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	<title>Theologie plus &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>Theologie plus &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Claudius, Walter, Bach</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Geck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 May 2018 09:17:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 28. Jahrgang, Heft 2, Mai 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Gesangbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
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					<description><![CDATA[Dem musikalischen Meister-Biografen Martin Geck – „einer der letzten Universalgelehrten der deutschen Musikwissenschaft“ – wird „beflügelter Protestantismus mit unverkennbarer Achtundsechziger-Einfärbung“ zugeschrieben. Ein Gespräch über moderne Lieder, das Claudius’sche „Der Mond ist aufgegangen“ und das Musik-Ereignis Reformation.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Dem musikalischen Meister-Biografen Martin Geck – „einer der letzten Universalgelehrten der deutschen Musikwissenschaft“ – wird „beflügelter Protestantismus mit unverkennbarer Achtundsechziger-Einfärbung“ zugeschrieben. Ein Gespräch über moderne Lieder, das Claudius’sche „Der Mond ist aufgegangen“ und das Musik-Ereignis Reformation.</p></blockquote></div>
<p>Ab und zu genügt schon ein Titelverzeichnis, um die Bedeutung eines Lebenswerks zu demonstrieren. Beim Dortmunder Musikwissenschaftler Martin Geck liest sich das so: Von den über zwölf Musikerbiografien erschienen <em>Johann Sebastian Bach</em> in 11 Auflagen, <em>Ludwig van Beethoven</em> in 10, <em>Richard</em> <em>Wagner</em> in 4, <em>Bach-Söhne</em> in 3, <em>Mendelssohn Bartholdy</em> in 4 Auflagen. Für die viel beachteten Porträts, auch zu <em>Mozart</em>, <em>Schumann</em>, <em>Matthias</em> <em>Claudius</em> und <em>Brahms</em>, heimste er etliche Literaturpreise ein. Allein die Bach-Biografie erschien in über zehn Sprachen.</p>
<p>Insofern ließ es sich als Adelung und Ritterschlag verstehen, als der „eingefärbte“ „68er“ (Frankfurter Rundschau) mit <em>Luthers Lieder. Leuchttürme der Reformation </em>ein Buch zum Jubiläumsjahr veröffentlichte (Olms-Verlag, <sup>2</sup>2017) – wenn das denn noch nötig gewesen wäre. Aber nein, der protestantische Einfluss auf die Musikgeschichte ist ja unbestritten, die Kirchenmusik an erster Stelle.</p>
<h2>Geschenk des Glaubens</h2>
<p>Der Autor geht dem in elf Kapiteln nach. Er analysiert einzelne Lieder. Und gewährt Ausblicke hin zu Heinrich Schütz, J.S. Bach oder Felix Mendelssohn Bartholdy. Trotz überschaubaren Umfangs kann der Beitrag Gecks materialiter als einer der gewichtigsten im Lutherjahr bezeichnet werden, theologisch und musikhistorisch. Wie ja insgesamt zum Themenfeld <em>Musik und Reformation </em>2017 eine reiche Ernte einzufahren war.</p>
<p>Denn genauso wie  zu <em>Reformation und Kunst</em> (vgl. <em>evangelische aspekte</em> 4/2017) oder in den Debatten zu <em>Reformation und Kapitalismus</em> (<em>evangelische aspekte</em> 1/2018) neue Forschungsbeiträge und -kontroversen zu verzeichnen sind, kleine oder größere Aufbrüche, zeigte sich im Reformationsjahr die Vielseitigkeit evangelischer Musikkultur in ganzer Vitalität und Breite.</p>
<p>In der Universitätsstadt Tübingen etwa fanden wie seit Jahren so auch 2017 Motetten und Kantatengottesdienste konstant hohen Zuspruch, mit Bachs Werken nicht weniger als mit Pachelbel oder Johann Walter. Und zur Erschließung der Wirkungs- und Druckgeschichte von Luthers Liedern bescherte das Reformationsjahr z.B. eine neue wissenschaftliche Edition sämtlicher Lieder durch Jürgen Heidrich und Johannes Schilling (<em>Martin Luther. Die Lieder</em>. Reclam- u. Carus-Verlag 2017; ähnlich im Ortus-Verlag von Hans-Otto Korth; gut greifbar sind alle Texte auch in der neu aufgelegten populären Insel-Ausgabe <em>Martin Luther.</em> <em>Ausgewählte Schriften</em>. Bd. 5, 2017).</p>
<p>Als Alttestamentler und Bibelübersetzer setzt Luther auf die Kraft der Psalmen – erschafft auf diese Weise die Gattung des deutschen Psalmlieds (Ps 130, Ps 67, Ps 46&#8230;) und stiftet somit dem Protestantismus als fortdauerndes Erbe die altjüdischen Texte bleibend bis in die Mitte des evangelischen Gottesdienstes ein. Seine Wiederentdeckung des Glaubens als Geschenk, des getrosten Gottvertrauens und der Barmherzigkeit anstatt kasuistischer Gesetzlichkeit verpflanzt und gießt er so in eine auch für Laien verständliche und nachsingbare Sprache.</p>
<h2>Vertontes Gottvertrauen</h2>
<p>Auslöser für Luthers Liedschaffen war bekanntlich der frühe Märtyrertod zweier Lutheraner (Verbrennung 1523 in Brüssel). Nicht nur deshalb kreisen viele Lieder um Trost und Zuspruch, Hoffnung, (Todes-)Überwindung (Ostern). Gerade die Lieder zum Kirchenjahr handeln dabei ebenso von „Aufbruch“ oder „Kraft von oben“ (Pfingsten) wie von Trauer, Angefochtenheit und Leiden (Passion, Karfreitag).</p>
<p>Bei 37 Liedern wird heute Luther textlich oder als Komponist die Verfasserschaft zugeschrieben, wie „Verleih uns Frieden“, „Nun bitten wir den Heiligen Geist“, „Mitten wir im Leben sind“, „Es wolle Gott uns gnädig sein“. Mit den Lied-Themen ist zugleich ein Qualitätskriterium zur bis heute immer wiederkehrenden Frage gegeben, was ein gutes, rezeptionsfähiges Kirchenlied ausmacht: Musik und Text sollten schlicht der Sache angemessen sein – d.h. gehaltvoll und dem Inhalt würdig.</p>
<p>„Luthers Lieder sind Weltliteratur“ (Johannes Schilling), „wahre Kunstwerke“ (Patrice Veit). Entsprechend hat es auch 2017 an Aufführungen und Adaptionen nicht gefehlt. Als CD-Einspielung sind „Luthers Lieder“ sowie Vertonungen von Praetorius bis Bach erhältlich mit Texten von Joachim Gauck, Walter Steinmeier u.a.m.</p>
<p>Ob also zigtausende SängerInnen in Chorkonzerten und Oratorien, ob mit dem Vortrag von <em>Ein feste Burg ist unser Gott</em> um 15:17 Uhr am 31.10.2017 auf über 1517 Marktplätzen durch Blechbläser- und Posaunenchöre: Musikalisch aktiv, kreativ und produktiv sind Evangelen auch noch heute; bei zeitgenössischen Kindermusicals (z.B. durch Erhard Eppler), beim Engagement von Profimusikern wie Gunther Emmerlich oder Klaus Meine, bei Uraufführungen von Jörg Herchet oder von Michael Schütz auf dem Kirchentag in Potsdam.</p>
<p><strong> 1. Herr Professor Geck, „Musica ist ein göttliches Geschenk“, sagt Luther; in Lübeck eröffnete öffentliches Singen die kirchliche Erneuerung. Warum ist das gesungene Wort für die Reformation so bedeutsam?</strong></p>
<p>Man kann das gut an dem Luther-Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ zeigen. Das sangen im Jahr 1529 in Göttingen einige Wollenweber, die sich anlässlich der üblichen Prozession zum Bartholomäustag vor dem Haus des Wollenwebers Bock versammeln, um sich mit diesem Lied in die Prozession einzureihen – natürlich in protestierender Absicht.</p>
<p>Die meisten dieser Weber konnten sicherlich nicht lesen, deshalb werden auch kaum viel Einblick in die Schriften Luthers gehabt haben. Sie gehörten vielmehr zu einem eher verachteten Berufsstand, hatten schwer um ihr tägliches Brot zu kämpfen. Wenn diese Leute „Aus tiefer Not“ anstimmten, ging es ihnen vielleicht auch um Gewissensnot, zunächst aber um ihre leibliche Not. An wen sollten sie sich da wenden? Kirche und Obrigkeit halfen nicht; aber da gab es ja einen Doktor Martinus Luther, der seit einem Jahrzehnt von der Freiheit eines Christenmenschen predigte, jedoch von der Kirche in den Bann getan worden war. Vielleicht konnte der helfen, vielleicht predigte der jene Barmherzigkeit, an der es die etablierte Kirche fehlen ließ? Die Webergesellen hatten auf ihrer Wanderschaft da so einiges aufgeschnappt. Und sie hatten einige Luther-Lieder auswendig gelernt. Die sangen sie nun wie Protestlieder – selbst nicht wissend, was dabei herauskommen würde. Sie wollten sich nicht nur etwas vorpredigen lassen, sondern selbst aktiv werden; und dafür kam überhaupt nur das kollektiv gesungene Lied in Betracht.</p>
<p>Wenn man sagt, die Reformation sei ersungen worden, so gilt das weniger für zahmen gottesdienstlichen Gesang, denn der klappte anfänglich oft noch sehr schlecht. Es trifft vielmehr auf das Lied als öffentliches Fanal zu. Das konnte von Mund zu Mund gehen. Und die Melodie war wie ein Fluss, auf dem das Schiffchen des Textes schwimmen konnte – auch und gerade bei leseunkundigen Leuten.</p>
<p><strong>1.1 Was ist typisch für Luthers Lieder?</strong></p>
<p>Grob gesagt, lassen sich zwei Typen unterscheiden. Da sind zum einen die an der kirchlichen Tradition orientierten Lieder wie „Gelobet seist du, Jesu Christ“, die textlich wie musikalisch auf älteren Vorlagen beruhen; dazu zählen auch die zahlreichen Psalmlieder.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Luthers Lieder: über weite Strecken Psalmentheologie</p></blockquote></div>
<p>Und dann gibt es Lieder durchaus innovativen Charakters, in denen Luther gleichsam dem Volk aufs Maul schaut. So folgt „Ein neues Lied wir heben an“ dem Typus des öffentlich gesungenen Marktliedes, ähnlich auch „Ein feste Burg“, wenngleich dieses Lied zugleich ein Psalmlied ist. „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ ist dem Typus eines volkstümlichen Liebesliedes nachgebildet. „Vom Himmel hoch“ erinnert in seiner ersten Fassung nicht nur textlich, sondern auch musikalisch an ein „Kränzellied“, wie es die jungen Leute bei ihrem Zusammentreffen auf dem Dorfplatz sangen. Die spätere, heute bekannte Melodie zu „Vom Himmel hoch“ hat Luther offenbar aus eigenem Antrieb neu geschaffen: Womöglich war ihm gesagt worden, dass die ursprüngliche Weise zu sehr an den Brauch des Kränzelsingens erinnere. Das war ja in den Augen der Obrigkeit keineswegs nur harmlos, wurde vielmehr weidlich zum Flirten benutzt.</p>
<p><strong>1.2 Wie wichtig waren der Einfluss des Torgauer „Urkantor“ Johann Walter oder des Münchner Komponisten Ludwig Senfl?</strong></p>
<p>Mit Walter stand Luther in regem persönlichem Kontakt. Er nannte ihn seinen lieben Freund. Und er bekam von ihm sicherlich wichtige musikalische Anregungen, nicht zuletzt für die Gestaltung seiner „Deutschen Messe“. Zu Senfl gab es nur brieflichen Kontakt. Luther erbat sich von ihm eine Sterbemotette. Offensichtlich lag ihm daran, mit diesem zu seiner Zeit hochberühmten Komponisten auf Augenhöhe zu kommunizieren – natürlich in lateinischer Sprache.</p>
<p><strong> 2. Vom gregorianischen Gesang über Luthers Choral hin zu Heinrich Schütz, Bach oder Mendelssohns Reformationssinfonie: Was macht das „Sprachereignis Reformation“ auch zu einem Musikereignis?</strong></p>
<p>Psalm 116, Vers 10 lautet: „Ich glaube, darum rede ich“. So strikt wie dieser Satz ist oft Luthers Rede. Und davon hat sich vieles auf die evangelische Kirchenmusik übertragen. Es geht nun nicht länger nur um eine schöne, wohlklingende Vertonung biblischer Worte, obwohl dies einem Luther durchaus genügt hätte, wie man an seiner Liebe zur Musik von Josquin Desprez sehen kann. Die Komponistengenerationen nach Luther entwickeln vielmehr den Ehrgeiz, ihrerseits akzentuiert in Tönen zu ›predigen‹.</p>
<p>Das bedeutet etwa für Heinrich Schütz, die biblischen Worte gleichsam in eine musikalisch direkte Rede zu überführen. Wenn Schütz das Psalmwort „Ich liege und schlafe, und erwache, denn der Herr hält mich“ vertont, so wird dem Hörer auch musikalisch ganz aktuell vorgeführt, was da passiert: Anfänglich ruht die Musik in sich, dann wird die lebhaft, indem die Melodie gleichsam aufspringt; schließlich kommt das Ganze in ein ruhiges Gleichgewicht, „denn der Herr hält mich“.</p>
<p>Bach ist da weniger spontan, dafür tiefgründiger: Er ›bedenkt‹ den Wortsinn des biblischen Textes noch vielschichtiger: Die Chorpartie über die biblischen Worte „Es ist der alte Bund, Mensch, du musst sterben“ aus dem „Actus tragicus“ kommentieren die Instrumente nonverbal mit der Kirchenliedweise „Ich hab mein Sach’ Gott heimgestellt“. In vielen mehrchörigen Psalmen von Felix Mendelssohn Bartholdy dominiert der Gestus der Anbetung. Das ist dem Gesang der Engel im Himmel nachempfunden. Auch Luther hörte ja bei ihn bewegender Musik die Engel im Himmel singen. Das Wunderwerk der Polyphonie vergleicht er mit einem himmlischen Reigen.</p>
<p><strong>2.1 Richard Wagner meinte, dass „der Luther’sche Choral die Seele der Reformation gerettet habe vor dem Staub der Disputationen“. Dasselbe gelte im 18. Jahrhundert von Bach. Hat er recht?</strong></p>
<p>Wagner hatte für solche Zusammenhänge ein gutes Gespür. In seiner Zeit herrschte in der evangelischen Kirche der Rationalismus – ungeachtet der gleichzeitigen Erweckungsbewegungen. Es war aber auch die Zeit des Historismus. Da konnten sich fromme und zugleich gebildete Menschen gleich in zweierlei Hinsicht an dem bewährten Alten à la Luther oder Bach freuen: In beiden Fällen ging es um sprachlichen und musikalischen Ausdruck, der kernig war, ohne sich gegen die Gefühlsebene des Glaubens abzuschotten.</p>
<p><strong>2.2 Die Reformation bringt den Gemeindegesang, die Gattung des Psalmlieds und das illustrierte Gesangbuch hervor. Hat sie zuletzt auch den entscheidenden Beitrag zur „Karriere“ der fröhlichen <em>Dur</em>-Tonart in der Kirche und anderswo geleistet, oder wäre das übertrieben?</strong></p>
<p>Was dem Lied in der Dur-Tonart geschichtlich vorausging, war nicht das Lied in „Moll“. Vielmehr bewegten sich die Liedweisen vor Luther im Rahmen der Kirchentonarten. Diese aber kannten keinen Gegensatz zwischen „Dur – Moll“ gleich „fröhlich – traurig“ oder gar „männlich – weiblich“. Doch es stimmt schon: Luther hatte bereits eine Art „Dur-Gefühl“. Und je länger je mehr gewann dieses Dur-Gefühl in der evangelischen Kirche die Überhand. Und daran ist Luther gewiss nicht ganz unschuldig gewesen.</p>
<p><strong> 3. In die Reihe evangelischer Lieddichter gehört auch Matthias Claudius mit Liedzeilen wie „‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg &#8230; – und ich begehre nicht schuld daran zu sein“ oder mit dem Erntedanklied „Wir pflügen und wir streuen“ (EG 508). Ist auch Claudius als ein Spross lutherischer Liedkunst anzusehen?</strong></p>
<p>Sie sollten „Der Mond ist aufgegangen“ nicht vergessen. Dieses Lied hat Claudius dem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ von Paul Gerhard nachgedichtet. Man kann sicherlich eine Linie von Luther über Nikolaus Herman, Philipp Nicolai, Paul Gerhard und Gerhard Tersteegen hin zu Claudius ziehen. Dieser hat sich übrigens sehr dafür eingesetzt, dass die traditionellen Kirchenliedtexte nicht im Sinne des Rationalismus ›modernisiert‹ würden. Als das in seiner Landeskirche trotzdem geschah, mochte er im Gottesdienst nur noch ungern aus dem neuen Gesangbuch singen. Damit man von diesem Widerstand nichts mitbekam, setzte er sich lieber auf die Empore.</p>
<p><strong>3.1 Sie sprechen in Ihren Büchern als Angehöriger der 68er- und der Kriegsgeneration oft offen aus der Ich-Perspektive, von Rezensenten ab und an „bekrittelt“. Eine Wahlverwandtschaft zu Claudius, für den die Existenz „die erste aller Eigenschaften“ ist?</strong></p>
<p>Was ich über Musik, aber auch was ich über Luther schreibe, will ich persönlich ›ausfüllen‹ können. Übrigens spiele ich fast jeden Abend vor dem Schlafengehen am Klavier „Der Mond ist aufgegangen“. Und morgens, nicht ganz so oft, aber immer nach dem gleichen Ritual: „Die güldne Sonne“, „Gott ist gegenwärtig“ und „Lobe den Herren“. Darunter ist also ausgerechnet kein Lutherlied. Doch das liegt vor allem daran, dass sich meine Frau in der Liedauswahl wiederfinden soll. Die stammt aus einem katholischen Elternhaus und hat jetzt Kontakt auch zu freikirchlichen Kreisen.</p>
<p><strong>3.2 Auch Luther getraut sich im Lied „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ freimütig in der Ich-Form zu singen.</strong></p>
<p>Ja, das ist im damaligen ›öffentlichen‹ Kirchenlied ganz neu. Zuvor findet man es freilich schon in Dichtungen und Liedern, die der Mystik nahestehen. Luther erweist sich – gerade in „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ – als genuiner Mystiker: „&#8230; denn ich bin dein, und du bist mein &#8230;“ heißt es in der 7. Strophe. Das ist typische Jesus-Minne.</p>
<p><strong>3.3 In einer Mischung aus rationaler Skepsis und feinsinnigem Schabernack hat sich Matthias Claudius (1740-1815) manchen Spaß auf seine „aufgeklärte“ Zeit erlaubt und wollte doch als Dichter und „Wandsbeker Bote“ zu allgemeiner Bildung und Besserung beitragen. In dieser Haltung ein Vorbild für – zuweilen ebenfalls – heitere und aufmunternde (Kirchen-)Musik?</strong></p>
<p>Ein weites Feld&#8230; Wer hätte etwas gegen aufmunternde Musik im Gottesdienst? Was sie in diesem Sinne wählen, müssen die Gemeinden nach ihren Möglichkeiten vor Ort entscheiden. Für mich wäre es freilich ein Verlust, wenn etwa Luthers Lieder dabei unter den Tisch fielen. Andererseits bringt es nichts, wenn sie kaum einer mehr kennt und deshalb auch nicht mitsingen kann. Mein Vorschlag: Man könnte Luthers Lieder im strophischen Wechsel mit ›neuen‹ Liedern singen. Der Kantor oder eine Sängergruppe singen die 1. Strophe „Nun freut euch lieben Christen g’mein“; und die ‘junge’ Gemeinde antwortet mit dem ‘Refrain’ „Mercy is falling“ usw.</p>
<p><em>Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg.</em></p>
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		<title>Theologie plus&#8230;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Mar 2018 14:24:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Erschienen in:]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Serie "Theologie plus..." erkundet Berührungspunkte und Begegnungsfelder der Theologie mit anderen Wissenschaften.  Sie versucht „exemplarisch Brückenschläge auf ihre Belastbarkeit hin zu erproben, auf Übereinstimmungen und Differenzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Serie &#8220;Theologie plus&#8230;&#8221; erkundet Berührungspunkte und Begegnungsfelder der Theologie mit anderen Wissenschaften.  Sie versucht „exemplarisch Brückenschläge auf ihre Belastbarkeit hin zu erproben, auf Übereinstimmungen und Differenzen.</p>
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		<title>Schlüsse aus Geschichten ziehen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 12:29:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 1, Februar 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichtswissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Historiker]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Kann man aus Geschichte lernen? Jedenfalls kann man aus Geschichten Schlüsse ziehen, meint Manfred Schütz und stellt zugleich die Konzeption der Artikelserie „Theologie und...“ vor.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Kann man aus Geschichte lernen? Jedenfalls kann man aus Geschichten Schlüsse ziehen, meint Manfred Schütz und stellt zugleich die Konzeption der Artikelserie „Theologie und&#8230;“ vor.</p></blockquote></div>
<p>Der Historiker Johann Gustav Droysen beschreibt die Methoden der Geschichtswissenschaft mit drei Schritten. Erstens gehe es darum, das vorhandene historische Material in den Blick zu nehmen. Also Denkmäler und weitere Überreste, Aussagen von Zeitzeugen&#8230; Zweitens sei dieses kritisch zu sichten und zu prüfen – hinsichtlich der Echtheit, der Abfolge zwischen Früherem und Späterem&#8230;. An dritter Stelle stehe dann die Interpretation.</p>
<p>Droysens „Historik“ gilt als ein Klassiker seines Fachs. Was auffällt: So logisch und so nachvollziehbar das Vorgehen ist, ein detailliertes Methodenideal bietet es nicht. So mangelt es auch nicht an Kritteleien am „unwissenschaftlichen Charakter“ und Anwürfen, dass mangels festgelegter Prinzipien ja jeder beliebige Schriftsteller sich zum Geschichtsschreiber aufwerfen könne. Droysen geht verschiedentlich und ausdrücklich darauf ein. Die Frage steht im Raum, was die Geschichte „ist“, was sie für uns bedeutet.</p>
<h2>Steine zum Sprechen bringen</h2>
<p>Als Droysens Grundlagenwerk 1868 als Buch erscheint, ist die Geschichtswissenschaft noch eine junge Disziplin. Als eigenständiges Fach wurde sie tatsächlich erst im 19. Jahrhundert an den Universitäten etabliert. Zwar hat sich seither etliches getan. Die Sozialwissenschaften haben ihre Forschungsansätze geltend gemacht. Es wurden stärker als bisher Konstanten in der Anthropologie thematisiert. Doch auch heutige Einführungen in „die Geschichte“ bieten hinsichtlich vorgegebener Methodik nicht allzu viel. Flapsig formuliert: Geschichte hat eigentlich nur Quellen und Überliefertes (davon unzählig viel), doch kaum ausgearbeitete Methoden.</p>
<p>Die Aufgabe des Historikers ist buchstäblich und oft: Steine zum Sprechen bringen. Über ganze Epochen der Erdgeschichte gibt es nur „unsprachliches“ Material. Die „steinernen Überlieferungen“ aus der Vergangenheit gelten in vieler Hinsicht gar als besonders zuverlässig – wie etwa bei Grenzstreitigkeiten zwischen Gutsbesitzern nicht so sehr darauf geachtet wird, was Bauer A oder Bauer B dazu sagt. Zur Urteilsfällung begibt man sich stattdessen lieber ins Gelände, direkt vor Ort, um zu sehen, wo der Grenzstein liegt. Ist dieses festgestellt, dann kann es nur noch um die Frage gehen, ob er immer schon hier stand, heimlich verlegt wurde, ob er rechtmäßig hier aufgestellt ist, etc. Der aufgesuchte Stein spricht eine klare Sprache. Das gilt sogar dann, wenn er <em>nicht </em>vorzufinden ist.</p>
<h2>Theologie und Geschichte</h2>
<p>Auch für die Theologie zählt der Umgang mit Überliefertem zum festen Grundbestand. Schon deshalb gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der Geschichtswissenschaft. Gemeinsam ist das Interesse an dem, was vordem war. Gemeinsam das Interesse, wie das Überlieferte ins Heute kommt, wie es wirkt und wirken soll.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Cicero: Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens?</p></blockquote></div>
<p>Aber hat die Geschichte uns überhaupt etwas zu sagen? Betrifft mich das? War das nicht alles eine andere Zeit? Für die Altvorderen hieß es „<em>Historia magistra vitae</em>“, Geschichte die Lehrmeisterin des Lebens (Cicero). Demnach ergibt sich aus der Geschichte Bedeutungsvolles für die Gegenwart und Zukunft. In diesem Sinn treten sowohl die Theologen als auch die Historiker mit einer positiven Erwartungshaltung an die Historie(n) heran.</p>
<h2>Geschichte oder Geschichten?</h2>
<p>Wie die „Profangeschichte“ kennt dabei auch die Theologie „sprechende Steine“. Interessanterweise wird es ja stets dann lebendig, wenn bei Ausgrabungen ein neuer Fund zu Tage kommt. Wie kürzlich, als in Wittenberg über die Überreste aus Martin Luthers mutmaßlicher Küche berichtet wurde. Nun habe man endlich einen authentischen Einblick und Zugang auf die wahre Persönlichkeit des Reformators…</p>
<p>Bezeichnenderweise scheint der Historiker gerade hier, bei den „unsprachlichen“ Rahmendaten, die präzisesten Methoden zu besitzen. Etwa die C14-Methode zur Radiokarbondatierung aus der Archäologie. Oder wenn mit quantitativen Auswertungen die ausschlaggebenden Bevölkerungsstrukturen für Entwicklungen in der Geschichte erhoben werden.</p>
<p>Zwischenfrage: <em>Die Geschichte</em>? Gibt es <em>die </em>Geschichte überhaupt? Ist nicht vielmehr von <em>den</em> Geschichten zu reden, den vielen verschiedenen, die immer subjektiv sind und subjektiv bleiben? Erst in der Neuzeit kommt ja die Singularvokabel „die Geschichte“ in qualifizierter Weise auf. Vormals sprach man im Plural von „Geschichten“. In postmodernen Zeiten wird wiederum die Zersplitterung in die vielen verschiedenen Einzelgeschichten herausgestellt.</p>
<h2>Wort und Wissenschaft</h2>
<p>Besondere Nähe zwischen Theologie und Geschichte gibt es schließlich bei sprachlichen Überlieferungen. Für beide Wissenschaften bilden diese Textquellen den größten Anteil. Berichte, Briefe, offizielle Verlautbarungen, Verhandlungen&#8230; Nur, welche mündlichen und schriftlichen Quellen sind als Geschichtsquelle heranzuziehen? Hier treten Fragen nach der Echtheit auf. Fragen nach der Richtigkeit und Wahrheit (vgl. Droysen). Und zwar sowohl, was die Richtigkeit der Quellen anbetrifft, als auch die Richtigkeit und Angemessenheit der sekundären Auswertung und Darstellung. Wort und Wissenschaft, könnte man leicht abstrahierend sagen, sind hier das Thema.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Wie kommt der Geist in die Geschichte?</p></blockquote></div>
<p>Hier, an dieser Stelle, hat die Theologie der Geschichtswissenschaft sogar etliches voraus. Denn vom frühesten Beginn an existiert das Christentum ja als Erzählgemeinschaft, die auf ihre eigene Ursprungsgeschichte kontinuierlich reflektiert. Im Umgang mit Überlieferungen ist die Theologie geübt. Durch eine jahrhundertelange Tradition der Auslegungsgeschichte kennt sie sich aus mit Textauslegung, mit mündlichen und schriftlichen Quellen sowie deren aktueller Zu- und Aneignung.</p>
<h2>Aus Geschichten Schlüsse ziehen</h2>
<p>Schon die neutestamentlichen Autoren legen Wert darauf, &#8216;nur das weiterzugeben, was sie selbst empfangen haben&#8217; (1. Kor 15,3). Tradition kommt schließlich von <em>tradere</em> (lat.: Weitergeben, überliefern). Auf die Frage, was begründet uns historisch, worin gründet unsere (historische und soziale) Identität, wird andauernd und ausdrücklich rekurriert.</p>
<p>Wenn man so will, ist dies schon durch den Stifter selbst der Theologie in die Wiege gelegt. Als Wanderprediger erzählt er hintergründige Geschichten, vom barmherzigen Samariter, vom gütigen Vater, vom Reich Gottes, usw. Und schon alsbald wird sein eigenes Ergehen, seine eigene Geschichte zum Hauptinhalt, siehe Evangelien. Hier wie da kreist vieles um die Frage, was die Geschichte sagt und „ist“, was sie den Nachfolgenden bedeutet: Welche Schlüsse nun daraus zu ziehen sind.</p>
<h2>Geschichte als Lernwissenschaft</h2>
<p>Wie also kommt der Geist in die Geschichte? Indem sich die Geschichtswissenschaft damit beschäftigt, was Geschichte „ist“ und was sie uns bedeutet, ist sie (Achtung, jetzt wird es theoretisch) vielleicht am besten als eine <em>kritische Lernwissenschaft</em> zu charakterisieren. Sie lehrt zu unterscheiden zwischen dem, was die Geschichte von sich aus sagt, was andere über sie sagen, interpretiert beides aus ihrer eigenen Sicht – und wird so selbst Geschichte. Geschichtswissenschaft lehrt und lenkt den Blick darauf, wie Geschichte auf Geschichte folgt&#8230;</p>
<p>So weit, so gut. Doch kann man aus Geschichten lernen? Können Geschichten <em>Magistra</em> <em>Vitae</em>, Lehrmeisterin des Lebens sein („Lernt von mir“)? These: Lernen, ja. In gewisser Weise viel (etwa über die eigene Herkunft sowie Prägungen). Vor allem aber kann man daraus Schlüsse ziehen, wo man selber steht – Selbsterkenntnis in Zustimmung und Differenz.</p>
<h2>Theologie als kritische Lernwissenschaft</h2>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wie die Geschichte ist Theologie als Lernwissenschaft zu kennzeichnen.</p></blockquote></div>
<p>Denn wie die Geschichtswissenschaften zieht die Theologie 1. konkrete Schlüsse aus Geschichten. Hier ist etwas zu lernen, was man vorher noch nicht weiß. Die Theologie lernt dabei 2. substantiell von anderen Wissenschaften. Aus inneren Gründen arbeitet sie interdisziplinär. Das macht ihre Vielschichtigkeit aus, bietet aber auch eine Gefahr des permanenten Abdriftens. Plötzlich ist Theologie dann <em>nur noch </em>Geschichte. Oder <em>nur noch </em>Philosophie. <em>Nur noch </em>Psychologie. Oder nur noch eine Mischung aus diesem allem… Hier gilt es dann das jeweils Eigene der Theologie ins “Spiel“ zu bringen. 3. Die Theologie ist schließlich auch in diesem Sinne eine Lernwissenschaft, als sie dazu anleiten will, in welcher Weise (und in welcher nicht) Theologie unter wissenschaftlichen Ansprüchen &#8216;gelehrt&#8217; werden kann.</p>
<p>In diesem Rahmen – „das Wort und die Wissenschaften“ – bewegt sich unsere Beitragsreihe insgesamt. Sie ist an der „Scharnierstelle“ verortet und sucht exemplarisch Brückenschläge zwischen den Wissenschaften auf ihre Belastbarkeit hin zu erproben, auf Übereinstimmungen und Differenzen. Doch keine Sorge, bei alledem bleiben wir stets mit einem Augenzwinkern unterwegs, wohl wissend, wo wir uns befinden: In der Theologischen <em>Werkstatt</em> – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit in diesem Rahmen oder gar auf ein ultimatives „Non-Plus-Ultra“ der Artikel. Wir machen einfach Probewerkstücke und Experimente…</p>
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		<title>Theologie und Linguistik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Feb 2018 15:19:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 1, Februar 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wittgenstein]]></category>
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					<description><![CDATA[„Theologie plus ...“ ist das Motto einer neuen Serie in der „Theologischen Werkstatt“. Wir erkunden darin aktuelle Berührungspunkte und Begegnungsfelder der Theologie mit anderen Wissenschaften. Den Anfang macht Manfred Schütz mit einem Blick über den Zaun in den Garten der Sprachwissenschaft.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Theologie plus &#8230;“ ist das Motto einer Serie in der „Theologischen Werkstatt“. Wir erkunden darin Berührungspunkte und Begegnungsfelder der Theologie mit anderen Wissenschaften. Hier wirft Manfred Schütz einen Blick über den Zaun in den Garten der Sprachwissenschaft.</p></blockquote></div>
<h2>Theologie als Grammatik</h2>
<p>Überlegungen zur Sprache wühlten in den 60er Jahren viele Wissenschaften auf. Wittgenstein gilt dafür als ein Impulsgeber, die „linguistische Wende“ war in aller Munde. Was aber haben Grammatik und Theologie gemeinsam? – Wir haben uns umgehört und umgesehen, was Wittgenstein-Kenner dazu sagen. Doch zunächst der Versuch einer Landschaftsskizze für den Anmarsch auf das Thema.</p>
<p><em>Mir ist es eigentlich egal, was ich esse, Hauptsache es ist immer dasselbe. </em> – Von Ludwig Wittgenstein gibt es viele Aussagen, die man zweimal lesen muss, bis man die Pointe ganz versteht. Wittgenstein ist Aphoristiker. Ein aufmerksamer Beobachter. Und er ist messerscharfer Sprachdenker.</p>
<p>Wer sich in seine schriftliche Hinterlassenschaft begibt, stolpert ständig über glänzende Formulierungen, kluge Einsichten – und Witz. Im Vorwort zu seinem Erstlingswerk, dem berühmten <em>Tractatus logico philosophicus </em>von 1922, heißt es: „Sein Zweck wäre erreicht, wenn es Einem, der es mit Verständnis liest Vergnügen bereitete.“ Nun gut. Allerdings jeder, der auch nur die ersten Seiten liest, merkt schnell, dass er <em>fast nichts</em> versteht. Spätestens, wenn der Autor dort beginnt, seitenlang logisch-mathematische Formeln zu besprechen.</p>
<p>Wittgenstein macht Spaß. Doch er ist mehr als ein feinsinniger Wortjongleur. Mit seinen Beobachtungen und Bemerkungen zieht er Fachleute jeglicher Couleur seit Jahrzehnten in den Bann. Von Sprachanalytikern bis zu Theologen brüten viele über seinen Sätzen.</p>
<h2>Linguistik am Anfang des 20. Jahrhunderts</h2>
<p>Wie kam es dazu, dass der Sohn eines österreichischen Großindustriellen mit seinen Werken solche Kreise zog? Dass er zu einem Auslöser der späteren „linguistischen Wende“ wurde? Als Ludwig Wittgenstein (1889–1951) in Wien aufwächst, macht sich gerade Ferdinand de Saussure in Genf daran, den Sprachwissenschaften eine neue Basis zu verleihen. Saussure gilt als Begründer der modernen Linguistik. Er unterscheidet in der Sprache zwischen dem <em>Bezeichnenden</em> und dem <em>Bezeichneten</em> (Signifikant – Signifikat). Demnach hat jedes Zeichen seinen festen Platz im Sprachsystem. Saussure sucht nach der Sprachstruktur. Er wird zu einem der Väter des sogenannten Strukturalismus.</p>
<h2>Wittgenstein über Sprachgebrauch</h2>
<p>Wittgenstein hatte zunächst Ingenieurswissenschaften studiert. Nicht ohne eine gewisse Meisterschaft zu zeigen, wie manche Patentanmeldung auf seinen Namen belegt. Die diffizilen Denkoperationen kamen ihm für den späteren Werdegang sicherlich zupass. Aber ebenso die vielfältigen Begegnungen mit Künstlern, Kreativen, Musikern und Literaten, die im elterlichen Haus ein- und ausgingen. Musiker wie Brahms und Mahler, Maler wie Gustav Klimt waren häufiger zu Gast. Wittgenstein war vielseitig und begabt. Auch ein berühmter Architekt oder Komponist hätte wohl gut aus ihm werden können. Doch er wird einen andern Weg einschlagen.</p>
<p><em>Was ein Wort bedeutet, hängt von seinem Gebrauch ab. </em>Es sind Feststellungen wie diese, die Wittgenstein für Linguisten interessant machen. Das Originalzitat lautet: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Auch als fachlicher Laie hört man gleich, dass das nicht so ganz dasselbe wie in Saussures Sprachverständnis ist.</p>
<h2>Teekesselchen spielen</h2>
<p>Ein Wort hat demnach nicht eine vorgefertigte Bedeutung, sondern diese kann sich je nach Kontext ändern. Ein bisschen wie beim Teekesselchen-Spiel, das Kinder gerne spielen: <em>Pfeife</em> hat einmal etwas mit Tabak zu tun. Ein andermal mit jemandem, von dem wir keine hohe Meinung haben.</p>
<p>Das ist natürlich noch etwas simpel und vereinfachend gesagt. Bei Wittgenstein muss man sich zudem stets davor hüten, etwa sein Frühwerk mit dem Spätwerk einfach in eins zu setzen: Dass man für eine Wortbedeutung jeweils auf den konkreten Sprachgebrauch zu achten habe, ist eine Aussage erst aus der Spätphase seines Schaffens. Doch auch im Frühwerk (d.h. insbesondere dem <em>Tractatus</em>) geht es ihm darum, Missverständnisse der Sprache zu klären.</p>
<h2>Wittgensteins Frühwerk</h2>
<p>Auf Wittgenstein darf man nicht zu sprechen kommen, ohne die einprägsamen klassischen Zitate anzuführen, die seinen Ruf begründet haben. Mit Stakkato-artigen Sätzen eröffnet er den genannten Traktat:</p>
<p><em>1             Die Welt ist alles, was der Fall ist. … </em></p>
<p><em>1.2          Die Welt zerfällt in Tatsachen. </em></p>
<p><em>1.21       Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich bleiben. …</em></p>
<p>Um schließlich mit dem Satz zu enden:</p>
<p><em>7             Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.</em></p>
<p>Der angesehene britische Logiker, (Sprach-)Analytiker und spätere Literatur-Nobelpreisträger Bertrand Russell wurde seinerzeit durch die Begegnung mit wittgensteinschen Thesen dazu bewogen, ein bereits fertig geschriebenes Buch lieber ungedruckt in der Schublade zu lassen. Wittgenstein hatte ein durchaus resolutes Auftreten. Im Vorwort behauptet er denn auch „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“ – räumt aber immerhin gleichzeitig ein, dass die Arbeit zweitens „zeigt, wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind.“</p>
<h2>Überwinde diese Sätze, dann siehst du die Welt richtig</h2>
<p>Eine Leseanweisung an den verständigen Leser am Ende des <em>Tractatus</em> lautet: Der Leser müsse „diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ Oder etwas ausführlicher und poetischer: „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“</p>
<p>Nach der Fertigstellung des <em>Tractatus</em> verteilt Wittgenstein sein ansehnliches finanzielles Erbe unter seinen Geschwistern und wird Volksschullehrer in einem kleinen Dorf in Niederösterreich. Aus dieser Zeit sind rührende Briefwechsel mit manchen seiner Schüler vorhanden. Der Dorfschullehrer gilt in etlichen seiner Methoden zwar als etwas wunderlich, aber durchaus als engagiert.</p>
<p>Aus dieser Zeit datiert auch das wenig beachtete Wörterbuch für Volksschulen, das er erstellt. Doch erst Jahre später, um 1930, wird er sich wieder neuen Sprachreflexionen zuwenden. Zum Beispiel zum Sprachgebrauch. Oder zu seiner oft zitierten Sprachspiel-Theorie. Oder, oder, oder… Durch seine weitläufigen Untersuchungen werden bisherige Sprachauffassungen teilweise fortgeschrieben, teilweise aufgelöst.</p>
<h2>Wittgenstein und der „linguistic turn“</h2>
<p>Zusammen mit anderen hat Wittgenstein dadurch der Linguistik langfristig eine regelrechte Welle methodischer Neuansätze beschert. Unter dem Begriff des <em>linguistic turn</em> hat R. Rorty 1967 die kleine Methodenrevolution zusammengefasst. Und die Neuorientierung betraf nicht nur Linguisten. Kultur-, Geistes-, und Sozialwissenschaften fragten jetzt: Welche Bedeutung kommt der Sprache für die (wissenschaftliche) Erkenntnis zu? Wie können wir nach Wittgenstein (noch) wissenschaftlich arbeiten? Historiker gaben sich Rechenschaft darüber ab, dass jede Geschichtsdarstellung maßgeblich vom spracherzählerischen Standpunkt abhängig ist. Neue Disziplinen wie Soziolinguistik (wie spricht wer zu wem?) oder die Sprechakt-Theorie entstanden.</p>
<h2>Wittgenstein und die Theologie</h2>
<p>Auch Bezugnahmen auf Wittgenstein aus religiöser oder theologischer Perspektive gibt es seither nicht wenige. Zu nennen wären etwa George A. Lindbeck, Wilhelm Vossenkuhl oder jüngst Holm Tetens. Detailliert hat sich auch die Theologin Eibach-Danzeglocke mit Wittgenstein befasst (Swantje Eibach-Danzeglocke:<em> Theologie als Grammatik</em>, Frankfurt am Main 2002). Sie untersucht, wie eine Theologie nach Wittgenstein in konkreter Weise aussehen könnte und nimmt dafür dessen Grammatikbegriff zum Ausgangspunkt. Aus dieser Arbeit sollen im Folgenden einige Ergebnisse vorgestellt werden.</p>
<h3>Sprachspiele</h3>
<p>Ein wichtiger Begriff aus Wittgensteins Spätwerk ist das „Sprachspiel“. Mit Sprachspiel sind zum Beispiel einfache Kommunikationszusammenhänge gemeint, wie „Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen“, „Theater spielen“ oder: „Eine Geschichte erfinden; und lesen“. Als weiteres Beispiel nennt er: „Aus einer Sprache in die andere übersetzen.“</p>
<p>Auch  eine gesprochene Sprache wie Französisch oder Englisch wäre somit als Sprachspiel zu beschreiben. Wittgenstein wendet den Terminus auf kleinste Kommunikationseinheiten wie auf das Gros sprachlicher Kommunikationsformen an. „Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das „Sprachspiel“ nennen.“</p>
<h3>Regel und Regelfolgen</h3>
<p>„Der Witz bei einem Spiel ist es, dass es nach bestimmten Regeln gespielt wird – den Spielregeln.“ (<em>Theologie als Grammatik</em>, S. 27). Die internen Regeln eines Sprachspiels kann man auch ihre „Grammatik“ nennen. Verschiedene Sprachspiele lassen sich voneinander abgrenzen und unterscheiden, indem auf die konkreten „Spielzüge“ geachtet wird, die darin stattfinden. Die Spielregeln müssen gar nicht explizit genannt werden. Indem man die Vorgänge beobachtet, lässt sich sagen: „Dieses Spiel wird hier gespielt.“</p>
<p>Beispiel: Antwortet jemand auf die Frage „Parlez-vous français?“ mit einer adäquaten Aussage, lässt sich auch für Außenstehende darauf schließen, dass hier das Sprachspiel Französisch vorherrscht (und nicht Deutsch).</p>
<h3>Sprache und Lebensform</h3>
<p>Wodurch wird etwas zu einem Sprachspiel? „Sprachspiele sind notwendig mit einer Praxis verbunden, die ihnen erst einen Sinn verleiht.“ (<em>Theologie als Grammatik</em>, S. 26). Typisch für ein Sprachspiel ist, dass es regelmäßig in ähnlicher Weise vorkommt. Wittgenstein: „Ich will sagen: es ist charakteristisch für unsere Sprache, dass sie auf dem Grund fester Lebensformen, regelmäßigen Tuns, emporwächst.“ Die Assoziation zum Spiel sollte nicht dazu verleiten, dass es dabei um etwas Unernsthaftes gehe. Der Spiel-Charakter hebt vielmehr auf  bestimmte Wesenszüge ab, die für die Sprach-„Spiele“ charakteristisch sind, wie die Regeln.</p>
<h2>Theologie als Grammatik</h2>
<p>Es gibt also typische Merkmale, die uns darauf schließen lassen, ob etwas zu diesem oder jenem Sprachspiel bzw. Gegenstandsbereich gehört. Wittgenstein: „Welche Art von Gegenstand etwas ist, sagt die Grammatik. (Theologie als Grammatik.)“ Aus der Grammatik sollte die Wesensart hervorgehen, sie beschreibt die immanenten Regeln. Womit unser Angelpunkt erreicht wäre: Kann man Theologie als Grammatik sehen? Und was trägt das aus?</p>
<p>In der Grammatik geht es um die richtige Verwendungsweise. Grammatik gibt wieder, wie eine Sprache funktioniert. Sie beschreibt die Regeln einer Sprache. Sie bezieht sich auf die vorfindliche Sprachverwendung und stellt deren Bedeutungen heraus.</p>
<p>Für die Theologie lassen sich vielfältige Folgerungen daraus ziehen. Zwei seien im Anschluss an Swantje Eibach-Danzeglocke hier genannt (vgl. <em>Theologie als Grammatik</em>, S. 177–195):</p>
<h3>Folgen für Lehre und Beschreibung (Deskription)</h3>
<p>Theologie als Grammatik hat Auswirkungen auf den Umgang mit allen theologischen Sprachäußerungen – mit Dogmen, mit Lehre, mit theologischer Rede insgesamt. Konkrete Folgen ergeben sich daraus zum Beispiel für das ökumenische Gespräch. Im interkonfessionellen Dialog sind Lehr- und Sprachzusammenhänge von dem einen in den anderen zu übersetzen: Wo unterschiedliche Dogmen und Lehrsätze aufeinandertreffen, kann eine Beachtung der <em>Grammatik</em> helfen, Missverständnisse zu klären.</p>
<h3>Grundlegung Diakonischer Theologie (Praxis)</h3>
<p>Theologie als Grammatik nimmt die Glaubenspraxis in den Blick. Das macht sie zu einem Konzept diakonischen Handelns. Denn die Lebensform des Theologen und das Sprachspiel sind eng verzahnt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“: Die grundlegende Lebensform im Dienst am Nächsten, im Sinn der christlichen Nächstenliebe, spiegelt sich auf die gelebten Sprachformen zurück – oder sollte das zumindest tun (vgl. das Statement von Clemens Sedmak auf der folgenden Seite).</p>
<p>Folgt man dem Ansatz über die Grammatik, erschließen sich neue Zugänge zur Theologie, die zuvor so nicht im Blick waren. Mit Wittgenstein zu sprechen, ist beim Vergleichen und beim Übersetzen von einem Sprachzusammenhang in den anderen mit produktiven <em>Aspektwechseln</em> zu rechnen: „So habe ich das noch nie gesehen.“</p>
<h2>Literaturhinweise</h2>
<ul>
<li>Kurt Wuchterl / Adolf Hübner: <em>Wittgenstein</em>, Reinbek bei Hamburg 1979</li>
<li>Wilhelm Vossenkuhl: <em>Ludwig Wittgenstein</em>, München 1995</li>
<li>Hans-Johann Glock: <em>Wittgenstein-Lexikon</em>, Darmstadt 2000</li>
</ul>
<hr />
<h2>Zu Wittgenstein, Grammatik und Theologie</h2>
<p><em>Was Wittgenstein-Kenner zum Thema sagen</em></p>
<h3>Wittgenstein und die Theologie</h3>
<p>Was kann heutige Theologie von Wittgenstein lernen?</p>
<p>Es dürfte … deutlich … sein, dass weder Wittgenstein der Theologie präzise Arbeitsanweisungen geben kann oder möchte noch, dass aus seinen Aufzeichnungen so etwas wie eine Standortbestimmung für heutige Theologie abgeleitet werden kann.</p>
<p>Er gibt jedoch einen Hinweis in seiner Bemerkung „Theologie als Grammatik“… Grammatisches Arbeiten fordert dann von der Theologie …, dass eine vorfindliche Sprachmenge so beschrieben wird, dass die Bedeutung der Worte und Sätze in größtmöglicher Klarheit zugänglich wird. … <em>Gegenstand der Theologie ist folglich der religiöse Sprachgebrauch.</em></p>
<p><strong><em>Dr. Swantje Eibach-Danzeglocke</em></strong><em>, Pfarrerin der ESG-Aachen. Die Zitate stammen aus ihrem Band Theologie als Grammatik, Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M. 2002, S. 164f.</em></p>
<h3>Grammatik und diakonische Praxis</h3>
<p>„Theologie als Grammatik“ ist nicht die Analyse von Wörtern, sondern von den Kontextbedingungen gelingender Kommunikation. Folglich wird sich diese „Grammatik“ einer Berücksichtigung der Praxis nicht entziehen können.</p>
<p>Die (für die Theologie: diakonische) <em>Praxis</em> ist nach Wittgenstein das Kriterium funktionierender Grammatik. Somit wird Theologie als Grammatik zugleich zum Fundament diakonischen Handelns.</p>
<p><strong><em>Prof. Dr. Clemens Sedmak</em></strong><strong><em>, </em></strong><em>Professor für Sozialethik am King’s College London und Gastprofessor für Sozialethik an der Universität Salzburg.</em></p>
<h3>Theologie als Sprachlehre des Glaubens</h3>
<p>Nietzsche hatte in der Vermutung, mit der Grammatik sei zugleich Gott präsent, die „<em>linguistische Wende“</em> bereits vorweggenommen. Zwar ungewollt, aber diagnostisch treffend. Damit gemeint sein kann, dass die Vorstellung klarer Regeln und Verbote im Sprachlichen an den strafenden Gott eines klar verteilten Gut und Böse erinnert. Gemeint sein kann aber auch, dass der Glauben selbst eine Verwandtschaft zur regelgeleiteten Sprache aufweist.</p>
<p>Die Wittgensteinsche Idee von „Theologie als Grammatik“ folgt dieser zweiten Lesart. In der Analogie zwischen Sprache und Spiel sind wichtige Ansätze enthalten, um der Dynamik der Sprache und damit des Glaubens nachzugehen: der Gemeinschaftscharakter der Sprache; ihre wirklichkeitsbildende Kraft; aber auch ihr Grundzug, den Sprecher im Verstehensprozess zu involvieren.</p>
<p>Das Projekt, welches sich dieser Momente am engagiertesten angenommen hat, ist die so bezeichnete Hermeneutische Theologie. Die Hinwendung zu Sprachfiguren wie Gleichnis oder Metapher steht am Anfang dieser „Sprachlehre des Glaubens“ (Gerhard Ebeling). Demnach sei Glaube ein eigenes, auch eigentümliches Verstehen; dieses Verstehen sei wesentlich sprachlich formiert; und ›Gott‹ bezeichne nicht den Sondergegenstand dieses Verstehens, sondern diejenige Wirklichkeit, in welcher der (sich) neu verstehende Mensch wandelt.</p>
<p>Das ist eine spannende These. Dass Nietzsche von ihr beunruhigt gewesen wäre, spricht nur für sie!</p>
<p><strong><em>PD Dr. Hartmut von Sass</em></strong><em>, Privatdozent für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Zürich.</em></p>
<h3>Auftakt und Fortsetzung</h3>
<p><em>Theologie plus Linguistik</em> war der Auftakt, Theologie plus Soziologie, Theologie und Medizin, Theologie und… andere sollen folgen. In der nächsten Ausgabe geht es um Theologie und Quantenphysik.</p>
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		<title>Physik und Theologie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 16:39:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 2, Mai 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Physik]]></category>
		<category><![CDATA[Quantenmechanik]]></category>
		<category><![CDATA[Quantenphysik]]></category>
		<category><![CDATA[Quantentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Theologen]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Quantentheorie ist die Basis der modernen Physik. Wir alle verwenden ihre Ergebnisse täglich. Quantenmechanik sorgt z.B. dafür, dass Digitalkameras funktionieren. Dabei klingen ihre Aussagen eher nach Esoterik. Was bedeuten sie für die Theologie?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Quantentheorie ist die Basis der modernen Physik. Wir alle verwenden ihre Ergebnisse täglich. Quantenmechanik sorgt z.B. dafür, dass Digitalkameras funktionieren. Dabei klingen ihre Aussagen eher nach Esoterik. Was bedeuten sie für die Theologie?</p></blockquote></div>
<p>Teilchen, die zeitgleich an mehreren Orten sind. Messungen, durch die das zu Messende erst entsteht. Zustände von weit entfernten Objekten, die sich ohne äußere Krafteinwirkung selbsttätig synchronisieren… Quantenmechanik scheint voller Mysterien und Geheimnisse. Albert Einstein spöttelte einst von „spukhaften Fernwirkungen“, die mit den Mitteln der Physik nicht so recht erklärbar seien. Doch mittlerweile hat sich die Quantentheorie weithin durchgesetzt.</p>
<h2>Quantensprünge</h2>
<p>Was in der klassischen Physik unvorstellbar war, dient nun als tägliches Handwerkszeug. Besonders aufhorchen lässt die Verschränkung von Teilchen. Zwei oder mehrere Quantenobjekte nehmen dabei genau denselben Zustand ein. Diesen Zustand behalten die Objekte auch dann, wenn sie kilometerweit entfernt und völlig voneinander isoliert sind. Der interessante Effekt: Ändert man den Zustand eines dieser Teilchen, ändern sich alle anderen verschränkten Teilchen ebenfalls. Und zwar ohne irgendeine Art von direkter „Krafteinwirkung“.</p>
<p>Früher rief man bei rätselhaften Erscheinungen ja einen Geistlichen ins Haus… Die sogenannte Quantenverschränkung ist jedoch nur einer von vielen erstaunlichen Effekten. Auch in weiteren Feldern haben die neuen Erklärmodelle für Quantensprünge in der Wissenschaft gesorgt. Manches klingt dabei tatsächlich nach Voodoo-Zauber oder Esoterik. Die Frage legt sich nahe, wie sich die Theologie zu dem allem verhält.</p>
<h2>Das Weltbild der Physik und die Theologie</h2>
<p>Seit jeher hat das Weltbild der Naturwissenschaft Einfluss auf theologische Aussagen (und umgekehrt.) Man denke nur an die alten Listenwissenschaften. In biblischen Schöpfungsbetrachtungen werden die Naturphänomene summarisch nebeneinander gestellt. Das Erdreich und die Gewässer, die Tiere des Feldes und die Vögel, der Steinbock und der Klippdachs (Psalm 104). Alles wird eins nach dem anderen aufgelistet, auf diese Weise verzeichnet und erfasst. Das gesammelte Wissen über die Welt wird zugänglich gemacht, tradierbar archiviert. Die gelehrte Wissenschaft des Orients kennt viele solcher Listen-Reihungen von den Babyloniern bis nach Ägypten.</p>
<p>Später bilden die Denkvoraussetzungen der Antike die Grundlage für die Dogmen der Kirchenväter. Die Formulierungen der ökumenischen Konzile zur Zweinaturenlehre sowie zur Dreieinigkeit (Nicäa, Konstantinopel, Chalcedon) erfolgen im Rahmen antiker Denkmodelle und der Weltanschauung aus einer Zeit, in der alle wahre Philosophie Naturphilosophie war. Weitere Beispiele ließen sich ergänzen. Das Weltbild der Physik und der Naturerforschung hat die Theologie noch selten ungerührt gelassen.</p>
<p>Bekanntlich hat jedoch die Naturwissenschaft, die Physik zumal, nicht nur als Zudiener der Theologie fungiert. Oft genug wurde sie zum scharfen Kritiker. Man muss nicht erst bis Galilei denken. Häufig hat die Wissenschaft theologische Grundannahmen in Frage gestellt oder gleich ganz aus den Angeln gehoben. Wie steht es da nun mit der Quantenmechanik?</p>
<h2>Überraschende physikalische Annahmen</h2>
<p>Zoomen wir uns ein wenig näher. Wie sieht es aus, das Weltbild der Quantenphysik? Interessanterweise vermag das auch rund 90 Jahre nach ihrer ersten Formulierung niemand so recht zu sagen. Denn abschließende Erklärungstheorien, die sich bei allen Forschern durchgesetzt hätten, gibt es bislang nicht.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Abschließende Erklärungen, die sich allgemein durchgesetzt hätten, gibt es bislang nicht.</p></blockquote></div>
<p>Schon eine der Grundaussagen der Quantenmechanik hat ausdrücklich die Ungenauigkeit und Unbestimmtheit zum Thema. Werner Heisenberg machte 1927 darauf aufmerksam, dass Messungen in mancher Hinsicht immer einen letzten Grad an Ungenauigkeit besitzen. Gleichzeitig den genauen Ort und den (Bewegungs-)Impuls eines Objektes exakt anzugeben, ist prinzipiell nicht möglich.</p>
<p>Das lässt sich in etwa so klarmachen: Ist eine Messung so extrem auf die genaue Lage des Objekts begrenzt, – quasi das <em>vollständig</em> an seinem Ort ruhende Teilchen – kann über seinen Richtungsimpuls nichts mehr gesagt werden. Dazu müsste man noch mindestens einen kleinen Moment länger messen: das Teilchen hätte dann aber seinen vorigen Ort wieder ein Stück verlassen (also keine exakte Ortsangabe mehr). Dies gilt im kleinen wie im ganz großen Maßstab. Umgekehrt gilt dasselbe von der Bewegung. Es kommt darauf an, wie lange wo mit welcher „Intensität“ gemessen wird und worauf man dabei achtet. Eine von beiden Eigenschaften kann zum selben Zeitpunkt daher nicht mit gleicher Exaktheit gemessen werden, es bleibt immer ungenau. Diese Einsicht wird die <em>Heisenbergsche Unschärferelation</em> genannt.</p>
<h2>Es funktioniert – aber warum?</h2>
<p>Die moderne Physik arbeitet übrigens ständig auf Basis von Modellen, für die noch keine eindeutige Erklärung existiert. Manche Wissenschaftler wie Feynman behaupteten, es gebe überhaupt niemanden, der die Quantentheorie versteht. Trotzdem machen alle weiter und halten sich daran. Da dürfen Theologen schmunzeln… („Ist bei uns genauso“). „Was wir wissen, ist, dass es meistens funktioniert.“ Warum das so ist, gilt es dann erst noch abzuklären.</p>
<p>Dieses Vorgehen scheint durchaus rational. Denn die Ergebnisse und Anwendungen der Quantenmechanik können sich durchaus sehen lassen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>CD-Player &amp; LEDs: Anwendungen der Quantenmechanik</p></blockquote></div>
<p>Angefangen von CD- und DVD-Playern bis zur Digitalkamera arbeiten zahlreiche Gebrauchs- und Nutzgegenstände auf Grundlage der Quantentheorie. Die energiesparenden LED-Leuchten nicht zu vergessen. Oder Supraleiter. Lasertechnik. Quantencomputer und Quantenkryptologie (Verschlüsselungsmethoden) sollen die nächste große Sache werden. In der Nutzung der Sonnenenergie steckt mit den Photovoltaikanlagen ebenfalls viel Quantentechnik.</p>
<h2>Alles voller Mysterien und Wunder?</h2>
<p>Sind das nun alles Wunder (naturwissenschaftlich nicht erklärbare Phänomene)? Wohl eher nicht. Man hat eben nur noch nicht die Mechanismen herausgefunden und verstanden. (Zumindest käme es sehr darauf an, was man unter einem Wunder versteht.)</p>
<p>Zu einem Satz wie „alle Haare auf deinem Kopf sind gezählt“ mögen frühere Generationen sich noch staunend überlegt haben, ob so etwas möglich ist (Mt 10,30). Heutige Wissenschaftler erklären vermutlich lächelnd, man habe just gerade nicht nur die Haare, sondern sämtliche Atome oder Einzelteilchen des ganzen Schopfs bis in die Haarwurzel vermessen, systematisch aufgelistet <em>und</em> analysiert.</p>
<p>Wer weiß, in der Quantenwelt wird womöglich auch der Wunderbegriff noch einmal neu definiert. Freilich: Sehr viel weiter, als beobachtete Einzelphänomene nebeneinander zu stellen (wie in den alten Listenwissenschaften), scheint die Quantenmechanik heute allerdings nicht zu sein. Werfen wir noch einen weiteren Blick auf einige dieser Einzelphänomene.</p>
<p><strong>Teilchen-Welle-Dualismus</strong></p>
<p>Das ist eine der bekanntesten Aussagen der Quantenphysik, die man aus der Schule kennt: Elementarteilchen besitzen zeitgleich die Eigenschaften einer Welle und die eines Teilchens. Ihr physikalisches Verhalten lässt sich im einen Fall nur durch Welleneigenschaften im andern nur durch Teilcheneigenschaft erklären. Populärwissenschaftlichen Ruhm hat zudem die bedauernswerte Katze Erwin Schrödingers erlangt:</p>
<p><strong>Tot und untot – Schrödingers Katze</strong></p>
<p>Über den wahren Zustand eines Quantenobjekts lassen sich ohne Messung keine Aussagen machen. Und dies nicht, weil man eben ohne Messung nichts darüber weiß, sondern weil die sprunghaften Objekte „alles Mögliche“ sein können und erst die Messung den Zustand festlegt und bestimmt. Schrödinger gab folgendes Beispiel: Eine Katze sitzt in einer blickdichten Box. In der Box befindet sich eine Substanz, von der sich nicht vorausberechnen lässt, wann sie ihre bekannten tödlichen Wirkungen entfaltet. Dies kann statistisch jederzeit eintreten. Ohne in die Box zu sehen, gilt die Katze quantenmechanisch als lebendig und als tot zugleich. Beides ist mit derselben Wahrscheinlichkeit wahr und möglich. Weil sich Quantenobjekte wie jene Substanz nicht vorausberechnen lassen, gelten die zwei widersprüchlichen Zustände gleichzeitig.</p>
<p><strong>Elektronen, hier und dort zugleich</strong></p>
<p>Noch ein „übernatürliches“ Beispiel aus der Quantenzauberkiste: Elektronen können laut Quantentheorie an mehreren Orten zeitgleich sein. Dies wurde durch das Doppelspalt-Experiment belegt (siehe Schulunterricht). Von Quantenteilchen lässt sich zudem sagen, dass sie zugleich an einem Ort sind und <em>nicht</em> an diesem Ort. Dies gilt von Elektronen, Photonen und anderen Quantenobjekten.</p>
<h2>Bestätigt Quantenphysik theologische Denkmodelle?</h2>
<p>Früher hieß es zur Theologie: Ihr könnt eure Aussagen nicht beweisen und erklären. Heute arbeitet so die Physik. All dies im Hinterkopf – Elementarteilchen simultan an mehreren Orten, die Möglichkeit verschränkter Eigenschaften usw., – was heißt es da schon, wenn die Theologie mit so „einfachen Übungen“ wie einer Trinitätslehre ankommt…: Ist es nicht gar so, dass derzeit die Naturwissenschaften Denkmodelle der Theologie bestätigen? Dass sich die Theologen von Kritikern jahrhundertelang den Kopf zerbrechen haben lassen, wie 3 in 1 sein könne, darüber dürfte der moderne Physiker nur lachen.</p>
<p><strong>Licht ist Welle und Teilchen</strong></p>
<p>Weil Licht – und jedes quantenmechanische Objekt – nun also beides ist, sowohl Welle als auch Teilchen, vereint es dauerhaft zwei Eigenschaften, die einander widersprechen. Ist da der Gedankensprung zur christlichen Zweinaturenlehre weit? Dass eine Wesenheit zwei verschiedene Wesenheiten in sich vereint, lehrt die Theologie mit Inkarnation und Zweinaturendogma. Und dass sich je nach Betrachtungsweise und „Messpunkt“ einmal mehr diese, einmal mehr jene Eigenschaft hervortut. Dies unbeschadet der jeweils anderen „Natur“. Von einem wechselseitigen Austausch der Eigenschaften (<em>communicatio</em> <em>idiomatum</em>) haben spätere Theologen dann gesprochen. Das Grundmodell des Teilchen-Welle-Dualismus ist für Theologen eigentlich ein alter Hut, die Naturwissenschaft bestätigt theologische Denkmodelle.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Zentrale Denkmodelle der Quantentheorie sind für Theologen eigentlich ein alter Hut.</p></blockquote></div>
<p><strong>Teilchen durchdringen mehrere Objekträume</strong></p>
<p>Ähnliches lässt sich von der Trinität sagen. Wenn die Physik lehrt, dass Quantenteilchen mehrere Objekträume simultan durchdringen, so kennt die Theologie die gegenseitige Teilhabe und Durchdringung in der Lehre von der Trinität. Früher war es ein beliebtes Argument, drei in eins, eins in drei, das geht doch nicht, das widerspricht der Wissenschaft und Rationalität. Heute – es gibt Quanten-Vielteilchen-Systeme – darf man sagen: Die Theologie und der althergebrachte dogmatische Satz sind da mit den Denkmodellen der neuesten Wissenschaft ganz eins. Auch wenn das natürlich keine Gottesbeweise sind – die Quantenphysik macht über Kirchendogmen keine Angaben – so sind doch Strukturähnlichkeiten in den Argumentationen zu benennen.</p>
<h2>Heute hier, morgen dort</h2>
<p>In der Physik gehört der Wechsel der Anschauungen und Erklärungen zum Geschäft. Was gestern <em>Common Sense</em> war, ist heute überholt. Für grundstürzende Neuentdeckungen und bahnbrechende Erklärungen verleiht das Stockholmer Nobelpreiskomitee alljährlich die begehrten Auszeichnungen&#8230; „Der Wandel ist das Beständige“ – wenn dieser Satz Geltung beanspruchen kann, dann jedenfalls in den Naturwissenschaften.</p>
<h2>Was sich naturwissenschaftlich (nicht) sagen lässt</h2>
<p>Mancherorts lassen sich gar verzagte Stimmen hören, die von der „fundamentalen Beschränkung“ sprechen, was sich überhaupt naturwissenschaftlich über unsere Welt aussagen lässt. Die Frage lautet etwa, ob wir einfach nicht die geeigneten Messinstrumente haben. Oder: „Was berechtigt uns, aus den Eigenschaften eines Teilchens im Messgerät auf die des Teilchens an sich zu schließen?“ (So etwa zu lesen in der FAZ.) Das Weltbild der Quantenmechanik ist wandelbar und offen. Für die „exakten Wissenschaften“ ein ungewohnter Zustand.</p>
<p>Die Theologie erinnert sich vielleicht an die heilsam desillusionierende Wirkung eines Schöpfungsberichts wie in Genesis 1 auf Natur- und Sonnenkulte. Die gerade noch angebetete Sonne wird wie eine (immerhin große) Funzel ans Firmament gesetzt. Die „machtvollen“ Gestirne Sonne, Sterne, Mond stehen nun in einer Reihe mit Bäumen, Gras und Kraut, mit Vieh, Gewürm und – Menschen. (Dass die alte Listenweisheit im Fortgang nicht nur die Natur systematisiert, sondern auch menschliches Verhalten, ist dann ein anderes Kapitel.)</p>
<h2>Vom Messen</h2>
<p>Aus der Beschäftigung mit der Quantentheorie lässt sich für die Theologie viel lernen. Auch rund um das Messen als fundamentalen Grundvorgang an sich. Schon die Versuchsanordnung ist für das Ergebnis wesentlich: Es kommt etwa darauf an, ob, wo und wie lange man etwas misst.</p>
<p>Zudem sind weitere Faktoren maßgeblich: Wann wird gemessen? Von wem wird gemessen? Woran misst er die Ergebnisse? Und so weiter und so fort. Dass das „Messen“ damit vom jeweiligen Referenzsystem abhängt, leuchtet nicht nur bei physikalischen, sondern auch bei ethischen und anderen „Werten“ ein (vgl. das kleine Senfkorn Mt 13,31-33).</p>
<p>Wer möchte, kann sich das an einem banalen Beispiel klarmachen (ein kleiner Kategoriensprung): Wie viel ist ein Euro wert? Die Antwort hängt natürlich davon ab, ob man 1999, 2007 oder 2015 misst. Ob man den Tageskurs am Morgen, Abend oder einen gemittelten Tages-Durchschnittswert ansetzt. Geht es um den Wert im Vergleich zum Dollar oder zum Schweizer Franken? Im Verhältnis zu einer Scheibe Brot? Und es kommt natürlich darauf an, wen man fragt. Für einen Milliardär ist ein Euro so gut wie nichts. Für das Straßenkind in Bangladesch eine Woche Überleben…</p>
<h2>Das Messen des Schmetterlings</h2>
<p>Doch weg vom Mammon. Die schönsten Beispiele liefert doch noch immer die Natur. Beim Messen eines Schmetterlings zeigt sich anschaulich, was über den Zeitpunkt, die Messgenauigkeit, den Messwert und manches andere zu sagen ist. Misst du den Schmetterling dienstagmorgens, ist es vielleicht eine Art 7 cm langer, grüner Wurm. Nur mit dem rechten Messwissen ließe sich sagen: Es ist ein gelblich leuchtender Zitronenfalter. Misst du die Schmetterlingsraupe am Mittwochabend (es ist nicht gesagt in welcher Woche), geht es schon nicht mehr. Denn sie flattert drüben auf der Wiese. Du hast einfach nicht lange genug gemessen.</p>
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		<title>Soziologie und Theologie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:36:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 3, August 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Echo]]></category>
		<category><![CDATA[Narziss]]></category>
		<category><![CDATA[Narzissmus]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Schon 1979 sprach Christopher Lasch vom „Zeitalter des Narzissmus“. Auch vierzig Jahre später hat sich die Diagnose kaum verändert. Manfred Schütz analysiert das Phänomen aus der Doppelperspektive von Theologie und Soziologie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Schon 1979 sprach Christopher Lasch vom „Zeitalter des Narzissmus“. Auch vierzig Jahre später hat sich die Diagnose kaum verändert. Manfred Schütz analysiert das Phänomen aus der Doppelperspektive von Theologie und Soziologie.</p></blockquote></div>
<p>„Gestatten, mein Name ist Narzissmus. Ich bin das Grundübel der Gegenwart. Das sagen Soziologen und Psychologen. Ich selbst sehe das natürlich anders: Meine Erfolgsbilanz ist glänzend. Darf ich Sie in mein herrliches Reich einladen?“ – In etwa so würde sich wohl der narzisstische „Charaktertyp“ in einer direkten Begegnung vorstellen – gesetzt, dass es diesen „Typ“ denn wirklich gibt und dass er sich so offen präsentieren würde. Wir folgen der Einladung gern. Zu verlockend sind die Versprechungen und zu selten bietet sich die Chance, einen Blick hinter die Kulissen eines so imponierenden Lebensstiles zu erhaschen.</p>
<h2>Coolness, Erfolg und Selbst-Zentriertheit</h2>
<p>„Ich bin famos und unvergleichlich. Schauen Sie nur, welche Vorteile ich jedem biete. Für mich gibt es nur Glanz und Gloria, sonst nichts.“ Narzissmus ist großartig im Gestalten von Ikonen, die dann als göttergleiche Bilder vor sich her getragen werden. Medien-Stars und dünne Mädchen, die sich als solche Stil-Ikone zu Markte tragen, Marken-Technik-Gadgets als „Must-have“: Die verschiedenen Gestalten von Narzissmus wurden oft beschrieben und sind uns wohl bekannt. Das eigene Vorankommen, das Einkommen, das Aussehen, das Auto; mit Fernlicht auf der Überholspur. Ja, ja, die „Rüpel-Republik“ (Jörg Schindler). Ist das eine Karikatur? Nur oberflächlich.</p>
<p>„Wo ich bin, ist der Mittelpunkt der Welt. Hier kommt die Bühne für ein unvergessliches Spektakel. Was ich mache, das ist großes Kino.“ Man fühlt sich wirklich wie im Film. Der Action-Held ist cool, clever und immerzu erfolgreich. Seine Lebenszeit scheint ewig. Auch noch in der zwanzigsten Serienfolge meistert er eine Mission nach der anderen bravourös. Der Held leidet zwar, lässt sich aber nichts anmerken. Für die erledigten Gegner hat er immer einen lockeren Spruch parat. Das Kino zeigt ihn gutaussehend, empathielos, in seinen besten Szenen grandios. Viele Filmhelden verkörpern geradezu idealtypisch die narzisstische Persönlichkeit.</p>
<h2>Der hohe Nutzen des Narzissmus</h2>
<p>Christopher Lasch identifizierte den Narzissmus in allen Schichten der westlichen Gesellschaft. Die Attraktivität des Lebensstils lässt sich kaum leugnen. Narzissmus bringt das Ich nach vorne, macht ›führungsstark‹ und befördert in beste Positionen. Was sich nicht einfügt, wird verdrängt. „Mit Einwänden brauche ich mich nicht auseinanderzusetzen. Denn die Regeln setze ich.“</p>
<h2>Ambivalente Erfahrungen</h2>
<p>Doch wie es im realen Leben manchmal ist: Das Selbstbild trügt. Aus irgendeinem Grund halten die Erfolge meist nur kurze Zeit. Nach anfänglicher Begeisterung schwindet bei den Anhängern die Freude. Einfach zu kurzatmig sind die Versprechen: Schon anderntags wird unter Lachen eine andere Ikone vorangetragen. Das irritiert den langen Zug dahinter, lässt frustriert zurück. Man war eben nur Material für eine Inszenierung.</p>
<p>„Narzissmus“ ist ein von Sigmund Freud 1914 in die Psychoanalyse eingeführter Begriff. Hier bezeichnet er zunächst eine Entwicklungsstufe in der frühen Kindheit. Später wird das Begriffsfeld von Vertretern des Fachs wie Heinz Kohut um eine elaborierte Theorie der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur erweitert. Das Besondere bei Christopher Lasch in <em>The culture of narcissm </em>von 1979 ist schließlich, dass er die Symptomatik als Etikett auf eine ganze Zeitepoche heftet. Es sind nicht mehr nur Einzelfälle, er sieht ein „Zeitalter des Narzissmus“ angebrochen.</p>
<h2>Generation Narzissmus?</h2>
<p>Wenn man aktuellen Buchbeiträgen Glauben schenken darf, hat sich an diesem Befund seitdem nicht viel verändert. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschreibt die vorfindliche Situation als <em>Die narzisstische Gesellschaft</em> (2012). Der Innsbrucker Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller warnt vor der <em>Narzissmusfalle </em>(2013). Die Sozialkritik eines Horst-Eberhard Richter ließe sich an dieser Stelle wohl ebenfalls anführen. Ist eine ganze Generation seit den 1970ern im Modus des Narzissten unterwegs?</p>
<p>Ganz unabhängig davon, wie die Gesellschaftsanalysen in dieser Hinsicht ausfallen, werden die Ambivalenzen eines selbstsüchtigen Lebensstils in vielen Bereichen deutlich und von vielen Seiten kritisiert. Auch aus christlichem Blickwinkel muss eine Fokussierung auf das Ego seltsam anmuten. Wird im Neuen Testament doch statt Selbstliebe zuvörderst Nächsten- und Gottesliebe propagiert (Doppelgebot). Manche Theologen sind daher schnell dabei, es handele sich hier eben um die klassische Situation des Menschen als des „homo incurvatus in se ipsum“: Um den Menschen, der in sich selber eingekrümmt und eingekapselt ist, solange ihn nicht ein befreiendes Wort aus dieser misslichen Lage herausgerissen habe.</p>
<h2>Erste Risse im Bild</h2>
<p>Der seltsame Witz des Narzissmus besteht darin, dass er andauernd Verhaltensweisen an den Tag legt, die seinem Selbstinteresse komplett zuwiderlaufen. Denn außer heißer Luft gewinnt er wenig. Deswegen muss er ja so permanent nach vorne stürzen. Im Heute, um ihn herum, oder in der Vergangenheit hält ihn nichts. Dort finden sich nur Trümmer oder Scheinerfolge, zumindest ist das so in seiner Eigenperspektive.</p>
<p>Dieser Narzissmus wirkt und handelt zwiespältig: Er schadet sich vor allem selbst. Ein Nachruf auf den österreichischen Sänger Hölzl, bekannt als Popstar „Falco“ endete 1998 so: „Falco war eine Kunstfigur, die den grenzenlosen Narzissmus des Menschen Hans Hölzl auf die Bühne trug. Das Problem war nur, dass fast niemand den Unterschied sah – und auch Hölzl irgendwann nicht mehr zu wissen schien, wo Falco aufhörte und Hans anfing.“ In einem seiner letzten aufgenommenen Songs <em>Out of the Dark – Into the Light</em>, kurz vor dem Tod, steht die fragende Zeile: „Muss ich denn sterben, um zu leben?“</p>
<h2>Der Mythos von Narziss</h2>
<p>Im Hintergrund der modernen Narzissmus-Konzeptionen steht der altertümliche Mythos von Narziss, dem von einem Gott abstammenden Sohn, der freilich ein eher unerquickliches Ende findet. Je nach Variante der Erzählung ertrinkt er in und während unentwegter Selbstbetrachtung, zergeht er wehklagend in Selbstzerfleischung oder es ereilt ihn Todesschrecken, als er für einen Moment sein hehres Selbstbild in Frage gestellt sehen muss.</p>
<p>Der junge Narziss liebt nur sich selbst. Er wird als anmutig geschildert, er wird bewundert, in „grausamem Stolz“ sieht er jedoch nur sich, ist ein Gefangener seiner selbst. Die folgenden Zitate stammen aus Ovids <em>Metamorphosen</em>, nach den Übersetzungen von J.H. Voß und R. Suchier.</p>
<p>An der Quelle sitzend gibt sich Narziss der Selbstbespiegelung im Wasser hin.</p>
<p>Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach;<br />
Denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert,<br />
Liebt er einen Wahn […] Sich anstaunt er selbst, und starr mit dem selbigen Blicke<br />
Ist er gebannt</p>
<p>Der Mythos urteilt durchaus streng und nennt ihn einen Narren:</p>
<p>Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut.<br />
Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte.</p>
<p>Selbst als er merkt, welchem Irrtum er aufsitzt, gelingt ihm keine Abwendung vom schillernden Antlitz in der Quelle:</p>
<p>Ich bin, merk&#8217; ich, es selbst. Nicht täuscht mich länger mein Abbild.<br />
Liebe verzehrt mich zu mir; […] Was ich begehre, ist mein. Zum Darbenden macht mich der Reichtum.<br />
[…]<br />
im beschatteten Grase gelagert<br />
Schaut er die leere Gestalt mit unersättlichen Blicken<br />
Und er vergeht durch das eigne Gesicht.</p>
<h2>Eine grauenvolle Welt</h2>
<p>Woher kommt Narzissmus? Maaz: Narzissmus ist eine Mangelerscheinung. Wer sich so viel um sein Ego bemühen muss, zeigt schließlich nur, dass dort etwas nicht stimmt. Warum sonst wäre so viel Aufwand nötig? Narzissmus sucht zwanghaft etwas herzustellen, <em>weil</em> er es nicht hat. Im Kern ist es der unsichere, in sich verstörte Mensch, der nach Anerkennung sucht.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Narzissmus ist eine Mangelerscheinung</p></blockquote></div>
<p>„Moment einmal, so ist es ja nun überhaupt nicht“, empört sich da unser Narzissmus. „Wer kommt dazu, mir so etwas zu unterstellen? Ich bin zufrieden, mir geht’s gut.“ – Das ist wahrscheinlich nicht gelogen. Der Narzisst hat sich in seinem Mikrokosmos derart eingerichtet, dass ihm die eigentlichen Mängel kaum mehr zu Gesicht kommen. Daraufhin richtete sich ja das ganze Unternehmen, der Leere zu entkommen. Im Innern ist Narzissmus trostlos. Darum hetzt er von Ersatzbefriedigung zu Ersatzbefriedigung, die aber jeweils nur kurz hält. Einmal angestoßen ist das ein andauernder Kreislauf. Grauenvoll für ihn selbst. Grauenvoll für alle anderen.</p>
<h2>Narziss und Echo als Realsatire</h2>
<p>Wie nur kam es, dass Narziss zur Selbstliebe verdammt ist? In Hochmut (superbia) verachtete er einst alle anderen, er sondert sich von ihnen ab. Sehr deutlich wird das in der Begegnung mit der Nymphe Echo. Echo ist freilich ihrerseits ein origineller Charakter. Denn durch Götterurteil kann sie nur Worte wiederholen. Von sich aus ist sie nicht in der Lage zu reden anzufangen, sie kann Gesprochenes aber verdoppeln und spiegelnd wiedergeben:</p>
<p>Sie aber verdoppelt die Laute<br />
Immer am Schluss und sendet zurück die vernommenen Worte<br />
[…]<br />
Als sie nun den Narkissos erblickt, der in pfadlosen Fluren<br />
Schritt umher, […], da folgt sie heimlich den Spuren […].</p>
<p>Es kommt zum Zusammentreffen:</p>
<p>Jener: &#8220;Ist jemand da?&#8221; Und &#8220;da&#8221; antwortete Echo.<br />
Jener staunt, und indem er mit spähendem Blicke sich umsieht,<br />
rufet er: Komm! laut auf; Komm! ruft sie dem Rufenden wieder.<br />
Rückwärts schauet er; keiner erscheint: Was, rufet er endlich,<br />
Meidest du mich? Was meidest du mich? antwortet die Stimme.<br />
Jener besteht, und getäuscht von des Wechselhalles Gegaukel:<br />
Hier uns vereiniget! ruft er; und freudiger keinen der Töne<br />
Nachzutönen bereit: Uns vereiniget! ruft sie entgegen;<br />
Und sie gefällt in den Worten sich selbst.</p>
<p>Der Mythos erzählt die Begegnung von Echo und Narziss wie schiere Realsatire. Nicht von ungefähr trifft Narziss just auf eine Narzisstin: „Und sie gefällt in den Worten sich selbst.“ Und nicht von ungefähr fällt die Reaktion – doch wohl zu Recht? – auch hier sehr schroff aus: „eher sterb‘ ich, als dass dir unsere Fülle zuteilwerde“, entgegnet Narziss der herannahenden Nymphe (&#8216;ante&#8217; ait &#8217;emoriar, quam sit tibi copia nostri&#8217;).</p>
<h2>Dilemma der Selbstbezogenheit</h2>
<p>In seiner Schrift <em>Zur Einführung des Narzissmus</em> hatte Sigmund Freud 1914 zunächst die kindliche Phase einer Selbstliebe im Blick, die über jeden Kontakt zur Außenwelt gestellt ist. Schon bei Freud findet sich die Unterscheidung zwischen einem „primären und normalen Narzissmus“ als einem guten temporären Teilaspekt in der Persönlichkeit und sekundären Formen. Die Unterscheidung zwischen einem gesunden sowie einem kranken, problematischen Narzissmus, bleibt auch in der weiteren Entwicklung wichtig. Der Psychoanalytiker Kohut wird die positiven Facetten von Narzissmus in seinem Theorieansatz sehr stark machen, wobei er und dann Otto F. Kernberg ausführlich auch die Merkmale von schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörungen herausarbeiten. In extremer Form wird Narzissmus antisozial. Aus dem anfänglich guten ist ein übler, bösartiger – der maligne Narzissmus geworden.</p>
<p>Die Trennlinie, ab wann Narzissmus pathologisch, krankmachend und zerstörerisch zu nennen ist, verläuft im Einzelnen nicht eindeutig, so wenig die zugrundeliegenden Definitionen trennscharf anzuwenden sind. Immer bleibt es eine Aufgabe abzuwägen, wo die Aufmerksamkeit für das Ich aus einem gesunden Selbstinteresse entspringt und wo die Selbstzentriertheit zu kritischen Folgen für das Ego und die anderen führen muss.</p>
<h2>Änderungen in der Gesellschaft</h2>
<p>Spätestens wo die Gesellschaft im großen Stil mit zersetzenden Kräften konfrontiert wird, setzen bewusst oder unbewusst kulturelle, politische und ökonomische Gegenbewegungen ein. Theologie und Soziologie – als zwei Disziplinen, die das große Ganze in den Blick nehmen – reflektieren solche Entwicklungen wohl zuerst. Ein „Unbehagen in der Gesellschaft“, wie es der französische Soziologe Alain Ehrenberg betitelt (2011), scheint die Konsumgesellschaften des Westens zu erfassen. Er nennt als Ursachen die Unsicherheiten in der Arbeitswelt, in Familien und in der Schule, soziale Bindungsprobleme als Folge einer gestörten Kindheit. Nicht auszuschließen, dass die narzisstische Not eine verschleppte Spätfolge des Zweiten Weltkriegs ist.</p>
<p>Was aber kann in Zeiten des Narzissmus retten? Laut den Analytikern hilft es schon viel, andere Verhaltensweisen einzuüben. Die „Befundsteller“ appellieren zumeist an eine grundlegende Änderung der Gesellschaft. „Wir müssen lernen, natürliche Begrenzungen zu akzeptieren“, sagt Hans-Joachim Maaz. Er entwirft eine Art Sozialutopie am Ende seiner Analyse. Nicht weniger als eine Umgestaltung weiter Gesellschaftsbereiche ist demnach nötig, um aus der Spirale des Narzissmus auszusteigen. Es ginge also schlicht darum, andere Lebensweisen einzuüben. Andere Orientierungspunkte, andere Quellen in den Blick nehmen. Dazu müsste Narziss den Blick heben. Ob er das tut?</p>
<h2>Narzissmus – reflektiert</h2>
<p>Aus sich heraus ist er laut Mythos gerade dazu nicht in der Lage. Narziss sitzt fest in Selbstmitleid („Lass mich […] wenigstens schaun, und nähren den mitleidswürdigen Wahnsinn!“). So sinkt er ab und geht unter Wehklagen zur Unterwelt. „Da auch noch, wie er längst dem Reich der Toten gehörte, schaut er sich selbst in der stygischen Flut.“ Und noch dort heißt es: „Zur Wehklag&#8217; hallete Echo“.</p>
<p>Viele halten Narzissmus für unumkehrbar. Andere mahnen zu Geduld. Narziss ist zwar geblendet und verblendet, aber er ist nicht taub. Deutet doch gerade die erste Begegnung mit Echo im Mythos an, dass es auch anders ginge. Was wäre wohl passiert, würde der Narzisst nicht nur sich verdoppelnde Eigenliebe finden? Wie Kernberg zeigt, kann man sein Elend spiegeln, womöglich wird Narziss dann ansprechbar auf den wirklichen Eigen-Nutzen seines Verhaltens. Ansprechbar auf eintretende Risse in seinem Bild, ohne völlig zu zerbrechen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Narziss ist geblendet, aber er ist nicht taub</p></blockquote></div>
<p>Gar so falsch war die Liedzeile von Hans Hölzl <em>alias</em> Falco insofern nicht. Tatsächlich muss ein Stück weit etwas absterben, bevor die Selbstliebe gesund sein kann. Mit einem theologischen <em>locus classicus </em>zum Thema formuliert: Wer sein Leben liebhat und daran hängt, der wird’s verlieren; wer von seinem Leben auf dieser Welt absehen kann, der wird’s gewinnen (vgl. Johannes 12,25 mit Parallelstellen).</p>
<p>Was ließe sich aus dieser Perspektive Narziss zurufen und raten? Statt vor dem trügerischen Bild im Wässerchen zu sitzen, statt auf sich zu hocken und vor sich hin zu starren, kurz: statt Selbstversenkung, sich herausrufen lassen und sich tragen lassen durch ein hilfreiches Wort. Wie in einem Nachen sich über das undurchschaubare Gewässer in die Weite fahren lassen. Die sich spiegelnden Gesichter tummeln sich beim Blick ins Wasser dann dennoch rund um Narziss herum. Doch jetzt ist alles in Bewegung. Die Gesichter im Wellengang verändern sich. Narziss begönne sich zu wandeln.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Gehirn ohne Geist?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/theologie-und-neurowissenschaften/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Feb 2018 12:04:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 25. Jahrgang, Heft 4, November 2015]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn]]></category>
		<category><![CDATA[Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Geisteswissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Hirnforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Hirnfunktionen]]></category>
		<category><![CDATA[Neurowissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Hirnforschung versäumt den Austausch mit den Geisteswissenschaften. Technisch sind alle Möglichkeiten da – doch wie umgehen mit all der technologischen Finesse? Zur Verhältnisbestimmung von Gehirn und Geist kann auch die Theologie ihr Scherflein beitragen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Hirnforschung versäumt den Austausch mit den Geisteswissenschaften. Technisch sind alle Möglichkeiten da – doch wie umgehen mit all der technologischen Finesse? Zur Verhältnisbestimmung von Gehirn und Geist kann auch die Theologie ihr Scherflein beitragen.</p></blockquote></div>
<p>Bei der Sommeruniversität in Tübingen – eine Art Sendung mit der Maus für Erwachsene – hielt der Neuromediziner Ulf Ziemann 2015 einen Vortrag zur Hirnforschung. In der Ankündigung dazu hieß es:</p>
<p><em>Das Gehirn ist ein elektrisches Organ. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Forscher damit, das Gehirn des Menschen durch elektrische Reizung zu aktivieren, seine Funktion zu modulieren, und pathologische Funktion zu therapieren. Der Vortrag gibt Einblicke in viele interessante Experimente, wie nicht-invasive elektrische und magnetische Hirnstimulation unser Verständnis der Hirnfunktionen verbessert haben. Dabei werden Fragen zu Erregbarkeit, […], Lernen und Bewusstsein, aber auch die Behandlung von veränderter Hirnfunktion etwa nach einem Schlaganfall oder bei Epilepsien berührt. </em></p>
<h2>Was kannst du, Hirnforschung?</h2>
<p>Ziemann arbeitet an der Universität mit dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und dem Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) zusammen. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Behandlung von Schlaganfallpatienten. Bilder, die er während des Vortrags zeigt, wie er vor Jahren mit Magnetstimulation im Selbstexperiment forschte, wecken Heiterkeit im Publikum. Man sieht den (späteren) Herrn Professor an einer Art großen Zahnarztstuhl umgeben von allerlei Technik, eine mächtige und etwas klobige Magnetspule ragt in das Foto. Das liegt nun schon einige Zeit zurück.</p>
<p>Das CIN gilt als eines der Vorzeigeprojekte der Hirnforschung und war Teil der Exzellenzinitiative, die 2005 von der Bundesregierung ausgerufen wurde. Gelder fließen derzeit reichlich in die Neurowissenschaften. Im gleichen Maße wie die finanziellen Mittel steigen, wächst das öffentliche Interesse an der neuen Technik. „Hirnforschung, was kannst du?“, fragt die FAZ in einer großen Artikelserie und spürt möglichen Auswirkungen und Anwendungen in Musik und Medizin, Jurisprudenz oder den Sprachwissenschaften nach.</p>
<h2>Große Hoffnungen in der Medizin</h2>
<p>Greifbar sind die Hoffnungen besonders in der Medizin. Wäre es nicht großartig, wenn der Arzt die Stelle im Gehirn lokalisieren könnte, an der epileptische Anfälle ausgelöst werden, und wenn er diesen Auslöser durch Stimulation gewissermaßen stilllegen, auf Dauer ruhig stellen könnte? Wäre es nicht wunderbar, mittels elektrischer Impulse zur Stimmungsaufhellung bei Depressionen beizutragen oder die Depression insgesamt auf Dauer einzuhegen?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Was ist Science Fiction, was reale Möglichkeit?</p></blockquote></div>
<p>Tatsächlich gibt es vielfältige Fortschritte und Anstrengungen. Ulf Ziemann zählt mit seinem Team zu den neurowissenschaftlichen Pionieren und geizt in seinem Vortrag nicht mit aktuellen Einblicken in seine Arbeit.</p>
<h2>Methoden in der Neurowissenschaft</h2>
<p>Früher habe man Probanden für jeden ausgegebenen Magnetstoß noch einige D-Mark extra in die Hand gedrückt, schmunzelt Ziemann, weil das durchaus schmerzhaft war. Heute gehe alles, ohne dass man davon etwas spürt. Durch immer feinere Anpassung bei Impulsdauer und -stärke an die konkrete Verfasstheit des Gehirns zog die Technik in immer neue Anwendungsbereiche ein, sie wurde massentauglich:</p>
<p><strong>EEG</strong></p>
<p>Bei der Messung von Gehirnströmen zählt vieles längst zum Standardrepertoire. Bekanntes Beispiel ist die EEG, die Elektro-Enzephalographie, bei der durch aufgelegte Sensoren auf der Kopfhaut Spannungsunterschiede aufgezeichnet werden. Diese Messung lässt Rückschlüsse auf die verschiedenen Gehirnaktivitäten zu. Viele Arztpraxen sind seit Jahrzehnten dafür ausgestattet.</p>
<p><strong>TMS</strong></p>
<p>Etwas weniger bekannt ist die Transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS. Bei dieser Methode wird mit elektromagnetischen Feldern gearbeitet, die auf kleine und kleinste Hirnareale ausgerichtet werden können. In den 80ern kam verbreitet der Einsatz von Kernspintomographen in Gang, die ebenfalls mit starken magnetischen Wechselfeldern funktionieren. Im Unterschied zur EEG geht es bei der TMS nicht nur um passives Messen, sondern auch um aktives Auslösen von Gehirnströmen.</p>
<p>Generell ist in der Hirnforschung zwischen invasiven und nicht-invasiven Methoden zu unterscheiden. Invasiv sind alle Vorgehensweisen, bei denen physisch in das Gehirn eingegriffen wird, wie das bei Gehirn-Operationen der Fall ist. Nicht-invasiv sind die Methoden, bei denen keinerlei physischer Eingriff nötig ist. Für beide technischen Varianten bietet die Hirnforschung heute eine Vielzahl konkreter Nutzungen.</p>
<h2>Gehirn und Geist</h2>
<p>Bei so viel technischer Innovation konnte nicht ausbleiben, dass die Spekulationen alsbald ins Kraut schossen. Die Fantasien zur Erweiterung des menschlichen Gehirns, Verbesserungen bei der Gedächtnisleistung oder „Genialität auf Knopfdruck“ schienen unbegrenzt. Ob allein in Kombination mit Technik oder als Hirn-Doping in Kombination mit Dreingabe von Substanzen: Der kommerzielle Sektor des „Neuro-Enhancements“, der künstlichen Erweiterung von Gehirnleistungen, präsentiert sich selbstbewusst.</p>
<p>Zudem erscheinen so manche neuartige Geräte auf dem Markt. Die amerikanische Firma Emotiv verkauft auf Basis der EEG ein „Neuro-Headset zur Steuerung des Heim-PC mittels Gedanken“ (749 Euro). Das Gerät, das auf den ersten Blick aussieht wie ein aus dem Raumschiff Enterprise gefallener Design-Kopfhörer, soll laut Hersteller ermöglichen, den Computer mit Befehlen wie „links“ oder „rechts“, „Ziehen“ und „Ablegen“, „Drehen“ usw. zu bedienen. Das Gerät sei zudem in der Lage, Gesichtsausdrücke wie Überraschung oder Lächeln zu erkennen. Hatte nicht IBM schon Ende 2011 prognostiziert, dass innerhalb von fünf Jahren eine „Mind Machine“ entwickelt sei, bei der Menschen via Gehirnwellen mit Computern kommunizieren?</p>
<p>Da stutzt der Laie, und der Fachmann lacht… Was ist daran Science Fiction, was ist reale Möglichkeit? In diesem Zusammenhang ist es dann ganz gut, dass sich in Fachzeitschriften wie „Gehirn und Geist“ blättern lässt, die Technik-Trends sortieren, seriös bewerten und auf populärwissenschaftlichem Niveau erklären. (Die Zeitschrift, die im Verlag Spektrum der Wissenschaft erscheint, bietet neben der regulären monatlichen Ausgabe zwei Sonderreihen: <em>Dossier</em>, zu ausgesuchten Spezialthemen, und <em>Basiswissen, </em>mit Einführungen in die Grundlagen der Neurowissenschaft. Vgl. auch GEO Wissen und andere Fachmagazine.) Beim Klären, was ist Spielerei, was ernsthafte Anwendung, was ist Scharlatanerie, sind fundierte Informationen dringend notwendig.</p>
<h2>Der Mythos vom Gedankenlesen</h2>
<p>Unterdessen überrascht die Fachwissenschaft mit interessanten Auskünften. Dem staunenden Publikum erzählt der Berliner Professor John-Dylan Haynes: „Wir können einfache Gedanken lesen.“ Der Universitätsmediziner vom Bernstein Center for Computional Neuroscience an der Charité, dem nicht zufällig von der Presse der schmückende Beiname „Der Gedankenleser“ angehängt wurde (Süddeutsche Zeitung), beschreibt Verfahren, mit denen im Hirnscanner erkennbare Gehirnmuster den verschiedenen Gedankeninhalten, Motiven oder Handlungsabsichten zugeordnet werden. Man weiß also, was jemand denkt. Eine – wichtige – Einschränkung fügt der Kognitionsforscher jedoch jeweils an: Das gehe nur, wenn zuvor schon einmal die Verknüpfung zwischen einem „Aktivierungsmuster“ und dessen konkretem Inhalt im Scan gemessen und aufgezeichnet wurde&#8230;</p>
<h2>“Wie wäre es mit einem Schuss Gedankenübertragung?“</h2>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Wer lesen kann, kann meist auch schreiben</p></blockquote></div>Doch selbst diese nüchternen Feststellungen kann die Hirnforschung noch überbieten. Denn in aller Regel gilt: „Wer lesen kann, der kann auch schreiben.“ Dass dem so ist, zeigt ein mit einigen Showeffekten angereichertes Experiment, das in der Fachzeitschrift „PLOS One“ beschrieben wurde. Die Forscher lasen per EEG bei einer Person in Indien einfache Gedankeninhalte aus wie „Hallo“ oder „Tschüss“, verschickten die Signale per E-Mail an eine Testperson in Frankreich und induzierten sie dort per TMS. Das Experiment gelang. Der Franzose wusste, ob man sich in Indien gerade begrüßt oder verabschiedet hatte. Bei vergleichbaren Versuchen 2013 an der Washington Universität in Seattle ging es um einfache Computerspiele und das Drücken von Computertasten. Man wird zwar fragen, ob das Drücken einer Taste bereits ein bedeutungsvoller Gedankeninhalt ist. Immerhin zeigt es andererseits, dass die Übertragung von Gehirnimpulsen prinzipiell nicht ausgeschlossen ist.</p>
<h2>Technik: Historische Fortschritte in der Entwicklung</h2>
<p>Vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal eben Durchschnaufen? Tun wir. Und werfen einen Blick zurück auf die historischen Anfänge der Transkraniellen Magnetstimulation. Es war im Jahre 1985 als die erste öffentliche Demonstration der Hirnstimulation in Großbritannien in einem Hörsaal der Universität Cambridge stattfand. Damals noch mit einer jener klobigen Magnet-Spulen, mit denen später auch Ulf Ziemann experimentierte. Auch damals ging es um das Auslösen von Muskelzuckungen durch die elektromagnetische Induktion.</p>
<p>Der kleine Schwenk führt uns zurück zur Sommeruniversität in Tübingen. Professor Ziemann, Mitherausgeber eines umfassenden Fachbuchs zur Hirnstimulation („Das TMS-Buch“, Springer Verlag, 2007), lässt gegen Ende seines Vortrags sichtlich mit Vergnügen einfließen, wie leicht man Technik aushebeln kann: Ein Gläschen Sekt oder ein Glas Wein verhindern elektromagnetische Induktionen maßgeblich. (Der Geist ist eben – so oder so – der Technik überlegen…)</p>
<p>Doch natürlich ist längst alles vielfach fortentwickelt. Die Mediziner sind bei ihren Patienten mittlerweile dazu in der Lage, einzelne Aktionsmuster so zu lokalisieren, dass sie durch andere induzierte Muster gewissermaßen „überlagert“ und damit „unwirksam“ gemacht werden können. Auch die klobigen und unhandlichen Magnet-Spulen sollen zunehmend der Vergangenheit angehören, um smarteren und noch exakteren technischen Lösungen Platz zu machen.</p>
<h2>Fehlende Visionen</h2>
<p>Doch während sich das Spektrum technischer Anwendungen weitet, droht der Hirnforschung von anderer Seite Erosion. Das milliardenschwere Human Brain Projekt der Europäischen Union, das sich zum Ziel setzte, das menschliche Gehirn nachzubauen und computertechnisch zu simulieren, ist jüngst in die Kritik geraten. Man streitet über Ziele, Umsetzungen (und um die Forschungsgelder). Und während das „Manifest der Neurowissenschaften“ von elf Wissenschaftlern im Jahr 2004, im Magazin Gehirn und Geist veröffentlicht, feierlich den hochfliegenden Anspruch einer neuen Leitwissenschaft formulierte, beäugt zehn Jahre später ein kritisches Gegen-Manifest, wie viel davon bislang (so gar nicht) eingelöst ist.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Gehirn ist nicht alles</p></blockquote></div>
<p>Das Manifest von 2004 klang streckenweise so, als werde man nun „den neuen Menschen“ schaffen. Das „Memorandum“ von 2014 moniert demgegenüber Defizite der Hirnforschung gerade in einer adäquaten Anthropologie (Auffassung vom Menschen). Das Problem: Niemand scheint so recht zu wissen, zu sagen oder auch nur zu diskutieren, was man mit der neuen Technik wirklich alles machen kann und will. Den Neurowissenschaften drohe die Fixierung auf angesammelte Datenberge, ohne diese methodologisch richtig auswerten zu können.</p>
<p>Als wäre das Gehirn ohne Geist zu begreifen… Als gäbe es das Gehirn isoliert. Dem Satz „Ohne Gehirn ist alles nichts“ sei der andere Satz „Das Gehirn ist nicht alles“ beizustellen, heißt es im Memorandum. „So wie man im Prinzip ohne Hirnrinde nicht denken kann, kann man ohne Arme keine Bäume fällen, ohne Beine nicht gehen und ohne Augen nicht sehen.“ Von freilaufenden Gehirnen habe man noch nie gehört.</p>
<p>Mit anderen Worten: Den gewonnenen Daten, gewissermaßen der ausgelesenen „Schrift der Natur“, dem angehäuften Wissen über das Gehirn, muss die Struktur, der Sinn, die Anwendung noch explizit hinzugefügt werden. Das tote Material an sich ist nichts. Das <em>Buch der Natur</em> muss erst noch (am besten: richtig) gedeutet werden. Man darf das wohl einen geistigen Vorgang nennen.</p>
<h2>Gehirn ohne Geist?</h2>
<p>Die Theologie jedenfalls kennt die entsprechenden Konstellationen. „Der Geist ist’s, der lebendig macht!“ wird emphatisch betont, wo vom „toten Buchstaben“ lähmende Beschlagnahme beansprucht wird. Ja, Buchstabe und Geist, irgendwie gehören beide schon zusammen. Aber wie? So viel steht fest: Der Buchstabe allein bleibt stumm, das Geschriebene, auch alle Regelhaftigkeit, Gesetzmäßigkeiten und Gesetze bleiben leer, wenn nicht der „rechte Geist“ hinzutritt.</p>
<p>Die Frage an die Neurowissenschaften lautet: Rückt die Hirnforschung im großen Ganzen in die Nähe einer Separat-Wissenschaft, die isoliert in sich selbst besteht, ist sie gar auf dem Weg zu einer technikgläubigen Weltanschauung, die sich außerhalb des breiten Fächerkanons der althergebrachten Universitäten stellt? Hier wären die Geisteswissenschaften um Intervention gefragt. Man kann das Memorandum auch als den energischen Appell zu mehr Interdisziplinarität lesen.</p>
<p>Das erforderte freilich umgekehrt, dass die Geisteswissenschaftler unter ihrem Bücherberg hervorkrabbeln und sich bei Tageslicht die Welt von heute anschauen. Ein Wahrnehmen der Naturwissenschaften und all der neuen Möglichkeiten. Die nun einmal da sind.</p>
<p>Oh je, „Elektrik“? Mancher denkt bei Technik zuerst an seinen ständig abstürzenden PC. Am besten, man macht einen großen Bogen um alles, was blinkt und das man nicht genau versteht… Doch sollte am Ende die Sache so ausgehen, dass die Neurowissenschaften für das Gehirn, und die übrigen Wissenschaften für den Geist zuständig sind?</p>
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		<title>Das Ende der Aufklärung?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 15:59:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 26. Jahrgang, Heft 3, August 2016]]></category>
		<category><![CDATA[Hörisch]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
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					<description><![CDATA[Ziel und Ende gesellschaftlicher Aufbrüche oder Umwälzungen sind oft identisch. Die Theologische Werkstatt fragt daher nach dem Stand von Ökonomie und Aufklärung. Begriffliche Unschärfen bis hin zu Feindlichen Übernahmen von Fachtermini sind hier häufig einkalkuliert und vorab bewusst eingepreist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ziel und Ende gesellschaftlicher Aufbrüche oder Umwälzungen sind oft identisch. Die Theologische Werkstatt fragt daher nach dem Stand von Ökonomie und Aufklärung. Begriffliche Unschärfen bis hin zu Feindlichen Übernahmen von Fachtermini sind hier häufig einkalkuliert und vorab bewusst eingepreist.</p></blockquote></div>
<p>Wer sich heute mit Theologie und Ökonomie befasst, der könnte mit Giorgio Agamben einsetzen, dem italienischen Philosophen in Venedig, der immerhin eine umfangreiche „ökonomische Theologie“ verfasste. Oder mit der „Theologie der Märkte“ des wirtschaftsweisen Jochen Hörisch. Der fabulierfreudige Germanist und Medienanalyst (rauschender Vollbart, Jahrgang 1951) ist der Überzeugung, dass Glaube an Gott und Glaube an Geld nach den gleichen Mustern funktionieren. Wirtschaftsleben und Theologie scheinen in der Tat nicht weit auseinander. Dass dies für die Evangelische Theologie und zumal in Deutschland stimmt, lässt sich mit wenigen Hinweisen belegen.</p>
<h2>Der wirtschaftende Mensch</h2>
<p>„Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen“. Für die hebräische Bibel ist der mühselige „Broterwerb“ seit der Vertreibung aus dem Paradies ein Urdatum, eine Urgegebenheit des Menschseins. Zur Bestimmung des Menschen gehört das Anordnen und Verwalten der vorgefundenen Natur (vgl. Gen 3,19 mit Gen 2,15), das Bebauen und Bewahren, Säen und Ernten im weitesten Sinn. Er hat das Mandat dazu (Gen 9,2), er ist der Landwirt und der Ackerbauer Adam – der wirtschaftende Mensch.</p>
<p>Diese (anthropologische) Grundbestimmung steht nahe der altertümlichen Tradition der Ökonomie als „Hausverwaltung“, die ganz vom <em>oikos – </em>gr.: das Haus – her denkt. Zu Haus und Hof gehören Zuarbeiter und Hausknechte, selbstverständlich die Hausfamilie, zum Teil über mehrere Generationen, mit den jeweiligen Ehepartnern. Von der Oikoswirtschaft als „Verwaltung des Hauses“ leitet sich schließlich die Urbedeutung aller <em>oikonomia</em> her, die nach Giorgio Agamben im Sinne der „Verwaltung“ und der anordnenden „Führung“ als transformiertes Prinzip der Ökonomie ein verbreitetes gedankliches Motiv in Theologie und Politik bereits kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung wird.</p>
<p>Später wird die klassische Wirtschaftslehre dann vom <em>homo oeconomicus </em>sprechen: Das Individuum, das nach rationalen Gesichtspunkten seine ökonomischen Handlungen organisiert, wird gleichsam der Dreh- und Angelpunkt der volkswirtschaftlichen Modelle. Doch schon in der Reformation finden die Wirtschaftstheorien einen gewichtigen Vorläufer. Nicht zufällig bezeichnet Karl Marx rückblickend Martin Luther als den ersten Nationalökonom.</p>
<h2>Wirtschaftslehre und Theologie</h2>
<p>„Hmmh, was gehen mich die großkopfeten Betriebs- oder Volkswirtschaftslehren an?“, möchte man einwerfen. Die Ökonomie ist viel zu wichtig, als dass man sie den Fachleuten überlassen darf, sagt Jochen Hörisch. Mit rasselnden Sätzen skizziert er die aktuelle Wirtschaft als <em>überkomplex</em> und kaum mehr zu durchschauen. Die Sachwalter der Wirtschaftslehren indes hielten starr an alten Systemtheorien fest, die sich längst als prekär falsch erwiesen hätten. Hörisch unterstellt den Ökonomen blinde Theoriengläubigkeit. Volkswirtschaftslehre sei jedoch unwissenschaftliche Alchemie (also die Behauptung, Gold zaubern zu können), der man keine unhinterfragte Autorität zukommen lassen solle (J. Hörisch: <em>Man muss dran glauben. Die Theologie der Märkte</em>, Wilhelm Fink Verlag, München 2013). Hörisch fordert – mit gewisser Heiterkeit – eine „ökonomische Aufklärung“.</p>
<h2>Ökonomie als Funktion der Gesellschaft</h2>
<p>Die Wirtschaftswissenschaft im engeren Verständnis ist selbst ein Kind der Aufklärungsepoche. In Leipzig etwa wurde ein erster Lehrstuhl für „Oeconomic und Cameralwissenschaften“ 1764 eingerichtet; Ökonomie ist, soviel darf man sagen, im Vergleich zu altehrwürdigen Disziplinen wie Medizin oder Juristerei mit ihren 250 Jahren bisher noch eine „Episodenwissenschaft“.</p>
<p>Vor dem eingangs beschriebenen Szenario ist wenig überraschend, dass Ökonomie alsbald und über weite Strecken als übergreifende <em>Gesellschafts</em>theorie betrieben wurde. Dafür steht nicht zuletzt der Name Max Weber, der mit seiner – durchaus umstrittenen – These eines Zusammenhangs zwischen der Entstehung des Kapitalismus und protestantischem Wesen (insbesondere für den Calvinismus) manchen, sagen wir, Wirbel verursacht hat.</p>
<p>Wirtschaft und Gesellschaft, soviel steht freilich fest, beeinflussen sich wechselseitig auf vielfach verschlungene Weise. Gerade der große Systemstreit (falls sich jemand erinnert) zwischen planwirtschaftlichem Sozialismus und Kapitalismus mit freiem Marktgeschehen im 20. Jahrhundert zeigt, wie grundlegend Wirtschaftsformen Gesellschaften bestimmen. Auch heute wird die Frage diskutiert: Hat die Wirtschaft den Primat vor der politischen Gestaltung der Gesellschaft? Ist es umgekehrt? Hier könnte Hörischs Forderung nach einer Aufklärung althergebrachter Wirtschaftslehren helfen. Denn Wechselwirkungen ergeben sich so oder so: Ökonomie erweist sich in beiden Fällen als zentrale Funktion der Gesellschaft.</p>
<h2>Ökonomische Aufklärung</h2>
<p>Was nun wäre Aufklärung? Es war ja durchaus ein breites Spektrum, das sich hinter der Fahne der aufklärerischen Bewegungen versammelte und manchmal noch versammelt. Eines der großen Ziele war, die Basis der Gesellschaft in neuer Weise grundzulegen. Es ging um wissenschaftliche Erkenntnis, um freien Zugang zu allem Wissen. Was richtig ist, sollte sich in nachprüfbarer Weise, im Diskurs der Öffentlichkeit beweisen. (Mancher Zeitgenosse sieht heute diese Öffentlichkeit realisiert im Internet und seinen digitalen Geschwistern.)</p>
<p>Doch die Aufklärung brachte nicht nur Wissen und Mitbestimmung, sondern auch den Terror Robespierres, der wahllos Köpfe rollen ließ. Und sie brachte Adam Smith. Mit seiner Schrift vom „Wohlstand der Nationen“ (1776) begründet er die liberale Zentraldoktrin vom egoistischen Gewinnstreben, das unmerklich dem Gemeinwohl diene. Er führt zugleich – laut Hörisch (vgl. dort S. 42-46) – die offene Sympathie für den Teufel ein (<em>sympathy for the devil</em>). Schon Bernard Mandeville hatte mit seiner berühmten Bienenfabel 1714 darauf zugearbeitet. Hinfort sollte das Prinzip der „produktiven Zerstörung“ gelten, das persönliche Laster steht über gemeinschaftsförderlicher Moral.</p>
<h2>Reformatorische Aufklärung</h2>
<p>Nun also <em>welche</em> Aufklärung? Das erläutert Hörisch nicht. Und so sehr man ihm zugutehalten kann, mit der Analyse vieler Wirtschaftstheorien als purer Glaubensdogmen einen Nerv zu treffen, so sehr lässt er ein genuines Verständnis <em>theologischer</em> Sachverhalte trotz viel begrifflicher correctness in seinem Buch über weite Strecken vermissen. Die neuzeitliche „Sympathie für den Teufel“ will er gar beim Apostel Paulus entdecken, wenn dieser fragt: „Lasset uns übel tun, auf dass Gutes daraus komme?“ (Röm 3,8) Und verschweigt (geflissentlich?) die strikte, einen Satz später folgende Zurückweisung, wo es heißt (hier kurz paraphrasiert): „Mitnichten!“. Sogar die reformatorische Lehre des <em>simul iustus et peccator </em>(gerecht und ungerecht zugleich) vermeint er der Erlaubnis zum vorsätzlichen Übeltun zurechnen zu können. Welch krasses Missverständnis… (Vgl. Luther, <em>Von den guten Werken</em>, 1520, die erste protestantische Ethik, ganz entlang der zehn Gebote orientiert.) Hier ist Hörisch reformatorisch aufzuklären.</p>
<p>Und noch ein großes Manko sei an dieser Stelle vermerkt. Zwar streift der eloquente Kritiker die Monstrositäten der Finanzökonomie. Doch von der disruptiv voranpreschenden Digitalwirtschaft – kein Wort. Dabei ist es gerade die Digitale Revolution, die derzeit die harte Realwirtschaft <em>und </em>die frei flottierende Finanzwelt bis ins Innerste umwälzt.</p>
<h2>Reformation und Social-Ökonomie</h2>
<p>Dass man die Wittenberger Reformation kaum für zerstörerischen Turbokapitalismus in Anspruch nehmen kann, lässt sich leicht an historischen Fakten abklären. Man muss gar nicht erst bis zu Luthers konstruktiv-differenzierter Kritik am entstehenden Frühkapitalismus greifen (Schriften gegen den Wucher, zum Gesamtkomplex vgl. Ulrich Duchrow). Die Wechselwirkung zwischen ökonomischer Entwicklung und theologischer Einsicht wird bereits ersichtlich an so ›schlichten‹ Folgen wie der Entleerung der Klöster – mitsamt deren seinerzeit nicht unbeträchtlichen wirtschaftlichen Bedeutung. An die Stelle der weltabgewandten Mönchsethik trat (aber nicht der moralfreie Kapitalist, sondern) das kaum zu überschätzende lutherische „weltliche“ Berufsethos, inklusive ›Sozialverantwortung‹. Deren theologische Unterfütterung wiederum ist (u.a.) in der allbekannten Drei-Status-Lehre aufzufinden.</p>
<h2>Status oeconomicus</h2>
<p>Mit seiner Status-Lehre beschreibt Luther die drei Grunddimensionen menschlichen Seins, in denen sich jeder stetig wiederfindet. Es ist gewissermaßen seine <em>theologische</em> <em>Anthropologie</em>, die nicht nur über den Menschen in Kirche und Politik (vgl. <em>status ecclesiasticus</em>, <em>status politicus</em>) handelt, sondern ausdrücklich vom Menschen in seiner ökonomischen Dimension (<em>status</em> <em>oeconomicus</em>). Die zugegebenermaßen in der Wirkungsgeschichte dann doch nicht ganz so bekannte oder wirkmächtige Status-Lehre hat für Luther selbst allerhöchsten Stellenwert. Genau wie in der altertümlichen Oikoswirtschaft wird in Luthers s<em>tatus</em> <em>oeconomicus</em> der Mensch in seinem familiablen Leben (Mutter, Vater, eigene Ehe, eigene Kinder), und seinen weiteren sozialen und ›ökonomischen Welthändeln‹ erfasst. Auch für Luther steht der Mensch mit seiner Arbeit mitten in der Welt und <em>soll</em> <em>dort</em> wirksam sein.</p>
<p>Wie sich das lutherische Berufsethos nicht durch einen Generalerlass „von oben“ durchsetzte, sondern langfristig „von unten“ in und über Einzelne, so verbreiteten und vererbten sich etliche der ökonomischen Grundimpulse in der Breite der Reformation. Das gilt erst recht über geographische und zeitliche Grenzen hinweg: Oftmals wurden wesentliche Impulse vermittelt über solche Einzelpersonen, die etwa in Städten Einfluss nahmen. Johannes Bugenhagen brachte 1526 bis 1529 in die nicht unbedeutende Handelsstadt Hamburg die Einrichtung des „Gemeinen Kastens“ – und führte somit ein wesentliches Element institutionalisierter Sozialfürsorge ein.</p>
<h2>Luther und die Idee des Sozialstaats</h2>
<p>Falls jemand die Reformation feiern wollte, gäbe schon allein der Bereich der Sozialökonomie nicht wenige Anhaltspunkte her.</p>
<p><strong>1.) </strong>Wie gerade beschrieben, ist es gar nicht übertrieben, Luther die (Vor-)Erfindung des Sozialstaats zuzuschreiben. (Zu Bugenhagen vgl. die einschlägige Studie von Tim Lorentzen, 2008.) Mit der Begründung des Gemeinen Kastens – Einführung in Wittenberg schon im Januar 1522 – wurde quasi das erste Sozialamt eingerichtet. Und ein leuchtendes Vorbild gesetzt, das rasch Nachahmer fand. So z.B. in Stralsund, Lindau, Königsberg, unter Vermittlung Bugenhagens in Territorien wie dem Herzogtum Pommern, dem Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel oder in Skandinavien (Dänemark-Norwegen). Die Erwähnung etwa von Königsberg und der nördlichen Gefilde ist wichtig, weil, ohne hier einen direkten Zusammenhang konstruieren zu wollen, später auf evangelisch-preußischem Boden im Deutschen Reich – aus welchen Gründen auch immer – unter Bismarck die Einführung der ersten Sozialversicherung stattfand (eigentliche Geburtsstunde des „Sozialstaats“).</p>
<p><strong>2.)</strong> Auch die Verheiratung der Geistlichen in der Reformation war, man nenne es so nüchtern, ein socioökonomisches Fundamentaldatum, mit weitreichenden Folgen.</p>
<p><strong>3.)</strong> Drittens seien exemplarisch nur zwei scheinbare Nebenkrater von vielen weiteren genannt: Denn auch die Gewinnung der Volkssprache in der Reformation ist in ihrer ökonomischen Bedeutung zu erfassen. Die Elitesprache Latein wird auf breiter Front zurückgedrängt. Dass nun Flugschriften auf Deutsch zu lesen sind, war eben auch ein förderndes Moment im expandierenden Buchgewerbe. Das Gebäude, in dem, statt auf Latein, der erste <em>volkssprachliche</em> Messgottesdienst stattfand, befindet sich – in Wittenberg… Und zuletzt: An wem liegt es, dass zu Weihnachten (volkswirtschaftlich die umsatzstärkste Zeit des Jahres) das <em>Christkind</em> die Geschenke bringt? Das geht <em>directement</em> auf das Luthertum zurück.</p>
<p>Überhaupt „Reformation und Wirtschaft“: Stand nicht schon der banale (Luther später: eigentlich eine „ganz geringe Sache“) äußere Anlass für die Reformation in einem monetär-fiskalischem Zusammenhang, nämlich in der Verknüpfung von Geldhandel und Seelenheil (Ablassverkauf/Fugger)…?!</p>
<h2>Evangelische Begründung der Sozialen Marktwirtschaft</h2>
<p>Ein Sprung in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Wie könnte ein Mittelweg aussehen zwischen zentralgeleiteter Diktatwirtschaft und einem kalten, sich selbst überlassenen Kapitalismus? Wie ein Ausgleich zwischen freiem Markt und sozialer Gerechtigkeit? Strenge Denker wie Alfred Müller-Armack und Mitstreiter des „Freiburger Kreises“, z.B. Walter Eucken, begründen eine Wirtschaftsordnung eigenen Typs. Schon vor Kriegsende hatte die „Freiburger Denkschrift“ eines evangelischen Arbeitskreises für die Bekennende Kirche (Mitarbeit Otto Dibelius, Helmut Thielicke, der „Freiburger Bonhoeffer Kreis“) eine über 100-seitige Vorlage erarbeitet, wie eine Wirtschaftsordnung nach dem Krieg aussehen könnte. Auch aufgrund dieser Vorarbeiten wird schließlich die Soziale Marktwirtschaft das Licht der Welt erblicken, ein echtes Export- und Erfolgsmodell, das Deutschland eine fulminante socioökonomische Entwicklung garantierte. Letztlich eine späte – und vielleicht nicht die geringste – Frucht protestantisch-lutherischen Geistes, vermittelt über Einzelpersonen wie Müller-Armack, der an der Seite Ludwig Erhards dann für deren politische Umsetzung sorgt.</p>
<h2>Abklärung statt Aufklärung</h2>
<p>Mantra-artig wird die Soziale Marktwirtschaft bis heute als Leitvorstellung bundesdeutscher Politik ausgegeben. Doch was wohl eine Relecture von Walter Euckens <em>Grundsätzen der Wirtschaftspolitik </em>(1952) mit deren Betonung der Vielfalt der Akteure (Wettbewerb statt Monopolbildung), Ordnung offener Märkte oder Haftung (vgl. bei Eucken: Die Politik der Wettbewerbsordnung – Die konstituierenden Prinzipien) im Clash mit der neuen Internetökonomie wirklich bedeuten würde? Da wäre noch viel abzuklären. Ob die Digitale Ökonomie des 21. Jahrhunderts Ziel und Ende der neuzeitlichen Aufklärung sein wird (und eigentlich welcher), scheint vorerst gänzlich offen. Anliegen <em>theologischer </em>Aufklärung müsste sein, zu klären, wo die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts wirklich positiven Vorgaben entspricht. Genaugenommen wäre derzeit Abklärung statt Aufklärung ein Ziel.</p>
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