Herkunftsgemeinden in Anspruch genommen werden können.</li>
<li>Eine organisierte politische Opposition existiert nicht und zivilgesellschaftliche Proteste werden unterdrückt – so während meiner Reise aufkeimende Proteste gegen die Vertreibung von Wanderarbeitern aus der Stadt, ein Vorgang, auf den ich noch eingehen werde.</li>
<li>Nach wie vor wird Paaren die Zahl der zulässigen Kinder vorgeschrieben, auch wenn diese von eins auf zwei erhöht wurde.</li>
</ul>
<h2>Elektronische Überwachung und privilegierte Isolation</h2>
<p>Diese Liste ließe sich fortsetzen. Um diese durch einen ersten Reiseeindruck zu ergänzen: In der Verlängerung des Tian’anmen-Platzes schmückt ein großes Mao-Portrait das Eingangsgebäude der historischen verbotenen Stadt. An die Todesopfer von Maos Versuch der Zwangsindustrialisierung („Großer Sprung nach vorn“) wird dort ebenso wenig erinnert wie an den Terror der Kulturrevolution und – man ist versucht zu sagen: natürlich – auch nicht an die Toten des Tian’anmen-Massaker von 1989. Indirekte Erinnerungsspuren daran sind die vollständige elektronische Überwachung des Platzes, die offenkundige massive Präsenz von Polizisten und Soldaten (nur Männer!) und die unsichtbare Präsenz von Geheimpolizisten. Eine gewisse Ironie der Geschichte ist darin zu sehen, dass sich neben der nunmehr touristisch erschlossenen historischen verbotenen Stadt die gegenwärtige verbotene Stadt befindet: der unzugängliche Wohnbezirk der Partei- und Staatsspitze.</p>
<p>Gleichwohl nimmt die Politik des chinesischen Staates die Menschenrechte für sich in Anspruch, statt die Option zu ergreifen, sich auf die Tradition der marxistischen Menschenrechtskritik oder die Option einer Ablehnung der Menschenrechte als vermeintlich spezifisch westlicher Werte zu berufen: Ausgangspunkt meiner Reise nach Peking war die Einladung zu einem deutsch-chinesischen Menschenrechtsdialog, den das Büro der Pekinger Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Chinesischen Stiftung zur Förderung der Menschenrechte (CFHRD) veranstaltet.</p>
<h2>Funktion der Menschenrechtsdiskussion in China</h2>
<p>Erklärtes Ziel der regierungsnahen CFHRD ist „die Entwicklung und Verbesserung der Menschenrechtssituation in China, die Verbesserung der Verständigung und der Kooperation zwischen dem chinesischen Volk und Menschen aus anderen Ländern über das Thema der Menschenrechte und der gemeinsame Einsatz für Menschenrechte“. Über Menschenrechte kann und soll in China also im Auftrag einer regierungsnahen Institution geredet werden, wenn auch nur im Kreis ausgewählter Expert(inn)en. Der Menschenrechtsdiskurs findet jedoch keineswegs nur im kleinen elitären Kreis statt: Am 16.12.2017 veröffentlicht die in Peking herausgegebene <em>China Daily</em> ein umfangreiches Dokument des Staatsrats der Volksrepublik China, also der höchsten Ebene der politischen Administration, mit dem Titel „New Progress in Legal Protection of Human Rights in China“, also einen menschenrechtlichen Fortschrittsbericht. In einer meinen Eindrücken nach typischen Rhetorik, die Probleme nur indirekt und zwar dadurch benennt, dass beschlossene Lösungsansätze verkündet werden, werden dort verschiedene rechtliche und administrative Maßnahmen bekanntgemacht.</p>
<p>Diese sollen vor allem die Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, die Bindung der politischen Organe an geltende Gesetze, aber unter anderem auch den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt gewährleisten sowie die Verwendung von Beweisen in Strafverfahren verhindern, die durch illegale Verhörpraktiken erzielt wurden. Damit werden bestehende Probleme benannt. Denn gäbe es diese Probleme nicht, müssten sie nicht angegangen werden. Insbesondere in den ländlichen Regionen scheint es mit der Bindung des staatlichen Gewaltmonopols an Gesetze nicht weit her zu sein. Die lokalen Potentaten haben nahezu unbeschränkte Macht – so die Auskunft eines Informanten, der hier nicht genannt werden kann. Gleichzeitig wird in diesem Dokument festgestellt: „Nie zuvor haben die Menschen in China derart weitreichende wirtschaftliche, soziale, kulturelle, bürgerliche und politische Rechte genossen wie heute.“</p>
<p>Ist dies mehr als bloße Propaganda? In vielerlei Hinsicht zweifellos nicht. Gleichzeitig kann aber nicht bestritten werden, dass in bestimmten Hinsichten ernstzunehmende politische Anstrengungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu beobachten sind.</p>
<h2>Freiwerden von Armut gilt als erstes Menschenrecht</h2>
<p>Was Peking mancherorts wie eine amerikanische Großstadt aussehen lässt, die Effekte einer kapitalistischen Industrialisierung einschließlich eines enormen Autoverkehrs und der Kathedralen des Konsums, ist Ausdruck einer Politik, deren erklärtes Ziel die Schaffung eines bescheidenen Wohlstands für alle ist. Und das heißt in China: Die Forcierung einer wirtschaftlichen Entwicklung durch die Schaffung eines freien Marktes für Investitionen, Waren und Arbeitskräfte, mit der die absolute Armut von 400 Millionen Menschen überwunden werden soll. Dementsprechend war im Rahmen des Menschenrechtsdialogs immer wieder der Satz zu hören, dass die Überwindung der Armut „im größten Entwicklungsland der Erde“, so die Standardformulierung, der notwendige erste und vorrangige Schritt der menschenrechtlichen Entwicklung sei.</p>
<figure id="attachment_2724" aria-describedby="caption-attachment-2724" style="width: 1014px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2724 size-full" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920.jpg" alt="" width="1024" height="602" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920.jpg 1024w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920-300x176.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2724" class="wp-caption-text">Die Überwindung der Armut gilt in China als erster Schritt menschenrechtlicher Entwicklung (Foto: Pixabay, CC0).</figcaption></figure>
<p>Dem ist schwer zu widersprechen. Zweifellos ermöglicht es diese Perspektive aber auch, die Gewährleistung individueller Rechte und politischer Freiheiten auf sehr unbestimmte Zeit zu vertagen – nach dem Modell einer staatszentrierten Entwicklungsherrschaft, die sich der bekanntlich widersprüchlichen und begrenzten Freiheiten der kapitalistischen Ökonomie bedient.</p>
<h2>Verbesserung der Infrastruktur mit allen Mitteln</h2>
<p>Die Freisetzung des Marktes führt zu einer rasanten Entwicklungsdynamik. Dies wird sichtbar in den massiven Problemen, den Transport in einer inzwischen auf 23 Millionen Einwohner angewachsenen Stadt aufrechtzuerhalten. Eine der dagegen gerichteten Maßnahmen ist der Ausbau der Pekinger U-Bahn, eine andere, aktuelle, die Vertreibung von zahlreichen Wanderarbeitern aus der Stadt: Im Dezember 2017 wurde massiv begonnen, deren Wohnungen niederzureißen, unter dem Vorwand des Brandschutzes, faktisch aber mit dem Ziel der vorübergehenden Bevölkerungsverringerung. Dementsprechend sind inzwischen bereits auch vielfältige Angebote des Kleingewerbes aus der Stadt verschwunden, die von Wanderarbeitern betrieben worden waren. Nach wie vor aber sind Taxifahrer ohne Lizenz, fliegende Händler und in kleiner Zahl auch Bettelnde an zentralen Plätzen der Innenstadt sichtbar.</p>
<p>Auch in China zeigt sich der klassische Effekt marktwirtschaftlicher-kapitalistischer Entwicklung: Wachsende Ungleichheit in Verbindung mit zunehmendem Wohlstand der Ober- und Mittelklassen. Im Pekinger Alltag wird dies in verschiedenen Formen sichtbar – so etwa an der erheblichen Zahl teurer Autos auf den Straßen, insbesondere deutscher Firmen, die hier einen hervorragenden Ruf genießen (Porsche, BMW, Audi, VW). Alles, was der globale Warenmarkt an Luxusgütern zu bieten hat, ist auch in Peking zu finden und findet seine Käufer, obwohl die Preise häufig höher sind als in Europa oder den USA.</p>
<h2>Sinnenfällige Armut, demonstrativer Luxus: Chinas Klassengesellschaft</h2>
<p>Gleichzeitig ist die Stadt durchzogen von den Hutong-Siedlungen, von flachen, ärmlichen Häuserkomplexen, in denen sich mehrere Familien eine Toilette teilen. Und inmitten dieser Siedlungen kann man Orte finden, wie sie fast identisch auch in Berlin anzutreffen sind – so einen Club mit Glaswänden, der hochpreisige Biere aus aller Welt anbietet. Die Jugend der Reichen schafft sich auch in Peking ihre Orte des Vergnügens. In symptomatischer Weise sichtbar wird Ungleichheit in den einheimischen Zigarettenmarken: deren gestaffelte Preise liegen in der Spannweite von zwei bis zehn Euro pro Schachtel, ermöglichen also einen Konsum, der demonstrativ den eigenen Wohlstand anzeigt.</p>
<p>Ist China also eine Klassengesellschaft? Obwohl die Daten der Vermögens- und Einkommensstatistik hier eine klare Sprache sprechen, ist die so gestellte Frage unzulässig. In China leben z.B. weltweit die meisten Milliardäre und der Gini-Index, ein international übliches Maß zur Messung wirtschaftlicher Ungleichheit liegt deutlich über dem deutschen Niveau. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung verfügt über 13,9% des gesamten Einkommens, die ärmsten 50% verfügen über 14,8%. Aber die explizite Frage nach Klassenverhältnissen wird im Gespräch von der Übersetzerin zunächst als unnötige Provokation kommentiert und dann zwar doch übersetzt, aber von den Angesprochenen nur ausweichend beantwortet. Sie rührt offenkundig an die Grenzen des Zulässigen im Diskurs über den Sozialismus chinesischer Prägung in einer neuen Ära, in der Xi Jinping der Status eines legitimen Nachfolgers Maos, eines politischen und ideologischen Führers von historischer Bedeutung, zugewiesen ist.</p>
<h2>Männliche und weibliche Rollenstereotype in konfuzianischer Tradition</h2>
<p>Bestandteil der Programmatik dieser Ära ist auch das Ziel, Gleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen, in der traditionelle Vorstellungen über vermeintlich typisch Männliches und vermeintlich typisch Weibliches nach wie vor hoch einflussreich sind. Sie werden von chinesischen Gesprächspartnern auf die konfuzianische Tradition zurückgeführt, und damit auf eine Tradition, die im augenscheinlichen Widerspruch zur Programmatik der Geschlechtergleichstellung als Element der Abgrenzung gegen den Westen wieder gestärkt werden soll. Sichtbar werden diese Stereotype in der Praxis, das Geschlecht künftiger Kinder vorgeburtlich zu bestimmen und durch Abtreibungen zugunsten von Jungen zu beeinflussen. Der Effekt davon ist ein Männerüberschuss von 20% in der Generation derjenigen, die in Zeiten der Ein-Kind-Politik geboren wurden. Diese Praxis soll nunmehr überwunden und der „wirtschaftliche und soziale Status von Familien mit Töchtern in den ländlichen Regionen verbessert“ werden, wie es in einem Dokument zur Entwicklung von Kindern heißt. Auch diesbezüglich war vieles über erforderliche Anstrengungen zur Überwindung bestehender Probleme, weniger aber über das Ausmaß der Probleme selbst zu erfahren.</p>
<p>Im abendlichen Gespräch darauf angesprochen, dass doch bereits zu Maos Zeiten die Gleichstellung von Frauen und Männern Programm war, antwortet ein chinesischer Wissenschaftler lächelnd, dass Mao die Frauen für die Revolution brauchte, aber danach kein Interesse an einer Veränderung der tradierten Geschlechterordnung mehr hatte. Darin zeigt sich: Auch auf der Seite chinesischer Wissenschaftler/innen ist Kritik an den Verhältnissen durchaus denkbar. Öffentlich artikuliert werden kann solche offene Kritik aber nicht.</p>
<h2>Große ungelöste ökologische Probleme</h2>
<p>In Reaktion auf riesige Umweltprobleme, die in Peking als massive wiederkehrende Smog-Belastung im wörtlichen Sinn sichtbar sind, ist die Förderung einer ökologisch verträglichen Entwicklung ein weiteres zentrales Ziel der Xi-Jingping-Ideologie. Im Alltag der Großstadt zeigt sich dies darin, dass in den inneren Bezirken zahlreiche elektrisch betriebene Mopeds und Roller unterwegs sind, mit Benzin betriebene sind dort verboten. Gleichzeitig wird eine massive Industrialisierung der Landwirtschaft vorangetrieben und die Frage, wie die Energieversorgung ohne die umfangreiche Verbrennung von Kohle sichergestellt werden kann, einer der Hauptursachen des Pekinger Smog, ist unbeantwortet.</p>
<p>Es wäre allzu vereinfacht, sich China als eine von staatlicher Überwachung vollständig durchzogene Gesellschaft vorzustellen. Zwar sind Überwachungskameras in Peking omnipräsent und WeChat, das chinesische Äquivalent zu Google und Facebook, gibt die Nutzerdaten unmittelbar an den Gemeindienst weiter. Im Autoverkehr zeigen sich aber erstaunlich anarchistische Verhaltensweisen – möglicherweise aber nur deshalb, weil diejenigen, die sich ein Auto leisten können, nur geringe Furcht vor Sanktionen haben müssen.</p>
<h2>Menschenrechte im Dienste einer globalen Strategie?</h2>
<p>Abschließend: Darin, dass ein deutsch-chinesischer Menschenrechtsdialog stattfinden kann, bei dem offener und kritischer diskutiert werden kann, als ich erwartet hatte, kann man ein positives Zeichen sehen. Skeptisch ließe sich einwenden, dass die Bezugnahme auf die Menschenrechte für die chinesische Regierungspolitik möglicherweise Bestandteil einer Soft-Power-Strategie ist, die auf Stärkung des eigenen globalen Einflusses zielt. Die Idee, dass die Sprache der Menschenrechte auch als Machtinstrument gebraucht werden kann, wäre jedenfalls keine chinesische Erfindung. Und zugleich wäre zu hoffen, dass sich das emanzipatorische Potenzial der Menschenrechte auch in China nicht vollständig instrumentalisieren und stillstellen lässt.</p>
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		<title>Ökumene im Halbschatten</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/weltkirchenrat-oerk-sucht-neue-rolle/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:24:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumene]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumenischer Rat]]></category>
		<category><![CDATA[ÖRK]]></category>
		<category><![CDATA[Weltkirchenrat]]></category>
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					<description><![CDATA[Gut 70 Jahre nach seiner Gründung wird der Weltkirchenrat 2021 erstmals in Deutschland tagen. Doch die Zeiten, da der ÖRK mit Aktionen und Kampagnen auch über kirchliche Kreise hinaus Aufmerksamkeit erregte, sind vorbei. Seine neue Rolle hat der ÖRK noch nicht gefunden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gut 70 Jahre nach seiner Gründung wird der Weltkirchenrat 2021 erstmals in Deutschland tagen. Doch die Zeiten, da der ÖRK mit Aktionen und Kampagnen auch über kirchliche Kreise hinaus Aufmerksamkeit erregte, sind vorbei. Seine neue Rolle hat der ÖRK noch nicht gefunden.</p></blockquote></div>
<p>In kirchlichen Kreisen ist die Nachricht mit Begeisterung aufgenommen worden, darüber hinaus wurde sie kaum wahrgenommen: Ende Juni wurde bekannt, dass im baden-württembergischen Karlsruhe 2021 Christen aus aller Welt zusammenkommen. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat sich für die badische Metropole als Ort für seine nächste Vollversammlung entschieden. Diese hat sich damit gegenüber dem südafrikanischen Kapstadt durchgesetzt. Wäre es eine große Sportveranstaltung, hätte ganz Deutschland gejubelt.</p>
<p>Gut 70 Jahre nach seiner Gründung wird der Weltkirchenrat nämlich erstmals in Deutschland tagen. Rund 4.000 Vertreter/innen aus 350 protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen werden zu dem zehntägigen öffentlichen Treffen voraussichtlich im September 2021 erwartet. Die katholische Kirche ist nicht Mitglied des ÖRK. Die bislang letzte Vollversammlung fand 2013 im südkoreanischen Busan statt.</p>
<h2>Prägend für eine ganze Generation von Pfarrer/innen</h2>
<p>Nach seiner Gründung im Jahr 1948 in Amsterdam kam die Vollversammlung des ÖRK bislang nur einmal in Europa zusammen, 1968 im schwedischen Uppsala. Die Vollversammlung tagt etwa alle acht Jahre. 2021 werden die Veranstaltungen in Karlsruhe und Straßburg stattfinden, womit es sich um die erste grenzüberschreitende Vollversammlung des ÖRK handeln wird. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Heinrich Bedford-Strohm erklärte, er erwarte sich „wichtige Impulse für einen lebendigen, fröhlichen und weltzugewandten Glauben“.</p>
<p>Das klingt recht unverbindlich, wie bei einem großen Kirchentag. Dabei ist in Deutschland eine Generation von Pfarrerinnen und Pfarrern in den 70er und 80er Jahren entschieden geprägt worden vom ÖRK und seinen durchaus auch umstrittenen politischen Kampagnen. Heute sind die Kreise der Unterstützer meist überaltert und eher unbedeutend. Oft nur noch von kirchlichen Experten wird diese internationale Orientierung gepflegt, in den Gemeinden ist sie nahezu verschwunden. Früher pilgerten Theologen aus Deutschland zu Tagungen nach Bossey und Genf zum Sitz des Weltkirchenrats. Inzwischen weiß kaum noch jemand, dass die Schweizer Stadt Sitz des ÖRK ist.</p>
<p>Von afrikanischen Christen bis zu niederländischen Mennoniten reicht das Spektrum der 348 Glaubensgemeinschaften unter dem Dach des ÖRK. Bei seiner Gründung 1948 schlossen sich vor allem europäische und nordamerikanische Kirchen zusammen. Inzwischen stammt die Mehrheit der Mitgliedskirchen aus dem globalen Süden. Dies deutet auf einen Perspektivwechsel und neue Chancen hin.</p>
<h2>Ein weltumspannendes Netz von imposanter Größe</h2>
<p>Der Ausgangspunkt zur Gründung des ÖRK ist in den ersten ökumenischen Bewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts zu finden. Damals wurde ein Kirchenbund angeregt nach dem Vorbild des Völkerbundes. Dabei will der ÖRK unter seinem Generalsekretär Olav Fykse Tveit keine weltweite „Überkirche“ sein. Der Weltbund vertritt über die Mitgliedskirchen jedoch immerhin rund 550 Millionen Christen. Die römisch-katholische Kirche, obwohl nicht Mitglied, arbeitet seit Ende der 1960er Jahre in wichtigen Gremien wie der „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“ mit.</p>
<p>Die Zahlen zeigen die imposante Größe dieses weltumspannenden Netzes. In Genf liegt der Sitz des Weltkirchenrats direkt neben den großen internationalen Organisationen, wie den Vereinten Nationen und dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes. Unter demselben Dach hat der Lutherische Weltbund (LWB) seinen Sitz, der zumindest in Deutschland stärker im Bewusstsein ist, nicht zuletzt durch die Erfolge in der Ökumene mit der katholischen Kirche, wie die in Augsburg unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ sowie die gemeinsame Feier zu 500 Jahre Reformation mit dem Papst im schwedischen Lund.</p>
<h2>Krisenmanagement und Konkurrenz</h2>
<p>Der aktuelle Generalsekretär Tveit, ein wenig charismatische Lutheraner, ist zu einem nicht geringen Teil mit Krisenmanagement beschäftigt. Zum Beispiel mit den Spannungen zwischen orthodoxen und protestantischen Kirchen. Während die georgischen und bulgarischen Orthodoxen sich ganz von der Ökumene distanzierten, kritisiert vor allem die russisch-orthodoxe Kirche westliche „Fehlentwicklungen“ etwa im Blick auf die Bewertung der Homosexualität, der Frauenweihe und überhaupt des Lebensstils. Sie trifft sich hier mit evangelischen und anglikanischen Vertretern aus dem Süden. Zum inhaltlichen Dissens kam die finanzielle Not hinzu – durch hohe Kosten im teuren Genf, den Wechselkurs des Franken, aber auch eine schwindende Zahlungsmoral der Mitgliedskirchen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die deutschen Kirchen zahlen ihren Beitrag und verhalten sich ruhig.</p></blockquote></div>
<p>Die Vollversammlung in Karlsruhe könnte ein Meilenstein werden, um den ÖRK wieder ins Bewusstsein zu rücken. Aber dafür müsste erst einmal klar sein, welche Anliegen der Weltkirchenrat heute vertritt und welche Relevanz diese haben. Die deutschen Kirchen zahlen zwar ihren Beitrag, aber verhalten sich ruhig in Sachen ÖRK. Sie beschäftigen sich stärker mit sich selbst angesichts des Mitgliederschwunds. Kritiker sagen, dass der ÖRK nur so stark ist, wie die Mitglieder es wollen. Der Weltkirchenrat hat jedoch auch kirchenintern Konkurrenz bekommen. Früher lief vieles nur über den ÖRK, heute gibt es die ACT Alliance als globale Entwicklungsplattform, das Global Ecumenical Forum oder das Internationale Wasser Netzwerk.</p>
<h2>Die Zeit der großen Themen ist vorbei</h2>
<p>Dabei waren die Themen des ÖRK über Jahrzehnte bestimmend für einen Großteil der kirchlichen Kultur, wenn es auch dagegen Protest von pietistischer und evangelikaler Seite gab. So wurde in der EKD-Synode von dieser Seite immer wieder heftige Kritik an der finanziellen Unterstützung für den als zu liberal und politisch geltenden ÖRK geübt. Doch diese Konfrontationslinie hat sich beruhigt, seitdem 2011 ein gemeinsamer Ethikkodex verabschiedet wurde. Danach haben sich die christlichen Kirchen bei ihrer Missionstätigkeit auf gemeinsame Richtlinien verpflichtet. Mission müsse von Nächstenliebe, Mitgefühl, Demut und Integrität bestimmt sein, betonen der Vatikan, der Weltkirchenrat und die weltweite Evangelische Allianz, die mit rund zwei Milliarden Mitgliedern immerhin rund 90 Prozent aller Christen weltweit repräsentieren, in dem bemerkenswerten Papier.</p>
<p>Allerdings war dies hierzulande kaum eine Meldung wert. Das war bei früheren Themen anders. Da wurde die Dekade zur Überwindung von Gewalt (ab 2001) ausgerufen, die Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ (ab 1988), der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung oder das Anti-Rassismus-Programm (1970). Diese Aktionen wirkten über die Kirche hinaus. Dies mündete in Deutschland in öffentlichkeitswirksame Kampagnen, wie beim Kampf gegen das südafrikanische Apartheidsregime oder beim Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Themen wie Gerechtigkeit und Frieden sind weiterhin aktuell, ebenso wie Klimawandel und interreligiöser Dialog, aber es scheint, dass sie von anderen Akteuren öffentlichkeitswirksamer und schlagkräftiger besetzt werden.</p>
<h2>Hausgemachte Gründe für den Bedeutungsverlust</h2>
<p>Ein bezeichnendes Beispiel für den Verlust an Bedeutung des ÖRK ist dessen Friedenskonvokation zum Abschluss der Dekade zur Überwindung der Gewalt. Aus diesem Anlass versammelten sich 2011 rund 1.000 Kirchendelegierte, darunter allein 120 aus Deutschland, in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston. Nicht einmal die Medien vor Ort wollten so recht Notiz nehmen von dem kirchlichen Großtreffen, geschweige denn die internationalen. Die Stimmung war prächtig. Aber am Ende war der Unmut deutlich zu spüren, dass nur unverbindliche Erklärungen verabschiedet wurden. Das sah auch der Afrikaner Grace Kaiso so. Der Weltkirchenrat sei zu zögerlich, kritisierte er und erinnerte an die 70er und 80er Jahre, als der ÖRK klar und deutlich zur Rassentrennung in Südafrika Stellung bezogen hatte. Auch heute müssten die Kirchen überzeugt auftreten und den Krieg verurteilen, sagte der Generalsekretär des Rates der anglikanischen Kirchenprovinzen Afrikas.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Friedenskonvokation des ÖRK fand weitestgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt.</p></blockquote></div>
<p>Der ÖRK setzte bei der Friedenskonvokation auf so viele Themen, dass am Ende ein „Gemischtwarenladen“ daraus wurde. Auf den Podien wurden Umweltfragen diskutiert, Fragen der Wirtschaftsgerechtigkeit und des Friedens zwischen den Völkern und der Versöhnung im zwischenmenschlichen Bereich. Inhaltlich reichte die Bandbreite vom drohenden Untergang der Insel Tuvalu bis zur Not der Christen im Irak, von sexueller Gewalt gegen Frauen bis hin zur Diskriminierung durch das Kastenwesen in Indien. Ein eindeutiger Schwerpunkt kristallisierte sich in Kingston nicht heraus. Die epd-Redakteurin Barbara Schneider resümierte 2011 in<em> zeitzeichen</em>: „In Kingston gelang es dem ÖRK nicht, über die kirchlichen Kreise hinaus Gehör zu finden. Anders als etwa das Weltsozialforum, das im Grunde genommen ähnliche Themen bespielt, fand die Friedenskonvokation weitestgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt“.</p>
<p>Auch die 1998 bei der ÖRK-Vollversammlung in Harare ins Leben gerufene „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ selbst, die 2001 mit einem großen Festgottesdienst in Berlin eröffnet worden war, erzielte längst nicht die Breitenwirkung, die sich viele erhofft hatten. „Weder wurde der ÖRK in dieser Zeit als treibende Kraft bei der weltweiten Überwindung von Gewalt wahrgenommen, noch erreichte die Dekade eine breite außerkirchliche Öffentlichkeit“, so Schneider.</p>
<h2>Neue Arbeitsfelder und Kooperationspartner</h2>
<p>Trotz all dieser kritischen Beobachtungen ist ein zweiter Blick nötig, bevor der Weltkirchenrat als unbedeutend und belanglos abgetan wird. Dazu ist ein Szenenwechsel aufschlussreich: Anfang 2017 herrschte beim nigerianischen Kirchenrat große Aufregung. Denn er empfing eine große Delegation des Weltkirchenrats zum „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“. Auch die Präsidentin von „Brot für die Welt“ war dabei. Es gab Gespräche mit den Mitgliedskirchen, aber auch mit Muslimen. Notiz nahm außerhalb Nigerias niemand davon. Aber wie bedeutsam interreligiöse Begegnungen sind, hat inzwischen auch das deutsche Entwicklungsministerium erkannt und daraus einen Schwerpunkt seiner Arbeit in enger Zusammenarbeit mit kirchlichen Hilfswerken gemacht.</p>
<p>Ein weiterer Schwerpunkt des ÖRK ist das Ökumenische Begleitprogramm in Israel und Palästina. Daran beteiligen sich Freiwillige aus aller Welt und setzen sich auch selbst Gefahren aus. Außerdem ist der ÖRK weltweit in Krisenregionen an Friedensgesprächen beteiligt, wie im Südsudan.</p>
<p>Der Weltkirchenrat sucht auch die Verbindung zu christlichen Gruppierungen außerhalb. Als Gesprächsplattform, die auch evangelikale Gruppierungen und Pfingstkirchen einbezog, gründete der ÖRK vor 20 Jahren das „Globale Christliche Forum“. Auch auf der kürzlich veranstalteten Konferenz für Weltmission und Evangelisation in der tansanischen Stadt Arusha bewies der ÖRK seine Fähigkeit, eine gemeinsame Plattform zu bilden für die Weltmission. Hier hat der Weltkirchenrat trotz aller Probleme des Apparats als umfassender Weltbund ein Potenzial, das ausbaufähig ist, und ihm eine neue Rolle als Moderator zuweist.</p>
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