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	<title>evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Der Mensch der Zukunft – Hintergründe, Ziele und Probleme des Human Enhancement</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:08:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Human Enhancement]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Was ist der perfekte Mensch? Für manche ist es ein leistungsfähiger Sportler, für andere eine Person mit Superhirn. Anderswo ist der perfekte Kämpfer gefragt. In Science-Fiction-Filmen werden solche Möglichkeiten auf phantastische Weise ausgelotet. Schaut man ältere Filme an, stockt einem manchmal der Atem, weil manches, was da inszeniert worden ist, heute schon fast Realität ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1727 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Mensch-der-Zukunft-213x300.jpeg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Mensch-der-Zukunft-213x300.jpeg 213w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Mensch-der-Zukunft.jpeg 482w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" />Herausgegeben von Udo Ebert, Ortrun Riha und Lutz Zerling. Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse. Band 82, Heft 3. ISBN 978-3-7776-2384-9, 44 EUR.  </strong></p>
<p>Was ist der perfekte Mensch? Für manche ist es ein leistungsfähiger Sportler, für andere eine Person mit Superhirn. Anderswo ist der perfekte Kämpfer gefragt. In Science-Fiction-Filmen werden solche Möglichkeiten auf phantastische Weise ausgelotet. Schaut man ältere Filme an, stockt einem manchmal der Atem, weil manches, was da inszeniert worden ist, heute schon fast Realität ist.</p>
<p>So ist es inzwischen möglich, den Nachwuchs auf bestimmte Merkmale hin zu optimieren. Gentechnisch lässt sich da bereits einiges machen. „Human Enhancement“ nennt man das heutzutage. Der englische Begriff steht in der Neuroethik für die Verbesserung der Fähigkeiten des Menschen. Damit hat sich eine Tagung befasst, bei der Wissenschaftler der unterschiedlichsten Themen zusammengekommen sind unter dem Motto „Der Mensch der Zukunft“.</p>
<p>Bei den Soziologen Hartmut Rosa und Jörg Oberthür geht es um Human Enhancement in der beschleunigten Moderne. Der Philosoph und Theologe entwickelt theologische Perspektiven zum Thema. Aspekte aus Sport, Medizin, Technik, Rechtswissenschaft, Ökonomie und Anthropologie kommen dazu. Der Tagungsband spannt einen großen Bogen.</p>
<p>Das ist auch wichtig. Schließlich nimmt der Mensch mit Human Enhancement seine Evolution in die eigenen Hände. Kognitionswissenschaft, Informationstechnologie, Bio- und Nanotechnologie wirken zusammen, um den Menschen leistungsfähiger zu machen. Das alles ist nicht Science Fiction, sondern in Theorie und Praxis bereits weitgehend Realität. Angesichts dieser rasanten Entwicklung sind viele ethische Fragen offen geblieben. Ist der bessere auch der glücklichere Mensch? Gibt es Grenzen des Erlaubten? Auf solche Fragen suchen die Tagungsteilnehmer eine Antwort.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Organspende braucht einen anderen Ausweis</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andrea Wenz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:06:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Organspende]]></category>
		<category><![CDATA[Organspendeausweis]]></category>
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					<description><![CDATA[Wussten Sie, dass in Deutschland ca. 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan warten und trotzdem Zweidrittel der Bevölkerung keine Bereitschaft zur Organspende zeigt? Die Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) haben angesichts dieser Situation jetzt eine Kampagne für einen anderen Organspende-Ausweis gestartet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wussten Sie, dass in Deutschland ca. 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan warten und trotzdem Zweidrittel der Bevölkerung keine Bereitschaft zur Organspende zeigt? Die Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) haben angesichts dieser Situation jetzt eine Kampagne für einen anderen Organspende-Ausweis gestartet.</p></blockquote></div>
<p>Wie lässt sich der Rückgang der Organspenden erklären? Im Januar 2014 erklärte Bruno Meister, Präsident Eurotransplant, dass der aktuelle Nachlass keineswegs auf die rückläufige Spendebereitschaft zurückzuführen sei, sondern auf die gesunkene Bereitschaft von Ärzten, sich für Organspende zu engagieren. Weiter verschärft wird die Angebotslage dadurch, dass immer mehr Menschen Patientenverfügungen haben, in denen sie festlegen, dass sie am Ende ihres Lebens keine intensivmedizinischen Maßnahmen wollen, sondern nur palliativmedizinische Betreuung. Damit aber kommen viele potentielle Spender gar nicht erst in die Situation einer möglichen Spende. Denn hirntot werden bzw. genauer gesagt bleiben kann ein sterbender Mensch nur <em>entweder </em>auf der Intensivstation, wenn er bereits intubiert ist und künstlich beatmet wird, <em>oder</em> nach einem Unfall etwa, wenn die künstliche Beatmung innerhalb weniger Minuten nach Eintritt des Hirntodes einsetzt.</p>
<h2>Hirntod – der Tod des Menschen?</h2>
<p>Wenn alle Teile des menschlichen Gehirns irreversibel ausfallen, spricht die Medizin vom Hirntod, wobei die Todesdefinition Hirntod bis heute umstritten ist. Vor gut zehn Jahren sorgten die Forschungsergebnisse des amerikanischen Neurologen Alan Shewmon für heftige Diskussion: Bis zu 14 Jahren konnten hirntote Menschen mit künstlicher Beatmung überleben, verdauen, ausscheiden, Geschlechtsreife entwickeln, so seine Beobachtungen. Bis 2003 wurden zehn Schwangerschaften von hirntoten Frauen über Monate aufrechterhalten und diese dann von gesunden Kindern entbunden. Akzeptieren wir die auch im naturwissenschaftlichen Bereich zunehmend Raum greifende Erkenntnis, dass Hirntote keine Leichen, sondern sterbende Menschen sind, dann bedeutet das: Bei der Explantation von Organen von Hirntoten werden diese Organe einem lebenden menschlichen Individuum entnommen. Für Organtransplantationen gilt aber – sofern es sich nicht um Lebendspenden handelt – die <em>dead-donor-rule</em>, die so genannte Tote-Spender-Regel. Das heißt: Organe dürfen erst nach dem Tod der Spenders explantiert werden  – und der Tod wird in Deutschland festgestellt, wenn zwei Ärzte im Abstand von 24 Stunden unabhängig voneinander den Hirntod diagnostiziert haben.</p>
<p>So einfach ist das, glauben viele, wenn sie einen Organspende-Ausweis unterschreiben. Die EFiD und viele andere denken aber, dass es so einfach nicht ist.</p>
<p>Darum fordern sie einen breiten gesellschaftlichen Diskurs zum Hirntodkonzept als Grundlage der Transplantationsmedizin in Deutschland – <em>und</em> die Definition des Todes im Transplantationsgesetz. Statt einseitiger Information wollen die Evangelischen Frauen eine umfassende, ergebnisoffene und der Tragweite der Entscheidung angemessenen Information zur Organspende und eine ausreichende Beantwortung offener Fragen.</p>
<h2>Der „andere“ Organspende-Ausweis ist anders&#8230;</h2>
<p><strong>…weil er zwischen Hirntod und Tod unterscheidet</strong></p>
<p>Voraussetzung für die Organspende ist der Hirntod, Gewebe hingegen können Leichen auch Stunden nach dem Eintritt des Todes entnommen und – aufbereitet und konserviert – für Transplantationen verwendet werden. Gewebe werden aber, anders als Organe, zum Teil auch zu Arzneimitteln weiterverarbeitet. Um dies deutlich werden zu lassen, bietet die EFiD zwei Ausweise in einem Formular: einen für die Organspende und einen für die Gewebespende.</p>
<p><strong>…weil er die Möglichkeit bietet, der Organentnahme nach Hirntod unter der Bedingung einer Vollnarkose zuzustimmen</strong></p>
<p>Bei drei von vier Hirntoten treten Bewegungen von Armen und Beinen auf. Diese sogenannten Lazaruszeichen werden in Deutschland bei den Organspendenden in der Regel mit Medikamenten zur Muskelentspannung unterbunden, weil sie die Entnahmeoperation stören. Bewusstsein und Schmerzempfinden werden jedoch nicht medikamentös ausgeschaltet. Weil aber niemand mit letzter Sicherheit ausschließen kann, dass Spender während der Organentnahme noch Schmerzen empfinden können, sollte Organentnahme grundsätzlich unter Vollnarkose erfolgen. Medizinisch steht dem nichts entgegen. Aus vielen Diskussionen weiß man: Eine Vollnarkose – und damit die Sicherheit, dass die Spendenden bei der Entnahmeoperation keine Schmerzen haben – würde vielen die Entscheidung zur Organspende erleichtern.</p>
<p><strong>…weil er auch die Belange Angehöriger berücksichtigt</strong></p>
<p>Angehörige von Organspendern müssen sich von einem der sinnlichen Wahrnehmung nach Lebenden verabschieden: die Haut ist noch warm, durch die künstliche Beatmung hebt und senkt sich der Brustkorb. Die bekannten Todeszeichen (keine Atmung, kein Herzschlag, kalte Haut, Leichenblässe) sind erst nach der Entnahmeoperation erkennbar. Die Möglichkeit, dem sterbenden Menschen während der Organentnahme persönlich oder stellvertretend etwa durch Seelsorgende oder andere begleiten lassen zu können, wirkt dem in manchen Fällen traumatisierenden Gefühl von Angehörigen entgegen, ihre Liebsten beim Sterben alleingelassen zu haben. Zu wissen, dass bei der Entnahmeoperation ein Mensch nur für den Sterbenden da war, kann bei der Trauerverarbeitung helfen.</p>
<p>Die Evangelischen Frauen in Deutschland sind davon überzeugt, dass ehrliche und ausführliche Informationen Menschen nicht davon abhalten, ihre Spende-Bereitschaft zu erklären. Vielmehr werden sich nur so wieder mehr Menschen bereitfinden, im Falle ihres Hirntodes ihre Organe – und im Falle ihres Todes ihre Gewebe – zum Wohle anderer zur Verfügung zu stellen.</p>
<p>Weitere Informationen zur Kampagne unter: <a href="http://organspende-entscheide-ich.de"><em><u>organspende-entscheide-ich.de</u></em></a></p>
<p><em>Quelle: Evangelische Frauen in Deutschland e.V.(EFiD), 30175 Hannover</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Gehirn ohne Geist?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/theologie-und-neurowissenschaften/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:04:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn]]></category>
		<category><![CDATA[Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Geisteswissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Hirnforschung]]></category>
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		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Hirnforschung versäumt den Austausch mit den Geisteswissenschaften. Technisch sind alle Möglichkeiten da – doch wie umgehen mit all der technologischen Finesse? Zur Verhältnisbestimmung von Gehirn und Geist kann auch die Theologie ihr Scherflein beitragen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Hirnforschung versäumt den Austausch mit den Geisteswissenschaften. Technisch sind alle Möglichkeiten da – doch wie umgehen mit all der technologischen Finesse? Zur Verhältnisbestimmung von Gehirn und Geist kann auch die Theologie ihr Scherflein beitragen.</p></blockquote></div>
<p>Bei der Sommeruniversität in Tübingen – eine Art Sendung mit der Maus für Erwachsene – hielt der Neuromediziner Ulf Ziemann 2015 einen Vortrag zur Hirnforschung. In der Ankündigung dazu hieß es:</p>
<p><em>Das Gehirn ist ein elektrisches Organ. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Forscher damit, das Gehirn des Menschen durch elektrische Reizung zu aktivieren, seine Funktion zu modulieren, und pathologische Funktion zu therapieren. Der Vortrag gibt Einblicke in viele interessante Experimente, wie nicht-invasive elektrische und magnetische Hirnstimulation unser Verständnis der Hirnfunktionen verbessert haben. Dabei werden Fragen zu Erregbarkeit, […], Lernen und Bewusstsein, aber auch die Behandlung von veränderter Hirnfunktion etwa nach einem Schlaganfall oder bei Epilepsien berührt. </em></p>
<h2>Was kannst du, Hirnforschung?</h2>
<p>Ziemann arbeitet an der Universität mit dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und dem Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) zusammen. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Behandlung von Schlaganfallpatienten. Bilder, die er während des Vortrags zeigt, wie er vor Jahren mit Magnetstimulation im Selbstexperiment forschte, wecken Heiterkeit im Publikum. Man sieht den (späteren) Herrn Professor an einer Art großen Zahnarztstuhl umgeben von allerlei Technik, eine mächtige und etwas klobige Magnetspule ragt in das Foto. Das liegt nun schon einige Zeit zurück.</p>
<p>Das CIN gilt als eines der Vorzeigeprojekte der Hirnforschung und war Teil der Exzellenzinitiative, die 2005 von der Bundesregierung ausgerufen wurde. Gelder fließen derzeit reichlich in die Neurowissenschaften. Im gleichen Maße wie die finanziellen Mittel steigen, wächst das öffentliche Interesse an der neuen Technik. „Hirnforschung, was kannst du?“, fragt die FAZ in einer großen Artikelserie und spürt möglichen Auswirkungen und Anwendungen in Musik und Medizin, Jurisprudenz oder den Sprachwissenschaften nach.</p>
<h2>Große Hoffnungen in der Medizin</h2>
<p>Greifbar sind die Hoffnungen besonders in der Medizin. Wäre es nicht großartig, wenn der Arzt die Stelle im Gehirn lokalisieren könnte, an der epileptische Anfälle ausgelöst werden, und wenn er diesen Auslöser durch Stimulation gewissermaßen stilllegen, auf Dauer ruhig stellen könnte? Wäre es nicht wunderbar, mittels elektrischer Impulse zur Stimmungsaufhellung bei Depressionen beizutragen oder die Depression insgesamt auf Dauer einzuhegen?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Was ist Science Fiction, was reale Möglichkeit?</p></blockquote></div>
<p>Tatsächlich gibt es vielfältige Fortschritte und Anstrengungen. Ulf Ziemann zählt mit seinem Team zu den neurowissenschaftlichen Pionieren und geizt in seinem Vortrag nicht mit aktuellen Einblicken in seine Arbeit.</p>
<h2>Methoden in der Neurowissenschaft</h2>
<p>Früher habe man Probanden für jeden ausgegebenen Magnetstoß noch einige D-Mark extra in die Hand gedrückt, schmunzelt Ziemann, weil das durchaus schmerzhaft war. Heute gehe alles, ohne dass man davon etwas spürt. Durch immer feinere Anpassung bei Impulsdauer und -stärke an die konkrete Verfasstheit des Gehirns zog die Technik in immer neue Anwendungsbereiche ein, sie wurde massentauglich:</p>
<p><strong>EEG</strong></p>
<p>Bei der Messung von Gehirnströmen zählt vieles längst zum Standardrepertoire. Bekanntes Beispiel ist die EEG, die Elektro-Enzephalographie, bei der durch aufgelegte Sensoren auf der Kopfhaut Spannungsunterschiede aufgezeichnet werden. Diese Messung lässt Rückschlüsse auf die verschiedenen Gehirnaktivitäten zu. Viele Arztpraxen sind seit Jahrzehnten dafür ausgestattet.</p>
<p><strong>TMS</strong></p>
<p>Etwas weniger bekannt ist die Transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS. Bei dieser Methode wird mit elektromagnetischen Feldern gearbeitet, die auf kleine und kleinste Hirnareale ausgerichtet werden können. In den 80ern kam verbreitet der Einsatz von Kernspintomographen in Gang, die ebenfalls mit starken magnetischen Wechselfeldern funktionieren. Im Unterschied zur EEG geht es bei der TMS nicht nur um passives Messen, sondern auch um aktives Auslösen von Gehirnströmen.</p>
<p>Generell ist in der Hirnforschung zwischen invasiven und nicht-invasiven Methoden zu unterscheiden. Invasiv sind alle Vorgehensweisen, bei denen physisch in das Gehirn eingegriffen wird, wie das bei Gehirn-Operationen der Fall ist. Nicht-invasiv sind die Methoden, bei denen keinerlei physischer Eingriff nötig ist. Für beide technischen Varianten bietet die Hirnforschung heute eine Vielzahl konkreter Nutzungen.</p>
<h2>Gehirn und Geist</h2>
<p>Bei so viel technischer Innovation konnte nicht ausbleiben, dass die Spekulationen alsbald ins Kraut schossen. Die Fantasien zur Erweiterung des menschlichen Gehirns, Verbesserungen bei der Gedächtnisleistung oder „Genialität auf Knopfdruck“ schienen unbegrenzt. Ob allein in Kombination mit Technik oder als Hirn-Doping in Kombination mit Dreingabe von Substanzen: Der kommerzielle Sektor des „Neuro-Enhancements“, der künstlichen Erweiterung von Gehirnleistungen, präsentiert sich selbstbewusst.</p>
<p>Zudem erscheinen so manche neuartige Geräte auf dem Markt. Die amerikanische Firma Emotiv verkauft auf Basis der EEG ein „Neuro-Headset zur Steuerung des Heim-PC mittels Gedanken“ (749 Euro). Das Gerät, das auf den ersten Blick aussieht wie ein aus dem Raumschiff Enterprise gefallener Design-Kopfhörer, soll laut Hersteller ermöglichen, den Computer mit Befehlen wie „links“ oder „rechts“, „Ziehen“ und „Ablegen“, „Drehen“ usw. zu bedienen. Das Gerät sei zudem in der Lage, Gesichtsausdrücke wie Überraschung oder Lächeln zu erkennen. Hatte nicht IBM schon Ende 2011 prognostiziert, dass innerhalb von fünf Jahren eine „Mind Machine“ entwickelt sei, bei der Menschen via Gehirnwellen mit Computern kommunizieren?</p>
<p>Da stutzt der Laie, und der Fachmann lacht… Was ist daran Science Fiction, was ist reale Möglichkeit? In diesem Zusammenhang ist es dann ganz gut, dass sich in Fachzeitschriften wie „Gehirn und Geist“ blättern lässt, die Technik-Trends sortieren, seriös bewerten und auf populärwissenschaftlichem Niveau erklären. (Die Zeitschrift, die im Verlag Spektrum der Wissenschaft erscheint, bietet neben der regulären monatlichen Ausgabe zwei Sonderreihen: <em>Dossier</em>, zu ausgesuchten Spezialthemen, und <em>Basiswissen, </em>mit Einführungen in die Grundlagen der Neurowissenschaft. Vgl. auch GEO Wissen und andere Fachmagazine.) Beim Klären, was ist Spielerei, was ernsthafte Anwendung, was ist Scharlatanerie, sind fundierte Informationen dringend notwendig.</p>
<h2>Der Mythos vom Gedankenlesen</h2>
<p>Unterdessen überrascht die Fachwissenschaft mit interessanten Auskünften. Dem staunenden Publikum erzählt der Berliner Professor John-Dylan Haynes: „Wir können einfache Gedanken lesen.“ Der Universitätsmediziner vom Bernstein Center for Computional Neuroscience an der Charité, dem nicht zufällig von der Presse der schmückende Beiname „Der Gedankenleser“ angehängt wurde (Süddeutsche Zeitung), beschreibt Verfahren, mit denen im Hirnscanner erkennbare Gehirnmuster den verschiedenen Gedankeninhalten, Motiven oder Handlungsabsichten zugeordnet werden. Man weiß also, was jemand denkt. Eine – wichtige – Einschränkung fügt der Kognitionsforscher jedoch jeweils an: Das gehe nur, wenn zuvor schon einmal die Verknüpfung zwischen einem „Aktivierungsmuster“ und dessen konkretem Inhalt im Scan gemessen und aufgezeichnet wurde&#8230;</p>
<h2>“Wie wäre es mit einem Schuss Gedankenübertragung?“</h2>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Wer lesen kann, kann meist auch schreiben</p></blockquote></div>Doch selbst diese nüchternen Feststellungen kann die Hirnforschung noch überbieten. Denn in aller Regel gilt: „Wer lesen kann, der kann auch schreiben.“ Dass dem so ist, zeigt ein mit einigen Showeffekten angereichertes Experiment, das in der Fachzeitschrift „PLOS One“ beschrieben wurde. Die Forscher lasen per EEG bei einer Person in Indien einfache Gedankeninhalte aus wie „Hallo“ oder „Tschüss“, verschickten die Signale per E-Mail an eine Testperson in Frankreich und induzierten sie dort per TMS. Das Experiment gelang. Der Franzose wusste, ob man sich in Indien gerade begrüßt oder verabschiedet hatte. Bei vergleichbaren Versuchen 2013 an der Washington Universität in Seattle ging es um einfache Computerspiele und das Drücken von Computertasten. Man wird zwar fragen, ob das Drücken einer Taste bereits ein bedeutungsvoller Gedankeninhalt ist. Immerhin zeigt es andererseits, dass die Übertragung von Gehirnimpulsen prinzipiell nicht ausgeschlossen ist.</p>
<h2>Technik: Historische Fortschritte in der Entwicklung</h2>
<p>Vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal eben Durchschnaufen? Tun wir. Und werfen einen Blick zurück auf die historischen Anfänge der Transkraniellen Magnetstimulation. Es war im Jahre 1985 als die erste öffentliche Demonstration der Hirnstimulation in Großbritannien in einem Hörsaal der Universität Cambridge stattfand. Damals noch mit einer jener klobigen Magnet-Spulen, mit denen später auch Ulf Ziemann experimentierte. Auch damals ging es um das Auslösen von Muskelzuckungen durch die elektromagnetische Induktion.</p>
<p>Der kleine Schwenk führt uns zurück zur Sommeruniversität in Tübingen. Professor Ziemann, Mitherausgeber eines umfassenden Fachbuchs zur Hirnstimulation („Das TMS-Buch“, Springer Verlag, 2007), lässt gegen Ende seines Vortrags sichtlich mit Vergnügen einfließen, wie leicht man Technik aushebeln kann: Ein Gläschen Sekt oder ein Glas Wein verhindern elektromagnetische Induktionen maßgeblich. (Der Geist ist eben – so oder so – der Technik überlegen…)</p>
<p>Doch natürlich ist längst alles vielfach fortentwickelt. Die Mediziner sind bei ihren Patienten mittlerweile dazu in der Lage, einzelne Aktionsmuster so zu lokalisieren, dass sie durch andere induzierte Muster gewissermaßen „überlagert“ und damit „unwirksam“ gemacht werden können. Auch die klobigen und unhandlichen Magnet-Spulen sollen zunehmend der Vergangenheit angehören, um smarteren und noch exakteren technischen Lösungen Platz zu machen.</p>
<h2>Fehlende Visionen</h2>
<p>Doch während sich das Spektrum technischer Anwendungen weitet, droht der Hirnforschung von anderer Seite Erosion. Das milliardenschwere Human Brain Projekt der Europäischen Union, das sich zum Ziel setzte, das menschliche Gehirn nachzubauen und computertechnisch zu simulieren, ist jüngst in die Kritik geraten. Man streitet über Ziele, Umsetzungen (und um die Forschungsgelder). Und während das „Manifest der Neurowissenschaften“ von elf Wissenschaftlern im Jahr 2004, im Magazin Gehirn und Geist veröffentlicht, feierlich den hochfliegenden Anspruch einer neuen Leitwissenschaft formulierte, beäugt zehn Jahre später ein kritisches Gegen-Manifest, wie viel davon bislang (so gar nicht) eingelöst ist.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Gehirn ist nicht alles</p></blockquote></div>
<p>Das Manifest von 2004 klang streckenweise so, als werde man nun „den neuen Menschen“ schaffen. Das „Memorandum“ von 2014 moniert demgegenüber Defizite der Hirnforschung gerade in einer adäquaten Anthropologie (Auffassung vom Menschen). Das Problem: Niemand scheint so recht zu wissen, zu sagen oder auch nur zu diskutieren, was man mit der neuen Technik wirklich alles machen kann und will. Den Neurowissenschaften drohe die Fixierung auf angesammelte Datenberge, ohne diese methodologisch richtig auswerten zu können.</p>
<p>Als wäre das Gehirn ohne Geist zu begreifen… Als gäbe es das Gehirn isoliert. Dem Satz „Ohne Gehirn ist alles nichts“ sei der andere Satz „Das Gehirn ist nicht alles“ beizustellen, heißt es im Memorandum. „So wie man im Prinzip ohne Hirnrinde nicht denken kann, kann man ohne Arme keine Bäume fällen, ohne Beine nicht gehen und ohne Augen nicht sehen.“ Von freilaufenden Gehirnen habe man noch nie gehört.</p>
<p>Mit anderen Worten: Den gewonnenen Daten, gewissermaßen der ausgelesenen „Schrift der Natur“, dem angehäuften Wissen über das Gehirn, muss die Struktur, der Sinn, die Anwendung noch explizit hinzugefügt werden. Das tote Material an sich ist nichts. Das <em>Buch der Natur</em> muss erst noch (am besten: richtig) gedeutet werden. Man darf das wohl einen geistigen Vorgang nennen.</p>
<h2>Gehirn ohne Geist?</h2>
<p>Die Theologie jedenfalls kennt die entsprechenden Konstellationen. „Der Geist ist’s, der lebendig macht!“ wird emphatisch betont, wo vom „toten Buchstaben“ lähmende Beschlagnahme beansprucht wird. Ja, Buchstabe und Geist, irgendwie gehören beide schon zusammen. Aber wie? So viel steht fest: Der Buchstabe allein bleibt stumm, das Geschriebene, auch alle Regelhaftigkeit, Gesetzmäßigkeiten und Gesetze bleiben leer, wenn nicht der „rechte Geist“ hinzutritt.</p>
<p>Die Frage an die Neurowissenschaften lautet: Rückt die Hirnforschung im großen Ganzen in die Nähe einer Separat-Wissenschaft, die isoliert in sich selbst besteht, ist sie gar auf dem Weg zu einer technikgläubigen Weltanschauung, die sich außerhalb des breiten Fächerkanons der althergebrachten Universitäten stellt? Hier wären die Geisteswissenschaften um Intervention gefragt. Man kann das Memorandum auch als den energischen Appell zu mehr Interdisziplinarität lesen.</p>
<p>Das erforderte freilich umgekehrt, dass die Geisteswissenschaftler unter ihrem Bücherberg hervorkrabbeln und sich bei Tageslicht die Welt von heute anschauen. Ein Wahrnehmen der Naturwissenschaften und all der neuen Möglichkeiten. Die nun einmal da sind.</p>
<p>Oh je, „Elektrik“? Mancher denkt bei Technik zuerst an seinen ständig abstürzenden PC. Am besten, man macht einen großen Bogen um alles, was blinkt und das man nicht genau versteht… Doch sollte am Ende die Sache so ausgehen, dass die Neurowissenschaften für das Gehirn, und die übrigen Wissenschaften für den Geist zuständig sind?</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Befreiung aus dem Gefängnis des Schweigens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Theurich]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:01:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Bild]]></category>
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					<description><![CDATA[Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. (Psalm 62,2)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. (Psalm 62,2)</p></blockquote></div>
<p>Ende Januar 1962. Ein nasskalter Wintertag in der Großstadt. Mit meinem Bruder – er ist vier Jahre älter als ich – teile ich in unserer Wohnung ein Zimmer. Am Nachmittag haben wir beide zusammen „gebüffelt“. Frank für sein Examen an einer Ingenieurschule, ich für mein Abitur. Abends holen ihn zwei Kommilitonen ab – „auf ein Bier“ in die Altstadt. Mutter ruft noch hinter ihm her: „Komm nicht so spät nachhause, Junge!“ Er winkt ihr zu, lacht nur. Und zu mir: „Tschüss, Kleiner! Bis morgen!“ Er freut sich auf den feucht-fröhlichen Abend mit den Freunden.</p>
<h2>Unglücksnacht</h2>
<p>In der Nacht werden wir aus dem Schlaf geklingelt. Vor der Tür stehen zwei Polizisten, sagen zu den Eltern: „Ihr Sohn Frank ist verunglückt. Im Auto gegen einen Laternenmast gefahren. Die beiden jungen Männer vorne sind nur leicht verletzt. Ihr Sohn war auf der Rückbank, wurde beim Aufprall nach draußen geschleudert, auf den Bordstein, ist am Kopf verletzt, wurde sofort operiert, liegt im Krankenhaus, intensiv, ist noch nicht bei Bewusstsein. Kommen Sie bitte mit.“ Meine große Schwester und ich bleiben zurück in der Wohnung: wie vor den Kopf geschlagen. Ratlos, hilflos, stumm, mit schlimmster Befürchtung. „Vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm“, versuche ich zaghaft ein Gespräch. Aber meine Schwester versperrt mir die Flucht in die Hoffnung: „Wenn zwei Polizisten persönlich noch in der Nacht diese Nachricht bringen, dann ist es das Schlimmste.“</p>
<p>Sie spricht aus, wovor ich mich fürchte. Am frühen Morgen kommen unsere Eltern zurück. Sie haben Frank nicht mehr lebend angetroffen. Seine persönlichen Dinge und die Sachen zum Anziehen haben sie bei sich, in einer Tüte, blutverschmiert. Mein Vater wirft sie in die Mülltonne.</p>
<p>Mein Bruder ist nur 22 Jahre alt geworden. Unser gemeinsames Zimmer hatte ich nach seinem Tod für mich allein. Für mich kein Grund zur Freude. Ich war 18 und stand vor dem Abitur. Aber ich wusste nicht, was ich jetzt nach dem Abitur machen sollte. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, einmal Pfarrer zu werden. Heute, nach über einem halben Jahrhundert, weiß ich, dass ich Theologie studiert habe, um die schlimme Erfahrung vom frühen Tod meines Bruders innerlich zu verarbeiten. In meiner existenziellen Not brauchte ich dieses Studium für mich, um zu überleben. Mit der Zeit aber trug ich diese Erfahrung wie einen kostbaren Schatz in mir, und es hat lange gebraucht, bevor ich mich öffnen und mit einem Freund darüber reden konnte.</p>
<h2>Schweigen ist etwas anderes als „stille“ sein</h2>
<p>Natürlich wäre es für mich gut gewesen, wenn ich rechtzeitig auch eine Psychotherapie gesucht hätte. Aber das war damals nicht üblich. Schon gar nicht in einer Familie von Flüchtlingen aus dem Osten, woher wir ja kamen. Als wir miteinander hätten reden sollen, haben wir leider geschwiegen.</p>
<p>Beim Studium der Psalmen ist mir auch Psalm 62 begegnet, der eben so beginnt: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Dieses Wort ist mir persönlich wie später in meinem Beruf zu einem treuen Seelsorger geworden. In Vers 9 heißt es: „Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.“</p>
<p>Für mich ein Schatz. Wie überhaupt der ganze Psalm 62, und das in unterschiedlichen Lebenslagen. Ursprünglich – so habe ich gelernt – hat der Psalm die elende Lage von Flüchtlingen im Blick, auf der Suche nach einem Asyl.</p>
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		<title>„Der Tisch für die Flüchtlinge muss von denen gedeckt werden, die im Reichtum schwelgen!“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oskar Lafontaine]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 11:59:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingsstrom]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingszuzug]]></category>
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					<description><![CDATA[Dass Flüchtlingen in Deutschland geholfen wird und sie Aufnahme finden, ist eine moralische Frage. Aber wenn wir wollen, dass die viel beschworene „Willkommenskultur“ erhalten bleibt und die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippt, dann dürfen die Benachteiligten in unserem Land jetzt nicht vergessen werden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dass Flüchtlingen in Deutschland geholfen wird und sie Aufnahme finden, ist eine moralische Frage. Aber wenn wir wollen, dass die viel beschworene „Willkommenskultur“ erhalten bleibt und die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippt, dann dürfen die Benachteiligten in unserem Land jetzt nicht vergessen werden.</p></blockquote></div>
<p>Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Bibel ist voller Geschichten über Flucht und Vertreibung. Abraham musste mit seiner Frau vor einer Hungersnot in Kanaan nach Ägypten fliehen – heute würden ihn manche dafür „Wirtschaftsflüchtling“ schimpfen. Das spätere Volk Israel, das in Ägypten versklavt war, floh aus dem Herrschaftsbereich des Pharao. Und aus Angst vor der Ermordung ihres Kindes flohen Maria und Josef nach Ägypten. Immer wieder sind es Despoten, die die Schwachen und Benachteiligten zur Flucht in ein anderes Land treiben. Dass den Schutzsuchenden geholfen wird und sie Aufnahme finden, ist eine moralische Frage. Aber: „Es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten“, hat schon Dietrich Bonhoeffer gewusst. Wer in konkreter Verantwortung steht, der weiß, dass die Herausforderungen groß sind und dass bei vielen Deutschen Ängste, Sorgen und Ressentiments wachsen.</p>
<h2>Der Tisch für die Flüchtlinge darf nicht von denen gedeckt werden müssen, denen es bereits schlecht geht</h2>
<p>Deutschland insgesamt hat die Kraft und alle Möglichkeiten, viele Flüchtlinge aufzunehmen. Wenn aber die Bundeskanzlerin erklärt: „Wir schaffen das“, dann muss man hinterfragen, wen sie mit diesem „wir“ meint. Der Tisch für die Flüchtlinge sollte nicht von denjenigen gedeckt werden müssen, denen es bereits schlecht geht – den Arbeitslosen, Geringverdienern, Leiharbeitern und den Älteren mit niedrigen Renten – sondern von denjenigen, die im Reichtum schwelgen und keine Angst haben müssen, den Wettbewerb um Wohnraum und Arbeitsplätze gegen neu hinzukommende Flüchtlinge zu verlieren. Die Trennlinie verläuft nicht so sehr zwischen Deutschen und Flüchtlingen, sie verläuft eher zwischen arm und reich, mächtig und ohnmächtig. Es ist wohlfeil, eine ungesteuerte Aufnahme von Flüchtlingen zu fordern, wenn man selbst ein gesichertes Auskommen hat.</p>
<p>Wenn wir wollen, dass die viel beschworene „Willkommenskultur“ erhalten bleibt und die Stimmung in der Bevölkerung nicht kippt, dann dürfen die Benachteiligten in unserem Land nicht vergessen werden. Wir brauchen jetzt einen Mindestlohn, der ausnahmslos sowohl im Berufsleben als auch im Alter vor Armut schützt – das geht nicht unter zehn Euro die Stunde. Der Hartz-IV-Regelsatz muss zudem in einem ersten Schritt auf 500 Euro erhöht und dann durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung auf tatsächlich existenzsicherndem Niveau ersetzt werden. Der soziale Wohnungsbau ist deutlich zu verstärken. Um das zu finanzieren müssen Millionen-Einkommen, Vermögen und Erbschaften wieder angemessen besteuert werden, bei gleichzeitiger Entlastung von Normal- und Geringverdienern.</p>
<p>Die Bundesregierung rechnet damit, dass die Aufnahme der Flüchtlinge 10 Milliarden Euro kosten wird. Der Finanzbedarf wird höher sein. Dennoch steht diesen „Kosten“ ein ungleich höherer Betrag gegenüber: Denn die sogenannten Steuerflüchtlinge betrügen Deutschland nach verschiedenen Schätzungen um 100 Milliarden Euro.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Zuwanderung Schutzsuchender darf nicht zur Lohndrückerei missbraucht werden.</p></blockquote></div>
<p>Wenn nun CDU-Politiker und Wirtschaftslobbyisten fordern, dass der Mindestlohn für Flüchtlinge nicht gelten soll, erkennt man, was hinter ihrer „Willkommenskultur“ in Wahrheit steckt: Der Wunsch, die Zuwanderung Schutzsuchender als neue Möglichkeit zur Lohndrückerei zu missbrauchen. Um alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schützen, sowohl deutsche wie auch Flüchtlinge, sollte für alle ausnahmslos eine armutsfeste Lohnuntergrenze gelten.</p>
<h2>Die hartnäckigsten Integrationsverweigerer sitzen in den Villenvororten</h2>
<p>Weil die öffentlichen Kassen infolge der Steuergeschenke für Reiche und Superreiche leer sind, muss die Flüchtlingshilfe zu einem Großteil von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern getragen werden. Weil der soziale Wohnungsbau vernachlässigt worden ist, fehlt es nun vielerorts an bezahlbarem Wohnraum. Hartz IV mit dem Zwang, jede Arbeit annehmen zu müssen, egal wie schlecht sie bezahlt wird, wirkt als Rutschbahn der Löhne. Immer mehr Menschen in unserem Land müssen zu Billiglöhnen, als Leiharbeiter oder in anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Dies ist eine direkt Folge der verheerenden Agenda-Politik, die SPD und Grüne zusammen mit Union und FDP durchgesetzt haben und nicht das Ergebnis des derzeitigen Flüchtlings-Zustroms.</p>
<p>Durch die derzeitige Hilfe für die Flüchtlinge wächst bei vielen benachteiligten Deutschen aber die Angst, vergessen zu werden. Dennoch sitzen hartnäckige Integrationsverweigerer nicht nur in den Armenvierteln, sondern auch in den Villenvororten: Es sind die reichen Deutschen, die sich durch den Wegfall der Vermögenssteuer, der Senkung des Spitzensteuersatzes und den weitgehenden Verzicht auf die Besteuerung großer Erbschaften der Finanzierung der Gemeinschaftsaufgabe verweigern. Die Mieten steigen auch in Vierteln, in denen keine Reichen wohnen. „Wenn dein Bruder verarmt und neben dir abnimmt, so sollst du ihn aufnehmen als einen Fremdling oder Gast, dass er lebe neben dir, und sollst nicht Zinsen von ihm nehmen noch Wucher“, heißt es schon im Alten Testament (3. Mose 25,35-38).</p>
<h2>Viele Flüchtlinge werden beim Wiederaufbau ihres Heimatlandes fehlen</h2>
<p>Die meisten der Flüchtlinge werden bei uns bleiben. Wenn vielleicht irgendwann die Kriege, Bürgerkriege und Verfolgungen in ihren Heimatländern beendet sein werden, dann werden viele nicht noch einmal bei Null anfangen wollen. Natürlich können diese Menschen aus anderen Kulturen unsere Gesellschaft bereichern. Aber gleichzeitig werden sie in ihrer Heimat fehlen.</p>
<p>Die deutsche Wirtschaft hofft, den Fachkräftemangel durch gut ausgebildete Flüchtlinge ausgleichen zu können. Aber gerade diese gut Ausgebildeten würden beim Wiederaufbau ihrer Heimatländer gebraucht. Die traurige Wahrheit ist, dass die reichen Länder dieser Welt – und Deutschland macht dabei mit – zuerst am Verkauf ihrer Waffen verdienen, dann Kriege um Rohstoffe und Absatzmärkte führen, um schließlich auch noch von gut ausgebildeten Flüchtlingen zu profitieren.</p>
<h2>Unter Bombenteppichen wächst kein Frieden</h2>
<p>Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine humanitäre Katastrophe ist, wenn 60 Millionen Menschen gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen, viele bei der Flucht sterben und Familien auseinandergerissen werden. Deshalb müssen vor allem die Ursachen der Flucht in den Blick genommen werden. Die Menschen fliehen vor Krieg und Vertreibung, Hunger und Elend. Waffenexporte und Interventionskriege sind mit verantwortlich für die Flüchtlingsbewegungen und müssen daher umgehend beendet werden.</p>
<p>Im ersten Halbjahr 2015 hat die Bundesrepublik die Waffenexporte in den Nahen Osten noch einmal gesteigert. Eine Schande! Dass die US-Regierung erklärt, die Aufnahme der Flüchtlinge sei ein Problem der Europäer, ist blanker Zynismus. Die USA haben den Nahen Osten in Brand gesetzt, vor allem in Afghanistan, im Irak und in Syrien. Die Bundesregierung muss den Mut haben, von der US-Regierung Milliarden-Beträge zu fordern, um die Integration der Flüchtlinge mitzufinanzieren. Zudem sind die USA verpflichtet, ähnlich viele Flüchtlinge aufzunehmen wie Europa.</p>
<h2>Armut und Hunger weltweit bekämpfen</h2>
<p>Weltweit wurden letztes Jahr rund 1,8 Billionen Dollar für Kriegswaffen ausgegeben. Deutschland will seinen Kriegsetat noch einmal erhöhen. Der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Renke Brahms, hat das zu Recht kritisiert: „Es gibt andere Möglichkeiten, auf Konflikte und Krisen zu reagieren als mit mehr Waffen.“ Dieses Geld wäre besser in Programme gegen den weltweiten Hunger angelegt worden. 795 Millionen Menschen auf der Welt haben nicht genug zu essen. Deutschland sollte daher die Entwicklungshilfe so erhöhen, wie schon seit vielen Jahren versprochen: auf zumindest 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Und die EU muss aufhören, die afrikanischen Staaten zu zwingen, europäische Waren zu kaufen, sondern Afrika wieder Schutzzölle erlauben, die die heimische Wirtschaft stützen.</p>
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		<title>„Nicht sagen, warum etwas unmöglich ist, sondern fragen, wie es möglich wird“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Gauck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 11:57:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingsstrom]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingszuzug]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie kann Deutschland dem wachsenden Zuzug von Flüchtlingen gerecht werden? Zum Auftakt der 40. Interkulturellen Woche am 27.9.2015 ging Bundespräsident Joachim Gauck ausführlich auf die aktuelle Situation ein. Die folgenden Auszüge seiner Rede stellen das Dilemma zwischen universellem Mitgefühl und begrenzten politischen Handlungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wie kann Deutschland dem wachsenden Zuzug von Flüchtlingen gerecht werden? Zum Auftakt der 40. Interkulturellen Woche am 27.9.2015 ging Bundespräsident Joachim Gauck ausführlich auf die aktuelle Situation ein. Die folgenden Auszüge seiner Rede stellen das Dilemma zwischen universellem Mitgefühl und begrenzten politischen Handlungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt.</p></blockquote></div>
<p>Wir spüren, dass die Ereignisse der vergangenen Monate außergewöhnlich sind. Was wir sehen, beunruhigt viele und fordert uns alle heraus. Wir ahnen es, wenn wir die Bilder sehen aus Ungarn, vom Balkan, aus Griechenland, aus Italien, aus der Türkei, aus Syrien. Wir ahnen, dass wir es mit einem epochalen Ereignis zu tun haben, dessen Ausmaß und Tragweite wir noch immer schwer erfassen können. Wir ahnen, dass der Zug der Flüchtenden, der vor allem in Deutschland sein erhofftes Ziel findet, unser Land verändern wird. Wie – das liegt an uns.</p>
<p>In dieser Situation, in der es in Europa wie in Deutschland keine Lösungen gibt, die alle zufriedenstellen, ist der Entscheidungsdruck gleichwohl enorm. Und es gibt Handlungszwänge. Politik muss ja immer handeln, selbst wenn man eigentlich noch in der Phase der Abwägung ist, ohne genaue Kenntnis des endgültigen Ziels. Wir haben jüngst erlebt, wie eine sehr verständliche, menschliche Entscheidung der Bundesregierung auf begeisterte Zustimmung einerseits, aber andererseits auch auf eine deutliche Reserve, ja bei einigen sogar Ablehnung stieß. Eine Reihe europäischer Staaten zum Beispiel warnt davor, rechtliche Standards würden durch Entscheidungen aus dem Herzen heraus verwässert. Auch im Inland hat eine lebhafte Debatte darüber begonnen, welche nächsten Schritte erforderlich sind, und was uns eigentlich leiten soll in der Flüchtlingspolitik.</p>
<p>Lassen Sie mich zunächst sagen: Mit wem ich in diesen Tagen auch spreche, ob mit Bürgern oder Amtsträgern, ob ich Flüchtlingsunterkünfte besuche oder politische Versammlungen, überall sind die Menschen, genauso wie ich, tief beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und dem Engagement der vielen tausend freiwilligen und hauptamtlichen Helferinnen und Helfern, auch der Kommunen und der Länder. Oft sind mehr Menschen da, die helfen wollen als tatsächlich eingesetzt werden können. Angesichts dieser Herausforderung ist so etwas durchaus neu. Es hat sich etwas verändert in unserer Gesellschaft und darüber dürfen wir uns ruhig einmal freuen.</p>
<p>Aber zugleich treibt viele die Sorge um: Wie kann Deutschland in der Zukunft offen bleiben für Flüchtlinge, wenn zu den vielen, die schon da sind, viele weitere hinzukommen? Wird der Zuzug uns irgendwann überfordern, so fragen sie. Werden die Kräfte unseres wohlhabenden und stabilen Landes irgendwann über das Maß hinaus beansprucht? Mir geht der Satz eines Vertreters der nordrhein-westfälischen Kommunen nicht aus dem Kopf. Ich zitiere ihn: „Die Profis und Ehrenamtler können nicht mehr. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Und er fügte dann hinzu, 2016 sei für die Gemeinden ein vergleichbar hoher Zustrom wie in diesem Jahr nicht mehr zu verkraften. Wohl gemerkt, das sagt einer, der hilft, der aktiv ist, und nicht einer, der nur zuschaut und meckert.</p>
<p>Inzwischen trauen wir uns, und wenn nicht, dann sollten wir uns trauen, das fundamentale Dilemma dieser Tage offen auszusprechen: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten, sie sind endlich.</p>
<p>Wir kennen den rechtlichen Rahmen. Unser Asyl- und Flüchtlingsrecht fragt bei jedem Einzelnen nur danach, ob die Voraussetzungen der Schutzgewährung vorliegen. Es bemisst sich nicht nach Zahlen. Und doch wissen wir: Unsere Aufnahmekapazität ist begrenzt, auch wenn noch nicht ausgehandelt ist, wo die Grenzen liegen. Aus all dem folgt für mich: Wir brauchen gründliche Analysen und eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir eine humane Aufnahmepolitik und eine gesellschaftliche Aufnahmebereitschaft auch in Zukunft sichern können. Einem Gedanken meines Vorgängers Johannes Rau folgend, sollten wir uns dabei „weder von Ängsten noch von Träumereien“ leiten lassen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wir sollten uns weder von Ängsten noch von Träumereien leiten lassen.</p></blockquote></div>
<p>Migration – ob sie freiwillig oder erzwungen ist – hat es zu allen Zeiten gegeben. Sie ist ein Teil der Menschheitsgeschichte, auch der großen Menschheitsdramen. Denn Menschen suchen sich nicht nur eine neue Heimat, weil sie ein besseres Leben wünschen. Oft genug treibt sie der verzweifelte Wunsch, das eigene Leben zu retten. So sehr wir auch wünschten, es wäre anders: Verfolgung, Krieg und Bürgerkrieg sind nicht nur Geschichte, nein, sie sind Gegenwart. Sie treiben Menschen in die Flucht und das erleben wir gerade. Wir erleben, dass wir eigentlich viel intensiver Fluchtursachen bekämpfen müssen und dass wir es doch nicht immer können. (&#8230;)</p>
<p>Wenn Menschen zu Hunderttausenden zu uns kommen, aus einem fernen Land mit einer fremden Kultur, ihre ganze Habe oftmals in einer Plastiktüte, dann kommen mit den Menschen Herausforderungen – und, ja, auch Konflikte. Das ist völlig unvermeidlich.</p>
<p>Zunächst einmal stehen wir vor enormen Organisationsaufgaben. Allein schon die Anerkennungsverfahren: so viele Anträge in so kurzer Zeit, zudem die Belastung, dass Menschen zurückgewiesen werden müssen. Angesichts des schnellen Zustroms muss der Staat den Bau von Wohnungen fördern, er muss Schulen bauen, Lehrer und Kindergärtner einstellen, Arbeitswelt und Berufsbildung anpassen, deutsche Sprache und deutsches Recht lehren. All das zu den vorhandenen Aufgaben. Ich stelle vor, was allein die Debatte um die Inklusion im Bereich unserer Schulen und in der Lehrerschaft für Problemdebatten ausgelöst hat. Das läuft ja alles parallel, alles gleichzeitig. Und es muss, kurz zusammengefasst, eine sehr große Gruppe von Neuankömmlingen mit dem Nötigsten versorgt werden und ihnen, die bleiben dürfen, müssen Chancen eröffnen werden.</p>
<p>Für diese Aufgabe, das Ausmaß dieser Aufgabe, gibt es kein Vorbild. So sehr wir Sicherheit und Planungstreue erwarten, so sehr wir uns nach einem Gesamtkonzept sehnen, so müssen wir doch erkennen: Was jetzt gebraucht wird, sind neben Ordnung auch Flexibilität und Phantasie. Beides beschreibt nicht das Versagen, sondern eine Tugend des Gemeinwesens in der aktuellen Krisensituation. Lernen in einer zugespitzten Situation, das meint aber nicht, ein paar eherne Vorschriften zu lockern. Es geht vielmehr darum, eine kreative Haltung zu fördern, die nicht sagt, warum etwas unmöglich ist, sondern die fragt, wie es möglich wird.</p>
<p>Selbst der größte Ideenreichtum, selbst hohe finanzielle Mittel werden aber nicht ausreichen, um Konflikte gänzlich abzuwenden. In diesen Wochen und in absehbarer Zukunft werden wohl weniger Wohnungen fertiggestellt, als Menschen kommen. Wettbewerb um Wohnraum, besonders preiswerten Wohnraum, dürfte unvermeidlich sein. Es ist ungewiss, ob wir überall sofort hinreichend Plätze in Kindertagesstätten oder Schulen anbieten können. Die Verantwortlichen in Städten und Gemeinden, sie mühen sich nach Kräften. Aber wir alle wissen, in welch schwieriger Lage die Haushalte vieler Kommunen seit längerem sind. Ich habe den größten Respekt vor dem, was gerade in unseren Städten und Gemeinden geleistet wird und ich will an dieser Stelle allen, die sich hier einsetzen, ein herzliches Dankeschön sagen. Schauen wir noch einmal die Bildungseinrichtungen und die Unternehmen an: Welch große Aufgaben kommen jetzt auf sie zu. Arbeit, für diejenigen, die arbeiten dürfen, sie ist zwar mancherorts vorhanden, oft jedoch nicht die Arbeit, die gesucht wird. Oder es werden erforderliche Qualifikationen fehlen, genauso Sprachkenntnisse. Auf die sozialen Sicherungssysteme kommen zunächst Kosten zu, denn erst später werden aus den neuen Nutznießern auch Einzahler.</p>
<p>So manchem werden die Folgen der gegenwärtigen Notaufnahme von Flüchtlingen nicht gefallen. Turnhallen stehen für den Schulsport nicht zur Verfügung. Grünanlagen und Schwimmbäder verwandeln sich in Notunterkünfte. Manche Beschwerde kann ich durchaus nachvollziehen.</p>
<p>Da hilft nur eins: Wir müssen schnell handeln. Es gilt, Spannungen zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen so weit wie irgend möglich zu vermeiden. Und das wird am besten gelingen, wenn die einen wie die anderen nicht übervorteilt werden oder sich jedenfalls nicht übervorteilt fühlen. Deutschland hat in seiner Geschichte wiederholt bewiesen, dass es Engpässe und materielle Herausforderungen meistern kann. (&#8230;)</p>
<p>Die Herausforderungen sind erheblich. Sie zu bewältigen, wird Geld, Zeit, Verständnis, Geduld und viel, viel Mühe fordern. Es ist eine Kraftanstrengung, wie sie die Bundesrepublik selten meistern musste. Auch unpopuläre Entscheidungen und unbequeme Schritte werden notwendig sein. Aber die Bewältigung dieser Aufgaben kann gelingen – mit Hilfe einer aktiven Zivilgesellschaft und mit einer fähigen Verwaltung – und, ja, auch das müssen wir uns eingestehen, wenn der Zustrom der Schutzsuchenden besser steuerbar wird.</p>
<p>Das zentrale Dilemma unserer Tage lässt sich nicht einfach vermeiden oder wegdiskutieren: Dem humanen Wollen zur möglichst unbegrenzten Hilfe stehen am Ende doch immer begrenzte Möglichkeiten gegenüber.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Dem humanen Wollen zur unbegrenzten Hilfe stehen begrenzte Möglichkeiten gegenüber.</p></blockquote></div>
<p>Und in jedem von uns, wir spüren das ja, wohnen zwei Seelen: Es ist da einerseits die Erfahrung der Geschichte, es sind auch unser Selbstbild und unsere Achtung vor den universellen Werten der Aufklärung, die uns sagen lassen: Es muss Staaten geben, in die Menschen flüchten können, solange es Krieg und Verfolgung gibt. Und unser Deutschland muss einer dieser Staaten sein und bleiben.</p>
<p>Damit das so bleibt, müssen Staaten, aber auch ein Staatenverbund wie die Europäische Union, ihre äußeren Grenzen schützen. Denn nur so können wir die Kernaufgaben eines staatlichen Gemeinwesens erfüllen: die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung und letztlich des inneren Friedens. Sie sind die Voraussetzungen dafür, überhaupt Flüchtlinge in großer Zahl aufnehmen zu können.</p>
<p>Indem wir diese Spannung erkennen zwischen dem Wollen und dem Können, öffnen wir uns für die Schwierigkeiten, die vor uns liegen. Es gilt, in einem Wertekonflikt kluge Entscheidungen zu treffen. Und gerade weil das so schwer ist, sollte unser Respekt denen allen gelten, die es versuchen. Denen jedenfalls, die sich verantwortungsbewusst an der Debatte über dieses Dilemma beteiligen. (&#8230;)</p>
<p>Es wird Zeit brauchen, bis sich die Lage normalisiert. Wenn die Nothilfe aber einmal hinter uns liegt, dann werden wir in dem, was wir heute als Krise erleben, auch eine Chance entdecken können. Es kommen Menschen zu uns, die Schutz suchen, aber auch eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien. Wohl die allermeisten bringen Elan und Ehrgeiz mit, und Ausdauer – meine Güte, Ausdauer –, sonst hätten sie die Fluchtstrapazen doch überhaupt nicht gemeistert. Sie können, sofern sie bleiben dürfen und wollen, hier ihre Fähigkeiten einbringen. Nicht aus jedem wird eine Fachkraft, das ist mir klar, aber ich ermutige jede und jeden, die eigenen Potentiale zu entdecken und hier zu entfalten. (&#8230;)</p>
<p>Und abschließend, meine Damen und Herren, ein Wort an uns, die Sorgenden und die Besorgten: Wenn wir Probleme benennen und Schwierigkeiten aufzählen, so soll das nicht, so soll das niemals unser Mitgefühl – unser Herz – schwächen. Es soll vielmehr unseren Verstand und unsere politische Ratio aktivieren.</p>
<p>Wir werden also weiter wahrnehmen, was ist – ohne zu beschönigen oder zu verschweigen.</p>
<p>Wir werden weiter helfen, so wie wir es tun – ohne unsere Kräfte zu überschätzen.</p>
<p>So werden wir bleiben, was wir geworden sind: Ein Land der Zuversicht.</p>
<p><em>Quelle: Bundespräsidialamt; den ungekürzten Redetext finden Sie unter </em><a href="http://www.bundespräsident.de"><em>www.bundespräsident.de</em></a><em>.</em></p>
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		<title>Stichwort: Euthanasie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Joachim Conrad]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 11:52:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Euthanasie]]></category>
		<category><![CDATA[lebensunwertes Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sterbehilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Gott Thanatos, oft in einem Bild mit seinem Bruder Hypnos, dem Schlaf, ist der sanfte – nicht gewaltsame – Tod. Euthanasie ist also der „gute“ oder „leichte“ Tod.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Gott Thanatos, oft in einem Bild mit seinem Bruder Hypnos, dem Schlaf, ist der sanfte – nicht gewaltsame – Tod. Euthanasie ist also der „gute“ oder „leichte“ Tod.</p></blockquote></div>
<p>Der Begriff findet sich erstmals bei antiken Dichtern. Auf sie beruft sich später z.B. Plutarch (†125) in der „Trostrede an Apollonius“, der tradiert: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung“. Diese Aura zerbricht Sokrates (†399 v. Chr.), der Euthanasie als Vorbereitung auf den Tod versteht. Was dem antiken Denken jedoch zuwiderläuft, sind Kindstötung und Sterbehilfe. Platon erläutert zwar in seiner „Politeia“, dass Hilfe für Kranke ohne Lebenswillen eingestellt werden könne, aber er steht allein. Und dennoch: Wenn der Eid des Hippokrates die Verabreichung giftiger Substanzen verbietet, liegt es nahe, dass Sterbehilfe damals nicht unüblich war.</p>
<h2>Das christliche Mittelalter kennt die Euthanasie nicht</h2>
<p>Im 17. Jahrhundert dann unterscheidet Francis Bacon (†1626) die mentale Vorbereitung auf den Tod von der Erleichterung des Sterbens für Schwerstkranke. Der Medizinhistoriker Karl Friedrich Marx (†1877) macht diese „Todeslinderung“ sogar zur ärztlichen Aufgabe: als medikamentöse Schmerztherapie. Vor allem Weiteren warnt der Sozialhygieniker Christoph Wilhelm Hufeland (†1836), denn sobald man bereit sei, das Leiden eines Sterbenden zu verkürzen, brächen die Dämme. Und in der Tat: Als Charles Darwin (†1882) in <em>Über die Entstehung der Arten</em> formuliert, dass sich das Starke in der Natur durchsetze, ist es nur noch ein Kleines, bis Ernst Haeckel († 1919) Darwins Denken auf den soziokulturellen Bereich anwendet und eine gezielte Auslese bei Kindern auf dem Weg der Euthanasie fordert.</p>
<h2>Von der Aggression des Denkens zur mörderischen Tat</h2>
<p>Alexander Tille (†1912) will die Fortpflanzung bei „Schwachen“ begrenzen und spricht 1895 erstmals vom „wertlosen“ Leben. Der Strafrechtler Karl Lorenz Binding († 1920) schließlich definiert eine Tötung unter bestimmten Umständen als „Heileingriffe“, und der Psychiater Alfred Hoche († 1943) hält in <em>Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens</em> fest, dass die „Geisteskranken“ sowieso „geistig tot“ seien.</p>
<p>Im Interesse der „Rassenhygiene“ wird bei Alfred Ploetz (†1940) „Euthanasie“ zum euphemistischen Mantel für den systematischen Massenmord an „lebensunwertem Leben“, also an sog. Erb- u. Geisteskranken, Behinderten und sozial oder rassisch Unerwünschten. Flankiert von dem Gesetz zur Zwangssterilisation und den Nürnberger Rassegesetzen wird die Euthanasie an Kindern durch ein Gnadentodgesuch eines Elternpaares für ihr Kind bei Hitler eingeleitet. Seit dem 18. August 1939 werden Geburten von Kindern mit Beeinträchtigungen meldepflichtig, und es werden reichsweit 30 Fachabteilungen zur Tötung solcher Kinder eingerichtet. Im Blick auf psychisch kranke Erwachsene – erfasst seit dem 21. September 1939 – sind bis 1941 fünf Zentren zur Tötung dieser Menschen vorhanden.</p>
<p>Nur durch den Protest des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm und des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen kommt das Euthanasieprogramm zum Stehen. Der Begriff „Euthanasie“ ist seither in Deutschland diskreditiert.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Leben als Auftrag</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/leben-als-auftrag/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Christof Gestrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 11:51:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Freitod]]></category>
		<category><![CDATA[Seele]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstmord]]></category>
		<category><![CDATA[Selbsttötung]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
		<category><![CDATA[Unsterblichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Annahme, man verfüge als Mensch über sich selbst, ist ungeeignet, ein aus eigenem Willen inszeniertes Aus-dem-Leben-Scheiden zu rechtfertigen. Eine den assistierten Suizid anstrebende Person sollte auch danach fragen, ob denn dem eigenen Begehren auch eine wohlmeinende Entlassung aus dem Leben durch die Umwelt zur Seite geht. Ohne sie gefährdet man auch die eigene Seele.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Annahme, man verfüge als Mensch über sich selbst, ist ungeeignet, ein aus eigenem Willen inszeniertes Aus-dem-Leben-Scheiden zu rechtfertigen. Eine den assistierten Suizid anstrebende Person sollte auch danach fragen, ob denn dem eigenen Begehren auch eine wohlmeinende Entlassung aus dem Leben durch die Umwelt zur Seite geht. Ohne sie gefährdet man auch die eigene Seele.</p></blockquote></div>
<h2>Ethische und seelische Probleme des Freitods</h2>
<p>Einer Selbsttötung steht, außer kreatürlicher Scheu vor ihr, ein uraltes Urteil entgegen. Es besagt, kein Individuum sei aus eigenem Willensentschluss ins Leben eingezogen, weshalb auch seine ›Ausfahrt‹ kein von ihm selbst geplanter und durchgeführter Vorgang sein soll. Wer aber wollte etwa beanstanden, dass der Schriftsteller Jochen Klepper und dessen in Berlin-Nikolassee lebende Familie im Jahr 1942 der drohenden Ermordung der jüdischen Ehefrau und deren Tochter durch nationalsozialistische Schergen zuvorgekommen sind durch eine gemeinsame Selbsttötung? Überhaupt gibt es von niemandem zu zensierende persönliche Verzweiflungen. Und es gibt hochherzige persönliche Bereitschaft, das Leben anderer zu retten (die man sonst vielleicht unter der Folter verraten würde), die zum Suizid hinführen kann. Dass den Seelen von so dahingeschiedenen Menschen ›jenseitige Strafen‹ bevorstünden, dies zu denken ist absurd.</p>
<p>Aus verschiedenen Gründen geschieht es, dass ein Mensch sich selbst als nicht (mehr) lebenswert beurteilt. Vielleicht hat er begonnen, sich selbst zu hassen und anzugreifen. Dahinter <em>kann </em>stehen, dass ein entsprechendes Beurteilt-Werden von außen verinnerlicht worden ist. Noch einmal anders scheint es mit der Auskunft zu stehen, man habe sich aus dem Leben verabschiedet, um bei zunehmender Gebrechlichkeit niemandem zur Last zu fallen. Das klingt zwar nach liebender Rücksichtnahme. Vielleicht steckt dahinter aber mehr noch ein verletzter persönlicher Stolz wegen zu erwartender demütigender Hinfälligkeit. Möglicherweise wäre es der Umgebung der so dahingeschiedenen Person in diesem Fall sehr viel lieber gewesen, ihr wäre dieser in den Freitod gegangene Mensch als Gabe und Aufgabe erhalten geblieben.</p>
<h2>Der Freitod als seelische Last für die Hinterbliebenen</h2>
<p>Was nun die <em>Seele</em> anbetrifft, so mag ja Gott der Seele einer durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Person gnädig sein. Den Seelen der Hinterbliebenen aber ist in Fällen wie dem zuletzt erwähnten vor Gott und vor ihrem Gewissen eine Last auferlegt. Sie empfinden einen solchen Suizid wie einen gegen sie und ihre Beziehungsbereitschaft gerichteten Vorwurf. Wer aus dem Leben zu scheiden gedenkt, sollte auch an diese Folge denken!</p>
<p>Was immer ›Seele‹ sein mag, sie ist auf jeden Fall etwas, das ein individuelles Lebewesen ›von langer Hand‹ mit einem Kollektiv anderer Lebewesen verbindet. ›Von langer Hand‹ soll heißen, dass jedes Lebewesen Ahnen, sodann Mitlebende und schließlich Nachlebende hat, die seine Individualität mit bestimmen und auf deren individuelle Ausformung es auch selbst Einfluss nimmt. Wegen dieser seelischen Verbundenheit individueller Lebewesen mit ihrer Umgebung betrifft jeder einzelne Sterbefall auch die letztere mit und <em>zehrt</em> an ihr –, obwohl andererseits alles individuelle Leben auch vom Leben anderer <em>lebt, </em>mithin jeder Tod auch dem Aufbau anderen Lebens dient. Dieses Paradox ist der Seele gewissermaßen eingebrannt und spiegelt sich wider in der <em>Sprache</em> der Seele, die oft um verletzte oder um unerwartet geschenkte Liebe kreist.</p>
<h2>Alles hat seine Grenzen – auch das Selbstbestimmungsrecht?</h2>
<p>Unsere Gesellschaft <em>soll</em> sich ja Gedanken darüber machen, wie ein ›ungnädig‹ langes und materiell übertriebenes medizinisches Am-Leben-Erhalten vermieden werden kann! Wir werden ermutigt, durch testamentarische Verfügungen und durch Vorsorgevollmachten dieses Vermeiden „möglichst zu ermöglichen“. Ein Unterlassen nicht mehr zielführender therapeutischer Maßnahmen, „passive Sterbehilfe“ genannt, gilt heute als ethisch gut vertretbar. Eine „aktive Sterbehilfe“ jedoch, herbeigeführt gar durch ärztliches Handeln, wird überwiegend abgelehnt und in den meisten Staaten auch verboten. Doch hat jene Minderzahl von Gesellschaften und Staaten, die auch eine „aktive Sterbehilfe“ erlauben, hierfür ethische Begründungen. Diese knüpfen an das individuelle Selbstbestimmungsrecht im Blick auf medizinische Maßnahmen am eigenen ›Leib‹ an. <em>Im äußersten Fall haben Patienten deshalb immer schon über ihr Leben oder ihren Tod selbst zu bestimmen.</em> Da dies also schon so <em>ist, </em>sehen viele es auch als günstig an, gerade einen Arzt oder eine Ärztin nicht nur um Hilfe <em>beim </em>Sterben, sondern eventuell auch <em>zum </em>Sterben zu bitten.</p>
<p>Das menschliche Selbstbestimmungsrecht bestätigt, dass jeder hierfür hinreichend gesunde Mensch <em>für sich selbst verantwortlich</em> ist. Doch ist damit nicht zugleich ausgesagt, dass ein Mensch auch sich selbst gehören würde. <em>Wer ist Eigentümer eines Menschen? Niemand! </em>An diesem Punkt ist das alte Römische Recht, das den Familienvater als den Eigentümer seiner Familie betrachtete, längst verlassen worden. Auch die endlich erfolgte rechtliche Abschaffung des Besitzes eines Menschen in der Form der Sklaverei unterstreicht, dass der Gesichtspunkt der <em>Menschenwürde </em>mit einem ›Menschenbesitz‹ unvereinbar ist. Die Kategorie des Eigentums ist auf Menschen nicht anwendbar.</p>
<h2>Niemand gehört sich selbst</h2>
<p>An dieser Stelle ist es ethisch wichtig, jedem einzelnen Menschen klar zu machen, dass er auch nicht sich selbst gehört. Die Versuchung, das Gegenteil zu denken, ist groß. Daraus entsteht dann aber die problematische Folgerung: Da ich mir selbst gehöre und kein anderer Verantwortung für mich trägt, kann ich mit mir tun, was ich will. Zwar darf kein anderer mir das Leben nehmen. Aber ich selbst darf es.</p>
<p>Dies jedoch ist ein unheilvoller Schluss, weil es bei Lichte besehen bedeutet, sich selbst zum Objekt zu machen, über das man verfügt. Dann aber ist die eigene Psyche auf einem sehr abschüssigen Weg, der meistens zum Formenkreis der Depressivität gehört. Von ihr betroffene Menschen sehen sich tatsächlich oft als ihr eigenes Objekt, das für die Gegenwart nicht (mehr) gut genug ist. Sie können sich nicht als ›gegeben‹ annehmen, sondern sehen sich als ihr eigener Eigentümer in der Pflicht, sich als eine bessere Gestalt zu erschaffen – oder sich zu verwerfen. Dabei können sie ausbrennen und ins Nichts fallen.</p>
<p>Die Annahme, man verfüge als Mensch über sich selbst, ist somit in Wahrheit ungeeignet, ein aus eigenem Willen inszeniertes Aus-dem-Leben-Scheiden zu rechtfertigen. Auch dann ist sie ungeeignet, sollte es sich weniger um einen von Depressivität verursachten als vielmehr um einen sog. Bilanz-Suizid handeln (der Folge einer überschlägigen Rechnung, es reichten die Lebensbedingungen nicht mehr für ein akzeptables Dasein aus). <em>Wir können als Menschen nicht umhin, auch ein Anrecht anderer auf unser Dasein in Rechnung zu stellen</em>. Eine z.B. den assistierten Suizid anstrebende Person sollte auch danach fragen, ob denn dem eigenen Begehren auch eine wohlmeinende Entlassung aus dem Leben durch die Umwelt zur Seite geht. <em>Ohne</em> sie gefährdete man auch die eigene Seele.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wir können als Menschen nicht umhin, auch ein Anrecht anderer auf unser Dasein in Rechnung zu stellen.</p></blockquote></div>
<h2>Die Seele hat den Zug zum Guten</h2>
<p>Unbeschadet des soeben Ausgeführten sind alle Menschen aufgerufen, sich nicht gehen zu lassen. Auch dieser Ruf kommt aus der Seele. Wir müssen auf uns ›selbsterzieherisch‹ einwirken, weil wir einerseits uns selbst und andererseits der Lebensgemeinschaft verpflichtet sind, aus der heraus und für die wir wurden, was wir sind. Gemäß Sokrates und Platon will die Seele uns Menschen in unseren Beziehungen zugleich <em>auf das Gute ausrichten</em>. Der Weg dorthin lässt nach dem Gerechten und dem Wahren streben; er lässt echte Erkenntnis gewinnen. Was die Bibel anlangt, so sieht sie das ›Kerngeschäft‹ der Seele ähnlich. Sie drückt sich dahingehend aus, dass der Mensch gleichermaßen sich selbst wie auch den andern gut sein soll. Diese Kunst sieht sie durch ein Drittes fundiert: durch die Gottesliebe. Wo diese wegfällt, könnte auch jenes Gleichgewicht von <em>sich selbst</em> gut sein und <em>dem Nächsten gut</em> sein zerbrechen. Es könnte sich dann sogar das Grundgefühl, eine Seele zu haben, zurückziehen.</p>
<h2>Freitod – und wenn man nun gar keine Seele ›hat‹?</h2>
<p>Wir wissen, dass auch manche Christenmenschen, die sich selbst durchaus als ›von Gott geschenkt‹ betrachten, gelegentlich dennoch eine selbst hergestellte Erlösung von ihren Leiden in Erwägung ziehen und sie schließlich auch realisieren. Es erstreben also nicht nur solche Leidende ein selbstbewirktes Lebensende, die ohnehin davon ausgehen, ab dem Todeseintritt gebe es für eine Person definitiv nichts mehr zu erleben (denn es gebe dann keine noch weiterlebende, vom Körper abgetrennte Seele mehr).</p>
<p><em>Wer</em> allerdings so eingestellt ist, für denjenigen oder für diejenige steht einer eventuellen Selbsttötung überhaupt kein rationaler Einwand im Weg. Wird doch davon ausgegangen, dass ein Mensch nach seinem Tod mit allen seinen Freuden und Nöten, Wünschen und Hoffnungen vollständig Vergangenheit sein wird. Diese Annahme schließt auch noch mit ein, dass man, erstens, von keinem ›Jüngsten Gericht‹ mehr erreicht werden kann, und dass, zweitens, nach dem eigenen Ableben auch die Mitwelt keinen stichhaltigen Grund mehr haben wird, ihrerseits einem Verstorbenen gegenüber noch irgendeine Schuld zu verspüren. Unter solchen Prämissen scheint ein Vermeiden eigenen Weiterleben-Müssens in armseliger Hinfälligkeit durch den medizinisch assistierten Suizid als eine <em>humanistische Form des</em> <em>Euthanasiegedankens</em>.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Der medizinisch assistierte Suizid als humanistische Form des Euthanasiegedankens</p></blockquote></div>
<h2>Immanuel Kant und die Idee der Unsterblichkeit</h2>
<p>Andererseits: Immanuel Kant behauptete mit monumentaler Entschiedenheit, es müsse sich jeder Mensch nach seinem Tod dem göttlichen Universalgericht am ›Jüngsten Tag‹ stellen. Vor allem um dieser Perspektive willen hielt Kant am Gottesgedanken und an der – seelischen – Unsterblichkeit des Menschen fest. Aus moralischen Gründen<em> müsse </em>ein ›Jüngstes Gericht‹ für die dann durchaus noch aufnahmefähigen menschlichen Seelen durchgeführt werden. Wie sonst wäre einsichtig zu machen, warum denn der Mensch überhaupt ein moralisches (und hierbei die Bedürfnisse der Umwelt mit berücksichtigendes) Leben führen sollte? Dem wäre die Grundlage entzogen, wenn der Mensch, ohne eine Rechenschaft ›drüben‹ befürchten zu müssen, bis zu seinem Tod über andere triumphieren und auf ihre Kosten gut leben könnte.</p>
<p>Dieses Argument Kants ist nicht so leicht zu entkräften. Aber auf keinen Fall gibt es etwas dafür her, den Suizid als eine Handlung auszuzeichnen, die dann ihrerseits im ›Jüngsten Gericht‹ negativ zu Buche schlagen müsste. Denn wie es zu einem Suizid kam, dies wird Gott ja auf seine Weise beurteilen, die auch zu Gunsten des so gestorbenen Menschen ausfallen könnte.</p>
<h2>Seele und Lebensregeln</h2>
<p>›Nachkantische‹ Ethiken erwägen freilich andere Motivationen zur Erzielung und Befestigung moralischer Lebensführungen, die nicht mehr an ›jenseitig zu Erwartendes‹ gebunden sind. Oft geht ihnen aber, ohne dass dies hier näher ausgeführt werden kann, ein tieferes Verständnis der menschlichen Seele ab. Meistens berücksichtigen sie nicht, dass Menschen stets <em>zwei auseinanderstrebende elementare Lebensregeln</em> miteinander ausgleichen müssen. Die eine besagt: Lebe in dem Bewusstsein, dass du nur dieses eine Leben hast. Mehr gibt es nicht. Schöpfe es für dich aus! Die andere besagt: Erstrebe das Gute und verzichte in diesem Leben auf Dinge, die <em>dem </em>im Weg stehen! An beidem kommen wir bei keiner wichtigen Entscheidung unseres Lebens vorbei. Nur die Liebe ist das Band, um diese beiden Richtungen des Lebens miteinander zu vereinbaren. Aber sie ist nicht automatisch im erforderlichen Maß in den Seelen schon vorhanden. Aus christlicher Sicht sind die menschlichen Seelen einer <em>gnädigen Erhebung </em>unseres fragmentarischen, fehlbaren Lebens von außen her bedürftig.</p>
<h2>Die Seele in der Zerreißprobe ausweglosen Leidens</h2>
<p>Wird in einer solchen Extrem-Situation der Tod ersehnt – oder einfach <em>Hilfe</em>? Für nicht wenige ausweglos Leidende, die eine aktive Beendigung ihres Lebens in Betracht ziehen, trifft es zu, dass sie nicht unbedingt ihren sofortigen Tod wünschen, sondern einfach ein Ende ihrer unerträglichen Situation. Um dieser Tatsache willen sollte allerdings immer noch mehr getan werden für ein allen offen stehendes palliativmedizinisches Angebot unter möglichem Einschluss einer Hospizbetreuung. Denn nicht wirklich der Tod, sondern Hilfe – und Liebe – werden ersehnt!</p>
<h2>›Funktion‹ und ›Wirklichkeit‹ der Seele sind nicht zu bezweifeln</h2>
<p>Zu den ›modernen Zweifeln‹ an der Existenz der Seele ist kurz und bündig dies zu sagen: Die meisten modernen Menschen wissen noch immer, dass sie eine Seele haben. Mit Recht sehen sie darin aber keine Frage, die in den Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften fällt. Manche Forscher(innen) meinen zwar, gerade die Wissenschaft generiere aus ihr selbst heraus das, was wir ›Werte des Lebens‹ nennen, weil sie Illusionen zerstöre und ›aufkläre‹. Doch mit solchem Abräumen und Klären wird den Menschen noch längst nicht der von ihnen zu gehende Weg gewiesen. Sie lernen auf diesem Hintergrund noch nicht zu lieben oder mit Not und Tod umzugehen.</p>
<p>Aber eben das lehrt sie ihre Seele. Sie lässt sie nicht nur bald <em>danken</em> und bald <em>klagen,</em> sondern sie lässt sie auch dessen innewerden, dass ihr Leben als ein <em>Auftrag </em>zu werten ist. Unter ihrem Impuls sehen Menschen sich unter einer guten Macht, die ›über uns hinausliegt‹ und ›alles umgreift‹. Sie scheint uns nicht nur zu lieben und zu rufen, sondern auch zu <em>brauchen</em> an dem Platz, auf den wir gestellt sind, in der Frist, die uns zugemessen ist. Ihr gegenüber wollen wir unser Leben verantworten, aber hierbei bedürfen wir auch immer wieder einer inneren Aufrichtung aus der Scham angesichts von Versäumnissen und Fehlern sich selbst und anderen gegenüber. Kirchen sollen im Zweifelsfall nicht drohen, sondern trösten.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Im Blickwinkel der Seelsorge darf jede dogmatische oder weltanschauliche Bewertung von Selbsttötungen noch einmal überholt werden.</p></blockquote></div>
<h2>Der Blickwinkel der Seelsorge</h2>
<p>Seelsorge soll Menschen generell daran erinnern, dass sie im Auftrag des Höchsten leben. Noch mit sehr schwacher Kraft kann der Mensch dem Höchsten dienen, ihm leben und sterben. Ist der Ausblick eines Seelsorge-Klienten auf Gottes Liebe wieder freier geworden, und muss sich ein(e) schwer leidende(r) Patient(in) nicht mehr seelisch krümmen unter der Qual der Frage ›womit habe ich das verdient?‹, dann mag geschehen, was immer als gnädige Entlassung aus dem Lebensauftrag gewertet werden wird.</p>
<p>Theologisch ist es eindeutig, dass Gottes Gnade für diejenigen ausreicht, die in großem Elend ein Weiterleben nicht mehr ertragen und gleichzeitig hoffen, dass Gott ihnen als Suizidanten gnädig sein werde. <em>Im Blickwinkel der Seelsorge darf jeder Typus einer dogmatischen oder weltanschaulichen Bewertung von Selbsttötungen noch einmal überholt werden</em> – aus innersten christlichen Gründen heraus.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Christof Gestrich: <em>Die Seele des Menschen und die Hoffnung der Christen. Evangelische Eschatologie vor der Erneuerung.</em> edition chrismon 2009, 248 S., 34,00 EUR, ISBN 978-3-86921-004-9.</p>
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