<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Reisereportage &#8211; evangelische aspekte</title>
	<atom:link href="https://www.evangelische-aspekte.de/rubrik/reisereportage/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.evangelische-aspekte.de</link>
	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
	<lastBuildDate>Sun, 18 Apr 2021 17:31:39 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/cropped-ea-Logo_web-1-32x32.png</url>
	<title>Reisereportage &#8211; evangelische aspekte</title>
	<link>https://www.evangelische-aspekte.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Mit dem Transrapid durch Shanghai</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/mit-dem-transrapid-durch-shanghai/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/mit-dem-transrapid-durch-shanghai/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Feb 2019 20:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 1, Februar 2019]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrolle]]></category>
		<category><![CDATA[Peking]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Überwachung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=3037</guid>

					<description><![CDATA[Wer als kirchlicher Mitarbeiter ins Land kommt, ist in China von vornherein verdächtig. Doch trotz der massiven Kontrolle und Überwachung lassen sich überraschende persönliche Erfahrungen machen. Schon nach zehn Tagen versteht man besser, was die Gesellschaft im Reich der Mitte antreibt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer als kirchlicher Mitarbeiter ins Land kommt, ist in China von vornherein verdächtig. Doch trotz der massiven Kontrolle und Überwachung lassen sich überraschende persönliche Erfahrungen machen. Schon nach zehn Tagen versteht man besser, was die Gesellschaft im Reich der Mitte antreibt.</p></blockquote></div>
<p>In China musste ich öfter an meine schon lange verstorbene Großmutter denken: „Ordnung ist das halbe Leben“, war eine ihrer Weisheiten, die sie mir mit auf meinen Weg gab. In China schien mir Ordnung und Kontrolle fast das ganze öffentliche Leben auszumachen. Schon die Visumbeantragung machte mir klar, dass ich den Behörden als potentieller Störenfried galt. Gerade mal zehn Tage Aufenthaltszeit gewährte man mir – weil ich als Mitarbeiter einer ausländischen religiösen Macht unter Verdacht stand. Und die zehn Tage auch nur, nachdem ich und auch meine Kirche schriftlich zugesichert hatten, dass ich in keiner Weise missionarisch aktiv sein würde.</p>
<h2>Die neue technologische Weltmacht</h2>
<p>Am Flughafen in Shanghai orientierte ich mich zielstrebig in Richtung „Maglev“, auf die Fahrt mit „unserem“ Transrapid war ich richtig gespannt. Zahlreiche Ordnungskräfte in Uniformen wiesen mir mit heftigen Hand- und Armbewegungen an, wo ich mich anzustellen hatte. Auf dem Bahnsteig des Hochgeschwindigkeitszuges aus Deutschland kam ich mit einem Chinesen ins Gespräch. Er fragte mich scheinheilig: „Der fährt doch auch bei euch, oder?“ Was er mir durch die Blume sagen wollte: Ihr habt ihn gebaut, aber nicht auf die Schiene gebracht; ihr seid gescheitert, wir Chinesen haben das geschafft; ihr im Westen seid die alte Weltmacht – wir sind die neue.</p>
<p>Zwei Minuten vor Abfahrt schloss der Zug, wer zu spät kam, blieb draußen. Auf die Minute geht es los. Die Beschleunigung bis 150 Stundenkilometer kannte ich vom ICE, 250 auch noch, dann 300 – wir flogen an den Fahrzeugen auf der Autobahn vorbei. Ich stellte mich in den Gang, um das heftige Vibrieren des ganzen Zuges bei 431 km/h zu erleben &#8211; halb so schnell wie ein Flugzeug. Er legte sich in die Kurve wie die Alpina-Bahn auf dem Bremer Freimarkt.</p>
<figure id="attachment_3065" aria-describedby="caption-attachment-3065" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-3065 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_3.jpg 400w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><figcaption id="caption-attachment-3065" class="wp-caption-text">Pfarrerin Dr. Annette Mehlhorn wagt sich an manchen Tagen nur mit Schutzmaske aus dem Hochhaus (Shanghai). Foto: Volker Keller</figcaption></figure>
<p>Vor dem Bahnhof zeigte ich einem Taxifahrer chinesische Schriftzeichen, die Adresse der Pfarrerin der deutschen-evangelischen Kirchengemeinde, meiner Gastgeberin. Er tippte die Straße in seinen Bordcomputer ein und fuhr mich mit starker Beschleunigung und ganz leise durch den Großstadtverkehr. Sein Auto steht für Zukunft, für die Zukunft des Elektromotors. In keinem anderen Land der Welt habe ich so viele E-Fahrzeuge gesehen, kein einziges Moped hat noch einen Verbrennungsmotor. China ist Spitze – und Diesel-Deutschland? Eine technologische Großmacht im Abgang.</p>
<h2>Ordnung und Sicherheit gehen über alles</h2>
<p>Der deutsche MAN-Ingenieur, der regelmäßig die Gottesdienste in der Kirche All Saints besucht, lässt sich beeindrucken vom Schwung, vom Optimismus der Chinesen. Er fühlt sich in China wie früher zu Hause in der DDR: In der Kirche hängt an einer antiken Säule eine Kamera. In ihrer Predigt zeigte Annette Mehlhorn auf den „Großen Bruder“, der mit sehe und mithöre, sie meinte den kommunistischen Staat.</p>
<p>Überall in der Stadt blickt man in Kameras und in Kontrollpupillen unzählbarer Polizisten und Wachmänner. Den normalen Chinesen scheint das nicht zu stören. Ordnung und Sicherheit gehen ihm über alles, die Störung der öffentlichen Ordnung empfindet er als bedrohlich. Staatsphilosoph Konfuzius lehrt nichts anderes: Gesellschaftliche Harmonie entsteht dann, wenn jeder seine Stellung und seine Pflichten in einer hierarchischen Ordnung einhält, wenn sich der Sohn dem Vater, der Angestellte dem Chef und der Bürger dem Staat unterordnet. Als ich fast zu spät zu meiner gebuchten Rundfahrt auf dem Shanghaier Stadtfluss kam, wollte ich eine mir sinnlos erscheinende Absperrung umgehen, um schneller aufs Schiff zu kommen – und löste Turbulenzen beim Personal aus und erntete misstrauische Blicke der Einheimischen. Schon klar: Ordnung ist das halbe Leben oder sogar noch mehr.</p>
<h2>Im Visier chinesischer Frauen</h2>
<p>Nach meiner kleinen Kreuzfahrt auf dem Huangpu, es ging vorbei an den Wolkenkratzern des Weltfinanzzentrums im Viertel Pudong, verbrachte ich den Abend am Bund, auf der Bummelpromenade am Flussufer. Mir wurde schnell bewusst, dass ein einzelner Mann für Chinesinnen einsam erscheinen muss und ihrer Meinung nach dringend Hilfe braucht. Im besten Englisch sprach mich eine höfliche, gut aussehende Dame in konservativer Kleidung an. Ich freute mich über ihr Interesse an meinem Herkunftsland und über meine Lebenseinstellung.</p>
<p>Von der circa 30-jährigen Frau mit langen schwarzen Haaren erfuhr ich, wie hart das Leben in der Stadt sei. Um die Miete bezahlen zu können, bräuchte man zwei Jobs. Und wenn die alten Eltern dann noch krank würden und eine teure Behandlung nötig wäre, ginge das an die Grenze der Belastbarkeit. Aber es würde ja alles von Jahr zu Jahr besser, der Wohlstand wachse. Da tauchte er wieder auf, der Optimismus. Und dann erfuhr ich, was sie als zweiten Job machte – sie bot mir eine Massage an. Ich lehnte ab – was sie nicht verstand: „Du bist doch allein, das ist doch nicht schön.“ Auch die zweite, dritte, vierte gepflegte Dame verstand nicht, dass ich gerne allein fremde Städte erkunde. Verbotene Prostitution unter den Augen der Polizei? Bei Ausländern gilt die Ordnung nicht, wehe aber ein chinesischer Mann wird unsittlich angesprochen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Von Jahr zu Jahr wird alles besser…“</p></blockquote></div>
<p>Die Pfarrerin erzählte mir von mancher gerissenen jungen chinesischen Frau, angestellt in einer deutschen Firma, die sich zum Ziel setzt, ihren Chef rumzukriegen. Weniger aus Liebe: Gelingt es ihr, hat sie ausgesorgt und kann ihre Eltern versorgen. Annette Mehlhorn hat schon einige deutsche Familien in solcher Lage begleitet. „Wären wir bloß nie nach Shanghai gegangen“, resignierte eine von ihrem Mann verlassene Ehefrau.</p>
<h2>Mitlaufen, mitfließen, wegschauen</h2>
<p>Von der Promenade ging ich durch die Nankingstraße mit vielen teuren Geschäften. Die Ohren taten mir bald weh, weil Polizisten mit ihren grellen Trillerpfeifen die Fußgänger auf den überfüllten Bürgersteigen leiteten. Wehe, einer trat auf die Straße. Einfach mitlaufen, mitfließen, anders ging es gar nicht, keinen Widerstand leisten, keine Abweichung von der Ordnung. Genau das lehrte ja auch der zweite große Philosoph Chinas, Laotse: „Geh nicht gegen die natürliche Ordnung der Dinge an, vergeude keine Kraft! Sieh, das Wasser, es schlängelt sich an den Hindernissen vorbei. Es will nicht aufwärts fließen, sondern nutzt den Schwung des abschüssigen Weges.“</p>
<figure id="attachment_3066" aria-describedby="caption-attachment-3066" style="width: 1014px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2.jpg"><img decoding="async" class="wp-image-3066 size-large" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2-1024x600.jpg" alt="" width="1024" height="600" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2.jpg 1024w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/China_2-300x176.jpg 300w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption id="caption-attachment-3066" class="wp-caption-text">Religion hat keinen hohen Stellenwert für Chinesen. Manche bitte den Happy Buddha um Glück (Foto: Volker Keller).</figcaption></figure>
<p>Ohne große Anstrengung erreichte ich die tief unten liegende Metrostation. Alle drei Minuten raste ein Zug in den Bahnhof, einen Sitzplatz bekam ich trotzdem nie – so voll war er. Auf einmal fiel ein Mann um und war ohnmächtig. Alle Mitfahrenden wichen zu Seite, guckten verdutzt ohne Anstalten zu machen, etwas zu tun. Der Mann rappelte sich aus eigener Kraft wieder auf. Als Deutscher schimpfte ich in mich hinein und beklage Gleichgültigkeit. Aber so einfach lässt sich das Phänomen nicht erklären. In ihren Vorbereitungskursen lernen Mitarbeiter deutscher Firmen, die nach China gehen sollen, dass sie auf keinen Fall Hilfe leisten sollen. Dadurch würden sie nämlich in eine Art verwandtschaftliche Beziehung zum Verunglückten treten und der dürfte nach chinesischem Recht Ansprüche auf weitergehende Unterstützung erheben – auf Geld für seine ärztliche Behandlung zum Beispiel. Also schön weggucken oder einfach die Augen zumachen, als ob man schliefe und nichts mitbekäme. So wie die Chinesen, die überall in der Stadt in tiefen Kurzschlaf fallen, sogar im Café eine Mutter mit Kind.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Verunglückten Menschen auf keinen Fall Hilfe leisten.</p></blockquote></div>
<p>Ein anderer Schnellzug sollte mich in guten vier Stunden nach Peking, in die Hauptstadt bringen. Nach zahlreichen Pass- und Gepäckkontrollen wie an einem Flughafen bestieg ich den Fuxing. Auf die Minute fuhr er los und kam pünktlich an. Unzählige Hinweise durch Lautsprecher bestimmten, was während der Fahrt zu tun und zu lassen war. Sorgsam mit der Waggoneinrichtung umzugehen, war einer. Da sollte mal jemand wagen, seine Füße mit dreckigen Schuhen auf das Sitzpolster zu stellen…</p>
<h2>Wie wird die Zukunft schmecken?</h2>
<figure id="attachment_3069" aria-describedby="caption-attachment-3069" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken.jpg"><img decoding="async" class="wp-image-3069 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Heuschrecken.jpg 400w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><figcaption id="caption-attachment-3069" class="wp-caption-text">in der berühmten Esstraße im Viertel Wafuying/Peking gibt es Köstlichkeiten am Spieß, hier vor dem Frittieren (Foto: Volker Keller).</figcaption></figure>
<p>Mein Hotel bezog ich im Stadtteil Wangfujing, nicht weit entfernt von der berühmten Straße der Leckereien. Man geht durch ein buntes Tor und augenblicklich überfällt den Besucher Appetit. Ich fragte mich, was ich denn probieren wollte. Vielleicht die aufgespießten Käfer, die noch zappelten. Ein Koch deutete mir an, dass sie ja nicht roh gegessen werden müssten, sondern frittiert würden. So eine Art chinesische Pommes könnte man sagen. Oder doch eher die knusprigen Skorpione? Oder die Heuschrecken, Maden oder Würmer?</p>
<p>Ich entschied mich für die Heuschrecken und bestellte eine kleine Portion. Von Experten aus meinem Land wusste ich, wie eiweißhaltig Heuschrecken sind und dass sie Hauptbestandteil der Ernährung der Zukunft werden könnten. Wie wird die Zukunft also schmecken? Eine kleine Unsicherheit verzögerte den ersten Biss, aber dann knackte es schon zwischen den Zähnen. Ich hatte Heuschrecke in Chili bestellt und schmeckte eigentlich nur Schärfe. Dschungelcamp mitten in der Stadt – China ist anders.</p>
<h2>Die Wiedergeburt des alten Reiches</h2>
<p>Gegenüber dem riesigen Kaiserpalast in der Verbotenen Stadt mit seinen angeblich 999 Gebäuden wirkt der Buckingham Palast wie der Dienstsitz eines Ortsvorstehers. Wer den Palast besucht, bekommt einen Eindruck von der vergangenen Größe Chinas und versteht, was Präsident Xi antreibt – die Wiedergeburt des Reichs in der Mitte der Welt.</p>
<p>Die Leistung dieses Landes erscheint nahezu unüberbietbar. Seit 1978, in nur vierzig Jahren, hat China eine Entwicklung vom Entwicklungsland zum Industrie- und Hochtechnologieland vollbracht, nimmt heute den Rang der größten Handelsnation der Welt ein. Die Kommunistische Partei hält mit Überwachung und Strenge die 1,4 Milliarden Menschen in 55 Volksgruppen (Han, Tibeter, Mongolen, Uiguren…) zusammen – Rebellion würde den Aufschwung gefährden.</p>
<h2>„Den Wind fangen“</h2>
<p>Am frühen Morgen machte ich mich auf in den nächstgelegenen Stadtpark, um das traditionelle China zu erleben. Es herrschte schon eifriger Betrieb. Ich beobachtete eine Gruppe älterer Männer und Frauen und versuchte mich dann selbst in Qi Gong. Ein Chinese kam zu mir und wies mir höflich einen Platz zwischen den Anderen an. Er nahm meine Hand und führte sie in einem weiten Bogen hoch und oben von rechts nach links und wieder runter – „den Wind fangen“. Dazu sollte ich tief ein- und ausatmen. Ich fand mich eingeordnet – in Reihe und Glied. Wir bewegten uns alle gleich – was für ein harmonisches Bild. Machte ich etwas falsch, amüsierten sie sich über mich. Der Große Bruder schaute nicht zu – dort jedenfalls nicht.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/mit-dem-transrapid-durch-shanghai/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Was macht China mit den Menschenrechten?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/was-macht-china-mit-den-menschenrechten/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/was-macht-china-mit-den-menschenrechten/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Albert Scherr]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Aug 2018 13:30:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 3, August 2018]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2680</guid>

					<description><![CDATA[Dass es zahlreiche Gründe gibt, über Menschenrechtsproblematiken in China zu reden, ist offenkundig. Weniger offenkundig und kaum bekannt ist, dass es gleichwohl möglich ist, in China über Menschenrechte zu reden. Stellt sich die Frage nach dem Wie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dass es zahlreiche Gründe gibt, über Menschenrechtsproblematiken in China zu reden, ist offenkundig. Weniger offenkundig und kaum bekannt ist, dass es gleichwohl möglich ist, in China über Menschenrechte zu reden. Stellt sich die Frage nach dem Wie.</p></blockquote></div>
<p>Am Anfang dieser soziologischen Reisebeobachtungen sollen einige knappe Hinweise zu Menschenrechtsproblematiken stehen:</p>
<ul>
<li>Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist in China nicht gewährleistet, auch nicht der freie Zugang zu Informationen – das Internet wird zensiert und internationale Verlage müssen sich einer Zensur unterwerfen, um den chinesischen Markt beliefern zu können. Zum Beispiel dürfen keine kritischen Überlegungen zu Taiwan und Tibet gedruckt werden.</li>
<li>400 Millionen Menschen leben in China in absoluter Armut. Die ca. 300 Millionen Wanderarbeiter sind massiv benachteiligt, da zentrale Rechtsansprüche (Sozialleistungen, Schulbesuch, Wahlrecht) nicht oder nur eingeschränkt an den Arbeits- und Lebensorten, sondern nur in den Herkunftsgemeinden in Anspruch genommen werden können.</li>
<li>Eine organisierte politische Opposition existiert nicht und zivilgesellschaftliche Proteste werden unterdrückt – so während meiner Reise aufkeimende Proteste gegen die Vertreibung von Wanderarbeitern aus der Stadt, ein Vorgang, auf den ich noch eingehen werde.</li>
<li>Nach wie vor wird Paaren die Zahl der zulässigen Kinder vorgeschrieben, auch wenn diese von eins auf zwei erhöht wurde.</li>
</ul>
<h2>Elektronische Überwachung und privilegierte Isolation</h2>
<p>Diese Liste ließe sich fortsetzen. Um diese durch einen ersten Reiseeindruck zu ergänzen: In der Verlängerung des Tian’anmen-Platzes schmückt ein großes Mao-Portrait das Eingangsgebäude der historischen verbotenen Stadt. An die Todesopfer von Maos Versuch der Zwangsindustrialisierung („Großer Sprung nach vorn“) wird dort ebenso wenig erinnert wie an den Terror der Kulturrevolution und – man ist versucht zu sagen: natürlich – auch nicht an die Toten des Tian’anmen-Massaker von 1989. Indirekte Erinnerungsspuren daran sind die vollständige elektronische Überwachung des Platzes, die offenkundige massive Präsenz von Polizisten und Soldaten (nur Männer!) und die unsichtbare Präsenz von Geheimpolizisten. Eine gewisse Ironie der Geschichte ist darin zu sehen, dass sich neben der nunmehr touristisch erschlossenen historischen verbotenen Stadt die gegenwärtige verbotene Stadt befindet: der unzugängliche Wohnbezirk der Partei- und Staatsspitze.</p>
<p>Gleichwohl nimmt die Politik des chinesischen Staates die Menschenrechte für sich in Anspruch, statt die Option zu ergreifen, sich auf die Tradition der marxistischen Menschenrechtskritik oder die Option einer Ablehnung der Menschenrechte als vermeintlich spezifisch westlicher Werte zu berufen: Ausgangspunkt meiner Reise nach Peking war die Einladung zu einem deutsch-chinesischen Menschenrechtsdialog, den das Büro der Pekinger Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Chinesischen Stiftung zur Förderung der Menschenrechte (CFHRD) veranstaltet.</p>
<h2>Funktion der Menschenrechtsdiskussion in China</h2>
<p>Erklärtes Ziel der regierungsnahen CFHRD ist „die Entwicklung und Verbesserung der Menschenrechtssituation in China, die Verbesserung der Verständigung und der Kooperation zwischen dem chinesischen Volk und Menschen aus anderen Ländern über das Thema der Menschenrechte und der gemeinsame Einsatz für Menschenrechte“. Über Menschenrechte kann und soll in China also im Auftrag einer regierungsnahen Institution geredet werden, wenn auch nur im Kreis ausgewählter Expert(inn)en. Der Menschenrechtsdiskurs findet jedoch keineswegs nur im kleinen elitären Kreis statt: Am 16.12.2017 veröffentlicht die in Peking herausgegebene <em>China Daily</em> ein umfangreiches Dokument des Staatsrats der Volksrepublik China, also der höchsten Ebene der politischen Administration, mit dem Titel „New Progress in Legal Protection of Human Rights in China“, also einen menschenrechtlichen Fortschrittsbericht. In einer meinen Eindrücken nach typischen Rhetorik, die Probleme nur indirekt und zwar dadurch benennt, dass beschlossene Lösungsansätze verkündet werden, werden dort verschiedene rechtliche und administrative Maßnahmen bekanntgemacht.</p>
<p>Diese sollen vor allem die Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, die Bindung der politischen Organe an geltende Gesetze, aber unter anderem auch den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt gewährleisten sowie die Verwendung von Beweisen in Strafverfahren verhindern, die durch illegale Verhörpraktiken erzielt wurden. Damit werden bestehende Probleme benannt. Denn gäbe es diese Probleme nicht, müssten sie nicht angegangen werden. Insbesondere in den ländlichen Regionen scheint es mit der Bindung des staatlichen Gewaltmonopols an Gesetze nicht weit her zu sein. Die lokalen Potentaten haben nahezu unbeschränkte Macht – so die Auskunft eines Informanten, der hier nicht genannt werden kann. Gleichzeitig wird in diesem Dokument festgestellt: „Nie zuvor haben die Menschen in China derart weitreichende wirtschaftliche, soziale, kulturelle, bürgerliche und politische Rechte genossen wie heute.“</p>
<p>Ist dies mehr als bloße Propaganda? In vielerlei Hinsicht zweifellos nicht. Gleichzeitig kann aber nicht bestritten werden, dass in bestimmten Hinsichten ernstzunehmende politische Anstrengungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu beobachten sind.</p>
<h2>Freiwerden von Armut gilt als erstes Menschenrecht</h2>
<p>Was Peking mancherorts wie eine amerikanische Großstadt aussehen lässt, die Effekte einer kapitalistischen Industrialisierung einschließlich eines enormen Autoverkehrs und der Kathedralen des Konsums, ist Ausdruck einer Politik, deren erklärtes Ziel die Schaffung eines bescheidenen Wohlstands für alle ist. Und das heißt in China: Die Forcierung einer wirtschaftlichen Entwicklung durch die Schaffung eines freien Marktes für Investitionen, Waren und Arbeitskräfte, mit der die absolute Armut von 400 Millionen Menschen überwunden werden soll. Dementsprechend war im Rahmen des Menschenrechtsdialogs immer wieder der Satz zu hören, dass die Überwindung der Armut „im größten Entwicklungsland der Erde“, so die Standardformulierung, der notwendige erste und vorrangige Schritt der menschenrechtlichen Entwicklung sei.</p>
<figure id="attachment_2724" aria-describedby="caption-attachment-2724" style="width: 1014px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2724 size-full" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920.jpg" alt="" width="1024" height="602" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920.jpg 1024w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Pixabay_poverty-186167_1920-300x176.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a><figcaption id="caption-attachment-2724" class="wp-caption-text">Die Überwindung der Armut gilt in China als erster Schritt menschenrechtlicher Entwicklung (Foto: Pixabay, CC0).</figcaption></figure>
<p>Dem ist schwer zu widersprechen. Zweifellos ermöglicht es diese Perspektive aber auch, die Gewährleistung individueller Rechte und politischer Freiheiten auf sehr unbestimmte Zeit zu vertagen – nach dem Modell einer staatszentrierten Entwicklungsherrschaft, die sich der bekanntlich widersprüchlichen und begrenzten Freiheiten der kapitalistischen Ökonomie bedient.</p>
<h2>Verbesserung der Infrastruktur mit allen Mitteln</h2>
<p>Die Freisetzung des Marktes führt zu einer rasanten Entwicklungsdynamik. Dies wird sichtbar in den massiven Problemen, den Transport in einer inzwischen auf 23 Millionen Einwohner angewachsenen Stadt aufrechtzuerhalten. Eine der dagegen gerichteten Maßnahmen ist der Ausbau der Pekinger U-Bahn, eine andere, aktuelle, die Vertreibung von zahlreichen Wanderarbeitern aus der Stadt: Im Dezember 2017 wurde massiv begonnen, deren Wohnungen niederzureißen, unter dem Vorwand des Brandschutzes, faktisch aber mit dem Ziel der vorübergehenden Bevölkerungsverringerung. Dementsprechend sind inzwischen bereits auch vielfältige Angebote des Kleingewerbes aus der Stadt verschwunden, die von Wanderarbeitern betrieben worden waren. Nach wie vor aber sind Taxifahrer ohne Lizenz, fliegende Händler und in kleiner Zahl auch Bettelnde an zentralen Plätzen der Innenstadt sichtbar.</p>
<p>Auch in China zeigt sich der klassische Effekt marktwirtschaftlicher-kapitalistischer Entwicklung: Wachsende Ungleichheit in Verbindung mit zunehmendem Wohlstand der Ober- und Mittelklassen. Im Pekinger Alltag wird dies in verschiedenen Formen sichtbar – so etwa an der erheblichen Zahl teurer Autos auf den Straßen, insbesondere deutscher Firmen, die hier einen hervorragenden Ruf genießen (Porsche, BMW, Audi, VW). Alles, was der globale Warenmarkt an Luxusgütern zu bieten hat, ist auch in Peking zu finden und findet seine Käufer, obwohl die Preise häufig höher sind als in Europa oder den USA.</p>
<h2>Sinnenfällige Armut, demonstrativer Luxus: Chinas Klassengesellschaft</h2>
<p>Gleichzeitig ist die Stadt durchzogen von den Hutong-Siedlungen, von flachen, ärmlichen Häuserkomplexen, in denen sich mehrere Familien eine Toilette teilen. Und inmitten dieser Siedlungen kann man Orte finden, wie sie fast identisch auch in Berlin anzutreffen sind – so einen Club mit Glaswänden, der hochpreisige Biere aus aller Welt anbietet. Die Jugend der Reichen schafft sich auch in Peking ihre Orte des Vergnügens. In symptomatischer Weise sichtbar wird Ungleichheit in den einheimischen Zigarettenmarken: deren gestaffelte Preise liegen in der Spannweite von zwei bis zehn Euro pro Schachtel, ermöglichen also einen Konsum, der demonstrativ den eigenen Wohlstand anzeigt.</p>
<p>Ist China also eine Klassengesellschaft? Obwohl die Daten der Vermögens- und Einkommensstatistik hier eine klare Sprache sprechen, ist die so gestellte Frage unzulässig. In China leben z.B. weltweit die meisten Milliardäre und der Gini-Index, ein international übliches Maß zur Messung wirtschaftlicher Ungleichheit liegt deutlich über dem deutschen Niveau. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung verfügt über 13,9% des gesamten Einkommens, die ärmsten 50% verfügen über 14,8%. Aber die explizite Frage nach Klassenverhältnissen wird im Gespräch von der Übersetzerin zunächst als unnötige Provokation kommentiert und dann zwar doch übersetzt, aber von den Angesprochenen nur ausweichend beantwortet. Sie rührt offenkundig an die Grenzen des Zulässigen im Diskurs über den Sozialismus chinesischer Prägung in einer neuen Ära, in der Xi Jinping der Status eines legitimen Nachfolgers Maos, eines politischen und ideologischen Führers von historischer Bedeutung, zugewiesen ist.</p>
<h2>Männliche und weibliche Rollenstereotype in konfuzianischer Tradition</h2>
<p>Bestandteil der Programmatik dieser Ära ist auch das Ziel, Gleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen, in der traditionelle Vorstellungen über vermeintlich typisch Männliches und vermeintlich typisch Weibliches nach wie vor hoch einflussreich sind. Sie werden von chinesischen Gesprächspartnern auf die konfuzianische Tradition zurückgeführt, und damit auf eine Tradition, die im augenscheinlichen Widerspruch zur Programmatik der Geschlechtergleichstellung als Element der Abgrenzung gegen den Westen wieder gestärkt werden soll. Sichtbar werden diese Stereotype in der Praxis, das Geschlecht künftiger Kinder vorgeburtlich zu bestimmen und durch Abtreibungen zugunsten von Jungen zu beeinflussen. Der Effekt davon ist ein Männerüberschuss von 20% in der Generation derjenigen, die in Zeiten der Ein-Kind-Politik geboren wurden. Diese Praxis soll nunmehr überwunden und der „wirtschaftliche und soziale Status von Familien mit Töchtern in den ländlichen Regionen verbessert“ werden, wie es in einem Dokument zur Entwicklung von Kindern heißt. Auch diesbezüglich war vieles über erforderliche Anstrengungen zur Überwindung bestehender Probleme, weniger aber über das Ausmaß der Probleme selbst zu erfahren.</p>
<p>Im abendlichen Gespräch darauf angesprochen, dass doch bereits zu Maos Zeiten die Gleichstellung von Frauen und Männern Programm war, antwortet ein chinesischer Wissenschaftler lächelnd, dass Mao die Frauen für die Revolution brauchte, aber danach kein Interesse an einer Veränderung der tradierten Geschlechterordnung mehr hatte. Darin zeigt sich: Auch auf der Seite chinesischer Wissenschaftler/innen ist Kritik an den Verhältnissen durchaus denkbar. Öffentlich artikuliert werden kann solche offene Kritik aber nicht.</p>
<h2>Große ungelöste ökologische Probleme</h2>
<p>In Reaktion auf riesige Umweltprobleme, die in Peking als massive wiederkehrende Smog-Belastung im wörtlichen Sinn sichtbar sind, ist die Förderung einer ökologisch verträglichen Entwicklung ein weiteres zentrales Ziel der Xi-Jingping-Ideologie. Im Alltag der Großstadt zeigt sich dies darin, dass in den inneren Bezirken zahlreiche elektrisch betriebene Mopeds und Roller unterwegs sind, mit Benzin betriebene sind dort verboten. Gleichzeitig wird eine massive Industrialisierung der Landwirtschaft vorangetrieben und die Frage, wie die Energieversorgung ohne die umfangreiche Verbrennung von Kohle sichergestellt werden kann, einer der Hauptursachen des Pekinger Smog, ist unbeantwortet.</p>
<p>Es wäre allzu vereinfacht, sich China als eine von staatlicher Überwachung vollständig durchzogene Gesellschaft vorzustellen. Zwar sind Überwachungskameras in Peking omnipräsent und WeChat, das chinesische Äquivalent zu Google und Facebook, gibt die Nutzerdaten unmittelbar an den Gemeindienst weiter. Im Autoverkehr zeigen sich aber erstaunlich anarchistische Verhaltensweisen – möglicherweise aber nur deshalb, weil diejenigen, die sich ein Auto leisten können, nur geringe Furcht vor Sanktionen haben müssen.</p>
<h2>Menschenrechte im Dienste einer globalen Strategie?</h2>
<p>Abschließend: Darin, dass ein deutsch-chinesischer Menschenrechtsdialog stattfinden kann, bei dem offener und kritischer diskutiert werden kann, als ich erwartet hatte, kann man ein positives Zeichen sehen. Skeptisch ließe sich einwenden, dass die Bezugnahme auf die Menschenrechte für die chinesische Regierungspolitik möglicherweise Bestandteil einer Soft-Power-Strategie ist, die auf Stärkung des eigenen globalen Einflusses zielt. Die Idee, dass die Sprache der Menschenrechte auch als Machtinstrument gebraucht werden kann, wäre jedenfalls keine chinesische Erfindung. Und zugleich wäre zu hoffen, dass sich das emanzipatorische Potenzial der Menschenrechte auch in China nicht vollständig instrumentalisieren und stillstellen lässt.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/was-macht-china-mit-den-menschenrechten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Reise ins „Reich des Bösen“</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/reise-reportage-iran/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/reise-reportage-iran/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:01:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.evangelische-aspekte.de/?p=2537</guid>

					<description><![CDATA[Soll ich es wagen? Oder lieber nicht? Besorgte Freunde und Angehörige raten mir dringend davon ab. Ich mache es trotzdem: Eine Reise ins „Reich des Bösen“, wie ein ehemaliger US-Präsident den Iran bezeichnete. Wie böse ist das Land? Und finde ich dort den „Zauber des Orients“?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Soll ich es wagen? Oder lieber nicht? Besorgte Freunde und Angehörige raten mir dringend davon ab. Ich mache es trotzdem: Eine Reise ins „Reich des Bösen“, wie ein ehemaliger US-Präsident den Iran bezeichnete. Wie böse ist das Land? Und finde ich dort den „Zauber des Orients“?</p></blockquote></div>
<p>Als ich durch Shiraz spaziere, komme ich in Weihnachtsstimmung. Überall schmücken Lichterketten die Straßen, in Holzbuden bieten Männer Tee und Kekse an – kostenlos. Ich gucke mir das an und schon bekomme ich beides und dazu ein herzliches „Welcome in Shiraz!&#8221; Die schiitischen Muslime feiern Muharram, ihr größtes Fest. Sie ehren Hussein, einen Märtyrer. Das Gebäck schmeckt mir nicht mehr, als die Feiernden einer Ziege die Kehle durchschneiden und ihr Blut sich über den Asphalt ergießt. Jeder bekommt ein Stück Ziege für zu Hause. „Bei euch wird gesagt, wir seien ein Terroristenland. Das stimmt nicht. Guck dich um!“, werde ich aufgefordert.</p>
<h2>Freundliches Willkommen und höflicher Rausschmiss</h2>
<p>Der Schah-Cherag-Schrein ist auch einem Märtyrer gewidmet, „König des Lichts“ wird er genannt. Meine Frage, ob ich die Begräbnisstätte betreten dürfe, wird mit einer Gegenfrage beantwortet: „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, sehr gutes Land! Wirtschaftlich stark und sehr ordentliche Menschen.“ Drinnen blendet mich die Helligkeit. Die Wände und die Decke bestehen aus lauter Spiegeln – das Licht der großen Leuchter wird von den Spiegeln zurückgeworfen und verhundertfacht. Ein Foto will ich wagen. Vom Männerbereich, vom Frauenbereich, der durch einen niedrigen Wall getrennt ist, und von den Spiegeln.</p>
<p>Auf einmal Aufregung unter den männlichen Besuchern. Ein Offizieller mit grüner Schärpe kommt auf mich zu und weist mich streng zurecht, weil ich Frauen fotografiert hätte, was verboten sei. Ich sollte draußen weiter fotografieren. Ein höflicher Rausschmiss. Er will meine Fotos sehen. Ich zeige sie ihm, wische aber auf dem Display so schnell das beanstandete Foto beiseite, dass er es nicht sieht. Die anderen sind harmlos. Er ist irritiert und meint, als ob ihm der Aufstand drinnen leid tut, ich könne ja ihn fotografieren – und bringt sich mannhaft in Pose. „Woher kommst du?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, sehr gutes Land! Merkel ist die mächtigste Führerin der Welt. Merk dir das: nicht die Frauen!“</p>
<h2>Literarischer Zauber des Orients</h2>
<p>Shiraz ist berühmt für seine Gärten mit Wasserlandschaften. Und für seinen berühmtesten Sohn, den Dichter Hafez. In seinem Mausoleum erfahre ich: Die Werke von Hafez aus dem 14. Jahrhundert zu lesen, ist genauso gut, wie den Koran zu lesen. Ich bekomme Zweifel an der religiösen Ernsthaftigkeit der iranischen Muslime. So etwas hatte ich in einem arabischen Land noch nie gehört.</p>
<p>Im Park rezitiert ein iranischer Reiseleiter seiner ausländischen Gruppe Liebesgedichte. Und wie! Mit Sinn für Betonung und Klang der Worte. Mit Leidenschaft. In vielen iranischen Familien habe das Rezitieren von Gedichten eine hohe Bedeutung, erklärt er. Wo ist diese Kultur in Deutschland nur geblieben? Wir hatten sie doch mal – zu Goethes Zeiten. Der deutsche Dichter begeisterte sich für Hafez und widmete ihm sogar seine Gedichtsammlung <em>West-östlicher Divan</em>. „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“, dichtete der Meister aus Weimar, der Partnerstadt von Shiraz. Als ich die Gedichte von Hafez fast singen höre, verspüre ich den Zauber des Orients.</p>
<h2>Irgendwelche Regeln gibt es doch</h2>
<p>Der Zauber verfliegt schnell wieder – in plötzlicher Lebensgefahr. Wie kommt man über eine Straße mit zwei mal drei Spuren im ununterbrochenen Strömen der Autos und Motorräder? Es tut sich keine Lücke auf, eine Ampel sehe ich weit und breit nicht. Sie fahren enthemmt wie unter Drogen, Fahrspuren sind nur Dekoration. Ich riskiere es nicht, zu gefährlich. Die einzige Chance: Ich schließe mich einer Gruppe von Einheimischen an. Im Slalom durch die fahrenden Autos schaffen wir es bis zum schmalen Mittelstreifen, kurz durchatmen und das Gleiche bis auf die andere Seite.</p>
<p>Der Stadt-Verkehr in diesem Land ist die Hölle. Ein Verkehrspolizist hält einen Taxifahrer an, der will auf und davon in den dichten Verkehr, gleich sind vier Polizisten da und hauen mit Knüppeln aufs Autodach, einer tritt eine Beule in die Seitentür. Es gibt also doch irgendwelche Verkehrsregeln. Eine Traube von dreißig Männern bildet sich, sie umstellen das Taxi, jeder hat was zu sagen. Ich entferne mich und beobachte die Sache aus sicherer Entfernung. Sie sind nicht aggressiv, eher neugierig und engagiert. Bald löst sich der Haufen auf und alle setzen schwatzend ihren Weg fort.</p>
<h2>„Hitler hätte uns geholfen“</h2>
<p>Nach fünf Stunden Busfahrt erreiche ich Isfahan. Tiefbrunnen liefern Wasser, überall grünt und blüht es. Auch hier komme ich mir vor wie ein Star: Immerzu werde ich angesprochen, werde gegrüßt, will man mir Gutes tun. Weil es von meiner Sorte nur so wenige gibt – der Tourismus läuft nach dem Ende der Sanktionen erst langsam an – stelle ich etwas Besonderes dar.</p>
<figure id="attachment_2586" aria-describedby="caption-attachment-2586" style="width: 227px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2586 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S29_Militärausstellung-237x300.jpg" alt="" width="237" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S29_Militärausstellung-237x300.jpg 237w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S29_Militärausstellung.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px" /><figcaption id="caption-attachment-2586" class="wp-caption-text">Militärausstellung in Teheran (auf dem Bild Revolutionsführer Ayatollah Chamenei)</figcaption></figure>
<p>Abends bummle ich über die Chadschu-Brücke, dem Wahrzeichen der Stadt, und schon muss ich wieder für ein Selfie mit einer Gruppe Jugendlicher herhalten. „Magst du Hitler?“, werde ich schon wieder gefragt. „Nein!“ – „Warum nicht? Er war doch ein starker Führer, er liebte die Arier und wir Iraner und ihr Deutschen seid Arier, wir sind Brüder.“ Die Arier sollen ein Eroberervolk, ein „Herrenvolk“ gewesen sein, das vor Jahrtausenden in der Region des heutigen Iran und Indiens andere Völker zu Sklaven machte. Aus seiner Sprache entstand die indogermanische Sprachfamilie, der auch das Deutsche angehört. Ich reagiere und sage: „Hitler war ein grauenhafter Führer, der fünf Millionen unschuldige Juden umbringen ließ.“ Ich bemerke, dass sie davon nichts wissen. Warum mögt ihr ihn: „Wir hassen die Araber. Die haben uns immer wieder angegriffen. Er hätte uns geholfen.“</p>
<p>Die sunnitischen Araber fielen vor 1.400 Jahren ins sassanidische Persien ein, töteten Hussein, den Sohn des Kalifen Alis, des ersten Schiiten; oder in heutiger Zeit griff der Nachbar Irak nach dem iranischen Öl, ein achtjähriger Krieg forderte Millionen Tote – kein Land der Welt, keine Institution wie die Vereinten Nationen stand den Iranern bei. Das ist ihr Trauma: Übermächtigen Feinden ausgeliefert zu sein – und ganz auf sich allein gestellt.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das iranische Trauma: Übermächtigen Feinden ausgeliefert zu sein.</p></blockquote></div>
<p>Im Basar am Imamplatz sehe ich Hitlers Buch <em>Mein Kampf</em> – und es entsteht ein ähnliches Gespräch mit dem Buchhändler. Einen schöneren Park kann ich mir kaum vorstellen. In der Mitte sprüht eine Wasserfontäne, um den Park klappern Kutschen herum, begrenzt ist die Grünfläche durch die Arkadengänge des Basars, überall lagern Familien und Freundesgruppen auf dem Rasen.</p>
<h2>Freiheit ja, aber eine regulierte</h2>
<p>Hoch in den Himmel ragen die beiden Minarette der Imammoschee mit den Bildnissen von Staatsgründer Ayatollah Khomeini und dem heutigen Revolutionsführer Ayatollah Khamenei. Khomeini sprach von „unseren Juden“ und meinte diejenigen, die seit Jahrhunderten im Iran lebten. Sie genießen den Schutz des Staates.</p>
<figure id="attachment_2587" aria-describedby="caption-attachment-2587" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2587 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S30_Mullah-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S30_Mullah-225x300.jpg 225w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S30_Mullah.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /><figcaption id="caption-attachment-2587" class="wp-caption-text">&#8220;Willkommen, Herr Kollege&#8230;&#8221;</figcaption></figure>
<p>In der Moschee steht ein Religionsgelehrter zum Gespräch für jedermann bereit. Ich stelle mich vor: Ich sei sozusagen ein christlicher Mullah. Er grüßt mich: „Willkommen, Herr Kollege!“ Nach dem Austausch von Nettigkeiten, komme ich zum Punkt: Ich hätte in Bremen einen Iraner getauft, der enttäuscht sein Land verlassen habe. Er sagte mir, viele im Volk wollten keine Herrschaft der Ayatollahs und Mullahs und keine Verpflichtung zur Religion, keinen Kopftuchzwang  – sie wollten Freiheit wie im Westen. In Europa hätten wir die Erfahrung gemacht, dass Freiheit der Motor von Fortschritt und Wohlstand sei. Er hat dazu eine Meinung: Freiheit, ja, aber eine regulierte: „Sieh dir an, was in den Nachbarländern geschieht: Krieg, Bürgerkrieg, Extremismus, Chaos. Davor müssen wir unser Land schützen.“ Sicherheit sei das oberste Gebot. „Der Iran ist sicher und politisch stabil – „erzähle das in Deutschland!“</p>
<p>Werde ich tun. Mir fallen die Frauen im Park auf. Sie tragen alle entweder Tschador – den schwarzen Ganz-Körper-Schleier – oder Kopftuch. Aber wie das Kopftuch? So, dass das Haar weitgehend frei liegt. Das habe ich in arabischen Ländern nie gesehen. Dazu sind viele aufreizend geschminkt und tragen enge, flotte Kleidung. Eigentlich ist solche Aufmachung im Islam „haram“, streng verboten, aber die Religionspolizei schreitet nicht ein. Eine Frau spricht mich an: Wie viele Kinder ich habe, will sie wissen. Eins, sage ich. Da lacht sie. Auch das ist ungewöhnlich: Eine muslimische Frau spricht einen fremden Mann an – ihr Gatte steht etwas entfernt und guckt zu.</p>
<h2>„Down with USA“</h2>
<p>In Teheran fällt mir an einer Hauswand ein Schriftzug ins Auge: „Down with USA“ (Nieder mit den USA). Ich hole meinen Fotoapparat aus der Tasche, ein junger Mann spricht mich an: Das ist nicht die Meinung der Mehrheit des Volkes, das kommt von oben. Der Staat schürt Hass – der junge Iraner will mich davon abhalten, falsche Schlüsse zu ziehen. Ich frage ihn, ob er in den USA studieren wolle. Viele junge Iraner tun das, er wolle das auch, die Universitäten dort seien die besten.</p>
<figure id="attachment_2585" aria-describedby="caption-attachment-2585" style="width: 290px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-2585 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S31_US-Botschaft-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S31_US-Botschaft-300x225.jpg 300w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/S31_US-Botschaft.jpg 600w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-2585" class="wp-caption-text">Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran, heute ein Museum</figcaption></figure>
<p>Mein Ziel ist die ehemalige US-Botschaft, heute ein Museum. Wie komme ich hin? Der künftige Student geht mit mir zur Metro, kauft mir ein Ticket und begleitet mich bis zum Ziel. Zu sehen ist eine Skulptur, wie iranische Studenten 1979 nach der islamischen Revolution die Botschaft stürmten und die Mitarbeiter als Geiseln nahmen. Sie stellten die Forderung, der ehemalige Herrscher Mohammad Reza Schah Pahlavi solle von den USA ausgeliefert werden, um im Iran wegen vieler Verbrechen vor Gericht gestellt zu werden. 444 Tage dauerte die Gefangennahme – die größte Demütigung der Amerikaner.</p>
<p>Eine junge Frau im Tschador, Studentin und Ehrenamtliche im Museum, spricht perfektes Englisch. Sie erklärt mir: Wir haben nichts gegen das amerikanische Volk, aber wir verachten die Kriege der USA. Sie wollen Macht über den ganzen Mittleren Osten. Warum meinen sie, <em>wir </em>seien böse? Wir haben kein Land angegriffen.</p>
<h2>Entspannung in der Wasserpfeifenbar</h2>
<p>Nach so viel Politik, brauche ich Entspannung. In einer Wasserpfeifenbar. Als ich rein komme, schrecken die Raucher auf – ein Außerirdischer! Sie beobachten mich: wie ich „double apple“ bestelle, ein Mundstück aufsetze, kräftig anrauche bis der Glaskrug mit Dampf gefüllt ist – und wie ich dann den dicken Qualm genüsslich mit dicken Backen ausstoße. Prüfung bestanden.</p>
<p>Aus dem Orient stammt das Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Dieser stille, von Qualm eingehüllte Raum, der auf Dekoration verzichten kann, nimmt mich gleich ein. Er überträgt auf mich seine Ruhe, seine Distanz zu allem Trubel der Stadt, zur Politik – im Augenblick ist das alles weit weg. Da ist er wieder – der Zauber.</p>
<h2>Bei der evangelischen Gemeinde in Teheran</h2>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dem Bösen begegne ich einfach nicht – wo steckt es bloß?</p></blockquote></div>Mein Bauch ist dick und rund geworden – der Chef ließ mir unablässig Tee bringen. Für Tee und Shisha habe ich 50.000 Riyal (Euro 1,30) bezahlt. Dem Bösen begegne ich einfach nicht – wo steckt es? In der deutschen evangelischen Kirchengemeinde in Teheran sicher auch nicht. Die Gemeinde beschäftigt sich mit Martin Luther – der Reformator weckt bei den Deutschen in der Fremde Heimatgefühle.</p>
<p>Auf meinem Weg zum Hotel komme ich wieder an der „weihnachtlichen“ Holzbude vorbei. Es gibt Tee und Kekse, wir kennen uns mittlerweile. Meine neuen Bekannten kündigen mir ein besonderes Ereignis an: Heute wird ein Kamel geschlachtet. Ich trinke schnell aus und finde einen Grund, mich zu verabschieden.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/reise-reportage-iran/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Reise und Religion</title>
		<link>/rubrik/reisereportage/</link>
					<comments>/rubrik/reisereportage/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Mar 2018 14:09:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Erschienen in:]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://wordpress.p436630.webspaceconfig.de/?p=2206</guid>

					<description><![CDATA[In loser Folge veröffentlichen wir Reise-Reportagen von Volker Keller. In ihnen wird die religiöse und kulturelle Umgebung mit wachem Blick wahrgenommen und vom Kontakt mit den Menschen vor Ort berichtet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In loser Folge veröffentlichen wir Reise-Reportagen von Volker Keller. In ihnen wird die religiöse und kulturelle Umgebung mit wachem Blick wahrgenommen und vom Kontakt mit den Menschen vor Ort berichtet.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>/rubrik/reisereportage/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Wiedergutmachung und Repression</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/christen-in-der-tuerkei/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/christen-in-der-tuerkei/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 12:28:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 1, Februar 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Antakya]]></category>
		<category><![CDATA[Christen]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheit]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Türkei]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://wordpress.p436630.webspaceconfig.de/?p=1923</guid>

					<description><![CDATA[Als ich mir die Sängerinnen und Sänger des „Chores der Zivilisationen“ aus Antakya ansah, erkannte ich den Priester der syrisch-orthodoxen Kirche in Antakya und einen Mitarbeiter des Obermuftis wieder. Christen, Muslime, Alewiten, Türken, Juden und Armenier singen gemeinsam. Das ist möglich – in Antakya, im Süden der Türkei.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Als ich mir die Sängerinnen und Sänger des „Chores der Zivilisationen“ aus Antakya ansah, erkannte ich den Priester der syrisch-orthodoxen Kirche in Antakya und einen Mitarbeiter des Obermuftis wieder. Christen, Muslime, Alewiten, Türken, Juden und Armenier singen gemeinsam. Das ist möglich – in Antakya, im Süden der Türkei.</p></blockquote></div>
<p>Wenige Monate vor dem Konzert in Bremen hatte ich die Türkei mit einer Gruppe von badischen Kirchenleuten besucht, die alle Erfahrungen im interreligiösen Dialog hatten. Unsere Rundreise begannen wir in Antakya, dem ehemaligen Antiochia. Die Stadt sollte unser Ausgangspunkt sein, um der Frage nach zu gehen, wie das Land mit seiner christlichen Minderheit umgeht.</p>
<h2>„Nachbarschaft ohne Grenzen“ in Antakya</h2>
<p>Im „Haus Pax“ der katholischen Kirche begrüßt uns Ordensschwester Barbara Kallasch. Ihr Gästehaus liegt genau im „Dreieck Abrahams“ zwischen einer katholischen Kirche, einer Moschee und einer Synagoge. „Zu unseren Festen besuchen wir uns“, erzählt sie und beschreibt eine Nachbarschaft ohne Grenzen. Seit 1400 Jahren leben Muslime, Juden und Christen in der Türkei zusammen; als muslimische Eroberer im 7. Jahrhundert kamen, waren die Christen schon dort. Die erste Kirche der Welt, die St. Peters -Kirche, liegt auf einem Stadthügel von Antakya. Sie ist eine unscheinbare Grotte, eine verborgene Höhle, die man nur zu Fuß erreichen kann. Noch heute feiern Christen in der Kirche Gottesdienste.</p>
<p>Zurück in der Altstadt Antakyas präsentiert uns der Pfarrer der syrisch-orthodoxen Kirche ein Originaldokument aus der Zeit osmanischer Herrschaft. Muslime hatten sich beim Sultan über Glockenläuten und christliche Prozessionen beschwert. Der Herrscher wies den Bürgermeister an, für die Gewährleistung der christlichen Gottesdienste zu sorgen. „Durch Toleranz sollte das multiethnische und multireligiöse osmanische Reich zusammengehalten werden“, urteilt der Priester. So weit so gut! Wie passt dazu die Begegnung mit einem Geschäftsbesitzer in der Stadt? Er schloss hinter uns die Tür und erzählte von Schwierigkeiten: Manche Muslime würden nicht mehr bei Christen einkaufen. Anderswo im Lande, besonders im Osten, sei es allerdings schlimmer als in Antakya. Dorthin wollen wir.</p>
<h2>Die armenischen Christen in Vakifli</h2>
<p>Unser nächster Halt ist Vakifli – das letzte Dorf der Armenier in der Türkei. Noch ungefähr 60.000 christliche Armenier leben im Land, vor hundert Jahren – vor dem Völkermord der türkischen Republik an ihnen –  zählten sie noch 1,7 Millionen. 150 zumeist alte Leute bilden die Gemeinde in Vakifli. Die 110 Jahre alte kleine Mutter-Maria-Kirche mit Glockenturm und sichtbarem Kreuz ist von einem Zaun umstellt. Das Gebäude aus hellen Sandsteinquadern ist in bestem Zustand. Der Staat kommt für die Unterhaltung auf und unterstützt auch die Dorfbewohner. Etwas Geld verdienen die Bewohner durch Landwirtschaft und durch Likörverkauf.</p>
<p>Beim Verkosten kommen wir ins Gespräch: Für türkische Nationalisten sei „Du Armenier!“ ein Schimpfwort, erfahren wir. Durch die AKP-Regierung von Tayyip Erdogan sei die politische Lage allerdings besser geworden. Liegenschaften, die unrechtmäßig enteignet wurden, würden zurückgegeben und es dürften wieder Gottesdienste gehalten werden. Wir hören heraus, dass es am besten ist für Armenier, sich unauffällig zu verhalten. Nur zu gut ist den Menschen noch der Mord 2007 am armenischen Journalisten Hrant Dink in Erinnerung. Er hatte öffentlich von „Völkermord an den Armeniern“ gesprochen und sich damit Anklagen und Verurteilungen wegen „Beleidigung des Türkentums“ zugezogen.</p>
<p>Zum Abschluss unseres Besuches kommen unsere Gastgeber auf Antakya zu sprechen. Einige singen dort mit. Der Chor ist ihnen ein Vorbild für die ganze Türkei: So sollten überall Mehrheit und Minderheiten zueinander finden.</p>
<h2>Bei den orthodoxen Christen in Iskenderun</h2>
<p>Im orthodoxen Gottesdienst der Kirche St. Nikolaus in Iskenderun singt ein Chor stundenlang – ohne instrumentale Begleitung. Die Kirche quillt über mit Ikonen. Einer der Gemeindeleiter erklärt uns den orthodoxen Glauben und unversehens verändert sich seine Stimmung von süß auf sauer: Er berichtet, dass nachts ein Sicherheitsdienst gebraucht wird und neun Überwachungskameras – immer wieder komme es zu Brandbombenanschlägen auf orthodoxe Kirchen und Friedhöfe. Teile des eigenen Grundstückes sind für ein Parkhaus und Straßenbau ohne Entschädigung enteignet worden, Baugenehmigungen erhält die Gemeinde nur mit vielen Einschränkungen. Es gebe ja nicht mehr viele Christen in der Türkei und die beiden Töchter des Priesters würden auch weggehen. Sie hätten beste Hochschulabschlüsse und bekämen trotzdem keine Anstellung – weil sie Christen seien, schimpft er. Feste feiern die Christen in Iskenderun gerne zusammen mit den Alewiten, einer anderen Minderheit, nicht mit Muslimen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Christen sind Bürger zweiter Klasse.</p></blockquote></div>
<p>Iskenderun ist überall! Minderheiten machen anderswo gleich bittere Erfahrungen mit dem Staat. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte stellt fest, dass der fehlende Rechtsstatus als Körperschaft öffentlichen Rechts unsichere Besitzverhältnisse begründet. Und nicht nur das: „Christen sind Bürger zweiter Klasse, bürokratischen Schikanen und körperlicher Bedrohung ausgesetzt.“  Nach mehreren Klagen vor internationalen Gerichten, bei denen die Kläger Recht bekamen, bekundete die Regierung Erdogan erstmals 2011, dass enteignete Immobilien zurückgegeben oder Entschädigungen gezahlt werden sollen. Wir fragen den Gemeindeleiter, was er dazu sagt. Ihm fehlt der Glaube. Eine rechtliche Anerkennung bekomme man trotzdem nicht. Erdogan habe ja auch angekündigt, dass bald wieder orthodoxe Priester in der Türkei ausgebildet werden dürfen – wann denn endlich?</p>
<p>Die Begegnung wühlt uns auf. An der sechs Kilometer langen Meerespromenade von Iskenderun suchen wir Entspannung, eine leichte Brise kühlt uns ab. Wir sind angestrengt – und den Osten haben wir noch vor uns.</p>
<h2>Im Kloster Mor Gabriel in Ostanatolien</h2>
<p>Der Weg ist weit zum berühmten Kloster Mor Gabriel in Ostanatolien. Wir passieren Diyarbakir. In Antakya trugen die wenigsten Frauen Kopftuch – hier tragen sie es alle. Diese Region tickt offenbar konservativ – und explosiv: Polizeiwagen ähneln Panzerwagen – wir sind im Kurdengebiet unterwegs.</p>
<p>Hohe Steinmauern umgeben Mor Gabriel, ein im vierten Jahrhundert gegründetes Kloster, eines der ältesten der Welt. In der Berglandschaft des Tur Abdin residiert Metropolit Timotheos Aktas. Tee in Tulpengläsern lässt er anbieten und kommt gleich zur Sache. Wir erfahren, dass viel Zeit aufgewendet werden muss für Prozesse gegen den türkischen Staat, um sich gegen Enteignungen zu wehren. Machtlos ist der Bischoff gegen das Verbot Aramäisch zu sprechen: Die syrisch-orthodoxen Mönche und Priester sprechen die Sprache Jesu, die Verkehrssprache der damaligen Welt am Mittelmeer, aber es ist ihnen untersagt, Religionsunterricht auf Aramäisch zu halten. Die Sprache soll sterben. Es stellt sich mir ein deja-vu-Erlebnis ein: Die gleichen Schilderungen von Enteignungen und Diskriminierung wie in Iskenderun, die gleiche Verbitterung.</p>
<p>Der Metropolit berichtet dann von Morden an Christen in jüngster Zeit. Er habe Angst. Vor ihm sei schon ausgespuckt worden – man habe ihm seine Verachtung zeigen wollen. „Christsein bedeutet Leiden“, resümierte der alte Mann mit weißem langem Bart. Der Bischof beklagt, dass nationalistische Politiker Druck auf Christen ausüben, um sie zur Auswanderung zu treiben.</p>
<p>Timotheos Aktas steht nicht allein da gegen den türkischen Staat – das deutsche Parlament unterstützt ihn. 2012 haben alle Fraktionen zugesagt, sich für den Fortbestand des in seiner Existenz bedrohten Klosters einzusetzen. Zwar erkennen die Parlamentarier das Bemühen der AKP-Regierung um mehr Religionsfreiheit an, erklären aber gerade das Umgehen mit dem Kloster zum Gradmesser für die Ernsthaftigkeit toleranter Politik.</p>
<h2>Ein Kampf der Religionen?</h2>
<p>Vielleicht kann das Kloster geschützt werden, aber die Auswanderung der Christen dürfte sich fortsetzen. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten sie noch 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, heute sind sie geschrumpft auf 0,2 Prozent. Findet hier ein Kampf der Religionen statt, fragen wir nach unserer Rückkehr nach Antakya den Obermufti der Provinz Hattay. Er streitet den Zusammenhang ab. Ethnische Probleme, nicht religiöse stünden im Hintergrund. Der Islam sei tolerant, wie man an Antakya sehe.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Nicht militanter Islamismus, sondern aggressiver Nationalismus ist das Problem.</p></blockquote></div>
<p>Die vielen Eindrücke auf der Reise lassen sich nicht einfach auf einen Nenner bringen. Tatsächlich gibt es keinen offenen militanten Islamismus in der Türkei. Die Religionsbehörde Diyanet wacht streng über die Moscheen und unterbindet jede Radikalisierung – ganz im Sinne der Bevölkerung: Männer tragen nicht Vollbart – sie wollen auf keinen Fall für Islamisten gehalten werden. Mit der Andeutung von „ethnischen Problemen“ gibt der Obermufti der Suche nach Erklärungen eine andere Richtung. Nach Auskunft einheimischer Christen wiederholen sich in Drohbriefen Formulierungen wie diese: „Die Türkei gehört allein den Türken“. Offenbar erkennt man Christen nicht als Türken an. Der Türke hat Muslim zu sein und stolz auf die glorreiche Vergangenheit des muslimischen Osmanischen Reiches. Und der muslimische Türke erwartet von den Fremden Assimilation oder Abgang. Das Problem scheint ein aggressiver Nationalismus zu sein.</p>
<h2>Die Türkei auf dem Weg in die EU</h2>
<p>Welche Rolle spielt Präsident Tayyip Erdogan? Zu Beginn des Beitrittsprozesses zur Europäischen Union hat er den Minderheitenschutz noch einmal ausdrücklich bestätigt und entsprechende Wiedergutmachungen gegenüber den Kirchen angekündigt. Der Wille zu einer Anpassung an europäische Standards scheint sich allerdings abzuschwächen, seit die EU einen Beitritt auf den Sankt-Nimmerleinstag hinausgeschoben hat. Die Verpflichtung zum Laizismus interessiert den Präsidenten nicht mehr. Das bringt seit Mai 2013 in Istanbul und in anderen Städten immer wieder hunderttausende Demonstranten auf die Straße: Sie protestieren gegen eine Islamisierung der Gesellschaft.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/christen-in-der-tuerkei/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wo Lebensfragen auftauchen wie Piratenboote</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/wo-lebensfragen-auftauchen-wie-piratenboote/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/wo-lebensfragen-auftauchen-wie-piratenboote/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 15:54:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 3, August 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Bordseelsorge]]></category>
		<category><![CDATA[Indien]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzfahrt]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Religionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://wordpress.p436630.webspaceconfig.de/?p=1218</guid>

					<description><![CDATA[Bei einer Reise durch den Indischen Ozean kommt keiner an den Religionen vorbei. Die bunten Kulte sind allgegenwärtig und liefern reichlich Eindrücke und Gesprächsstoff. Das bringt selbst bekennende Atheisten zum Nachdenken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Bei einer Reise durch den Indischen Ozean kommt keiner an den Religionen vorbei. Die bunten Kulte sind allgegenwärtig und liefern reichlich Eindrücke und Gesprächsstoff. Das bringt selbst bekennende Atheisten zum Nachdenken.</p></blockquote></div>
<p>In Colombo/Sri Lanka bin ich an Bord gegangen und fragte beim ersten Gottesdienst in der lichtdurchfluteten Lounge auf dem 10. Deck: „Wohin wollen Sie eigentlich?“ Vordergründig in vier Wochen nach Indien, Arabien, Israel und schließlich ins Mittelmeer; hintergründig steht jeder irgendwann einmal vor der Frage, wohin er mit seinem Leben eigentlich will. Dafür ist der Pfarrer an Bord. Ich versehe meinen Dienst im Auftrag der Bordseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland.</p>
<h2>Begegnung mit dem Buddha</h2>
<p>In Colombo habe ich die Gelegenheit, allein an Land zu gehen. Ich handele mit einem Taxifahrer aus, dass er mich für 15 Euro drei Stunden durch die Stadt fährt. Erstes Ziel soll ein buddhistischer Tempel im Stadtsee Beira Lake sein. Ich setze mich vor eine große Buddha-Figur und bestaune die Ruhe in seinem Gesicht mit halb geschlossenen Augen. Eine junge Frau opfert Blumen und lässt sich meine Bitte um Auskunft gefallen: „Was bedeutet Ihnen Buddha?“ – „Er hat Frieden gefunden und ist mein Vorbild. Ich möchte werden wie er.“ Ein Mönch in roter Robe erklärt mir, dass der Buddha sich von schlechten Gedanken lösen konnte, weil er achtsam war. Sein Handy klingelt und Ananda muss zu einem Gemeindemitglied ins Krankenhaus. Er schenkt mir noch ein von ihm verfasstes Buch und schon ist er weg.</p>
<p>Mein Taxifahrer hat auf mich gewartet, er bringt mich nun zur Meerespromenade an der Galle Road. Dort lasse ich zwei Kokosnüsse aufschlagen, wir trinken die Milch und sehen dem Meer zu, wie es seine Wellen auf den Sandstrand spült, und nutzen die gute Gelegenheit, alle schlechten Gedanken los zu lassen, wie der Buddha lehrte.</p>
<p>Am nächsten Tag steht mein Vortrag im Tagesprogramm: „Buddhismus – der Weg zur Überwindung von Unruhe und Unfrieden“ füllt den Vortragssaal mit Passagieren. Buddha erkannte die Ursachen des Übels nicht im Äußeren, nicht in sozialen oder politischen Verhältnissen, sondern im Inneren des Menschen, in seiner unerlösten Natur. Optimistisch sah er den Weg zur Befreiung: Überwinde dich selbst – deinen Egoismus, deinen Narzissmus, deine Gier! Und du wirst Frieden in jeder Lebenslage finden. Leicht gesagt – schwer getan. Auf dem Schiff lässt sich damit anfangen, motiviere ich die Passagiere, und gebe ihnen eine „Hausaufgabe“: Nutze deine freie Zeit und die Ruhe an Bord, gehe in dich und frage dich: Wo bin ich Ursache von Übel? Und kläre für dich selbst, wie du dich ändern kannst!</p>
<h2>Die Ressentiments reisen mit</h2>
<p>Im indischen Kochi begleite ich eine Ausflugsgruppe an Land. Der englisch sprechende indische Reiseleiter muss übersetzt werden. Südindien sei das bessere Indien, stellte er fest. Es gebe kaum Analphabeten, kaum Armut, dafür Ärzte für jedermann und Schulpflicht; in Mumbai dagegen würden Kinder zum Betteln geschickt. Den Vorwurf eines Deutschen, Inder seien Schuheklauer übersetze ich ihm nicht.</p>
<p>Wir besuchen einen Hindutempel, vor Eintritt sollen wir die Schuhe ausziehen und abgeben. Am Ende fehlt dem Deutschen sein Paar. Wie es denn aussah, frage ich ihn. Er zeigt auf etwas abseits stehende Schuhe und meint, so ähnlich. Dann schimpft er weiter über die Inder und stachelt die Mitreisenden auf. Ich bemerke, wie ein kleiner Anlass Grund wird für eine heftige Entladung von Ressentiments. Immer wieder fällt mir auf der Reise auf, wie manche Passagiere innerlich unter Druck stehen. Sie haben es gut an Bord und sind trotzdem schnell aufgebracht. Einerseits sind sie neugierig auf die fremde Welt, andererseits projizieren sie ihre Unzufriedenheit bei erstbester Gelegenheit auf die Einheimischen und produzieren unnötige Spannungen. Es ist meine Aufgabe als Gruppenleiter zu versuchen, die Spannungen abzubauen und ihn zu beruhigen. Selbst ruhig bleiben und den Passagier ernst nehmen, ist das richtige Mittel. Seiner Frau gelingt die Lösung des Problems. Sie zeigt auf die abseits stehenden Schuhe und fragt ihn: „Sind das nicht deine?“</p>
<h2>Materielle Armut, spiritueller Reichtum</h2>
<p>Unser Schiff fährt die Westküste entlang, von Ort zu Ort. Mumbai (Bombay) kostet Nerven. Es liegt nördlich, also im „schlechteren“ Teil Indiens, wo die Städte überbevölkert und teilweise verdreckt sind. Die Landflucht der armen Landbevölkerung zeigt hier ihre furchtbaren Folgen. Für mittlerweile über 20 Millionen Bewohner gibt es in der „Maximum City“ nicht genügend Arbeit, Wohnung, Essen, Toiletten. Millionen leben von so gut wie nichts, campieren auf den Bürgersteigen.</p>
<p>Dagegen fällt es den Gästen des Oberoi Hotels am Indischen Ozean nicht schwer, in der Bayview Bar eine Flasche Dom Perignon zu bestellen und dafür einen Preis wie eineinhalb Jahreseinkommen eines Arbeiters in Ruppeescheinen auf den Tisch zu legen. Mitglieder der Jain-Religion sind erfolgreiche Geschäftsleute, aber sie haben sich auch ihren asketischen Glauben bewahrt. Ideal war und ist, am Ende seines Lebens seinen Reichtum zu verschenken, sich frei zu machen von allen Bindungen an die Welt und ohne Bitterkeit sterben zu können.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ein indischer Hans im Glück</p></blockquote></div>
<p>Ich besuche den weißen Marmortempel der Jains in Malabar Hill und frage einen Tempelvorsteher, ob er jemanden kenne, der der Welt entsagt habe. Ja, einen Diamantenhändler, der darunter litt, dass sein Kopf immerzu voll von Sorgen war. Er fühlte sich erst frei, als er alles aufgab. Er sagte, er könne nichts mehr verlieren, weil er nichts mehr besitze, das sei Glück. Ein indischer Hans im Glück! Wir sollten uns im reichen Deutschland auch einmal fragen, wie viel Reichtum wir eigentlich tatsächlich brauchen und ob es lohnt, immer mehr anzuhäufen und dadurch keine Zeit und Energie mehr zu haben für das Streben nach innerem, spirituellem Reichtum.</p>
<h2>Die einen schlemmen, die andere schuften</h2>
<p>Nachts auf dem Schiff treffe ich mich mit der philippinischen Besatzung – nach der Arbeit Gottesdienst um 23 Uhr. „Wir brauchen den Segen Gottes“, sagt mir Kellner Ferdinandino, früher Baskelballstar in der ersten Liga. Für westliche Verhältnisse könnte das Gehalt noch höher ausfallen bei 16 Stunden Arbeit, neun Monate lang ohne freien Tag. Aber wenn die Mitarbeiter einige Jahre die harte Arbeit durchhalten, stellen sie fest, dass es sich gelohnt hat, und können sich zu Hause selbstständig machen. Das ist ihr Ziel.</p>
<p>Ich spreche ihre Traurigkeit an, von der Familie lange getrennt zu sein, und lobe ihre Freundlichkeit untereinander und zu den Gästen. „Jesus ruft seine Gemeinde zur Liebe auf, ihr lebt diese Liebe an Bord, und ihr seid füreinander wie Bruder und Schwester“. Ihre Hoffnung richtet sich auf das internationale Arbeitsrecht: Dass sie nach sechs Monaten ihre Frau, ihre Kinder und ihr Dorf wieder sehen können. Sie brauchen dann dringend Erholung – die letzten der neun Monate sind brutal hart.</p>
<h2>Wo Zusammenleben der Religionen funktioniert</h2>
<p>In Muscat/Oman bestaunte ich im Hafen die Superyacht Al Salalah. Ich kannte sie von der Lürssen Werft in meiner Heimatstadt Bremen, wo sie schon zur Reparatur lag. Sie gehört Sultan Quaboos, dem absoluten Herrscher, den alle mögen. Ölreichtum ermöglicht ihm, eine Wohltat nach der anderen über sein Volk auszuschütten. Das Volk schätzt ihn.</p>
<p>Auf einmal steckt unser Reisebus in einem Verkehrsstau. Was hier los sei, will ein Passagier wissen. Ich gebe die Frage weiter an unseren örtlichen Reiseleiter. Seine Antwort verblüfft die Deutschen: Die indischen Gastarbeiter, zumeist Christen, seien auf dem Weg zu ihrer Kirche, zum Gottesdienst. Kurze Zeit später der nächste Stau: Die Hindu-Gastarbeiter aus Indien feiern im Tempel ihr Ritual. Keine Verfolgung Andersgläubiger durch die Araber? Die Frage steht unseren Leuten ins Gesicht geschrieben. Keine Spur davon – der Oman ist nicht Saudi Arabien. Die Muslime tolerieren andere Religionen, Sunniten gehen in schiitische Moscheen und umgekehrt – alles kein Problem. Ein gutes arabisches Land!</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Zwischen dem Oman und Saudi Arabien liegen Welten.</p></blockquote></div>
<p>Abends komme ich auf der Corniche, der Küstenstraße, mit einem jungen Omani ins Gespräch. Er hat in den Niederlanden studiert, heißt „Isa“ (Jesus). „Wir Muslime verehren Jesus, er ist für uns ein Prophet Gottes und wird im Koran 93 Mal erwähnt“, erklärt er mir. Und die Frauen? Isa berichtet mir, dass sie als Pilotinnen, Polizistinnen, Ingenieurinnen, Soldatinnen … arbeiteten und selbständig sind. Auf ihre Fähigkeiten könne ein Land nicht verzichten. Man sei ja hier schließlich nicht in Saudi Arabien! Hier protzt man auch nicht mit Reichtum wie dort oder wie in Dubai und Abu Dhabi. Der omanische Islam lehrt Bescheidenheit.</p>
<p>Am nächsten Tag, einem Tag auf See, halte ich einen Vortrag über Islam und Christentum: „Christen und Muslime verbindet mehr, als sie trennt.“ Bei der Beurteilung von Muslimen und islamischen Ländern darf man es sich nicht zu einfach machen: Man muss schon genau hinsehen. Sonst verstellen Vorurteile die Wirklichkeit.</p>
<h2>Achtung: Piratengebiet!</h2>
<p>Mit einsetzender Dämmerung beginnen an Bord Vorbereitungen für die Nacht. Die sicheren Gewässer des Omans verlassen wir, vor uns liegt der Golf von Aden. Um in das Rote Meer einfahren zu können, muss die Meeresenge zwischen den Armutsländern Jemen auf asiatischer Seite und Somalia auf afrikanischer überwunden werden. Achtung: Piratengebiet! Der Kreuzfahrtdirektor kündigt an, dass das Schiff nachts abgedunkelt und die zum Meer hin offenen Gänge des unteren Decks als „Sicherheitszone“ gesperrt würden. Die Vorhänge in den Kabinen sollen von den Passagieren geschlossen gehalten werden, Matrosen würden auf den Decks Wache halten. Er beruhigt die Gäste mit dem Hinweis, dass keinerlei Gefahr bestehe. Seeräuber suchen sich leicht zu enternde und zu kontrollierende Frachter aus, nicht Kreuzfahrtschiffe mit hohen Wänden und hunderten Menschen an Bord.</p>
<p>Am Nachmittag des nächsten Tages kommt am Ende des Golfs von Aden der Bab al-Mandab, das „Tor der Tränen“, in Sicht. Der asiatische und der afrikanische Kontinent nähern sich an: Zwischen beiden liegen nur noch 27 Kilometer Meeresstraße. Hinter der Enge beginnt das Rote Meer. Ich bin fast allein auf dem Deck und meine, auf der Brücke Aufgeregtheit zu bemerken. Es sind mehr Offiziere dort als gewöhnlich. Sie gucken durch ihre Ferngläser wie sonst auch, aber dieses Mal gibt es viel zu reden. Redselige Seemänner – da kann etwas nicht stimmen.</p>
<p>Zwei kleine Boote nähern sich, jedes besetzt mit drei Schwarzen. Um mehr zu erkennen, mache ich Fotos mit zwanzigfacher Vergrößerung. Ich sehe eigenartige Gestelle an Deck. In anderer Richtung bemerke ich die Umrisse eines Zerstörers, der in unsere Richtung Fahrt aufnimmt. Die Schwarzen drehen auf einmal ab. Ein Kapitänleutnant zur See im Ruhestand, ein Gast an Bord, muss mir helfen. Ich zeige ihm meine Bilder. „Au ha!“, ist sein Kommentar, „aufgestellte Maschinengewehre und Bazukas. Da schießt man leicht ein Loch mit in die Bordwand“, veranschaulicht er mir. Das waren also Piraten.</p>
<h2> „Irgendetwas muss an den Religionen doch dran sein“</h2>
<p>Die Reise nähert sich dem Ende. Immer wieder bin ich beim Abendessen freundschaftlich mit einem bekennenden Atheisten aneinander geraten. Nicht über die total stille Wüste Sinai, die zwölf Stunden auf dem Suez Kanal oder die dreifache nächtliche Explosion des Vulkans Stromboli vor unseren Augen. Die Eindrücke von den Tempeln, Moscheen und Kirchen an Land sorgten die ganze Reise über für kontroversen Gesprächsbedarf. Eigentlich hält er religiöse Menschen für naiv und sagt den Religionen ihr baldiges Absterben voraus. Seine neuen Erlebnisse stellen sich für meinen Mitreisenden jedoch als harte Nuss heraus. Seinesgleichen kommt in Asien nicht vor, überall tummeln sich die Verehrer von Buddha, Shiva, Allah und Jesus. „Irgendetwas muss an Religion dran sein“, gesteht er mir am vorletzten Abend – beim Verzehr eines dicken Stückes von der Eisbombe.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/wo-lebensfragen-auftauchen-wie-piratenboote/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hiroshima – die Bombe und die Kultur der Stille</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/die-bombe-und-die-kultur-der-stille/</link>
					<comments>https://www.evangelische-aspekte.de/die-bombe-und-die-kultur-der-stille/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Volker Keller]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Feb 2018 18:58:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 3, August 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Atombombe]]></category>
		<category><![CDATA[Atomkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Durckheim]]></category>
		<category><![CDATA[Hiroshima]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Meditation]]></category>
		<category><![CDATA[Stille]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://wordpress.p436630.webspaceconfig.de/?p=1034</guid>

					<description><![CDATA[Innehalten, ruhig werden, zu sich kommen – eine Reportage über die Facetten und die Faszination der Stille während einer Reise nach Japan.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Innehalten, ruhig werden, zu sich kommen – eine Reportage über die Facetten und die Faszination der Stille während einer Reise nach Japan.</p></blockquote></div>
<p>„Der Osten weiß mehr um die Stille als der Westen“, lese ich in meinem Lieblingsbuch gleich auf der ersten Seite. Sein Autor, Karlfried Graf Dürckheim, fand die Stille in Japan. Im Dienste des NS-Außenministers Ribbentrop wurde der national denkende Psychologe dorthin einst entsandt, um die Auslandsdeutschen zu betreuen. Die Japaner bekehrten ihn zum Zen- (Meditations-) Buddhismus und zum „Weg des Tees“, sie verhalfen ihm zum Glück, zur „Urerfahrung, dass dem Mensch dort, wo er still zu werden vermag, das wahre Glück aufgeht – und wo ihm das wahre Glück aufgeht, er still wird“. Nach dem Krieg lehrte er die Kultur der Stille in seiner eigenen Bildungsstätte im Schwarzwald.</p>
<h2>Stille des Entsetzens</h2>
<p>Dieses Buch fesselte mich seit Langem und lockte mich nach Japan. In Hiroshima angekommen entdecke ich zunächst eine ganz andere Stille – Stille des Entsetzens. Im Friedenspark, an dem Ort also, wo am 6. August 1945 eine der beiden US-amerikanischen Atombomben explodierte, lauscht eine Gruppe von fünf Frauen gebannt den Schilderungen eines einzelnen Demonstranten. Ein 72-Jähriger erzählt von seiner mit ihm schwangeren Mutter, wie sie verstrahlt wurde, ihn noch zur Welt bringen konnte und bald starb. Sein Appell: Schluss mit Atomwaffen auf der ganzen Welt! Er zeigt Bilder seiner niedergebrannten Stadt – mit Ausnahme des Gebäudes, vor dem wir gerade stehen: Die ehemalige Industrie- und Handelskammer, der „A-Bomb-Dome“. Das Symbol Hiroshimas blieb in seinen Grundfesten jedenfalls stehen – wie ein angeschlagener Boxer, der einfach nicht umfallen will. Es wird an diesem Ort nicht diskutiert, nicht geklagt, nicht gelacht, es liegt ein Erschauern vor dem Unfassbaren in der Luft – und nimmt den Atem. In der Stille ertönt die Friedensglocke. Sie ist von stattlicher Größe und macht beim Aufprall eines dicken Holzes einen dumpfen, trauernden und warnenden Ton. „Lasst uns in Frieden leben“ ruft sie auf.</p>
<h2>Eine neue atomare Bedrohung</h2>
<p>Es ergibt sich, dass ich mit einem älteren Besucher des Parks ins Gespräch komme. Der Mann kommt jeden Tag und füttert Vögel. In seiner offenen Hand bietet er Sperlingen Brotkrumen an und sie kommen, setzen sich in seine Hand und picken die Bröckchen. Er ist besorgt über die US-amerikanische Armada, die US-Präsident Donald Trump in die Region entsendet hat. Der Diktator in Nordkorea hat darauf prompt reagiert: Er droht mit Atomangriffen auf seine Nachbarn Südkorea und Japan, sollten die US-Amerikaner einen Erstschlag gegen Nordkorea führen. Die nordkoreanische Zeitung<em> Rodong Sinmun </em>drohte, man sehe in Pjöngjang Japan als Erstschlagziel an. Im Falle eines nuklearen Krieges auf der Halbinsel werde Japan, welches diverse US-Militärbasen vorweise, vor jedem anderen Land unter radioaktiven Wolken verschwinden, so die Zeitung. Welche Drohung könnte schlimmer sein. Der Vogelfreund erklärt mir das Dilemma. Japan wolle auf keinen Fall eine Eskalation der Spannungen in der Region, aber man brauche die USA als Schutzmacht; bloß sehen Chinesen und Nordkoreaner die Anwesenheit der Amerikaner im Pazifik als Bedrohung an.</p>
<h2>Erinnerung an Fukushima</h2>
<p>Dürckheim lernte Stille im Krieg, unter Spannung. Er schaltete einfach das Äußere ab und kehrte ganz und gar in sein Inneres ein – ein Alltagsverhalten, das er bei Japanern immer wieder beobachtet hatte. Mein nächstes Ziel soll der Shukkei-en sein, ein Landschaftsgarten mitten in der lauten Stadt.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Japaner mögen nicht kämpfen, sie ordnen sich unter.</p></blockquote></div>Meinen Weg dorthin muss ich unterbrechen. Überraschend lese ich deutsche Worte, die einzigen auf meiner Reise: „Atomkraft – nein danke!“ Ein junger Mann betreibt einen Flohmarktstand und demonstriert gleichzeitig. Er habe das Plakat bei einem Freund in Berlin auf dessen Toilette entdeckt, der habe es ihm geschenkt. Sein Protest richtet sich gegen die Regierung, die nach dem Reaktorunfall in Fukushima erklärte, Atomkraftwerke seien sicher und Japan werde die Atomenergie weiter ausbauen. „Die Japaner mögen nicht kämpfen, sie ordnen sich unter“, klagt der junge Mann. Warum er anders denke? Er habe die Welt bereist und sehe anderswo viel mehr Freiheit.</p>
<h2>Äußere Ruhe, innerer Frieden</h2>
<p>In den Tagen des Reaktor-Unglücks bewahrten die Japaner Ruhe – die Kultur der Stille bewährte sich. Mein Gesprächspartner betreibt selbst Zen-Meditation. Er lädt mich ein, ihn in einen nahen Zentempel zu begleiten. Am Eingang ziehen wir die Schuhe aus und treten in eine Halle ein, die auf eine große Buddha-Figur hin ausgerichtet ist. Wir verbeugen uns erst im Stehen und dann im Hocken bis die Stirn den Boden berührt. Zumeist ältere Frauen sitzen neben uns auf Matten, die einen mit geschlossenen Augen, die anderen lesen Sutren, Texte des Buddhismus. Anders als in Shinto- oder Daotempeln ist es hier leise, keiner klatscht oder schlägt Glocken, um die Götter zu wecken. Sie sitzen in Stille, beobachten ihren Atem beim Kommen und Gehen und versuchen, nicht zu denken.</p>
<p>Mein Begleiter lässt hier alles Quälende hinter sich – Ärger über Politik und Angst vor der Zukunft – und sucht Frieden im tiefsten Inneren. Jemanden wie ihn in Japan zu finden, hatte ich gehofft, einen, der mir Dürckheims theoretische Darstellung aus persönlicher Erfahrung bestätigen konnte, zum Beispiel diese: „In der Übung des Ruhighaltens lernt der Mensch nicht nur durch die Stürme des Lebens zu gehen ohne sich zu rühren, sondern in den Genuss jener tiefen Wirklichkeit zu kommen, die jenseits von Leben und Tod liegt.“ Was für ein Versprechen! „Form ist Leere, Leere ist Form“ (Herz Sutra): Die Stille lehrt, dass alles, was ist, aus Leere, aus Nichts entstanden ist und dorthin zurückkehrt, in der Stille gibt sich die Leere, das Nichts zu erkennen.</p>
<h2>In der Natur ganz bei sich sein</h2>
<p>Mehr davon! Wo kann mir Japan noch zeigen, was Dürckheim nie wieder los gelassen hat? Das Gebäude des Kunstmuseums fällt aufgrund seiner Schmucklosigkeit im Stadtbild nicht auf, es verbirgt sein Heiligtum, den Shukkei-en. Ich trete in den Landschaftsgarten ein und stehe gleich auf einem Rundweg, über die richtige Richtung brauche ich nicht nachzudenken, sie ist klar: nach links und gerade aus. Den ganzen Garten kann ich nicht überblicken, durch seine verschiedenen Höhen und durch Bewuchs hat er verdeckte Bereiche, der Weg lässt sich nur bis zur nächsten Biegung einsehen – ich bin gespannt und mache mich auf zur Entdeckungstour.</p>
<p>Im Westen tut sich ein Kiefernwald auf, über Stock und Stein geht’s hindurch. Als ich aus dem Wald heraus trete, fällt mein Blick auf eine Insel in einem Teich und auf einen überdachten Ruheplatz. Ein junges Paar in traditionellen Kimonos lässt Fotos von sich machen. Zögerlich mache ich auch ein Foto von der Szene – sie scheinen mich gar nicht zu bemerken, dann noch eins und noch eins. Merkwürdig! Nicht zum ersten Mal komme ich mir wie unsichtbar vor, die Japaner sehen nicht, was sie nicht sehen wollen, sie sind offenbar ganz bei sich und lassen sich überhaupt nicht stören.</p>
<p>Ganz im Gegensatz zu barocken Parks wie den Herrenhäuser Gärten in Hannover ist dieser asymmetrisch angelegt. Wie in der Natur gibt es hier keine geometrischen Formen, keine Geraden, keine Dreiecke oder Quadrate, die Landschaft scheint wild zu wachsen, sie erscheint aber nur so. Tatsächlich besteht die Kunst darin zu gestalten ohne die Gestaltung zu erkennen zu geben, einzugreifen und die Natur zu vervollkommnen, ohne sich dabei als Mensch in den Vordergrund zu stellen. Im Garten finden sich keine Figuren von Menschen – dem Mensch kommt keine Sonderstellung im großen Ganzen der Natur zu, sondern er übt nur eine dienende Funktion aus. Ein Gärtner beschneidet gerade Bäume und Büsche mit einem „Wolkenschnitt“ – das Blatt- und Astwerk bekommt die Form von flachen, zackigen Wolken, der Gärtner vollzieht nur, was im Wesen der Pflanzen angelegt ist, nicht etwa Eigenes, er ist nicht kreativ.</p>
<h2>Spirituelle Kraft aus der Stille</h2>
<p>Was für ein Glück: Es ist die Zeit der Kirschblüte, die Bäume zeigen ihre Knospen in rot, weiß und rosa. Japaner und Koreaner treffen sich unter Kirschbäumen und nehmen die spirituelle Kraft der Natur auf. Sie freuen sich über die kurze Pracht an nur wenigen Tagen und erkennen im baldigen Vergehen auch ihr Schicksal – bestimmt dazu, geboren zu werden, zur Blüte zu kommen und zu sterben. Ein bisschen Wehmut ergänzt die Freude. Unter einem Kirschbaum mache ich Rast und blicke über den Teich, also über das Meer, das der Teich symbolisiert. Der Landschaftsgarten ist eine Miniatur, eine große, weite Landschaft im Kleinformat. All die Kraft der Götter und guten Geister in der großen Natur findet sich auch in der kleinen, sogar in der ganz kleinen zu Hause im Bonsai-Zwergbäumchen.</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die Stille ist nicht mehr nichts, sondern spricht aus sich selbst.</p></blockquote></div> Und es geschieht: Ich versinke in die Stille des Gartens. Ich gucke mir das Einzelne im Garten nicht mehr an, ich schaue ihn in einer Gesamtheit, ohne zu denken fühle ich mich verbunden mit dem Teich, mit den Inselchen, mit den Bäumen, ich höre die Vögel nicht mehr, ich lausche ihnen und höre hinter ihrem Singen die Stille umso klarer. Das muss es sein, das muss Dürckheim gemeint haben! In seinen Worten: „Wir alle haben es wohl einmal erfahren, dass wir plötzlich durch den Ruf eines Vogels erschreckt, die uns umgebene Stille empfanden, sie ist nicht mehr nichts, sondern spricht aus sich selbst.“</p>
<h2>Auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht</h2>
<p>Schauend und lauschend setze ich meinen Weg fort und freue mich über kleine Dinge, über ein Wasserfällchen und spritzendes Wasser, über einen steinernen Anstieg zu einem roten Tor, den Eingang zum Schrein, über den einzigen überlebenden Baum der Atombomben-Explosion, einen Ginkgo. Kahl und gebeugt steht der würdige Alte da, seine Äste müssen gestützt werden. Seinen Samen verschicken die Gartenbetreiber in alle Welt: Der alte Baum macht Hoffnung – das Leben siegt über den Tod.</p>
<p>Den „Fuji-Berg“ besteige ich nun und habe auf dem Gipfel wieder einen ganz anderen Blick auf die Landschaft unter mir. Immer ändert sich die Perspektive, die eine und ausschließliche Sicht gibt es nicht (wie es die eine, ausschließlich Wahrheit nicht gibt – lehren die fernöstlichen Religionen).</p>
<p>Über eine Brücke in Form eines Regenbogens geht es weiter, sie ist die Mitte von Himmel und Erde, beide – Yin und Yang – ruhen im Gleichgewicht, in ewiger Harmonie: Und auch du, Mensch, bist dazu geboren! Finde zur Ruhe, zum Gleichgewicht in deinem Leben! Oder wie Dürckheim sagt: Finde ›hara‹ deine Mitte, die größer ist als dein Ich, die ein schwingender Einklang ist.</p>
<h2>Das Universum in der Teeschale</h2>
<p>Er hat seine Mitte auf dem „Weg des Tees“ (Chado) gefunden. Ein Teehaus hat sein Tor geöffnet. Ich ziehe meine Schuhe aus, betrete Tatamimatten und finde mich in einem asymmetrischen Raum, der kaum gestaltet ist, ich sehe nur ein knappes Blumengesteck und ansonsten Wände ohne alles, kein Tisch. Es ist still. Die Teemeisterin verneigt sich tief vor mir und weist mir meinen Platz auf dem Boden neben einem Ehepaar zu. Sie holt eine Schale mit grünem Tee und eine Süßigkeit und stellt beides vor mich hin, dazu eine „Gebrauchsanweisung“. Die brauche ich nicht: Meine Nachbarin rückt näher an mich heran, sie verneigt sich vor mir, ich mache es ihr nach, sie nimmt meine Schale, dreht sie in ihrer Hand (die schönste Seite soll den anderen Gästen zugewendet werden) und legt sie mir in die linke Hand, mit der rechten soll ich die braune Schale festhalten. Und nun trinken. Der Matcha ist dickflüssig, giftgrün und schaumig, er schmeckt ein bisschen wie Fisch. Ich trinke und sie lächelt mir zu und zieht sich zurück – nun darf ich die Stille des Raumes genießen. Wie schön die Schlichtheit ist! Nichts fehlt – unüberbietbar. Die Konzentration aufs Wesentliche und nichts mehr. Das Universum macht sich klein und kommt – in die Teeschale.</p>
<h2>Die Kultur der Stille</h2>
<p>Was bringt es Menschen aus dem Westen, die Kultur der Stille des Ostens kennen zu lernen? Noch einmal Graf Dürckheim: „Im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewusster zu werden, bewusster in seiner Möglichkeit und in seiner Gefährdung.“</p>
<p>Der Professor wurde in Deutschland gefragt, ob er die Kultur der Stille denn nur in Japan gefunden habe. Natürlich nicht! Und er zitierte den christlichen Mönch und Mystiker Meister Eckhart: „Nur in der Stille spricht Gott sein ewiges Wort in der Seele.“ Es gibt sie auch im Westen. Aber „im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewusster zu werden, bewusster in seiner Möglichkeit und in seiner Gefährdung.“</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.evangelische-aspekte.de/die-bombe-und-die-kultur-der-stille/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
