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	<title>evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Über den Zweifel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Aug 2021 17:25:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissheit]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Zweifel]]></category>
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					<description><![CDATA[Ob methodischer Zweifel in der Wissenschaft oder existenzielles Fragen, das Zweifeln gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ob methodischer Zweifel in der Wissenschaft oder existenzielles Fragen, das Zweifeln gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen.</p></blockquote></div>
<p>Mit der Theodizeefrage ist es ja so: Wenn man die Antwort kennt, ist alles ganz einfach. Solange aber noch Unklarheit da ist, kann sie kräftig zwacken. – Mit der Frage <em>Ist Gott gerecht? Warum gibt es Leiden? Wieso muss auch der Gerechte leiden? </em>haben sich Gläubige seit jeher geplagt. Greift Gott denn gar nicht ein? Hunger, Kriege, Krankheiten… Wie kann Gott das zulassen!</p>
<p>Gerade in Krisenzeiten liegt es nahe, mit dem Zweifel einzusetzen. Das hat ein gutes Recht. Doch geht es auch anders. Man muss beim Räsonieren ja nicht zwingend mit dem Negativen anfangen. Wenn eine Naturkatastrophe wie ein Tsunami, ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch Lebensgrundlagen zerstört, dann ist das schrecklich, aber das heißt ja auch im Umkehrschluss, dass es stabile Lebensgrundlagen gab und gibt! Wenn eine Krankheit in eine Lebensplanung einbricht, dann ist das grundstürzend, aber dann zeigt das auch, es gibt und gab gesundes Leben. Poetisch gesagt: Wenn Finsternis herrscht, und wir das merken, dann ruft das in Erinnerung: Es gibt Licht.</p>
<h2>Mit dem Guten anfangen</h2>
<p>Bevor wir zweifeln, macht es also Sinn, erst einmal anzusehen, was alles da ist. Haben wir das schon realisiert? Haben wir dafür schon einmal jemandem – <em>gedankt</em>? Das ist ja nicht selbstverständlich (dass „überhaupt etwas ist, und nicht vielmehr nichts“&#8230;). Danken, das Positive sehen, erledigt nicht das Zweifeln, gibt aber einen anderen Ausgangspunkt. In meiner Lebenswelt mischen sich ja systematisch und lebenspraktisch ständig die verschiedensten Weisen von „Sein und Nichtsein“.</p>
<p>1. Zuallererst ist da das große Staunen über das Vorhandene. Heute Morgen bin ich „auf ein Neues“ aufgewacht. Hallo Welt! Wenn ich durch den Wald spaziere, Waldbaden mache, wie das jetzt heißt, über Höhen schreite, weitet sich das Herz und ich ahne die Größe des Erdballs. Man kann das das Geschenk des Lebens nennen. Die Güte des Lebendigen. Ehrfurcht vor dem Lebendigen. Damit kann man immer gut beginnen. Und gleich sieht vieles anders aus.</p>
<p>2. Bewahrung: Jeder kennt auch Erfahrungen und Situationen der Bewahrung. Das Kind stürzt vom Fahrrad, hat aber nicht mal Blessuren. Die Tasse fällt vom Tisch, zerbricht aber nicht. Man wird ernsthaft krank, erholt sich aber wieder. Solche und viele andere kleine und große Beispiele begleiten uns täglich. In der Summe sicher viel mehr und öfter, als die Auslöser von Zweifelspein. Die überwundene Krise; auf Herbst und Winter folgt Frühling und Sommer. Ein Gemeinwesen, in dem ein fairer Ausgleich gesucht wird zwischen verschiedenen Interessen&#8230; Hier gibt es einen <em>Überschuss an Positivem</em>, der nur nicht auffällt, weil wir uns so daran gewöhnt haben.</p>
<p>3. Daneben gibt es Momente, wo Zweifel geradezu willkommen sind. Die Infragestellung falscher Gewissheiten und Überzeugungen. In der Wissenschaft gehört es zum guten Ton, die richtigen Fragen zu stellen und Zweifel anzumelden. Kritik ist erwünscht, ja notwendig. Eine „Kritische Ausgabe“ eines Werkes gilt darum als eine gute Ausgabe, weil darin das Für und Wider von Plausibilitäten abgewogen ist!</p>
<p>4. Schließlich gibt es Situationen, wo der Zweifel überhandnimmt. Man muss sich dann in der Wissenschaft von einer Theorie verabschieden, weil sie sich einfach nicht mehr halten lässt. Ein Leben wird völlig umgeworfen, weil ein Schicksalsschlag dazwischentritt. Nun wird es ernst. Ohnmächtig müssen Eltern auf der Intensivstation mit ansehen, wie trotz allem medizinischen Einsatz ihr Kind stirbt. Wo ist da die „Güte“ abgeblieben? Wer von Güte redet, muss auch ihr mögliches Fehlen und vorkommende Verborgenheit bekennen.</p>
<h2>Methodischer Zweifel</h2>
<p>Bleiben wir für einen Moment bei der Wissenschaft. <em>Cogito ergo sum</em> (Ich denke, also bin ich) sagte einmal ein Philosoph, und machte den Zweifel zum Ausgangspunkt. Das <em>cogitare</em> bezeichnet hier zuerst das <em>dubitare</em>: Zweifeln (ich bezweifle alles und komme dadurch zum Wesentlichen) als den Versuch, durch den Zweifel zur Gewissheit zu gelangen. Im methodischen Zweifel der Wissenschaft ist das aufgenommen. Wissenschaftstheoretisch heißt das unter anderem ganz banal, dass das Infragestellen zum Prozess der Wahrheitsfindung stets dazugehört. Das Richtige wird im Abwägen von These und Antithese, in der Prüfung von Einwänden, in Testanordnungen und dem bewussten <em>Dem-Zweifel- Aussetzen</em> „bewährt“.</p>
<p>Die vier Bereiche von Setzung/Schöpfung, Infragestellung, Bewahrung und Verborgenheit, wie sie in theologischen Lehrbüchern zu finden sind, zeigen so schlicht, dass meine lebensweltliche Erfahrung auch theologisch-wissenschaftlich anschlussfähig ist. Interessanterweise konnte man in evangelischen Lehrbüchern im 17. Jahrhundert (neben Abschnitten zu Schriftmeditation oder Gebet) als eigenes Lehrstück ausdrücklich die <em>tentatio</em> finden: Die Situation des Zweifels, der existenziellen Prüfung, der Verborgenheit des Lehrgegenstands, die „Anfechtung“ als fester Bestandteil der Dogmatik!</p>
<h2>Jüdische Weisheit</h2>
<p>Momente der Verborgenheit als Ausgangspunkt, das findet sich auch in der jüdischen Tradition. Die Zurückhaltung davor, den Namen Gottes auszusprechen, die Anweisung, sich nicht selbst ein Bild auszudenken, wie Gott (und seine Gerechtigkeit) aussehen müsse. Die jüdische Weisheit ist hier in manchem klüger als ein vorlautes „Wir haben es“.</p>
<p>Sie kennt zudem ein großes Vor- und Urbild des leidenden Gerechten: Hiob, der in seinem kühnen Rechtsstreit mit Gott („Antworte mir“) eigentlich ja keine einfache Antwort erhält, sondern eher eine Zurechtweisung („Was bildest du dir ein, solche Fragen zu stellen“), am Ende aber doch auch wiederhergestellt und zu Ehren gebracht wird. Die Haupt-Hiobsbotschaft lautet denn auch mitten in seinem Elend: „Ich weiß, dass mein Erretter lebt, mit meinen eigenen Augen werde ich es sehen“ (Hi 19,25-27).</p>
<p>Auch der Jude Jesus hat an solcher Rede Anteil, wenn er in seiner Reich Gottes Dialektik lehrt, dass es „schon jetzt“ angebrochen ist, aber „noch nicht“ alles, was ihm entgegensteht, zu einem Ende gekommen ist.</p>
<h2>Zeit des Zweifels</h2>
<p>Generell lässt sich ja sagen, dass „Theodizee“ ohnehin nur dann ein „Problem“ abgibt, wenn man innerweltliche „Gerechtigkeit“ zum Maßstab nimmt, also das innerweltliche Wohlergehen und die sichtbare Welt für das Ein-und-Alles hält. Für einen Denker wie Salomo, wäre es undenkbar, damit zu rechnen, dass in der Welt, wie sie ist, die ideale Gerechtigkeit herzustellen wäre. Auch für die alten Philosophen war schon klar, dass in einer tendenziell ungerechten Umgebung (logischerweise) der Gerechte viel erleiden muss.</p>
<p>Die Aussicht auf Herstellung von Gerechtigkeit, z.B. am Ende aller Tage, hat freilich nicht zur Folge, die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil. Gerade christliche Ethik und christliches Tun setzt sich ja in eminenter Weise für die Gerechtigkeit ein. Nur wundert sie sich nicht, wenn es nicht in perfekter Form schon jetzt in allem zu bewerkstelligen ist. Für das Urchristentum ist es selbstverständlich, dass alles wichtige nicht „in dieser Welt“ liegt und hier zu suchen ist. Es gibt kein Hängen und Haften in der Welt.</p>
<h2>Zeit der Gewissheit</h2>
<p>Für manchen mag es tröstlich sein, dass in der Mitte des Christentums eine Gestalt steht, die augenscheinlich <em>gescheitert</em> ist (vgl. das <em>aspekte</em>-Heft „Scheitern“ 4/2018). Wie gut kann es im seelsorgerlichen Gespräch sein, darauf hinzuweisen. Und wie viele Figuren der Weltgeschichte gibt es denn, die auf ganzer Linie nur „Erfolge“ vorzuweisen hätten?</p>
<p>Interessanterweise ist es ein Theologe, der sonst wie kein zweiter für „Gewissheit“ steht, Martin Luther, der konstitutiv und systematisch in den Theologiebegriff das Thema des Zweifels und der Anfechtung eingebunden hat. Mit seinen drei Regeln des Theologiestudiums <em>Oratio</em>, <em>Meditatio</em>, <em>Tentatio</em>, die dann (s.o.) in die evangelische Lehrentwicklung eingegangen sind, hat er neben dem Gebet mit der Bitte um den richtigen „Geist“ (<em>Oratio</em>) und dem Schriftstudium in seinen verschiedenen Varianten (<em>Meditatio</em>) grundlegend die Phase der existenziellen Prüfung des im Studium erlernten als <em>Tentatio</em> (die Situation der Anfechtung und des Bezweifelns) als unaufgebbar und unverzichtbar ausgegeben. (Systematisch konnte er bekanntlich auch an anderer Stelle von der Verborgenheit Gottes reden. Es gibt also auch in reformatorischem Sinn zwei Zeiten: Eine Zeit des Zweifels und eine Zeit der Gewissheit.)</p>
<h2>Torso – Realität</h2>
<p>Zwei Zeiten, verschwimmende Grenzbereiche zwischen Infragestellung und Bewahrung &#8230;, unsere Lebenswelt ist ein großes Durcheinander. Doch zum Skandalon, zum Skandal, das das Christentum immer wieder ausgelöst hat, gehört eben auch, dass bereits der Torso genügt. Auch das Bruchstückhafte, das kleine Unscheinbare, das Schwache, das Unvollständige wird gütig angesehen. Es sind ja die unscheinbaren Erzählungen und Gleichnisse von Hirten und Schäflein, von Scherflein und Weizenkörnchen und die kleinen zeichenhaften Handlungen, mit denen in Nazareth die Jesusgeschichte beginnt. Von Narzissmus und Leidensvermeidung ist dabei auffallend wenig die Rede. Der Weg Jesu schließt auch die bewusste Leidübernahme nicht aus. Er stellte dabei die Überzeugungen vieler Menschen infrage. Und auch sein Weg selbst wurde am Ende infrage gestellt. Er stellte Gottesbilder infrage. In seinem Ende ist auch Gott selbst infrage gestellt.</p>
<p>Doch so wie das Hiobbuch ein Vorbild des „leidenden Gerechten“ gibt, das in der Gewissheit eines guten Endes gipfelt, so ist auch der Weg Jesu nicht ohne solche Zuversicht. Jesus zeigt in Wort und Werk den Gott, der Leiden eben nicht leugnet, ihm nicht ausweicht, sondern sich darauf einlässt, es auf sich nimmt und letztlich <em>überwindet</em>. Im größten Elend zeigt sich, dass Gott – ganz souverän – auch <em>dessen</em> mächtig ist.</p>
<p>Wenn sich wieder einmal das große Durcheinander von Setzung, Bewahrung und Infragestellung bemerkbar macht, wenn die innerweltliche Verborgenheit überhandnehmen will: Dann kann (auch wenn das nicht die letzte und einzige Antwort ist) ein Gedanke weiterhelfen, der sich in Traditionen der tiefen innerlichen Meditation eines Johannes Tauler im 14. Jahrhundert findet. Er sagt: Wenn Zweifel und Anfechtung wachsen, gar zu riesig werden wollen, dann denk daran, wie wenig an „der Welt“ letztlich gelegen ist, und schon ist alles gewonnen.</p>
<h2>Ein christliches Zentralsymbol</h2>
<p>Bezeichnenderweise sind all diese Momente auf sprechende Weise versammelt in einem Symbol, das manche sich als Schmuckstück um den Hals hängen. Das Kreuz ist ja nicht zuerst „Herrschaftssymbol“, sondern zeigt den verletzlichen Menschen. Es ist der infrage gestellte Mensch und der infrage gestellte Gott, der darin sichtbar wird. Freilich: Es ist auch der überwundene Zweifel (oder doch die Hoffnung darauf), der so zum Ausdruck kommt: „Am letzten Tage werdet ihr mich nichts fragen“ (Joh 16,23), weil dann alles glasklar ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Joachim Bauer: Wie wir werden, wer wir sind</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 17:51:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Neurowissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Bauers Buch befasst sich nicht nur mit der Frage, wie der Säugling zu seinem Selbst kommt, sondern erklärt auch auf neurowissenschaftlicher Grundlage, warum ein Erwachsener mit hellen Sinnen und wachem Verstand zeitlebens mit der Komposition seiner Identität beschäftigt ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bauer-Werden.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-5214 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bauer-Werden-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bauer-Werden-189x300.jpg 189w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bauer-Werden.jpg 378w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a>Blessing 2019, 255 S., geb. 22,00 EUR</strong></p>
<p>„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ›Sie haben sich gar nicht verändert. ‹ ›Oh!‹ sagte Herr K. und erbleichte.“ Dieser Mini-Dialog aus einer von Bert Brechts Kalendergeschichten kann einem schnell in den Sinn kommen, steigt man in die Lektüre von Bauers Buch ein. Es befasst sich nicht nur mit der Frage, wie der Säugling zu seinem Selbst kommt, sondern erklärt auch auf neurowissenschaftlicher Grundlage, warum ein Erwachsener mit hellen Sinnen und wachem Verstand zeitlebens mit der Komposition seiner Identität beschäftigt ist. Wegen der Plastizität unseres Gehirns, der Möglichkeit, dass sich unsere neuronalen Netzwerke verändern, eben auch wachsen können, ist ein Selbst-“Abschluss“ weniger eine Frage des Alters als der sozialen Offenheit eines Menschen. Wer sich neuen Erfahrungen verschließt, bringt sich um das Wachstum seines Selbst, friert seine Identität an einem bestimmten Punkt ein – der zum Erbleichen sein könnte.</p>
<p>Bauers Untersuchungen sind eine Absage an einen Biologismus, der die innere Entwicklung und Reifung eines Menschen weitgehend an seine genetische Ausstattung delegiert. Der zufolge würde ein Kind sich den Anlagen seiner „Natur“ gemäß wie von selbst entwickeln, wenn es ausreichend versorgt wäre. Doch der Mensch kommt ohne ein Selbst zur Welt. Welche Bedeutung für dessen Entwicklung vom Moment der Geburt an das zugewandte Du, das aufmerksame und einfühlsame Gegenüber der Eltern oder anderer enger Bezugspersonen hat, erläutert Bauer mit dem Begriff der Resonanz.</p>
<p>Innere Haltungen, absichtsvolles Verhalten, Gedanken, Gefühle und sprachliche Äußerungen, kurz: Geist, Information, Kommunikation, wirken auf den biologischen Körper ein. Das neuronale Netzwerk, auf dem der Geist „reiten“ kann, ist das neuronale Selbstsystem mit Sitz im Stirnhirn. Es reift aus in dem Maß, mit dem der Säugling aus seiner sozialen Umwelt mit den genannten geistigen Impulsen aufgeladen wird, zu denen er seinerseits in Resonanz geht. „Selbst-Teilstücke“ der Bezugsperson(en) „werden zum Material, aus dem sich ein Kind ein Selbst bilden wird“ (S. 26). Mit anderen Worten: Der Mensch entwickelt einen Ich-Sinn, eine Identität, über einen ständigen emotionalen und sprachlichen Dialog mit einem fördernden Du. Und dieser Prozess kann ein Leben lang dauern und enthält die Chance der – (Selbst-)Veränderung.</p>
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		<title>Volker Keller: Orientierung in den Religionen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 17:48:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Buddhismus]]></category>
		<category><![CDATA[Hinduismus]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Weltreligionen]]></category>
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					<description><![CDATA[Dies ist kein theoretisches Kompendium, sondern eine äußerst lebendige und anschauliche Einführung in die Lebens- und Glaubenswelt von Buddhisten, Hinduisten und Muslimen. Kellers Ziel ist es, Verständnis und Achtung für fremde Religionen zu fördern, auch wenn sie aus christlicher Perspektive manchmal fremd und unzugänglich erscheinen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keller-Religionen.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5211 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keller-Religionen-214x300.jpg" alt="" width="214" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keller-Religionen-214x300.jpg 214w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Keller-Religionen.jpg 428w" sizes="(max-width: 214px) 100vw, 214px" data-smartcrop-focus="[49,33]" /></a>Kellner Verlag 2020, 327 S., 9,90 EUR</strong></p>
<p>Vom Titel des Buches sollte man sich nicht irreführen lassen: Dies ist kein theoretisches Kompendium, sondern eine äußerst lebendige und anschauliche Einführung in die Lebens- und Glaubenswelt von Buddhisten, Hinduisten und Muslimen. Dazu erzählt Volker Keller von vielfältigen Begegnungen, die er als Beauftragter der Bremischen Evangelische Kirche für den Dialog mit den Religionen, als Mitglied der Islamkonferenz der EKD, aber auch als landeskundlicher Experte auf Kreuzfahrten in ferne Länder gemacht hat. Leser*innen der <em>evangelischen aspekte</em> ist er als Autor dabei entstandener Reportagen bekannt.</p>
<p>Kellers Ziel ist es, Verständnis und Achtung für fremde Religionen zu fördern, auch wenn sie aus christlicher Perspektive manchmal fremd und unzugänglich erscheinen. Um seine Leser*innen in die Welt der Religionen einzuführen, verwebt er geschickt Erzählungen von ihrer religiösen Praxis, auf die er sich immer wieder selbst versuchsweise einlässt, mit religionswissenschaftlichen Hintergrundinformationen. Gleichzeitig stellt er über strukturelle  oder inhaltliche Analogien Beziehungen zum Christentum her, um einen Kern von Gemeinsamkeiten hinter aller Fremdheit aufscheinen zu lassen.</p>
<p>Unverkennbar ist, wie stark Keller von der gelebten Spiritualität der fremden Religionen fasziniert ist und dass er hier im heutigen Christentum eine gewisse „Verkümmerung“ erblickt, gegen die er selbst in seiner Doppelrolle als evangelischer Pfarrer und Yoga- und Meditationslehrer angeht. Gleichzeitig thematisiert er in seinem Buch aber auch ausführlich die politische und soziale Rolle der Religionen, die Gefahren des religiösen Fundamentalismus wie die Chancen für ein friedliches Zusammenleben.</p>
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		<title>Kübra Gümüsay: Sprache und Sein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Antje Rösener]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 17:45:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Diskrimierung]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Journalistin Kübra Gümüsay sucht mit ihrem Buch nach einer Sprache, mit der wir uns gegenseitig nicht kategorisieren, sondern respektvoll austauschen und im Diskurs gemeinsam weiter entwickeln können.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover-Sprache-Sein.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5208 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover-Sprache-Sein-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover-Sprache-Sein-184x300.jpg 184w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover-Sprache-Sein.jpg 257w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a>Hanser 2020, 208 S., 18,00 EUR, e-Book 13,99 EUR</strong></p>
<p>Sprache ist mächtig. Manchmal genügen wenige Worte, um das Gegenüber in ein unentrinnbares „Sprachgefängnis“ zu sperren. Die Journalistin Kübra Gümüsay sucht mit ihrem Buch nach einer Sprache, mit der wir uns gegenseitig nicht kategorisieren, sondern respektvoll austauschen und im Diskurs gemeinsam weiter entwickeln können.</p>
<p>Sie fragt: Wie viele Bürger leben unter uns, die gerne wahrgenommen würden als Architektin, Tischlerin, Vater, Mutter, politische Aktivistin und oder Fußballfan&#8230;, die aber kategorisiert werden mit dem Begriff „Muslime“ oder „Zugewanderte“? „Stellen Sie sich vor, dass solche Erfahrung nicht auf… vorübergehende Situationen beschränkt bleibt, sondern ein Leben lang anhält?“ So eine Sprache demütigt, weil sie die Benannten ihrer Vieldeutigkeit beraubt und deren Perspektiven nicht einbezogen werden. Gümüsay denkt die anstehenden Veränderungsprozesse durchweg politisch: Die Sprache eines Landes verändert sich durch Teilhabe. Durch Orte und Gelegenheiten, an denen mehrere Perspektiven „laut“ werden – mal „zweifelnd, nachdenklich, hinterfragend, mal laut, mal leise – und immer mit Wohlwollen“.</p>
<p>Das Buch ist viel mehr als ein sprachwissenschaftlicher Essay. Gümüsay fordert in einer Zeit oft hasserfüllter Diskurse alle zum Handeln auf: So kritisiert sie bezogen auf die AfD die Medien, die in hunderten von Sendungen den von dieser Partei propagierten Rassismus „zur Meinung erkoren hat“. Dabei gerieten die wirklich wichtigen Fragen aus dem Blick.</p>
<p>Kübra Gümüsay bietet eine Perspektive auf unterschätzte gesellschaftliche Konflikte. Ihre Sprache ist persönlich, entlarvend und konstruktiv zugleich. Das Buch hat in nur fünf Monaten sechs Auflagen erreicht.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ausgefallener Segen</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/leonhardiritt-holzhausen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 17:27:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Frömmigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Holzhausen]]></category>
		<category><![CDATA[katholisch]]></category>
		<category><![CDATA[Leonhardiritt]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumene]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Berchtesgadener Land pflegen die Menschen ihre Traditionen. Wer Ruhe sucht, ist hier richtig. In der katholisch geprägten Region stoßen Evangelische auf ungewohntes religiöses Brauchtum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Im Berchtesgadener Land pflegen die Menschen ihre Traditionen. Wer Ruhe sucht, ist hier richtig. In der katholisch geprägten Region stoßen Evangelische auf ungewohntes religiöses Brauchtum.</p></blockquote></div>
<p>Holzhausen ist ein kleines Dorf mit 150 Einwohnern in der Marktgemeinde Teisendorf am nördlichen Rand des Landkreises Berchtesgadener Land. Kirche und Wirtshaus prägen das Leben im Dorf bis heute. Es ist ein landwirtschaftlich geprägter Landstrich. Durch die Nähe zu Salzburg und den Alpen eignet sich die Gegend für Urlauber, die Ruhe suchen.</p>
<h2>Großereignis Leonhardiritt</h2>
<p>Jedes Jahr an Pfingsten wandelt sich jedoch das Bild: Tausende Besucher finden sich in der kleinen Ortschaft zu einem einwöchigen Treiben ein, in dessen Mittelpunkt der Leonhardiritt steht. Hunderte von Reiter*innen ziehen am Leonhardikircherl vorbei und lassen sich den Segen spenden, damit das Jahr wieder gut und gesund verläuft. Dieses Jahr musste das Großereignis zum Pfingstfest allerdings wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Es wäre das 49. gewesen.</p>
<p>Leonhardiritte haben in Bayern Tradition. Normalerweise finden sie im November statt. Laut Internet-Lexikon Wikipedia ist „die Leonhardifahrt oder der Leonhardiritt eine Prozession zu Pferde, die zum Brauchtum in Altbayern und Westösterreich zählt. Sie findet zu Ehren des heiligen Leonhard von Limoges (6. Jhd.) an seinem Gedenktag, dem 6. November, oder einem benachbarten Wochenende statt. Einige Dörfer in Bayern feiern Leonhardi auch im Sommer“.</p>
<h2>Wechselvolle Geschichte</h2>
<p>In Teisendorf fällt der Termin auf Pfingsten. Die Geschichte des Festes beginnt mit einem Bittgang des Priesters im Jahr 1612. Dieser ist im Rechnungsbuch des „lobwürdigen Gotshauses des Heiligen Chreuzes zu Holzhausen Teysendorffer Pfarr“ zu finden, weil dort eine Entlohnung des Priesters verzeichnet ist. Aus dem einfachen Bittgang entwickelt sich im Laufe der Zeit ein Ritt. In einem Eintrag 1682 heißt es: „Als man mit dem Kreuz allhero geritten ist“. Der Leonhardiritt war geboren, der zunächst auf den Pfingstdienstag und später auf den Pfingstmontag verlegt wurde. 1715 wurde der heilige Leonhard vom Nebenpatron zum Hauptpatron der Kirche.</p>
<p>Trotz Verboten im 18. Jahrhundert und den Unterbrechungen in den beiden Weltkriegen, kam der Ritt nicht zum Erliegen, sondern erlebte in den 50er Jahren eine erneute Blüte. Die Reiter sammelten sich, um gemeinsam zum Ritt nach Holzhausen aufzubrechen. In den 1960er Jahren reduzierte sich der Pferdebestand wegen der zunehmenden Motorisierung in der Landwirtschaft drastisch. Die Teilnahme am Ritt ging so stark zurück, dass die Verantwortlichen Anfang der 1970er Jahre erwogen, den Ritt nur alle zwei Jahre stattfinden zu lassen.</p>
<h2>Neuaufleben der Tradition</h2>
<p>Heute ist die Anziehungskraft wieder so stark geworden, dass alljährlich mehr als 300 Rösser nach Holzhausen kommen Die Reiterinnen, Reiter und Fuhrleute ziehen an der Kirche den Hut und erhalten den Segen „für ein hoffentlich gutes, unfall- und krankheitsfreies kommendes Jahr“. Im Jubiläumsjahr 2013 war sogar ein Zehner-Zug der Kaltblut-Zuchtgenossenschaft Berchtesgadener Land dabei. Der Ladspruch lautet: „Lasst uns wie zu Väters Zeiten am Pfingstmontag nach Holzhausen reiten. Gottes Segen ist uns gewiss, Garant dafür St. Leonhard ist!“</p>
<p>Um die Organisation besser gewährleisten zu können, gründete sich 1950 die Holzhauser Leonhardivereinigung, aus der 1973 die Leonhardigilde e.V. hervorging. Zum Einsatz beim Fest kommen zehn eisenbereifte vereinseigene Wagen, um die Miniatur des Leonhardikirchels, den heiligen Leonhard oder die Bauernheiligen Notburga und Isidor. 1972 wurde zum ersten Mal auf Betreiben von jungen Holzhausern ein Bierzelt aufgebaut, um die Gäste zu bewirten. Schon 1975 wurde das Fest auf eine Woche ausgedehnt.</p>
<h2>Von der Prozession zum Volksfest mit Feldmesse</h2>
<p>Eine der treibenden Kräfte in der Leonhardigilde war Alt-Landrat Martin Seidl. Der CSU-Politiker stand 40 Jahre lang an deren Spitze, seit ihrer Gründung. Schon sein Vater war erster Vorsitzender des Leonhardivereins. Seidl war es immer wichtig, dass die Tradition lebendig bleibt“. Stolz ist er darauf, dass der Ritt auch in den Kriegsjahren, außer 1945, stattfand. Er räumt ein, dass aus dem Ritt mit religiösem Ursprung heute eher ein Volksfest geworden ist. Trotzdem möchte er das Fest nicht missen, bei dem auch eine Feldmesse abgehalten wird, „wie es sich in Bayern gehört“. Der Bischof und der Erzabt von Salzburg haben auch schon teilgenommen.</p>
<p>Seidl ist selbst in Holzhausen aufgewachsen. Er hatte eine große Milchwirtschaft betrieben. Von den zwölf Bauern im Ort hat heute gerade mal die Hälfte Kühe. Auch Seidl hat die Milchwirtschaft aufgegeben und ein Kurheim betrieben. Denn eines kann man hier sicher finden: Ruhe und Erholung. „Wir leben in einer Gegend, um die uns viele beneiden“, meint Seidl. Einerseits sei die Nähe zu Salzburg attraktiv, andererseits könne man die ländliche Ruhe genießen. Es ist ein Landstrich, in dem es viel zu viele Kapellen gebe in einer katholisch geprägten Gegend, meint Seidl. Evangelische waren früher hier die Ausnahme. Damals wusste man, dass die Evangelischen im Krieg Evakuierte aus München waren.</p>
<p><a href="http://www.pfingstfest-holzhausen.de"><em>www.pfingstfest-holzhausen.de</em></a></p>
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		<title>Zeit des frommen Schweigens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Schmitz-Kahmen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 17:20:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Schweigen]]></category>
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					<description><![CDATA[„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Prediger 3,1)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Prediger 3,1)</p></blockquote></div>
<p>Ist das so? König Salomo, dem das Buch Prediger zugeschrieben wird, hat es jedenfalls so gesehen. Sinngemäß sagt er: „Es gibt in Gottes Schöpfung nichts, was es nicht gibt. Und <em>alles</em>, was geschieht, hat seinen eigenen Platz in Gottes großem Plan für diese Welt.“ Salomo unterscheidet nicht zwischen falsch und richtig oder gut und böse. Er beschreibt wertfrei.</p>
<p>Unter anderem gebe es auch eine Zeit des Redens und eine Zeit des Schweigens. Gerne würde ich ihn fragen, in welcher der beiden er uns heute sieht. Angesichts der Corona-Pandemie samt ihren sozialen und wirtschaftlichen Folgen scheint die Antwort nahe zu liegen. Auf allen Kanälen wird diskutiert, getwittert und gepostet. Nicht selten wird das Recht auf freie Meinungsäußerung aufs Äußerste strapaziert. Wahrheits- und Deutungsansprüche stoßen unversöhnlich aufeinander. Es scheint, es <em>ist</em> die Zeit des Redens.</p>
<p>Auffallend ist in diesem Zusammenhang „das fromme Schweigen“ der Kirchen. Die Journalistin Evelyn Finger fragte in DIE ZEIT (23/2020): „Warum haben sich die Kirchen in der Krise so kleingemacht?“ <em>Ihre</em> Antwort: „Vielleicht, weil auch Bischöfe sich heute als Konsenssucher verstehen und in einer Empörungsgesellschaft am ehesten durch Unauffälligkeit überleben. Vielleicht sind sie vom Endloskampf um das richtige Maß an Modernität so erschöpft, dass einige gern ins Homeoffice geflüchtet sind.“</p>
<p>Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Noch wertvoller wäre sie, wenn sie sachlich wie theologisch reflektiert wäre. Die Kirchenleitungen handeln meiner Meinung nach jedenfalls sehr weise, wenn sie nicht wortreich die gegenwärtige Lage „erklären“. Denn es ist die Zeit der Wiederentdeckung salomonischer Weisheit. Eine Zeit des (theologischen) Schweigens.</p>
<p>Die für den Verstand nicht ergründbare Verschränkung von Zeit, Raum und Ewigkeit lässt es gar nicht erst zu, Gottes <em>gegenwärtiges</em> Handeln in dieser Welt zu deuten. Vielleicht irgendwann rückblickend; aber nicht jetzt. Nach meinem Verständnis ist frommes Schweigen von daher keine Schande oder Schwäche. Es ist Ausdruck des Hoffens und Vertrauens. Es ist der Verzicht auf Antworten, die nur Gott kennt. Die Ernsthaftigkeit von Theologie erweist sich gerade darin, dass sie das menschliche Erkenntnisvermögen relativiert.</p>
<p>Andererseits braucht kein Zweifel daran zu bestehen, dass Christus und seine Kirche gegenwärtig und systemrelevant sind. Denn überall dort, wo einer hungrig ist und ihm zu essen gegeben wird, wo eine Durst leidet und sie etwas zu trinken bekommt, wo sich einer fremd fühlt und aufgenommen wird, wo einer Nackten Kleidung gegeben wird und die Kranke oder der Gefangene besucht werden (Matthäus 25,35f), überall dort geschieht zu seiner Zeit, was zu jeder Zeit Gottes Willen entspricht.</p>
<p>Ich finde es schön und bemerkenswert, dass die Kirchen genau diesen Platz einnehmen.</p>
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		<title>Das „Fremdeln“ mit den Kirchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Vogelsang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 10:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Austritte]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchenmitgliedschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit einigen Wochen, beschleunigt durch die Corona-Krise, wird in den deutschen Medien die Rolle der christlichen Kirchen in der Gesellschaft diskutiert. Kommentatoren diagnostizieren einen kontinuierlich schwindenden gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Seit einigen Wochen, beschleunigt durch die Corona-Krise, wird in den deutschen Medien die Rolle der christlichen Kirchen in der Gesellschaft diskutiert. Kommentatoren diagnostizieren einen kontinuierlich schwindenden gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen.</p></blockquote></div>
<p>Auch die im Jahresturnus verkündeten Zahlen der Mitgliedschaft belegen: Diese Entwicklung kennt nur eine Richtung. Die Abnahme der Mitgliederzahlen hat auch mit einem demographischen Faktor zu tun, aber mindestens ebenso stark sind sie beeinflusst durch aktive Austritte.</p>
<p>All das ist nicht neu, Mitgliederrückgang gibt es seit Jahrzehnten. Und doch ist die Situation nun anders. Denn unmittelbar nach der Corona-Krise wird ein psychologisch wichtiger Schwellenwert überschritten. Waren noch in den 70er Jahren in der BRD deutlich über 90 % der Bevölkerung Mitglied einer der beiden christlichen Kirchen, so werden es bald unter 50 % sein. Die Kirchen und ihre Mitgliedschaft sind dann eine Minderheit in der Gesellschaft.</p>
<h2>Zerlegung einer Marke</h2>
<p>Die aktuellen Beiträge zur Diskussion um die Relevanz der Kirchen haben deshalb oft einen negativen Grundton. Sei es aus Frustration, sei es aus Schadenfreude, wird gefragt, ob denn die Kirchen überhaupt noch aus eigener Kraft etwas Substantielles zu sagen haben. Es macht sich ein Unbehagen breit: Welche Rolle haben die beiden großen christlichen Kirchen in einer sich weiterhin rasch wandelnden, pluralen und multireligiösen Gesellschaft?</p>
<p>Wenn man jedoch auf die wechselvolle 2000-jährige Geschichte der christlichen Gemeinden schaut, mag sich die derzeitige Situation anders darstellen. Möglicherweise stehen wir an der Schwelle eines neuen Selbstverständnisses christlicher Gemeinden! Es geht ja nicht nur um einen Rückgang der Mitgliederzahlen, sondern auch um ganz neue Optionen, etwa bei den digitalen Technologien. Neue Entwicklungsmöglichkeiten zeichnen sich ab. Kirchliche Netzwerke, die entstehen, ähneln vielleicht mehr den urchristlichen Gemeinden als der bekannten Volkskirche. Die Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) hat zur Interpretation der aktuellen Lage eine Theologie der Diaspora vorgelegt. Protestanten machen unter der europäischen Bevölkerung gerade einmal 8-10 % aus! Spannend an dem Ansatz der Diaspora ist, anzuerkennen, dass Kirche und ihre Botschaft (auch) fremd in der Gesellschaft ist. Das kann befreiend sein.</p>
<h2>Nahe sein – womit?</h2>
<p>Eine Volkskirche dagegen ist stets bemüht, sich anschlussfähig zu zeigen. Ein Beispiel: Ein zurzeit sehr beliebter Ausdruck für das Ziel kirchlichen Handelns lautet: „Den Menschen nah sein“. Was an diesem Ziel ist eigentlich so schwierig? All der organisatorische Aufwand der großen Volkskirchen, um „Menschen nah zu sein“? Das Problem ist offenkundig etwas Unausgesprochenes. Der vollständige Satz lautet: „Den Menschen nah sein und nicht aufhören, Gott zu bezeugen und seine Taten zu verkünden.“ Vielleicht geht das besser, wenn man zunächst auch die Fremdheit der eigenen Botschaft und der eigenen Existenz anerkennt und dann versucht, Brücken zu bauen. Wir wollen Gott bezeugen und so und gerade so den Menschen nah sein! Fremdheit kann auch eine Chance sein: Wer fremd ist, hat etwas zu sagen, das anders ist als die Spiegelung der gesellschaftlichen Meinungen.</p>
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		<title>Der allein gelassene Soldat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Klaus Beckmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2020 10:30:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 30. Jahrgang, Heft 3, August 2020]]></category>
		<category><![CDATA[Bundeswehr]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissenskonflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Militärethik]]></category>
		<category><![CDATA[Soldataten]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer kraft Auftrag als Soldat töten muss, gerät häufig in Gewissensnot. Auch in demokratischen Gesellschaften und gerade in Zeiten rasanten (waffen-)technologischen Wandels bedarf ein tragfähiges Soldatenethos des öffentlichen Diskurses. Zur Orientierung hilft ein Blick zurück.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer kraft Auftrag als Soldat töten muss, gerät häufig in Gewissensnot. Auch in demokratischen Gesellschaften und gerade in Zeiten rasanten (waffen-)technologischen Wandels bedarf ein tragfähiges Soldatenethos des öffentlichen Diskurses. Zur Orientierung hilft ein Blick zurück.</p></blockquote></div>
<p>Kapitän zur See Hans Langsdorff gilt als der integre „Lebensretter“ unter den Offizieren der deutschen Kriegsmarine. In militärisch aussichtsloser Situation widerstand er im Dezember 1939 vor Montevideo der Erwartung der Marineführung, indem er ein „ehrenhaftes“ letztes Gefecht mit den überlegenen Briten vermied. Er rettete dadurch seiner Besatzung von etwa 1.200 Mann das Leben, versenkte das evakuierte Schiff und tötete sich selbst. Bei Traditionalisten im Militär ist Langsdorff unpopulär, geachtet hingegen bei solchen, die dem kritischen „Staatsbürger in Uniform“ verpflichtet sind. Eine detaillierte Biografie fand kürzlich kontroverse Aufnahme (Hans-Jürgen Kaack:<em> Kapitän zur See Hans Langsdorff. Der letzte Kommandant des Panzerschiffs Admiral Graf Spee. </em>Paderborn 2020).</p>
<h2>Langsdorff – ein freier Kopf mit komplizierter Geschichte</h2>
<p>Langsdorff wird der Satz zugeschrieben: „Tausend lebende Seeleute sind mir lieber als tausend tote Helden.“ Die herrschende Linie dagegen hatte bei Großadmiral Raeder, dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, so geklungen: „Das Deutsche Kriegsschiff kämpft unter vollem Einsatz seiner Besatzung bis zur letzten Granate, bis es siegt oder mit wehender Flagge untergeht.“ Langsdorff sah in der Fahne nicht „mehr als den Tod“.</p>
<p>Bereits zum Ende des Ersten Weltkriegs zeigte sich Langsdorff als junger Marineoffizier eigenständig, als er den gegen die befohlene Selbstversenkung meuternden Soldaten Verständnis entgegenbrachte. Ein „Linker“ war dieser aus einer Juristen- und Pastorenfamilie stammende Offizier sicherlich nicht, ein freier Kopf sehr wohl. Überliefert ist seine Distanz zu Vertretern der Marineseelsorge, die noch nach dem Untergang des wilhelminischen Reiches die Einheit von Thron und Altar zelebrierten und sich republikanischer Realität verschlossen. Eine Zeitlang war Langsdorff Adjutant des Reichswehrministers Schleicher, den die Nazis 1934 ermordeten.</p>
<p>Langsdorffs Geschichte ist jedoch komplizierter, als es ein schlichtes Heldenepos erzählen könnte. Denn die kritische Situation, in der sich der Kapitän als fürsorglicher Lebensretter bewährte, hatte maßgeblich er selbst herbeigeführt. Die von ihm befehligte „Admiral Graf Spee“ operierte seit Kriegsbeginn als „Handelsstörer“ im Südatlantik mit dem für ein hochmodernes Kriegsschiff weder fordernden noch schmeichelhaften Auftrag, zivile Frachter zu versenken. Der Angriff nicht nur auf militärische Nachschubwege, sondern auf die gesamte Volkswirtschaft des „Gegners“ entsprang der Logik des „totalen Krieges“. Beim „Feind“ gab es keine Nichtkombattanten mehr, die gemäß soldatischem Ehrenkodex zu schonen gewesen wären.</p>
<h2>„Feiger“ Befehl, „ritterliches“ Verhalten und eigenmächtiges Handeln</h2>
<p>Nach allem, was man von Langsdorff weiß, lag dem konservativ erzogenen und doch eigensinnigen Offizier dieser „feige“ Auftrag schwer auf der Seele. Mit seinem Biografen Hans-Jürgen Kaack lässt sich das Selbstbild Langsdorffs „ritterlich“ nennen. Das führt zu christlich-mittelalterlichen Ursprüngen und schließt die Achtung Schutzbedürftiger ebenso ein wie persönliches Eintreten für Ideale.</p>
<p>Während des Einsatzes gegen wehrlose zivile Ziele weigerte sich Langsdorff, die Crews englischer Frachter als Feinde anzusehen. Kein einziges Besatzungsmitglied der durch die „Graf Spee“ aufgebrachten Schiffe verlor sein Leben. Über die damals noch bestehende Vorschrift der Kriegsmarine hinaus, „gegnerische“ Besatzungen zu schonen, sorgte Langsdorff für ihre ehrenhafte Behandlung.</p>
<h2>Systematisch verletztes Gewissen</h2>
<p>Der spannendste und heikelste Moment der Biografie Langsdorffs ist aber fraglos seine eigenmächtige Entscheidung, den vorgeschriebenen Kurs zu verlassen und vor der La-Plata-Mündung ins offene Gefecht zu gehen mit einem Schiffsverband der britischen Marine. Auf dramatische Weise wird hier klar, weshalb das Thema „Langsdorff“ in der Ausbildung junger Soldaten einen wichtigen Platz verdient; geht es doch um das systematisch verletzte Gewissen eines Verantwortungsträgers und die daraus resultierende Gefahr.</p>
<p>Vier Tage, bevor Langsdorff den „Untergang in Ehren“ verweigern und 1.200 Menschenleben bewahren sollte, ignorierte er die Order der Seekriegsleitung, das Schiff – ausdrücklich unter Vermeidung von Feindkontakt – zu kleineren Reparaturarbeiten nach Wilhelmshaven zu bringen. Der Kapitän suchte die Feindberührung regelrecht, offenbar in seelischer Not, um sich einem satisfaktionsfähigen Gegenüber zu stellen – und seine Soldatenehre zu heilen. Daraus erst entwickelte sich die Lage, die zur Versenkung der „Graf Spee“ führte.</p>
<h2>Flucht in die direkte militärische Konfrontation aus Scham</h2>
<p>Der irrationale Schritt ins Gefecht wird verstehbar als Kurzschluss aus angestauter Anspannung, als Übersprungshandlung nach lange hingenommenem, erzwungen unwürdigem Handeln. 36 Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod. Im letzten Brief an seinen Bruder äußert Hans Langsdorff tiefe Trauer darüber.<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>   Wo Töten zur prima ratio wird, gibt es keine militärische Ethik mehr. </p></blockquote></div></p>
<p>Langsdorffs innerer Kampf zwischen gegensätzlichen Kriegsparadigmen gehört zur geistigen Grundspannung seiner Epoche. Dietrich Bonhoeffer unterschied im Ethik-Fragment von 1943 zwischen dem „ritterlichen Krieg unter christlichen Völkern“ und dem „totalen Vernichtungskrieg“ im Vorzeichen des „modernen Nihilismus“. Hannah Arendt urteilte 1942, „größer als die Untat, einen Krieg entfesselt zu haben“, sei „die Schande, gegen Wehrlose Krieg zu führen“. Wo Krieg zur Produktion von Leichen totalisiert, das Töten zur <em>prima ratio</em> wird, gibt es schlechterdings keine militärische Ethik mehr. „Soldatenehre“ wird zum obsoleten Begriff.</p>
<h2>Soldat sein – eine Gratwanderung auch in der demokratischen Gesellschaft</h2>
<p>Was konstituiert unter demokratischen Voraussetzungen ein tragfähiges Soldatenethos? Erforderlich ist zuerst die Verständigung zwischen Soldaten und Gesamtgesellschaft, was die Gesellschaft von Soldaten erwarten kann.</p>
<p>Wesenhaft ist der Beruf des Soldaten <em>moralische Gratwanderung</em>. Um der staatlichen Gemeinschaft Sicherheit zu gewährleisten, handeln Soldaten nötigenfalls dort, wo Menschen sich eigentlich nicht bewegen dürfen: in der Tabuzone des Menschen-Tötens. Dies aber geschieht in Treue zur Gemeinschaft und unter dem bewussten Risiko, die eigene moralische Integrität zu beschädigen zu Gunsten anderer Menschen.</p>
<p>Soldaten fühlen sich moralisch verletzt, wenn die legitime Vertretung der Gesamtgesellschaft, das Parlament, Militäreinsätze beschließt, anrüchige Folgen dann aber öffentlich den Ausführenden allein angelastet werden. Eine redliche Debatte über nationale Sicherheitsinteressen, entsprechende Ziele sowie dazu nötige und akzeptable Instrumente wird von Soldaten schmerzlich vermisst.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Werden nicht auch heute Soldaten Aufträge zugemutet, die sie vor sich selbst entehren?</p></blockquote></div>
<p>Langsdorffs Ehrbegriff passte nicht in die politisch wie militärisch totalitären Umstände seiner Zeit. Doch bietet unsere demokratische Gesellschaft, achtzig Jahre später, ein überzeugendes ethisches Konzept, in dem jene sich wiederfinden, die sie in gefährliche Einsätze schickt? Wie fühlen sich jene, die um gefallene Kameraden trauern oder mit lebenslanger seelischer Schädigung konfrontiert sind, wenn nach ihrem Empfinden die öffentliche Bilanz gemieden, schöngefärbt und manipulativ berichtet wird?</p>
<p>Wird nicht auch in der Gegenwart Uniformträgern zugemutet, Dinge zu tun, die geeignet sind, die Ausführenden vor sich selbst zu entehren?</p>
<h2>Neue Kriegstechnologien stellen vor neue moralische Herausforderungen</h2>
<p>Der von Langsdorff als moralische Katastrophe erlebte „totale Krieg“ hat sich unter neuen technologischen Entwicklungen radikalisiert und stellt noch einmal ganz anders gelagerte Herausforderungen an das Gewissen verantwortlich Handelnder.</p>
<p>So kann die Handhabung bewaffneter Drohnen ethische Prinzipienverstöße bedingen, die Langsdorffs Erfahrung potenzieren. „Töten per Joystick“ ist nicht nur abstrakt ein moralisches Problem, sondern sehr konkret psychologisch und seelsorglich. Vorschnelles Urteilen über ein Waffensystem wäre allerdings kontraproduktiv, denn eine seriöse ethische Bewertung hängt vom Einsatzszenario ab. Die Einsatzmöglichkeiten schließen die Fernkontrolle ganzer Landstriche zwar ein – ein ethisches Fiasko mit der Garantie der Züchtung künftigen Terrorismus –, gehen darin aber nicht auf. Beim <em>Cyber War</em> ist die Gefahr, dass „Kollateralschäden“ in der Dimension schlimmster Kriegsverbrechen als Routine verbucht werden, nicht zu verkennen. Gleichwohl erfordern die komplexen Umstände des „Krieges im Netz“ ein differenziertes Hinschauen, sollen etwa von kirchlicher Seite kundgetane Urteile nicht zum bloßen Ausweis moralischer Hybris geraten.</p>
<h2>Überfällige Begleitung in Gewissenskonflikten</h2>
<p>Einer demokratischen Gesellschaft, die Soldaten in vielfältig riskante Situationen schickt, steht es gut an, diesen Dienst nicht nur zu würdigen, sondern die <em>eigene</em> Verantwortung anzunehmen. Der evangelische Militärbischof hat 2019 angeregt, analog zur bestehenden Ethikkommission für medizinische Grundsatzfragen einen nationalen Ethikrat für militärische Themen ins Leben zu rufen, an dem neben Soldaten auch Theologen, Philosophen, Psychologen, Informatiker, Ökonomen und gewählte Bürgervertreter beteiligt sein sollten. Andere Staatsbedienstete, die kraft „Auftrag“ in Gewissenskonflikte geraten können, verdienten eine entsprechende Begleitung – etwa an Abschiebungen beteiligte Polizeibeamte. Die Diskussion darüber, was ein Land seinen „Dienern“ ethisch zumutet, gehört in die Mitte einer menschlichen Gesellschaft.</p>
<p>Langsdorff lehrt: Es rächt sich, wenn Menschen zu lange Dinge tun müssen, gegen die ihr moralischer Kompass rebelliert. Nicht nur human, sondern klug ist die Gesellschaft, die das beherzigt.</p>
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