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	<title>evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<item>
		<title>Thomas A. Seidel / Sebastian Kleinschmidt (Hg.): Angst, Politik, Zivilcourage</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Caspar Ruben de Boor]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 15:53:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Wäre Luther heutzutage als Querdenker beschimpft worden? Diese provokante Frage stellt sich der Journalist Heimo Schwilk in einem von vielen Aufsätzen, die alle das Thema fehlender „christlicher“ Furchtlosigkeit im Angesicht gesellschaftlicher Krisen umkreisen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/eva_cover_07463_Georgiana_8_Seidel_Kleinschmidt_Angst_Politik_Zivilcourage.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-7437 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/eva_cover_07463_Georgiana_8_Seidel_Kleinschmidt_Angst_Politik_Zivilcourage-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//eva_cover_07463_Georgiana_8_Seidel_Kleinschmidt_Angst_Politik_Zivilcourage-189x300.jpg 189w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//eva_cover_07463_Georgiana_8_Seidel_Kleinschmidt_Angst_Politik_Zivilcourage.jpg 600w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a>Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2023, 318 S., 38,00 EUR</strong></p>
<p>Wäre Luther heutzutage als Querdenker beschimpft worden? Diese provokante Frage stellt sich der Journalist Heimo Schwilk in einem von vielen Aufsätzen, die alle das Thema fehlender „christlicher“ Furchtlosigkeit im Angesicht gesellschaftlicher Krisen umkreisen. Besonders in der Corona-Zeit habe es daran gemangelt. Der Grund: Eine gesellschaftliche Stimmung der Angstmache, in der freie Rede immer schwieriger und man schnell als rechts „geframed“ werde, wie sich beispielsweise die Schriftstellerin Kathrin Schmidt beschwert. Politik und Medien hätten Impfnebenwirkungen verschwiegen. Die politisch beschlossenen Kontakt-, Besuchs- und Veranstaltungsverbote seien verfassungsrechtlich fragwürdig gewesen. Am drastischsten formuliert es der Jurist André Kruschke: Die deutsche Demokratie münde mittlerweile in eine „von autistischen, inzestuösen und narzisstischen Persönlichkeiten angeführte politisch-mediale sowie finanzwirtschaftliche Oligarchie, die mittels umfassender Manipulationstechniken gelernt hat, die Massen zu kontrollieren.“</p>
<p>Manche Beitragenden gehen in ihrer Kritik nicht ganz so weit: Der Autor Sebastian Kleinschmidt und die Verlegerin Annette Weidhas betonen die Notwendigkeit, religiös gesellschaftliche Ängste zu bannen. Die Publizistin Vera Lengsfeld und der Theologe Rochus Leonhardt kritisieren die Positionierung der EKD. Letzterer spricht im Angesicht der „Diskriminierung“, unter der Impfunwillige gelitten hätten, von fehlender kirchlicher Kritik am Staat.</p>
<p>Die Beitragenden eint neben ihrer Nähe zum lutherischen Protestantismus in vielen Fällen eine DDR-Vergangenheit, was ihre große Ablehnung der pandemischen, bevormundenden Maßnahmen teilweise erklären mag. Doch insgesamt wird die Bedeutung der Viruserkrankung selbst stark heruntergespielt. Dies wiederholt sich bei der Klimakrise. Auch der Ukrainekrieg findet in den Betrachtungen Eingang, doch seine Deutung unterscheidet sich in den Aufsätzen, die nicht immer sorgfältig auf Fehler gegengelesen wurden, stark.</p>
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		<title>Konstanze Ebel: Wer reimt, betet doppelt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Heike Schmidt-Langer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 15:51:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Lachen]]></category>
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					<description><![CDATA[„Glauben, das ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“, sagte Johannes der XXIII. Davon hat Konstanze Ebel viel: Glaube und eine ordentliche Portion Humor, dazu einen gewitzten Geist, der um die Ecke denken kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Ebel-Wer-reimt-betet-doppelt-2.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7436 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Ebel-Wer-reimt-betet-doppelt-2-300x238.jpg" alt="" width="300" height="238" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Ebel-Wer-reimt-betet-doppelt-2-300x238.jpg 300w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Ebel-Wer-reimt-betet-doppelt-2.jpg 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Luther-Verlag, Bielefeld 2023, 168 S., 15,00 EUR</strong></p>
<p>„Glauben, das ist die Heiterkeit, die von Gott kommt“, sagte Johannes der XXIII. Davon hat Konstanze Ebel viel: Glaube und eine ordentliche Portion Humor, dazu einen gewitzten Geist, der um die Ecke denken kann. Die Cartoons der Kunsthistorikerin sind pointiert und verdichtet, der jeweilige Text dazu auch noch gereimt. Ein unverkrampfter Blick auf die Bibel, die Menschen, Familie, Alltag, Gemeinde. Schwere Gedankengänge kommen hier mit Leichtigkeit daher.</p>
<p>Angefangen hat alles während des Lockdowns: Als kleines, heiteres Corona-Gebet klebte die Cartoonistin im März 2020 einen Vers mit einer Zeichnung ans Fenster des Gemeindesaales. Aufgrund der Nachfrage folgten zahlreiche weitere. Dann kamen ein Mailverteiler und ein Instagram-Kanal dazu. So bekämpften ihre Cartoons zu Anfang vor allem die Beklemmungen der Corona-Pandemie, wuchsen aber bald weit darüber hinaus bis hin zur Auseinandersetzung mit theologischen Spitzfindigkeiten und den Geschichten der Bibel.</p>
<p>Die Trinität beim Morgenkaffee – das ist zumindest ein ungewohntes Bild. Aber wer hier an Blasphemie denkt, dem dichtet sie entgegen: „Wer kann Blasphemie erlauben? Jeder Mensch kann alles glauben. Menschen, glaubt doch nicht, ihr wisst, was Gott kränkt und wer Gott ist.“</p>
<p>Wer meint, bei der Frohen Botschaft dürfe auch mal gelacht werden, ist hier richtig. Mich bringen die Cartoons aber nicht nur zum Lachen, Kichern oder Schmunzeln, sie bringen auch zum Nachdenken und zeigen auf, dass eine lebendige Beziehung zu Gott alle Facetten von Leben verträgt – auch die Heiterkeit. Denn das sind viele von Ebels Cartoons – Gespräche mit Gott. Viel Spaß beim Schmökern, Lesen, Lachen!</p>
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		<title>Johann Anselm Steiger / Ricarda Höffler (Hg.): Das Jüngste Gericht in den Konfessionen und Medien der Frühen Neuzeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lennart Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 15:49:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Eschaltologie]]></category>
		<category><![CDATA[Jüngstes Gericht]]></category>
		<category><![CDATA[Weltende]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Kirchenhistoriker Johann Anselm Steiger und die Kunsthistorikerin Ricarda Höffler stoßen mit dem jüngst herausgebrachten Tagungsband die notorisch vernachlässigte Forschung zur Rolle des Jüngsten Gerichts in der Frühen Neuzeit an.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Steiger-Juengstes-Gericht-2.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7438 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Steiger-Juengstes-Gericht-2-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Steiger-Juengstes-Gericht-2-200x300.jpg 200w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads//Steiger-Juengstes-Gericht-2.jpg 600w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a>Vandenhoeck &amp; Ruprecht, Göttingen 2023, 433 S., 65,00 EUR</strong></p>
<p>Der Kirchenhistoriker Johann Anselm Steiger und die Kunsthistorikerin Ricarda Höffler stoßen mit dem jüngst herausgebrachten Tagungsband die notorisch vernachlässigte Forschung zur Rolle des Jüngsten Gerichts in der Frühen Neuzeit an. In insgesamt 15 Fallstudien rücken Historiker verschiedenster Disziplinen die vielseitigen Ausdrucksformen des Jüngsten Gerichts zwischen 1500 und 1800 in den Blick – wortwörtlich. Der Sammelband bietet zahlreiche anschauliche Beispiele und Bildmaterial.</p>
<p>Hinsichtlich der Medien wird der Band seinem im Titel zur Geltung kommenden Anspruch gerecht. Die Fallstudien beleuchten Altarkunst, Musik, Rechtstexte, theologische Schriften, Theater und viele weitere Kulturzeugnisse. Es bleibt dem Urteil des Lesers überlassen, ob die medialen Darstellungen allgemeine Rückschlüsse auf Konfessionskulturen erlauben. Allerdings liegt das evangelisch-lutherische Christentum im Zentrum der Untersuchungen. Medien vorreformatorischer oder römisch-katholischer Tradition werden am Rande erwähnt, während Darstellungen des Jüngsten Gerichts etwa in reformierten oder täuferischen Bekenntnisgruppen – bedauerlicherweise – nahezu unerwähnt bleiben.</p>
<p>Kirchliches Liedgut, sakrale Kunst oder theologische Texte der Frühen Neuzeit transportieren die frühneuzeitliche Apokalyptik in die Gegenwart unserer evangelischen Landeskirchen. Die Darstellungen des Jüngsten Gerichts sind damit auch heute immer noch bedeutender Teil der kirchlichen Praxis und Umwelt. Steiger und Höffler haben einen lesenswerten Sammelband herausgebracht, der die historische Medialität des Jüngsten Gerichts an Beispielen erschließt und uns damit ein Stück christlicher Kultur näherbringt.</p>
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		<title>Heiliger Geist</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 15:00:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Andacht]]></category>
		<category><![CDATA[Begabungen]]></category>
		<category><![CDATA[Heiliger Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Pneumatologie]]></category>
		<category><![CDATA[Talente]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie, wenn es uns gelänge, die erste Morgenstunde von Eile, von Lärm und Ärger freizuhalten: Für die Sprache Gottes und seinen neu machenden, schöpferischen Geist. Die großen Meister empfehlen immer wieder: Nimm den Anfang des Tages wahr, er ist die Stelle, an der du die Ewigkeit berührst.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wie, wenn es uns gelänge, die erste Morgenstunde von Eile, von Lärm und Ärger freizuhalten: Für die Sprache Gottes und seinen neu machenden, schöpferischen Geist. Die großen Meister empfehlen immer wieder: Nimm den Anfang des Tages wahr, er ist die Stelle, an der du die Ewigkeit berührst.</p></blockquote></div>
<p>Und Gott blies dem Menschen seinen Odem in die Nase, so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ Nach der hebräischen Schöpfungserzählung ist es der Geist, der den Menschen zum atmenden und kreativen Lebewesen macht. Dann rührt sich seine Tätigkeit, in geistiger Lebendigkeit erschafft er Welten, plant Pläne, gestaltet seine Umwelt und sein Leben. Er animiert (sich) zu Höhenflügen, ersinnt Lösungen, wo sich Probleme einstellen. Wird tätig in Kunst, Politik und wirtschaftlichem Tun.</p>
<p>Der Mensch neigt allerdings dazu, auch Unheil anzurichten. Er baut nicht nur. Er macht auch nieder: Wie es den guten lebensfreundlichen Geist gibt, so auch Ungeist, der schlecht ist und schlecht macht. Wie sich der gute, heilige Geist Gottes kultivieren lässt, der weniger gute Ungeist aber reduzieren, darüber soll im Folgenden nachgedacht werden.</p>
<h2>Vom Ruhen des Geistes</h2>
<p>Immer wieder lesen wir in biblischen Texten, dass der Geist Gottes auf einer Person „ruhte“. Während es manchmal als zeitlich vorübergehend beschrieben ist, kann es auch dauerhaft sein bei besonders herausgehobenen Gestalten. Im Neuen Testament heißt es, dass bei der Taufe der Heilige Geist auf die Getauften gelegt, (bzw. an anderen Stellen) „ausgegossen“ wird. Mit göttlichem Geist ausgestattet soll der Mensch sein Tagewerk bestehen. Ebenso die gesamte Schöpfung: Dann regt sich der Luchs in der Steppe, die Kraniche vollführen am Himmel weite Schleifen, Schiffe ziehen über die Ozeane mit ihren Handelsgütern und politischen Gesandtschaften, wissensdurstigen Gelehrten oder neugierigen Weltentdeckern an Bord.</p>
<p>Der menschliche Geist drängt unablässig hinaus. Immer weiter. Ins Ferne. Geist hat mit Wissen und Weisheit, mit Erkenntnis, mit energiegeladenem, kraftvollem Wirken zu tun. Heißt es nicht schon im Anfang von der Schöpfung: Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser (Gen 1,2). Anders übersetzt: Der Geist <em>ruhte</em> über der Chaos- und der Lebens-Flut. Der Geist als Schöpferkraft.</p>
<p>Wir merken, Geist hat Bedeutung. Menschlicher Geist ist zu vielem fähig. Davon wissen nicht nur Geisteswissenschaftler zu berichten; wenn sie die vielerlei Sprachen, Kulturen, ihre Gesellschaftsordnungen und kollektiven Gedächtnisse erkunden. Bei einem Blick in die Geistesgeschichte staunen wir, zu welchen Hochleistungen, zu Außergewöhnlichem oder ganz Alltäglichem Menschen in der Lage sind. Jeder Mensch hat mindestens eine besondere Begabung. Sei es Bescheidenheit. Geduld. Vielleicht Lebensklugheit. (Da sind es schon drei&#8230;) Diese individuellen Begabungen zu finden, zu erkennen, zu fördern und zu pflegen, ist nicht das Geringste, was man einem Menschen und einem Gemeinwesen zum Wohle aller wünschen kann.</p>
<p>Auch darin geht es um eine Art von Selbsterkenntnis&#8230;! In klassischer kirchlicher Sprache formuliert: Was meine Berufung sei. Also nicht nur allgemein zu wissen, was Sinn und Ziel des Menschseins, was allgemein die Bestimmung des Menschen ist. Sondern auch sagen zu können: welche meine oder deine.</p>
<p>Die Antwort fällt, wir ahnen schon, sehr unterschiedlich aus. Es gibt eben „Sottiche und Sottiche“ (Solche und Solche), wie der Volksmund sagt – etwas gehobener: Ein jeder nach seinem ihm zugeteilten Maß. Bin ich für Diakonie und Caritas begabt? Sehe ich meinen Weg in wissenschaftlicher Forschung und Lehre? Kann ich Verantwortung übernehmen in einem Unternehmen oder in einem politischen Amt? Was individuell und persönlich die zutreffende Antwort ist, steht selten plakativ schon über der Wiege geschrieben, sondern will stückweise, manchmal mit Abkürzungen, und – öfter – nach etlichen Umwegen herausgefunden sein. Der (göttliche) Geist ist es, der hier zur rechten Erkenntnis anleiten will und soll. Der Geist will ein verlässlicher Begleiter in allen Fragen sein. Und steht es auch nicht über der Wiege, so ist das doch <em>mit der Taufe gesagt</em>.</p>
<h2>Vom Reden des Geistes</h2>
<p>Wie ist das gemeint? Zunächst, mit dem Taufvorgang wird dem Täufling in höherem Auftrag auf den Kopf zugesagt: Du bist bei Gott wertgeschätzt, von ihm gesehen und geachtet, und sein Mitgehen und Bei-Dir-Sein wird Dir versprochen. „Brauchst keine Angst zu haben“, „Fürchte dich nicht“: Gott ist ein Menschenfreund. Selbst „wenn Berge oder Hügel fallen“, selbst „falls Himmel und Erde vergehen“, seine menschenfreundliche Güte bleibt. Diese Zusage „ruht“ fortan auf dem Getauften.</p>
<p>Nun gibt es manche, die davon wenig in ihrem weiteren Leben erkennen oder spüren lassen. Andere kommen gerne immer wieder lebensgeschichtlich darauf zurück. Mal indirekt, kaum ausgesprochen. Mal mit klarem Bezug. Wie auch immer: Jenen Startpunkt bildete die Taufe und die dabei vollzogene, „ausgegossene“, verliehene Mit-Gabe des Geistes Gottes.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gespenster verjagen</p></blockquote></div>
<p>Und dieser Gottes-Geist kennt eben viele Gaben und Begabungen, Berufe und Berufungen, im Staatswesen, Ökonomie, Kultur und Sport, selbst im Freizeitwesen, und auch im Kirchendienst. Die sich gegenseitig gut ergänzen können. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Fähigkeiten und Talente, auch ihrer Wertschätzung, entsteht ein Miteinander, das ein gedeihliches Zusammenleben möglich macht. Störrischer Ungeist, der nur Verwirrung stiftet, auf Abwege führt und schadet, kann dann vermieden, zumindest in seine Grenzen verwiesen werden. Man muss bei diesem Idealbild einer auf symbiotischen Gabenaustausch angelegten Gemeinschaft nicht gleich an ein Schlaraffenland denken, wo einem die feinsten Annehmlichkeiten gewissermaßen nur so zufliegen. Aber ein harmonisches Gesellschafts-Wesen, in dem zumindest äußerlich ein friedliches Auskommen miteinander möglich ist, scheint selbst auf dieser Erden, wie sie nun einmal ist, realisierbar und erstrebenswert.</p>
<h2>Das Wirken des Geistes</h2>
<p>Jetzt wissen wir also, dass es viele besondere (Geistes-)Gaben gibt, finden uns in dieser oder jener Lebenssituation vor, haben nun ein gutes, schönes Ziel vor Augen: Fehlt dazu nur noch das Gelingen.</p>
<p>Und auch dabei noch ist uns der göttliche Geist allzu gern behilflich. Denn das richtige Maß zu finden, die richtige Entscheidung fällen, auch im Alltag, das geht eben auch nur in und mit dem „richtigen Geist“. Wie sollte auch der Mensch in dem Gewirr der Stimmen, Möglichkeiten und Optionen diejenige erkennen und entdecken, die jetzt die beste ist? „Regiere mich durch Deinen Geist“, „mach in mir Deinem Geiste Raum“ – die dichterischen Zeilen, die von der Abhängigkeit von und grundlegenden Angewiesenheit auf Gottes geisterfüllten Wink zum rechten Zeitpunkt wissen, sind in kirchlichen Mentalitäten tief verwurzelt.</p>
<p>Geist und Erkenntnis hängen eng zusammen. Der Mensch lebt sodann in redlicher Anerkenntnis, von diesem helfenden, Gelingen schenkenden Geist schlechthin abhängig zu sein; auf diesen neu machenden Geist immer neu angewiesen zu bleiben. Noch eine Form der Selbsterkenntnis…! Wie nicht zuletzt im Morgengrauen deutlich werden kann.</p>
<h2>Der Morgen</h2>
<p>Zu den literarischen Zitaten, die ihren Weg in das Evangelische Gesangbuch gefunden haben, zählt die Erinnerung an die Bedeutung der Morgenstille. „Die großen Meister der Meditation und des geistlichen Lebens weisen uns immer wieder auf die erste Morgenstunde hin und sagen: Nimm den Anfang des Tages wahr, er ist die Stelle, an der du die Ewigkeit berührst.“ Wie, „wenn es uns gelänge, die erste Morgenröte von Eile, von Lärm und Ärger freizuhalten&#8230;“</p>
<p>Ähnlich empfiehlt Dietrich Bonhoeffer, sich die Morgenzeit bewusst für die Stimme Gottes, seine richtungsweisende Inspiration, freizuhalten. „Beim Erwachen vertreiben wir die finsteren Gestalten der Nacht und die wirren Träume … Böse Launen, unbeherrschte Stimmungen und Wünsche, die wir am Tag nicht mehr loswerden, sind oft genug Nachtgespenster, die nicht beizeiten verjagt worden sind“ (in einer Predigt 1935). Der Morgen ist die Zeit für Gottes schöpferische Initiative und sein mutmachendes Wort.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Geist und Erkenntnis</p></blockquote></div>
<p>Aus frühen evangelischen Gemeinden und z.B. aus Wittenberg wissen wir, dass jeden Morgen in aller Herrgotts-Frühe <em>zwei volle Stunden</em> reserviert waren für das Hören auf das Schriftzeugnis und die Beschäftigung mit theologischer Schriftbetrachtung. Noch einmal Bonhoeffer: „Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens. Jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes. Der heutige Tag ist die Grenze unseres Sorgens und Mühens… Er ist lang genug, um Gott zu finden oder zu verlieren.“ „Darum schuf Gott Tag und Nacht, damit wir nicht im Grenzenlosen wanderten, sondern am Morgen schon das Ziel des Abends vor uns sähen… Die alte Treue Gottes allmorgendlich neu zu fassen, mitten in einem Leben mit Gott täglich ein neues Leben mit ihm beginnen zu dürfen, das ist das Geschenk, das Gott uns mit jedem Morgen macht.“ Eine tägliche Erinnerung an den uranfänglichen Schöpfungsmorgen. – Doch ist es wirklich nur die Schöpfungstheologie, in der von Gottes Geist die Rede ist?</p>
<h2>Wort und Geist</h2>
<p>„Ich glaube an den Heiligen Geist“, heißt es ausdrücklich im 3. Artikel, der von der kirchenweiten Gemeinschaft handelt. Wir glauben an den Geist Gottes, „der Herr ist und lebendig macht“, ist an anderer Stelle ergänzt. Manchen klingt das vielleicht nach hoher Dogmatik, aber auch die Evangelien, die johanneische Theologie, die Pastoralbriefe, sowie Paulus in seinen Schreiben können den Geist in seinen vielseitigen Wirkungen und Bedeutungen kaum hoch genug preisen. So im 2. Kapitel im 1. Korintherbrief. Sein Mysterium hat uns Gott, schreibt Paulus in Vers 10, „durch seinen Geist“ enthüllt. Ist es doch auch beim Menschen so, dass nur der Geist weiß, was in einem Menschen ist. So ist es auch bei Gott der Geist, der in das Innere seines Wesens führt. „Niemand kennt Gott als der Geist Gottes.“ (vgl. Verse 10-12) Diesem guten Geist die erste Morgenstunde einzuräumen, um rechtzeitig so manchen Ungeist zu vertreiben, kann eigentlich eine vielversprechende Angelegenheit sein.</p>
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		<title>Gott in der Dunkelheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Laura Brand]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 14:57:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Himmel]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Vertrauen]]></category>
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					<description><![CDATA[Und Gott führte Abram aus dem Zelt und sagte: »Sieh hinauf zu den Sternen am Himmel! Kannst du sie zählen? So unzählbar werden deine Nachkommen sein.«]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Und Gott führte Abram aus dem Zelt und sagte: »Sieh hinauf zu den Sternen am Himmel! Kannst du sie zählen? So unzählbar werden deine Nachkommen sein.« (Gen 15,5)</p></blockquote></div>
<p>La Palma ist eine kleine kanarische Insel mit einer beeindruckenden Natur: Schwarze Strände, Vulkane, bis zu 2500 Meter hohe Berge, Schluchten und Aussichtspunkte, von denen man einen besonders guten Blick in den Nachthimmel hat. Als ich dort im Urlaub war, habe ich mich an einem Abend auf den Weg gemacht. Mit dem Auto bin ich über serpentinenartige Wege hoch in die Berge gefahren. Irgendwann hielt ich mitten in der Dunkelheit an einem Parkplatz. Auf der Aussichtsplattform hielt ein Guide gerade umringt von Menschen einen Vortrag über den Nachthimmel. Er erzählte vom Großen Bären, vom Großen Wagen, vom Schützen und vom Skorpion. Und dann schaute auch ich nach oben in den Nachthimmel. Es war unglaublich. Unzählig viele Sterne waren dort zu sehen.</p>
<p>Auch in dem oben zitierten Vers ist von einem Sternenhimmel die Rede. In der biblischen Geschichte bedeutete der Blick in den Nachthimmel für Abraham die Gewissheit, Gott schenkt Nachkommen und Zukunft. Mit dieser Verheißung begegnet Gott Abrahams innerster Sorge und seiner tiefsten Angst: Dass nichts von ihm bleibt, dass er keine Zukunft hat, dass sich niemand um ihn kümmert, wenn er nicht mehr kann, und dass keiner mehr an ihn denkt, wenn er nicht mehr ist. Dass er einfach vergessen ist.</p>
<p>Wir haben heute vielleicht andere Sorgen und doch irgendwie auch ähnliche. Diese Sorgen können zu einer tiefen Besorgnis werden. Ein Gedanken-Karussell entsteht, aus dem wir selbst keinen Ausweg mehr finden. Wir verlieren den Mut und das Vertrauen in die Zukunft. Vor allem nachts in der Dunkelheit kreisen die Gedanken: Habe ich richtig entschieden? Hätte ich etwas anders machen können? Warum habe ich nicht? Wäre ich doch… Man kann sich darin verlieren, in diesen Fragen, Sorgen und Ängsten. Aber sie ändern nichts an der Situation. Sie vermitteln eher ein Gefühl der Aussichtslosigkeit und der Ohnmacht – mitten in der Dunkelheit.</p>
<p>In der biblischen Geschichte in Genesis 15 begegnet Gott Abraham mitten in der Dunkelheit. In die Kälte und Stille der Nacht spricht Gott zu ihm: „Sieh in den Himmel“. Und Abraham lässt sich aus der Aussichtslosigkeit herausziehen. Seine Blickrichtung verändert sich, weg von sich selbst. Er blickt hinauf in die Sterne und sieht diese unendliche Weite. Er träumt sich nicht in eine andere Wirklichkeit, in eine schöne rosarote Welt, sondern erhält einen anderen Blickwinkel aufs Hier und Jetzt. Die Enge und die Begrenztheit seiner Möglichkeiten werden geweitet.</p>
<p>Für uns heute haben die Weite des Nachthimmels und das Licht der vielen Sterne möglicherweise ganz andere Bedeutungen als für Abraham – aber sie können genauso wie für ihn zu großen Hoffnungszeichen werden. Sie weisen auf die Kraft des Schöpfers des Himmels und der Erde hin. Eine Kraft, die so unendlich groß ist, dass ich sie im Blick auf die Weite des Universums nur erahnen kann.</p>
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		<title>Öffnen wir uns!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Raphael Zager]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 14:47:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Publizistik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor allem aber sprachlich versteckt sich Wissenschaft gerne mal hinter Mauern. Ich wünsche mir, dass Wissenschaft sich mehr um Allgemeinverständlichkeit bemüht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zusammenkommen, um einen neuen Papst zu wählen, tun sie das hinter verschlossenen Türen. Selbst die Fenster sind verhängt, nichts darf von den Gesprächen nach außen dringen. Gebannt wartet die Öffentlichkeit, wann endlich der „weiße Rauch“ aus dem Kamin aufsteigt. Das Konklave hat entschieden, die Menschen draußen werden vor vollendete Tatsachen gestellt. „Habemus papam.“</p>
<p>Auch in unseren Universitäten steigt öfters einmal Rauch auf. Dann rauchen die klugen Köpfe derer, die lesen, forschen, lehren, untersuchen, experimentieren und diskutieren. Der „weiße Rauch“, die neuen Einsichten und Ergebnisse, sind oft auch für die gesamte Gesellschaft relevant. Gerade in der Covid-Pandemie und dem politischen Umgang damit ist das deutlich geworden. Zugleich hat man auch gemerkt, wie schwer es Wissenschaft hierzulande fällt, sich einer breiteren Bevölkerung verständlich zu machen. Ich frage mich: Wie offen sind die Türen unserer Universitäten? Ähneln unsere Forschungseinrichtungen einem Konklave?</p>
<p>Mein Eindruck ist: Nicht vorwiegend räumlich, vor allem aber sprachlich versteckt sich Wissenschaft gerne mal hinter Mauern: Bandwurmsätze, viele Fremdworte, Wortneuschöpfungen. Ich bin mir sehr bewusst: Die Herausforderungen in einer immer komplexer werdenden Welt nötigen dazu, differenzierte Antworten zu geben. Auch müssen Grenzen und Fehlbarkeit wissenschaftlichen Arbeitens eingestanden werden. Dass vor diesem Hintergrund die einfachen Lösungen der Populisten ein leichteres Spiel haben, ist klar.</p>
<p>Wenn ich aber auf manchen Tagungen die Erfahrung mache, dass selbst anerkannte Fachkolleg:innen mir nach einem gemeinsam gehörten Vortrag sagen, sie hätten weite Teile dieses Vortrags nicht verstanden, stehen wir vor einem echten Problem.</p>
<p>Ich wünsche mir, dass Wissenschaft sich mehr um Allgemeinverständlichkeit bemüht. Gegenwärtig ist es in vielen Fächern so, dass für das eigene berufliche Fortkommen allein diejenigen wissenschaftlichen Artikel und Veröffentlichungen „zählen“, die man in renommierten Fachzeitschriften untergebracht hat. Ich finde, wir sollten es mehr würdigen, wenn Wissenschaftler:innen ihre Forschungen in die Gesellschaft tragen: Wenn sie Vorträge nicht nur im Hörsaal, sondern in Bürgerhäusern, Kirchengemeinden oder auf dem Marktplatz halten und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Wenn sie sich gesellschaftspolitisch einbringen, auch mal für Tageszeitungen und Magazine schreiben oder in den sozialen Medien präsent sind.</p>
<p>Der Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat zu Recht gefordert, dass Abgeordnete, bevor sie sich in ein Parlament wählen lassen, über mehrere Jahre einen Beruf außerhalb der Politik ausgeübt haben sollten (und zwar erfolgreich!). Dementsprechend halte ich es für notwendig, dass auch angehende Hochschullehrer:innen wenigstens einige Jahre in den praktischen Anwendungsfeldern derjenigen Fächer gearbeitet haben, in denen sie Lehre und Forschung betreiben wollen. Lassen wir unsere Universitäten nicht zu Konklaven werden! Öffnen wir uns! Lassen wir unsere Köpfe gemeinsam rauchen!</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>„Moralapostel“ am Pranger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Magnus Schlette]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 14:38:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Diskurskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Diskussionskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Moralisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Vorwürfe]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu den beliebtesten Unworten der Gegenwart zählt die berüchtigte ›Moralisierung‹, die in öffentlichen Debatten stets irgendwann irgendwer irgendwem unterstellt. Dies verheißt leider nichts Gutes für den Stil der Auseinandersetzung und auch nicht für die Ergebnisse.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Zu den beliebtesten Unworten der Gegenwart zählt die berüchtigte ›Moralisierung‹, die in öffentlichen Debatten stets irgendwann irgendwer irgendwem unterstellt. Dies verheißt leider nichts Gutes für den Stil der Auseinandersetzung und auch nicht für die Ergebnisse.</p></blockquote></div>
<p>In Kontroversen über ›heiße Eisen‹, die aus dem Feuer zu holen den politischen Akteuren schwer fällt, taucht heutzutage häufig das Schlagwort der Moralisierung auf, ob es sich nun um Asyl und Migrationsbewegungen, Klimawandel oder nachhaltige Lebensführung handelt – um nur wenige, aber in der Öffentlichkeit besonders häufige Beispiele zu nennen. Und wo immer es benutzt wird, ist es üblicherweise in den Vorwurf einer Grenzüberschreitung eingebettet, der gegen moralische Mahnungen und Forderungen erhoben wird.</p>
<h2>Zwei Aspekte des Moralisierungsvorwurfs</h2>
<p>Der Vorwurf der ›Moralisierung‹ umfasst in der Regel zwei Aspekte: Zum einen attestiert er den ›Moralisierern‹ die moralische Bewertung oder Überbewertung von vermeintlich moralisch indifferenten oder nicht primär moralischen Sachverhalten. Dies ist insofern konflikthaltig, als sich über die Frage, was wie moralisch relevant ist, lange streiten lässt. Andererseits ist der Vorwurf, das Gespräch auf Moralfragen zu verengen, aber relativ harmlos, weil dem ›Moralisierer‹ allenfalls ein Bruch mit den Gepflogenheiten der Konversation und des geselligen Miteinanders vorgeworfen wird: Stets führe er das Gespräch auf die Bahnen von entweder gut oder böse, falsch bzw. schlecht, anstatt einmal ›fünf gerade sein zu lassen‹.</p>
<p>Eine größere gesellschaftspolitische Brisanz bekommt der Begriff der Moralisierung, wenn damit zugleich die moralische Abwertung Andersdenkender unterstellt wird: Statt um die inhaltliche Auseinandersetzung gehe es, so der Vorwurf, um die Be- und vor allem Abwertung derjenigen Diskussionsteilnehmer, die andere Ansichten vertreten. In diesem Fall wird dem Adressaten des Moralisierungsvorwurfs nicht ungesellige Moralmuffelei vorgeworfen, sondern vielmehr, dass er sein Gegenüber nicht als den akzeptiert, der er nun einmal ist: nicht mehr der Streit in der Sache, von der doch offensichtlich unterschiedliche Ansichten möglich sind, stehe hier im Vordergrund der Debatte, sondern der Charakter, die Einstellungen und vermeintlich verborgenen Motivationen des Anderen.</p>
<p>Trifft der Vorwurf der Moralisierung in diesem zweiten Sinne tatsächlich zu, dann kann man sich der damit vorgebrachten Kritik kaum entziehen. Denn er attestiert dem Gegenüber einen grundlegenden Bruch wechselseitiger Verpflichtungen. Dieser besteht in der Verweigerung von Voraussetzungen, mit denen die Teilnehmer einer Kontroverse sozusagen in Vorleistung gehen müssen, um überhaupt einen gemeinsamen Grund der Verständigung zu finden. Genauer: Teilnehmer an einer Kontroverse können einander überhaupt nur dann mit der Aussicht auf das Verstehen des jeweils anderen adressieren, wenn sie einander ihre basale Verständlichkeitsabsicht unterstellen; und diese Unterstellung impliziert, dass das, was der andere sagt, seinen Überzeugungen und Absichten sowie allgemein geltenden Regeln vernünftiger Rede entspricht.</p>
<h2>Verstoß gegen die Prinzipien vernünftiger Rede</h2>
<p>Das <em>argumentum ad hominem</em>, also die persönlich herabsetzende Argumentation, die der ›moralisierenden‹ Partei vorgeworfen wird, bricht aber mit einer oder beiden Voraussetzungen. Gegen die <em>Wahrhaftigkeits</em>unterstellung wird dann verstoßen, wenn das Gegenüber in einer öffentlichen Kontroverse ohne handfeste Indizien verdächtigt wird, es vertrete eine bestimmte Meinung nicht (vor allem) aus den tatsächlich vorgebrachten, sondern (vor allem) aus verborgenen und ablehnungswürdigen Gründen. Was es demnach diskreditiert, sind also einerseits die ihm zugeschriebenen, vermeintlich wahren Gründe für das, was es sagt, und andererseits die Täuschungshandlungen, derer es sich bedient, um seine Absichten zu verbergen.</p>
<p>Die <em>Rationalitäts</em>unterstellung wird wiederum unterlaufen, wenn dem Gegenüber attestiert wird, die von ihm vertretene Position beruhe auf einem eklatanten Mangel an Vernunft, da ihm andernfalls evident sein müsse, wie inakzeptabel sie sei. In beiden Fällen wird die inkriminierte Meinung moralisch kritisiert, die moralische Kritik aber in dem einen Fall durch einen charakterlichen oder motivationalen Mangel – also wiederum moralisch –, im anderen durch einen intellektuellen Mangel – also kognitiv – begründet.</p>
<p>Überspitzt formuliert: der Andere ist entweder zu böse oder zu blöde, um eine vertretbare Meinung zu bilden. Um ein Beispiel zu nennen: Malediven-Urlauber werden gewöhnlich der letzten Gruppe zugeteilt – sie kapieren demnach einfach nicht, wie umweltschädlich ihre Urlaubsflüge sind; Politiker, die sich nicht bereiterklären, Maßnahmen gegen den Flugverkehr zu ergreifen, werden dagegen gern zur ersten Gruppe gezählt. Es ist evident, dass mit einer solchen Einstellung der Austausch über einen zu klärenden Sachverhalt ins Stocken gerät.</p>
<h2>Wechselseitige moralische Anklage</h2>
<p>Allerdings ist Vorsicht geboten, wenn der Vorwurf der Moralisierung erhoben wird. Denn er folgt wohlmöglich selbst der Logik des <em>argumentum ad hominem</em>, die es dem anderen vorhält. Es geht in diesem Fall darum, dem vermeintlichen ›Moralisierer‹ den besagten Bruch kommunikativer Verpflichtungen vorzuhalten, ihn also moralisch anzuklagen. Das mag berechtigt sein, kann aber auch eine perfide Strategie sein, um von dem Sachgehalt der Argumente des Anderen abzulenken, indem dessen vermeintliche Motivationen und Einstellungen aufgespießt werden. Dazu wiederum ein Beispiel: Wer aus Gründen des Tierwohls gegen Billigfleisch in Supermarktregalen protestiert, wird oft genug der Moralisierung bezichtigt, um vom Sachgehalt seines Protestes abzulenken und sich damit nicht befassen zu müssen. Dem ›Moralisierer‹ wird übel genommen, dass er es seinen Adressaten schwer macht, alles so zu lassen, wie es ist.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Sache verschwindet hinter dem Angriff auf die Person.</p></blockquote></div>
<p>Beliebte Umschreibungen für den ›Moralisierer‹ drücken das aus: die Einlassungen des Anderen werden als Moralpredigt, d.h. als herablassendes und konsequenzloses Kanzelgerede, oder als Oberlehrertum, d.h. als pedantisch, prinzipienfixiert und selbstgerecht, als infantilisierend und deautonomisierend, als weltfremd und amtsstubenmuffig diskreditiert. Vorwürfe wie die des Moralpredigers oder Oberlehrertums implizieren, die offensichtlich gegenstandslose Kritik des ›Moralisierers‹ sei aufgrund seiner verstaubten und kleinlichen Besserwisserei nicht anders erwartbar gewesen. Wieder verschwindet die Sache hinter dem Angriff auf die Person.</p>
<h2>Gesprächsziel: Polarisierung statt Verständigung</h2>
<p>Aber selbst wenn der Vorwurf der Moralisierung zutrifft, ist der Sache durch ihn nicht gedient. Denn in der Regel gießt er nur Öl ins Feuer. Taucht das Schlagwort in einer Debatte auf, sind bei dem Versuch, den jeweils anderen durch <em>argumenta ad hominem</em> außer Gefecht zu setzen, wohlmöglich bereits einige Runden um den Tisch gedreht worden. Da man vom Kontrahenten in aller Regel nicht erwarten sollte, dass er dem an ihn gerichteten Vorwurf der Moralisierung nach reiflicher Überlegung zustimmt, ist erwägenswert, ob er sich vielleicht gar nicht in erster Linie an ihn, sondern vor allem an das Publikum richtet, das sich beim Ringelpiez interessiert einfindet und dadurch emotional angesprochen werden soll. Dann geht es gar nicht mehr um gemeinsame Verständigung und die Klärung strittiger Fragen, sondern um Polarisierung und die Festschreibung von Differenz. In diesen Fällen handelte es sich um eine genuin populistische Kommunikation, der es um Aufmerksamkeitserzeugung durch Emotionalisierung geht. Nüchterne Einlassungen sind dann nur noch schwer möglich, da sie in den Sog der Polarisierung hineingezogen werden.</p>
<h2>Die Lücke zwischen Pflicht und Recht</h2>
<p>Warum verzeichnen wir aber in der Gegenwart eine Zunahme von Debatten, die von Moralisierungsvorwürfen und ihrer Abwehr gekennzeichnet sind, sich im Zuge der sich daraus entwickelnden Konversationsdynamik verhärten und zur Polarisierung der einander gegenüberstehenden Positionen beitragen? Oder handelt es sich dabei um altgewohnte Phänomene, die nur mit einem modischen Schlagwort belegt werden?</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Hinter den Moralisierungsvorwürfen steht ein gesellschaftliches Strukturproblem.</p></blockquote></div> Tatsächlich scheint viel dafür zu sprechen, dass die heutzutage allgegenwärtige Verwendung des Schlagworts der Moralisierung auf ein gesellschaftliches Strukturproblem verweist, das mit dem rapiden Wandel unserer Lebensbedingungen einerseits durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, andererseits durch insbesondere den Klimawandel und die damit einhergehenden Folgen zu tun hat. Das Schlagwort verweist dabei auf die Diskrepanz zwischen einem individuellen oder kollektiven Pflichtbewusstsein <em>einerseits</em> und dem Verrechtlichungsgrad seines jeweiligen Gegenstands <em>andererseits</em>. Angesichts des rapiden Wandels unserer Lebenswelt neigt das Recht dazu, den verrechtlichungsbedürftigen Missständen hinterher zu hinken.</p>
<h2>Sozialer Friede durch Verrechtlichung</h2>
<p>Es geht demnach um den Konflikt zwischen der moralischen Dimension des Handelns und seiner rechtlichen Regelung. ›Moralisierung‹ bedeutet in diesen Zusammenhängen die Mahnung an die Mitbürger, Handlungsgewohnheiten, die den vorgeblichen moralischen Pflichten widersprechen, angesichts der mangelhaften Verrechtlichung des entsprechenden Handlungsbereichs <em>freiwillig</em> zu verändern. Wo die juridische Regelung akuten Missständen hinterherhinkt, werden diese Missstände personal zugerechnet. Gelingt es beispielsweise ›der Politik‹ nicht, wirksame Gesetze gegen Massentierhaltung zu erlassen, wird die Ursache des Missstandes in den Ställen personal zugerechnet und den Fleischessern vorgeworfen, durch ihr Verhalten für das Leid der Tiere verantwortlich zu sein.</p>
<p>Umgekehrt gilt: Verrechtlichung entlastet von moralischer Zurechnung. Wenn auf den Autobahnen Tempo 100 gilt, kann derjenige, der mit 180 km/h über die Autobahn rauscht, ganz entspannt mit einem Bußgeld verwarnt werden, statt an seine inneren Einstellungen appellieren zu müssen. Fazit: Verrechtlichung dient dem sozialen Frieden, Moralisierung strapaziert ihn.</p>
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		<title>Es gibt ein Leben vor dem Tod</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christian Reich]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2023 14:34:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 33. Jahrgang, Heft 4, November 2023]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Freude]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Spaß]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Weltende]]></category>
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					<description><![CDATA[Das christliche Gegenkonzept zur Spaßgesellschaft wäre eine Gemeinschaft, in der sich Freude ereignet, eine Gemeinschaft, die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich Freude ereignen kann – selbst in einer als apokalyptisch empfundenen Welt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das christliche Gegenkonzept zur Spaßgesellschaft wäre eine Gemeinschaft, in der sich Freude ereignet, eine Gemeinschaft, die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich Freude ereignen kann – selbst in einer als apokalyptisch empfundenen Welt.</p></blockquote></div>
<p>„Es wird noch so böse werden auf Erden, dass man in allen Winkeln wird schreien: Oh Herr, komm mit dem Jüngsten Tage!“ Dieses Zitat stammt von Martin Luther aus einer seiner Tischreden. Es ist Ausdruck einer apokalyptischen Grundstimmung, Ausdruck einer Deutung der Gegenwart als einer apokalyptischen, wie sie auch Albrecht Dürer, ein Zeitgenosse Luthers, zur Darstellung bringt. <em>Die vier apokalyptischen Reiter</em> (Holzschnitt aus dem Jahr 1498) verkörpern den Tod als allgegenwärtiges und unabwendbares Schicksal, die wirtschaftliche Ungleichheit und die daraus resultierenden Hungersnöte, den Krieg als immerwährende Bedrohung und Erfahrung individueller wie sozialer Existenz, und schließlich Krankheit (voran die Pest) als stets lebensbedrohende Macht. Die vier Reiter galoppieren in geschlossener Formation; niemand – auch nicht der Kaiser – kann ihnen entrinnen. Als apokalyptisch gilt, was Zerstörung und Leiden über die Menschheit bringt und die Ordnungen der Welt so sehr erschüttert, dass menschliches Leben in absehbarer Zukunft als unmöglich erscheint.</p>
<h2>Die „Enthüllung der Wirklichkeit im Untergang“</h2>
<p>Das apokalyptische Weltbild ist biblisch fundiert. Sowohl Jesus als auch Paulus hatten apokalyptische Vorstellungen, das letzte biblische Buch – die Offenbarung des Johannes – gilt als Apokalypse. Vor diesem Hintergrund ist die biblische Verkündigung „in ihrem Kern auch eine Zeit-Botschaft, eine Botschaft vom Ende der Zeit. Alle biblischen Botschaften tragen einen Zeitvermerk, einen Endzeitvermerk“ (Johann B. Metz). Anspruch und Zuspruch Gottes ereignen sich in einem individuellen wie globalen Zeitfenster auf einem linearen, unumkehrbaren und endlichen Lebensweg. Das gibt ihnen einen unüberbietbaren Ernst. Insofern kann vom Apokalyptiker gesagt werden, dass er die jeweils gegenwärtige Wirklichkeit vor dem Horizont der begrenzten Zukunft wirklich ernst nimmt, indem er sie als katastrophal wahrnimmt und deshalb als inakzeptabel zur Sprache bringt. „Apokalyptik, so lässt sich zusammenfassen, ist Enthüllung der Wirklichkeit im Untergang“ (Ulrich H.J. Körtner). In <em>diesem Sinne</em> ist Apokalyptik ein existenzieller Ausdruck des Leidens und Mitleidens in und an dieser Welt. In <em>diesem Sinne</em> wünsche ich mir eine apokalyptisch orientierte Kirche, die nichts schönredet, sondern die „Wirklichkeit im Untergang“ enthüllt.</p>
<h2>Die „gute Nachricht“ inmitten der Apokalypse</h2>
<p>Die Apokalypse ist immer jetzt. Als geschichtliche Erfahrung jeweils leidender und mitleidender Menschen und Menschengruppen ist die Endzeit endlos. Aber es wird ein Ende geben, weil die Paradoxien und Ambivalenzen menschlichen Fortschritts unvermeidbar sind. Nahezu jeder technischen Innovation wohnt ein Gewalt- und Zerstörungspotential inne, das sich in der Regel verwirklicht, entfaltet und Menschen unter seine Herrschaft zwingt. Insofern ist die Geschichte der Menschheit ausweglos.</p>
<p>Nahezu alle biblischen Schriften sind inmitten oder vor dem Hintergrund sozialer Ungerechtigkeiten und gesellschaftlicher wie politischer Gewalterfahrungen entstanden. Die <em>Pax Romana</em> der neutestamentlichen Zeit gründete auf Kriegen, Gewaltherrschaft, wirtschaftlicher Ausbeutung und Sklaverei. Vor dem „leeren Grab“ Jesu kommt das Kreuz Jesu, vor Ostern der Karfreitag. Und der vom Tode Auferstandene bzw. Auferweckte bleibt der Gekreuzigte! „Alle christliche Botschaft erweckt notwendig Aberglauben, wenn aus irgendwelchen Gründen Jesu Kreuz in ihr zu kurz kommt“ (Ernst Käsemann). Das Gute der christlich interpretierten guten Nachricht Gottes ist, dass sie die katastrophale menschliche Grundsituation nicht verschweigt oder beschweigt, nicht verharmlost oder gar leugnet, sondern in sie hineinspricht, sie beleuchtet und ausleuchtet, und dass sie die Behauptung wagt, Gott selbst habe sich in diese Situation hineinbegeben, um <em>inmitten</em> der <em>alten Schöpfung</em> eine neue zu erschaffen. Christinnen und Christen wären dann als <em>neue Geschöpfe</em> die Verkörperung und der lebendige Ausdruck dieser neuen Schöpfung; sie wären neue <em>Bilder</em> Gottes inmitten einer sich selbst vernichtenden Menschheit.</p>
<h2>Die „frohe Botschaft“ macht keinen Spaß</h2>
<p>Im Jahr 1976 wurde der Prosaband <em>Die wunderbaren Jahre</em> des in der DDR lebenden Schriftstellers Reiner Kunze in der BRD veröffentlicht, worin er das politische System der DDR unmissverständlich kritisierte. 1977 folgten seine Ausbürgerung und Übersiedlung in die Bundesrepublik. In der gleichnamigen Verfilmung des betreffenden Werkes im Jahr 1979 findet sich ein bemerkenswerter Dialog zwischen zwei Jugendlichen und einem evangelischen Pfarrer. Seitens der Jugendlichen kommt die Frage auf, wozu man (angesichts der alltäglichen Gewalterfahrungen) überhaupt noch leben solle. Die Antwort des Pfarrers: „Wenn ich etwas nicht verhindern oder nicht verändern kann, weil es nicht in meiner Macht steht, es zu verhindern oder zu verändern, heißt das noch nicht, dass das Leben keinen Wert hat.“ Auf die anschließende Frage, worin dieser Wert bestehe, antwortet der Pfarrer nach einer Pause des Nachdenkens wiederum mit einer Frage: „In der Freude?“ Er fährt fort: „Und das Angebot der Freude ist unerschöpflich.“</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Angebot der Freude ist unerschöpflich.</p></blockquote></div>
<p>Bis heute habe ich keine bessere Antwort auf die Frage nach dem <em>Wert</em> (bzw. <em>Sinn</em>) des Lebens angesichts der Apokalypse gefunden. <em>Schöpfungstheologisch</em> kann gesagt werden, dass die von Menschen jeweils vorgefundene Welt sowohl in ihrer natürlichen Vielfalt als auch in der Vielfalt und Vielschichtigkeit menschlicher Kultur ein unerschöpfliches Potential bereithält, sich <em>über etwas</em> freuen zu können. Zudem haben die Ausdrucksformen der Freude (Staunen und Loben, Lächeln und Lachen, Musik, Gesang, Tanz) die Tendenz, Freude zu vermehren und zu verbreiten. Doch dazu bedarf es der Fähigkeit, Freude zu empfangen. Freude ist nicht machbar. Sie steht nicht zur Verfügung. Sie ist unverfügbar. Nach biblischem Verständnis sind die Zeiten der Freude Zeiten einer lebendigen Gottesbeziehung. Freude wird als Gabe Gottes erfahren und gewürdigt; sie gilt als eine <em>Frucht des göttlichen Geistes</em>. Negativ ausgedrückt: Ohne lebendige Gottesbeziehung gibt es keine Freude. <em>Lebendig</em> ist die Gottesbeziehung aber nur, wenn von der Seite des Menschen die Freude nicht als Ziel oder Nutzen der Gottesbeziehung, sondern Gott um seiner selbst willen gesucht wird.</p>
<p>Von dieser Erkenntnis aus eröffnet sich eine <em>kreuzestheologische</em> Perspektive auf das Phänomen der Freude. Freude ist nicht Spaß, auch wenn beide Phänomene sich einer genauen Definition entziehen und nicht immer eindeutig voneinander geschieden sind. Hilfreich erscheint mir die etymologische Ableitung des Wortes <em>Spaß</em> vom italienischen <em>spasso</em>: Zerstreuung, Zeitvertreib, Vergnügen. Unsere sogenannte Spaßgesellschaft verspricht und bietet genau das: Zerstreuung, Zeitvertreib, Vergnügen. Und zwar als Konsumgüter. Spaß kostet etwas. Spaß kostet Geld, das in der Regel erarbeitet werden muss. Spaß kostet natürliche Ressourcen, die endlich sind. Spaß gründet vielfach auf der Ausbeutung von Menschen. Nicht selten kostet Spaß Menschenleben. Wir leben in einer Realität, die der Medienwissenschaftler Neil Postman schon im Jahr 1985 beschrieben und auf den Punkt gebracht hat, als er sagte: „Wir amüsieren uns zu Tode.“ Die angedeuteten (globalen) Zusammenhänge sind hinreichend bekannt, Beispiele gibt es zuhauf. Nur Ignoranz oder Verdrängung kann sich ihnen entziehen, wobei systemimmanente Mechanismen der Ablenkung und Ausblendung das Ihre tun.</p>
<p>Vor diesem (apokalyptischen) Hintergrund deute ich das Kreuz Jesu auch als eine Anklage derjenigen individuellen wie gesellschaftlichen Lebensentwürfe, die auf Gewalt gründen. Es durchkreuzt den Spaß der Spaßgesellschaft, weil es ihn als gewalttätig entlarvt. Zudem bedeutet es eine Werteumkehr, weil es die Werte eines Erfolgsmenschentums infrage stellt, das sein Heil nicht nur in materieller Bedürfnisbefriedigung, sondern in steter Selbstoptimierung, im Messen und im Vergleichen sucht. Im Kreuz Jesu begegnet uns Gott als gescheiterter Mensch, als Verlierer, als Opfer. Gescheitert deshalb, weil er sich treu blieb. Hier muss alles christliche Denken, alle christliche Theologie, alle christliche Praxis ansetzen!</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Das Kreuz Jesu durchkreuzt den Spaß der Spaßgesellschaft, weil es ihn als gewalttätig entlarvt.</p></blockquote></div>
<p>Das christliche Gegenkonzept zur Spaßgesellschaft wäre eine Gemeinschaft, in der sich Freude ereignet, eine Gemeinschaft, die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich Freude ereignen kann. Freude erfahren Menschen dann, wenn sie vom Drang befreit sind, über Dinge und Lebendiges einschließlich sich selbst verfügen zu wollen, wenn sie bereit dazu und neugierig darauf sind, sich vom Angebot der Freude ansprechen zu lassen, ihre Sinne für dieses Angebot zu öffnen, kurz: empfangsbereit zu sein. Diese Empfangsbereitschaft ereignet sich in einer lebendigen Beziehung mit Gott, in der Gottsuchende das Kreuz Jesu nicht nur nicht ausblenden, sondern es aktiv in ihre Suche integrieren. Die Klicks und Likes der so genannten sozialen Netzwerke verhindern Erfahrungen von Freude ebenso wie die gewalttätigen Spaßkonzepte. Ausstieg aus diesen Konzepten und Widerstand gegen sie, soweit möglich – das wäre eine christliche Haltung!</p>
<h2>Bedienen ist nicht dienen</h2>
<p>Die drei monotheistischen Schriftreligionen waren und sind weitgehend Veranstaltungen zur Verhinderung von Freude. Versuche, Gott in Vorschriften und bürgerlicher Moral einzuhegen, sind die Regel; ihn zu instrumentalisieren ist vielerorts politischer Alltag. Das sowohl auf den reformatorischen Erkenntnissen als auch auf der europäischen Aufklärung gegründete evangelische Christentum könnte in dieser Situation ein Lichtblick sein. Könnte, ist es aber nicht. Ich nehme eine Kirche wahr, für die Gott kein existenzielles Thema zu sein scheint und die deshalb zunehmend das Spaßbedürfnis der Spaßgesellschaft bedient. Damit dient sie weder Gott noch den Menschen. Und das ist wahrlich apokalyptisch.</p>
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