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	<title>evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Gott hält dich bedeckt. Du hast das Nachsehen.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gerlinde Theurich-Heumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:58:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Angesicht]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Herr sprach zu Mose: Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. (2. Mose, 33,20)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Herr sprach zu Mose: Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. (2. Mose, 33,20)</p></blockquote></div>
<p>Die Geschichte ist uralt. Und die Unterhaltung zwischen Gott und Mose sehr persönlich. Das Volk Israel ist enttäuscht. Während der langen Flucht aus Ägypten durch die Wüste scheint es seinen Gott verloren zu haben. Es lagert sich am Fuß des Berges Sinai. Mose empfängt auf dem Berg die Zehn Gebote. Als er zurückkehrt, findet er das Volk im Tanz um das goldene Kalb. Sie hatten es satt, einen Gott anzubeten, der so wenig handgreiflich ist. So wie sie sich Gott denken, so soll er sein, vor allem anschaulich, nicht so geistig, berechenbar, nicht so unbekannt. In trunkener Freude umtanzen sie das Bild.</p>
<p>Auch Mose möchte Gott schauen. Er hat den tiefen Wunsch seines Volkes begriffen. Er hat erfasst, welche Zumutung es ist, inmitten einer geistigen und religiösen Umwelt zu leben, die Bilder ihrer Götter hat. Er aber kann nur auf das Wort Gottes verweisen. Ob er selbst unsicher ist? Er möchte nicht immer nur glauben müssen. „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Und dieser Wunsch impliziert weitere Wünsche: „Lass mich deine Pläne, deine Absichten wissen! Du hast mir einen Auftrag gegeben, nun hilf mir auch zum Ziel!“</p>
<p>Was wird Gott antworten? „Ich will meine Güte vor deinem Angesicht vorüberziehen lassen. Aber mein Angesicht sehen, das kann kein Lebendiger!“ Dann folgt eine Einschränkung nach der anderen: „Es ist meine Freiheit, dem gnädig zu sein, wem ich will.“ Nur im Vorübergehen will Gott sich erkennen lassen, nur einen Augenblick lang. Einen Augenblick, den man nicht festhalten kann. Nur im Nachschauen, im Nachhinein soll er die Erfahrung machen: Das war Gott.</p>
<p>Es ist hier wie in der Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Der Auferstandene ist mit ihnen unterwegs, aber ihre Augen sind „gehalten“. Erst hinterher geht ihnen auf, was sie erlebt haben.</p>
<p>Hilft das dem Mose? Hilft das uns heute?</p>
<p>Die Erinnerung an meine vergangene Geschichte mit Gott? An schöne und beglückende Erlebnisse mit der Familie und mit Freunden? An die erste Liebe, das erste Kind? All das ist gut und schön, aber da sind ja auch noch die anderen Erfahrungen, an denen ich fast zerbrochen wäre. Und vor allem: Ich lebe doch jetzt. Und die Zusage, dass ich mich immer an Gott wenden kann, bleibt die nicht leer, solange ich nicht sehen kann, was dabei herauskommt?</p>
<p>Auch Mose bleibt mit der Unbegreiflichkeit Gottes allein. Man kann Gott nicht sehen. Wer ihn sieht, d.h. ungeschützt und unmittelbar mit ihm zusammenprallt, muss sterben. Das hat Mose sicherlich einen Schrecken eingejagt und erschreckt auch uns heute. Diese unheimliche Seite Gottes verschweigen wir gerne. Sie passt nicht in unser Bild von einem gefälligen Gott. Aber sie gehört zu ihm. Und wir begegnen dieser Seite Gottes immer wieder. Etwa in einer handfesten Lebenskrise oder in der Erfahrung einer nicht wieder gutzumachenden Schuld, die wir auf uns geladen haben.</p>
<p>Aber das ist nicht alles, was von Gott zu sagen ist. In unserer Geschichte hält Gott seine Hand schützend über Mose. Vor der Erfahrung, dass die unendliche Güte Gottes auch etwas Unheimliches hat, wird er hier bewahrt – und wir in unserem Leben sehr oft auch. Die Abgründigkeit, die zu Gott gehört, müssen viele von uns nicht in ihrer ganzen Tiefe durchleben. Stattdessen bekommt Mose eine tröstende Zusage. Gott sagt zu ihm: Du darfst nachher hinter mir hersehen. Das ist keine billige Vertröstung!</p>
<p>Auch wenn wir oft nicht bekommen, worum wir bitten, manchmal kann am Ende doch die Einsicht stehen, dass es besser so war. Oder, wie wir im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe.“</p>
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		<title>Vorbild, nicht Führung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:56:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Journalistik]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
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		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine kritische publizistische Öffentlichkeit wird in Deutschland in der Reformationszeit erstritten und ertrotzt. Nicht zuletzt deshalb ist die Berichterstattung zu 500 Jahre Beginn der Reformation ein ausgezeichnetes Terrain, um den Zusammenhang von Theologie und Journalistik zu bedenken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine kritische publizistische Öffentlichkeit wird in Deutschland in der Reformationszeit erstritten und ertrotzt. Nicht zuletzt deshalb ist die Berichterstattung zu 500 Jahre Beginn der Reformation ein ausgezeichnetes Terrain, um den Zusammenhang von Theologie und Journalistik zu bedenken.</p></blockquote></div>
<p>Die Presse ist die Vierte Macht im Staate. Um zu wirken, braucht sie Öffentlichkeit, ohne Öffentlichkeit kein Journalismus. Der virtuelle Raum, in dem sich eine freie Presse entwickeln kann, besteht aus einem mehr oder weniger großen Publikum mit der Option zu freier Rede und zu Gegenrede. Das gilt für Text, Bild, Bewegtbild oder Ton. Indem sich solche Öffentlichkeit konstituiert, folgt die Frage, wer im Medienstrom das Wichtige und Interessante herausgreift, aufbereitet und kommentiert. Der journalistische Beruf entsteht. Mit neuen Medien (wie dem Internet) stellt sich dieselbe Frage, in neuem Gewand. Dabei geht es immer auch darum, wer die Meinungsführung in der Öffentlichkeit gewinnt.</p>
<h2>Mit der Reformation wird Journalismus erst möglich</h2>
<p>Solche kritische Öffentlichkeit entsteht erstmals in der Reformation. So urteilt schon Robert E. Prutz in seiner <em>Geschichte des Journalismus</em> von 1845: „und ist mithin erst […] mit der Reformation […] der Journalismus selbst <em>möglich </em>geworden“.  <em>Kritisch</em> ist diese Öffentlichkeit, weil nicht aufgrund von Vorgabe und Zwang, sondern in der Suche nach den richtigen Kriterien über diskutierte Themen entschieden werden soll: „Lasset die Geister aufeinanderplatzen […] Aber die Faust haltet stille“ (Martin Luther). <em>Öffentlichkeit</em> wurde es, weil der Buchdruck damals den Akteuren die Mittel dazu in die Hand legte. In der Feier 500 Jahre Reformation bedenkt oder feiert der heutige Journalismus also auch die Schaffung der Grundlagen seiner eigenen Profession.</p>
<p>Es heißt: „Jede Zeit bekommt die Medien, die sie verdient.“ Der Kalauer lässt sich beliebig fortsetzen, etwa: jedes Land bekommt die Wirtschaftsbosse, die es verdient, jede Zeitung die Ressorts-Chefs&#8230;, aber mit dem Verdienstgedanken soll man vorsichtig sein und die Sache ist zu ernst, um damit zu spaßen.</p>
<h2>Die Entstehung der Öffentlichkeit</h2>
<p>Die kritische Öffentlichkeit wurde gegen nicht geringe Widerstände „ertrotzt“. Wie weit vorausgreifend diese Errungenschaft war, zeigt die Tatsache, dass es alsbald zu empfindlichen Rückschritten kommen und Jahrhunderte dauern würde bis zur Akzeptanz. Es ist nur ein kurzes Aufflackern, durch Luther entzündet. Das Bild von den Zwergen, die auf den Schultern von Riesen stehen (Heinrich Heine) – selten ist es so angebracht wie hier. Doch zusätzlich zu den Errungenschaften ist der versäumten Gelegenheiten zu gedenken. Die Grundlage des Journalismus entsteht im 16. Jahrhundert. Doch: Ist die Reformation damit nicht zugleich Steigbügelhalter für jenen unseligen Partei- und Kampagnen-Journalismus, der uns bis heute so zu schaffen macht? Vielleicht liegt es auch hieran, dass das heurige Erinnern an 500 Jahre Reformation für manche in erster Linie Anlass „tiefer Trauer“ ist, oder sein sollte.</p>
<h2>Gemeinsame Ursprünge von Reformation und Journalistik</h2>
<p>Nicht nur im historischen Ursprung, sondern schon der Sache nach haben Journalistik und Evangelische Theologie viel gemeinsam. Beiden geht es um Wahrheit: um die Kriterien rechter Wahrheitssuche. „Die Achtung vor der Wahrheit [&#8230;] und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ So steht es im Pressekodex des Deutschen Presserats, erster Satz. Die Journalistik als wissenschaftliche Disziplin sucht klarzustellen, nach welchen Methoden, Darstellungsformen, mit welchen Informationsquellen journalistische Arbeit vonstattengehen soll. Die zeitenthobene Journalist<em>ik</em> ist dabei zum Tagesgeschäft des Journalis<em>mus</em> ein Korrektiv und manchmal auch ein „Widerpart“ (Klaus Meier).</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Journalistik und Evangelische Theologie geht es beiden um die Kriterien rechter Wahrheitssuche.</p></blockquote></div>
<p>Auch die 95 Thesen, die nach überwiegender Meinung der Forschung am 31. Oktober 1517 an die Wittenberger Schlosskirche „angeschlagen“ wurden, sind überschrieben: „Aus Liebe zur Wahrheit…“ sollen die nachstehenden Sätze diskutiert werden. Das Abwägen von Meinung und Gegenmeinung gehört zum Wesen der akademischen Disputation. Luther stellte sich mit Überzeugung solch öffentlicher Debatte, exemplarisch die Leipziger Disputation (1519) mit dem damals angesehenen Kontroverstheologen Johannes Eck. Sie dauerte mehrere Wochen. Sogar eigenen Streitschriften fügt Luther oft Schriften der Gegner im Originaltext an. Der Leser soll sich selbst ein Urteil bilden. Durchaus vorbildlich…</p>
<h2>Die Suche nach der Wahrheit</h2>
<p>Was ist Wahrheit? Hinsichtlich des diesjährigen Reformations-Gedenkens lautet die Frage gleichsinnig: Was war und ist die Reformation? Zu sagen, es habe nur die Einzelgestalt Luther gegeben, wäre töricht. Selbst Kritik am Ablass gab es schon vor 1517. Die Reformation war ein Geschehen auf breiter Front. Als historische Größe, die Gesellschaft, Staat, Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur, Kunst, Musik und, ja, auch „die Religion“ nachhaltig in Bewegung brachte, kann sie ja als das Faktum, das sie ist, weder für Deutschland, noch Europa, noch viele weitere Regionen der Welt geleugnet werden. Auch von katholischer Seite wird freimütig eingeräumt, dass viele Anliegen der Reformation weit verbreitet und berechtigt waren. Heute vertritt niemand, Ablass gegen Bares zu verkaufen. Im Jahre 1570 legte Papst Pius V. fest, dass exkommuniziert wird, wer mit Ablass handelt.</p>
<p>Doch kann auch die historische Größe des Wittenberger Theologen, meistgelesenen Schriftstellers der Zeit, Komponisten, Dichters, Bibelübersetzers, Kirchenvaters, Rhetorikers, Sprachschöpfers, Bildungs- und Universitätsreformers Luther kaum verschwiegen werden. Frühere Generationen und Geistesgrößen wussten noch davon, wie Herder, Lessing, oder Heinrich Heine: „Ruhm dem Luther [&#8230;] von dessen Wohltaten wir noch heute leben! [&#8230;] Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille aufgesetzt; aber zu der erhöhten Anschauung fehlt das hohe Gefühl, das Riesenherz […]“</p>
<h2>Reformationsgedächtnis und journalistisches Ethos</h2>
<p>Das Reformationsgedächtnis scheint bislang zuerst ein heuristisches Geschehen, also zu weiterer Erkenntnis der eigentlichen Sache und zu deren zugrundeliegenden Wirkmechanismen (erst noch) führend. Heuristische Anliegen verfolgt prinzipiell die Journalistik im Blick auf die öffentliche Kommunikation. Es trifft sich hier das Anliegen stets notwendiger Medienkritik mit einem schönen Lutherwort, der bei der Auslegung zum 1. Gebot des hebräischen Dekalogs zu der analytischen Meisterformulierung kommt: „Woran du nun dein Herz hängst … das ist recht eigentlich dein Gott.“ Gott und Götter, das können (auch heimliche) Gesichtspunkte sein, die ein Leben, einen Redaktionsplan oder einen Leitartikel lenken. Für etliche davon ist man bereit, kleine oder größere Opfer zu bringen. Manchmal sogar das journalistische Ethos.</p>
<h2>Die Probe aufs Exempel</h2>
<p>Auch in der heutigen öffentlichen Kommunikation wird nach bestimmten Gesichtspunkten sortiert, kommentiert und präsentiert. Auch deshalb ist die Berichterstattung zu 500 Jahre Reformation ein dankbares Terrain, um das Thema „Theologie und Journalistik“ zu beleuchten, live, im praktischen Vollzug: als Probe aufs Exempel. Vier Beispiele für Baustellen:</p>
<ul>
<li>Nachdem der erste Pulverdampf des publizistischen Feuerwerks zu „2017“ verraucht ist, beginnt die Zeit, um seriöse von unseriösen, substanzielle von leichtgewichtigen Beiträgen zu trennen. Immer hilfreich, weiß der Journalist, ist eine gewisse Quellenkenntnis. Was für Abgründe tun sich da auf… Nicht, dass jeder Reformations-Experte wäre, wir Evangelischen am wenigsten. Doch manche Beiträge und Bücher bauen sich fast vollständig aus der – sehr unsicheren – Quellenüberlieferung der sog. Tischreden Luthers auf, also sekundäre Nachschriften von Dritten. Das geht gar nicht!</li>
<li>Dann ist da die Sache mit aus dem Kontext gerissenen Zitaten. Isolierte Sätze lassen sich effektvoll einsetzen, das ahnt der Journalist – schließlich arbeitet man selbst nach der Methode im täglichen Geschäft. Doch zumindest anderen Akteuren im Wissensdiskurs sollte man es nicht unbemerkt durchgehen lassen. Dazu gehörten geschichtliche Einordnungen und auch theologische. Wo bleibt der historische Verstand? Wir sprechen über Kontexte aus einem halben Jahrtausend Abstand&#8230;</li>
<li>Schließlich das viel verhandelte Archiv-Problem: Ein Blick ins Redaktionsarchiv verschafft vertieftes Vorwissen. Doch besteht so auch die Gefahr fortgesetzten Schubladendenkens, ein Autor schreibt vom andern ab – das funktioniert auch medienübergreifend –, der Blick für Neues geht verloren. Leicht kolportiert das <em>unbelegte</em> <em>Behauptungen</em> und Falschmeldungen. Wie die, Luther sei ein übler Bauernhasser (dazu unten mehr).</li>
<li>Prinzipiell war im Reformationsjahr, wie es nicht anders sein konnte, mit lancierten Beiträgen von interessierten Kreisen fest zu rechnen. Das liegt etwa an nachklingenden konfessionellen Animositäten, die auch über Kontinent- und Ländergrenzen wirken. Anderes ist schon von ferne als die religionsverächtliche Darstellung kirchlicher Positionen erkennbar, an die man sich hierzulande geradezu gewöhnt hat.</li>
</ul>
<h2>Journalismus mit Distanz</h2>
<p>Ziffer 9 des Pressekodex lautet immerhin: „Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen.“ Man hat das Problem teils dadurch gelöst, dass man in der Berichterstattung auf religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen schlicht generell verzichtet hat. Doch Fragen nach Tod und Ewigkeit, nach Sinn und gutem Handeln gehören auch zur Wirklichkeit…</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Dem Leser überlassen, was er daraus macht.</p></blockquote></div>
<p>Wie sagte Hanns Joachim Friedrichs, früherer Anchorman der ARD-Tagesthemen: Der gute Journalist soll sich nicht gemein machen mit einer Sache. Also besser vorbildlich dem Rezipienten überlassen, was er daraus macht. Seinen<em> „Beruf“</em> – übrigens wie Max Weber zeigte, eine sprachliche und inhaltliche Schöpfung Luthers – erfüllt der Journalist dann eben darin, dass er bewusst Abstand und methodisch Abstinenz zu seinen eigenen ganz persönlichen „Göttern“ hält. Klarmachen muss man sich aber allemal, dass es grundständige Journalistik in Deutschland erst seit ca. 40 Jahren gibt.</p>
<h2>Die Reformation – ein spirituell-geistliches Ereignis</h2>
<p>Die Reformation war nun eben auch ein geistlich-spirituelles Ereignis. Die Kirchen begehen 2017 als Rückbesinnung auf die „Christus-Botschaft“, also als Erinnerung an den Konnex von Gottvertrauen und Nächstenliebe (Mt 22,37-39), also an die Menschenfreundlichkeit Gottes, also an die Gottes-Ansage, die den Menschen „in die Krise“ führt (Lk 9,24), ihn aber auch in seiner Größe thematisiert (Mt 5,13-15). <em>Groß Denken vom Menschen</em> ist ein urchristlicher Topos. Die Ursprungsbotschaft des Christentums bedeutet die Umwertung der Werte oder wie Luther pointiert: das Lernen einer „neuen Sprache“ (<em>nova lingua</em>), weil durch das provokative Christusgeschehen jede Sache eine neue Bedeutung erhält.</p>
<h2>Bannt der Kirchentag Luther ein zweites Mal?</h2>
<p>Sollte nun ausgerechnet der Open-Air-Thinktank des Protestantismus – der Evangelische Kirchentag – 2017 in Wittenberg den Zug verpassen? Wird Luther gar, wie angedroht, vom Kirchentag gebannt? Das wäre schade, Interessantes böte er genug: Luther, der Exeget (Bibelausleger). Die Reformation als Bildungsoffensive. Luther, der Gesellschaftstheoretiker, der im Kern die damalige Ständegesellschaft auflöst (was zuvor auf die drei Stände Wehrstand, Lehrstand, Nährstand aufgeteilt war, vereint Luther innerhalb jeder einzelnen Person, vgl. <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/theologie-und-oekonomie/"><em>Theologie und Ökonomie</em>, aspekte 3/2016</a>). Die lutherische Theologie von Buße, Vergebung und Gewissen, die der deutschen Öffentlichkeit endlich einen heilsamen Umgang mit der NS-Vergangenheit eröffnen kann.</p>
<p><em>Endlich</em>, denn es wäre nötig; die Themen, die bislang Aufmerksamkeit erwecken, zeigen insgesamt, dass es nicht nur die ersten Hundertjahrfeiern in internationalem und ökumenischem Geist sind, sondern auch die ersten nach dem Zweiten Weltkrieg. So zieht das Menschsein des Menschen Neugierde auf sich – das liegt nahe nach ideologieverseuchten Erfahrungen totalitärer unmenschlicher Systeme&#8230; Und kriegerische Ereignisse wie die Bauernaufstände (1524/25) finden Resonanz.</p>
<h2>Luther der Friedensaktivist</h2>
<p>Damit zu Luthers angeblichem Hass auf alle Landwirte. Viele Forderungen der Bauern unterstützte Luther und stellt sich persönlich vor Ort. Schon ab 1522 warnt er vor Gewaltanwendung. Beide Parteien verweist er strikt auf den Rechtsweg. War das abschätziger Hass? Er redet auch den Fürsten ins Gewissen. Luther agiert als Friedensaktivist. Eilig verbreitet er den Friedensvertrag von Weingarten.</p>
<p>Die Bauern wollen nicht warten. Sie gehen durchaus blutrünstig vor (Weinsberger Bluttat), brandschatzen und plündern: Es ist ein heraufziehender, brutal geführter Bürgerkrieg, der viel Blut kosten würde. In <em>diesem</em> Kontext sind die scharfen abwehrenden Äußerungen Luthers zu hören, die oft kontextlos zitiert werden. Seine Argumentation, die Wortwahl im Einzelnen einmal beiseite, war am Friedenserhalt und am Recht orientiert.</p>
<p>Wie ein historisch gerechtes Urteil aussieht, möchte man da eher als „offen“ bezeichnen (vgl. die Standard-Luther-Biographie von Martin Brecht und die von Armin Kohnle. Die vier bis fünf wichtigeren Beiträge Luthers zum Bauernkrieg sind nachzulesen in der Suhrkamp-Ausgabe von K. Bornkamm / G. Ebeling (Hg.): <em>Martin Luther, Ausgewählte Schriften</em>, Insel-Verlag, 6 Bde.; eine Ausgabe teils zwar mit eigenwilliger Textauswahl, aber mit sorgfältig erstellten Einführungen – gerade im Vergleich zu manchen eher ungelenken Textsammlungen wie zuletzt erschienen.)</p>
<p>Selbst für konfessionelle Rechthaberei taugt der Bauernkrieg nicht. Als der katholische Herzog Georg seine Truppen zur Niederschlagung des Aufstands losschickte, tat er dies nicht aus reformatorischem Eifer. Wie denn auch die Ablehnung der Bauernforderungen gerade auf der „altgläubigen“ Seite deutlich war. Luther indes hält sich nicht in feiner Distanz. Er begibt sich mitten ins Geschehen, mögliche Fehleinschätzungen inklusive. Pathetisch die Historikerin Ricarda Huch: „Luthers Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe [&#8230;]. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein&#8230;“</p>
<h2>Vorbild sein, statt führen wollen</h2>
<p>Guter Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er überzeugen, nicht überreden will. Gute Theologie ebenso. Beiden ist gemeinsam, dass sie Kriterien für die Wahrheitssuche kennen, benennen und im öffentlichen Diskurs argumentativ zur Verfügung stellen sollten. Durch Vorbild überzeugen…</p>
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			</item>
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		<title>Ein neuer Anlauf für eine weltweite nachhaltige Entwicklung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Imme Scholz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:54:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Agenda 2030]]></category>
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		<category><![CDATA[Vereinte Nationen]]></category>
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					<description><![CDATA[Im September 2015 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung. Neu daran: In ihr fließen jahrzehntelange Verhandlungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern in einem gemeinsamen Ergebnis und Engagement zusammen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Im September 2015 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung. Neu daran: In ihr fließen jahrzehntelange Verhandlungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern in einem gemeinsamen Ergebnis und Engagement zusammen.</p></blockquote></div>
<p>Das Herzstück der Agenda bilden <em>17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung</em> (Sustainable Development Goals / SDGs). Sie werden von einigen Prinzipien flankiert, die für die Umsetzung national und international gelten sollen. Die SDGs sind für <em>alle </em>Länder verbindlich, womit nicht nur die armen Länder auf den Weg in eine bessere Zukunft gewiesen werden. Frieden und Sicherheit und verstärkte internationale Kooperation gelten als entscheidende Voraussetzungen, um die SDGs zu erreichen. Verabredungen zu Monitoring, Berichterstattung und Überprüfung auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene setzen einen Anreiz zur Umsetzung und machen alle Akteure rechenschaftspflichtig.</p>
<h2>Wie es zur Definition der 17 Ziele kam</h2>
<p>Die <em>Millennium-Entwicklungsziele</em> (MDGs) liefen 2015 aus. Sie hatten erfolgreich entwicklungspolitische Mittel mobilisiert. So konnten die Menschen in den Ländern des Südens ihre Einkommen, Gesundheit, Bildung und Versorgung mit Wasser verbessern. Ökologische Aspekte hingegen kamen bei der Umsetzung der MDGs zu kurz. Hier setzten die Verhandlungen zur 2030-Agenda an. Kolumbien brachte das Konzept der SDGs ein. In ihnen sind universelle Ziele für diejenigen Politikfelder bestimmt, die die Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlicher und menschlicher Entwicklung sowie Umweltverbrauch wesentlich abbilden.</p>
<p>Seit der <em>UN-Konferenz von Umwelt und Entwicklung in Rio</em> (1992) haben sich zentrale Messgrößen (Indikatoren) für den Zustand der Umwelt verschlechtert und neue Forschungsergebnisse die Gefahr radikaler Kipp-Punkte im Umweltsystem verdeutlicht. So setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein grundlegender Umbau der Natur-Gesellschaftsbeziehungen nicht nur in den reichen Ländern mit dem höchsten Umweltverbrauch erforderlich ist. Auch China, Indien, Brasilien, Indonesien erreichen mit steigendem Wohlstand bereits heute kritische Verbrauchsgrößen im Umweltbereich. Und perspektivisch müssen auch die Entwicklungsstrategien in den am wenigsten entwickelten Ländern den Aufbau klima- und umweltschädigender Infrastrukturen vermeiden. Ein solcher Umbau ist politisch nur möglich, wenn dadurch nicht Armut verfestigt und neue Ungleichheiten innerhalb und zwischen Ländern entstehen. Hinzu kommen neue Herausforderungen wie der demographische Wandel oder die Digitalisierung, die von reichen wie armen Gesellschaften bewältigt werden müssen.</p>
<h2>Eine nachhaltige Entwicklung muss alle Länder umfassen</h2>
<p>Aus der Sicht nachhaltiger Entwicklung wäre es also unsinnig gewesen, Ziele nur für die Entwicklungsländer festzuschreiben. Der neue universelle Ansatz fordert alle Länder in ihren Binnenpolitiken und in ihren Außenbeziehungen. Die Industrieländer sind als Kooperationspartner für die Länder des Südens weiterhin unverzichtbar: Sie verfügen über den Löwenanteil der weltweit vorhandenen Wissens-, Forschungs- und Innovationskapazitäten, mit denen Produktions- und Konsummuster umweltverträglicher gestaltet werden können.</p>
<p>Die Prinzipien und Ziele der 2030-Agenda stellen einen politischen Kompromiss dar. Sie spiegeln, was 2014/15 im Verhandlungsprozess der internationalen Staatengemeinschaft möglich gewesen ist. Sie verkörpern gegenwärtig die einzige internationale Agenda mit einem positiven gestalterischen Anspruch, der sich auf alle wesentlichen Dimensionen von menschlichem Wohlstand bezieht.</p>
<h2>Wesentliche Inhalte der 2030-Agenda</h2>
<p>Die Präambel der Agenda benennt auf einer Seite in knapper Sprache ihre (<em>fünf</em>) übergeordneten Ziele: die Bekämpfung von Armut und Hunger für ein Leben in Würde:</p>
<ul>
<li>Gleichheit und einer gesunden Umwelt („<em>people“</em>),</li>
<li>der Schutz der Erdökosysteme für heutige und zukünftige Generationen („<em>planet“</em>),</li>
<li>das Wohlergehen aller Menschen durch wirtschaftlichen und technischen Fortschritt in Harmonie mit der Natur („<em>prosperity“</em>),</li>
<li>friedliche, inklusive und gerechte Gesellschaften frei von Furcht und Gewalt („<em>peace“</em>) und</li>
<li>eine gestärkte internationale Zusammenarbeit („<em>partnership“</em>).</li>
</ul>
<p>Die 17 Ziele sind drei Gruppen („Cluster“) zugeordnet. Ihre Bündelung zeigt, welchen der oben genannten fünf Kategorien sie jeweils dienen und wie sie planvoll kombiniert ihre Wirkung entfalten sollen – sie stehen nicht isoliert nebeneinander. Zum Beispiel die Ziele 1 bis 5 (Armut; Ernährung; Gesundheit; Bildung; Gender) sowie 7 bis 10 (Energie; Wachstum und Beschäftigung; Infrastruktur; Industrialisierung; Innovation; Ungleichheit): Sie können den Kategorien „<em>people</em>“ und „<em>prosperity</em>“ zugeordnet werden, weil sie direkten und indirekten menschlichen Bedürfnissen dienen. Oder die Kategorie, die vordringlich dem Wohl des Planeten, dem Schutz des Erdsystems („<em>planet</em>“) gewidmet ist: Diese bündelt die Ziele 12 (Konsum- und Produktionsmuster), 13 (Klimawandel), 14 (Ozeane) und 15 (Landökosysteme und Biodiversität).</p>
<h2>Widersprüche und Mängel der Agenda</h2>
<p>Die Agenda betont die wechselseitige Abhängigkeit und das Zusammenwirken zwischen allen fünf Bereichen und zwischen den Zielen, deren Unterziele vielfältige horizontale Verknüpfungen herstellen. Ein genauerer Blick auf Ziele und Unterziele zeigt aber auch Widersprüche innerhalb und zwischen verschiedenen Zielbündeln. <em>Ein Beispiel ist Ziel 8 Wirtschaftswachstum und Beschäftigung:</em> die Unterziele beschreiben keine Kernpunkte oder variablen Größen (Parameter), an denen eine nachhaltige und inklusive Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik gemessen werden kann. Auch die Formulierung der Unterziele, die sicherstellen sollen, dass Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt wird, ist nicht ambitioniert, sondern eher vage.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Zwischen manchen Zielen der Agenda gibt es Widersprüche.</p></blockquote></div>
<p>Zwei <em>Schlüsselbegriffe fehlen</em> in der Agenda ganz: die „<em>Dekarbonisierung</em>“ von Produktion und Konsum, also der Verzicht auf die Nutzung fossiler Energieträger bis 2030, und die <em>„planetaren Grenzen</em>“, die bei einer immer effizienteren und naturverträglicheren Nutzung von Rohstoffen, Energieträgern und Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft) nicht überschritten werden dürfen. Auch <em>fehlt häufig die Benennung und Bearbeitung von Ursachen</em> hinter den zu lösenden Problemlagen. So werden bei Ziel 15 „Terrestrische Ökosysteme“ die treibenden Faktoren hinter Wald- und Biodiversitätsverlusten nicht benannt und es wird auch vernachlässigt, dass allein die verstärkte Bereitstellung von Ressourcen für den Biodiversitätsschutz keinen Erfolg garantiert.</p>
<h2>Entscheidend für die Agenda: Der Durchsetzungswille auf nationaler Ebene</h2>
<p>Durch nationale Strategien und Aktionspläne soll die <em>2030-Agenda</em> umgesetzt werden. Diese können sich über die Mängel und Inkonsistenzen der SDGs hinwegsetzen und auch anspruchsvollere Ziele benennen. Internationale Zusammenarbeit hat dabei eine subsidiäre Rolle, sie muss sich an nationalen Prioritäten und Maßnahmen orientieren und kann diese unterstützen und verstärken.</p>
<p>Als Plattform für Austausch und gemeinsames Lernen fungiert das High-Level Political Forum der UN. Dort berichten die nationalen Vertreter jährlich freiwillig über Fortschritte bei der Umsetzung. 2016 haben 22 Länder aus Nord und Süd berichtet, die Sitzungen in New York erfreuten sich großer Aufmerksamkeit. Auch für die kommenden Jahre haben sich bereits viele Länder angemeldet.</p>
<p>China hatte bereits Ende 2015 eine umfassende Umsetzungsstrategie vorgelegt, die sowohl Maßnahmen in China im Rahmen des 5-Jahres-Plans enthielt als auch die Ankündigung erheblicher finanzieller Mittel für die Unterstützung von Entwicklungsländern. Seine G20-Präsidentschaft 2016 hat China dafür genutzt, einen Aktionsplan vorzulegen, mit dem sich die G20 zu kollektiven und nationalen Umsetzungsmaßnahmen verpflichten und dazu auch regelmäßig Bericht erstatten wird. Insgesamt gesehen gibt es also Chancen für eine Umsetzung und ein anhaltendes Interesse über die kommenden 14 Jahre.</p>
<h2>Halbherzig bis ablehnend: Die Europäische Kommission und Donald Trump</h2>
<p>Die <em>Industrieländer</em> ergeben aber ein gemischtes Bild: Schweden und die Schweiz haben sich für eine umfassende ambitionierte Umsetzung entschieden; andere Länder wie Großbritannien, Südkorea oder die Niederlande sehen die Umsetzung eher als entwicklungs- und/oder umweltpolitische Aufgabe. Die neue US-Regierung unter <em>Donald Trump</em> wird sich dieser Agenda eher nicht verpflichtet fühlen. Eine Haltung der Gleichgültigkeit oder der Blockade seitens der USA wird ihre Umsetzung stark behindern. Umso wichtiger ist ein entschlossenes und innovatives Handeln der Europäischen Union, das sich der weitreichenden negativen Folgen heutiger Untätigkeit bewusst ist und das Bündnis- und Kooperationspartner auf allen Kontinenten sucht. Die Mitteilungen der <em>Europäischen Kommission </em>zur 2030-Agenda vom November 2016 lassen diese Entschlossenheit noch nicht erkennen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Die neue US-Regierung unter Donald Trump wird sich dieser Agenda eher nicht verpflichtet fühlen.</p></blockquote></div>
<p><em>Deutschland</em> hat 2016 seine seit 2002 vorliegende Nachhaltigkeitsstrategie grundsätzlich überarbeitet, um sie an den 17 SDGs und den neuen Prinzipien der 2030-Agenda zu orientieren. Die neue, im Januar 2017 beschlossene Strategie weist eine Reihe von Neuerungen auf: In <em>institutioneller </em>Hinsicht sind dies die Ernennung hochrangiger Beauftragter in jedem Haus, die Einrichtung eines Interministeriellen Ausschusses „Strategische Vorausschau“, eines regelmäßigen Dialogforums mit gesellschaftlichen Akteuren und einer Wissenschaftsplattform. Damit sollen die Verbindlichkeit der Strategie für das Handeln der Ministerien, die Politikkohärenz und der Wissensaustausch zwischen Politik, Verwaltung, Gesellschaft und Wissenschaft gestärkt werden.</p>
<h2>Deutschland mit nationalen Strukturen und internationaler Verantwortung für die Agenda</h2>
<p><em>Konzeptionell</em> ist neu, dass Umsetzungsmaßnahmen nicht nur Wirkungen in Deutschland erreichen sollen, sondern auch weltweit <em>zugunsten des globalen Gemeinwohls</em>, und dass mit anderen Ländern gemeinsam gehandelt bzw. diese bei der Umsetzung unterstützt werden sollen. Dieser dreifache Ansatz strukturiert die Darstellung der Maßnahmen zu jedem SDG. Die gewachsene Bedeutung der internationalen Dimension schlägt sich auch darin nieder, dass neben den Ländern, Kommunen, der Wirtschaft, Zivilgesellschaft und der Wissenschaft auch die Europäische Union, die Vereinten Nationen, die G7 und G20 als Partner der Umsetzung genannt werden.</p>
<p>Das <em>neue Indikatorenset</em> ist von 38 auf 63 Schlüsselindikatoren angewachsen. Diese bilden den als relevant erkannten Handlungsbedarf nicht umfassend ab. Das heißt, die Bundesregierung hat sich nicht für jedes SDG auf zeitlich und quantitativ definierte Ziele in allen drei Dimensionen festlegen wollen.</p>
<p>Neue, <em>international relevante Ziele</em> werden vor allem durch die entwicklungspolitische Zusammenarbeit gesetzt (z.B. berufliche Qualifizierung von Frauen und Mädchen; Zugang zu Trinkwasser und Sanitärversorgung; internationale Finanzierung von Klimaschutz und Anpassung), nicht jedoch in der Wirtschafts- oder Agrarpolitik. Von den 63 Indikatoren sind nur 12 international orientiert.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Erhebliche Inkonsistenzen und Leerstellen</p></blockquote></div>
<h2>Auch die deutsche Politik schöpft ihre Handlungsmöglichkeiten nicht aus</h2>
<p>Es gibt auch erhebliche Inkonsistenzen und Leerstellen: So wird unter SDG 8 als Nachhaltigkeitspostulat zwar „Wirtschaftsleistung umwelt- und sozialverträglich steigern“ formuliert, als Indikator aber nur die Steigerung des BIP pro Einwohner benannt. Unter SDG 10 „Ungleichheit innerhalb und zwischen Staaten verringern“ wird die schulische Integration von Ausländern und die Einkommensverteilung in Deutschland behandelt – die Ungleichheit zwischen Staaten wird nicht abgedeckt. Unter SDG 16 „Friedliche und inklusive Gesellschaften“ wird erneut der Indikator der erfassten Straftaten genannt, während zur Integration der Flüchtlinge und Zuwanderer, die 2015/16 in unser Land gekommen sind, keine Ziele formuliert werden.</p>
<h2>Umso wichtiger: Das Engagement der Zivilgesellschaft</h2>
<p>So unbefriedigend die Lektüre der Indikatoren ist, so aufschlussreich kann bei vielen SDGs der Text sein: Oft zeigt er, dass in allen drei Wirkungsdimensionen mit Weitblick gehandelt wird. In einigen Fällen wird aber auch deutlich, dass die zuständigen Ressorts ihre Zuständigkeiten und Instrumente nicht nutzen, insbesondere bei SDG 9 „Belastbare Infrastruktur, nachhaltige Industrialisierung, Innovationen“, SDG 12 „Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster“ und SDG 17 „Globale Partnerschaft“.</p>
<p>Insgesamt wird damit deutlich, dass die neuen Dialogplattformen mit gesellschaftlichen Akteuren wichtig sein werden, um in Deutschland zu ambitionierten Zielen und entschlossenem Handeln kommen zu können.</p>
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		<title>Welker Michael; Beintker, Michael; de Lange Albert (Hg.)  Europa reformata</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:52:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
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					<description><![CDATA[Natürlich steht er im Mittelpunkt des großen 500-Jahr-Jubiläums zur Reformation: Martin Luther. Die Präsidentin des Evangelischen Kirchentags, Christina Aus der Au, hat jüngst bei einem Vortrag beim Neujahrsempfang der Evangelischen Akademie Bad Boll dazu aufgefordert, die europäische Dimension der Reformation nicht zu vernachlässigen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1565 size-medium wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Europa_reformata-213x300.jpg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Europa_reformata-213x300.jpg 213w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Europa_reformata.jpg 728w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" data-smartcrop-focus="[50,38]" />Evang. Verlagsanstalt, Leipzig 2016, 504 S., 29,90 EUR, E-Book: 19,99 EUR.</strong></p>
<p>Natürlich steht er im Mittelpunkt des großen 500-Jahr-Jubiläums zur Reformation: Martin Luther. Die Präsidentin des Evangelischen Kirchentags, Christina Aus der Au, hat jüngst bei einem Vortrag beim Neujahrsempfang der Evangelischen Akademie Bad Boll dazu aufgefordert, die europäische Dimension der Reformation nicht zu vernachlässigen. Die schweizerische evangelisch-reformierte Theologin bezog sich dabei auf das dezidiert sozialreformerische Erbe des Schweizer Reformators Zwingli. Schon dieser Hinweis zeigt, dass die Reformation keine deutsche Angelegenheit ist.</p>
<p>Dass die Reformation als europäische Bewegung zu verstehen ist, macht „Europa reformata“ mehr als deutlich. Der Band liegt zwar schwer in der Hand, ist vom Format aber dennoch handlich und kann deshalb auch gut als Reiseführer benutzt werden. Die reformatorischen Profile von 48 europäischen Städten werden nachgezeichnet. Es geht dabei quer durch Europa. Von Spanien über Zentraleuropa bis Estland und hoch in den Norden nach Finnland. Aber auch Rumänien, Tschechien, Schottland und England kommen vor. Zu finden sind so bekannte Namen wie Hus, Melanchthon und Zwingli.</p>
<p>Das Buch ordnet die Reformation Luthers in eine gesamteuropäische Bewegung ein, die schon mehr als 100 Jahre vor Luther begann. Dies ist ein sehr wichtiger Beitrag, um die Verengung der großen historischen Umwälzung auf eine Person zu verhindern.</p>
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		<title>Wilhelm Genazino (Hg.): Freiheit und Verantwortung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:51:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit grauem Einband, stilisiert als Tür durch den schräg mit dem Kopf nach oben eingehämmerten Nagel, darunter der Titel in frisch-fröhlichem Pink (Freiheit und...) und umlaufendem schmalen pinken Band unten, dazu ein rotes Lesebändchen: schon äußerlich spricht die Sammlung von 95, im Schnitt eineinhalb Seiten langen, ebenfalls knallig-pink überschriebenen Texten, sehr an.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1563 size-medium" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Freiheit-Verantwortung-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Freiheit-Verantwortung-210x300.jpg 210w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Freiheit-Verantwortung.jpg 600w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" />J.B. Metzler, Stuttgart 2016. 252 S. 16,95 EUR, E-Book: 12,99 EUR</strong></p>
<p>Mit grauem Einband, stilisiert als Tür durch den schräg mit dem Kopf nach oben eingehämmerten Nagel, darunter der Titel in frisch-fröhlichem Pink (Freiheit und&#8230;) und umlaufendem schmalen pinken Band unten, dazu ein rotes Lesebändchen: schon äußerlich spricht die Sammlung von 95, im Schnitt eineinhalb Seiten langen, ebenfalls knallig-pink überschriebenen Texten, sehr an.</p>
<p>Eine Aufmachung, die gerade auch junge LeserInnen zum Lesen animieren sollte – 25 Schülerinnen und Schüler zählen zu den 95 AutorInnen, unter diesen wiederum so alt-bekannte wie der Hirnforscher Gerhard Hüther, die Schriftstellerin Ursula Krechel, der Journalist Heribert Prantl, der Co-Präsident des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Kurz: hier entfaltet ein Who is Who renommierter AutorInnen unter den Kapitelüberschriften Religion, Kunst, Wirtschaft, Migration und Gesellschaft Assoziationen zu Martin Luthers dialektischem Diktum: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“</p>
<p>Alle sind sich darin einig: Freiheit ist nicht alles, aber ohne Freiheit ist alles nichts. Ihr zur Seite steht die Notwendigkeit der Verantwortung. Es sind die beiden tragenden Begriffe der europäischen Aufklärung, an der Luther „mitgestrickt“ hat. Doch unterhalb dieses Konsenses bleibt jede Menge Luft zur Kontroverse: darüber, was verantwortliches Handeln eigentlich auszeichnet, oder darüber, ob Freiheit ohne vorgängige Bindung an Gott nicht in die Irre führt. Diese Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven macht die Thesen-Sammlung so interessant, egal, wo man zu lesen anfängt, vorne oder mittendrin.</p>
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		<title>Eugen Drewermann: Luther wollte mehr</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:49:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Luther]]></category>
		<category><![CDATA[Reformation]]></category>
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					<description><![CDATA[Drewermann entfaltet theologisch und psychoanalytisch die Rechtfertigungslehre Luthers als Antwort auf die Lage des Menschen in der Welt. Insofern unterliege sie keiner zeitlichen oder kulturellen Einschränkung. Luther, getreuer Interpret Jesu, habe jedem Menschen den Glauben erschlossen, in dem er zu einer Person heranreifen könne, „die sich annehmen darf in ihrer Begrenztheit, in ihrer Relativität, in ihrer Gebrochenheit.“ (S. 17) Aus diesem unbegrenzten Vertrauen heraus habe Jesus selbst gelebt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1560 size-medium wpsmartcrop-image" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drewermann-Luther-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drewermann-Luther-189x300.jpg 189w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Drewermann-Luther.jpg 500w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" data-smartcrop-focus="[49,33]" />Herder Verlag, Freiburg 2016,. 320 S., 16,99 EUR, E-Book: 15,99 EUR</strong></p>
<p>Drewermann entfaltet theologisch und psychoanalytisch die Rechtfertigungslehre Luthers als Antwort auf die Lage des Menschen in der Welt. Insofern unterliege sie keiner zeitlichen oder kulturellen Einschränkung. Luther, getreuer Interpret Jesu, habe jedem Menschen den Glauben erschlossen, in dem er zu einer <em>Person</em> heranreifen könne, „die sich annehmen darf in ihrer Begrenztheit, in ihrer Relativität, in ihrer Gebrochenheit.“ (S. 17) Aus diesem unbegrenzten Vertrauen heraus habe <em>Jesus</em> selbst <em>gelebt</em>.</p>
<p>Ein solcher Glaube bedürfe der Person eines absoluten Gegenübers, Gottes, dessen Gnade <em>als Liebe</em> dem Menschen jede Angst nehme und ihn vor Verzweiflung bewahre. Angst nämlich entmenschliche den Menschen, weil sie ihn selbstbezogen mache und gegen den Mitmenschen als Konkurrenten positioniere. Somit sei Gott der Name für das, was den Menschen als Menschen „unbedingt angeht“. Wenn nun der Glaube eine <em>Haltung</em> und Gott die „Ermutigung“ ist, „man selber zu sein und dafür geradezustehen“ (S. 311), habe Luther diesen Glauben <em>1521</em> auf dem Reichstag existentiell bewahrheitet. „Das war der <em>wahre Anfang</em> der Reformation“, meint Drewermann (S. 101).</p>
<p>Reformation zu feiern bedeute aber, Luther weiter zu entwickeln und aus seinem theologischen Ansatz der Gnade „<em>mehr</em>“ zu machen. Was Luther, Kind zweier Welten, noch nicht vermochte, hätten <em>auch</em> die <em>protestantischen</em> Kirchen nicht vorangebracht: sein repressionsfreies Gottesbild für die Humanisierung einer <em>gnadenlosen</em> <em>Welt</em> wirksam werden zu lassen. Die gegen eine Vergesetzlichung und Moralisierung der Existenz gerichtete Einsicht Luthers: „Du musst auf die Person schauen“ (um ihr gerecht zu werden), müsse heute mit der Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse und Neurologie (S. 169) zu Ende gedacht werden.</p>
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		<title>Die Kirche der Zukunft zwischen Angst und Mitgefühl</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/kirche-der-zukunft-zwischen-angst-und-mitgefuehl/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörgen Klussmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:47:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Emotionen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Mitgefühl]]></category>
		<category><![CDATA[Mitleid]]></category>
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					<description><![CDATA[Die einen haben Angst, die anderen haben Mitleid. Fakt ist: Die Migration von Millionen von Menschen lässt in Deutschland keinen kalt. Deshalb geht es im Kern der Krise vor allem um Emotionen. Populisten wissen das zu nutzen, es kann aber auch der Schlüssel zur Lösung sein.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die einen haben Angst, die anderen haben Mitleid. Fakt ist: Die Migration von Millionen von Menschen lässt in Deutschland keinen kalt. Deshalb geht es im Kern der Krise vor allem um Emotionen. Populisten wissen das zu nutzen, es kann aber auch der Schlüssel zur Lösung sein.</p></blockquote></div>
<p>Der große Zulauf zu den Rechtspopulisten wie der AfD verdeutlicht, dass viele Menschen Angst haben vor der Zuwanderung. Besonders Muslime werden als Gefahr für das christliche Abendland ausgemacht. Das ist eine Seite – die andere Seite sagt: Wir schaffen das – wir helfen angesichts der Schicksale von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil diese im Bombenhagel untergegangen ist. Neben der Angst zeigen Deutsche auch Mitgefühl und engagieren sich zu Hunderttausenden. Fakt ist: Niemanden lässt die Migration von Millionen von Menschen, von denen rund eine Million in 2015 nach Deutschland kam, kalt. Die einen haben Angst, die anderen haben Mitleid.</p>
<h2>Emotionen im Zentrum der Krise</h2>
<p>Angst ist immer schon ein leichtes Ziel für Demagogie und Propaganda und darüber hinaus ein schlechter Berater gewesen. Die Rechtspopulisten nutzen die Angst gezielt, um eine Atmosphäre einer potentiellen Bedrohung entstehen zu lassen. Interessanterweise bedienen sie sich dabei genau derselben Methode wie terroristische Fundamentalisten, die ebenso auf Angst bauen. Es scheint, die eigentliche Herausforderung der Migration ist nicht politisch, finanziell, religiös oder kulturell, sondern emotional.</p>
<p>Gefühle spielen in Konflikten regelmäßig die Hauptrolle und werden doch immer wieder sträflich vernachlässigt. Dabei lässt sich immer dann von einem Konflikt sprechen, wenn sich eine Konfliktpartei bedroht fühlt. Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Bedrohung real ist oder nicht. Entscheidend ist das Gefühl. Interessant ist auch, dass eine Aussöhnung sich scheinbar „vernünftigen“ Lösungen verweigert, weil die Konfliktparteien oft keine Bereitschaft zeigen, wirklich aufeinander zuzugehen. Häufig ist der Wunsch nach Vergeltung und Rache größer als der nach Versöhnung. Hinzu kommt die Angst vor einem möglichen Gesichtsverlust. Gerade bei Großkonflikten ist diese Angst besonders stark ausgeprägt: Man könnte ja für „schwach“ gehalten werden. Die Reaktion der USA auf die Attentate vom 11. September 2001 entspricht genau diesem Muster.</p>
<h2>Emotionen als Schlüssel zur Lösung</h2>
<p>Nun gibt es aber auch zahllose Beispiele, in denen Versöhnung gelingen konnte. Denken wir z.B. an die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die entscheidende Wende brachte dabei nicht eine großzügige finanzielle Entschädigung der Opfer oder eine politische Annäherung, sondern der Kniefall Willi Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos! Diese einfache, <em>emotionale</em> Geste signalisierte den Polen: Hier steht der Führer eines neuen Deutschlands und zeigt aufrichtige Reue und tiefes Bedauern. Der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers brachte etwas zum Ausdruck, was keine Reparationszahlung hätte jemals bewirken können: Es zeigte Mitgefühl mit den Opfern, Demut vor dem unermesslichen Leid, das die Deutschen verursacht hatten und es demonstrierte die Bereitschaft, sich dem moralischen Urteil der Polen zu stellen – alles wichtige Grundvoraussetzungen für eine Versöhnung.</p>
<h2>Die Suche nach Sündenböcken und einfachen Antworten</h2>
<p>Die aufgeputschte und aufgeheizte Stimmung, die heute herrscht, ist einer neuen Unübersichtlichkeit geschuldet, in der die Menschen entweder nach Antworten oder nach Sündenböcken suchen. Viele nehmen die aktuelle Lage als Bedrohung, als Konflikt war, in der scheinbare Sicherheiten nicht mehr gelten. Doch Migration ist nur eine Folge einer globalisierten Welt, die sich vor allem um eines dreht: Profit. Die Globalisierung verschiebt Grenzen oder hebt sie sogar auf. Die Motoren der Globalisierung sind die digitale Kommunikation und die weltweite Finanz- und Warenwirtschaft. Sie überwinden Distanzen und schaffen globale Warenkreisläufe. Sie zerstört aber auch die Umwelt und kulturelle Identitäten, denn sie machen vor keiner Grenze halt. Menschen setzen sich in Bewegung und verlassen ihre Heimat, wenn sie nicht mehr sicher ist oder zu wenig Ressourcen bietet, um alle zu ernähren.</p>
<p>Doch niemand scheint vorbereitet auf die sozialen, kulturellen und religiösen Verwerfungen, die die Globalisierung mit sich bringt. Vermutlich waren die Einheimischen in Lateinamerika, Afrika oder Asien auf die Invasion der europäischen Kolonialisten genauso wenig vorbereitet wie wir heute auf die Millionen von Menschen, die sich auf den Weg in die vermeintliche Sicherheit der Wohlstandsinseln Europa, Nordamerika oder Australien machen. Im Unterschied zu den europäischen Kolonialisten von damals, wollen heutige Migranten uns nicht gewaltsam annektieren – auch wenn uns das die Rechtspopulisten glauben machen wollen.</p>
<h2>Geschichtliche Erfahrungen prägen Emotionen</h2>
<p>Im Grunde könnte man sagen, dass die Globalisierung mit dem Kolonialismus vor mehr als 500 Jahren begann. Ausgestattet mit einer grenzenlosen Hybris, machten sich damals die ersten Eroberer auf, im Namen des Herrn die Seelen der Heiden aus dem Fegefeuer zu retten und dabei ganz nebenbei ungeheure Reichtümer zu scheffeln und ganze Landstriche zu verwüsten. Auf die Bedürfnisse der Einheimischen wurde nicht eingegangen.</p>
<p>Doch bereits lange vor dem Kolonialismus der Neuzeit glaubten Menschen daran, berechtigt zu sein, andere Menschen zu „zivilisieren“. Schon Aristoteles glaubte, dass die Griechen die Pflicht hätten, den Barbaren Fortschritt und Erkenntnis notfalls auch mit militärischen Mitteln zu bringen. Augustinus entwickelte daraus die Doktrin des gerechten Krieges, der den Kreuzfahrern als Legitimation diente, in das Heilige Land einzufallen und Hunderttausende von Menschen im Namen des wahren Glaubens umzubringen. Für Muslime sind die Kreuzzüge bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben. Wie viel schwerer müssen für sie die zahlreichen Interventionen der westlichen Welt im Nahen und Mittlerer Osten wiegen, die allein in den vergangen 20 Jahren passiert sind und die im Namen der Demokratie geschahen?</p>
<h2>Mobilisierung von Emotionen durch populistische Parolen</h2>
<p>Die Rhetorik der AfD bedient sich einer sehr ähnlichen Argumentation wie die der Kreuzfahrer, die bereits im 12. Jahrhundert vor einer Islamisierung warnten. Die Furcht vor einer Überfremdung oder gar einer Islamisierung scheint tief in der europäischen Identität verankert zu sein. Über mehrere Jahrhunderte wurden das Misstrauen gegenüber dem Islam und der Hass auf Muslime gepredigt. Die Existenz der bedeutendsten christlichen Orden hat ihre Wurzeln in dieser Gemütslage. Dass nun ausgerechnet die Rechte aus dieser Furcht europaweit wieder politisches Kapital schlägt, ist eigentlich kein Wunder.</p>
<h2>Veränderte Gefühle durch direkte Begegnung</h2>
<p>Gefühle aber lassen sich ändern – aus Liebe kann Hass werden und auch umgekehrt. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist vor allem eines: die direkte Begegnung zwischen Menschen. Nur wenn wir uns auf andere einlassen, können wir uns auch schließlich und letztendlich anfreunden oder gar versöhnen. Gleichzeitig müssen wir uns über die Folgen unseres Handelns in anderen Regionen der Welt bewusst werden. Wenn man die lange Spanne europäischer Einmischung im Rest der Welt betrachtet, ist es eigentlich verwunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis der Bumerang zurück kommt und auch wir merken, was wir außerhalb Europas angerichtet haben.</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Im Frühjahr 2017 wird das Buch <em>Fremd(e) in der Heimat &#8211; eine emotionale Herausforderung</em> von Jörgen Klußmann im Verlag der Evangelischen Akademie im Rheinland erscheinen.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Was bewegt und was erwarten Menschen im Urlaub?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2018 13:45:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 27. Jahrgang, Heft 1, Februar 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Ausflüge]]></category>
		<category><![CDATA[Freizeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Pilgern]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Immer mehr Menschen sind gerade im Urlaub auf der Suche nach Entschleunigung und Sinn. Auf der Urlaubsmesse CMT in Stuttgart präsentierten auch die Kirchen passende Angebote.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Immer mehr Menschen sind gerade im Urlaub auf der Suche nach Entschleunigung und Sinn. Auf der Urlaubsmesse CMT in Stuttgart präsentierten auch die Kirchen passende Angebote.</p></blockquote></div>
<p>Die Urlaubsmesse CMT kann jedes Jahr im Januar neue Erfolge verbuchen. Der Geschäftsführer der Landesmesse in Stuttgart konnte einen Rekordbesuch verkünden: „Die Marke von 230.000 ist gefallen“, so Roland Bleinroth auf der Abschlusskonferenz. Die Auswahl war riesig. Mehr als 2000 Aussteller aus rund 90 Ländern sowie 360 Regionen und Städten waren vertreten.</p>
<p>Auch in diesem Jahr ist das Interesse an einem Urlaub mit dem Wohnmobil oder dem Caravan weiter gestiegen, vor allem bei jungen Leuten. Auf große Resonanz ist auch das Angebot der Kirchen gestoßen. Unter dem Motto „Was bewegt und was erwarten Menschen im Urlaub?“ hatten die beiden großen Kirchen in Württemberg das Thema Pilgern umfassend präsentiert.</p>
<p>Oberkirchenrat Ulrich Heckel von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg betonte, dass immer mehr Menschen auf der Suche nach Entschleunigung und Sinn seien. Die Landeskirche will alte Klosterorte wie Maulbronn oder Bebenhausen mit neuem Leben füllen. Heckel kündigte an, dass die Kirchen eine Autobahnkirche an der Raststätte Sindelfinger Wald planen, einem bundesweit bekannten Verkehrsknotenpunkt.</p>
<p>Monika Bucher, Vorsitzende der katholischen St. Martinus-Gemeinschaft in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sprach über die Bedeutung von „Aufatmen“. Seit 2016 bietet die Gemeinschaft von April bis Oktober „Samstagpilgern“ mit ausgebildeten Pilgerbegleitern auf dem Martinusweg an.</p>
<h2>Pilgern als „biografisches Programm“</h2>
<p>Eine Antwort auf die Frage, was die Menschen antreibt, für eine Zeit lang aus ihrem bequemen Alltag auszusteigen und sich auf eine lange Reise zu Fuß zu machen, versuchte der Sozialwissenschaftler Christian Kurrat von der Fernuniversität Hagen bei einem Vortrag auf der Messe zu geben. Er kam zu dem Schluss: „Pilgern ist ein biografisches Programm“. In typischen Lebenssituationen wie einer Lebenskrise entschieden sich Menschen für eine Pilgerschaft, so Kurrat.</p>
<p>Ungebrochen ist die Beliebtheit des Jakobswegs nach Santiago de Compostella. 2016 wurde mit rund 280.000 Pilgern ein neuer Rekord erreicht. Kurrat hält nicht nur die innerliche Einkehr beim Pilgern für wichtig, sondern auch den Austausch mit anderen Menschen auf der Strecke.</p>
<p>Wer sich zum Pilgern entschließt, hat inzwischen eine vielfältige Auswahl. Auch auf dem Jakobsweg kann man immer wieder neue Etappen in Europa entdecken, wie den Jakobsweg von Prag nach Tillyschanz. Aber auch auf die Spuren des Heiligen Martin können sich Pilger in ganz Europa begeben. So kann man von Ungarn bis Frankreich „Orte des Teilens“ finden. Die Pilgerwege und ihre europaweiten Etappen sind auf der Internetseite <a href="http://www.pilgern-in-baden-wuerttemberg.de"><em>www.pilgern-in-baden-wuerttemberg.de</em></a> zu finden.</p>
<h2>Mit dem Fahrrad auf den Spuren des deutschen Papstes</h2>
<p>Im landschaftlich reizvollen Rupertiwinkel im Berchtesgadener Land kann man sogar päpstlichen Spuren folgen. In einer Gegend, wo man noch Ruhe und Abgeschiedenheit finden kann, wurde zu Ehren des ehemaligen deutschen Papstes Benedikt XVI. der „Benediktweg“ für Radpilger geschaffen. Der frühere Kardinal Joseph Ratzinger ist nämlich hier aufgewachsen.</p>
<p>Im Rupertiwinkel wird religiöses Brauchtum gepflegt. Das gilt besonders für den Leonhardi-Ritt in Holzhausen, einem Ortsteil von Teisendorf. Der Umritt fällt dort im Unterschied zu anderen Orten auf den Pfingstmontag und hat seit den 50er Jahren einen enormen Aufschwung genommen. Daraus ist das Pfingstfest geworden, zu dem jährlich Tausende Besucher in den 300-Seelen-Ort kommen.</p>
<p>Für die Organisation wurde 1950 eigens die Leonhardi-Gilde ins Leben gerufen. Jahrzehntelang geleitet hat sie der frühere Landrat Martin Seidl. Dieser hat in dem Ort, in dem ein paar Höfe um die Heilig-Kreuz-Kapelle stehen, das elterliche Gasthaus in dem 1850 erbauten Gutshof zu einem 90-Betten-Kurhaus ausgebaut. Inzwischen ist daraus ein Wellness- und Gourmethotel geworden. Dieses wird von Michael Stöberl geleitet. Der Physiotherapeut der früher die Elite der deutschen Eisschnellläuferinnen betreute, ist besonders stolz auf seinen 2.500 Quadratmeter großen Saunabereich mit Blick auf die Berge. Das Hotel bietet Auszeiten aller Art. Weitere Informationen unter <a href="http://www.gut-edermann.de"><em>www.gut-edermann.de</em></a><em>; </em><a href="http://www.rupertiwinkel.org"><em>www.rupertiwinkel.org</em></a><em>; </em><a href="http://www.pfingstfest-holzhausen.de"><em>www.pfingstfest-holzhausen.de</em></a>.</p>
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