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	<title>evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<title>evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Beide aber sind notwendig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:34:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Bergpredigt]]></category>
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					<description><![CDATA[Oft wird gefragt: Lässt sich mit der Bergpredigt etwa Politik machen? Beispiele aus Geschichte und Gegenwart zeigen: Die Unterscheidung von Staat und Religion hat ihr gutes Recht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Oft wird gefragt: Lässt sich mit der Bergpredigt etwa Politik machen? Beispiele aus Geschichte und Gegenwart zeigen: Die Unterscheidung von Staat und Religion hat ihr gutes Recht.</p></blockquote></div>
<p>In Babyn Jar wurden dreiunddreißigtausend Kinder, Frauen und Männer erschossen. Man weiß es ganz genau, weil die deutsche Wehrmacht, die Polizei- und SS-Kommandos präzise Buch darüber führten. Aus der tödlichen Schlucht in der Ukraine meldet die Einsatzgruppe eine exakte Angabe nach Berlin: „33 771“, steht da, hat das „Sonderkommando 4a … am 29. und 30.9.1941 in Kiew … exekutiert“. Dieser Tage jährte sich die Mord-Aktion zum 75. Mal.</p>
<p>Babyn Jar belegt, wozu Menschen fähig sind, wenn Orientierung fehlt. Hier gab es keinen Schutz, keinen eingreifenden Staat. Die staatliche Ordnung selbst war korrumpiert und zu einer Vereinigung von Rechtsbrechern geworden. Es fehlte die ordnende Gewalt, die dem Bösen widerstanden hätte. Und es fehlte den Einzelnen, die herbeigeordert waren, ein innerer Halt. Es waren ja noch immer Menschen, die da schossen, die Erde schaufelten oder Kleiderberge anhäuften. Doch im Innern fehlte eine feste „Bindung“ (lat. Religio von <em>re-ligere/ligare: Zurückbinden, Anbinden, Beachten</em>), die sie abgehalten hätte: Ein festes Herz, wie es eine <em>religio</em>, ein fester Glaube hätte geben können.</p>
<h2>Religion und Politik</h2>
<p>Religion und Politik sind zwei Bereiche, die sich überschneiden, die aber nicht identisch sind. Jedenfalls nicht identisch sein sollten, wie wir in Europa leidvoll lernen mussten. Und dennoch kommt in dieser Welt das eine ohne das andere nicht aus. Der beste Staat nützt nichts, wenn er nur haltlose Menschen in sich hat. Religio braucht wiederum den Staat, wenn sie im Widerstreit aggressiver Meinungen und bei Verfolgungen nicht untergehen will. Was die religio dem Staat zu geben hat, und umgekehrt, darum geht es im Folgenden.</p>
<p>Die zutreffende Sentenz eines deutschen Spitzenpolitikers und derzeitigen Bundesfinanzministers besagt, „dass Religion, um politisch zu sein, erst einmal Religion sein muss.“ Daher zuerst (A) ein Blick auf den christlichen Glauben, auf die Bergpredigt und die Reich-Gottes-Rede des Neuen Testaments. Dann (B) der Blick auf Staat und Politik, also auf den Bereich der weltlichen Ordnungen, der staatlichen Gesetze und der politischen Forderungen. Schließlich geht es (C) um die rechte Zuordnung der beiden Größen Staat und Religion.</p>
<h2>A) Evangelische <em>religio </em>nach der Bergpredigt</h2>
<p>1. „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Mt 5,4). Die Bergpredigt beginnt mit starken Trostworten für jene, die an und in dieser Welt leiden. „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen“ (Lk 6,20f). Die Sicht wird von Gott her kontrastiert. Es wird nicht bleiben, wie es ist.</p>
<p>2. Die Bergpredigt setzt neben die gesehenen Realitäten eine andere Wirklichkeit. Es ist die Wirklichkeit Gottes, sein Reich: das „Himmelreich“. In Gottes Reich und seinem Herrschaftsbereich gelten ganz eigene Gesetze. Das ist bereits jetzt so, wo die Herrschaft Gottes wirkt. Und das ist zu guter Letzt so, wenn dieser Äon endet, „wenn Gott abwischen wird alle Tränen“ (Jesaja 25,8). In diesem Gottvertrauen spricht die Bergpredigt, und solches Gottvertrauen will sie wecken. „Selig sind, die dürstet nach Gerechtigkeit: sie werden satt“ (Mt 5,6).</p>
<p>3. Dieses unumschränkte Gottvertrauen hat jener Bergprediger gepredigt <em>und</em> mit Tat und Leben wahr gemacht. Er wendet sich den Kranken zu. Den Ausgestoßenen. Er praktiziert die Nächstenliebe und die Feindesliebe. Das Reich Gottes beginnt als kleinstes Samenkorn, und wird doch größer als alle anderen Gewächse, sodass in seinen Zweigen die Vögel des Himmels nisten können, sagt er. Von seiner bergeversetzenden Zuversicht zu Gottes Möglichkeiten lässt er sich nicht abbringen, bleibt dabei bis zum Tod. „Denkt anders“, damit beginnt das öffentliche Wirken des Wanderpredigers aus Nazareth (so wörtlich das griech. <em>Meta-Noeite: Ändert das Denken, kehrt um</em>). ›Die Wirklichkeit Gottes ist nicht fern, sie ist nahe – folgt mir nach‹ (Mk 1,15; Mt 4,17; Lk 4,43; Mk 2,14).</p>
<p>4. Wo nach der Bergpredigt gelebt wird, ist nicht nötig, dass eine Staatsgewalt eingreift. Wenn alle sich nach dieser Art verhalten, ist es das Paradies auf Erden. „Selig sind die Frieden stiften: sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). Dies ist das Fundament, sagt die Bergpredigt, auf dem Leben gedeiht. Wer diese Rede hört und tut, dessen Haus ist „auf festen Grund“ gebaut <em>(</em>Mt 5,24).</p>
<p>5. Die Bergpredigt wirft allerdings Fragen auf. Was, wenn es bei schreienden Ungerechtigkeiten bleibt? Was, wenn etwas wie in Babyn Jar geschieht? Die Nachkriegstheologie in Deutschland, das lässt sich zeigen, ist von dieser Frage wesentlich bewegt. Kann man mit der Bergpredigt die Welt gestalten (Politik), in der es doch allzu oft nach dem Recht des Stärkeren zugeht? Auch der Prediger der Nächsten- und der Feindesliebe wird schließlich im Foltertod am Kreuz von den Mächtigen schlichtweg liquidiert. Was bleibt zu tun, wenn sich Gottes gute Herrschaft nicht so ohne Weiteres durchsetzt?</p>
<h2>B) Politische Forderungen</h2>
<p>6. Während die Reich-Gottes-Rede beschreibt, wie es ist, wenn alle „wie die Engel“ wären, müssen sich Staat und Politik der Wahrheit stellen, dass es daran häufig fehlt. Der Staat hat damit zu tun, eine Ordnung für das Zusammenleben zu gewährleisten, wenn es Übergriffe von dem einen auf den andern gibt. Er <em>regelt</em> <em>Interessensausgleiche</em>. Er stellt Verbrecher und schützt auf diese Weise das Leben und die Gemeinschaft aller. Er ist überall da nötig, wo ein Leben gemäß der Bergpredigt fehlt.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Staat ist überall da nötig, wo ein Leben gemäß der Bergpredigt fehlt.</p></blockquote></div>
<p>7. Die Aufgabe des Staates ist es also, Recht und Frieden abzusichern. Der Historiker Timothy Snyder hat die These aufgestellt, dass die Nazi-Gräuel gerade möglich wurden, wo und weil es dem Regime gelang, staatliche Strukturen außer Kraft zu setzen. An der schauderhaften Tat in Kiew waren „zwei Kommandos des Polizei-Regiments Süd“ beteiligt, also gerade die zuständige Ordnungsgewalt für Recht und Gesetz. Das Abgründige des „Dritten Reichs“ besteht insoweit nicht nur darin, dass das Staatswesen totalitär wird, sondern dass <em>Rechtlosigkeit</em> <em>und</em> <em>Willkür</em>, <em>Anarchie und Gesetzlosigkeit </em>die Oberhand gewinnt.</p>
<p>8. Für die SS-Schergen mit polizeiähnlicher Ausführungsgewalt galt kein Gesetz. Man war sich selbst Gesetz. Im Dritten Reich wurde schleichend diese Gesetzlosigkeit total. Doch wo das stattfindet, ist das Staatswesen nicht mehr wirklich „Staat“. Leider lassen sich auch heute mühelos Beispiele finden, wo die Gefahr besteht, dass unser Staatswesen sich auflöst, unterhöhlt wird, zur Räuberbande wird. <em>Aufwachen in Nazi-Deutschland</em> muss darum die Parole sein, bevor das zu einer Zustandsbeschreibung wird.</p>
<p>9. Ein Beispiel: Wie schleichend Freiheit flöten geht, zeigt die Digitalisierung. Johanna Haberer hat darauf aufmerksam gemacht (in dieser Zeitschrift, Ausgabe 2/2016), welch totalitärer Zug in der alle Lebensbereiche durchdringenden Überwachung liegt. Digitalisierung meint und betrifft ja nicht nur die Kommunikation im öffentlichen Internet, sondern auch das im Verborgenen liegende „Darknet“, wo mit allem und jedem gehandelt wird, und das sogenannte Internet der Dinge. Mit dem PC-lesbaren Personalausweis, dem funkenden Automobil, den elektronisch vorliegenden Gesundheitsdaten… wird die Gesellschaft für jeden, der auf diese Daten Zugriff hat, „sehr transparent“ und leicht manipulierbar. Geheimdienste und Wirtschaftsunternehmen tun das schon heute unkontrolliert (<em>aspekte</em> 2/2016). Es ist daher richtig, zu verhindern, dass nicht auch noch der Zahlungsverkehr rein digital abläuft und das Bargeld abgeschafft wird.</p>
<p>Verschiedene Kräfte wirken in Deutschland darauf hin, das Militär auch für Inlandseinsätze vorzusehen. Babyn Jar liegt einfach schon zu lange zurück&#8230; Geheimdienste und der Verfassungsschutz werden mit polizeilichen Aufgaben betraut. Immer mehr Instanzen sollen Zugriff auf alle Telefongespräche innerhalb Deutschlands haben. Dergleichen wird natürlich digital gespeichert. Zugleich weist der deutsche Innenminister darauf hin, dass jederzeit mit Angriffen auf die digitale Infrastruktur von Gruppen, Staaten, kriminellen Vereinigungen, einzelnen Hackern auszugehen sei. Jeder weiß nun also von jedem alles, oder kann es plötzlich wissen (Wikileaks)&#8230; Diese Zugriffsmöglichkeiten sind in der Tat „total“.</p>
<p>10. Auch die Wissenschaft geht daher fehl, wenn sie sich bisher weitgehend aus dieser Diskussion herauszuhalten sucht. Seit einiger Zeit wird ja angestrebt, den Universitäten neben ihren Aufgaben der Forschung und der Lehre als dritte Aufgabe, „Third Mission“, auch eine (zivil-)gesellschaftliche Aufgabe ins Stammbuch zu schreiben – eine partnerschaftliche Kooperation zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft für gesellschaftliche Herausforderungen. Die totale Digitalisierung wäre hier Bewährungsfeld. Haltung ist gefragt. Religio. Jeder Staat braucht im Innern einen Halt.</p>
<h2>C) Luthers Unterscheidung zwischen Staat und Religion</h2>
<p>11. Die Unterscheidung und Gegenüberstellung von <em>religio</em> und Staat ist ein Gewinn aus der Reformation. Neidlos muss man anerkennen, dass es wieder einmal Martin Luther ist (wie schon bei der Bibellektüre in der Muttersprache, dem „Priesterberuf jedes Christenmenschen“, der Schulbildung für Mädchen und Jungen, dem theologischen Gerechtigkeitsbegriff, der Abschaffung käuflicher Ablässe, u.a.), der Maßstäbe gesetzt und Pionierarbeit geleistet hat. Bei der Unterscheidung von Staat und Kirche hat er mit der Lehre von den zwei Bereichen schlichtweg Bahnbrechendes gesagt.</p>
<p>12. Luther unterscheidet klar die Aufgaben von Politik und Religion. Mit seiner Lehre von den zwei (Be-)reichen weist der Wittenberger Theologe jeder Seite ihre Rolle zu: dem Staat die äußere Ordnung, gegen Rechtsbrecher notfalls auch mit Zwangsgewalt; der Kirche und der Religion die innere Bindung, ohne Gewalt, alleine mit der Wortverkündigung (<em>sine vi, sed verbo</em>). Besser als von der Zwei-Regimenten- oder der Zwei-Reiche-Lehre wäre daher von der Zwei-<em>Be</em>reiche-Lehre oder von der <em>Doppelten Bürgerschaft</em> zu reden. Ein Christenmensch ist Bürger im Reich Gottes. Und er ist Bürger in der Welt. Der Glaube gibt ihm Halt. Im Staat findet die Weltgestaltung statt.</p>
<p>13. Reformatorische Lehre hilft somit zu unterscheiden zwischen einer passiven Gerechtigkeit, die Gott selbst herstellt (spätestens, final, am Ende aller Tage) – nennen wir es das Himmelreich – und einer aktiven, politischen Gerechtigkeit, an der der Mensch nach Kräften heute schon mitwirkt – nennen wir es politische Existenz. „Das ist unsere Theologie“, sagt Luther einmal, „in der wir diese beiden Gerechtigkeiten, die aktive und die passive, genau zu unterscheiden lehren… Beide aber sind notwendig“ (Kommentar zum Galaterbrief, 1531/35). Auch das Gesetz ist unter dieser Perspektive gut und richtig, sogar notwendig. „Heilig“, wie der jüdische Gelehrte und Apostel Paulus sagt (Römerbrief 7,12).</p>
<p>14. Wann das Gesetz, auch das „politische“, wann die „evangelische“ Bergpredigt an der Zeit ist, ist immer wieder neu zu prüfen. Anders als viele, die sich später auf ihn beriefen, traute sich der Wittenberger Theologe, der „Politik“, den Mächtigen der Zeit, mit deutlichen Worten zu widersprechen und zu widerstehen. Gerade dafür steht doch schon sein Auftritt 1521 vor Kaiser und Reich in Worms. Und nicht nur hier. Luther hat damit selbst befolgt, was er in der berühmten Freiheitsschrift in die Doppelthese fasst: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ (<em>Von der Freiheit eines Christenmenschen</em>, 1520). „Fürstenknecht“ war Luther sicher nicht. Auch beim sogenannten „landesherrlichen Kirchenregiment“ stimmt längst nicht alles, was im besser zu informierenden deutschen Feuilleton oft zu lesen ist.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Luthers Mut möchte man heute manchem Kirchenvertreter bei der totalen Digitalisierung wünschen.</p></blockquote></div>
<p>15. Luthers Mut möchte man heute manchem Kirchenvertreter bei der totalen Digitalisierung wünschen. Denn eigentlich ist es ja längst gesellschaftlicher Konsens, dass hier höchster Handlungsbedarf besteht – nur die Politik hinkt hinterher. Die Kirche auch. Wenn über 1.000 Schriftsteller wie z.B. Paul Auster, T.C. Boyle, Umberto Eco, Jonathan Littell protestieren (vgl. <em><a href="http://FAZ.net" class="autohyperlink">FAZ.net</a></em>, 10.12.2013), Philosophen wie Michael Sandel Alarm schlagen, wenn sich die Stimmen gerade aus der IT- und Computerbranche mehren (man blättere in Technik-Zeitschriften wie<em> connect, com! professional, c‘t </em>oder <em>CHIP</em>), dann findet sich vielleicht auch einmal ein Bischof, eine Kirchensynode oder ein Kanzelprediger, der dazu das Wort ergreift. Er sei katholisch oder evangelisch. Womöglich aber behält Hans Magnus Enzensberger recht: Es hilft dem Bürger nur, sich dem digitalen Totalitarismus zu <em>verweigern</em>, Smartphones wegzuwerfen und Parteien nicht zu wählen, solange sie nicht endlich einschreiten.</p>
<p>16. Es stimmt: Ein Staat ist nichts, wenn er nur haltlose Menschen in sich hat. In Babyn Jar aber fehlten beide, religio <em>und</em> Staat. Ob heute eine gelähmte Kirche zu Widerspruch noch in der Lage ist, mit dem Wort, ohne Gewalt? Die Nachkriegstheologie schien ihrer Sache mit dem Gottvertrauen nicht mehr sicher. Erfahrungen der Todesmaschinerie in zwei Weltkriegen hatten sie weithin fassungslos gemacht, regelrecht an Gott irre werden lassen (vgl. <em>aspekte</em> 4/2014: „Es ist der Krieg“). Die Rede von Gott wurde, wenn nicht verabschiedet, so doch verdächtig. Ließe sich an Gott – wenn überhaupt – nur noch „atheistisch“ glauben? Leben <em>als ob </em>es Gott gäbe? An die Stelle der Realität der Reich-Gottes-Rede trat ein <em>Irrealis des „Vielleicht“</em>. Oft musste dann eine „verzweifelte“ Religio beginnen, wieder „Staats-Politik“ zu machen, um die Gerechtigkeit, beinahe wie in einem Gottes-Staat, selbst herbeizwingen zu wollen. Die Stimme der Bergpredigt spricht jedoch <em>anders</em>. Sie führt auf einen Weg des Umdenkens. Es ist ein Weg, zu dem Karfreitag ebenso zählt wie der frohe Ostertag. Das Reich Gottes beginnt als kleinstes Samenkorn, (stirbt ab) und wird doch größer als alle anderen Gewächse. In ihm werden die Vögel des Himmels wohnen.</p>
<h2>Fazit</h2>
<p>17. Beide sind nötig: Politik und Bergpredigt. Der Staat ist notwendig, damit haltlose Menschen sich nicht gegenseitig malträtieren können. Die Bergpredigt ist nötig, damit Menschen mit einem festen Halt entstehen, die sich erst gar nicht malträtieren wollen. „Ändert euer Denken!“, sagt die Bergpredigt. „Die Wirklichkeit Gottes ist schon da.“</p>
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		<title>Leben jenseits unseres Planeten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Losch]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:31:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Astrobiologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Entdeckung von Exoplaneten, Erkenntnisse der Astrobiologie und die Weltraumfahrt geben auch der systematischen Theologie neu zu denken. „Schuf“ Gott „die Erde“, so bedeutet das bewohnbares Land. Wissenschaftler rechnen mit vielen habitablen Zonen im Universum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Entdeckung von Exoplaneten, Erkenntnisse der Astrobiologie und die Weltraumfahrt geben auch der systematischen Theologie neu zu denken. „Schuf“ Gott „die Erde“, so bedeutet das bewohnbares Land. Wissenschaftler rechnen mit vielen habitablen Zonen im Universum.</p></blockquote></div>
<p>Anfang des 20. Jahrhunderts soll es in New York eine Massenpanik gegeben haben, als H.G. Wells Buch <em>The War of the Worlds</em> als realistisch anmutende Radioreportage ausgestrahlt wurde. Denn es handelt von einem Angriff der Marsianer in dreibeinigen Kampfmaschinen. Auch wenn dieser Bericht vermutlich stark übertrieben ist, wird daran doch deutlich, wie verbreitet einmal die Annahme war, unser Nachbarplanet sei bewohnt. Tatsächlich wurde erst durch die NASA-Missionen zum Mars deutlich, dass es sich bei diesem Planeten um eine ziemlich lebensfeindliche Umgebung handelt – jedenfalls was Leben angeht, wie es uns bekannt ist.</p>
<h2>Viele Welten als Ausweis der göttlichen Majestät</h2>
<p>In früheren Jahrhunderten wusste man noch nicht so viel über die Planeten unseres Sonnensystems. Selbst berühmte Astronomen wie Wilhelm Herschel nahmen im Analogieschluss an, auch die anderen Planeten seien wie die Erde bewohnt. Ja, sogar Mondbewohner und Sonnenbewohner wurden postuliert. Es wimmelte in der Vorstellung vieler Menschen derart von Leben im Universum, dass sogar Immanuel Kant bis ans Ende seines Lebens an dieser Annahme festhielt. Thomas Paine sah sich Ende des 18. Jahrhunderts gar genötigt, von hier aus das konventionelle Christentum zu attackieren: „… zu glauben, dass Gott eine Vielzahl von Welten geschaffen hat, wenigstens so zahlreich wie das, was wir Sterne nennen, macht das christliche Glaubenssystem auf einen Schlag klein und lächerlich und verstreut es im Verstand wie Federn in der Luft“ (1794).</p>
<p>Dabei hatten Theologen wie William Derham (<em>Astro-Theologie</em> 1715) nicht unwesentlich dazu beigetragen, die Vorstellung einer Vielzahl von Welten bekannt zu machen. Und nicht allen erging es so wie Giordano Bruno, der für seine innovativen Spekulationen mit dem Scheiterhaufen bestraft wurde. Neben dem <em>kopernikanischen</em> <em>Prinzip</em> oder auch <em>Prinzip</em> <em>der Mittelmäßigkeit</em>, das den Analogieschluss von der Erde auf andere Orte im Universum nahelegte, galt das <em>Prinzip der Fülle</em>. Die Himmel erzählten in der Tat die Ehre Gottes, und je reicher an Leben das Universum war, umso eher gereichte das Gott zu Ehre.</p>
<h2>Science-Fiction: vom Spielplatz der Fantasie zum Feld wissenschaftlicher Forschung</h2>
<p>Nun, das ist Geschichte. Die Geburt von H.G. Wells (1866–1946), Urvater des Science-Fiction, ist bereits 150 Jahre her. Leben diese Vorstellungen jetzt nur noch in der Literatur fort? Oder wie stehen wir heute zu der Frage nach Leben jenseits unseres Planeten? Der 150. Geburtstag von Wells und das 50. Jubiläum der bekannten amerikanischen Science-Fiction Serie <em>Star Trek </em>hat vor kurzem das renommierte Wissenschaftsjournal <em>Nature</em> veranlasst, der Rolle von Science-Fiction in der Wissenschaft eine Ausgabe zu widmen. Bereits seit 2014 haben sich am <em>Center for Space and Habitability</em> der Universität Bern Philosophen, Literaturwissenschaftler und Theologen mit Weltraumforschern zusammengefunden, um die Bedeutung möglichen Lebens jenseits unseres Planeten zu diskutieren. Auch das <em>Center of Theological Inquiry</em> in Princeton widmet sich derzeit mit Hilfe von NASA-Geldern ähnlichen Fragen.</p>
<p>Was hat sich getan, dass diese heute wieder <em>en vogue</em> sind? Anfang der 1960er Jahre begann die Suche nach intelligentem extraterrestrischem Leben (<em>SETI</em>) mit Hilfe von Radioteleskopen. Pionier war hier Frank Drake, von dem auch eine berühmte Gleichung zur Einschätzung der Häufigkeit des Vorkommens desselbigen stammt. Ebenfalls in den 1960er Jahren kam die sogenannte <em>Exobiologie</em> als Wissenschaft von extraterrestrischem Leben auf. Der Begriff wurde von dem Nobelpreisträger Joshua Lederberg geprägt, und er verband damit in erster Linie die Suche nach Leben auf dem Mars. Nachdem das erste Ergebnis der Viking-Missionen Mitte der 1970er Jahre dorthin aber eher negativ war, begann man, am Sinn einer wissenschaftlichen Disziplin zu zweifeln, deren Gegenstand (außerirdisches Leben) unbekannt war bzw. vielleicht gar nicht existierte. Die Exobiologie erlebte eine Wiederbelebung als <em>Astrobiologie</em>, welche die Frage nach Ursprung und Entwicklung des bekannten Lebens auf der Erde einschließt und somit offensichtlich einen Untersuchungsgegenstand hat. Exobiologie ist also heute ein Teil der Astrobiologie, teilweise werden die Begriffe (ebenso wie der Ausdruck <em>Bioastronomie</em>) aber auch synonym benutzt.</p>
<h2>Intelligent und extraterrestrisch – eine fixe Idee oder von berechenbarer Häufigkeit?</h2>
<p>Auftrieb hat die Astrobiologie zunächst durch die Entdeckung von Extremophiles erhalten, also von Mikroorganismen, die auf der Erde unter äußerst extremen Bedingungen gedeihen können. Vor gut 20 Jahren dann entdeckte man die allerersten Exoplaneten. Planeten außerhalb unseres eigenen Sonnensystems wurden für wahrscheinlich gehalten, doch konnten sie bis dato nicht beobachtet werden, da sie nicht leuchten. Man hat nun, unter anderem mit Hilfe verbesserter Beobachtungsgeräte, verschiedene Techniken entwickelt, um solche weit entfernten Planeten doch noch aufzuspüren. Bereits einige Hunderte sind verifiziert, doch wenn man mal annimmt, dass jeder Stern in unserer Galaxie wenigstens einen Planeten um sich kreisen hat, können wir bereits die Existenz von ca. 300 Milliarden Planeten annehmen. Wenn man wiederum weiß, dass es einige hundert Milliarden Galaxien in unserem Universum gibt, wird selbst bei einer geringen Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Leben die Annahme, dass es weiteres Leben im Universum gibt, doch sehr plausibel. Anhalt dafür könnten Biosignaturen in der Atmosphäre der jeweiligen Exoplaneten liefern, für deren (visuelle) Analyse man aber zumeist Weltraumteleskope braucht, die derzeit noch in der Entwicklung sind.</p>
<p>Die Suche wird sich dabei auf <em>habitable</em> Planeten konzentrieren, also auf Planeten, auf denen flüssiges Wasser existieren kann. Denn man geht davon aus, dass dieses Medium ein wesentliches Element für die Entwicklung von Leben darstellt. Nun hat man auch in unserem Sonnensystem bereits mehrfach Wasser auf anderen Himmelskörpern gefunden, jedoch noch keine einzige extraterrestrische Mikrobe. Die Hoffnungen und Erwartungen, die sich auf die Untersuchung von Marsmeteoriten richteten, wurden ebenfalls enttäuscht.</p>
<h2>Irgendwo da draußen – intelligentes Leben ohne (eine) Religion?</h2>
<p>Sind wir vielleicht doch allein im Universum? Diese Frage zu beantworten, ist es sicher noch viel zu früh, wenn wir sie denn jemals beantworten können. Das Universum ist vermutlich einfach zu groß, um jemals mit Sicherheit sagen zu können, es gäbe außer uns kein Leben. Verbreitet ist allerdings die Annahme, komplexes Leben wie auf der Erde sei sehr, sehr selten.</p>
<p>Welche Konsequenzen ergeben sich nun für das theologische Schaffen? Wie gesagt, kann man angesichts der schieren Größe des Universums und der Menge der enthaltenen Planeten eigentlich davon ausgehen, dass es irgendwo da draußen weiteres intelligentes Leben gibt. Kann man annehmen, dass dort ebenfalls religiöse Vorstellungen entwickelt worden sind, oder ist dies eine Besonderheit der Menschheit? Ist Religion vielleicht nur ein Stadium in der menschlichen Entwicklung? Die frühe SETI Forschung wurde auch von der Hoffnung getrieben, die als religionsfrei angenommenen Außerirdischen würden die Menschheit von ihren religiös motivierten Konflikten befreien.</p>
<h2>Theologische Fragen innerhalb der interdisziplinären Forschung</h2>
<p>Dabei stehen die allermeisten Weltreligionen der Frage aufgeschlossen gegenüber. David Weintraub (2014) hat sich einmal die Mühe gemacht, die jeweiligen Haltungen zu der Frage herauszuarbeiten. Was steht dabei insbesondere für das Christentum auf dem Spiel? Ich möchte die Herausforderungen anhand der theologischen Kategorien von <em>Schöpfung, Offenbarung</em> und <em>Erlösung</em> behandeln, und das in gewissem Maße auch im Gespräch mit dem Judentum, was ich für eine bleibende Aufgabe christlicher Theologie halte.</p>
<p>Schöpfungstheologisch gereicht eine mehrfache „Schöpfung“ der Größe Gottes schlicht zur Ehre. Zur Zeit der Verfassung der ersten Schöpfungserzählung hatte man natürlich noch keine Vorstellung von der Erde als Planeten. „Gott schuf den Himmel und die Erde“ meint deshalb auch nicht den Planeten Erde, sondern das bewohnbare Land. Warum sollte das nicht auch auf anderen Planeten zu finden sein? Es stellt sich die Frage, ob auch Außerirdische nach dem Bilde Gottes geschaffen sein können. Gilt das nicht nur für den Menschen? Biblisch ist der Mensch lediglich ein „Erdling“ im materiellen Sinne. Das Wort für Mensch, „Adam“, hat dieselbe Wurzel wie „Adamah“, also Erde. Besonders am Menschen ist lediglich seine Verantwortung für seine Taten vor Gott, vielleicht schlicht eine Folge seiner Entscheidungsfähigkeit und Intelligenz.</p>
<p>In Offenbarungsfragen konzentriere ich mich auf das partikularste Moment derselben, die Offenbarung des Gottesnamens an Moses. Kann man in diesem vielleicht eine universale Bedeutung erkennen, die den ganzen Kosmos umfasst? Nach der Auffassung Martin Bubers drückt der Gottesname zum einen das <em>Da-Sein</em> Gottes aus, bei Moses und seinem Volk insbesondere; in einem allgemeinen Sinne versteht Buber jedoch jede „Religion als Gegenwart“. <em>Eheje ascher ehejeh</em> (Ex 3,14) meint dann: „ich werde dasein, als der ich dasein werde“. Die Wiederholung des Ausdrucks drückt für Buber Gottes Unverfügbarkeit und Transzendenz aus, während die erste Erwähnung seine Immanenz betont: Gott ist ohnehin <em>da</em>, aber gerade deswegen unverfügbar, kann nicht magisch beschworen oder zu Diensten gemacht werden. Die Weise, auf die Gott sich zeigt, ist damit in Gottes Belieben gestellt. Gott kann damit auch in anderen Religionen angetroffen werden, so Buber. Und warum nicht in den Religionen der Völker anderer Planeten, möchte ich ergänzen.</p>
<h2>Inkarnation im Plural oder ist Gott nur in Jesus Christus „Fleisch“ geworden?</h2>
<p>Fragen rund um das Thema der Erlösung sind nun sicherlich die schwierigsten in diesem Kontext. Es gibt die Frage, ob Außerirdische getauft werden müssten. Oder sind Sünde und Erlösungsbedürftigkeit ein spezielles Problem schwarzer Schafe, also von uns Erdenbewohnern? Sogar Immanuel Kant hat über Ähnliches spekuliert. Gehen wir mal davon aus, dass alle verantwortungsfähigen Kreaturen „allzumal Sünder“ sind, dann braucht es auch eine kosmische Dimension der Erlösung. Die Vorstellung des – modern so genannten – „kosmischen Christus“ (Kol 1,15-17) antwortet theologisch auf diese Herausforderung. Doch ist dies nicht Ausdruck des alten Geozentrismus, wenn die Erlösungsgeschichte auf Erden soteriologisch (heilsgeschichtlich) im Zentrum des Kosmos stehen soll?</p>
<p>Man macht sich daher von alters her und auch in der neueren Theologie Gedanken über potentielle multiple Inkarnationen, und wie diese sich zur Einheit und Einzigkeit Gottes verhalten können. Das ist auch im Dialog mit dem Judentum natürlich eine wichtige Frage. Wenn man am Monotheismus festhalten will, muss man nach meiner Überzeugung davon ausgehen, dass – selbst wenn die Bewohner fremder Welten also ihre eigenen Sonnen haben – die Offenbarung und Erleuchtung ihnen von der einen Lichtquelle kommen muss, die uns auch hier auf Erden aufgeschienen ist.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Armin Kreiner: <em>Jesus, Ufos, Aliens</em>. Freiburg 2011; Andreas Losch: <em>Kants Wette. Von Kants starkem Glauben an außerirdisches Leben, der Geschichte dieser Fragestellung und ihrer Herausforderung für die Theologie heute, </em>in: <em>Theologische Zeitschrift</em> 1/2015, S. 23-47</p>
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		<dc:creator><![CDATA[Christof Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:24:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Aylan Kurdi]]></category>
		<category><![CDATA[Bildsprache]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Fotographie]]></category>
		<category><![CDATA[Ikonographie]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelmeer]]></category>
		<category><![CDATA[Nilüfer Demir]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor einem Jahr sorgte das Foto des tot an Land gespülten Flüchtlingskindes Aylan Kurdi weltweit für Aufsehen. Christof Salzmann rekonstruiert die Entstehung des Bildes und spürt den Gründen für seine außergewöhnliche mediale Verbreitung und Wirkung nach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Vor einem Jahr sorgte das Foto des tot an Land gespülten Flüchtlingskindes Aylan Kurdi weltweit für Aufsehen. Christof Salzmann rekonstruiert die Entstehung des Bildes und spürt den Gründen für seine außergewöhnliche mediale Verbreitung und Wirkung nach.</p></blockquote></div>
<p>Grober Sand, sanfte Wellen. Das Kind auf dem Bauch liegend, der rechte Arm leicht verdreht seitlich am Oberkörper ausgestreckt. Zwischen nassem rot-leuchtendem T-Shirt und durchtränkter dunkelblauer Hose ist ein Stück des Rückens zu sehen, die rechte Hand liegt geöffnet neben der nackten Hüfte. Die Hose ist bis zu den Knien hochgerutscht und entblößt die dünnen Unterschenkel. Der Körper liegt schutzlos im Zentrum der Abbildung. Sein Kopf wird von Ausläufern der Wellen umspült. Eine idyllische Szene – wenn nicht der Kontext so grausam wäre, denn alles im Bild ist kalt: Die Wellen, der Sand, der Körper.</p>
<p>Die dieser Beschreibung zugrundeliegende Abbildung wurde im September 2015 weltweit bekannt: Die Fotografie zeigt den Leichnam des dreijährigen Aylan Kurdi, der auf der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrank. Seine Mutter und sein fünfjähriger Bruder Galip kamen bei der missglückten Überfahrt ebenfalls ums Leben, lediglich der Vater konnte nach dem Kentern des Flüchtlingsbootes von den Rettungskräften aus den Fluten gerettet werden. Die Leichen des Bruderpaares wurden am Strand des Badeortes Bodrum im Süden der Türkei an Land gespült.</p>
<h2>Ein Bildsymbol der Flüchtlingskrise</h2>
<p>Das Foto erschien am Folgetag formatfüllend auf vielen Titelseiten der großen internationalen Tageszeitungen. Einmal in der Welt, verbreitete es sich in Sekundenschnelle auch in den sozialen Netzwerken. In zahllosen Wortmeldungen äußerten sich Menschen weltweit schockiert über die dramatische Szene am Strand und erschüttert über das Schicksal des Dreijährigen. Der Effekt basierte nicht auf beschreibende Bildunterschriften oder erläuternden Interpretationen, sondern auf der eindrücklichen und authentischen Repräsentation eines endgültigen „Augenblicks“: Die Fotografie „erzählt“ mit bildnerischen Mitteln unmittelbar vom tragischen Tod des Kindes.</p>
<p>In der Folge wurde das Foto zu einem weltweiten Symbol der Flüchtlingskrise. Auch internationale Medien und Menschenrechtsorganisationen nahmen immer wieder darauf Bezug. Dabei war dieser tragische „Unglücksfall“ kein Einzelfall: Schon zuvor kamen tausende Menschen bei der Flucht vor Krieg und Verfolgung ums Leben; und immer wieder waren Kinder unter den Opfern zu beklagen. Des Weiteren berichteten internationale Medien regelmäßig unter Verwendung dramatischer Bilder vom menschlichen Leid und der großflächigen Zerstörung in den Kriegsgebieten in Syrien. So stellt sich die Frage, warum gerade dieses Bild, das den tragischen Tod eines einzelnen Flüchtlingskindes dokumentiert, zu einer globalen medialen Ikone für die leidvollen Erfahrungen einer ganzen Region wurde.</p>
<h2>1. Blick hinter die Kamera</h2>
<p>Aufgenommen wurde das Bild von der türkischen Journalistin Nilüfer Demir. Perspektive, Belichtung und Farbwerte des Fotos wirken wenig spektakulär. Doch gerade der Verzicht auf eine Zuspitzung der Bildaussage durch den zusätzlichen Einsatz technischer Mittel verleiht der Fotografie ein hohes Maß an Authentizität. Dass die Aufnahme an einen „Schnappschuss“ erinnert, beglaubigt gerade die Echtheit des fotografischen Dokuments.</p>
<p>Wie die Fotografin in Interviews mit Agenturen und internationalen Zeitungen stets betonte, sei sie zunächst beim Anblick der Leichen „erstarrt“: „Aylan lag leblos in seinem roten T-Shirt und seinen blauen Shorts. 100 Meter weiter lag sein fünfjähriger Bruder Galip. Beide hatten weder Schwimmwesten noch Vergleichbares an, was sie vor dem Ertrinken hätte schützen können. Ich konnte nichts mehr für Aylan tun. Das hatte mich tief bestürzt.“ Ihren Angaben zufolge betätigte sie erst den Auslöser ihrer Kamera, nachdem sie den Tod der Kinder festgestellt hatte.</p>
<h2>Auf der Jagd nach dramatischen Bildern</h2>
<p>Das Insistieren der Journalistin auf der Abfolge der Ereignisse hat Gründe. Immer wieder sehen sich Journalisten dem Vorwurf ausgesetzt, sich mit solchen Bildern auf Kosten wehrloser Opfer zu profilieren und das Leiden anderer zynisch auszubeuten. Die „Schamlosigkeit“, mit der die Opfer fotografiert würden, sei selbst noch Teil der Schandtaten. Ausführlich hat dieses Dilemma die amerikanische Philosophin Susan Sontag in ihrem vielbeachteten Essay <em>Das Leiden der anderen betrachten </em>(dt.: Frankfurt 2010) beschrieben: „Die Jagd nach ›dramatischen‹ Bildern (wie sie oft genannt werden) treibt das fotografische Gewerbe an und gehört zur Normalität einer Kultur, in der der Schock selbst zu einem maßgeblichen Konsumanreiz und einer bedeutenden ökonomischen Ressource geworden ist. … Wie anders soll man bei Leuten einen Eindruck hinterlassen, die einer ununterbrochenen Flut teils neuer, teils ständig wiederkehrender Bilder ausgesetzt sind?“</p>
<h2>Die Würde der Bildperspektive</h2>
<p>In diesem Zusammenhang ist die Bildperspektive des Fotos von Nilüfer Demir bemerkenswert. So ist das Gesicht des Jungen auf keinem Bild der von ihr gemachten Serie zu erkennen. Die Entscheidung für eine Kameraperspektive, die eine Identifizierung des Jungen ausschließt, entspricht der traditionellen Kriegs-, Krisen- und Katastrophenberichterstattung: Lange Zeit wurden Leichen nur abgebildet, wenn das Gesicht unkenntlich oder verhüllt war. Susan Sontag weist in ihrem Essay jedoch auch darauf hin, dass in der Geschichte des Krieges das Tabu der „entblößten“ Darstellung von Toten häufig einseitig befolgt wurde. Was bei der Darstellung der eigenen Opfer selbstverständlich war, galt keinesfalls für die Gefallenen des Gegners: „Anderen diese Würde zu lassen, hielt man nicht für nötig.“</p>
<h2>2. Die Bilder hinter dem Bild</h2>
<p>Obwohl die Aufnahme am Strand von Bodrum das tragische Ereignis nüchtern und nahezu gefühllos abbildet, birgt sie das Potential, den Betrachter in besonderer Weise zu berühren. Das Bild verführt zum Hinschauen und provoziert gleichzeitig einen starken Widerwillen gegen den Akt des genauen Hinsehens. Die irritierende Position des schmalen Körpers (mit den Füßen auf dem Sand und dem Kopf in der Brandung) zeigt den Tod mit einer kalten, unerbittlichen Drastik. Dabei wechselt der Blick auf den Leichnam zwischen mitleidvoller Anteilnahme und ohnmächtiger Fassungslosigkeit.</p>
<h2>Prägung durch das ikonografische Archiv</h2>
<p>Diese besondere Wirkung der Fotografie lässt sich nicht ohne Rekurs auf das ikonografische Vorwissen verstehen, das sich im Laufe von Jahrhunderten im globalen Wissenskanon angesammelt hat und latent im kollektiven Unterbewusstsein existiert. Diese bedeutungsgenerierende Wissensressource wird beim Anblick von Bildern stets automatisch aktiviert. So spült auch die vorliegende Fotografie tieferliegende Vorbilder an die Oberfläche des Bewusstseins des Betrachters.</p>
<p>Auffallend bei diesem Prozess ist, wie profane Bilder auf religiöse Bilder verweisen, sakrale Bilder populäre Bilder kommentieren und Bilder stets neue Bilder generieren. Dazu gehören auch die biblischen Motive von Fluchtbewegungen und damit verbundenen Bedrohungen durch Wassermassen, wie z.B. die Flucht des jüdischen Volkes vor der ägyptischen Streitmacht durch das Rote Meer oder die Fluchtbemühungen Noahs vor der großen zerstörerischen Weltenflut. Zugleich erinnert die Abbildung des toten Jungen am Strand an den biblischen Jona, dessen Schicksal sowohl im Koran wie im Alten Testament plastisch geschildert wird: Eine häufig verwendete Szene in historischen Bildern zeigt Jona, wie er dem Fisch entkommt und den rettenden Strand erreicht…</p>
<h2>Der Leichnam des unschuldig zu Tode Gekommenen</h2>
<p>Vor allem aber ruft das Bild des Leichnams in einem von christlichen Traditionen geprägten Umfeld natürlich Abbildungen des Leichnams Christi in Erinnerung – zumal wenn es sich um das Bild eines Kindes handelt, das wie die Person Jesus in besonderer Weise ein unschuldig zu Tode gekommenes Opfer verkörpert. Beispielhaft wird dieses Bildmotiv durch Hans Holbeins Darstellung „Der tote Christus im Grabe“ aus dem Jahr 1522 vertreten, die eine der herausragendsten Provokationen der abendländischen Malerei darstellt. Grausamer und schockierender hatte zuvor nur Grünewald auf dem Isenheimer Altar das Menschsein des Gottessohnes dargestellt. Auf einem weißen Laken hingestreckt, die Arme seitlich eng neben dem Oberkörper ausgestreckt, liegt Christus in einer aus dem Fels gehauenen engen Grabnische. Gesicht und Extremitäten zeigen schon deutliche grünbläuliche Verfärbungen, als Anzeichen einsetzender Verwesung. Der von vielen vorangegangenen Abbildungen bekannte leuchtende Blick des Gottessohnes ist endgültig erloschen, nichts und niemand scheint zu diesem verlassenen Körper noch durchdringen zu können. Alles im Bild spricht von Tod und Vergänglichkeit: Christus verwest vor unseren „ungläubigen“ Augen.</p>
<p>Wenn man in Fotos von Katastrophen den Pulsschlag der christlichen Ikonografie zu spüren glaubt, ist das keine sentimentale Projektion.</p>
<p>Die formal nüchterne Abbildung der leidvollen Szene am südtürkischen Strand zeigt einen ähnlichen Moment der Verlorenheit und hermetischen Isolation. Der Moment der Vereinzelung wird durch die Konzentration des Bildausschnittes auf den Kinderkörper und die abweisende Szenerie unterstrichen. Der eng gewählte Bildausschnitt schließt den toten Körper ein und von der weiteren Umgebung ab. Der „erloschene Blick“ des Jungen bleibt dem Betrachter zwar erspart. Und trotzdem empfinden viele Menschen das Bild des leblosen Kinderkörpers ebenfalls als zutiefst schockierend. „Wenn man in Fotos aus Kriegs- und Katastrophenzeiten gelegentlich den Pulsschlag der christlichen Ikonografie zu spüren glaubt, so ist das keine sentimentale Projektion“, fasst Susan Sontag in ihrem erwähnten Essay den Einfluss des christlichen Bildarchivs auf die Deutung von Bildern der Gegenwart zusammen.</p>
<h2>3. Von der Compassio zur Identifikation</h2>
<p>Die grausame, detailgetreue Darstellung von Leiden und Sterben Christi ist in der christlichen Kunst seit Grünewald bewusstes Bildprogramm. Die schonungslose Darstellung soll zur „Compassio“, zum Mitleiden, auffordern und den Glauben an Erlösung von Schmerz und Leid stärken. Im Sinne der „Ästhetischen Theologie“ des deutschen Schriftstellers und Theologen Klaas Huizing handelt es sich dabei um „mediale Cover-Versionen“ der „urbildlichen Legende“. Sie zielen ebenso wie die neutestamentlichen Erzählungen auf eine innerliche Neuausrichtung des Rezipienten: „Der außerordentliche Eindruck, den der portraitierte Christus auf die LeserInnen macht, besteht in der Kraft, unsere körpersprachlich gesteuerte Wahrnehmung, kurz gesagt: die Entropie der Sprache, die einen Zugang zum Anderen verstellt, zu hinterfragen und die conditio humana zu revitalisieren. … Hierin besteht die spürbare Heilswirklichkeit des Christus praesens als Ende der Indifferenz und Ethos der Solidarität“ (<em>Der erlesene Mensch</em>. Ästhetische Theologie, Bd. 1. Stuttgart 2000, S. 240).</p>
<p>Auf dem Hintergrund der christlichen Ikonographie wäre auch der tote Junge am Strand also als eine ins Bild gesetzte Christus-Figur („Ecce-Homo“-Variation) zu lesen, die das Mitleid des Betrachters provoziert. Die Kraft des Fotos vom Unglücksort an der türkischen Küste liegt dabei allerdings nicht in seiner ästhetischen Darstellung, sondern in seiner dokumentarischen Aussage: „Der Tod des Kindes ist real!“ „Dies ist wirklich! „Es ist passiert!“.</p>
<h2>Verlebendigung des Bildes</h2>
<p>Als wolle er das „Ethos der Solidarität“ in einem Akt der Identifikation überbieten, stellte der chinesische Künstler Ai Weiwei am 31.01.2016 an der Küste von Lesbos die ikonische Szene des gestrandeten Leichnams für eine Fotoaufnahme nach. Dabei ersetzte er den toten Körper des Jungen durch seinen eigenen und ließ sich in identischer Pose am Boden liegend ablichten. Im Gegensatz zu der ärmlichen Kleidung von Aylan Kurdi trägt der weltbekannte chinesische Dissident allerdings eine dunkle Outdoor-Jacke, eine wasserfeste Hose und Designersportschuhe. Auch wenn Ai in der bedeutungsaufgeladenen Szene „posiert“, lässt sie nicht vergessen, dass er keinesfalls ein Flüchtlingsopfer, sondern ein hochbezahlter Teilnehmer im internationalen und durchökonomisierten Kunstbetrieb ist. Ob er diesen Zwiespalt bewusst inszenieren wollte oder ihn ungewollt produziert hat, bleibt offen.</p>
<p>Eine Bildpolitik, die nach einschlägigem Muster dramatisiert, ohne zu problematisieren.</p>
<p>Das Reenactment führte zu heftigen Auseinandersetzungen über einen angemessenen ethischen Umgang mit Bildern. Kritiker warfen Ai vor, das Flüchtlingselend für seine künstlerischen (und ökonomischen) Zwecke zu instrumentalisieren. Sie vermuteten eine wohlkalkulierte künstlerische Aktion im Hinblick auf eine humanitäre Katastrophe und unterstellten ihm eine Bildpolitik, die nach einem einschlägigen Muster dramatisiere, ohne zu problematisieren. So erkläre die Performance weder, welche Wirkungszusammenhänge zwischen dem Tod des Flüchtlingsjungen und einer globalen und wirtschaftlich geprägten Bildergesellschaft bestehen, noch beschreibe sie, was sich seit dem Tod des Jungen in der medienpolitischen Wahrnehmung verändert habe.</p>
<h2>4. Die Verschränkung der Blickachsen</h2>
<p>„Quälende Fotos verlieren nicht unbedingt ihre Kraft zu schockieren. Aber wenn es darum geht, etwas zu begreifen, helfen sie kaum weiter“, schreibt Susan Sontag in ihrem erwähnten Essay: „Erzählungen können uns etwas verständlich machen. Fotos tun etwas anderes: sie suchen uns heim und lassen uns nicht mehr los.“ – Wenn es angesichts der tragischen Szene am Strand von Borum so etwas wie einen tröstenden »Ausblick« geben kann, so liegt dieser in dem Bewusstsein, dass auch sie im Horizont Gottes liegt und nicht ungesehen blieb. Dabei ist der kritische Einwurf, warum sich diese leidvolle Tragödie im Blickfeld eines gütigen Gottes überhaupt ereignen konnte, trotz allem naheliegend und berechtigt.</p>
<p>Andererseits kann der entsetzte Blick auf die Szenerie auch Überlegungen über die (Blick-)Beziehung zwischen Gott und Betrachter anstoßen. So lässt sich beispielsweise der religiöse Blick auf das Bild gleichzeitig als ein Angeschaut-Werden durch das Bild schildern. Der religiöse Blick des Betrachters kreuzt im Bild den (betrübten) Blick Gottes. In diesem intimen „Augenblick“ erfährt die profane Pressefotografie eine symbolische Aufladung durch die religiös inspirierte Wahrnehmung des Betrachters: Der Betrachter fühlt sich von Gott angeschaut und erkannt. Das Bild wird quasi zu einem spirituellen „Bilderfahrzeug“ (Aby Warburg) zwischen sakraler und säkularer Sphäre. Es mag aus profaner Perspektive angesichts der hermetischen Atmosphäre der Fotografie zynisch klingen, doch vermag der „berührende“ Blickkontakt zwischen Gläubigem und Gottesinstanz die Isolation des Betrachters aufzuheben: „Der, der sieht, ist nicht allein“ (vgl. Psalm 119,135).</p>
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		<title>Hermann Preßler: Der Herr Jesus und die braunen Herren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:22:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Predigten]]></category>
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					<description><![CDATA[„Selbstgleichschaltung“ lautet das Stichwort, unter dem der Kirchenhistoriker Joachim Conrad die Rolle der evangelischen Kirche in der Pfalz während der NS-Zeit jüngst in einem Sammelband unter dem Titel „Protestanten ohne Protest“ (Speyer 2016) zusammengefasst hat. Hermann Preßler zeigt in seiner Studie, wie dies nicht nur in amtskirchlichem Verhalten, sondern auch in der Verkündigung von der Kanzel durchgeschlagen hat. Dazu hat er über 900 Predigten aus den beiden pfälzischen Kirchenzeitungen Union und Evangelischer Kirchenbote gesichtet und akribisch ausgewertet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1592 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Pressler_Herren-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Pressler_Herren-217x300.jpg 217w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Pressler_Herren.jpg 527w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" />OVD Saarbrücken 2016, 296 S., 15,00 EUR (erhältlich per E-Mail unter <a href="mailto:&#105;n&#102;o&#64;&#111;v&#100;&#46;&#101;u" class="autohyperlink">&#105;nfo&#64;&#111;&#118;&#100;.e&#117;</a> und im Buchhandel)</strong></p>
<p>„Selbstgleichschaltung“ lautet das Stichwort, unter dem der Kirchenhistoriker Joachim Conrad die Rolle der evangelischen Kirche in der Pfalz während der NS-Zeit jüngst in einem Sammelband unter dem Titel „Protestanten ohne Protest“ (Speyer 2016) zusammengefasst hat. Hermann Preßler zeigt in seiner Studie, wie dies nicht nur in amtskirchlichem Verhalten, sondern auch in der Verkündigung von der Kanzel durchgeschlagen hat. Dazu hat er über 900 Predigten aus den beiden pfälzischen Kirchenzeitungen <em>Union</em> und <em>Evangelischer Kirchenbote</em> gesichtet und akribisch ausgewertet.</p>
<p>Preßlers Analyse führt eindringlich vor Augen, wie sehr protestantische Predigten zwischen 1933 und 1941 von nationalsozialistischer Ideologie, Hitlerverehrung, Kriegsbegeisterung, Antijudaismus und Chauvinismus durchzogen waren. Nur in wenigen Predigten klingt eine Distanzierung vom Totalitarismus der Nazis durch. Aufschreie gegen die Verfolgung von Juden und politisch Andersdenkenden sucht man völlig vergebens. Dazu passt, dass kein Pfarrer der pfälzischen Landeskirche der „Bekennenden Kirche“ angehörte, jeder fünfte war hingegen Mitglied der NSDAP.</p>
<p>Preßler bescheinigt den untersuchten Predigten, dass sie „durchgehend christuszentriert“ sind, wobei freilich die Sicht Christi „für den Nationalsozialismus ganz und gar funktional“ (S. 202) gemacht wurde. Diese theologische Untermauerung der nationalsozialistischen Propaganda ist das eigentliche Skandalon der Predigten. Durch mehrfach eingestreute Aktualitätsbezüge schlägt Preßler gerade hier die Brücke zur Gegenwart. Seine Analysen lesen sich deshalb auch als Warnung vor der politischen Instrumentalisierung von Religion in unserer Zeit – ob nun durch den IS oder durch die selbsternannten „Verteidiger des christlichen Abendlandes“.</p>
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		<title>Arnd Hollweg: Lebensgrund in Gott</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:19:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Erkennen]]></category>
		<category><![CDATA[Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaften]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Buch ist zu seinem Vermächtnis geworden. Es ist so etwas wie die Summe des Denkens von Arnd Hollweg. Kurz nach dem Erscheinen des Buches „Lebensgrund in Gott“ ist der Theologe gestorben. Auf mehr als 700 Seiten entfaltet er das Thema, mit dem er sich immer wieder intensiv auseinandergesetzt hat. Es ist das „Erkennen im Glauben und Erkennen in den Wissenschaften in ihrem Verhältnis zueinander“.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1590 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hollweg_Lebensgrund-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hollweg_Lebensgrund-212x300.jpg 212w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Hollweg_Lebensgrund.jpg 353w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" />Frank &amp; Timme Verlag, Berlin 2015, 736 S., 98,00 EUR                       </strong></p>
<p>Das Buch ist zu seinem Vermächtnis geworden. Es ist so etwas wie die Summe des Denkens von Arnd Hollweg. Kurz nach dem Erscheinen des Buches „Lebensgrund in Gott“ ist der Theologe gestorben. Auf mehr als 700 Seiten entfaltet er das Thema, mit dem er sich immer wieder intensiv auseinandergesetzt hat. Es ist das „Erkennen im Glauben und Erkennen in den Wissenschaften in ihrem Verhältnis zueinander“.</p>
<p>Der 1927 in Mönchengladbach geborene Hollweg ist ein Vertreter der Kriegsgeneration. Seine Frau Astrid schreibt, dass er in englischer Kriegsgefangenschaft zum Glauben (zurück)gefunden habe. Mit den Institutionen und Hierarchien in der evangelischen Kirche hat er sich nie anfreunden können. Deshalb ist er auch nach kurzer Zeit beim Diakonischen Werk der EKD in Stuttgart Gemeindepfarrer in Berlin geworden. Außerdem war er während dieser Zeit immer wissenschaftlich und publizistisch tätig. 2015 ist er in Berlin gestorben.</p>
<p>„Seine Fragestellung ging zunehmend dahin, wie Glauben und Leben aus dem Glauben in unserer heutigen Wissensgesellschaft möglich sind“, erläutert Astrid Hollweg. Sie hat einen entscheidenden Anteil an der Entstehung des Buches. Im Vorwort schreibt Hollweg, dass der Band „aus dem Dialog mit meiner Frau erwachsen ist“. Intensiv setzt er sich zunächst mit den Grundlagen des modernen Denkens bei Descartes, Pascal und Kant auseinander.</p>
<p>Interessant sind die „kritischen Anstöße“ für unser Leben in einer wissenschaftlich geprägten Welt, die Hollweg aus den zehn Geboten ableitet. So spricht er zum Beispiel die Warnung aus vor „grenzenlosem Begehren“ und ruft zu Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit auf. Bei aller Wissenschaftlichkeit vergisst Hollweg das Lebenspraktische nie.</p>
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		<title>Konstanz zu Zeiten des Konzils</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/konstanz-zu-zeiten-des-konzils/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Ausflüge]]></category>
		<category><![CDATA[Freizeit]]></category>
		<category><![CDATA[Konstanz]]></category>
		<category><![CDATA[Konzil]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[2016/2017 ist nicht nur das Reformationsjubiläum. Mit dem Konstanzer Konzil jährt sich noch ein anderes Kirchenereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung: Vor 600 Jahren überwand die katholische Kirche mit dem Konstanzer Konzil die mittelalterliche Spaltung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>2016/2017 ist nicht nur das Reformationsjubiläum. Mit dem Konstanzer Konzil jährt sich noch ein anderes Kirchenereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung: Vor 600 Jahren überwand die katholische Kirche mit dem Konstanzer Konzil die mittelalterliche Spaltung.</p></blockquote></div>
<p>Schon 100 Jahre bevor Martin Luther mit seinen 95 Thesen die Reformation einleitete, wurde in Konstanz über einen seiner Vorläufer Gericht gehalten. Das war der böhmische Reformator Jan Hus, der gegen die verweltlichte Kirche und für die Bibel als Autorität in Glaubensfragen kämpfte. Er wurde zum Feuertod verurteilt und während des Konzils lebendig verbrannt. Ein Gedenkstein erinnert heute an sein tragisches Ende.</p>
<p>Zur Erinnerung an das Großereignis trägt das wuchtige Gebäude am Hafen den Namen „Konzil“. Das ehemalige Warenlager wurde schon vor 50 Jahren zu einem Tagungs- und Festgebäude umgebaut. Bei der Renovierung wurde streng darauf geachtet, die historische Bausubstanz der großen Markthalle zu erhalten.</p>
<p>Schließlich wurden in das von 1388 bis 1391 erbaute „Kaufhaus“ im oberen Saal 56 Wahl-Zellen eingebaut, die Fenster zugemauert und nur Kerzenlicht erlaubt. Nach den Vorberatungen in Kloster- und Kirchenräumen wurde am 11. November 1417 endlich Kardinal Otto von Colonna als Papst Martin V. gewählt. Damit wurde das kirchliche Schisma beendet. Es gab nämlich drei Päpste, die miteinander konkurrierten. Mit der Einberufung des Konzils wollte König Sigismund dies beenden.</p>
<p>Wo einst das Konklave abgehalten worden war, können Besucher heute unter anderem auch ein mittelalterliches Menü genießen. So ähnlich könnten die Kirchenvertreter gespeist haben. Dass die Nachwelt über solche Details informiert ist, ist dem Umstand zu verdanken, dass der fleißige Chronist Ulrich von Richental in einer Chronik auch das Alltagsleben während des Konzils bis ins Detail festhielt.</p>
<p>Elf Handschriften sind noch erhalten. Die originale Ausgabe der Richentalchronik aus dem 15. Jahrhundert liegt im Rosgartenmuseum. Dort können Besucher im Faksimile-Druck blättern. Für Kunsthistorikerin Ines Stadie ist das Buch mit seinen Abbildungen eine Art „mittelalterlicher Comic“. Henry Gerlach, Experte in Sachen Chronik, weist darauf hin, dass es beim Verzeichnis der Gäste auch „Fantasiewappen“ gebe: „Der Kaiser der Mongolen war sicher nicht da“.</p>
<p>Aber insgesamt bezeichnet er die Angaben von Richental als zuverlässig. Um die Versorgung der Gäste aus aller Welt zu sichern, mussten die Konstanzer neben den nötigen Herbergen noch einiges mehr aufbieten. Es wurden rund 70 Geldwechsler, 230 Bäcker, 70 Wirte, 225 Schneider und 310 Barbiere zusätzlich nach Konstanz geholt. Und das allzu Menschliche fehlte auch nicht. Rund 700 Dirnen zählte Richental.</p>
<p>Deshalb war das Thema des dritten Konzilsjahrs 2016 auch „Liebe, Lust und Spektakulum“. Wie es sich damit früher verhielt, darüber weiß die Historikerin und Stadtführerin Gudrun Schenkenburger zu berichten. Die Besucher führt sie zum Ziegelgraben, „wo man die Liebe kaufen konnte“. In dem Viertel, das man heute als sozialen Brennpunkt bezeichnen würde, lag auch das Frauenhaus.</p>
<p>Die Frauenhäuser trugen damals jedoch durchaus zum Prestige der Stadt bei und waren zum Teil sogar im Besitz der Kirche, wie Schenkenburger erzählt. Bis zur Reformation sei es üblich gewesen, dass auch Geistliche Beziehungen zu Frauen hatten, erklärt die Historikerin. Nach ihren Angaben kostete eine Dienstleistung zwei bis fünf Pfennig.</p>
<p>Die Bewohnerinnen der Frauenhäuser waren im Gegensatz zu armen allein lebenden Frauen zumindest versorgt gewesen. Oft wurden die als „Hübschlerinnen“ Bezeichneten von den Familien ins Frauenhaus verkauft. Aber damals war es durchaus möglich, dass die Frauen noch heirateten. Das änderte sich Ende des 15. Jahrhunderts mit dem Wandel der Moralvorstellungen.</p>
<p>An die ausschweifende Konzilszeit erinnert die Imperia. Die Statue des Künstlers Peter Lenk im Konstanzer Hafen hat bei ihrer Aufstellung 1993 für einen Skandal gesorgt, ist aber längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Sie stellt eine Kurtisane dar, die auf ihren ausgestreckten Händen zwei nackte Männlein zeigt mit Krone und päpstlicher Tiara auf dem Kopf.</p>
<p>Für 2017 ist Martin V. Leitfigur in Konstanz. Er wurde 1417 zum neuen Papst gewählt. Er steht für das „Jahr der Religionen“ 2017, in dem sich auch die Reformation zum 500. Mal jährt. Für die Verantwortlichen in Konstanz ist dies Anlass, den interreligiösen Dialog innerhalb Europas zu suchen und in der Bodenseeregion zu intensivieren. Zugleich laden die Konstanzer Bürger zu einem großen Fest ein und erinnern an die Rechte, die der Stadt anlässlich des Konzils verliehen wurden.</p>
<p>Die Veranstaltungen rund um das Konzilsjubiläum ziehen sich durch das ganze Jahr. Informationen darüber und über das, was Konstanz noch alles zu bieten hat, findet sich unter <em>www.konstanzer-konzil.de</em> sowie <a href="http://www.konstanz-tourismus.de"><em>www.konstanz-tourismus.de</em></a>.</p>
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		<title>Alt und verstaubt. Kann man damit noch „rechnen“?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/alt-und-verstaubt-kann-man-damit-noch-rechnen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Peter Eckert]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:14:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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		<category><![CDATA[Sprüche]]></category>
		<category><![CDATA[Unterweisung]]></category>
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					<description><![CDATA[Bleibe in der Unterweisung, lass nicht ab davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben. (Sprüche Salomos 4,13)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Bleibe in der Unterweisung, lass nicht ab davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben. (Sprüche Salomos 4,13)</p></blockquote></div>
<p>Wieso wecken Worte, die vor Jahrtausenden den – mit aller Vorsicht gesagt – rechten Weg wiesen, heute in mir so zwiespältige Gedanken? Bleiben kann man nur, wo man schon ist. Also muss die Unterweisung schon wirksam angekommen sein. Bleibe in der Unterweisung!</p>
<p>Hohe Ansprüche stellt das Buch der Sprüche: „Zu lernen Weisheit und Zucht und zu verstehen verständige Rede, dass man annehme Zucht, die da klug macht, Gerechtigkeit, Recht und Redlichkeit; dass die Unverständigen klug werden und die Jünglinge vernünftig und besonnen“ (1,2). Uralte Grundsätze: Welcher Deutung oder Umdeutung bedürfen sie, um auf der Höhe der Zeit zu sein oder doch in diesem Sinn wahrgenommen zu werden?</p>
<p>Was uns unaufhaltsamer Fortschritt dieser Tage (statt eines besseren Lebens!) beschert, sind trübe bis böse Nachrichten. Das drückt die Stimmung. So wird es in Zeiten wie diesen gern angestimmt: das Klagelied über den Werteverlust. Sach- und Geldwerte werden gut bewacht und im Ernstfall auch irgendwie ersetzt. Aber die immateriellen Werte sind plötzlich weg! Da fällt jedem was ein: Ehrlichkeit, Toleranz, Mut, Anstand, Hilfsbereitschaft, Tüchtigkeit, Sauberkeit. Diese Werte werden offenbar nicht mehr vermittelt. Der Jugend nicht und reiferen Jahrgängen scheinen sie auch mit wachsender Geschwindigkeit abhanden zu kommen. Da hat doch jemand versagt!</p>
<p>Wertvermittlung wäre Aufgabe der Kirche gewesen! Also darf in den Wunschkatalog – als Konzession und Ansporn – an die so Gescholtene („Versagerin“) auch noch „eine gesunde Religiosität“ aufgenommen werden. Als Hausmittelchen, nicht ernsthaft auf Dauer, nur bis die akuten Probleme behoben sind. Aber nun muss sie auch was tun!</p>
<p>Dabei ist die Behauptung, es gäbe keine Wertvermittlung mehr, völlig aus der Luft gegriffen. Werte werden vermittelt – mit teuflisch wirksamen Methoden und Instrumenten. Nicht die Werte, die ich mir wünschte. Nein, Nicht- und Anti-Werte werden vermittelt – gnadenlos. Wenige Blicke ins Internet oder ins Fernsehen genügen:</p>
<ul>
<li>Du selbst bist Maßstab aller Dinge. Jeder ist sich selbst der Nächste. Was ist schon ein Menschenleben wert!</li>
<li>Nimm, was du kriegen kannst! Alles ist gut, wenn‘s Geld bringt. Erwartbare Folgen: Kälte, Ellbogengesellschaft, Gewaltbereitschaft, Ausländerfeindlichkeit.</li>
</ul>
<p>Das ist deine Chance, Kirche! Vermittle du wieder Werte! Schön allgemein. Werte halt. Aber Gott und Glauben lass in der Mottenkiste, sowas stört nur.</p>
<p>„Bleibe in der Unterweisung, lass nicht ab davon; bewahre sie, denn sie ist dein Leben.“ Diese Unterweisung verträgt kein Hau-Ruck-Prinzip. Sie braucht die eindeutige Entscheidung und den langen Atem bei der Umsetzung. Und sie will vorgelebt sein.</p>
<p>Die Adventszeit ist in christlicher Tradition eine Zeit der Buße, der Umkehr also. Fehler einsehen, ehrlich umkehren. Zurückkehren in die Unterweisung – so wird sie „dein“, so wird sie mit Gottes Hilfe unser Leben.</p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Billige Zivilcourage?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/billige-zivilcourage-in-der-online-welt/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ingo Dachwitz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Feb 2018 16:11:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 4, November 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Hatespeech]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsradikalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Social Media]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilcourage]]></category>
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					<description><![CDATA[Politischer Aktivismus ist ohne die Nutzung von Social-Media-Plattformen heute kaum noch denkbar. Die Hürden für eine Mitwirkung der Einzelnen sind so niedrig wie nie. In der Kirche begegnet man dieser Form des Engagements jedoch oft mit Skepsis – zu Unrecht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Politischer Aktivismus ist ohne die Nutzung von Social-Media-Plattformen heute kaum noch denkbar. Die Hürden für eine Mitwirkung der Einzelnen sind so niedrig wie nie. In der Kirche begegnet man dieser Form des Engagements jedoch oft mit Skepsis – zu Unrecht.</p></blockquote></div>
<p>Kennen Sie Joseph Kony? Wenn nicht, dann waren Sie im Sommer vor vier Jahren vermutlich nicht bei Facebook, Youtube oder Twitter aktiv. Denn seit dem Jahr 2012 kennen viele Social-Media-Nutzer den ehemaligen ugandischen Rebellenführer zumindest dem Namen nach. Die kleine US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Invisible Children hatte damals ein hochprofessionelles und hochemotionales Video für eine Kampagne erstellt. Es sollte Aufmerksamkeit für die Taten des mutmaßlichen Kriegsverbrechers erzeugen, dem unter anderem der Einsatz von Kindersoldaten vorgeworfen wird. Das Video wurde zig-millionenfach auf den einschlägigen Social-Media-Plattformen geteilt, auch von Popstars wie Rihanna oder Justin Bieber, und gilt als eine der erfolgreichsten viralen Videokampagnen.</p>
<h2>Engagement verändert sich</h2>
<p>Man kann das mögen oder nicht: Engagement ist heute kurzfristiger, fragmentarischer, anlass- und themenbezogener als vor dreißig Jahren. Einen politischen Akt zu tätigen, ist im Zeitalter der digitalen Vernetzung vermutlich so einfach und niedrigschwellig wie nie zuvor: „Follow“- und „Like“-Buttons sind schnell betätigt, eine Botschaft ist leicht geteilt, eine Petition einfach erstellt und noch schneller unterzeichnet. <em>Klicktivismus</em> wird das Phänomen in der Bewegungsforschung auch genannt. Politisches Engagement mit Maus und Tastatur, dem man sich spontan und oft ohne Konsequenzen für das eigene Leben gefahrlos anschließen kann.</p>
<p>Aber geht es dabei wirklich um die Sache? Oder nicht doch mehr um Selbstdarstellung? Brauchen Teilhabe und Zivilcourage nicht Langfristigkeit und persönlichen Einsatz, um nachhaltig zu wirken? Hoffnungen auf eine Frischzellenkur für die repräsentative Demokratie, zum Beispiel durch eine Öffnung der Institutionen mittels direktdemokratischer Elemente, haben sich bislang jedenfalls noch nicht wirklich erfüllt.</p>
<h2>Einsatz für das eigene Image</h2>
<p><em>Kony 2012 </em>gilt in Hinblick auf die generierte Aufmerksamkeit als Erfolg. Das erklärte Ziel der Kampagne war es aber, so viel öffentlichen Druck zu erzeugen, dass westliche Staaten zu einem Militäreinsatz zur Ergreifung Joseph Konys gezwungen wären und er vor ein Gericht gestellt werden könnte. Der US-amerikanische Präsident Barack Obama reagierte zwar und lobte eine Belohnung auf den Warlord aus. Kony aber, der sich 2012 schon nicht mehr in Uganda aufgehalten haben soll, ist vermutlich bis heute auf freiem Fuß. Neben der Tatsache, dass Kritiker den Filmemachern aus den USA vorwarfen, in ihrem viralen Video rassistische Motive zu bedienen und die Situation in Uganda verzerrt darzustellen, muss man konstatieren, dass die Kampagne weniger ein Erfolg für die gute Sache war, als ein (auch monetärer) Gewinn für die Initiatoren.</p>
<p>Profitiert haben aber womöglich auch Millionen westlicher Internetnutzer, die durch den kurzfristigen politischen Akt des Video-Teilens ihr Gewissen beruhigen und ihr Image mit einem Schein von Engagement aufladen konnten. Keinem von ihnen möchte man unterstellen, es sei dabei nicht auch um die Sache gegangen, oder dass die gespürte Empörung nicht echt gewesen sei. Geteilt wurde das Video aber zum großen Teil von Menschen, die sich davor und danach nicht sonderlich für den afrikanischen Kontinent interessierten und schon gar nicht für eine Mitverantwortung westlicher Kolonial- und Neokolonialpolitik an dort herrschenden ethnischen Konflikten und Bürgerkriegen. Dazu passt, dass Straßenproteste, zu denen Invisible Children unter dem Titel „Cover the Night“ im Anschluss an die Videokampagne aufrief, im Sande verliefen beziehungsweise größtenteils gar nicht erst zustande kamen.</p>
<h2>„Um die Welt zu retten, klicken Sie bitte hier“</h2>
<p>Nach den Anschlägen von Paris war das eigene Profilbild bei Facebook dank einer neuen Funktion der Plattform in Sekundenschnelle blau, weiß und rot eingefärbt, um „Unterstützung für Frankreich und die Menschen in Paris zu zeigen“, wie das Unternehmen es damals formulierte. Bald danach war es bei vielen dann aber auch schon wieder in den Farben des Lieblingsfußballvereins geschmückt.</p>
<p>Tausende deutschsprachige Online-Petitionen zu allen möglichen Themen werden jährlich auf nicht-staatlichen Plattformen wie <em>openpetition.de</em> und <em><a href="http://change.org" class="autohyperlink">change.org</a></em> aufgesetzt oder beim Petitionsausschuss des Bundestages eingereicht. Forderungen reichen von der Förderung der Krebsbehandlungsmethode Hyperthermie durch Krankenkassen über den Baustopp einer Flüchtlingsunterkunft bis zu der nach freiem Samstagsparken in der Stadt Bingen. Viele von ihnen gelangen gar nicht erst in den vierstelligen Unterschriftenbereich. Kritiker machten aus dem Begriff <em>Klicktivismus</em> deshalb schnell <em>Slacktivismus</em>, also den wenig wirksamen Aktivismus der Faulenzer (engl.: <em>Slacker</em>): Um die Welt zu retten, klicken Sie bitte hier.</p>
<h2>Marginalisierte Gruppen erobern Diskurse der Mehrheitsgesellschaft</h2>
<p>Ist das Internet also ein Treiber von billiger Zivilcourage und Pseudo-Engagement? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Sich verändernde Strukturen für Teilhabe und politisches Engagement sind natürlich kein rein digitales Phänomen. Es hilft, sie im Kontext von zunehmender Individualisierung und der tiefen Krise der Institutionen der repräsentativen Demokratie zu betrachten. Einen Dualismus aus (gutem) analogem und (schlechtem) digitalem Engagement aufzumachen, greift zudem schon allein deshalb zu kurz, weil es keine klare Trennung gibt und beide Formen sich häufig vermischen.</p>
<p>Wieder ist es ein Blick in die USA, der hier sehr informativ ist: Unter dem Hashtag <em>#BlackLivesMatter</em> formiert sich dort seit einigen Jahren der Protest gegen immer noch vorherrschenden Alltagsrassismus und Polizeigewalt gegenüber <em>People of Colour</em>. Das Wort Hashtag ist zusammengesetzt aus den englischen Wörter für Raute („hash“) und Schlagwort („tag“). Das Prinzip dahinter ist für die Organisation der Informationsflut im Internet ein wichtiger Faktor: Auf Plattformen wie Twitter und Facebook lassen sich durch einen Klick auf mit dem Raute-Zeichen versehene Wörter, also Hashtags, alle öffentlichen Posts anzeigen, die von ihren Autoren ebenfalls damit gekennzeichnet wurden. Jeder kann diese Verschlagwortung nutzen und selbst prägen. Befeuert durch die vielfach in Audio und Video dokumentierte – teilweise sogar live gestreamte – Brutalität von Polizisten im Umgang mit Afroamerikanern, die nach wie vor regelmäßig zum Tod unbewaffneter Bürger führt, schwoll in den vergangenen Jahren der öffentliche Unmut (nicht nur der Betroffenen) über den alltäglichen Rassismus in den USA an.</p>
<p>Das Hashtag-Prinzip machte dabei die vielen Einzelstimmen hörbar: Versehen mit dem Schlagwort <em>#BlackLivesMatter</em> waren sie nicht mehr vereinzelte Beschwerden, sondern ein mächtiger Chor, der bestehende, aber von vielen übersehene Ungerechtigkeiten anklagt. Gerade der Dienst Twitter schafft so Raum für relevante Gegenöffentlichkeiten, in denen Gruppen jenseits des Mainstreams ihre Identitäten und Ansprüche stärken können. Durch die permanente Öffentlichkeit und potenziell globale Reichweite der Posts, wurden die bislang nicht ausreichend repräsentierten Sichtweisen und Lebensrealitäten in die öffentliche Wahrnehmung getragen. Selbstverständlich bedeutet dies nicht das sofortige Ende des Rassismus – aber Jahrzehnte nach dem Tod Martin Luther Kings gelangt das Thema, das viele gerne für beendet erklärt hätten, wieder auf die politische Agenda. <em>#BlackLivesMatter</em> zeigt, wie eine diskriminierte Minderheit mit Hilfe von Social-Media-Plattformen die Diskurse der Mehrheitsgesellschaft erobern kann.</p>
<h2>Eine Weiterentwicklung der Außerparlamentarischen Opposition</h2>
<p>Aus den spontanen Protesten und Solidaritätsbekundungen unter dem Hashtag ist mittlerweile eine Bürgerrechtsbewegung geworden, die dezentral und lose über Social-Media-Plattformen organisiert wird und den Protest auch auf die Straße bringt. Eine Bewegung, die nicht von langer Hand geplant wurde, sondern die sich aus der echten Betroffenheit und Empörung von tausenden Menschen speist. Gerade indem dieser Protest von Individuen auch sichtbar mit der eigenen Identitätsarbeit verknüpft und authentisch aus dem eigenen Leben gespeist wird, entfaltet er seine Wirkung.</p>
<p>In einem hörenswerten Beitrag bei „Deutschlandradio Kultur“ wurde dieser Hashtag-Aktivismus jüngst treffend als Weiterentwicklung der Außerparlamentarischen Opposition bezeichnet (<em><a href="http://www.deutschlandradiokultur.de/aktivismus-im-netz-vom-hashtag-zur-buergerbewegung.976.de.html?dram:article_id=367155" class="autohyperlink">www.deutschlandradiokultur.de/aktivismus-im-netz-vom-hashtag-zur-buergerbewegung.976.de.html?dram:article_id=367155</a></em>). Ein prominentes deutsches Beispiel ist der Hashtag <em>#Aufschrei</em>, der im Nachgang der Herrenwitz-Affäre um den damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle den alltäglichen Sexismus sichtbar machte, den viele Frauen heute noch erfahren. Solche für eine repräsentative Demokratie wichtigen Impulse marginalisierter Perspektiven und Interessen würden nicht ihre Wirkung entfalten, wenn es nicht Tausende gäbe, die die Anliegen inhaltlich teilen und dann auch tatsächlich weiterverbreiten. Ein Klick mag für die Einzelnen nicht aufwendig sein – in der Masse aber kann er eine große Rolle spielen.</p>
<h2>Öffentlicher Einsatz für digitale Bürgerrechte</h2>
<p>Das gilt in Deutschland insbesondere für die Szene der digitalen Bürgerrechte. Weil es in Parteien und klassisch zivilgesellschaftlichen Organisationen dafür lange (und in weiten Teilen bis heute) keinen Raum gab, hat sich zu diesem Thema eine lebendige und vielschichtige Szene herausgebildet. Sie mischt sich mit dem Anspruch in netzpolitische Debatten ein, die unterrepräsentierten Perspektiven von Nutzern, Verbrauchern und Bürgern hörbar zu machen. Die breite Unterstützung in den digitalen Öffentlichkeiten ist die größte Stärke dieser Bewegung, weil über sie die Relevanz der grundsätzlichen Anliegen und konkreten Positionen nachgewiesen werden kann. Gerade weil die Parteien als (grundgesetzlich definierte) Katalysatoren des Bürgerwillens bislang nicht in der Lage oder willens sind, diese Perspektiven wirksam aufzunehmen, braucht es das klicktivistische Engagement der Vielen.</p>
<p>Ein aus Regierungsperspektive unliebsamer Whistleblower wie Edward Snowden, der 2013 die illegale Massenüberwachung durch westliche Geheimdienste öffentlich machte, wäre viel leichter zu ignorieren oder zu verfolgen, wenn er im Netz nicht weltweit bis heute große Solidarität, Anerkennung und Aufmerksamkeit erfahren würde. Geradezu existenziell wurde diese Form der Unterstützung für zwei meiner Kollegen bei <em><a href="http://netzpolitik.org" class="autohyperlink">netzpolitik.org</a></em> im vergangenen Jahr, als sie vom Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz wegen der Veröffentlichung als geheim eingestufter Dokumente angezeigt wurden. Der Generalbundesanwalt nahm Ermittlungen wegen Landesverrats auf – zum dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wegen journalistischer Berichterstattung. Nur dank der großen öffentlichen Empörung, der sich auch klassische Medien anschlossen, und der massiven Unterstützung unter dem Hashtag <em>#Landesverrat</em>, wurde das Verfahren gegen die (wohlgemerkt ausschließlich spendenfinanzierten) Blogger eingestellt.</p>
<h2>Rechtspopulismus erfordert klassische Zivilcourage</h2>
<p>Persönliches Risiko und großer Aufwand eignen sich also nur bedingt als Kriterien zur Beurteilung des gesellschaftlichen Werts von digitalem Engagement. Im Zuge des Erstarkens einer neuen Rechten und der damit einhergehenden Diskursverrohung, die wir seit geraumer Zeit nicht nur in den neuen Öffentlichkeiten der Social-Media-Plattformen beobachten, werden allerdings bedauerlicherweise auch diese Qualitäten wieder wichtiger. Überraschend gut organisiert stürzen sich zum Beispiel auf Facebook Gruppen selbsternannter Islam- und Flüchtlingskritiker auf das Engagement vermeintlicher „Gutmenschen“. Diese Erfahrung durften in den vergangenen Monaten auch die Social-Media-Kanäle von Diakonie, EKD und anderen evangelischen Akteuren machen, wenn sie etwa über Hilfsprojekte für Geflüchtete berichteten.</p>
<p>Während Strafverfolgungsbehörden für das Vorgehen gegen offenkundig rechtswidrige Posts weder gut genug ausgebildet noch ausgestattet sind, verlassen sich zu viele offenbar darauf, dass das Problem sich dadurch lösen lässt, dass Plattformen wie Facebook einfach mehr Inhalte löschen müssen. Ganz unabhängig davon, dass die großflächige Auslagerung der kritischen Abwägung zwischen legitimer Meinungsäußerung und strafrechtlich relevanter Hetze an ein privates Unternehmen rechtsstaatlich schwer zu rechtfertigen ist: Mit dem Anschwellen des rechten Populismus wird man so offensichtlich nicht fertig.</p>
<p>Doch gerade, weil bei Facebook (eigentlich) sogenannter Klarnamenzwang herrscht und hier nur noch wenige Menschen unter Pseudonym unterwegs sind, braucht es neben Zeit und starken Nerven auch Mut, der eindimensionalen, aber hartnäckigen Menschenfeindlichkeit vieler Kommentatoren zu widersprechen. Die weit verbreitete Digitalskepsis von Menschen und Institutionen der klassischen Zivilgesellschaft wird hier leider zu einem echten Problem. Denn während Vereine, Gewerkschaften und Kirchen häufig Gegenwehr organisieren, wenn auf der Straße menschenfeindliche Parolen skandiert werden, fehlen ihre Stimmen und ihre Multiplikatorenwirkung im digitalen Chor der „Gutmenschen“ bislang häufig.</p>
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