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	<title>evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Anno Mungen: Hier gilt’s der Kunst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 11:28:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nazismus]]></category>
		<category><![CDATA[Oper]]></category>
		<category><![CDATA[Wagner]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Musik- und Theaterwissenschaftler Mungen beschreibt die Einheit von Oper und Politik bis 1945. Barrierefrei zu lesen auch für Menschen, die weder Opern-Kenner noch -Liebhaber sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mungen.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-6167 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mungen-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mungen-188x300.jpg 188w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mungen.jpg 300w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" data-smartcrop-focus="[50,28]" /></a>Westend 2021, 160 S., geb. 18,00 EUR, eBook 14,99 EUR</strong></p>
<p>Der Musik- und Theaterwissenschaftler Mungen beschreibt die Einheit von Oper und Politik bis 1945. Barrierefrei zu lesen auch für Menschen, die weder Opern-Kenner noch -Liebhaber sind, aber wissen, wie schwer sich auch die Nachfahren Richard Wagners (1813–1883) taten, ihre enge Beziehung zu Adolf Hitler und anderen Nazigrößen nach 1945 kritisch zu reflektieren. Mungens Buchtitel: Richard Wagners Satz aus seiner Oper <em>Die Meistersinger.</em> Gewählt, um deutlich zu machen, unter welchem Vorzeichen 1951 die Festspieltradition („Neubayreuth“) ins Licht der Unschuld gerückt wurde – allein der Kunst verpflichtet: „Man entzieht sich der politischen Verantwortung…, und das enge Verhältnis Wieland Wagners zum ›Nazismus‹ … wird weder ihm noch den Festspielen oder dem Rest der Familie schließlich schaden“ (S. 150).</p>
<p>Mungen beleuchtet die Rolle des Wagner-Enkels Wieland in den Kriegsjahren, der zusammen mit Bruder Wolfgang die Festspielleitung 1951 übernahm, und der mit dem „Führer“ – Freund der Eltern – familiär vertraut war: „Der engagiert sich für ihn, … schanzt ihm Aufträge zu, stellt ihn vom Militär frei und lässt sich von ihm fotografieren“ (S. 23). Der Wagner-Clan zeigte sich dafür mit seinem gelebten Antisemitismus erkenntlich. Mitglied der Familie war schließlich auch der englische Gelehrte Chamberlain, Schwiegersohn von Richard und Cosima Wagner, der mit seiner Rassentheorie „die nationalsozialistische Überzeugung der Wagners“ (S. 41) begründete.</p>
<p>Mungen führt eine Reihe von Beispielen für die ideologische Vereinnahmung der Oper an, so erwähnt er eine Rede von Robert Ley anlässlich der Festspiele 1942, wonach <em>Der Ring des Nibelungen</em> „ein Bollwerk gegen die jüdisch-kapitalistische Weltherrschaft“ (S. 54) sei.</p>
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		<title>Matthias Haudel: Theologie und Naturwissenschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Winfried Dressler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 11:26:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Naturwissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Hintergrund von Matthias Haudels kenntnisreichem Studier-Buch zur Notwendigkeit und zum Stand des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist die aus der Balance geratene, vom Menschen mit seinen naturwissenschaftlich dominierten Machbarkeiten umgestaltete Welt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Haudel_Natwiss.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6165 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Haudel_Natwiss-209x300.jpg" alt="" width="209" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Haudel_Natwiss-209x300.jpg 209w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Haudel_Natwiss.jpg 300w" sizes="(max-width: 209px) 100vw, 209px" data-smartcrop-focus="[49,34]" /></a>Vandenhoeck &amp; Ruprecht / utb 2021, 486 Seiten, kartoniert, 24,90 EUR, eBook 19,99 EUR</strong></p>
<p>Hintergrund von Matthias Haudels kenntnisreichem Studier-Buch zur Notwendigkeit und zum Stand des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist die aus der Balance geratene, vom Menschen mit seinen naturwissenschaftlich dominierten Machbarkeiten umgestaltete Welt. Dabei hat sich die Theologie im 19. Jh. auf ihre vermeintlich eigentlichen Themen wie das religiöse und sittliche Bewusstsein zurückgezogen. Doch als Anfang des 20. Jh. das naturwissenschaftliche Weltbild aus sich heraus durch die Entwicklung von u.a. der Quantentheorie revolutioniert und überraschend unanschaulich wurde, stellte sich erneut die Frage nach der einen, umfassenden Wirklichkeit.</p>
<p>Im Dialog geht es nun um eine Neuausrichtung, von welcher Seite welcher Beitrag zum angemessenen Verständnis dieser <em>einen</em> Wirklichkeit erwartet werden kann. Die Grundhaltung des Buches ist: Mehr Bescheidenheit in Bezug auf die Erklärungsmacht naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Und mehr Relevanz den theologischen Einsichten für die Deutung der einen Wirklichkeit. Diese nimmt die Theologie – im Unterschied zur Naturwissenschaft – als Ganze in den Blick, erahnt dabei Gott zunächst nur aus der erkennbaren Selbsttranszendenz von Kosmos und Mensch und gewinnt durch Gottes Selbsterschließung in Christus Gewissheit. Diese Gewissheit ist freilich nicht von der Art eines immer nur vorläufigen Bescheidwissens, wie es die Naturwissenschaften erarbeiten, sondern „wird zum daseinsbestimmenden Vertrauen, wenn sich der Mensch im Glauben existenziell darauf einlässt“ (S. 104).</p>
<p>Wer sich auf dieses gut strukturierte Buch einlässt, unternimmt eine Bildungsreise mit mühevollen Anstiegen und lohnenden Ausblicken.</p>
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		<title>Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 11:24:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Humanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer nur hat uns zum Schweigen gebracht, und warum verhalten wir uns nicht wie freie und mündige Menschen in dieser unserer „westlichen Wertegemeinschaft“?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Westendverlag 2012, 319 Seiten, 24,00 EUR, eBook 16,99 EUR</strong></p>
<p>Die erste Assoziation, als ich auf das Buch stieß, w<a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mausfeld_Warum-schweigen-die-Laemmer_-300CMYK.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-6166 alignleft wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mausfeld_Warum-schweigen-die-Laemmer_-300CMYK-222x300.jpg" alt="" width="222" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mausfeld_Warum-schweigen-die-Laemmer_-300CMYK-222x300.jpg 222w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Mausfeld_Warum-schweigen-die-Laemmer_-300CMYK.jpg 300w" sizes="(max-width: 222px) 100vw, 222px" data-smartcrop-focus="[50,32]" /></a>ar Joan Baez‘ „Donna Donna“, und ich hörte mich wieder mitsingen: „ ›Stop complaining, said the farmer‹ / Who told you a calf to be? / Why don’t you have wings to fly with / Like a swallow so proud and free”. Wer nur hat uns zum Schweigen gebracht, und warum verhalten wir uns nicht wie freie und mündige Menschen in dieser unserer „westlichen Wertegemeinschaft“?</p>
<p>Mausfelds Antwort, die er in den neun Aufsätzen seines Buches vielfach variiert, lautet: Vollgestopft mit „irrelevantem“ Wissen, sind wir tatsächlich schlecht informiert. Weil gerade auch unsere Qualitätsmedien im Verbund mit (gekauften) Think Tanks, Sozialwissenschaftlern und „den Intellektuellen“ nahtlos in die Ideologie des Neoliberalismus (der in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts seine Herrschaft begann) eingefügt seien. „Embedded“, instrumentalisiert zu sein, kommt mir in den Sinn, ist das nicht nur oft das Los von Journalist*innen, die über Kriegsschauplätze berichten. Eingebettet ist unsere ganze (Schein-)Demokratie in eine „totalitäre“ Kapitalismusform, die den Menschen als reinen (Eigen-)Nutzen-Maximierer ansieht und dem „Recht des Stärkeren“ huldigt –, dieser Totalverriss des „Systems“ hinterlässt manchen Zweifel!</p>
<p>Im Gegensatz dazu entfaltet der Autor das universalistische Grundprinzip, den radikalen Humanismus der Aufklärung – die Aufgabe, eine Welt freier und gleicher Menschen „ungeachtet ihrer faktischen Differenzen“ zu verwirklichen. Hierzu macht er – mit vielen guten Gründen – Mut!</p>
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		<title>Die Liebe als Kriterium</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 11:12:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Bibelübersetzung]]></category>
		<category><![CDATA[Exegese]]></category>
		<category><![CDATA[Hermeneutik]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor 500 Jahren übersetzte Martin Luther auf der Wartburg das Neue Testament. Das trug auch zu einem besseren Verständnis der biblischen Begriffswelt bei.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Vor 500 Jahren übersetzte Martin Luther auf der Wartburg das Neue Testament. Das trug auch zu einem besseren Verständnis der biblischen Begriffswelt bei.</p></blockquote></div>
<p>Die Bibel ist das meistgelesene Buch der Welt. Mit ihrem ersten Teil von den Anfängen der Schöpfung bis zu den Propheten ist sie das Grundbuch des alten Israel. Um das Jahr Null der Zeitenwende stehen diese Schriften im Umfang weitgehend fest. Die Schriften des zweiten Teils liegen im 1./2. Jahrhundert n.Chr. gesammelt vor. Derart gebündelt wandert das Buch seither durch Höhlenbibliotheken und Klosterschulen, Kaiserpaläste und bäuerliche Stuben. Die Bibel wird zum mächtigsten Buch der Erde, wie jedenfalls der Spiegel-Verlag urteilt.</p>
<p>„Die Bibel ist das Buch, ohne das man nichts versteht“, meint auch Christian Nürnberger. Der Mainzer Journalist hat gleich mehrere Titel als Einführung zur Bibel verfasst. Ihm geht es vor allem um den roten Faden, der in den Schriften ausfindig zu machen ist. Bei einem Buch von über tausend Seiten scheint die Idee nicht abwegig. Was ist da nicht alles zu lesen: Von Simson, der Hunderte mit einer Eselskinnbacke erschlug. Die Anweisung <em>du sollst nicht töten</em>. Die Bergpredigt&#8230;</p>
<p>Ohne über die Ergebnisse von Christian Nürnbergers Rote-Faden-Suche im Einzelnen zu befinden, lässt sich nüchtern festhalten: Das ist ein gut lutherisches Vorgehen. Auch Martin Luther stellte fest, dass in den biblischen Schriften schwierige und „dunkle“ Texte zu finden sind, sowie hellere und klare. Auch Luther hielt Ausschau nach der Mitte der Schrift.</p>
<h2>Die (christliche Nächsten-)Liebe als Kriterium</h2>
<p>Was Luther bei seiner Suche findet, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen – um es kurz zu machen: Es ist die Liebe.</p>
<p>Die Mitte der Schrift wie die Mitte christlicher Existenz ist nach Luther die Liebe. Es ist die Liebe, die bereit ist, „jeglichen Bedürftigen“ zu helfen, dabei weltumspannend nach Möglichkeit auch an alle Menschen der Erde zu denken, mit „Speisen die Hungrigen, Tränken die Dürstenden“, bereit Entbehrungen auf sich zu nehmen, und sogar: „Vergeben den Feinden“ (vgl. WA 26, 505,11ff). Dass diese Liebe personal verantwortet sein will und auch personal begründet ist – Stichwort: Jesus von Nazareth –, und wie das nun alles im Einzelnen zusammenhängt, dafür braucht es dann wiederum mehr als ein Wort.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Weit entfernt von Bibelfundamentalismus</p></blockquote></div>
<p>Die Einsicht zur Mitte der Schrift hatte Luther bereits, als er mit dem Übersetzen der Bibel begann. Rund um den Bibeldruck von 1521/22 verfasst er einen ganzen Kranz hermeneutischer Texte (Hermeneutik: die Lehre vom Verstehen), die den Leserinnen und Lesern Hilfestellung beim Lesen geben wollten.</p>
<h2>„Für Dich“</h2>
<p>Als Luther im Dezember vor 500 Jahren anfing, das Neue Testament zu übersetzen, war das die erste deutsche Übersetzung aus dem griechischen Urtext. Sie war somit besonders nah am Original. Sie war auch darin besonders, dass man dem Übersetzer direkt abnahm und abspürte, dass da nicht irgendein Sachtext übertragen wurde. Hier übersetzte einer, der von seinem „Übersetzungsgegenstand“ wirklich tangiert war, betroffen und getroffen, der von deren Wichtigkeit und Bedeutung wirklich eingenommen war.</p>
<p>Es geht in der Bibel ja nicht um historisches Wissen. Wann wurde Salomo König. Wann wurde König Hoschea abgesetzt, usw. Etliches davon ist nicht unwichtig. Aber es ist nicht das, weshalb die Schrift verfasst wurde. Viel wichtiger, ja ausschlaggebend ist: Was ist der „Nutzen“, was ist die Bedeutung alles dessen – und zwar konkret „für mich“.</p>
<p>Auch das ist eine lutherische Frage. Hatte Luther schon 1520 die Regel angeregt, man solle so predigen, dass man erfährt, <em>warum Christus gekommen ist, wie man ihn gebrauchen und genießen soll, was er mir bracht und geben hat </em>(in der Freiheitsschrift), konnte er 1521/22 in der Schrift <em>Ein klein Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten soll</em> umso kräftiger das „für uns“ des Evangeliums als Gabe und Geschenk herausstreichen: „das ist das große Feuer der Liebe Gottes zu uns“, die er im Neuen Testament so hell leuchten sah. Das ist eine klare hermeneutische Zuspitzung, die auch gewürdigt werden will. Bei derartigen Aussagen gilt es ja stets, das theologiegeschichtlich Besondere, sich aus der übrigen Zeit Abhebende mit wahrzunehmen. Fast könnte man die Auslegung <em>existentiell</em> nennen. – Luther sitzt ja im Übrigen unter Reichsacht im Versteck der Wartburg fest und muss in einem Umfeld der Restauration um die Früchte seiner Arbeit bangen. – Der kleine Unterricht fand dann Eingang in Luthers Einführung ins Neue Testament, die er ab dem Erstdruck, dem sog. Septembertestament von 1522, als erklärende Verstehenshilfe des Evangeliums seinen Lesern stets beigab.</p>
<p>Nicht um historische Kenntnis ist es zu tun, sondern das „Evangelium“ so auszusagen, dass es nachvollziehbar ist als eine wirklich „gute Botschaft“. Nämlich, dass und <em>wie</em> in, mit, durch Jesus von Nazareth eben das überwunden wird, was Menschen von einem Leben in wahrer Fülle – das auch <em>auf Dauer </em>Bestand hat – abhält, hindert, trennt (z.B. Gottferne und Tod). Dabei ist durchaus naheliegend, dass heute noch einmal andere Verständnisfragen im Vordergrund stehen als zur Zeit des Mittelalters. Biblische Texte sind heute wie damals nicht unter einer Art <em>sacrificium intellectus</em> (in einer Preisgabe des Verstandes) in einem gesetzlichen Sinne „blind“ zu glauben. Sondern es gilt zu zeigen, in welchem Sinn sie wirklich von Gott her „für uns“ sind. Das meint die An- und Zueignung des reformatorischen „<em>pro me“</em>.</p>
<h2>Vom „Nutzen“ der Schrift</h2>
<p>Luther ist also weit entfernt von einer Art „Bibelfundamentalismus“, den man ihm ungerechterweise manchmal vorgeworfen hat. Darauf hat gerade die EKD immer wieder aufmerksam gemacht. Luther weiß sehr gut um die Notwendigkeit, in der Heiligen Schrift Unterscheidungen zu treffen. Das freilich ist kein <em>von außen</em> herangetragenes Unterscheiden. Sondern wird von den Schriften selbst gefordert und verlangt, es entspricht deren eigenen <em>Genus</em> und Gehalt.</p>
<p>Das lässt sich schon daran erkennen, dass es sich ja um Schriften unterschiedlichster Form mit ganz unterschiedlichen Adressaten handelt. Ein Brief des Paulus an die Korinther richtet sich zunächst: an die Korinther. Der Brief an die Gemeinde in Ephesus: an diese konkrete Gemeinde in Ephesus. Der Brief an Philemon: an Philemon. Dass diese Schriften auch darüber hinaus von Belang sind, muss(te) ein Stück weit erst sekundär begründet werden. Z.B. weil der Inhalt weit über die konkrete Gemeindesituation hinaus geht, darüber hinaus Geltendes enthält, usw. usf. Seine Regelgültigkeit (Kanonizität) galt es eigens festzustellen.</p>
<p>Weitere Textgattungen neben Briefen sind z.B. Geschichts-Darstellungen oder prophetische Texte mit Aussagen, Zukünftiges betreffend. Es finden sich Gebetssammlungen wie die Psalmen. Und es gibt Mischtexte, in denen all diese oder einzelne Textformen gemischt vorkommen. Luther hat versucht, auf diese Formen genau zu achten. Beim Übersetzen und dann auch bei der Schriftauslegung. Man könnte ihn den Erfinder der später sog. Formgeschichtlichen Methode nennen: Was manche erst dem 19./20. Jh zuschreiben, hat Luther als „praktizierender“ Vorläufer organisch und originär in seinem Umgang mit der biblischen Überlieferung textnah betrieben und „geübt“.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Aggiornamento meint: Verheutigen</p></blockquote></div>
<p>Spätestens hier muss man auch auf unseren heutigen Umgang mit den biblischen Texten zu sprechen kommen. Wenn es z.B. in den Dokumenten des katholischen <em>Synodalen Weges</em> heißt, dass die Bibel „ständig sprudelnde Quelle“ und „Urkunde“ ist und mit dem griechischen Kirchenvater Gregor von Nyssa die Heilige Schrift als „Richtschnur“ und „sicheres Wahrheitskriterium für jede Lehre“ bezeichnet wird, dann ist das gewiss ein gutes Wort. Ebenso wenn dabei die „Entwicklung eines gesunden Aggiornamento“ (Verheutigung) nicht aus dem Blick gelassen wird. Spannend, dass dabei auch Fragen angesprochen werden, die offen scheinen. Denn wer, womöglich als Physiker, könnte sagen, was naturwissenschaftlich oder philosophisch heute eigentlich noch unter „Substanz“ zu verstehen ist (vgl. den Artikel von Michael Grün in <em>aspekte</em>-Heft 1/2021)? Oder was bedeutet eigentlich das Wort Bischof oder Priester? Jesus z.B. war zu jener Zeit kein Priester, als er mit den Jüngern in Jerusalem das Abschiedsmahl hielt. Er hatte nie am Tempel gedient und kam seiner Herkunft nach nicht aus dem Stamm der Leviten. Seine Jünger nannten ihn Rabbi… Auch sie waren alle keine Priester im althergebrachten Verständnis. (Dennoch wird Jesus später auch eine Art Oberpriester (Hohepriester) genannt. In welchem Sinn?)</p>
<h2>Bibelexegese und Hermeneutik</h2>
<p>Oder würde z.B. ein Kirchenmagazin eine Heftausgabe zu dem Begriff <em>Friede</em> veranstalten, müsste man darauf achten, dass nicht eine Konkordanzmethode angewendet wird. Konkordanzmethode meint, man schaut, wo ein Wort in der Bibel vorkommt, womöglich sogar nur der deutsche (also übersetzte) Begriff, und versucht dann über einen Abgleich der Textstellen dessen Bedeutungsgehalt zu bestimmen. Sofort ist einleuchtend, dass dazu eigentlich die Originalsprachen heranzuziehen sind. Die Benutzung einer Konkordanz ist also (zuerst) ein Einstieg.</p>
<p>Ein klassisches Beispiel der Lutherbibel für den kreiseziehenden Bedeutungsgehalt von Begriffen ist dann die Wiedergabe von Worten wie <em>chäsäd </em>und<em> ämäth </em>(Güte, Wahrheit, Zuverlässigkeit<em>;</em> dann auch <em>zädäk</em> Gerechtigkeit) mit Treue und <em>Gemeinschaftstreue. </em>Denn das heißt: Gott erweist seine Gerechtigkeit darin, dass er seinem Geschöpf selbst durch Abgründe und durch den Tod hindurch die Treue hält. Das richtige Wortverständnis hat enorme Folgen&#8230;</p>
<p>Ferner zu bedenken ist, dass ein und dasselbe Wort in verschiedenen Kontexten ganz <em>Verschiedenes</em> bezeichnen kann. Und obendrein, dass dieselbe Sache, die mit einem Wort bezeichnet wird, an Textstellen auch mit <em>anderen</em> <em>Bezeichnungen</em> vorkommt – oder schlicht ganz <em>ohne</em> <em>Erwähnung</em> dieser Begriffe verhandelt wird. Bei Friede wäre vielleicht auch an Geborgenheit zu denken. (An Trost, an Freude.) Bei einem Heft zu <em>Liebe</em> auch an <em>Verantwortung</em>. Und so weiter…</p>
<p>Willkommen im weiten Feld der Bibelexegese und der Hermeneutik. Dabei gilt die Devise des Bibelexperten Luther: „Beachte, dass das die Kraft der Schrift ist, dass sie nicht in den verwandelt wird, der sie studiert, sondern dass sie den, der sie liebt, in sich und in ihre Kräfte verwandelt.“</p>
<h2>Zur Kanonizität</h2>
<p>Trotz ihrer Universalität ist die Bibel im Umfang ein handliches Buch. Das schließt ja gar nicht aus, sondern ein, dass noch weitere Texte dasselbe ebenso gut wiedergeben könn(t)en. Zum Beispiel ist es ja so, dass man ohne Weiteres das komplette Werk des Tübinger Religionsphilosophen Oswald Bayer für kanonisch erklären kann. (Und um es an dieser Stelle einzuflechten, fast alles, was der Autor dieses Beitrags schreibt, können Sie genau so oder so ähnlich bei Oswald Bayer finden, nur dort viel besser formuliert.) Nur: Dessen Gesamtwerk umfasst ebenfalls weit über 1000 Druckseiten. Würde man diese der Bibel anheften, wäre es mit der Handlichkeit vorbei. Darum (und nur darum) lässt man es. Denn jeder wird zugeben, dass der vorliegende Kanon (jedenfalls schon vom Umfang her) zureichend ist und vollkommen reicht.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Gott knüpft die Fäden anders</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hans Dieter Osenberg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 11:08:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Leid]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theodizee]]></category>
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					<description><![CDATA[„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50,20)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50,20)</p></blockquote></div>
<p>Man kann das Leben eigentlich nur aushalten, wenn dieser Satz wirklich stimmt. Joseph sagt ihn am Schluss der langen Geschichte (ab 1. Mose 37), die mit der abgrundtiefen Bosheit seiner Brüder gegen ihn beginnt und in einer glücklichen Familienharmonie endet. Kann man die entsetzlichen Menschheitsverbrechen und die schuldhaften Versäumnisse an der uns anvertrauten Erde ertragen, wenn man dies nicht mehr glaubt: Dass dahinter allem zum Trotz der „Netzwerker“ Gott mit seiner Welt ganz entgegengesetzte Ziele verfolgt?</p>
<p>Ich gebe zu, das klingt anstößig. Man muss sich beeilen, sofort hinzufügen: Schuld und Versäumnisse der Menschen werden dadurch keineswegs eliminiert oder verkleinert. Noch wichtiger ist zu betonen: Gott bedient sich nicht etwa absichtlich der bösen Machenschaften von Menschen für seine guten Ziele. Ihr gedachtet es böse, aber Gott gedachte es gut zu machen, das heißt einfach: Wir sind unseren bösen Taten nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Gott vereitelt das.</p>
<p>Manchmal dauert es Generationen und man erkennt erst in der Rückschau, dass Gott sein gutes Netz knüpfte und die bösen Taten der Menschen ins Leere laufen ließ. Zuweilen bleibt es uns ganz verborgen. Manchmal handelt er auch überraschend und schnell. Die <em>Süddeutsche Zeitung </em>hat kürzlich in einer Recherche herausgefunden, dass zwei deutsche evangelische Theologen maßgeblich daran beteiligt waren, dass der Hauptverbrecher an den Judenmorden, der SS-Führer Adolf Eichmann, aufgespürt und verurteilt werden konnte. Ein deutscher Techniker entdeckte Eichmann in Argentinien, wohin er wie viele Nazis flüchtete. Er weiht seinen Freund in Deutschland, einen Pfarrer, ein und bittet ihn, seine Entdeckung samt genauer Anschrift in die richtigen Kanäle zu leiten. Über einen weiteren, leitenden Theologen geht der Hinweis an den damals für solche Strafverfolgungen einzig vertrauenswürdigen Juristen, der den israelischen Geheimdienst informiert. Eine atemberaubende Geschichte. Vor allem, wenn man weiß, dass in den Nachkriegsjahren unsere Kirche eher Empathie für die Naziverurteilten aufbrachte, als für deren Opfer. Nach ihrer schuldhaften antisemitischen, antijüdischen Vergangenheit setzt Gott an einer kleinen Stelle ausgerechnet Vertreter dieser Kirchen in Gang, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Als genereller Gegner der Todesstrafe ist man sicher nicht gerade glücklich über das unvollkommene irdische Instrument der Genugtuung durch eine Hinrichtung. Aber wer könnte nicht an der Seite der Überlebenden der Shoa stehen, wenn sie erkennen: „Gott lässt sich nicht spotten“?</p>
<p>Der Satz vom Ende der Joseph-Geschichte ist kein zufälliger Gedanke. Viele Psalmen sind gefüllt mit der Gewissheit: Die Bäume der Despoten und Gewalttäter wachsen nicht in den Himmel, sie können Gottes Ziel mit dieser Welt nicht hindern. Das Magnifikat der Maria, bald wieder im Mittelpunkt des Advents, bekräftigt es: „Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor.“ Was Menschen auf Golgatha böse zu machen gedachten, verwandelte Gott an Ostern zum Guten.</p>
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		<title>Wohlfühlatmosphäre in einer anderen Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 10:59:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Autonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Bescheidenheit]]></category>
		<category><![CDATA[Landschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Südtirol]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
		<category><![CDATA[Wellness]]></category>
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					<description><![CDATA[Genau sechzig Jahre ist es her, als in Südtirol der Terror eskalierte. Heute kann sich kaum jemand vorstellen, dass Bombenattentate verübt wurden, weil der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung in der Region im Norden Italiens wesentliche Rechte verwehrt wurden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Genau sechzig Jahre ist es her, als in Südtirol der Terror eskalierte. Heute kann sich kaum jemand vorstellen, dass Bombenattentate verübt wurden, weil der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung in der Region im Norden Italiens wesentliche Rechte verwehrt wurden. </p></blockquote></div>
<p>Erst Ende der 60er Jahre bahnte sich eine politische Lösung an. Mit dem 1972 in Kraft getretenen neuen Autonomiestatut setzte eine Entwicklung ein, die aus der armen Unruheprovinz eine prosperierende Region machte, die zu einem bevorzugten Ziel deutscher Urlauber geworden ist.</p>
<h2>Eigenständigkeit und kulturelle Kluft</h2>
<p>Sie fühlen sich nicht fremd, weil hier Deutsch gesprochen wird. Andererseits ist man in wenigen Stunden in einer anderen Welt – nicht nur wegen der imponierenden Bergwelt, sondern auch wegen des gelingenden Zusammenlebens der italienischen, deutschen und ladinischen Bevölkerung. Hier herrscht ein anderer Lebensrhythmus. Trotz immer moderner und ausgefeilter werdender Urlaubswelt sind im Alltag noch die Aufgeschlossenheit und eine gewisse Ursprünglichkeit der einheimischen Bevölkerung zu spüren.</p>
<p>Franz Pfeifhofer schätzt die Autonomie. Mit seiner Partnerin Irmgard Windegger bewirtschaftet er den Zollweghof, dieser liegt oberhalb von Lana am Eingang zum Ultental unweit von Meran. Pfeifhofer lobt das Autonomiestatut. Im Gegensatz zu früher, gebe es keinerlei Nachteile für die deutschsprachige Bevölkerung. Die kulturelle Kluft zu den italienischen Bewohnern bezeichnet der Weinbauer jedoch immer noch als enorm. Trotz allen Unterschieden befürwortet die Mehrheit die Autonomie wie Pfeifhofer. Es herrsche große Zufriedenheit mit dieser Form der Eigenständigkeit innerhalb Italiens. Politiker sprechen immer wieder von der Chance, im Kleinen das Muster eines zukünftigen Europas zu bauen.</p>
<h2>Urlaub im Weinanbaugebiet</h2>
<p>Diese gegenseitige Bereicherung der Kulturen ist in Südtirol sicherlich einer der Faktoren, der für eine Wohlfühlatmosphäre der Urlaubsgäste sorgt. Intensiv landwirtschaftlich genutzt werden Täler und Hänge von Apfel- und Weinbauern. Der 1346 urkundlich erstmals erwähnte Zollweghof ist seit 1935 in Familienbesitz und wird jetzt biodynamisch bewirtschaftet. Auf etwa zwei Hektar werden pilzresistente Sorten angebaut. Im 700 Jahre alten Weinkeller lagern die Weiß-, Rot-, Rosé- und Schaumweine, die aus ungewöhnlichen Rebsorten gekeltert wurden. Jeden Donnerstag um 16 Uhr bietet der Zollweghof Weinberg- und Kellerführungen mit Weinverkostung an, bei denen man einiges über die Unterschiede zwischen biologischem und biodynamischem Anbau lernen kann, aber auch Interessantes aus dem Alltag eines traditionsbewussten Weinbauern erfährt.</p>
<figure id="attachment_6151" aria-describedby="caption-attachment-6151" style="width: 240px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Weinverkostung-AdobeStock_288093154.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6151" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Weinverkostung-AdobeStock_288093154-200x300.jpg" alt="Weinbauer mit Flasche und Glas" width="250" height="375" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Weinverkostung-AdobeStock_288093154-200x300.jpg 200w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Weinverkostung-AdobeStock_288093154.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px" /></a><figcaption id="caption-attachment-6151" class="wp-caption-text">Foto: © rh2010, Adobe Stock</figcaption></figure>
<p>Zur Weinernte im Herbst ist in Südtirol die bei Urlaubern gefragte Törggelen-Zeit im Oktober und November. Dies ist eine der bekanntesten Traditionen in der Region. Während der Erntezeit wurde nach getaner Arbeit gefeiert und der neue Wein verkostet. Längst ist die Tradition zum Touristenevent geworden. In Weinkellern und Lokalen sitzen Deutsche, Italiener und Schweizer bei deftigem Essen und Hauswein zusammen. Außerdem werden überall geröstete Kastanien angeboten. Die essbaren Edelkastanien heißen <em>Kestn</em> und sind eine der Südtiroler Spezialitäten.</p>
<p>Trotz allem Kommerz ziehen die Landschaft und die Natur die Urlauber immer wieder in ihren Bann. Denn ein Großteil der Fläche besteht aus Bergen und hochgelegenen Gipfeln. Mehr als 60 Prozent des Landes mit einer Fläche von gerade einmal 740.000 Hektar liegen über 1.600 Meter hoch. Rund 350 Berggipfel sind höher als 3.000 Meter. Der höchste ist der Ortler mit 3.905 Metern. Als Hauptattraktion gelten die Dolomiten. Das sind hoch aufragende Kalkberge mit senkrechten Wänden, eine Herausforderung für jeden Bergsteiger.</p>
<h2>Zwischen Komfort und Bescheidenheit</h2>
<p>Der Tourismus hat das kleine Land stark verändert. Der Trend geht zu Komfort und Wellness. Nicht nur die Hotels haben in den vergangenen Jahren aufgerüstet und Wellnesslandschaften ausgebaut, auch immer mehr Pensionen und Ferienhöfe bieten Urlaub mit Pool und Sauna an. Der Gasthof mit einfachen Zimmern wird immer seltener.</p>
<p>Herta Dissertori betreibt in Tramin noch nach traditioneller Art einen Ferienhof mit einer Ferienwohnung und Zimmern mit Frühstück. Sie stammt aus einer Hoteliersfamilie. Mit ihrem Mann bewirtschaftet sie ein Weingut. Der elterliche Betrieb, das Hotel Claus in Vahrn bei Brixen, ist längst zum Vier-Sterne-Hotel ausgebaut worden. Genauso wie viele andere Hotels, ein weiteres Beispiel ist das Blumenhotel in Schenna oberhalb von Meran, das sich mit seinen feinen Abendmenüs einen Namen als Genusshotel gemacht hat.</p>
<p>Die Kinder von Herta Dissertori wollen die einfache Frühstückspension umwandeln in moderne und komfortable Ferienwohnungen. Den Trend zu immer mehr Luxus verfolgt die Gastgeberin mit einer gewissen Skepsis. Sie weiß nicht, ob das alles mit dem Ziel zu mehr nachhaltigem Wirtschaften vereinbar ist. Sie spricht sich für mehr Bescheidenheit aus. Sie selbst gibt sich mit Wenigem zufrieden.</p>
<p>Für mehr Bescheidenheit und weniger Konsum plädiert auch Franz Pfeifhofer. Er hat sich bewusst für die Mitgliedschaft bei Demeter entschieden, wenn er auch nicht alle Ansichten der Anthroposophie übernimmt. Für dringend notwendig hält er ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur und eine Abkehr vom Fetisch des Immer-Mehr. Es dürfe sich nicht alles um Geld drehen, vielmehr müsse das Menschliche im Mittelpunkt stehen.</p>
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		<title>Radikale Hoffnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Vogelsang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 10:53:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Transformation]]></category>
		<category><![CDATA[Veränderung]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach der Bundestagswahl wird immer deutlicher, dass sich viel ändern muss, wenn die Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Nach der Bundestagswahl wird immer deutlicher, dass sich viel ändern muss, wenn die Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen.</p></blockquote></div>
<p>Wir durchleben eine Zeit der Unsicherheit. Was kann bleiben von unserer Lebensweise, was muss sich ändern? Es ist nicht von ungefähr, dass in der letzten Phase des Wahlkampfes das Thema der sozialen Sicherheit nach oben schnellte. In Zeiten der Unsicherheit ist Zuversicht vonnöten, die Handeln ermöglicht.</p>
<p>Ungewöhnliche Zeiten brauchen ungewöhnliche Vorbilder. Manchmal kann man von Extremen lernen. Der amerikanische Philosoph Jonathan Lear hat sich in einem Buch intensiv mit dem Schicksal und der Geschichte des nordamerikanischen indigenen Volkes der Crow auseinandergesetzt. Das Buch von Lear hat den Titel <em>Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung</em>. Es schildert die Erfahrung eines extremen kulturellen Wandels, der dem Volk der Crow im 19. Jahrhundert aufgezwungen wurde.</p>
<figure id="attachment_6145" aria-describedby="caption-attachment-6145" style="width: 201px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikimedia_Plenty_Coups_Edward_Curtis_Portrait.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6145 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikimedia_Plenty_Coups_Edward_Curtis_Portrait-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikimedia_Plenty_Coups_Edward_Curtis_Portrait-211x300.jpg 211w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Wikimedia_Plenty_Coups_Edward_Curtis_Portrait.jpg 422w" sizes="auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><figcaption id="caption-attachment-6145" class="wp-caption-text">Häuptling Plenty Coups (Foto: Edward S. Curtis, Wikimedia Commons)</figcaption></figure>
<p>Über mehrere Stufen wurde unter dem Druck der US-amerikanische Administration das Land, in dem sich die Crow bewegen konnten, immer mehr verkleinert, schließlich zogen sie in den 80er Jahren in ein Reservat. Der Häuptling, der sie dabei geleitet hat, hieß Plenty Coups. Er steht im Mittelpunkt der Beschreibungen von Jonathan Lear. In dessen Memoiren findet sich der zentrale Satz: „Danach ist nichts mehr geschehen“. Es meint den Moment des Einzugs der Crow in ein Reservat. Im Kontext ihrer eigenen Erzählungen, ihrer kulturellen Deutung, gab es nämlich keine Ausdrucksmöglichkeiten für ein sesshaftes Leben.</p>
<p>Solch ein radikaler kultureller Wandel führt nicht einfach zu dem Beginn von etwas Neuem, sondern zunächst einmal zu tiefgreifenden Orientierungsschwierigkeiten. Lear zieht auch einen Vergleich zu den Naturkatastrophen im Klimawandel unserer Zeit. Das wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen in unseren Zeiten. Wir leben in einer scheinbar stabilen Kultur, doch sind die Herausforderungen des Klimawandels radikal, sie sind von der Ahnung begleitet, dass sich unsere Kultur gravierend wandeln muss.</p>
<p>Menschen können sich ihre Handlungsfähigkeit und Zuversicht auch dann bewahren, wenn die Zukunft deutlich anders sein wird als das Gewohnte. Diese Haltung nennt Lear radikale Hoffnung. Sie ist eine Antwort auf einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Sie bezeichnet die Fähigkeit, sich auf das Unbekannte einzulassen.</p>
<p>Es geht aber nicht allein um die Zukunft, es geht bei der radikalen Hoffnung vor allem um die Gestaltung der Gegenwart. Wie werden wir uns zu einer klimaneutralen Gesellschaft weiter entwickeln? Wie werden wir reisen, was werden wir konsumieren, wie werden wir mobil sein? Alle Lebensvollzüge werden von der Klimapolitik betroffen sein. Deshalb ist auch heute eine radikale Hoffnung gefragt, die nicht einfach an dem Bestehenden ansetzt und es fortschreibt. Wir stehen vor einem kulturellen Wandel, vor einer Aufgabe, die weit über die Politik hinaus geht. Dieser Wandel fordert den Veränderungswillen und die radikale Hoffnung aller Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft.</p>
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		<title>Bildung auf evangelisch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Klaus Beckmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Nov 2021 10:44:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 31. Jahrgang, Heft 4, November 2021]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungswesen]]></category>
		<category><![CDATA[evangelisch]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Religionsunterricht]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>
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					<description><![CDATA[Religionsunterricht in der Berufsschule dient nicht der konfessionell-kirchlichen Einbindung. Er wendet sich an Menschen, deren Biografien oft prekär sind und die sich in ihrer Unsicherheit in sich selbst verschließen. Welche Impulse setzt hier ein auf-schluss-reicher Unterricht?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Religionsunterricht in der Berufsschule dient nicht der konfessionell-kirchlichen Einbindung. Er wendet sich an Menschen, deren Biografien oft prekär sind und die sich in ihrer Unsicherheit in sich selbst verschließen. Welche Impulse setzt hier ein auf-schluss-reicher Unterricht?</p></blockquote></div>
<p>In der Bibel durchläuft Gott selbst eine aufschlussreiche Bildungsbiografie: Nachdem der Schöpfer zu Anfang seine unbotmäßigen Geschöpfe ertränkt, ihre Verfehlung mit ultimativer Strafe quittiert hat, kann er später Menschen ganz nah an sich herankommen lassen, die wie Jakob, Saul oder David, Paulus oder Petrus alles andere als rechtschaffen sind. Er übt sich darin, Beziehung zu halten mit solchen, die Strafe verdienen. Gott lernt die Kunst des In-Beziehung-Bleibens. Rechtmäßige Konsequenz würde alles Leben verderben. Die wider-rechtliche und un-logische Dimension von Liebe, Treue und Verzeihen überwölbt theologisch die tödliche Folgerichtigkeit. Gott wird groß, indem er mit fremden Fehlern lebt, und korrigiert sein eigenes, eindimensional vom Recht bestimmtes Verhalten. Der altbekannte Slogan: „Mach’s wie Gott, werde Mensch“ lässt sich, derart biblisch zugespitzt, in der Folgerung: „…lerne, im Recht zu lieben“ konkretisieren.</p>
<h2>Der multireligiösen Schulklasse ein evangelisch-essentielles Angebot machen</h2>
<p>Wenn das kein religionspädagogisches Programm bietet! Glaube nämlich, so meine Überzeugung, ist das Integral aus guten Regeln und dem Vertrauen auf eine sich frei schenkende Gnade. Das kann eine Provokation sein, gerade für religiöse Menschen, die auf Gehorsam und Gericht geeicht sind. Im nicht nur konfessions-, sondern breit religionsübergreifenden Unterricht an der Berufsschule, wo die Mehrzahl fast jeder Klasse nicht christlich, doch oft ostentativ religiös geprägt ist, erfahre ich das jeden Tag neu. Was für Bildung das „evangelisch“ Essentielle ist, will ich hier beleuchten.</p>
<p>Der freiheitliche Staat will für Erziehung und Bildung nicht alleine zuständig sein. Er weiß, dass es nicht genügt, „wissenschaftlich“ zu erziehen und „Nützliches“ zu vermitteln. Den Menschen nur ökonomisch zu sehen – im Rahmen der Berufsausbildung eine dauernde latente Gefährdung –, bestreitet ihm seine Daseinsberechtigung, die jenseits aller „Werte“ liegt. Bestimmte man das „Leben“ allein durch biologische Merkmale, so gelangte man dahin, schützende Tabus abzutun und „wertloses Leben“ für möglich zu nehmen. Menschen sind mehrdimensional und müssen entsprechend gebildet werden.</p>
<p>Die größte Herausforderung, die derzeit gesellschaftlich gestellt ist, sehe ich in der Stärkung des Einzelnen gegen allfällig geforderten Perfektionismus. Evangelisch zu bilden, das muss den Nicht-Perfekten und Fragwürdigen liebenswert machen – auch ihm selbst.</p>
<h2>Den Menschen in seiner Widersprüchlichkeit lesen und annehmen lernen</h2>
<p>Das Plus eines konfessionellen Unterrichts an der Schule ist die Perspektive von Hoffnung und Gnade. Der Staat, religiös neutral, kann von einer Hoffnung über den Tod hinaus nicht reden. Mit Hoffnung richtet man für nutzbare „Kompetenzen“ wenig aus. Man sensibilisiert aber für das Unplanbare und stabilisiert womöglich für kommende Krisen.</p>
<p>Mein eigenes Bekenntnis biete ich im Unterricht als Reibungsfläche an. Ich erzähle von meinem Glauben und versuche, von ihm her die Welt transparent zu machen. Dass die Lerngruppen höchst heterogen sind, kann junge Menschen zur Reflexion ihrer eigenen Religiosität anregen und das Aushalten von Unterschieden einüben.</p>
<p>Innerhalb der Berufsschule steht Religion ganz besonders für einen ganzheitlichen Bildungsauftrag. Ich versuche, Menschen ein Bild ihrer Lebenssituation mit deren Erfolgen und Enttäuschungen anzubieten, das von bedingungsloser Annahme gezeichnet ist. Oft stehen gebrochene Schullaufbahnen und familiäre Verhältnisse, die Vertrauen zerstört haben, dagegen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ich versuche, Menschen ein Bild ihrer Lebenssituation anzubieten, das von bedingungsloser Annahme gezeichnet ist.</p></blockquote></div>
<p>Im Horizont der viel gepriesenen Digitalisierung fast aller Lebensbereiche messe ich dem Religionsunterricht eine primär kritische Aufgabe zu, vorrangig im Blick auf das inhärente Menschenbild. Es gilt, das nicht-binäre Wesen des Menschen festzuhalten und auch provokant zu vermitteln. Das Seelenleben des Menschen gestaltet sich eben nicht als „ja“ und „nein“, sondern stets „gemischt“. Keine noch so fortgeschrittene Rechenmaschine vermag das wirklich zu erfassen. Biblische Gestalten mit hohem Ambivalenz-Faktor – die alten Richter, Hiob oder ein gegen den Strich der Tradition gelesener Judas – laden zu einem Menschenbild ein, das Schattierungen und Widersprüche einschließt.</p>
<h2>Sich die eigene kulturell-religiöse Prägung kritisch-verstehend aneignen</h2>
<p>Eine pädagogische Versuchung eigener Art stellt der „Rassismus der verminderten Erwartung“ dar. Ein freiheitliches Verständnis des Menschen verlangt, auch Jugendlichen aus prekären und „fremden“ Verhältnissen prinzipielle Offenheit für Grundsätze der Pluralität zuzumuten. Eine Beschützerhaltung, die letztlich nur exkludierende Neigungen fördern würde, widerspricht nicht nur demokratischen, sondern mehr noch evangelischen Grundsätzen. Sich selbst nicht als „Opfer“, sondern als verantwortlich denkend, empfindend und handelnd anzunehmen, auch gegen kulturelle oder familiäre Traditionen und Attitüden – das darf keinem jungen Menschen vorenthalten werden, schon gar nicht im Namen der Kultursensibilität. Konkret schlägt sich das etwa im Umgang mit einer fundamentalistischen Hermeneutik „heiliger Bücher“ nieder. Die behauptete Widerspruchslosigkeit eines religiösen Grundtextes, sei es die Bibel oder der Koran, kann politisch wie kulturell und sozial Blockaden errichten. Im Hintergrund ist die historisch-kritische Methodik deshalb ein unaufgebbarer Standard.</p>
<p>Junge Menschen stehen vor ihrem Hineingeboren-Sein in eine religiöse Gemeinschaft (Zugehörigkeit als „Schicksal“) und sind zugleich mit der Aufgabe konfrontiert, sich religiöse Überlieferung individuell anzueignen, auch in Differenz zur Religiosität der Eltern und Bezugsgruppe (Zugehörigkeit als „Entscheidung“). Wo allerdings religiöse Vermittlung niemals wirklich stattfand – und das ist bei nicht wenigen nominell christlichen Jugendlichen der Fall –, muss religiöse und spirituelle Sprachfähigkeit erst langsam gefunden werden.</p>
<h2>Im Erleben des eigenen Scheiterns sich selbst vergeben lernen</h2>
<p>Religiöser Analphabetismus verbindet sich nicht selten mit politischer Apathie. Unter Berufsschülern ist die Quote der Nichtwähler hoch. Dabei besitzt die Botschaft von einem gnädigen Gott eine ganz spezielle ideologiekritische, politisch mobilisierende Dimension. Mir liegt die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tendenzen, „die mich ganz beanspruchen, ohne mich ganzmachen zu können“ (Eberhard Jüngel), am Herzen. Da geht es um die Konsequenzen eines von Erbarmen und Akzeptanz geprägten Menschenbildes. Junge Menschen, die sich manchmal die Brüche ihrer Biografie kaum verzeihen können, bedürfen der Einsicht, wie lebensnotwendig die <em>self-forgiveness </em>ist. Ich versuche, das „Rechthaben des Menschen gegen den Menschen“ zu diskutieren, besonders bei Fragen um Strafe, „Besserung“ und Gerechtigkeit im Rahmen des Rechtsstaates. Kirche in die Schule zu holen, schließt immer eine – der Demokratie förderliche – Problematisierung des staatlichen Handelns ein.</p>
<p>Brisanter noch wird es, wo Anforderungen der beruflichen (Aus-)Bildung auf ein Gesamtverständnis der gebildeten Persönlichkeit bezogen werden. Gegenüber den (berufs-)fachlichen Kompetenzen, die zu vermitteln auch Aufgabe der Berufsschule ist – mancher sieht darin gar die Hauptaufgabe –, setzt der Religionsunterricht sich „Kompetenzenkompetenz“ zum Ziel: Er lädt junge Menschen ein, fachliche Fertigkeiten in einen umfassenden Entwurf von Persönlichkeit einzubinden.</p>
<p>Ist ausreichend Vertrauen gewachsen, dann gelingt es, sich in biografischen Krisen zu öffnen: In Pubertätskonflikten versuche ich, auf jene besonders einzugehen, deren autoritäre Familiensituation das notwendige Austragen von Konflikten unterdrückt. Eine Schülerin teilte ihre Wut mit der Klasse, sich von ihrem kurdischen Freund lösen zu müssen, „denn meine Familie ist total für Erdogan“.</p>
<h2>Evangelisch informieren: zu einer befreienden Selbst- und Weltauslegung anregen</h2>
<p>Dass überwiegend religionsdistanzierte junge Christen auf Muslime treffen, die ihre Religion zum Integrationssymbol ihrer Gruppe machen – oft, ohne wirklich religiös informiert zu sein –, erzeugt komplexe Herausforderungen. Beklemmend ist, wenn sich eine zur Schau getragene religiöse Gruppenidentität mit verschwörungstheoretischem Ressentiment gegen die „Mehrheit“ verbindet, gerade in der Corona-Pandemie. Unter zustimmendem Murmeln mehrerer Landsleute äußerte eine türkische Schülerin, „die Atheisten“ leugneten Gott, sie dagegen leugne „das Virus“, sehen könne man doch beides nicht.</p>
<p>Überwiegend religionsdistanzierte junge Christen treffen auf Muslime, die ihre Religion zum Integrationssymbol ihrer Gruppe machen.</p>
<p>Demonstrativ religiös zu sein, ist offenkundig nicht „typisch migrantisch“, geben sich junge orthodoxe Christen aus Ost- und Südosteuropa im Unterricht doch keineswegs religiöser als „Biodeutsche“. Eher schon ist es kennzeichnend für muslimische Jugendliche – womöglich ein trotziges Spiegelbild empfundener Stigmatisierung. Bei einzelnen Muslimen finden sich immer wieder luzide Ansätze zur Kritik der eigenen Community, nicht selten aber siegt die Neigung, Kritik an Erscheinungsformen des gegenwärtigen Islam persönlich zu nehmen. Da ist Empathie, nicht weniger aber konsequente Klarheit gefordert. Beziehung zu halten, möglichst zu stärken – ohne Verzicht auf rationale Redlichkeit: Manchmal kommt das der Bildungsbiografie des alttestamentlichen Gottes recht nahe.</p>
<p>Gemeinsam die großen Fragen auf das Individuelle zu beziehen, nach Ressourcen einer befreienden Selbst- und Weltauslegung zu suchen, das ist die Chance eines evangelisch verantworteten Unterrichts in der religiösen Pluralität. Ob Gott eine Hölle nötig hat – oder ob seine Größe nicht in finaler Versöhnung triumphiert: Diese immer neu zu stellende Frage mischt die pädagogische Lebenswelt auf. Das ist, was Kirche in der Schule ausrichten kann.</p>
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