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	<title>evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Lars Distelhorst: Kritik des Postfaktischen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:37:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Fake News]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lügen]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Zunahme von Fake News und der Siegeszug von Lügen in der Politik wurzeln in den Grundstrukturen des Kapitalismus - so die Kernthese von Lars Distelhorst.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Distelhorst.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-4661 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Distelhorst-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Distelhorst-198x300.jpg 198w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Distelhorst.jpg 300w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a>W. Fink Verlag, 2019, 296 S., geb., 29,90 EUR (auch als E-Book)</strong></p>
<p>Was hilft gegen die Zunahme von Fake News und den Siegeszug von Lügen in der Politik? Gründliche Faktenchecks, Aufdeckung von Unwahrheiten und argumentative Widerlegungen? Alles richtig, sagt Lars Distelhorst, Professor für Sozialwissenschaft an der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam, aber alles nur Kurieren an Symptomen. Denn die Entwicklungen seien keineswegs zufällig, sondern wurzelten in den Grundstrukturen des Kapitalismus.</p>
<p>So werde heute in der Politik nicht unbedingt mehr gelogen als früher; es sei aber einfacher, mit Lügen durchzukommen. Denn statt begründeter Überzeugungen zählten mehr und mehr nur noch Stimmungen und Gefühle, die sich leichter lenken ließen. Die rationale Auseinandersetzung als Grundlage demokratischer Prozesse werde somit ausgehöhlt. Ein wachsender Teil der Gesellschaft sei gar nicht mehr daran interessiert, ob eine politische Behauptung tatsächlich wahr oder falsch sei. Es gehe vielmehr nur noch darum, ob sie einem selbst passt oder gefällt. Dieses „Phänomen der Postfaktizität“ ebne den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge ein und  lasse „politische Probleme verschwinden, indem sie ihnen den Boden der Rationalität entzieht“; es sei auf diese Weise für die politischen Akteure „weit effektiver als Krieg“ (S. 77).</p>
<p>Ob diese Entwicklung tatsächlich im Kapital als dem großen „Gleichmacher“ (Karl Marx) gründet und deshalb nur durch die Überwindung des Kapitalismus gestoppt werden kann, sei dahingestellt. Die politische Situation in den USA und das Erstarken der AfD in Deutschland belegen jedenfalls eindrücklich den Erfolg politischer Akteure durch „Postfaktizität“ und die damit verbundene Gefahr für die Demokratie. Zurecht stellt Distelhorst auch die Frage, wie Menschen überhaupt noch Konflikte lösen wollen, „wenn sie sich nicht länger auf ein gemeinsames Verständnis von Wahrheit beziehen können und Fakten wie der Klimawandel zu Fragen der Befindlichkeit werden“ (S. 81). Dass es fundamentaler Veränderungen bedarf, die mit FridaysForFuture allenfalls begonnen haben können, wird durch die Lektüre seines Buches erschreckend klar.</p>
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		<title>Sibylle Berg: GRM</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:34:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Science Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich bin ein eher langsamer Leser, aber GRM habe ich geradezu verschlungen. Zugegeben: in einer Mischung aus Ekel und Angst-Lust.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Berg-GRM.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-4660 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Berg-GRM-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Berg-GRM-183x300.jpg 183w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Berg-GRM.jpg 275w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a>Kiepenheuer &amp; Witsch, 2019, 634 S., 25,00 EUR</strong></p>
<p>Ich bin ein eher langsamer Leser, aber <em>GRM</em> (Grime, englisch für „Schmutz“, ein Musikstil aus Großbritannien) habe ich geradezu verschlungen. Zugegeben: in einer Mischung aus Ekel und Angst-Lust. Der Roman spielt in England, erzählt von einer schmutzigen, mehr und mehr von einer Künstlichen Intelligenz beherrschten und total überwachten Welt, von Kindern und Erwachsenen, Reichen und Armen, die allesamt zu einem würdelosen Leben verurteilt sind. In dem es am Ende nur Verlierer gibt und selbst die Manipulierer im Schlamassel ihrer technologischen und geistigen Hervorbringungen untergehen. Bergs (Roman-)Sprache spiegelt die Dekadenz ihrer Protagonisten, ist immer wieder derb und mit Kraftausdrücken gespickt.</p>
<p>Am Beispiel von vier pubertierenden Jugendlichen wird das Leben zerfallender Familien, einer im Marktradikalismus einer durchdigitalisierten und globalisierten Welt sich auflösenden Mittelschicht beschrieben. Rachepläne der Kinder, die sich um ihre Kindheit betrogen wissen, durchziehen die Handlung. Sie gehören der „neu definierten Generation Z“ an, am „Ende des Alphabets“, die „zweite Welle der Digital Natives“, perspektivlos und körperlich mit digitaler Technologie verbunden. Der Roman steht in einer Reihe mit Orwells <em>1984</em> oder Dave Eggers <em>The Circle</em>, will aber nicht als Dystopie oder Science-Fiction gelesen werden, sondern der Realität unseres Lebens auf der Spur sein, das von wachsender Gleichgültigkeit, Sexismus, Rassismus, politischem Despotismus und digitalen Allmachtsphantasien (Smartphone) geprägt ist.</p>
<p>Als Journalistin mit einer Kolumne im SPIEGEL schreibt Berg z.B. über den Klimawandel und die Verwandlung des Internets in ein antidemokratisches Herrschaftsinstrument, das uns zu „Klick-Vieh“ degradiert. GRM ist gut recherchiert, die Erzählebene enthält genügend Elemente unserer Wirklichkeit: In keiner anderen Stadt der Welt ist die Gesichtserkennung durch entsprechende Kameras in öffentlichen Bereichen so weit „fortgeschritten“ wie in London, und in China wird das (erwartete) Verhalten der „durchleuchteten“ BürgerInnen mit Credit Points belohnt, abweichendes bestraft. Im Roman gehört England faktisch den Chinesen. Ein aufgrund der wuchernden Arbeitslosigkeit eingeführtes Grundeinkommen kann durch entsprechendes Benehmen aufgebessert oder verspielt werden, für die Kontrolle sorgt ein implantierter Chip, der den Menschen überhaupt erst als existent ausweist.</p>
<p>Inzwischen kenne ich auch Leute, die das Buch nach gelesener Hälfte aus der Hand gelegt haben&#8230;, zu viel GRM?</p>
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		<title>Juna Grossmann: Schonzeit vorbei</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Heike Schmidt-Langer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:31:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer sich in Deutschland als Jude zu erkennen gibt, lebt gefährlich. Aber können – sicher gut gemeinte – Ratschläge, sich nicht als Jude zu outen, die Lösung des Problems sein? Wohl kaum. Höchste Zeit, über Antisemitismus zu reden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Grossmann.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-4662 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Grossmann-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Grossmann-193x300.jpg 193w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Grossmann.jpg 320w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a>Droemer Verlag, 2018, 160 S., 14,99 EUR, E-Book 12,99 EUR</strong></p>
<p>Wer sich in Deutschland als Jude zu erkennen gibt, lebt gefährlich. Aber können – sicher gut gemeinte – Ratschläge, sich nicht als Jude zu outen, die Lösung des Problems sein? Wohl kaum. Höchste Zeit, über Antisemitismus zu reden. Über Vorurteile, die in vielen von uns latent vorhanden sind. Über unseren Umgang mit Randgruppen aller Art. Über Empathie. Übers Wegsehen. Darüber, ob wir eine lebenswerte Gesellschaft für alle sein wollen.</p>
<p>Juna Grossmann berichtet über ihren Alltag als jüdische Deutsche, ihre Erlebnisse als Angestellte im jüdischen Museum und Erlebnisse anderer Juden. Darüber, in welch vielfältiger Weise man ihr und anderen Juden signalisiert, sie seien selbst schuld, sie sollen Deutschland verlassen, dann passiere auch nichts. Darüber, dass Vermieter nicht an Juden vermieten wollen, dass sich Juden in Deutschland täglich für die Politik Israels rechtfertigen sollen, für die sie als in Deutschland Wahlberechtigte genauso wenig können, wie alle anderen Deutschen. Sie berichtet darüber, wie es ist, wenn keine jüdische Veranstaltung ohne Polizeischutz auskommt, wenn keine Synagoge besucht werden kann, ohne dass Taschen durchleuchtet werden. Über Mobbing an Schulen, öffentliche Bedrohungen und gewalttätige Übergriffe. Und darüber, dass sie seit Jahren keine größeren Anschaffungen mehr macht und auf gepackten Koffern sitzt. Schon einmal haben Juden in Deutschland erlebt, dass es irgendwann für die Ausreise zu spät sein kann.</p>
<p>Haben wir wirklich aus unserer Geschichte gelernt? – Ein kluges Buch, das weh tut. Es wurde von der Jury „Das politische Buch“ als eines der fünf wichtigsten politischen Sachbücher 2019 gekürt.</p>
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		<title>Die Poesie der Gabe &#8211; Hamanns entschlüsselte Sprachwelt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:26:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Gabe]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Hamann]]></category>
		<category><![CDATA[Oswald Bayer]]></category>
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					<description><![CDATA[Poesie ist unsere Muttersprache, meinte einst der Schriftsteller und Sprachphilosoph Johann Georg Hamann. Was es damit auf sich hat (und manches mehr), haben wir den Hamann-Interpreten Oswald Bayer gefragt, dessen 80. Geburtstag kürzlich zu begehen war.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Poesie ist unsere Muttersprache, meinte einst der Schriftsteller und Sprachphilosoph Johann Georg Hamann. Was es damit auf sich hat (und manches mehr), haben wir den Hamann-Interpreten Oswald Bayer gefragt, dessen 80. Geburtstag kürzlich zu begehen war.</p></blockquote></div>
<p>Der Schriftsteller J.G. Hamann arbeitet musivisch: Seine Werke setzen sich mosaikartig zusammen aus Textbruchstücken anderer Verfasser. <em>Essais à la Mosaique </em>heißt ein französischer Sammelband. Stilmittel und Markenzeichen des Königsberger Denkers (1730–1788) ist der <em>Cento</em>, der Flickenteppich.</p>
<p>Zum „Wörterbuch“, aus dem er sich bedient, werden ihm neben der „heiligen Litteratur“ – in ironischer Brechung – das Buch der Natur sowie das „Buch der Geschichte“. Letzteres stellt wohl eine Wortschöpfung Hamanns dar. Die Welt ist ihm der Text. Selbst wenn dort nur Turbatverse, also Verwirbeltes, Zerstückeltes zu finden ist, wie er nicht ohne bissigen Humor vermerkt.</p>
<h2>Poesie eines gegebenen Versprechens</h2>
<p>Poesie ist unser aller Muttersprache, so Hamann. Systeme hingegen empfindet er als Hindernis der Klarheit. „Grundsätzen, Systems bin ich nicht gewachsen. Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle“ will Hamann liefern. Und wird gerade so laut Goethe „der hellste Kopf seiner Zeit“. Mit seiner <em>Aesthetica in nuce</em> gibt er der Germanistik bis heute Stoff.</p>
<p>Hamann nimmt „rezeptionsästhetisch“ (also in Hinsicht auf den realen Prozess der Rezeption) Momente vorweg, wie sie im Gabe-Diskurs des Empfangens, Gebens und Weitergebens (<em>Essais über die Gabe, Essai sur le don</em>) im 20. Jahrhundert zu finden sind. Reden ist übersetzen! Hamann selbst übersetzt Schriften englischer Philosophen, setzt dadurch manchen deutschen Denker erst aufs Gleis (z.B. Kant). Seiner Welt begegnet er jedoch nicht unkritisch. Kant ist ihm zu einseitig auf Vernunft fixiert. Wo bleibt da Poesie, wo die Geschichte? – Auch heute gehen ja die wenigsten von „der einen Vernunft“ aus. Eher von verschiedenen „Vernünften“ je nach Herkunft, Sprache und Kultur. – Er dient sich seinen Zeitgenossen daher an als <em>meta-criticus</em>, als <em>nach-prüfender </em>Leser und Rezensent mit Widerspruch. Leicht zu entschlüsseln sind seine Texte dabei nicht. Er habe sich (mit Absicht!) „in ein mitternächtliches Gewand gewickelt“, schrieb ein Zeitgenosse. Er sei „der größte Humorist des Christentums“, urteilt später Kierkegaard. „Wo liegt aber das Räzel des Buchs? In seiner Sprache oder in seinem Inhalt? Im Plan des Urhebers oder im Geist des Auslegers?“, fragt Hamann pfiffig. Seine Genielehre, oder wie er anders formuliert, vom „geistlichen Menschen“, hat nicht nur die Literaturgeschichte beeinflusst.</p>
<h2>Diakonie des Denkens</h2>
<figure id="attachment_4655" aria-describedby="caption-attachment-4655" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Oswald_Bayer.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-4655 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Oswald_Bayer-231x300.jpg" alt="" width="231" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Oswald_Bayer-231x300.jpg 231w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Oswald_Bayer.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 231px) 100vw, 231px" /></a><figcaption id="caption-attachment-4655" class="wp-caption-text">Prof. Dr. Oswald Bayer ist emeritierter Professor für Systematische Theologie, bis 2006 Herausgeber der „Neuen Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie“.</figcaption></figure>
<p>Trotz aller musivischen Poesie ist Hamann nicht irrational. Er ist in einer <em>Diakonie des Denkens</em> unordentlich und ordentlich zugleich, was man bei Oswald Bayer lernen kann. Als Hamann-Interpret ist er ein guter Gesprächspartner zu dessen Poesiebegriff. Bayers Schöpfungshermeneutik <em>Schöpfung als Anrede</em> (1986) wurde als verheißungsvoller Brückenschlag über Schul- und Richtungsgrenzen hinweg begrüßt. Hamann gibt dabei den Leitstern ab. Auch Bayers Wissenschaftstheorie <em>Autorität und Kritik</em> gilt Rezensenten als theologischer Paradigmen- und Epochenwechsel. „Glänzende Formulierungen Bayers“ werden hervorgehoben. Z. B. dass es in Gottes Poieisis (Gottes Werk) nicht um konstatierende, sondern um konstituierende Sätze geht. Also nicht um Sätze, die etwas feststellen, sondern die etwas in Gang bringen, begründen und ins Leben rufen. Oder: „Das Schauen Gottes ist das Innewerden seiner Gerechtigkeit“.</p>
<p>Es liegt nahe, den Hamann-Ausleger selbst ein Stück weit in der Pose und Figur des Königsberger Gelehrten zu sehen. Weshalb die Frage nach Hamanns Aktualität zugleich zur Lektüre von Oswald Bayers Werk anregt.</p>
<h2>Das Klarwerden konkreter Wahrheiten</h2>
<p>Bayer ist Hamann-Forscher wie Luther-Forscher. Was sich bestens ergänzt, weil Hamann Luther „viel“ verdankt. Drei Gipfelpunkte sind selbst für ungeübte Augen erkennbar: Die frühe Schrift <em>Promissio</em> (1971, ²1989), mit der nach einhelligem Urteil bereits der Grundton für alles weitere gegeben ist („Der Autor hat sein Thema gefunden, jetzt muss er nur noch schreiben“). Hier steigt man tief in die kleinteilige Arbeit am – meist lateinischen – Frühwerk Luthers mit ein, und lernt dabei, wie die freie, <em>unkonditionierte</em> <em>Zusage des Lebens</em> den Wendepunkt der Reformation darstellt. Nicht nur laut katholischer Forschung ein Klassiker und Durchbruch in der Reformationsgeschichte. Ein zweiter Glanz- und Gipfelpunkt liegt im Theologie-Handbuch von 1994 vor, in dem sich Bayer beim Durchgang durch philosophische und theologische Positionen als „Genie der Metakritik“ erweist. In dessen dritten Teil (C-Teil) heißt es ganz im Sinne Hamanns, und später Wittgensteins: Wichtiger als abstrakte Gedankengebäude ist das Klarwerden konkreter Wahrheiten. Den dritten Gipfelpunkt darf man schließlich in der großen Darstellung von <em>Martin Luthers Theologie</em> (2003) sehen. (Von Luther stammt auch Bayers Einsicht, dass „Gabe ein Urwort der Theologie“ darstellt, womit sich der Kreis zu Hamann wieder schließt.)</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Alles Reden ist übersetzen.</p></blockquote></div>
<p>Dazwischen finden sich kritische Hamann-Editionen (<em>Londoner Schriften, Letztes Blatt</em>), in denen die Texte in mikrologischer Kleinarbeit entschlüsselt sind, sowie zahlreiche Einzelaufsätze und -studien, die dann in die Konzeptionen größerer Aufsatzbände münden. Wie Hamann arbeitet auch Bayer hier musivisch – jedoch im großen Stil. Mosaikstein für Mosaikstein setzt sich der Gesamttext zusammen: Es ist ein Flickenteppich (Cento), der aber kunstvoll gewoben ist.</p>
<p><strong>1. Herr Bayer, der „radikale Aufklärer“ Johann Georg Hamann gibt der Poesie die erste Stelle, warum?</strong></p>
<p>Hamann versteht „Poesie&#8221; nicht im üblichen eingeschränkten spezifischen, sondern in einem sehr weiten Sinn: als „poieisis&#8221; und „poiema&#8221;, des „Poeten&#8221;, des Schöpfers des Himmels und der Erde, des Alls, der tut, was er sagt, und sagt, was er tut (Ps 33,9). Zugleich schreibt Gott, was er spricht und wirkt; ins Wort begibt er sich nicht nur mündlich, sondern, als Autor der biblischen Texte, auch schriftlich: Gott &#8212; ein Schriftsteller! Als Menschen sind wir Werke dieses Poeten (Eph 2,10), als Angeredete sprachfähig und sprachmächtig: zur Antwort und Verantwortung bestimmt.</p>
<p><strong>1.2 Gott als Poet der Welt: Indem Sie mit Hamann „Gott als Autor“ (³2019) titulieren und Gott sich also „in Geschichten verstrickt“, wird der Theologe da nicht zum Geschichts- und Literaturwissenschaftler?</strong></p>
<p>Nach meinem Urteil ist „Theologie&#8221; durchaus als Geschichtswissenschaft (dazu: „Systematische Theologie als Wissenschaft der Geschichte&#8221;, ursprünglich in der Festschrift für Gerhard Ebeling 1982, dann in: <em>Autorität und Kritik. Zu Hermeneutik und Wissenschaftstheorie</em>, 1991) und als Literaturwissenschaft, wohl am besten aber als Sprachwissenschaft wahrzunehmen. Denn ihr Gegenstand, ihre Sache, ist Gott: Gott als Wort, als personale Anrede, genauer noch: als gebende Zusage (<em>promissio</em>) und zusagendes Geben sowie, als menschliche Antwort, das Empfangen und Nehmen des Vertrauens.</p>
<p><strong>1.3 „Freiheit als Antwort“ (1995) ist der schöne Titel eines Ihrer Bücher. Die menschliche Freiheit verdankt sich einer bestimmten Sprache der Zuwendung und Ermächtigung. Eine Ethik, die mit dem Vorethischen und bei der Sprache beginnt?</strong></p>
<p>Die Sprache, die Welt wahrnehmen lässt, ist in der Tat <em>vor </em>dem Ethos &#8212; was aber polemisch nur dann gesagt werden kann, wenn ein aktivistischer, aktualistischer und durch eine reine Pflicht bestimmter Handlungsbegriff für das Verständnis leitend ist, nicht aber dann, wenn die Sprache von vornherein als ethisches Phänomen begriffen werden muss. Zum sprachlich verfassten Vorethischen, ohne das menschliches Wählen und Entscheiden nicht gedacht werden kann, gehören jedenfalls Grundbewegungen wie Staunen und Ehrfurcht, Dank, Güte und Barmherzigkeit. Sie sind keine selbstverständlichen und sich selbst genügenden Gesinnungen, Tugenden und Lebensäußerungen, sondern werden allein durch Gottes Zusage seiner Güte und Barmherzigkeit geschaffen und erneuert. Verstünde sich beispielsweise Barmherzigkeit von selbst, dann hätte Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht erfinden und erzählen müssen, dann blieben wir nicht darauf angewiesen, dass sie uns immer wieder neu gepredigt wird. Die Evidenz dieser Barmherzigkeit ist eine bleibend sprachlich vermittelte Evidenz.</p>
<p><strong>2. Die Mitte Ihrer Theologie ist die <em>Promissio</em>, die Poesie eines Versprechens, der Zusage Gottes.</strong></p>
<p>Die kategoriale Bedeutung der <em>Promissio</em> habe ich von Luther gelernt und versuche nun, sie mit Hilfe des Poesiebegriffs Hamanns in unserem gegenwärtigen Kommunikationshorizont umfassend zur Geltung zu bringen. Gottes Versprechen, in dem er nicht etwas Einzelnes, sondern sich selbst und seine Gemeinschaft verspricht, ist &#8212; identisch mit seinem Namen &#8212; als rechtsgültige Zusage mit sofortiger Wirkung und damit nicht, wie üblicherweise, primär als futurische Verheißung zu verstehen, wenngleich die mit ihr begegnende Gegenwart Gottes seine Zukunft eröffnet &#8212; wie sie auch das Vergangene rettet.</p>
<p><strong>2.1 Sie sprechen von der „Kategorischen Gabe“ – etwa in „Schöpfung als Anrede“ (²1990). Am Anfang steht nicht ein <em>Du musst</em>, sondern als erlaubender Imperativ: <em>Du darfst</em>. Ist das Buch der Natur und der Geschichte – die Welt als Text – eine einzige große Einladung?</strong></p>
<p>Das ist sie! Doch wird diese Einladung zum gemeinsamen Festmahl nicht als solche wahrgenommen. Nach Paulus kann von Seiten Gottes aus Jeder und Jede die Welt und in ihr sich selbst als eine einzige große Einladung, mehr noch: als kategorische Gabe nehmen und sie sich schmecken lassen; Keiner und Keine aber tut es, auch nicht einer. Die radikale Verkennung des Lebens als Gabe, die sich zuspitzt in der modernen Selbstreduktion des Menschen auf einen tendenziell reinen Produzenten und Konsumenten &#8212; Du bist, was Du leistest und was Du Dir leisten kannst! &#8212; das ist das Böse. So ist der bekannte Reim Wilhelm Buschs umzukehren: ›Das Böse &#8212; dieser Satz steht fest &#8212; / ist stets das Gute, das man lässt‹. Der Sünder ist der Kostverächter.</p>
<p><strong>2.2 Zusammen mit anderen stehen Sie schließlich für eine Ethik und Theologie der Gabe ein (vgl z.B. „Zugesagte Gegenwart“, 2007). Inwiefern ist es die Geistgabe (<em>gratia spiritus</em>), die das Sprachwesen Mensch zum Theologen macht, der an Gottes <em>Poesie des Versprechens</em> teilnehmen darf und zugleich zu einer <em>Diakonie des Denkens</em> befähigt wird („Leibliches Wort“, 1992; „Martin Luthers Theologie“, <sup>4</sup>2016)?</strong></p>
<p>Mit dieser Frage stoßen Sie auf ein Forschungsdesiderat: Wie verhalten sich „Gabe&#8221; und „Zusage&#8221; zueinander? Was besagt es, dass beim reformatorischen Luther beide Begriffe einander erhellen, ja: geradezu ein Hendiadyoin bilden? Ist Gottes Zusage kategorische Gabe, dann ist sie damit reine, bedingungslose, ganz und gar einseitig gegebene Zuwendung &#8212; in keiner Weise verdient und vom Geschöpf irgendwie mitgewirkt. Dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung geht das Wort voraus, sonst nichts; in diesem Sinne ist von einer Schöpfung „aus dem nichts&#8221;, einer <em>creatio ex nihilo</em> und mit dieser Prävenienz vom schöpferischen Gottesgeist zu reden. Hat umgekehrt die Gabe promissionalen Charakter, dann ist ihr Charakter in der ihr eigenen Personalität und Zeitlichkeit gewahrt.</p>
<p><strong>3. Wenn nach Wittgenstein das Resultat und Ziel wissenschaftlich-philosophischen Fragens nicht allgemeine „Sätze“, sondern das „Klarwerden von Sätzen“ ist, was bedeutet das für die Theologie?</strong></p>
<p>Sie ist als wissenschaftliche Bemühung nicht Selbstzweck, sondern bezogen auf einen „Sitz im Leben&#8221;; sie kommt vom Gottesdienst her und geht zum Gottesdienst hin. So ist zu unterscheiden, was theologische Wissenschaft zur Theologie und was sie zur Wissenschaft macht. Was theologische Wissenschaft zur Theologie macht, ist ihre Beziehung auf jene als ihre Sache zu beschreibenden elementaren Sprachhandlungen, in denen Gesetz und Evangelium konkret – verpflichtend und freimachend &#8212; wirken; diese Beziehung wird in dem Bekenntnis wahrgenommen, auf sie schlechthin angewiesen zu sein und in ihnen tätig werden zu müssen (1Kor 9,16). Was theologische Wissenschaft zur Wissenschaft macht, ist ihr Vollzug in den wissenschaftlichen Methoden ihrer Zeit, die die Sache der Theologie nicht legitimieren oder gar konstituieren, wohl aber den nicht zuletzt zur Verarbeitung der Häresie notwendigen reflektierten und reflektierenden Umgang mit dieser Sache regulieren.</p>
<p><strong>3.1 Häresie klingt für heutige Ohren hart. Eines der Hauptprobleme an einem Fehl- oder Irrglauben dürfte sein, dass dadurch eben die „Kategorische Gabe“ infrage gestellt wird. Dies aufzuklären, ist Aufgabe der Wissenschaft, schreiben Sie in „Autorität und Kritik“ (1991).</strong></p>
<p>Die Frage nach „Häresie&#8221; ist die Frage nach dem Urteilskriterium:  Was unterscheidet den falschen vom wahren Glauben? In einer klaren und scharfen, ja geradezu schroffen Weise hat Luther Farbe bekannt. Er unterscheidet nicht zwischen Religionen und Konfessionen, sondern allein zwischen dem wahren und falschen Glauben. Der Unglaube als Versuch der Selbstrechtfertigung kommt außerhalb des Christusglaubens ohne Unterschied allen Menschen zu. Nach Johann Georg Hamanns ironischer Bemerkung erzählt die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9) „eine ungewöhnliche Einigkeit unter den Menschen, eine Einigkeit, die in Torheit und in den bösen Gedankens des Herzens ihre Stärke erhielt. Denn hierin allein sind sich die Menschen ihrer Natur nach vollkommen gleich und vollkommen einig.“</p>
<p><strong>3.2 Was sagen Sie, wenn jemand kritisierte, dass bei Ihnen eine Theologie der Auferstehung zu wenig entfaltet ist?</strong></p>
<p>Vieles habe ich sicherlich zu wenig entfaltet. Dazu gehört in der Tat auch die Auferstehung: Die Auferstehung Jesu Christi ereignete sich <em>in</em> Raum und Zeit, sprengt zugleich aber radikal alle unsere wissenschaftlichen wie lebensweltlichen Vorstellungen von Raum und Zeit; deshalb bezeichnet das Neue Testament diese Schöpfertat Gottes als „Neuschöpfung“! Mit ihr geschieht die Entmächtigung des Bösen und die Ermächtigung zum wahren Leben. Sie geschieht als die Eröffnung des im Karfreitag Beschlossenen; sie ist keine Korrektur des Karfreitags, sondern gleichsam dessen Veröffentlichung. Anders gesagt: Was an Karfreitag erworben wurde, wird an Ostern ausgeteilt, wird im Modus der kategorischen Gabe zugesprochen, im Zuspruch geschenkt: „Deine Sünden sind dir vergeben!&#8221; Von der Schuld der Vergangenheit und von der Angst vor der Zukunft befreit, darfst du im Augenblick der Gegenwart Gottes leben &#8212; zuversichtlich, in <em>parrhesia </em>(Freimut, die Red.). In diesem Sinn fallen Ostern und Pfingsten zusammen. Die Inspiration des Heiligen Geistes ist das Schöpferwerk des dreieinen Gottes (Joh 20,22f; vgl Gen 2,7). Das trinitarische Sein und Handeln Gottes bildet die innere Struktur der <em>promissio</em>.</p>
<p><strong>3.3 Wenn Sie heute auf Ihre akademische Existenz zurückblicken, welches war der schwierigste, welches der schönste Moment?</strong></p>
<p>Nicht immer, aber meistens ist für mich das Schönste mit dem Schwierigsten verbunden. Wenn ich in dem mich treibenden Verlangen nach Klarheit mich an der Härte eines Problems stoße und mein Kopf, wie Hamann im Blick auf seinen Kampf mit Kant gelegentlich sagt, Ton gegen Eisen zu sein scheint, sich aber unerwartet doch noch eine Lösung auftut oder auch „nur&#8221; eine präzisere Erfassung des Problems gelingt, bedeutet dies ein tiefes Glück; ich staune und bin dankbar. In diesem Sinne habe ich die Verbindung des für mich Schwierigsten und Schönsten vor allem im Zusammenhang der Interpretation philosophischer Texte Descartes‘, Feuerbachs, vor allem aber Hamanns erfahren.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Oswald Bayer: <em>Zeitgenosse im Widerspruch. Johann Georg Hamann als radikaler Aufklärer</em>. Piper 1988. Ders.: <em>Gott als Autor. Zu einer poietologischen Theologie.</em> Mohr Siebeck ³2019.</p>
<p><em>Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg.</em></p>
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		<title>Sehnsucht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Beatrice Schmeisser]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:16:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Erfüllung]]></category>
		<category><![CDATA[Sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[Suche]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer dieses Wasser trinkt, wird wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben. (Joh 4,14)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer dieses Wasser trinkt, wird wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben. (Joh 4,14)</p></blockquote></div>
<p><em>Ein junger Jude sagte zum Rabbi: „Ich möchte zu dir kommen und dein Schüler werden.“ Da antwortete der Rabbi: „Gut, das kannst du, ich habe aber eine Bedingung. Du musst mir eine Frage beantworten: Liebst du Gott?“ </em><br />
<em>Da wurde der Schüler traurig und nachdenklich. Dann sagte er: „Eigentlich lieben, das kann ich nicht behaupten.“ Der Rabbi sagte freundlich: „Gut, wenn du Gott nicht liebst, hast du dann etwa Sehnsucht ihn zu lieben?“ </em><br />
<em>Der Schüler überlegte eine Weile und erklärte dann: „Manchmal spüre ich diese Sehnsucht sehr deutlich, aber meistens habe ich so viel zu tun, dass die Sehnsucht im Alltag untergeht.“ Da zögerte der Rabbi und sagte dann: „Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich verspürst, sehnst du dich dann vielleicht danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“ </em><br />
<em>Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf und er sagte: „Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben.“<br />
Der Rabbi entgegnete: „Das genügt. Du bist auf dem Weg.“ (Autor unbekannt)</em></p>
<h2>„Alles beginnt mit der Sehnsucht“&#8230;</h2>
<p>So lautet die erste Zeile eines Gedichts der deutsch-schwedischen Schriftstellerin und Lyrikerin Nelly Sachs. Alle großen Dinge, die Menschen erschaffen haben, begannen mit der Sehnsucht. Mit der Sehnsucht danach, etwas Neues zu machen, zu erleben, zu erfahren. Große wissenschaftliche Entdeckungen begannen mit der Suche, mit der Sehnsucht, nach Erklärung. Neue Länder wurden entdeckt, weil es Menschen aus ihren vier Wänden hinauszog. Symphonien wurden geschrieben und Schlösser gebaut, weil Menschen Träume verwirklichen wollten. Nach der großen Liebe wurde sich gesehnt. Wegen einer Frau wurden in der Geschichte sogar schon Kriege begonnen. All dem war Eines gemeinsam: Die Sehnsucht danach, dass da doch noch etwas Anderes sein muss.</p>
<p>Waren die Länder entdeckt, die Symphonien geschrieben, die Schlösser gebaut, die Frau erobert, dann war die Sehnsucht gestillt. – Jedoch nicht auf Dauer. Hans Christian Anderson schrieb einmal: <em>Liebe ist Sehnsucht und gestillte Sehnsucht vergeht.</em> Haben wir bekommen, was wir wollten, sehnen wir uns wieder nach etwas Neuem.</p>
<h2>Sehnsucht ohne Erfüllung?</h2>
<p>Kann ein Mensch in dieser Welt überhaupt seine Sehnsucht nach etwas Größerem erfüllen? Oder wandern wir auf der Erde doch nur einsam herum, wie die Person auf dem Bild? Oftmals macht sich eine gewisse Leere breit, wenn wir das Ersehnte erreicht oder erlangt haben. Wir dachten, endlich habe ich das bekommen, was ich mir so sehr ersehnt habe. Für eine Zeit ist unser Hunger und Durst gestillt, doch dann dürsten wir wieder nach etwas Neuem, Anderen.</p>
<h2>Sehnsucht bei Gott?</h2>
<p>So hat der Bibelvers bei Johannes doch etwas Tröstliches: „Wer dieses Wasser trinkt, wird wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben“ (Joh 4,14).</p>
<p>Wir selbst können diese Sehnsucht nach <em>dem Mehr</em> nicht stillen. Sie ist zwar ein ziemlich guter Antreiber und Motivator. Doch am Ende kann unsere Sehnsucht nach dem Anderen wohl nur etwas Transzendentes stillen. Die Vorstellung, dass da noch etwas Übersinnliches sein muss, das am Ende all unsere Sehnsüchte zu stillen vermag.</p>
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		<title>Altes Urlaubsziel, neu entdeckt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:11:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Balaton]]></category>
		<category><![CDATA[Egregy]]></category>
		<category><![CDATA[Heviz]]></category>
		<category><![CDATA[Plattensee]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Der in Westungarn gelegene Balaton, in Deutschland bekannt als Plattensee, ist über Jahrzehnte für zahllose deutsche Urlauber zu so etwas wie einer zweiten Heimat geworden. Heute ist er auch eine beliebte Gesundheitsdestination.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der in Westungarn gelegene Balaton, in Deutschland bekannt als Plattensee, ist über Jahrzehnte für zahllose deutsche Urlauber zu so etwas wie einer zweiten Heimat geworden. Heute ist er auch eine beliebte Gesundheitsdestination.</p></blockquote></div>
<p>Am größten Binnensee Mitteleuropas verbrachten seit den 60er Jahren sowohl Ostdeutsche als auch Westdeutsche ihren Sommerurlaub. Ganze Kolonnen mit vollgepackten Trabis kamen aus der DDR, deren Bürger hier im relativ freien und wohlhabenden ungarischen „Gulaschkommunismus“ Abwechslung vom tristen Alltag zu Hause fanden und sich ungezwungen mit Besuchern aus der Bundesrepublik austauschen konnten, die den preiswerten Urlaub in landschaftlich reizvoller Umgebung genossen.</p>
<p>Viele Gäste kamen jedes Jahr. Es entstanden trotz der deutsch-deutschen Teilung Freund- und Liebschaften. Auch wenn man sich heute zum Balaton aufmacht, schwingt etwas von dieser Erinnerung mit. Die Architektur der großen Hotels ist noch geprägt vom sozialistischen Monumentalstil, der schon wieder eine Art Retroschick ausstrahlt. Das Gebiet rund um den Plattensee ist neben der Hauptstadt Budapest die beliebteste Ferienregion in Ungarn.</p>
<h2>Am größten Thermalsee der Welt</h2>
<p>Eines der Hauptziele ist bis heute das sechs Kilometer westlich des Plattensees gelegene Bad Héviz. Schon seit längerem liegt die Zahl der Wellnessurlauber bei mehr als einer Million pro Jahr, wovon 80 Prozent Stammgäste sind. Die Stadt ist bekannt für ihren ausgezeichneten Ruf bei klassischen Kuren und Wellness-Anwendungen. Ein Grund für den hohen Zuspruch ist der größte natürliche und biologisch aktive Thermalsee der Welt.</p>
<p>Dieser machte Bad Héviz bereits vor 200 Jahren zum bekanntesten Heilbad an der ungarischen Bäderstraße. Spezielle Heilmethoden wurden hier entwickelt. Der Thermalsee wurde auch zum „Hungarikum“ erklärt und in die Liste der besonderen Nationalwerte Ungarns aufgenommen. Europaweit einzigartig ist die Tatsache, dass Kurgäste das ganze Jahr unter freiem Himmel in dem natürlich temperierten Badesee schwimmen können. Das Bad Hévizer Heilwasser ist reich an Schwefelwasserstoff, Kohlensäure und Methan, ideal für Bade- und Trinkkuren. Zum Teil übernehmen Krankenkassen in Deutschland die Behandlungskosten.</p>
<h2>Bekannt für Natur, Kultur und Gastronomie</h2>
<p>Der Heilsee ist umgeben von einem Naturschutzgebiet. Transdanubien mit seiner abwechslungsreichen von Wald und Hügeln geprägten Landschaft eignet sich besonders für Ausflüge zu Fuß oder mit dem Rad. Am Plattensee gibt es viele Freizeitmöglichkeiten. Weinkeller und Weinwirtschaften in Bad Héviz sind bekannt für ihre regionalen Spezialitäten.</p>
<p>Die Ursprünge des heutigen Bad Héviz gehen zurück bis ins zweite Jahrhundert. Das belegen römische Münzfunde und der römische Ruinengarten. Ende des 17. Jahrhunderts ließ Graf György Festetics, der das barocke Schloss Festetics in Keszthely errichtete, die Heilwirkung des Sees erstmals untersuchen und die ersten Kuranlagen um den See errichten. Das György-Haus und die Ella-Villa im Rheumakrankenhaus erinnern an die Gründerzeit.</p>
<p>Zu den kulturellen Highlights gehören die alte Bäderarchitektur und der Stadtteil Egregy mit seiner Weinbaukultur und romantischen Kellergassen. Ein Museum, das Grabmal des römischen Soldaten und die mittelalterliche Árpáden-Kirche befinden sich dort.</p>
<h2>Árpádenkirche in Egregy</h2>
<p>Der Hévizer Stadtteil Egregy war ein mittelalterliches Dorf, das in den Türkenzeiten zerstört wurde und von deutschen Siedlern im 17. Jahrhundert neugebaut wurde. Hier befindet sich eine der Perlen der Stadt: die aus dem 13. Jahrhundert stammende Árpádenkirche. Die genaue Bauzeit ist nicht bekannt. 1341 wurde sie zum ersten Mal in schriftlichen Urkunden erwähnt. Das Gebäude wurde im 16. bis 17. Jahrhundert stark beschädigt und später in der Barockzeit 1731 renoviert. Die erste Schutzheilige der Kirche war die Heilige Katharina von Alexandrien. Nach dem Neubau wurde die Kirche wieder geweiht, und ihre neue Patronin wurde die Heilige Magdalena. Seitdem wurde die Kirche noch mehrmals restauriert. Die Egregyer Kirche ist eine der drei erhaltenen Kirchen aus der Árpádenzeit in der Balaton-Umgebung.</p>
<p>Viele Besucher kommen aus den deutschsprachigen Nachbarländern. Sie schätzen die Nähe von Bad Héviz, das nur 75 Kilometer von der österreichisch-ungarischen Grenze entfernt ist. Einen Shuttleservice gibt es zum Flughafen und zum Hauptbahnhof nach Wien. Mit Deutsch kommt man in dem Kurort gut zurecht. Das lässt bei manchem Gast heimatliche Gefühle aufkommen.</p>
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		<title>Der verbotene Tod</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Carlo Holzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:05:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Hospiz]]></category>
		<category><![CDATA[Sterben]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben keinen Schuss Pulver wert. Ein altes Sprichwort. Zukunftsmusik: Der im Silicon Valley geträumte Posthumanismus einer Unsterblichkeit als Cyborg. Die Vollendung unserer Existenz ist ein die Zeiten übergreifendes Thema – auch der Theologie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben keinen Schuss Pulver wert. Ein altes Sprichwort. Zukunftsmusik: Der im Silicon Valley geträumte Posthumanismus einer Unsterblichkeit als Cyborg. Die Vollendung unserer Existenz ist ein die Zeiten übergreifendes Thema – auch der Theologie.</p></blockquote></div>
<p>Er ist der große Unbekannte. Gerne verdrängt. Vielfach besungen. Meistens gefürchtet. Manchmal herbeigesehnt. Der Tod. Sein Verständnis unterliegt dem Wandel der Zeiten. Die Sterblichkeit hat uns seit Anbeginn der Geschichte verfolgt. Vor viertausend Jahren reflektierte der babylonische Held Gilgamesch den Tod seines Freundes Enkidu folgendermaßen: „Du bist dunkel geworden und kannst mich nicht hören. Werde ich nicht wie Enkidu sein, wenn ich sterbe? Trauer ergreift mein Herz. Ich fürchte mich vor dem Tod.“</p>
<p>Todesfurcht sei die Mutter aller Religionen, sagen manche, die auf die eine oder andere Weise versuchen, die Pein unserer Endlichkeit in Schranken zu halten. Gott, überkulturell formuliert, mildert häufig nicht nur den Schmerz der Sterblichkeit durch irgendeine Vision von ewigem Leben, sondern lindert auch die furchterregende Isolation durch die Option einer ewigen Präsenz und liefert einen klaren Plan für ein sinnvolles Leben.</p>
<h2>Neue Ratlosigkeit gegenüber dem Tod</h2>
<p>Trotz allem, wahrscheinlich ist keine Menschheit je dem Tod gegenüber so ratlos gewesen wie die heutige, vermutet der Philosoph und Naturwissenschaftler C.F. v. Weizsäcker. Es ist ja schon erstaunlich das Phänomen heute. Auf der einen Seite sind Sterben, Tod und Trauer Gegenstand einer vielschichtigen Diskussion geworden. Auf der anderen Seite wird in unserer Gesellschaft der Tod verdrängt, so getan und gelebt, als gebe es ihn nicht. Es scheint so zu sein, als hätte der Tod bei uns keinen Platz mehr. Lebensfreude und Konsum, was ja oft dasselbe ist, privates Glück und die eigene Karriere, dauerndes wirtschaftliches Wachstum – all das lässt die Gedanken an ein Ende wohl nicht mehr zu. Neu ist allerdings heute die Vorstellung bei der jüngeren Generation an ein kollektives Ende für alles Leben, bedingt durch den Klimawandel, herbeigeführt durch den Menschen, der dabei ist seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.</p>
<p>Aber nicht nur in unseren Lebensentwürfen spielt der Tod kaum noch eine Rolle – er hat auch im wahrsten Sinne des Wortes keinen Raum mehr in unseren Wohnungen und Familien. Gestorben wird fast nur im Krankenhaus, in den Großstädten mehr als auf dem Lande. Aber schon immer haben sich die Einstellung zum Tod und natürlich auch der Umgang mit ihm geändert.</p>
<h2>Der Tod in der Antike – souverän sterben</h2>
<p>Über die Todesvorstellungen antiker Kulturen geben vor allem die Begräbnisorte der Herrschenden und die erforschten Rituale im Umgang mit deren Tod Auskunft. Die Bestattungszeremonien waren aufwändig und selbst noch einmal Zeichen der Machtdemonstration im Tode. Die Bewahrung des Leichnams und seine Versorgung mit „lebensnotwendigen“ Gütern weist darauf hin, dass die Vorstellung der Totenwelt als Analogie zur Welt der Lebenden und bis zu einem gewissen Grad auch ihrer sozialen Ordnung verstanden wurde. Weder macht der Tod alle gleich, noch sind alle gleich im Tod. Schon in der Antike spielt die Frage nach der Selbstbestimmung angesichts des Todes eine Rolle. Als weise galt der, der souverän mit seinem eigenen Sterben umgehen konnte. Charakteristisch für diese gelassene Haltung ist die Todesdeutung Epikurs (4. Jhd. vor Christus): „Der Tod geht mich nichts an. Solange ich bin, ist der Tod nicht. Wenn der Tod ist, bin ich nicht.“</p>
<h2>Die Allgegenwart des Todes im Mittelalter und die Ars moriendi</h2>
<p>Bis zum frühen Mittelalter galt der Tod als Übergang in eine bessere Welt. Diese Überzeugung, genährt aus der christlichen Auferstehungshoffnung, ermöglichte eine Koexistenz mit dem Tod, die einen öffentlichen Umgang mit Sterben und Tod förderte. Die Katastrophen des Spätmittelalters – Kriege, Hungersnöte und Seuchen – führten zu einem Wandel. Der Tod wurde nun vornehmlich in seiner Lebensbedrohlichkeit erfahren. Zu jeder Zeit, unabhängig vom Alter.</p>
<p>Darum wurde es als dringlich empfunden, sich auf das eigene Sterben vorzubereiten. Es entwickelte sich eine „ars moriendi“ (Kunst des Sterbens). Ein Bestandteil dieser Sterbekunst war das „Memento mori“, die Aufforderung, sich stets seiner eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein und in diesem Bewusstsein zu handeln. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ Kulturelle Praxis wie der Totentanz oder die bildliche Darstellung des Todes als personifizierter Sensenmann zeigen die Vorstellung, dass man mit dem Tod „umging“ und dieser auch im Leben anwesend ist.</p>
<h2>Neuzeit: Den Tod-Feind so gut wie möglich auf die lange Bank schieben</h2>
<p>Im 20. Jahrhundert ist der Tod an den Rand des öffentlichen Bewusstseins gedrängt. Der sogenannte „verbotene Tod“ kennzeichnet heute den Geist der Zeit. Das Sterben findet weitgehend im Krankenhaus statt und wird der wissenschaftlichen Medizin überantwortet. Für den Arzt ist der Tod ein Feind, den es zu besiegen gilt. Entsprechend der Individualisierung und Privatisierung des bürgerlichen Lebens werden auch Sterben und Tod eine Familiensache. In der Literatur und Kunst wird die Auseinandersetzung mit dem Tod stärker emotionalisiert als innere Trauer des Individuums über die eigene Endlichkeit und als melancholische Todessehnsucht.</p>
<h2>Die Patientenverfügung als Mittel der Selbstbestimmung</h2>
<p>Wirtschaftliche und alltagspraktische Fragen bestimmen Formen von Bestattungszeremonien mit. Anonyme Bestattungen, Urnenwände, Friedwälder, Seebestattungen, Internetfriedhöfe ermöglichen eine neue Form, Trauer auszudrücken und sichtbar zu machen. Der Diskurs über das Sterben und den Tod wird stark durch ethische und rechtliche Fragen bestimmt, weil medizinisch-technische Möglichkeiten größer werden. Dem Willen des Einzelnen und der Bedeutung der selbstbestimmten Entscheidung (Patientenverfügung) kommen dementsprechend immer größere Bedeutung zu.</p>
<p>Charakteristikum der heutigen Zeit scheint der körperlose Umgang mit Sterben und Tod. Tote werden von Bestattungsunternehmen binnen weniger Stunden aus dem Umkreis der Lebenden genommen und Spezialisten übergeben in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Hospizen.</p>
<h2>Zum guten „Schluss“: nicht Auslöschung, sondern Vollendung</h2>
<p>Die Theologie anerkennt den Tod nicht nur als unerbittliches Faktum, sondern sie hat stets versucht, dieses Faktum im Licht des Glaubens zu deuten. So glaubt der Christ, dass die letzte Vollendung seines Lebens bei Gott liegt. Die letzte Zukunft ist in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi bereits zugunsten des Menschen entschieden. Diese Hoffnung wider den Tod befreit zu einer Ethik der Lebensbejahung und der Weltverantwortung. Angesichts des Todes erschöpft sich die Aufgabe des Menschen nicht in der Sorge um das eigene Dasein und dessen Ende, sondern er soll sich in den Dienst des Lebens stellen im Engagement für die Nächsten, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Demokratie – ein Plädoyer, sie zu stärken und für sie zu streiten</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/demokratie-ein-plaedoyer-sie-zu-staerken-und-fuer-sie-zu-streiten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hanspeter Georgi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2019 11:02:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 4, November 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Parteien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Politikerklasse, in deren Zusammensetzung sich die Bevölkerung nicht mehr abgebildet sieht, undurchsichtige demokratische Verfahren und die Unentschlossenheit, erkannte Mängel des Politikbetriebes zu beseitigen – ist die liberale Demokratie noch zu retten?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine Politikerklasse, in deren Zusammensetzung sich die Bevölkerung nicht mehr abgebildet sieht, undurchsichtige demokratische Verfahren und die Unentschlossenheit, erkannte Mängel des Politikbetriebes zu beseitigen – ist die liberale Demokratie noch zu retten?</p></blockquote></div>
<p>Nur für einen kurzen Moment galt Francis Fukuyamas politische Diagnose aus dem Jahre 1992, die liberale Demokratie des Westens in der Form der Parteiendemokratie sei „das Ende der Geschichte“. Sie war zweifellos eine Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aber am Ende des historischen Prozesses auf der Suche nach der besten Staatsform steht sie nicht. Inzwischen wandelt sich das Adjektiv „liberal“ in „illiberal“ oder gar „autoritär“, um unsere bisherige Form der Demokratie von Entwicklungen in anderen Ländern, die sich auch demokratisch nennen, zu unterscheiden. Druck entwickeln die autoritären Systeme von Russland, China oder auch der Türkei, ganz zu schweigen von dem Trumpismus.</p>
<p>Sowohl Joachim Gauck als auch Frank-Walter Steinmeier befassen sich in vielen ihrer Reden mit der Demokratie. Sie müssen Gründe hierfür haben, wenn sie Gefahren für unsere demokratische Verfassung sehen. So zitiert Joachim Gauck, wohl nicht ohne Grund, in seiner Rede vom 18. Januar 2017 zum Ende seiner Amtszeit Carlo Schmid. Die Demokratie sollte, so Schmid, „auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“. Dies sicher auch eine Anspielung auf die Tatsache, dass Weimar nicht an seiner Verfassung, sondern an der Wahlurne gescheitert ist. Immerhin hatten rund 60 v.H. der Wahlberechtigten demokratiefeindliche Parteien gewählt.</p>
<p>Bundespräsident Steinmeier hat gar ein „Forum Bellevue – Zur Zukunft der Demokratie“ eingerichtet. Anlässlich der Eröffnung dieses Ortes am 19. September 2017, an dem seitdem mit „Vernunft und Wahrhaftigkeit“ über Gefährdungen und Verbesserungen unserer Demokratie gestritten wird, merkte Bundespräsident Steinmeier an: „Wir, die Bürgerinnen und Bürger, müssen uns selbstbewusst um die Demokratie kümmern – und auch wieder lernen, für sie zu streiten“.</p>
<h2>Mehr Transparenz als bürokratische Regelungswut</h2>
<p>Als Bürger sehe ich in folgenden Phänomen Anlass, um darüber nachzudenken, warum wir unsere demokratische Verfassung verbessern sollten: Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts wollten Strauß und Schiller eine große Steuerreform durchsetzen – bis heute auf der politischen Agenda, aber nie realisiert. Im Gegenteil: sogar der Fiskus ist nicht mehr in der Lage, die geschaffene steuerpolitische Komplexität zu überschauen. Warum gelingt es unserem politischen System nicht, ein für den Steuer zahlenden Bürger transparentes Steuerrecht zu schaffen? Eine vergleichbare Frage stellt sich für die Sozialpolitik wie für andere Bereiche. Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestags, hierzu in der FAZ vom 23. Mai 2019: „Das Grundgesetz wurde als Fundament für einen freiheitlichen, handlungsfähigen Staat geschaffen. Diesen Gedanken sollten wir wieder stärker freilegen, statt uns weiter einzumauern hinter immer neuen Regelungen, die noch detailliertere nach sich ziehen“. Dies entspricht der Diagnose des Historikers Niall Ferguson in <em>Niedergang des Westens – Wie Institutionen verfallen und Ökonomien sterben</em> (2012/13). Dort heißt es: „Der Rechtsstaat hat viele Feinde, aber zu den gefährlichsten gehören die Verfasser langer, umfangreicher Gesetzestexte.“</p>
<p>Die Zahl der Überhang- und Ausgleichsmandate steigt von Wahlperiode zu Wahlperiode. Wenn sich nichts ändert, werden uns im nächsten Bundestag etwa 800 Abgeordnete vertreten statt der 598 vorgesehenen Sitze. Schon heute ist unser Parlament das größte nach dem chinesischen Volkskongress. Notwendige Änderungen des Wahlrechts werden diskutiert, aber nicht vollzogen. Für uns als „Normalwähler“, so der deutsche Staatsrechtler Joseph Isensee, sei kaum verständlich, was mit unserer Stimme passiere, wenn sie in die „kafkaeske Rechenmaschine unseres Wahlsystems“ gesteckt werde. Schlimmer noch: „Nicht einmal eine Handvoll Abgeordneter ist in der Lage, die Sitzverteilung unfallfrei zu erklären“ (Norbert Lammert). Das schreit doch nach Wahlrechtsreform, zumal die Zweitstimme nicht dem Anspruch des Grundgesetzes nach der Persönlichkeitswahl entspricht.</p>
<h2>Das Vertrauen in die Politikerklasse schwindet</h2>
<p>Im Laufe der Jahrzehnte hat sich eine Politikerklasse herausgebildet, die es aus sich selbst heraus nicht mehr schafft, repräsentativ zu sein. Stellvertretend für diese Entwicklung mag die Antwort von Friedrich Merz auf die Frage eines Journalisten nach seinem Einkommen und Vermögen stehen: „Es ist doch ziemlich erstaunlich: Man gerät unter Rechtfertigungszwang, wenn man in seinem Beruf erfolgreich ist. Zugleich muss man sich in der Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr erklären, wenn man ohne Berufsabschluss und ohne jeden beruflichen Hintergrund ein politisches Mandat wahrnimmt und dann von der Politik wirtschaftlich völlig abhängig wird.“ In Volkes Mund lautet die Erklärung, wie es zu dem Phänomen der Politikerklasse gekommen ist: vom Kreißsaal über den Hörsaal in den Plenarsaal.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Globalisierung und Digitalisierung scheinen unsere Parteien zu überfordern.</p></blockquote></div>
<p>Angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, Globalisierung und Digitalisierung, scheinen unsere Parteien überfordert zu sein, ihren beiden wichtigsten Funktionen gerecht zu werden. Sie können den Wählern nicht mehr die komplexer gewordene Welt und deren Ansprüche auf eine adäquate Politik erklären. In der Folge leidet die Vertrauensbildung, nicht allein in den neuen Bundesländern. Als Ergebnis profitieren Parteien, die für sich mit einfachen Antworten reklamieren, nicht nur für das „Volk“ zu sprechen, sondern gar zu behaupten: „Wir sind das Volk“. Und es wird dann im Netz oder auch auf der Straße applaudiert, wenn die Kompetenz der „Eliten“ in Abrede gestellt wird und die Medien als „Lügenpresse“ verunglimpft werden. All dem haben die klassischen Parteien kaum etwas entgegenzusetzen. Warum? Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Resonanzverlusten. Die klassischen Parteien erreichen die Wähler nicht mehr. Der Journalist und Buchautor Gabor Steingart diagnostizierte, dass sich die Parteien zu „Klatschvereinen“ entwickelt hätten. Eine inhaltliche Debatte findet in der Breite so gut wie nicht mehr statt. Talkshows sind kein Ersatz.</p>
<p>Die sozialen Netze befördern Populismus und gefährden unsere liberale Demokratie. Kampagnen unterlaufen die Ordnung unserer repräsentativen Parteien-Demokratie. „Wir Demokraten schauen fast tatenlos zu, wie unsere Demokratie untergraben wird“, so Ralph Brinkhaus, FAS vom 16.12.2018. Als Lektüre empfehle ich Sascha Lobo, <em>Realitätsschock</em>. Dort findet sich beispielsweise der Hinweis, dass bei der letzten Wahl zum europäischen Parlament die Satirepartei Die Partei bei den Erst- und Jungwählern (18 bis 24) mit rund 8 v.H. etwa genauso viele Stimmen erhalten habe wie CDU, SPD oder FDP. AfD und Die Linke lagen darunter. Politik als Satire, Spaß oder Spektakel bei den jungen Wählern? Die Antwort einer klassischen Partei auf das Video von Rezo, zeigt das den Unterschied zwischen 20. und 21. Jahrhundert?</p>
<h2>Die Erneuerung unserer Demokratie fällt nicht einfach vom Himmel</h2>
<p>Wir müssen das institutionelle Gefüge unserer Demokratie anpassen, um unsere Demokratie zu erhalten. Hierzu Karl Poppers Rat: „Die Demokratie kann nicht besser sein als die Demokraten. Es sind die Demokraten, die für die Verbesserung arbeiten müssen, das ist das Entscheidende. Es ist Unsinn, sich über die Demokratie zu beklagen. Die Antwort auf so eine Klage ist: Was hast du getan, um die Demokratie zu verbessern?“ Dieser Maxime haben wir Demokraten zu folgen. Und als höchster Repräsentant unseres Gemeinwesens hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier diese Maxime für sich verinnerlicht und fordert uns auf, ihr gerecht zu werden. In seiner Rede vom 26. September 2018 beim Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft ruft er uns wie auch die Fachwelt auf: „Wir müssen aber auch den Mut haben, &#8230; Experimente zu wagen, neue Formen der Beteiligung zu entwickeln. &#8230;, die Verantwortung nicht einfach von den demokratischen Institutionen ab- oder wegwälzen, sondern repräsentative Verfahren verbessern &#8230; .“</p>
<h2>Was bietet sich an?</h2>
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<li>Änderung des Wahlsystems, um ein transparentes System zu finden, das nicht Rücksicht nimmt auf parteiegoistische Interessen. Ein Vorschlag, der m.E. für uns Wahlbürger viel Charme hat, stammt von dem Politikwissenschaftler Joachim Behnke. Er fordert Zweimandat-Wahlkreise. Direkt gewählt wären dann der Sieger und der Zweitplatzierte des Wahlkreises.</li>
<li>Formen der deliberativen Demokratie einüben zwecks stärkerer Partizipation der Wahlbürger, was ich den Formen direkter Demokratie vorziehe. Direkte Demokratie kann zu Spaltungen in der Gesellschaft führen. Extremes Beispiel hierfür: Brexit. Deliberative demokratische Verfahren setzen auf die Kraft von Argument und Konsensbildung. Unter Berücksichtigung verschiedener Kriterien werden repräsentative Kommissionen gebildet, die sich im rationalen Dialog zu bestimmten Themen eine gemeinsame Position erarbeiten. Diese werden dann in den Prozess repräsentativer demokratischer Entscheidungsfindung eingebracht. Sie sind also eine Ergänzung des Repräsentationsprinzips. Dabei gilt: Repräsentative Demokratie ist eine Institution gegen das Diktat der Mehrheit (Lammert). Gerade angesichts der zunehmenden Mächtigkeit und Wirksamkeit sozialer – von Stimmungen abhängiger und daher im Zeitverlauf instabiler – Netzwerke haben wir Demokraten dafür Sorge zu tragen, unsere Demokratie durch Veränderungen im institutionellen Gefüge wetterfest zu machen.</li>
<li>Über diese beschriebenen Anpassungen am System hinaus gehen Vorschläge, die Gewaltenteilung à la Montesquieu tatsächlich wieder wirksam zu machen. Denn heute könnten wir beobachten, dass sich der Bundestag zum Exekutivausschuss der jeweiligen Regierung entwickelt habe, also die Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative auf nur noch zwei Gewalten reduziert, somit der Rechtsstaat geschwächt sei. Im Sinne des Aufrufs von Bundespräsident Steinmeier sollten wir Bürger an die Arbeit gehen, Vorschläge zu unterbreiten, wie der Bundestag zu konstituieren ist.</li>
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<p>Kurzes Fazit: Wir als Demokraten müssen uns um die Demokratie als lernendes System kümmern. Wenn wir das nicht tun, verkümmert die Demokratie.</p>
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