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	<title>evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Norbert Mappes-Niedieck: Europas geteilter Himmel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:53:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Belohnung bei der Lektüre dieses Buches sind die Aha-Effekte, die sich öfter einstellen, weil aktuelle West-Ost-Konflikte innerhalb der EU durch eine östliche Brille gesehen und bewertet werden – ergänzend, nicht apodiktisch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mappes-Niediek.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-5979 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mappes-Niediek-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mappes-Niediek-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mappes-Niediek.jpg 500w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a>Ch. Links Verlag, 2021, 304 Seiten, 22,00 Euro, eBook 12,99 EUR</strong></p>
<p>Der Autor ist ein deutscher Journalist, der in der österreichischen Steiermark lebt und während seiner langen journalistischen Tätigkeit als Korrespondent in Südosteuropa unterwegs war. Ein Grenzgänger, der Geschichte und Ideen der Staaten und Völker, die hinter dem Eisernen Vorhang lagen und seit 2004 zur Europäischen Union gehören oder ihr noch beitreten möchten, ausführlich darstellt. Ein Füllhorn von Fakten und Interpretationen, das die Lektüre spannend und in der Dichte zuweilen ermüdend macht. Wie das eben ist, wenn man sich durch ein „Lehrbuch“ im besten Sinne hindurcharbeitet. Die Belohnung sind die Aha-Effekte, die sich öfter einstellen, weil aktuelle West-Ost-Konflikte innerhalb der EU durch eine östliche Brille gesehen und bewertet werden – ergänzend, nicht apodiktisch. Was sich, an vielen Alltagsbeispielen bereits im ersten Kapitel illustriert, aber nicht von der Hand weisen lässt, sei die „Geringschätzung und Fremdelei … dicht unter der Oberfläche“ (S. 21) gegenüber den Osteuropäer*innen.</p>
<p>Das westlich-überhebliche und oft ins Bevormundende kippende Verhalten hat eine Geschichte, die im Jahr 1054 in Konstantinopel beginnt und Vertreter der West- und Ostkirche zur Klärung theologischer und kirchenpolitischer Streitigkeiten zusammenführte. Als Konflikt<em>muster</em> schimmere die damalige Konstellation in heutigen <em>säkularen</em> Auseinandersetzungen immer wieder durch: „Der Westen erhob Anspruch auf die Anerkennung einer allgemeingültigen Wahrheit. Der Osten erhob Anspruch auf seine Besonderheit“ (S. 29). Was den Osten reize, seien weniger Inhalte, als der auftrumpfende Stil. Der Ost-West-Gegensatz entwickelte sich also nicht erst während des Kalten Krieges. Der Osten sehe sich immer mit der Aufforderung konfrontiert, <em>nachholen</em> zu müssen, was im Westen angeblich längst verinnerlicht sei, z.B. Demokratie (versus Totalitarismus) und Fremden<em>freundlichkeit</em>.</p>
<p>Auch der Notwendigkeit einer <em>nachzuholenden </em>wirtschaftlichen Entwicklung nach 1989 widmet Mappes-Niedieck großen Raum. Faktisch habe das aus dem Westen transferierte Kapital und Unternehmertum den Osten „freundlich übernommen“. Die daraus resultierenden Probleme wurden spätestens mit der globalen Finanzkrise 2007 offenkundig: „Je ärmer die Mitgliedsstaaten sind und je weiter östlich sie liegen, desto weiter klaffen Armut und Reichtum auch innerhalb des Landes … auseinander“ (S. 147). Während die Begeisterung im Osten für das westliche Modell schwand, lenke die Klage über einen „neuen Nationalismus“ und „Autoritarismus“ im Osten von westlichen Versäumnissen ab.</p>
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		<title>Yishai Sarid: Siegerin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Klaus Beckmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:48:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Militär]]></category>
		<category><![CDATA[Militärseelsorge]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Das kleine Israel beeindruckt immer wieder durch große Literatur. Thema dieses Romans und seiner Protagonistin, einer Militärpsychologin, ist die Rolle des „Helfers“ in der geschlossenen Institution.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Sarid-Siegerin.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5976 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Sarid-Siegerin-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Sarid-Siegerin-184x300.jpg 184w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Sarid-Siegerin.jpg 330w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a>Verlag Kein &amp; Aber, 2021, 240 Seiten, geb. 22,00 EUR, eBook 17,99 EUR</strong></p>
<p>Das kleine Israel beeindruckt immer wieder durch große Literatur. Thema dieses Romans und seiner Protagonistin, einer Militärpsychologin, ist die Rolle des „Helfers“ in der geschlossenen Institution: die Fremdheit gegenüber den Regeln, Gebräuchen und Gefühlen der „echten“ Angehörigen dieser Institution, der Soldaten, und die gebrochene Haltung zur eigenen Profession. Aus ihrer Bindungsnot – da ist zuerst das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater, einem linksbürgerlichen, das Militär habituell ablehnenden Psychoanalytiker – flüchtet die Ich-Erzählerin in Überidentifikation mit dem Militär. Subtil wird die Ausgrenzung der – immer auch gefürchteten – Psychologin aus der Lebenswelt der Soldaten gezeichnet. Dagegen macht sie den Tabubruch, das Töten, zu ihrer Sache, will Soldaten zu reibungslosen Befehlserfüllern drillen und die eigene Nützlichkeit festschreiben.</p>
<p>Das Militär als solches zeigt differenzierte Konturen; Offiziere verweisen im Konflikt mit der „fit-to-kill“-Linie der Psychologin auf Gewissens- und Wertebindung, eine Fachkollegin erklärt sich für das seelische Wohl der Truppe und eben nicht für „Sieg“ und „Auftrag“ zuständig. Angesichts der Gefechtstraumatisierung des eigenen Sohnes bricht das fragile funktionalistisch-militärische Selbstbild der Hauptperson für einen Moment zusammen. Der Schluss, nur wenige Seiten danach, irritiert umso stärker (oder schon nicht mehr).</p>
<p>Sarid veranschaulicht, wie gefährdet Akteure der „Sonderseelsorge“ – neben dem Militär die Polizei, Gefängnisse und in anderer Ausprägung wohl auch Krankenhäuser – in ihrem vereinnahmenden und zugleich exkludierenden Umfeld zwangsläufig sind.</p>
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		<title>James Lovelock: Das Gaia-Prinzip</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:44:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Naturschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Es lohnt sich, dieses Werk wieder zu lesen. Zentrale Aussage von Lovelock ist, dass die Erde wie ein Organismus betrachtet werden müsse, als komplexes System, dessen Gleichgewicht durch das menschliche Handeln gestört wird.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Lovelock.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-5973 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Lovelock-191x300.jpg" alt="" width="191" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Lovelock-191x300.jpg 191w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Lovelock.jpg 608w" sizes="(max-width: 191px) 100vw, 191px" /></a>oekom Verlag, 2021, 320 S., geb. 24,00 EUR, eBook 18,99 EUR</strong></p>
<p>Deutschlands populärster Klimaforscher spricht von einem Paradigmenwechsel. Bisher sei die Physik eine Leitwissenschaft gewesen, künftig komme eher der Biologie diese Rolle zu, meint Hans-Joachim Schellnhuber. Sicher kein Zufall ist es, dass nun wieder mythische Ideen, wie die von der Mutter Erde, populär werden. Vor mehr als 40 Jahren hat dieses Konzept schon James Lovelock dargelegt.</p>
<p>Verdienstvoll ist es, dass der oekom-Verlag das Buch wieder aufgelegt hat. Erschienen ist es in der Bibliothek der Nachhaltigkeit. Es lohnt sich, dieses Werk wieder zu lesen. Es führt zu einem Perspektivenwechsel. Zentrale Aussage von Lovelock ist, dass die Erde wie ein Organismus betrachtet werden müsse, als komplexes System, dessen Gleichgewicht durch das menschliche Handeln gestört wird. Das wissenschaftliche Konzept, die Erde als Ganzes zu sehen, öffnet den Blick dafür, dass sich das Klimasystem über Jahrmillionen hin und her bewegt hat und dass der Mensch diese Mechanismen innerhalb kürzester Zeit durcheinandergewirbelt hat.</p>
<p>In den 80er Jahren entwickelten sich vor allem im angloamerikanischen Raum so genannte Gaia-Theologien. Der Mensch ist lediglich ein Teil, keinesfalls aber Herrscher über die nichtmenschliche Welt. Jeglichem Anthropozentrismus wird in diesem Kontext eine radikale Absage erteilt. Theologen machen sich Gedanken über neue theologische Konzepte. Sie sind überzeugt, dass es diese brauche, um mit den künftigen Bedrohungen und Herausforderungen des Klimawandels umgehen zu können. Dafür nehmen sie Lovelocks Gaia-Idee wieder auf.</p>
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		<title>Ahnung des Ufers</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:38:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Rettung]]></category>
		<category><![CDATA[Schiffbruch]]></category>
		<category><![CDATA[Untergang]]></category>
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					<description><![CDATA[Als es aber Tag wurde, kannten sie das Land nicht; einer Bucht aber wurden sie gewahr, die hatte ein flaches Ufer. Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre. (Apostelgeschichte 27,39)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Als es aber Tag wurde, kannten sie das Land nicht; einer Bucht aber wurden sie gewahr, die hatte ein flaches Ufer. Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre. (Apostelgeschichte 27,39)</p></blockquote></div>
<p>Der Himmel ist in Aufruhr. Sturmböen, Gewitterwolken, Donnergrollen. Der Horizont ist verhangen, gewaltige Schwaden von Dunst nehmen jede Sicht. Vor der Wetterwand liegt ein Schiff. Über ihm ziehen sich die dunklen Wolken wie eine Hand zusammen, als wollten sie es zerschmettern. Ganz im Gegensatz dazu die ruhige See fast ohne Wellengang hinter dem Heck. Aus ihr heraus scheint das Schiff in die ungewisse, weiß gehaltene Lichtung im Zentrum des Bildes fast hineinzuschweben.</p>
<p>Die Künstlerin und evangelische Theologin Julia Johannsen „malt Seelenzustände, Gefühle, Stimmungen“. Bei ihr „füllen transparente Landscapes sich mit explosiven Spuren und Fragmenten, aufgewischt und aufgespritzt“, so Magdalena Grandmontagne in einer Laudatio. Ihre Staatsexamensarbeit schrieb Johannsen zu: „Betrachtung des Lichts in Johannes 8,12 und in der Glasmalerei sakraler Räume von Hermann Juncker, Johannes Schreiter und Gerhard Richter“. Jesu Zusage „Ich bin das Licht der Welt“ kennt sie also ebenso gut wie die Kunst, dieser Botschaft bildhaft Ausdruck zu verleihen. „Am Ende des Tages sehe ich den Himmel lieber dunkel blau als schwarz“, schreibt sie selbst. Ihr Bild zeigt gerade auch die Zwischentöne dieser Farben. Trotz der bedrohlichen Szenerie ist es insgesamt in hellen Tönen gehalten. Es ist bei allem Ausdruck der Bedrohung kein Bild des Untergangs, sondern der Bewahrung.</p>
<p>Das im Sturm bedrohte und bewahrte Schiff ist ein biblisches Motiv. Angefangen von der Rettung Noahs und seiner Familie in der Arche (1. Mose 7–9) über das Unwetter bei der Überfahrt des Propheten Jona nach Tarsis (Jona 1) bis zur Stillung des Sturms durch Jesus auf dem See Genezareth (Markus 4,35-41) und zum abenteuerlichen Schiffbruch von Paulus am Ende der Apostelgeschichte. Julia Johannsen malt keine Szene aus diesen Geschichten und malt sie doch alle, indem sie die verbindende Erfahrung von Angst einerseits und Hoffnung auf Rettung andererseits in Farbe und Form fasst. Sind da noch mehr blaue Segel im Nebel, vielleicht vom Sturm schon zerfetzt? Oder ist dort schon die Küste, das bergende Ufer?</p>
<p>Wie es sich anfühlt, auf hoher See in einen Sturm zu geraten und im Tosen der Elemente um das eigene Leben fürchten zu müssen, davon können heute Menschen erzählen, die über das Mittelmeer geflüchtet sind. Die UN-Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass seit 2014 mehr als 20.000 Frauen, Männer und Kinder dabei ihr Leben verloren haben. Auch wenn dafür nicht mehr wie in biblischer Zeit hölzerne Segelboote, sondern motorisierte Schlauchboote zum Einsatz kommen, ist die existentielle Erfahrung vergleichbar. „Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin“ (Apg 27,20).</p>
<p>Julia Johannsens Bild macht keine Versprechungen, noch verkündigt es Verheißungen. Aber es lässt eine Erfahrung spürbar werden: Auch im Auge des Sturms gibt es Hoffnung auf eine Rettung, die nicht in unserer Hand liegt, die Ahnung eines bergenden Ufers. „Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre.“</p>
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		<title>Generationswechsel in der EKD</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:32:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[EKD]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchenführung]]></category>
		<category><![CDATA[Synode]]></category>
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					<description><![CDATA[In 2021 steht an mehreren Stellen ein Wechsel im Personaltableau der evangelischen Kirchen an.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>In 2021 steht an mehreren Stellen ein Wechsel im Personaltableau der evangelischen Kirchen an.</p></blockquote></div>
<p>Ein medialer Traumstart der neuen EKD-Präses. „Mein Handy explodiert gleich!“, schrieb Anna-Nicole Heinrich auf Twitter wegen nicht enden wollender Glückwünsche. Da hatte die 25-Jährige gerade überraschend die Wahl ins nominell höchste Ehren-Amt der evangelischen Kirchen in Deutschland gewonnen. „Als Präses der Synode stehe ich für eine hoffnungsvolle, integrierende und pragmatische Kirche, die sich immer wieder neu entdeckt.“ Gleich mit den ersten Statements gab sie somit eine Richtung vor, wie sie ihre Aufgabe auszufüllen vorhat.</p>
<p>Seitdem fügt sich Termin an Termin, die Interviewanfragen stapeln sich. „Da ist den Protestanten wirklich etwas gelungen“ befand eine überregionale Tageszeitung. „Jung, unbekannt, Glücksfall“ titelte das Magazin CICERO in der Artikelüberschrift. Es sei „eine Wahl, die viele inspiriert und Hoffnungen weckt.“ Als „Wachmacherin“ wird sie von einer großen Wochenzeitung begrüßt.</p>
<h2>Jung, unbekannt, ein Glücksfall</h2>
<p>Die Sorge, sie könne mangels längerer Kirchenamtserfahrung im mühsamen Gremienalltag untergehen, weiß die gebürtige Oberpfälzerin mit dem Hinweis zu zerstreuen, dass eine ihrer Hauptaufgaben ja sei, die verschiedenen Kräfte, die Hauptamtlichen und Synodalen in ein gutes Zusammenspiel zu bringen. Und dass sie ihre eigenen Stärken besonders im Team zur Geltung bringen könne. Eloquent ist sie allemal, die neue Präses. Nicht die schlechteste Voraussetzung für ein Amt, das, wie etwa das des Bundespräsidenten, vor allem „durch das Wort“ funktioniert und wirken soll. Rund 500.000 Mitglieder haben in Deutschland die langjährigen Regierungsparteien CDU/CSU, rund 45 Millionen die christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Da muss man sich nicht verstecken.</p>
<p>„Glaube kann Halt und Trost geben“ gibt sie den SPD-Genossen zu Protokoll, als sie auf deren Einladung zu Gast ist. Ihre Lieblingsstelle der Bibel? Das Vaterunser aus dem Matthäusevangelium. Das sei schon von klein auf so. Die ungekünstelte authentische Art, unbefangen von Glauben und Spiritualität zu sprechen, kommt offenbar an. Gleichzeitig parliert sie im Pressegespräch wie ein alter Hase über Hannah Arendt, früh ein Vorbild – wobei, die habe ja viel von Karl Jaspers übernommen&#8230; Die neue EKD-Präses ist Philosophiestudentin. In der vorigen Synode hat sie im Z-Team mitgearbeitet (Z wie Zukunft), das ein Grundlagenszenario der Kirche ausgearbeitet hat. Im Zeitungsgespräch gibt Anna Heinrich offen zu, dass die allgemeinen Wissens-Pegel niedrig seien. Was auch eine Chance darstellt.</p>
<h2>Glaube kann Halt und Trost geben</h2>
<p>Es ist insofern auch eine Art theologische Werkstatt, in die die wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer bayerischen Uni die Synode der EKD in Zukunft führen wird. Und wer wollte in Abrede stellen, dass das den Vertreterinnen und Vertretern der 20 Landeskirchen im einmal jährlich tagenden „Kirchenparlament“ nicht wenigstens zeitweise, immer wieder einmal, ganz gut tun könnte? Heinrich hat Erfahrung beim Stemmen und Organisieren von nicht vorhersehbaren Prozessen. Zweimal hat sie einen innerkirchlichen Hackathon begleitet. Dabei treffen sich im vorab definierten Zeitrahmen verschiedenste Leute, um sich an der Programmierung konkreter Projekte zu beteiligen. Ob die dann auch umgesetzt werden, bleibt bei einem solchen Hackathon offen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Vaterunser als Lieblingstext</p></blockquote></div>
<p>So steht es vielleicht auch mit manchem Satz aus den jüngst vorgestellten „Leitsätzen“. Darin wird etwa festgehalten, dass die Evangelischen sich weiterhin als Kirche des Wortes verstehen. Gleich zweimal wird auf die stramme Barmer Theologische Erklärung von 1934 verwiesen, mit der man sich gegen die üble NS-Ideologie stellte. Wie viel von den Sätzen in kleine Münze umgesetzt werden wird? Von den einigermaßen breit beworbenen EKD-„Leuchttürmen“ aus den Zehner-Jahren ist an der Basis recht wenig angekommen. Warum es mit den jetzigen zwölf Leitsätzen anders werden könnte, wer weiß? „Von unten“ kam der Vorwurf und ist manchenorts der Eindruck entstanden, ob hier nicht wieder eine leicht abgehobene, verkopfte „Funktionärskirche“ recht deutlich gegen die kleinen, lokalen Gemeinden vor Ort arbeite? Aus dem Plenum der virtuell versammelten Kirchengemeinden, Bezirke, regionalen Verbände und Werke, das parallel zu den offiziellen Zusammenkünften der Synode ja immer auch irgendwie „tagt“, wird insoweit auch weiterhin mit Zwischenrufen und guten Verbesserungsvorschlägen zu rechnen sein. Hier an der Basis findet gefühlt ständig eine große Plenardebatte statt. („Die Protestanten denken ja immer so viel.“)</p>
<p>Des vielen Bücher und Papiere Machens ist nunmal kein Ende, lässt sich der Prediger Kohelet hören, in einer Mischung aus Klage und gleichmütiger Gelassenheit, denn Papier ist eben auch geduldig, wird manchesmal vergessen, in Schubladen geschoben, gelagert, vom Winde verweht… (Kohelet 12,12)</p>
<h2>Wechsel im EKD-Ratsvorsitz</h2>
<p>Der vollzogene Wechsel an der Synodenspitze ist das Eine, eine andere Wachablösung steht im November mit der Wahl der oder des neuen EKD-Ratsvorsitzenden an. Der bisherige Amtsinhaber Heinrich Bedford-Strohm kann dabei auf eine ereignisreiche, wenn auch nicht immer von so zuneigungsvoller Berichterstattung geprägte Amtszeit zurückblicken. Das war bei Amtsantritt auch nicht anders zu erwarten. Im politischen Blätterwald pfeift ggf. ein scharfer Wind. (So ist zunächst mit einer gewissen Erleichterung zu konstatieren, dass der bayerische Landesbischof die raue Berliner und Hannoveraner Zeit doch einigermaßen „heil“ überstanden hat, insbesondere das allem Vernehmen nach äußerst rigide Sitzungsregiment der bisherigen Synoden-Präses Irmgard Schwaetzer…)</p>
<p>In seine Zeit des Ratsvorsitzes fällt die Etablierung einer „Willkommenskultur“ angesichts geöffneter Schranken der EU-Außengrenzen. Man erinnert sich an TV-Bilder vom Münchner Bahnhof, der evangelische Ratsvorsitzende Bedford-Strohm gemeinsam mit dem Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz Reinhard Marx zur Begrüßung der ankommenden Menschen. Der Unterstützung durch aktive Kirchengemeinden, Asylbüros, Asylpfarrämter und -cafés (bis hin zu gemeindlichen Unterstützern institutioneller Kirchenasyle) konnte sich der Ratsvorsitzende hier in seinem Kurs gewiss sein. Hinsichtlich der Medienlandschaft stellte sich die Sache etwas diffiziler dar. Zeigte sich doch alsbald, dass dort zwar einerseits eine liberal-offene Gesinnung oft propagiert wird, sobald sich jedoch auch „die Kirche“ einschlägig positioniert, es für sie dann trotzdem nicht einmal einen Blumentopf an medialer (positiver) Resonanz „dafür“ zu gewinnen gibt. (Ein Muster, von dem nachher noch wiederholt die Rede sein wird). Aber in diesen Fragen geht es ja nicht um Gefallsucht.</p>
<p>Innerkirchlich wie innergesellschaftlich stellte sich aber je länger je mehr auch lautstark die bekannte Frage, ob es „Belastungs-“ und „Aufnahmegrenzen“ gebe, und wo diese möglicherweise liegen. Auch bei der konkreten Durchführung von Einreisen über „grüne“ Grenzen „ohne Rechte“ bis zur faktischen Kriminalisierung durch obligatorische erkennungsdienstliche Behandlung aller Ankommenden blieben offene Probleme, zunehmend überlagert durch die weitergehende Entwicklung.</p>
<p>Wahrscheinlich als eines der nachhaltigsten Verdienste Bedford-Strohms dürfte die gelungene Durchführung des Reformationsjubiläums 2017 in ökumenischer Geschwisterlichkeit im kirchlichen und gesellschaftlichen Gedächtnis bleiben. Hier wirkte sich der eben bereits „angeklungene“ kurze Draht zwischen dem katholischen und dem evangelischen Bischofssitz in der bayerischen Landeshauptstadt (kaum 400 Meter Luftlinie), aber ebenso eine in Jahrzehnten gehegte und gepflegte Gesprächs-Kultur „im Plenum“ aus.</p>
<p>Einen wichtigen Markstein zum Diskurs um die Digitalisierung setzte Heinrich Bedford-Strohm mit seiner Weltethos-Rede 2018. Dass auch Programmierer so etwas wie ein Berufsethos dringend brauchen und der Menschlichkeit verpflichtet sind! Sicher wurden seit Amtsantritt 2014 noch ein, zwei weitere Vorträge gehalten – das Pensum war definitiv enorm –, doch hat jeder Rückblick notwendig etwas Streiflichtartiges, Eklektisches, so auch dieser. Es wird noch weitere geben.</p>
<p>Vielleicht eine der medial umstrittensten Entscheidungen war 2019 der Entschluss, einen angenommenen Plenumsantrag des Dortmunder Kirchentages umzusetzen und eine Rettungsinitiative im Mittelmeer zu finanzieren („Wir schicken ein Schiff!“). Von den einen als <em>Hier-tut-die-Kirche-etwas</em> gefeiert, von anderen als zumindest respektabler symbolischer Akt mit konkreten Auswirkungen gewürdigt, von wieder anderen als Grund zum Kirchenaustritt angeführt, zeigte sich in der presseöffentlichen Debatte auch hier das oben erwähnte Muster (Forderung nach humanitärer Haltung – Abstinenz der Unterstützung wenn es zum Spruche kommt). In Talkshows rund um den sogenannten ersten „Shutdown“ 2020 erinnerte der Ratsvorsitzende daran, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod zum Menschsein unabdinglich dazugehört. Für die <em>evangelischen aspekte</em> trug er 2015 einen fundierten Beitrag zum Thema Sterbehilfe bei. Den auf der größeren Weltbühne signifikantesten Moment hatte er wohl indes, als er mit dem früheren US-Präsidenten Barack Obama auf dem Kirchentag in Berlin über das Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25) diskutierte.</p>
<p>Schließlich bis in aktuelle Zeit andauernd ist die anfangs schnelle Entscheidung der EKD-Spitze, die Corona-Maßnahmen der Regierung weitestgehend zu unterstützen. So zeigte sich, dass Kirche sehr effizient sich als systemerhaltend erweisen kann. (Dass auch dies von Medien im Weiteren kaum einer Würdigung wert geachtet wurde, entspricht besagtem Muster.) Doch gibt es darauf kein verpflichtendes Abonnement. Kirche kennt auch das Bild, im Zweifel Gesellschaft im Gegenentwurf zu sein. Es lautet denn das Wort vom „Salz der Erde“, nicht: „Ihr seid die Suppe.“</p>
<h2>Vakanz als Option</h2>
<p>Die nicht vollständige, rhapsodische Auswahl belegt, dass der Ratsvorsitzende geistliche Schwerpunkte setzte, <em>in toto</em> aber mehr auf politische Gestaltungsfragen Wert legte. Das hatte auch gute Gründe und sein Recht. Doch manchmal wirkte das wie ein einsamer Rufer, beinahe, das wird man sagen dürfen, ein wenig wie im Regen stehen gelassen, weil aus manchen Landeskirchen nur verhalten Unterstützung kam. Und so wünschen sich manche in der Tat für eine nächste Ratsperiode statt einem politischen viel eher einen seelsorgerlich-theologischen Kopf. „Diesmal ein Geistlicher, eine Geistliche&#8221; lautet dazu das insgeheime Motto.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Diesmal ein Geistlicher / eine Geistliche?</p></blockquote></div>
<p>Von Mitte Juli 2021 aus betrachtet, wo dieser Plenumsbericht entstand – gerade wenn man beachtet, wie das aktuelle Glaubensseminar à la Heinrich goutiert und nachgefragt wird bei vergleichsweise (s.o.) geringem Aufwand – wäre daher eine Option, den Ratsvorsitz auf absehbare Zeit vakant und unbesetzt zu lassen. Die EKD-Präses könnte bis auf weiteres die Repräsentationsaufgabe kommissarisch übernehmen. Und auf Zuruf aus dem (Kirchen-)Plenum die entsprechenden Stichworte in den Diskurs und die Interviews einfließen lassen. Dass das Interesse an Glaubensinhalten groß ist, erfuhr man im Präses-Interview mit dem Onlinedienst <em>watson</em>: dass gerade auch „bei jungen Menschen ein hohes Bedürfnis nach Spiritualität und Glaube vorhanden ist“ (Shell-Studie).</p>
<h2>Ein weiterer Wechsel im EKD-Kirchenamt</h2>
<p>Noch von einem dritten Wachwechsel, der vielleicht gar nicht (so) unbedeutend ist, gilt es zu berichten. Denn Ende des Jahres tritt auch Thies Gundlach ab, der bisherige „Cheftheologe“ des EKD-Kirchenamtes, das oft eher im Hintergrund agiert. An der Kirchenbasis, als der niedersten Plenumsebene, wird er wohl noch am ehesten in Erinnerung bleiben durch seine scharfe Kritik an TheologieprofessorInnen und der akademischen Theologie insgesamt vom Jahr 2017: sie sei untätig (ein Vorwurf, der teilweise Zustimmung, teilweise Widerspruch hervorrief). An seine Stelle wird künftig Johannes Wischmeyer treten, von dem bekannt ist, dass er Theologie u.a. in Tübingen und Oxford studierte – so dass von hier u.a. ein Schub an Internationalisierung für die „theologische Werkstatt“ der EKD zu erwarten sein könnte. Und vielleicht neben dem auch hier stattfindenden Generationswechsel eine EKD-Kirchen-Politik, die wieder ein wenig mehr an die einzelnen Kirchengemeinden denkt?</p>
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		<title>Das Geschaffene auf das Ewige hin transparent machen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:25:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Allegorese]]></category>
		<category><![CDATA[Kathedrale]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[Siena]]></category>
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					<description><![CDATA[Das mittelalterliche Denken sucht hinter der Welt der Dinge das Geistige. Aus dieser allegorischen Sichtweise heraus eröffnet der Philologe Friedrich Ohly eine faszinierende Bedeutungsvielfalt. Am Beispiel des Doms von Siena zeigt er die Kathedrale als Zeitenraum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das mittelalterliche Denken sucht hinter der Welt der Dinge das Geistige. Aus dieser allegorischen Sichtweise heraus eröffnet der Philologe Friedrich Ohly eine faszinierende Bedeutungsvielfalt. Am Beispiel des Doms von Siena zeigt er die Kathedrale als Zeitenraum.</p></blockquote></div>
<p>Reisen ist wieder möglich. Nachdem das Virus monatelang den Tourismus zum Erliegen gebracht hat, weitet sich für die Menschen wieder der Horizont. Zu den beliebten Formen des Reisens gehört seit jeher die Bildungsreise. Schon Goethe ist über die Alpen nach Italien gepilgert. Und dorthin zieht es immer noch viele Deutsche auf den Spuren des großen deutschen Dichters.</p>
<p>Goethe war auf der Suche nach der Kunst der Antike, die für ihn ein Ideal darstellte. Heute sind es auch historische Schätze, die die Menschen anziehen. So ist zum Beispiel die Toskana damit reich gesegnet. Besucherinnen und Besucher zieht die einzigartige Mischung von pittoresken Dörfern, malerischen Landschaften und Städten mit unermesslichen Kunstschätzen an.</p>
<p>In der Toskana ist Florenz der größte Besuchermagnet, wo die schiere Masse an historischen Bauten die Besucherinnen und Besucher in ihren Bann schlägt. Angepriesen wird die Region in den Reiseführern besonders wegen ihres riesigen Kulturerbes.</p>
<h2>Sienas Kathedrale – ein Gesamtkunstwerk</h2>
<p>Mit Florenz, das als Paradebeispiel einer Renaissance-Stadt gepriesen wird, liegt seit jeher Siena im Wettstreit um die Führungsrolle auf politischer, wirtschaftlicher oder auch künstlerischer Ebene. Auf jeden Fall gilt Siena als eine der schönsten Städte der Toskana. Und wer einmal das Ensemble der historischen Gebäude erlebt hat, wird von dem faszinierenden Eindruck unweigerlich in den Bann geschlagen. „Wenn man in Siena ist: Atemberaubend und erschlagen von Prunk, Kirche, Geschichte, Faszination und Schönheit“, schreibt ein Besucher begeistert im Netz. Nicht umsonst gehört die historische Altstadt seit 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Universität Siena ist eine der ältesten Italiens.</p>
<p>Das Wahrzeichen der Stadt ist der mächtige Dom mit seiner mit schwarzen und weißen Streifen gestalteten Außenfassade. Die Bauphase dauerte insgesamt 200 Jahre. Als eine der Besonderheiten des Doms wird der Boden beschrieben. Er besteht aus Tafeln mit Intarsien aus Marmor. Sie zeigen Figuren und Szenen aus dem Alten Testament. Die Fertigstellung dieses weltweit einmaligen Prunkstücks dauerte sechs Jahrhunderte vom 14. bis zum 19. Jahrhundert.</p>
<p>Die prunkvolle Ausstattung bei einem Besuch zu erfassen, ist nahezu unmöglich, selbst im Falle einer kundigen Führung. Die Kathedrale ist ein Gesamtkunstwerk. Dessen Bedeutungshorizont hat der Philologe Friedrich Ohly ausgeleuchtet. In beeindruckender Weise zeigt er auf, dass jedes Detail in der Kathedrale seinen festen Ort hat. Es würde an anderer Stelle seinen Sinn verlieren.</p>
<h2>Signifikanz der Dinge in Welt und Schrift</h2>
<p>Das Verdienst des 1996 verstorbenen Wissenschaftlers ist es, die mittelalterliche Lehre von der Signifikanz der Dinge in Welt und Schrift, die Allegorese, als einen zentralen Ansatz der Interpretation und als Gegenstand interdisziplinärer Grundlagenforschung an der Universität etabliert zu haben. Nach seiner Rückkehr aus neunjähriger russischer Kriegsgefangenschaft verfolgte Ohly ab 1953 konsequent diese Forschungsrichtung. Nach seinem Ruf an die Universität Münster 1964 bildete er dort seinen eigenen Forschungsschwerpunkt aus, die mittelalterliche Bedeutungsforschung.</p>
<p>Wenn auch nicht alle Ergebnisse dieser Bedeutungsforschung auf Zustimmung bei den Fachkollegen stoßen, lohnt die Beschäftigung mit Ohlys Interpretation der Gestaltung der Kathedrale von Siena allemal, weil er einen theologischen Horizont eröffnet, der die Weite mittelalterlichen Denkens zeigt, die uns auch heute noch vielfache Anregung geben kann. Seiner Interpretation liegen die Grundzüge der mittelalterlichen Bedeutungslehre zugrunde.</p>
<h2>Theologisch-spirituelle Ordnung statt museales Durcheinander</h2>
<p>„Das vermeintlich perspektivlose Mittelalter hat die eigene, ihm gemäße Art der Perspektive in der Transparenz des Seienden“, schreibt Ohly. Sie leite vom Fundament zum Gewölbe, vom Irdischen zum Himmlischen. „Ihr Wesen ist nicht Verkürzung, sondern Weitung ins Erhabene. Sie relativiert nicht durch einen irdischen Blickpunkt, sondern richtet auf das Absolute aus, macht das Geschaffene auf das Ewige hin transparent. Sie ist nicht physiologisch-visueller, sondern theologisch-spiritueller Art und bestimmt als solche die Kunst der Erhabenheit“ (alle Zitate aus: F.O.: <em>Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung</em>. Darmstadt 1977).</p>
<p>Aus diesen Grundsätzen heraus erschließt Ohly die Kathedrale. „Die Kathedrale von Siena zeigt … die Unvertauschbarkeit des Ortes der Befindlichkeit der Kunstwerke im Raum, wo sie nicht Ornament, sondern Ordnungsglieder einer geistigen Welt sind. Ihr Kosmos würde ein Chaos, dächte man sie umzustellen und umzuhängen wie im Museum“.</p>
<h2>Raum und Geschichte</h2>
<p>Vor diesem Hintergrund ordnet Ohly die Bedeutung des Fußbodens ein. „Wer über den Boden geht, wandert über den Zeitraum der bekannten geschichtlichen und räumlichen Welt der Alten, so Ohly. Und er fügt hinzu: „Der Fußboden bis zur Schwelle des Altares ist das aufgeschlagene Buch der Vorgeschichte Christi als des tragenden Grunds und Fundaments der Kirche.“</p>
<figure id="attachment_5962" aria-describedby="caption-attachment-5962" style="width: 290px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Siena.Duomo_.pulpit03.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-5962 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Siena.Duomo_.pulpit03-300x286.jpg" alt="" width="300" height="286" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Siena.Duomo_.pulpit03-300x286.jpg 300w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S41_Siena.Duomo_.pulpit03.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption id="caption-attachment-5962" class="wp-caption-text">Löwen stützen die Säulen der achteckigen Kanzel. (Foto: JoJan, <a href="http://commons.wikimedia.org" class="autohyperlink">commons.wikimedia.org</a>, CC BY-SA 3.0)</figcaption></figure>
<p>Der Fußboden als der Boden des Gesetzes sei der Boden auch des Buchstabens, des tötenden, über den die Kirche im Raum des lebendig machenden Geistes sich zu erheben hat, auch als Gebäude, so Ohly. Mit dem Übergang vom „heidnischen“ Langhaus zum „jüdischen“ Vorraum des Altars werden die Wortprophetien des Hermes und der Sybillen abgelöst durch die typologischen Realprophetien aus der jüdischen Geschichte des Alten Testaments. Elias, Moses, David, Abraham sind handelnde, nicht redende Propheten, deren Taten – Kämpfe, Wunder und Gottesdienst im Opfer – das Leben der Kirche präfigurieren konnten.“</p>
<h2>Bedeutung im Detail</h2>
<p>Jedes Detail erschließt sich Ohly aus der Perspektive der Bedeutungsforschung. Über den Säulenkapitellen, in einem höheren Rang, getragen von den Kardinaltugenden, den theologischen Tugenden, Propheten und einer Sybille, vertritt der Kanzelkörper die heilsgeschichtliche Zeit der Kirche von Christi Geburt bis zum Jüngsten Gericht“, erläutert der Wissenschaftler.</p>
<p>Auch die Wahl der Zahlen ist laut Ohly nicht zufällig. „Die Zahl 172 der hier zu sehenden Päpste ist idealtypisch. Hundert ist die Zahl der Vollkommenheit, zweiundsiebzig die Zahl der Völker auf der Erde. Es kann kein Zufall sein, dass auch die Pfeiler des Langhauses zwischen Basis und Kapitell in der Regel 72 schwarze und weiße Marmorstreifen haben und die gleiche Streifenzahl in Weiß und Grün am Campanile wiederkehrt“. So erschließt sich Ohly Zug um Zug die Kathedrale und nimmt seine Leser mit auf die Reise in eine faszinierende Welt der Bedeutungen und Sinnzusammenhänge.</p>
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		<title>Die Qual der Wahl in einer Welt des Wandels</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Aleida Assmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 15:12:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestagswahl]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Angesichts der Großwetterlage des globalen und planetarischen Wandels brauchen wir einen Wandel, der bei uns selbst anfängt. Was bedeutet das für den Entscheidungsspielraum, der sich mit der kommenden Wahl öffnet?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>16 Jahre Merkel-Kurs haben den deutschen Wählern eine einzigartige Komfortzone beschert. Das Erfolgsrezept lautete: Beständigkeit durch subkutanen Wandel. Mit der kommenden Bundestagswahl öffnet sich ein neuer Entscheidungsspielraum.</p></blockquote></div>
<p>Die ideellen Spannungen innerhalb der großen Koalition wurden nicht neutralisiert, sondern in der Mitte der Gesellschaft umgesetzt, was einen breiten Konsens über parteipolitische Interessen hinweg ermöglicht hat. Jetzt muss eine neue Entscheidung her, und das in einer Gesellschaft, die in Blöcke zerfallen ist und sich in ihren Werten immer mehr spaltet. Die Wahl ist damit wieder zum Wagnis geworden. ‚Keine Experimente!‘ warnte Adenauer, ‚Mehr Demokratie wagen!‘ konterte Willy Brandt, der zum Jahreswechsel 1970/71 allen Deutschen „Geborgenheit im gesicherten Fortschritt!“ wünschte. Davon sind wir heute meilenweit entfernt, denn der Wandel, der einmal Fortschritt hieß, ist einem ganz anderen Wandel gewichen. Da wir jetzt vor diesem Hintergrund zu wählen haben, rufe ich ihn hier in Umrissen noch einmal kurz in Erinnerung.</p>
<p>2015 wurde zum ‚Sommer der Migration‘. Diese Vergangenheit ist Gegenwart geblieben, denn die ikonischen Bilder von Migranten, die an europäischen Grenzen um Aufnahme bitten, begleiten uns weiterhin. Das bedeutet, dass der Begriff der ‚Globalisierung‘ zweischneidig geworden ist. Er steht nicht mehr nur für ein kosmopolitisches Ideal der Überschreitung von Grenzen oder ein neoliberales Ideal der Ausdehnung von Macht und Kapital, sondern zunehmend auch für weltweite Destabilisierungen und das Leid von Menschen, die durch Kriege, Hunger und Dürren gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und anderswo Schutz und eine neue Existenz zu finden.</p>
<p>2016 folgten weitere Zeichen des Wandels: das Brexit-Referendum im Juni und die Trump-Wahl im November. Der neue Nationalismus in der EU und ein persönlicher Politikstil, der <em>fake news</em> zum Dogma erhob, fand im Kontext eines noch viel größeren Wandels statt. Im selben Jahr verkündeten Wissenschaftler das ‚Zeitalter des Anthropozäns‘. Die westliche Zivilisation war ja stets darauf ausgerichtet, mit Begriffen wie ‚Fortschritt‘ oder ‚Modernisierung‘ Wandel zu forcieren. Als ‚Umwelt‘ dieses aktiven Wandels erleben wir inzwischen jedoch einen viel umfassenderen Wandel, den in dieser Form niemand angestrebt hat. Die Menschheit ist dabei zu einer Überlebens-Notgemeinschaft geworden, von der abhängt, ob es überhaupt noch weiterhin eine Zukunft auf diesem Planeten geben wird. Unter den Rahmenbedingungen des beschleunigten globalen Wandels und der engen Verflechtung von Mensch und Umwelt dürfen wir vor allem eines nicht mehr: so weitermachen wie bisher. Denn das größte Risiko liegt heute im Unterlassen.</p>
<p>Angesichts dieser Großwetterlage des globalen und planetarischen Wandels brauchen wir einen Wandel, der bei uns selbst anfängt. Was bedeutet das für den Entscheidungsspielraum, der sich mit der kommenden Bundestagswahl öffnet? Eins ist jetzt schon klar. Es gilt nicht mehr das traditionelle Muster zwischen den Befürwortern eines Status Quo, den sogenannten <em>Konservativen</em> als Verteidigern des Bekannten und Bequemen einerseits und den <em>Modernisierern</em> andererseits als Entdeckern des Neuen und Befürwortern von Veränderung um jeden Preis. Dieses alte Muster zerschellt an der Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit des dramatischen Wandels, in dem wir uns alle längst befinden. Seit globaler und planetarischer Wandel unser Schicksal und unser aller Verantwortung geworden ist, steht eine ganz andere Frage zur Wahl: Wollen wir diesen unkontrollierten Wandel weiterhin begünstigen bzw. passiv erleiden, oder wollen wir möglichst viele Kräfte mobilisieren, um ihn aktiv und solidarisch mitzugestalten?</p>
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		<title>Über die Aufgabe, das Digitale zu demokratisieren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Aug 2021 14:59:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 3, August 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
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					<description><![CDATA[Dass die Erschaffung einer Superintelligenz unausweichlich sei, um die Welt definitiv zu retten, glauben die Propagandisten der „kalifornischen Ideologie“. Der Mensch, wie wir ihn kennen, ein Auslaufmodell. Das Buch „Prinzip Mensch“ ist ein Versuch, vom Gegenteil zu überzeugen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>Nicht um die Digitalisierung der Demokratie müssen wir uns zuerst kümmern,<br />
sondern um die Demokratisierung des Digitalen. (Frank-Walter Steinmeier)</em></p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dass die Erschaffung einer Superintelligenz unausweichlich sei, um die Welt definitiv zu retten, glauben die Propagandisten der „kalifornischen Ideologie“. Der Mensch, wie wir ihn kennen, ein Auslaufmodell. Das Buch „Prinzip Mensch“ ist ein Versuch, vom Gegenteil zu überzeugen.</p></blockquote></div>
<p>Tom Hillenbrand ist Journalist. Und schreibt spannende und in Sachen Künstliche Intelligenz, Big Data und digitale Netzinfrastruktur kenntnisreiche Sciencefiction und Kriminalromane. Sie spielen in nicht allzu ferner Zukunft, was ihren besonderen Reiz ausmacht für jüngere und mittelalte Leser*innen. Denn diese haben die Chance, den möglichen Genuss bzw. die Unannehmlichkeiten einer hochentwickelten technischen Zivilisation noch an sich selbst zu erfahren, für die die ideologischen, wissenschaftlich-theoretischen und technologisch-praktischen Grundlagen bereits heute erdacht sind, erprobt und weiter erforscht werden. Stichworte: Silicon Valley, Internet, Quantencomputer, KI. Hillenbrands aufeinander aufbauende SciFi-Romane <em>Hologrammatica</em> und <em>Qube</em> nehmen ihren Lauf infolge eines Vorfalls mit der Künstlichen Intelligenz (KI) im Jahr 2048, die die Menschheit eingesetzt hat, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Da der von der KI eingeschlagene (Aus-)Weg aber aus ethischen Gründen nicht akzeptabel erscheint, beginnt eine Auseinandersetzung mit einer aus der Kontrolle geratenen Maschinenintelligenz. Die technischen Abläufe verselbständigen sich und werden undurchsichtig…</p>
<h2>Das Auftreten der Singularität</h2>
<p>2045 ist das Jahr, in dem es so weit sein soll, in dem nach der Theorie von Ray Kurzweil (US-amerikanischer Futurist und Chefentwickler von Google) die „Singularität“ eintritt: Von da an soll eine starke Künstliche Intelligenz auf den Plan treten, die der Intelligenz des Menschen sowohl in allen Belangen überlegen sei als auch sich selbst verbessern und erzeugen könne. Der Traum der Erlösung des Menschen durch überragende technologische Macht werde Wirklichkeit, ein Transhumanismus zeichne sich ab, der sich auf die Schlüsseltechnologien Genetik, Nanotechnik und Robotik gründe und schließlich die Sterblichkeit des Menschen überwinde. Denn alle Probleme seien – schon in naher Zukunft – durch Technik und den heutigen Computern weit überlegene Quantencomputer lösbar.</p>
<p>Hillenbrand hat sich ganz offenkundig von den Ideen der Forscher aus dem Silicon Valley für seine Romane inspirieren lassen, ohne ihnen belletristisch zu verfallen. Denn bei ihm hat die Menschheit immer wieder ein Ass im Ärmel. Dass es erst gar nicht so weit kommen möge, ist das Ziel von Paul Nemitz und Matthias Pfeiffer in ihrem Buch <em>Prinzip Mensch. Macht, Freiheit und Demokratie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.</em> Die beiden Autoren setzen sich mit den „schrecklichen Fünf“, den hinter diesen Entwicklungen stehenden digitalen Giganten Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft (kurz GAFAM) auseinander und unterziehen die „kalifornische Ideologie“ einer fundamentalen Kritik (alle folgende Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf dieses Buch).</p>
<h2>Aus der Technologieentwicklung soll sich der Gesetzgeber raushalten</h2>
<p>Nemitz, Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung und leitend an der Erarbeitung der EU-Datenschutzgrundverordnung beteiligt, und Pfeiffer, Philosoph und Journalist sowie Entwickler von TV-Wissenschaftsformaten, warnen eindringlich vor einem rechtlich nicht oder kaum regulierten, nur an seine immanenten Gesetzmäßigkeiten gebundenen digitalen Fortschritt. Nach dem Willen der Entwickler, Unternehmer und Ideengeber des Silicon Valley sollen sich Cyberspace und Internet selbst regulieren dürfen, weil nur so Innovationen und die mit ihnen erhofften paradiesischen Verhältnisse schnell Wirklichkeit werden könnten. Um ihre Interessen durchzusetzen, unterhalten die superreichen GAFAM-Unternehmen in den USA und Europa ein Heer von Lobbyisten, die auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen, und finanzieren Thinktanks, die auf den intellektuellen Diskurs und die öffentliche Meinungsbildung einwirken. Einer der einflussreichsten Apologeten dieser Selbstregulierung ist John Perry Barlow: „Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft …: Lasst uns in Ruhe! … Wir glauben, dass unsere Regierungsweise sich aus Ethik, aufgeklärtem Eigeninteresse und Gemeinwohl eigenständig entwickeln wird“ (S. 102).</p>
<p>Gegen diese techno-libertäre Grundhaltung, die für sich systemtheoretische, kybernetische und neoliberale Argumente ins Feld führt, plädieren die beiden Autoren für eine Technologie, deren Algorithmen und Programmierungen so zu gestalten seien, dass Menschenwürde, individuelle Selbstbestimmung, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und eine sozial eigehegte Marktwirtschaft der technologischen Macht Grenzen setzen. Denn die Grundtendenz von GAFAM läuft auf den Versuch hinaus, einen einseitigen Freiheitsbegriff im profit- und herrschaftsorientierten Eigeninteresse zu etablieren. Wohin der allein gewollte ökonomische <em>free flow</em> führt, ist bereits heute zu beobachten: „Ein guter Teil des Cyberspace … besteht aus E-Commerce“ und einem „Sumpf aus Hate Speech, Fake News und Blasenbildung“ (S. 108), das ursprüngliche Ideal einer freien Meinungsbildung hat sich weitgehend erledigt. Bei dem Silicon Valley-Großinvestor Peter Thiel liest sich die Reduktion der Freiheit auf unternehmerische Handlungsfreiheit so: „Vor allem aber glaube ich nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind“ (S. 109). Mit dem Aufstieg von GAFAM ist aus dem Internet in erster Linie ein Geschäftsmodell geworden, das dem „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ (so das gleichnamige Buch der amerikanischen Wirtschaftsprofessorin Shoshana Zuboff) zugrunde liegt. Dessen Rohstoff ist menschliches Verhalten. Aus den digitalen Spuren, die wir als Nutzer im Netz hinterlassen, werden Daten, aus denen wiederum Persönlichkeitsprofile und voraussagbares Verhalten errechnet werden. Eine dafür entwickelte und eingesetzte KI würde erst recht eine „Asymmetrie von Wissen und Macht im Verhältnis Mensch-Konzern“ herbeiführen, „was schließlich bei den Konzernen zu gewaltigen Profiten führt, aber auch das Ende von Freiheit und Demokratie bedeuten kann“ (S. 73).</p>
<h2>Dataismus und Spanner-Ökonomie</h2>
<p>Big Data als das Sammeln aller erreichbaren persönlichen Daten ist sozusagen die Futterstelle für das Machine Learning, das eine Grundlage von KI darstellt. Es ist dadurch definiert, „schwierige Probleme… ohne eindeutige Vorgaben zu lösen“, während herkömmliche Algorithmen „das Modell zur Problemlösung vor(ge)geben“ (S. 44). Die fundamentale Gefahr dabei ist, dass der Mensch zu seinem eigenen Totengräber wird. Aus seiner Selbstbestimmung wird zunächst die Pflicht zur Selbstoptimierung, indem er als Cyborg existiert und schließlich im Transhumanismus überwunden und zum Sklaven der Maschine wird. Das Prinzip Mensch, das nach dem Aufklärer Immanuel Kant darin besteht, dass das Individuum stets Zweck und nie Mittel ist, soll überwachungskapitalistisch und technologiepolitisch überstiegen werden.</p>
<p>Das Buch von Nemitz/Pfeiffer ist dagegen ein philosophisch, kommunikationstheoretisch, rechts-, bildungs- und wirtschaftspolitisch argumentierender Appell an seine Leser*innen, das Menschliche zu bewahren und zu verteidigen. Sie sehen die gemeinsame Grundlage der durchaus sehr unterschiedlichen Geschäftsmodelle von GAFAM im (rechtlich unzureichend regulierten) Internet. Je mehr Menschen im Netz unterwegs sind und je größer das Datenvolumen, das auf den von GAFAM beherrschten und in den USA befindlichen (und deren Gesetzgebung unterliegenden) Cloud-Speichern anfällt, um so größer die Möglichkeit, eine „Spanner-Wirtschaft“ (Al Gore 2013 über Google und Facebook) zu betreiben, die Nutzer zu stalken. Die Idee und die Praxis ist es, den Nutzern nachzustellen, sie zu manipulieren und auszubeuten. Um so mehr Bedeutung kommt der Weiterentwicklung der Cloud Gaia-X zu, um die technologischen Pfade für eine europäische digitale Souveränität zu ebnen.</p>
<h2>Instrumentelle Vernunft und Werte begründende, selbstbestimmte Vernunftleitung</h2>
<p>Um einen totalitären Technokapitalismus in US-amerikanischer Gestalt zu verhindern, wenden Nemitz und Pfeiffer sich insbesondere an das Verantwortungsgefühl von Ingenieur*innen und Programmierer*innen und schlagen die Einführung einer „Staatsprüfung“ vor. In dieser sollten sie „ihre Kenntnisse über das Zusammenwirken von Technologie, Demokratie, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit“ (S. 345) nachweisen. Mit dem Soziologen Heinrich Popitz stimmen sie darin überein, dass „der Angelpunkt jeder Machtkontrolle in modernen Gesellschaften … die Kontrolle technischen Handelns“ ist (S. 23). Sie arbeiten die quasi-religiöse Allmachtsphantasie der kalifornischen Ideologie im Begriff des Dataismus heraus, für den „Sein nichts anderes als Daten ist“, wobei der „Datenspender Mensch in Information verwandelt … und durch Algorithmen bearbeitet und verfügbar gemacht werden“ (S. 150) kann. Wie eine Maschine sei auch der Mensch im Prinzip determiniert und nichts anderes als ein informationsverarbeitendes System nach dem Rückkoppelungseffekt der Kybernetik (Norbert Wiener), der den zukünftigen Soll- aus dem vergangenen Ist-Zustand heraus steuert. Das Schicksal des Einzelnen im Griff der Prädestination einer allwissenden und alles voraussehenden Suchmaschine, die auf Googles Webseite als „wirklicher Gott“ gefeiert wurde. Eine rein instrumentelle Vernunft ersetzt die eigene Vernunftleitung des sich selbstbestimmenden Individuums. Sie hat die Werte suchende und begründende, räsonierende Vernunft verdrängt. Dieser „Geist des Cyberspace“ hätte allerdings nichts gemein mit dem Geist, den der Gott der Bibel dem Menschen als seinem Ebenbild eingehaucht und zum <em>Cooperator Dei</em> auserkoren hat.</p>
<h2>Strukturen der öffentlichen Meinungsbildung</h2>
<p>Dem Gegenentwurf, dass das Netz prinzipiell Mittel einer Zwei-Wege-Kommunikation für demokratisch reife und aufgeklärte, sich bildende und ernsthaft in einen öffentlichen Diskurs miteinander tretende Staatsbürger*innen sein könnte, widmen die Autoren in Anknüpfung an Jürgen Habermas ein ausführliches Kapitel. Habermas untersucht die entscheidende Rolle einer funktionierenden Öffentlichkeit für die Demokratie und eines unabhängigen qualifizierten Journalismus der „stetige(n) Kommentierung und Kritik“ (S. 192). Dabei gilt eine freie Publizistik (Presse/Massenmedien/Verlagswesen) als vierte Gewalt in der Demokratie. Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum sollen durch die grundgesetzlich garantierte Pressefreiheit hergestellt werden. Journalisten*innen, die ihr „Handwerk“ gelernt und einem ethischen Codex verpflichtet sind, liefern den täglichen Nachrichtenstoff aus geprüften Quellen, achten auf objektive Berichterstattung, trennen davon ihre subjektive Kommentierung und sorgen so für das Zeitgespräch der Bürger*innen.</p>
<p>In dieser (hier etwas knapp und idealisiert dargestellten) Struktur der Öffentlichkeit haben Letztere zwar nur den Status der Rezipienten aufgrund der One-to-many-Kommunikation, sind also Empfänger der <em>veröffentlichten</em> Meinung. Erreicht wird so aber ein breites Publikum mit gleichartiger Berichterstattung, deren Inhalte dann gemeinsam diskutiert werden. Vermittels dieser Resonanz bildet sich eine <em>öffentliche</em> Meinung. Die freie Presse tritt so verbindend und kontrollierend zwischen das Volk und Parlament und Regierung.</p>
<p>Social Media, die Distribution von Nachrichten jeden Inhalts und jeder Form durch das Internet (Many-to-many-Kommunikation), hat die so strukturierte Öffentlichkeit schon sehr aufgeweicht und prekär verändert. Krassestes Beispiel: Donald Trump und seine lügenhaften, hasserfüllten, das Volk polarisierenden, keiner Objektivität und Ausgewogenheit verpflichteten Tweets über Twitter, Facebook und Instagram direkt an seine Follower*innen, und die (rechtlich fragwürdige!) Retourkutsche dieser Kommunikationsdiensteanbieter, die Accounts des ehemaligen Präsidenten nach der Belagerung des Kapitols am 6. Januar zu sperren. Die Plattformen fördern die Bildung von Meinungsblasen anstelle gemeinsam geteilter Inhalte und bevorzugen durch ihre geheimen Algorithmen emotionalisierende Einlassungen. Die „scheinbar dezentralen Netzwerkstruktur des Internets“, resümieren Nemitz/Pfeiffer, „nutzen rechte Parteien und Populisten“ heute am wirkungsvollsten, sodass „Demokratie so in den Zangengriff von Technologie und Populismus“ gerät. Schuld seien „protokollierende und Informationsströme organisierende Anbieter…, die zunächst die Überwachung und dann die Vermarktung der Teilnehmer, ihrer Kommunikation und ihres gesamten lebensweltlichen Verhaltens ermöglichen“ (S. 198/199).</p>
<h2>Der Mensch ist mehr als eine kybernetische Maschine</h2>
<p>Kontrolle des Verhaltens in einer durchdigitalisierten Welt, die so weit geht, dass mit <em>prädiktiven</em> Algorithmen kriminelles oder nicht zu bestimmten machtpolitischen Interessen passendes Verhalten eines Einzelnen aufgrund seines errechneten Persönlichkeitsprofils <em>vorhergesagt</em> und prophylaktisch verhindert werden kann, indem man einen vermeintlichen Delinquenten/Abweichler aus dem Verkehr zieht, obwohl er noch gar nichts getan hat? Genau diese Möglichkeit ist das moralische Thema des eingangs erwähnten Tom Hillenbrand in seinem Krimi <em>Drohnenland</em>. Hier sind es EU-Parlamentarier, deren Abstimmungsverhalten zu einem neuen Vertrag über das Staatenkollektiv sich <em>trotz</em> aller KI (namens „Terry“ = Teiresias, der blinde Seher aus der griechischen Mythologie) nicht zuverlässig berechnen lässt. Hillenbrand begründet dies mit der „Markov-Anomalie“, die er als Romancier nicht erläutern muss; aber was er verteidigen will, ist klar: Das <em>Prinzip Mensch, das</em> allein mathematisch eben nicht erfassbar ist. Es ist eine Absage an den „mathematischen Idealismus“ der kalifornischen Ideologie, in dem das Universum nichts anderes als ein „riesiger Quantencomputer“ (S. 116) sei.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Paul Nemitz / Matthias Pfeiffer: <em>Prinzip Mensch. Macht, Freiheit und Demokratie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.</em> Verlag J.H.W. Dietz 2020, 432 Seiten, 26,00 Euro</p>
<p>Tom Hillenbrand: <em>Hologrammatica</em>; Ders.: <em>Qube</em>; Ders.: <em>Drohnenland</em>. Alle erschienen bei: Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, auch als Taschenbuch und E-Book erhältlich.</p>
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