Reise ins „Reich des Bösen“ Ein Besuch im Iran

Soll ich es wagen? Oder lieber nicht? Besorgte Freunde und Angehörige raten mir dringend davon ab. Ich mache es trotzdem: Eine Reise ins „Reich des Bösen“, wie ein ehemaliger US-Präsident den Iran bezeichnete. Wie böse ist das Land? Und finde ich dort den „Zauber des Orients“?

Als ich durch Shiraz spaziere, komme ich in Weihnachtsstimmung. Überall schmücken Lichterketten die Straßen, in Holzbuden bieten Männer Tee und Kekse an – kostenlos. Ich gucke mir das an und schon bekomme ich beides und dazu ein herzliches „Welcome in Shiraz!” Die schiitischen Muslime feiern Muharram, ihr größtes Fest. Sie ehren Hussein, einen Märtyrer. Das Gebäck schmeckt mir nicht mehr, als die Feiernden einer Ziege die Kehle durchschneiden und ihr Blut sich über den Asphalt ergießt. Jeder bekommt ein Stück Ziege für zu Hause. „Bei euch wird gesagt, wir seien ein Terroristenland. Das stimmt nicht. Guck dich um!“, werde ich aufgefordert.

Freundliches Willkommen und höflicher Rausschmiss

Der Schah-Cherag-Schrein ist auch einem Märtyrer gewidmet, „König des Lichts“ wird er genannt. Meine Frage, ob ich die Begräbnisstätte betreten dürfe, wird mit einer Gegenfrage beantwortet: „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, sehr gutes Land! Wirtschaftlich stark und sehr ordentliche Menschen.“ Drinnen blendet mich die Helligkeit. Die Wände und die Decke bestehen aus lauter Spiegeln – das Licht der großen Leuchter wird von den Spiegeln zurückgeworfen und verhundertfacht. Ein Foto will ich wagen. Vom Männerbereich, vom Frauenbereich, der durch einen niedrigen Wall getrennt ist, und von den Spiegeln.

Auf einmal Aufregung unter den männlichen Besuchern. Ein Offizieller mit grüner Schärpe kommt auf mich zu und weist mich streng zurecht, weil ich Frauen fotografiert hätte, was verboten sei. Ich sollte draußen weiter fotografieren. Ein höflicher Rausschmiss. Er will meine Fotos sehen. Ich zeige sie ihm, wische aber auf dem Display so schnell das beanstandete Foto beiseite, dass er es nicht sieht. Die anderen sind harmlos. Er ist irritiert und meint, als ob ihm der Aufstand drinnen leid tut, ich könne ja ihn fotografieren – und bringt sich mannhaft in Pose. „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, sehr gutes Land! Merkel ist die mächtigste Führerin der Welt. Merk dir das: nicht die Frauen!“

Literarischer Zauber des Orients

Shiraz ist berühmt für seine Gärten mit Wasserlandschaften. Und für seinen berühmtesten Sohn, den Dichter Hafez. In seinem Mausoleum erfahre ich: Die Werke von Hafez aus dem 14. Jahrhundert zu lesen, ist genauso gut, wie den Koran zu lesen. Ich bekomme Zweifel an der religiösen Ernsthaftigkeit der iranischen Muslime. So etwas hatte ich in einem arabischen Land noch nie gehört.

Im Park rezitiert ein iranischer Reiseleiter seiner ausländischen Gruppe Liebesgedichte. Und wie! Mit Sinn für Betonung und Klang der Worte. Mit Leidenschaft. In vielen iranischen Familien habe das Rezitieren von Gedichten eine hohe Bedeutung, erklärt er. Wo ist diese Kultur in Deutschland nur geblieben? Wir hatten sie doch mal – zu Goethes Zeiten. Der deutsche Dichter begeisterte sich für Hafez und widmete ihm sogar seine Gedichtsammlung West-östlicher Divan. „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, dichtete der Meister aus Weimar, der Partnerstadt von Shiraz. Als ich die Gedichte von Hafez fast singen höre, verspüre ich den Zauber des Orients.

Irgendwelche Regeln gibt es doch

Der Zauber verfliegt schnell wieder – in plötzlicher Lebensgefahr. Wie kommt man über eine Straße mit zwei mal drei Spuren im ununterbrochenen Strömen der Autos und Motorräder? Es tut sich keine Lücke auf, eine Ampel sehe ich weit und breit nicht. Sie fahren enthemmt wie unter Drogen, Fahrspuren sind nur Dekoration. Ich riskiere es nicht, zu gefährlich. Die einzige Chance: Ich schließe mich einer Gruppe von Einheimischen an. Im Slalom durch die fahrenden Autos schaffen wir es bis zum schmalen Mittelstreifen, kurz durchatmen und das Gleiche bis auf die andere Seite.

Der Stadt-Verkehr in diesem Land ist die Hölle. Ein Verkehrspolizist hält einen Taxifahrer an, der will auf und davon in den dichten Verkehr, gleich sind vier Polizisten da und hauen mit Knüppeln aufs Autodach, einer tritt eine Beule in die Seitentür. Es gibt also doch irgendwelche Verkehrsregeln. Eine Traube von dreißig Männern bildet sich, sie umstellen das Taxi, jeder hat was zu sagen. Ich entferne mich und beobachte die Sache aus sicherer Entfernung. Sie sind nicht aggressiv, eher neugierig und engagiert. Bald löst sich der Haufen auf und alle setzen schwatzend ihren Weg fort.

„Hitler hätte uns geholfen“

Nach fünf Stunden Busfahrt erreiche ich Isfahan. Tiefbrunnen liefern Wasser, überall grünt und blüht es. Auch hier komme ich mir vor wie ein Star: Immerzu werde ich angesprochen, werde gegrüßt, will man mir Gutes tun. Weil es von meiner Sorte nur so wenige gibt – der Tourismus läuft nach dem Ende der Sanktionen erst langsam an – stelle ich etwas Besonderes dar.

Militärausstellung in Teheran (auf dem Bild Revolutionsführer Ayatollah Chamenei)

Abends bummle ich über die Chadschu-Brücke, dem Wahrzeichen der Stadt, und schon muss ich wieder für ein Selfie mit einer Gruppe Jugendlicher herhalten. „Magst du Hitler?“, werde ich schon wieder gefragt. „Nein!“ – „Warum nicht? Er war doch ein starker Führer, er liebte die Arier und wir Iraner und ihr Deutschen seid Arier, wir sind Brüder.“ Die Arier sollen ein Eroberervolk, ein „Herrenvolk“ gewesen sein, das vor Jahrtausenden in der Region des heutigen Iran und Indiens andere Völker zu Sklaven machte. Aus seiner Sprache entstand die indogermanische Sprachfamilie, der auch das Deutsche angehört. Ich reagiere und sage: „Hitler war ein grauenhafter Führer, der fünf Millionen unschuldige Juden umbringen ließ.“ Ich bemerke, dass sie davon nichts wissen. Warum mögt ihr ihn: „Wir hassen die Araber. Die haben uns immer wieder angegriffen. Er hätte uns geholfen.“

Die sunnitischen Araber fielen vor 1.400 Jahren ins sassanidische Persien ein, töteten Hussein, den Sohn des Kalifen Alis, des ersten Schiiten; oder in heutiger Zeit griff der Nachbar Irak nach dem iranischen Öl, ein achtjähriger Krieg forderte Millionen Tote – kein Land der Welt, keine Institution wie die Vereinten Nationen stand den Iranern bei. Das ist ihr Trauma: Übermächtigen Feinden ausgeliefert zu sein – und ganz auf sich allein gestellt.

Das iranische Trauma: Übermächtigen Feinden ausgeliefert zu sein.

Im Basar am Imamplatz sehe ich Hitlers Buch Mein Kampf – und es entsteht ein ähnliches Gespräch mit dem Buchhändler. Einen schöneren Park kann ich mir kaum vorstellen. In der Mitte sprüht eine Wasserfontäne, um den Park klappern Kutschen herum, begrenzt ist die Grünfläche durch die Arkadengänge des Basars, überall lagern Familien und Freundesgruppen auf dem Rasen.

Freiheit ja, aber eine regulierte

Hoch in den Himmel ragen die beiden Minarette der Imammoschee mit den Bildnissen von Staatsgründer Ayatollah Khomeini und dem heutigen Revolutionsführer Ayatollah Khamenei. Khomeini sprach von „unseren Juden“ und meinte diejenigen, die seit Jahrhunderten im Iran lebten. Sie genießen den Schutz des Staates.

“Willkommen, Herr Kollege…”

In der Moschee steht ein Religionsgelehrter zum Gespräch für jedermann bereit. Ich stelle mich vor: Ich sei sozusagen ein christlicher Mullah. Er grüßt mich: „Willkommen, Herr Kollege!“ Nach dem Austausch von Nettigkeiten, komme ich zum Punkt: Ich hätte in Bremen einen Iraner getauft, der enttäuscht sein Land verlassen habe. Er sagte mir, viele im Volk wollten keine Herrschaft der Ayatollahs und Mullahs und keine Verpflichtung zur Religion, keinen Kopftuchzwang  – sie wollten Freiheit wie im Westen. In Europa hätten wir die Erfahrung gemacht, dass Freiheit der Motor von Fortschritt und Wohlstand sei. Er hat dazu eine Meinung: Freiheit, ja, aber eine regulierte: „Sieh dir an, was in den Nachbarländern geschieht: Krieg, Bürgerkrieg, Extremismus, Chaos. Davor müssen wir unser Land schützen.“ Sicherheit sei das oberste Gebot. „Der Iran ist sicher und politisch stabil – „erzähle das in Deutschland!“

Werde ich tun. Mir fallen die Frauen im Park auf. Sie tragen alle entweder Tschador – den schwarzen Ganz-Körper-Schleier – oder Kopftuch. Aber wie das Kopftuch? So, dass das Haar weitgehend frei liegt. Das habe ich in arabischen Ländern nie gesehen. Dazu sind viele aufreizend geschminkt und tragen enge, flotte Kleidung. Eigentlich ist solche Aufmachung im Islam „haram“, streng verboten, aber die Religionspolizei schreitet nicht ein. Eine Frau spricht mich an: Wie viele Kinder ich habe, will sie wissen. Eins, sage ich. Da lacht sie. Auch das ist ungewöhnlich: Eine muslimische Frau spricht einen fremden Mann an – ihr Gatte steht etwas entfernt und guckt zu.

„Down with USA“

In Teheran fällt mir an einer Hauswand ein Schriftzug ins Auge: „Down with USA“ (Nieder mit den USA). Ich hole meinen Fotoapparat aus der Tasche, ein junger Mann spricht mich an: Das ist nicht die Meinung der Mehrheit des Volkes, das kommt von oben. Der Staat schürt Hass – der junge Iraner will mich davon abhalten, falsche Schlüsse zu ziehen. Ich frage ihn, ob er in den USA studieren wolle. Viele junge Iraner tun das, er wolle das auch, die Universitäten dort seien die besten.

Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran, heute ein Museum

Mein Ziel ist die ehemalige US-Botschaft, heute ein Museum. Wie komme ich hin? Der künftige Student geht mit mir zur Metro, kauft mir ein Ticket und begleitet mich bis zum Ziel. Zu sehen ist eine Skulptur, wie iranische Studenten 1979 nach der islamischen Revolution die Botschaft stürmten und die Mitarbeiter als Geiseln nahmen. Sie stellten die Forderung, der ehemalige Herrscher Mohammad Reza Schah Pahlavi solle von den USA ausgeliefert werden, um im Iran wegen vieler Verbrechen vor Gericht gestellt zu werden. 444 Tage dauerte die Gefangennahme – die größte Demütigung der Amerikaner.

Eine junge Frau im Tschador, Studentin und Ehrenamtliche im Museum, spricht perfektes Englisch. Sie erklärt mir: Wir haben nichts gegen das amerikanische Volk, aber wir verachten die Kriege der USA. Sie wollen Macht über den ganzen Mittleren Osten. Warum meinen sie, wir seien böse? Wir haben kein Land angegriffen.

Entspannung in der Wasserpfeifenbar

Nach so viel Politik, brauche ich Entspannung. In einer Wasserpfeifenbar. Als ich rein komme, schrecken die Raucher auf – ein Außerirdischer! Sie beobachten mich: wie ich „double apple“ bestelle, ein Mundstück aufsetze, kräftig anrauche bis der Glaskrug mit Dampf gefüllt ist – und wie ich dann den dicken Qualm genüsslich mit dicken Backen ausstoße. Prüfung bestanden.

Aus dem Orient stammt das Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Dieser stille, von Qualm eingehüllte Raum, der auf Dekoration verzichten kann, nimmt mich gleich ein. Er überträgt auf mich seine Ruhe, seine Distanz zu allem Trubel der Stadt, zur Politik – im Augenblick ist das alles weit weg. Da ist er wieder – der Zauber.

Bei der evangelischen Gemeinde in Teheran

Mein Bauch ist dick und rund geworden – der Chef ließ mir unablässig Tee bringen. Für Tee und Shisha habe ich 50.000 Riyal (Euro 1,30) bezahlt. Dem Bösen begegne ich einfach nicht – wo steckt es? In der deutschen evangelischen Kirchengemeinde in Teheran sicher auch nicht. Die Gemeinde beschäftigt sich mit Martin Luther – der Reformator weckt bei den Deutschen in der Fremde Heimatgefühle.

Dem Bösen begegne ich einfach nicht – wo steckt es bloß?

Ich treffe auf Justus Kemper, den Leiter der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft. Er ist zum Islam konvertiert. Als Ehemann einer muslimischen Frau musste er dazu bereit sein, um die Form, die religiöse Einheit der Familie, zu wahren. Der Staat erwartet von ihm nichts weiter, er brauchte sich nicht einmal beschneiden zu lassen. Die Gemeinde gehört zu den anerkannten Kirchen wie auch die alte armenische Kirche – beide erfahren die Toleranz des Staates, wenn sie sich an die Regeln halten. Die oberste lautet: Keine Mission! Kein Kontakt zu den Untergrundkirchen konvertierter Muslime! In der Gemeinde höre ich viel Gutes über das Gastland – und viel Kritik an westlichen Medien. Kemper: Der Iran ist viel besser. Die Berichterstattung ist einseitig.

Auf meinem Weg zum Hotel komme ich wieder an der „weihnachtlichen“ Holzbude vorbei. Es gibt Tee und Kekse, wir kennen uns mittlerweile. Meine neuen Bekannten kündigen mir ein besonderes Ereignis an: Heute wird ein Kamel geschlachtet. Ich trinke schnell aus und finde einen Grund, mich zu verabschieden.

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